Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 28
Als Georg erwachte, war ihm die ganze Brust noch so voll von Tränen und Schmerzensglück, daß er die Trockenheit seiner Augen nicht begriff. Es war Nacht, der Fahrtwind umsauste kalt sein Gesicht, im mächtigen Licht der Scheinwerfer bog sich die Doppelreihe schimmernder Stämme vor ihm auseinander und gleichfalls die Doppelreihe von hohen und aufrechten, kalkweißen Steinen, ähnlich Leichensteinen, die zwischen den Bäumen am Grabenrand standen; dahinter war die erst dämmrige, dann dunkle Grotte der Wipfel, auf die der Wagen zuschoß, ohne sie je zu erreichen.
Georg suchte nach seinem Traum, aber es zerstob alles vor ihm, nur das sonderbare Wort, das Benno gesagt hatte, schwebte noch eine Weile vor ihm, hieß aber dann richtig Arkadien, worauf ihm einfiel, daß sein Korpsbruder Schwalbe ihm einmal die Birken seiner Heimat so beschrieben hatte. Seltsam, daß auch Montfort, dieser Träumedeuter, hineingeraten war ... Und so blieb ihm schließlich nur sein Weinen unvergeßlich. Ach, dachte er, wo gäbe es eine Brust, an der sich so weinen ließe! -- Renates gedachte er, nun würde er sie sehn, aber wie war alles anders! Er würde wohl für eine Weile mit seinem Vater nach Trassenberg gehn müssen, wenn der nicht etwa in Helenenruh blieb, aber seine Mutter würde doch jedenfalls in Trassenberg beigesetzt. -- Da merkte er, wohin seine Gedanken voraufgeeilt waren, schalt sich erbittert, der Vers fiel ihm ein: Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... aber das seine brannte nicht, ihm war kalt vom Winde und heftiger Erregung vor dem Kommenden. Frierend zog er seinen Mantel an, hockte vorgebeugt und trieb innerlich mit wilder Ungeduld Fahrer und Motor an, schalt halblaut, wenn immer wieder gebremst wurde, da ein Dorf durchkreuzt werden oder der Fahrer eine Wegtafel lesen mußte. Gottseidank! er erhaschte von einem Wegweiser das Wort Böhne und die Buchstaben km, aber die Zahl entging ihm. Nun wartete er in immer kälterer Erregtheit, endlich tauchten die ersten Häuser von Böhne auf; der Wagen rauschte laut und langsam durch dunkle Straßen mit wenig Laternen, an erleuchteten, großen und gardinenverhangenen Scheiben der Restaurants vorüber, über den schräg ansteigenden Marktplatz, wo innerhalb der Lorbeerbäume und Efeuhecken in Kästen vor dem erleuchteten Ratskeller noch Menschen saßen, dann in enge Gassen hinein, um eine Ecke, wo Georg durch eine offene Tür mit geriffelten Gläsern über drei Stufen die Ecke eines Holztisches sah, einen Kutscher in blauem Fuhrhemd vor der Theke, dahinter die blanken Messingkrahnen und unter einem bunten Öldruck der Kaiserin den Wirt, ein rotes Gesicht, der von drei Gläsern mit hellem Bier mit einem kleinen Brett den Schaum niederstreifte. Nun über die Brücke, das Wasser war von schwarzen Bäumen und Zweigen verhangen, der Wagen warf sich hin und her auf dem Kopfsteinpflaster der Gartenstraße, wo in der Tiefe der Gärten, hinter Bäumen und Gebüschen die weißen Landhäuser schliefen, und nun endlos die Eisenbahnstraße neben dem Plankenzaun hinunter; eine Rangiermaschine schnaufte roten Funkenregen, da flog der gelbe, häßliche Bahnhof mit erleuchtetem Zifferblatt links vorbei, sie waren auf der Landstraße, der Wagen ruckte an und schoß davon wieder in die Nacht, zwischen den Stämmen der schwertragenden Apfelbäume auf die dunkle Laubgrotte der Ferne zu.
Noch fünf Minuten, sagte Georg. Eigentlich mußte es eine schöne Fahrt sein durch die Nacht, aber er empfand es nicht, saß eiskalt und zitternd, die Uhr, deren Zeiger er nicht sehn konnte, in der Hand, an der Aufziehkurbel drehend, ganz heiß war die Uhr. Plötzlich tauchten Rampe und Fensterreihen und der vorderste weiße Turm von Helenenruh aus der Nacht, hell sichtbar im Scheinwerferlicht, es ging die Rampe empor, der Wagen stand vor dem erleuchteten Portal, aus dem ein Diener eilte, der den Schlag aufriß, und Georg sah Magda im Innern über der Stufenreihe, blaß und viel verweinter, als nach dem Tode ihres Vaters. Sie kam herunter, Georg verwickelte sich mit den Füßen im Aussteigen in die Reisedecke, strauchelte und fiel Magda in die Arme; er atmete den wohlbekannten Duft ihres Haares, als sie die Stirn an seine Schulter drückte, stammelnd unter heftigem Schluchzen: »Alle -- -- Alle -- gehn fort! Esther, -- und Papa, und nun --«
Also tot ... tot ...
Ja, es war furchtbar für sie, furchtbar ... Georg streichelte ihren Rücken, sie machte sich los, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn über die Treppen in den Klaviersaal, wo ihm Renate entgegenkam, schwarz gekleidet und mit verweinten Augen. Er warf den hellen Mantel ab und ging in seiner kalten, schrecklichen Beklemmung durch all die hellerleuchteten, fremd anmutenden Zimmer, voll steifer Möbel und großer, reicher Schränke mit Schnitzwerk oder Einlegearbeit, bis zum Zimmer seiner Mutter. In der Tür blieb er stehn.
Es roch stark nach Rosen. Der große und hohe Raum war mit Nacht gefüllt, in der Tiefe brannten zwei silberne Armleuchter mit vielen, rötlich strahlenden Kerzen; unter ihnen war ein weißes Lager, davor Rücken und Hinterkopf von Georgs Vater, der gebückt saß. Im Schatten hinter den Lichtern sah Georg die runden Wipfel von Lorbeerbäumen. Zu seiner Rechten sah er an einem, vor langer Zeit einmal erblickten, dunklen Empireschreibtisch unten die vergoldeten Löwenfüße schimmern, aus denen die Säulen wuchsen, dann auch das Gold an Eckenbeschlägen und den Knäufen kleiner Schiebladen; rötlich glänzte die Politur. -- Georg stand furchtsam, hülflos, traurig und gelähmt. Endlich zwang er sich vorwärts zu gehn.
Sein Vater bewegte sich nicht. Georg blieb hinter ihm stehn, -- es ist ja nicht meine Mutter, dachte er verstört und sah über einer goldenen Decke zwei steife, gelbliche Hände mit den Fingerspitzen gegeneinander gelegt; darunter kam ein Lilienkelch hervor. Dann steifes Leinen und Spitzen, eine Halskrause, und nun ein Gesicht, ganz klein, gelblich mit sehr hagrer und gebogner Nase, -- mein Gott, wer ist das? -- fragte Georg sich tief erschreckt und gewahrte nun die große, dunkle Locke, die unter der Ohrmuschel hervorquellend vorn auf den Spitzen am Halse lag, und sie erinnerte ihn an seine Mutter. Aber das Haar war in der Mitte gescheitelt, -- nein, es war ein ganz fremdes Gesicht! und wie war dieser Mundwinkel seltsam gebogen! wie -- hülflos ...
Georg sah und konnte es nicht verstehn. Es ist, sagte er sich, es ist -- ja, -- es ist ein Gebilde, was ist es nur? Es lebt ja nicht, Gott, es ist ein Mensch, aber sie lebt ja nicht! Es kann sich nicht bewegen, und wie gelb es ist, -- es ist ja gar nicht wie -- wie von Natur, es ist -- -- erstarrt, aber -- -- das giebt es doch nicht ... Ein Leichnam ... dachte er schwer und fühlte sich fast erleichtert, da die Tote nichts wahrnehmen konnte. Oh Gott, dachte er zerknirscht, dies ist ja nur zum Begraben, was soll man damit, wo ist denn die Seele? --
»Vater --« sagte er leise.
Der Herzog bewegte sich, nahm das Gesicht aus den Händen und wandte es. Undeutlich sah Georg die vom Licht abgekehrten Züge, Augen, einen starrenden Bart und darüber, vom Licht durchsickert, das zerrüttete Haar. Eine Hand ergriff seine Linke und preßte sie schmerzhaft, dann stand er dicht vor der Toten, hörte eine rauhe Kehle etwas hervorstoßen und sich räuspern, dann die Worte: »Wohl ist ihr -- -- wohl -- -- und --«
Es brach ab; Georg sah, wie sein Vater den Kopf in die Hände stieß und sich schüttelte und so maßlos schluchzte, daß ihm selber die Tränen in die Augen stiegen, und er legte zaghaft eine Hand auf die Schulter unter ihm.
Wie sie Alle weinen, dachte er bekümmert und fremd. -- Ach, sie weinten über das, was sie verloren hatten, -- ja, freilich, -- ich habe nichts verloren, dachte er bitter und vorwurfsvoll gegen sich selber. -- Irgend etwas ward ihm plötzlich zuviel, er drehte sich um und ging leise wieder hinaus.
Im Klaviersaal fand er Renate und Magda am Harmonium. Renate saß, Magda lehnte müde, halb sitzend am Deckel. Sie sahen sich schweigend an, dann fragte Renate etwas leise, das er nicht verstand. Unfähig gegenzufragen, sagte er:
»Wie, wie kam es denn?«
»Gestern«, sagte Renate, zu Magda aufsehend, »ging es ihr so viel besser, nicht wahr? sie sagte noch, sie fühlte sich ordentlich jung. Den ganzen Nachmittag und Abend war sie mit uns zusammen. Heut morgen kam sie auf einmal zum Frühstück herein, -- ich sehe sie noch, in ihrem gelblichen Morgenkleid, ich stand am Fenster, du warst noch nicht im Zimmer. Dann -- dann frühstückten wir zudritt, und auf einmal -- sah sie uns groß an und sagte -- ihr würde so sonderbar ...« Renate schwieg. Ganz leise sagte sie dann: »Plötzlich -- -- plötzlich sagte sie: Ich glaube, ich --, senkte den Kopf und legte die Stirn auf den Tisch. Und dann -- -- dann fiel der eine Arm herunter.«
Renate schluchzte plötzlich auf und stammelte, das Gesicht im Taschentuch.
Georg hätte gern den Arm um sie gelegt, verbot es sich heftig und dachte: Darüber weint sie nun? Seltsam, worüber Frauen weinen.
Er ging wieder durch die Zimmer zurück zu seinem Vater und fragte ihn leise, ob er sich nicht niederlegen wolle, er selber würde wach bleiben die Nacht. -- Eine Zeitlang blieb sein Vater unbeweglich, erhob sich dann, Georg reichte ihm seine Stöcke und fühlte sich plötzlich von ihm an die Brust gerissen und heftig geküßt. -- Nun hat er nur noch mich, dachte er beschämt und angstvoll. -- Er sah seinen Vater hinaushumpeln, stand noch eine Weile, ging dann durch die Zimmer zum Klaviersaal, löschte dort und zurückkehrend überall das Licht und setzte sich auf den Stuhl neben die Tote; aber bald schon stand er behutsam auf, fühlte Müdigkeit und ging zum Schreibtisch seiner Mutter. Im Stehen zog er diese und jene kleine Lade auf, sah Briefbündel darin, ein Medaillon, kleine Stöße alter Photographien, und öffnete endlich die breite Schieblade unter der Platte. Sie war unordentlich gefüllt mit hineingeschobenen Briefen, mit und ohne Umschlag, zusammengefalteten und ausgebreiteten Blättern. Obenauf lag eine Mappe, mit einem alten Brokatstoff überzogen. Georg nahm sie heraus, die Bänder hingen offen, er schlug die Deckel auseinander und sah, daß es die Verse waren, die er seiner Mutter zu Weihnachten abgeschrieben hatte, mehrere große Bogen ineinander. Auf der Titelseite stand in gemalter Lateinschrift der alte Sonnenuhrspruch: _Vulnerant omnes, ultima necat._ -- Alle verwunden, die letzte tötet. Georg übersetzte es sich, an den Anfang eines Gedichts erinnert, das er nach dem Uhrspruch gemacht hatte. -- Darunter stand: einige Gedichte für meine Mutter zu Weihnachten von Georg. --
Er setzte sich nun traurigen Herzens und dachte, die Gedichte zu lesen, warf einen Blick, halb andächtig, halb bittend auf die Tote zurück und las das erste Gedicht:
Jetzt bin ich jung, und es läßt mir der sanftere Abend Oft die Beruhigung schmeichelnder Lieder zurück. Sonst die Gedanken in alternder Schwermut begrabend, Find ich in ihnen ein seltsam befremdendes Glück.
Werde ich alt sein, so möcht ich das Wunder am Morgen Gerne erfahren, wenn Rosen das Zwielicht durchsprühn. Daß mir doch einmal aus Feldern der kindlichen Sorgen Lächelnd durch Tränen die Blumen der Freude erblühn.
Er sah noch eine Weile auf die stark geschwungenen, sehr ornamental gezogenen Buchstabenreihen und wagte nicht recht, eine Meinung von dem Gedicht zu haben, da er es gleichsam wie ein Totenopfer las. Er schlug die Seite um, -- da sah er auf der, von ihm leer gelassenen Rückseite des Blattes Schriftzeilen von der Hand seiner Mutter, ein Gedicht, und es war dasselbe, das er eben gelesen hatte. Er schlug die nächste Seite um und hatte denselben Anblick, nur daß dort: Elegie stand, die Überschrift des zweiten Gedichts, und so fort durch die Blätter bis ans Ende, alle die Gedichte hatte sie sich abgeschrieben, sie hatte ja zuweilen über die Schwierigkeit geklagt, seine Handschrift zu lesen, -- jetzt krampfte Georgs Herz sich zusammen, er dachte noch, welche Mühe das Abschreiben sie gekostet hatte, -- sie, die überhaupt nur eine Stunde am Tage zu solcher Arbeit fähig war -- denn sie hatte die Abschrift immer auf die Rückseite des Gedichts geschrieben, hatte also fortwährend hin und her blättern müssen ... Georg fühlte seine Kehle zugeschnürt, es jagte ihm glühendheiß in die Augen, -- so hat sie mich geliebt! dachte er noch, schlug die Hände vor das Gesicht, und im Bemühen, nicht laut zu sein vor der Toten, erstickte er fast vor Schluchzen in seinen Händen, rang mit sich, warf Kopf und Arme über die Schreibtischplatte, schluchzte laut, stand auf, wankte blindlings zu der Toten hin und fiel bei ihr nieder, stammelte, verbrennend in Scham: »Vergieb mir, o vergieb mir doch, Mutter, daß ich so schlecht --« und fand kein Ende mit Weinen, immer wieder von innen sich mit Anklagen und Vorstellungen ihrer Liebe, ihrer Einsamkeit, ihrer unsäglichen Verlassenheit und Armut emporstoßend, bis er erschöpft, heiß überströmt und aufgelöst in Schmerz sich im Stuhl wieder fand, am Schreibtisch, und begann weiter zu lesen. Er las die Schrift seiner Mutter, zuerst die Elegie und in ihr zuerst die mit Bleistift unterstrichenen Worte: Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- und tiefer die ebenfalls unterstrichenen:
Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt ...
-- die ihn wieder zittern machten vor Mitleid, da sie ihm wie für sie geschrieben schienen. -- Einige Zeilen unterhalb dieser Worte hatte sie eines nicht lesen können und eine Lücke gelassen; >sicher< mußte es heißen; er wäre fast wieder in Tränen ausgebrochen bei dem Gedanken, daß sie immer eine Lücke hatte lesen müssen ... Dann sammelte er sich und las:
Einer vergänglichen Welt entsproßt und seit alters leibeigen, Seh ich entgleiten die Zeit, Sand in verrieselnden Sand. Was ich empfange als Gold in die mühsamen Hände, es rinnt als Staub, unfruchtbarer Staub auf den entfliehenden Weg. Vor mir leuchtet der Pfad und erreichbar himmlische Landschaft, Städte und Wälder, der Strom, Berge zum Äther getürmt, Berge, beladen mit Wolken gleich Ballen voll göttlicher Schätze, Hinter mir dämmert aus Nacht trostlos zerfallende Welt. Finster im Zwielicht der Sterne, der ruhigen, kühlen, erheben Sich die Ruinen, einsam, Mauern, ein Baum oder Turm. Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- ach, und mich fröstelt! Stets auf der Wandrung, wie gern möchte zurück man, das Haupt In dem Vergangenen ruhn, in bekannte, erleuchtete Räume Treten, wo Wand auch und Bild grüßt und ist freundlich gesinnt. Wo vor dem Schlafengehn man sicher sich fühlt und erleichtert Nickt zu den Sternen hinauf, gütiger Müdigkeit froh. Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt. Ja, auch das Fremde ist gut; das Weib auf eigener Schwelle Schenkt von dem Überfluß liebreicher Mienen auch uns. Freundliches Wort gedeiht ja auf Erden, -- die Züge auch Fremder Scheinen nicht achtlos, und nur innen ist jeder für sich. Innen tönt immer die Mühle, die eherne, welche die Körner Mahlt der stürzenden Zeit: Immer gefüllt von dem Schwall, Stehen wir tönend und rauschend im Ewigen, mahlende Mühlen, Schwarz auf den dämmrigen Kreis der Horizonte gestellt.
An Lornsens Mühle dachte ich dabei, erinnerte Georg sich dumpf und drehte langsam das Blatt um. >Klage< las er; in diesem Gedicht war nichts angestrichen.
Wir sind heimatlos, wie sind heimatlos, Unsre Welt ist viel zu groß. Unsere Lampen brennen viel zu grell, Alle Wege enden schnell.
Dunkel schäumt in uns das Blut und läuft, Sehnsucht, die nach innen träuft, Hebt mit Geisterhänden aus der Bucht Schwer empor des Lebens Frucht.
Oft -- verfinstert sich ein Nachmittag -- Harren wir gewitterzag, Schwüle drückt an unsrer Stirnen Rand, Heiß und hastig seufzt das Land.
Doch, hier waren zwei kleine Striche seitwärts neben >Rand<. Seine Mutter hatte das Gedicht zuweit rechts angefangen, nun kam sie mit dem Raum nicht aus, -- Georg betrachtete wehmütig ihre ein wenig englisch aussehende, sehr vorwärts flüchtende Schrift, mit langen, darüber fliegenden t-Balken, d-Haken und u-Strichen, die sehr weit und flach hingezogenen Verbindungsstriche zwischen den kleinen Buchstaben, die dem Ganzen einen Schein von straffer Flüchtigkeit gaben, und diese Art, die letzten Worte der Zeile, wenn der Raum nicht reichte, umzubiegen nach unten, so daß in diesem Gedicht fast alle Zeilen wie mit Haken am Seitenrand festgekrallt hingen. -- Nun las er weiter:
Doch es wird nur Nacht und tot und dicht, Fortgezogner Wetter Licht Zeigt die Flur, ein bleiches Nachtgesicht, Das umdunkelt und verweint Fremd wie eine ferne Heimat scheint.
Neben den ersten beiden Strophen des folgenden Gedichts waren starke und lange Bleistiftstriche; Georg las:
O schwarzer Himmel in mir! und giebt es nichts Denn, nichts, zu schmelzen mich? keine funkelnden Azure glühender Sommer? und die Bäume und Quellen und Vogelstimmen
Sind ganz umsonst? nur tiefer im feurigen Gewoge voller Strahlen bewahrst du die Furchtbare Starrheit und die Schwere Schwärzer und drohender mir im Herzen ...
-- und erschrak, so sehr brannte sich jedes Wort, als sei es für sie geschrieben, in sein Herz, aber er hatte an sie nicht gedacht, nicht einmal, als er dies abschrieb für sie, hatte den Gram seiner so leichten Seele dahingesungen, und sie fühlte, ja, sie fühlte den schwarzen Schmerz im eigenen Kopf und die Blindheit und -- -- Verzweifelt und mit umdunkelten Augen las Georg weiter, fast aufschreiend, als er eine zitternde Linie, voraufeilend mit dem Blick unter den Worten: gekühlten Windes Balsam -- fand:
O Gott der süßen Früchte und Amselschlags, Der sanften Regen träufelt und schmelzenden, Gekühlten Windes Balsam schüttet In die geduldigen Völker der Ähren:
O senke einen kühlenden Strahl, nur ein Aufküssend Säuseln über mein Heimatland. Und tausend Ernten duften, tausend Lerchen entschwirren, geblähten, feuchten
Gefieders, Tau und Schimmer und Blütenstaub Dir auszuteilen, singendes Blau der Welt, Und an die ewige Erde preß ich Schluchzend den Mund und die Brust und weine.
Georg eilte hastig zur nächsten Seite, oh es war grausam, hier fand er die Worte unterstrichen: der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht drückt ihn zurück, -- zu meiner Strafe! knirschte er sich an und las:
Aus dumpfen Wolken taucht der trübe Mond Wie eines Kranken Antlitz aus den Kissen, Die er schon viele Jahre lang gewohnt,
Mit müdem Blick, der nur begehrt zu wissen, Ob noch im Nachbarhaus der Kranke wohnt, Der näher schon als er den Finsternissen, Daß ihn sein Anblick tröstet und belohnt.
Im Hause drüben glimmt herauf ein Licht, Das wie mit Fingern, fahlen, leichenblassen, Zitternd durch dunkle Fensterscheiben bricht.
Der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht Drückt ihn zurück. Er seufzt und weiß es nicht, Daß dort der Schimmer in der Nacht der Gassen Nur Widerschein vom eigenen Gesicht.
Angstvoll schlug Georg die letzte Seite um. Nur noch ein Gedicht, -- nein, hier war nichts unterstrichen, und er las, immer noch argwöhnisch:
Tod und Zweifel
Aus dem Haus der Freude ausgeschlossen Jag ich mit den beiden schwarzen Rossen Durch die finster schweigenden Alleen Tief hinunter, wo kein Ende dämmert.
Auf den beiden nassen Rossensrücken Stehend wie auf schwanken Nachenbrücken, Hör ich ihren Atem schnaufend gehn Und den Hufschlag, welcher dröhnt und hämmert.
Niemals kommt ein Ruf aus meinem Munde, Bleich und stumm und traurig ist die Stunde, Wo kein Stern und keine Lampe flämmert, Nur die Ebnen seh ich, die sich drehn.
Plötzlich stehn sie keuchend still und zittern, Und statt ihrer rauscht der nächtige Regen. Einem Morgenrot, das sie nur wittern, Schreien ihre Häupter dumpf entgegen.
Georg starrte auf die letzten Zeilen. Freilich --, etwas, das sie damals auf sich passend finden konnte, stand nicht darin, aber wie hörte er den dumpfen Schrei in dieser Nacht, aus der ganzen langen Lebensnacht seiner Mutter! -- -- Aber da standen ja noch Gedichtzeilen mit Bleistift auf einem Blatt, das unter die langen Heftfäden geschoben war, mit denen der Stoff des Umschlags innen zusammengehalten war, eine rohe und hülflose Arbeit, die sie selbst gemacht zu haben schien. Georg zog das Blatt hervor, es waren auch Verse, er las:
Mein Sohn war klein, Mit schwacher Hand, Warf alles um Und nichts verstand.
Nun ist er groß Und weiß genau. Ich blieb im Haus, Ich lahme Frau ...
Ja, so sprach sie von sich, so sprach sie ...
Doch weiß er wohl, Wie's um mich steht! Er giebt mirs zart, Macht zu --
Vor Georgs Augen verschwamm alles, es würgte ihn im Halse, er ließ das Buch fallen, sagte stumpf das letzte Wort der Zeile »-- und geht«, stand auf und ging durch die finstern Zimmer hinaus, trat an ein Fenster im dämmerhellen Klaviersaal, sah die Mondsichel glimmend und undeutlich über den Parkbäumen, glitt langsam auf die Erde nieder, schlug die Stirn gegen die Wand und stöhnte: Emmaus! -- Er lag stundenlang am Boden bis zum Morgengrauen, aufbrennend in entsetzlicher Scham, in Verzweiflung, in Ohnmacht, bis er todmüde wurde, sich erhob, in das Sterbezimmer ging und, ohne einen Blick auf die lächelnde Tote zu wagen, sich auf ein Ruhebett ausstreckte und entschlief.
Rubinglas
Georg, als wäre brennendes Feuer hinter ihm, jagte aus Helenenruh zurück, wie er hingekommen. Langausgestreckt im Fahrsitz, das Steuerrad auf der Brust, die verengten Augen hinter den Brillengläsern stur gradaus gerichtet, vor sich her einschlingend das stabgerade oder eifrig sich windende Band der weißen Straße, konnte er doch keine Minute lang in dieser Lage aushalten, mußte sich aufsetzen, die Füße heranziehn, sie wieder von sich strecken, wieder liegen, -- lag und ächzte leise vor sich hin, den Chauffeur neben sich vergessend, auf unerträgliche Weise gefoltert von dem einen Wort Renate, das in ihm herumrannte wie eine Quecksilberkugel im Spielzeug.
»Oh lieber sterben, lieber sterben, als noch einen Tag, eine Stunde länger den Wahnsinn ihrer Gegenwart ertragen! Was das ist mit meinem Blut, weiß ich nicht, aber es muß wohl vergiftet sein, oder habe ich sie nicht vor einem Jahr fast täglich gesehn und sie ertragen? War ich blind damals? Geblendet von Esther? Warum ists denn jetzt, als wäre sie eine lohe Fackel von Wollust und Würde -- oh satanisches Gemisch! -- und ich griffe beständig hinein und brennte? Renate, ah -- oh Renate! -- In ihrem weißen Kleid, die lange schwarze Kette um den Hals, aber an Hals und Wangen, den schon bräunlich sich dunkelnden, in den blauen Lebensfeuern ihrer Augen, in dem unsterblichen Haar von zaubrischem Braun, in ihrer ganzen, von Süße, von Anmut, von Seligkeit, von hundertfach ausschmelzendem Dasein leuchtenden Gestalt -- nichts von Trauer, -- so war sie überall, erscheinend, im Grün der Wiesen, im Dämmergrün des Parks, als doppele Phryne gespiegelt im Teich, auf der Terrasse, im Saal, bei Tafel, gegenüber zum -- oh zum Sterben, zum Sterben! -- Und dazu Magda, blaß, schwarz, ganz Jammer und Stille, und dazu Tod und Begräbnis und die Erinnerung an die Stunde der Scham, die Nacht und die hülflose Tote mit dem verzogenen Mundwinkel, jener Stelle, wo alles, was ohnmächtig, verzweifelt und ratlos in ihr gewesen sein mochte, entwichen war und seine Spur hinterlassen hatte ... Es war mehr, als ein Mensch ertragen kann.