Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 27

Chapter 273,815 wordsPublic domain

Später war Jason auf einmal verschwunden, Herzbruch mit Ägidi im Rauchzimmer nebenan, um sich geschäftlich mit ihm zu besprechen, Dora hinunter zu ihrem Mann. Ich hatte am großen Vogelbauer der armen Esther das übergehängte Tuch gelüftet, um darunter zu schaun, und sah, wieder fortblickend, Irene unter den Blumenstöcken des breiten Fensters auf dem schwarzen Roßhaarsofa sitzen. In ihrem ausgebreiteten schwarzen Faltenrock, das heiße, rote Gesicht in die Hand gestützt, den Ellbogen auf dem Knie, sah sie wieder so fein und lieblich aus, daß ich zu ihr ging, ihr Gesicht in die Hände nahm und sagte: Du bist heut so unwirsch, Irene! Sie sah mich verloren an, streifte meine Hände weg, ihren Rock glatt und sagte endlich -- es klang recht komisch bei ihrer Ernsthaftigkeit --: Es ist alles so symbolisch ... Ich antwortete nichts, dachte, sie würde schon von selber anfangen, und setzte mich in die Sofaecke. Richtig fing sie nach einer Weile an.

Am Nachmittag sei Ägidi gekommen. Eine halbe Stunde vorher, da sie selber gerade auf der Treppe gewesen sei, habe sie ihre Schwägerin aus der Stadt kommen hören und sei, um sie zu erschrecken, mit einem Schrei ins Zimmer gesprungen, Dora sei aber ganz ruhig geblieben, denn sie habe sie im Spiegel kommen sehn. -- Das fand ich schon so symbolisch, -- weißt du -- ich sagte es auch Dora --. Man sollte immer solch einen Spiegel bei sich haben, -- alles trifft einen immer so schrecklich unvorbereitet, -- ja, ich dachte das nun mal, und eine Zeit später, als wir schon von ganz andern Sachen geredet hatten, sagte Dora, es sei viel tüchtiger, unvorbereitet und doch beschirmt zu sein, den Panzer zusammenzureißen im Augenblick, sagte sie, glaub ich. Ja, und nun -- -- gerade bevor du kamst -- Ägidi war ja nun da -- war ich so beim Herumschlendern im Garten halb die Treppe der kleinen Vorhalle hinaufgeraten, von wo man durchs Fenster in die große Halle sehn kann, und da sah ich die Beiden. Dora saß, und er auf der Lehne ihres Stuhls hielt ihre Hand, und so sprachen sie, und -- nun jedenfalls: es _war_ etwas in ihrer Haltung, das andere als -- ja. Du weißt wohl gar nicht, -- sie waren Freunde, sonst nichts, ich weiß es bestimmt von Dora, die nicht lügt, -- sie haben sich kaum einmal im Leben gesehn, aber jahrelang in fast täglichen Briefen zusammen gelebt, und ob nun das Wiedersehn, -- jedenfalls -- -- Irene brach hier ab, stand auf und sagte: Einen Augenblick, bevor wir Alle zum Essen hinaufgingen, war ich allein mit ihr. Ich hielts für aufrichtig, ihr zu sagen, daß ich sie gesehn hatte, und: Was war denn das? fragte ich. Sie schwieg eine ganze Weile, sagte dann sehr ernst: Ich glaube, -- das war unvorbereitet. Sonst nichts, und das -- genügt ja wohl auch. --

Wie sie nun im Zimmer stand, die Hände gefaltet, nachdenklich und so anmutig, war es wieder die alte Irene, die draußen am Zaun stand und meine Orgel hörte und symbolische Träume träumte. -- Sie setzte sich dann zu mir und fing an, von ihrer Schwägerin zu erzählen, was sie von Otto Herzbruch gehört hatte, über ihre Verheiratung: daß niemand begriffen habe, warum das reiche, kräftige, schöne Mädchen den kränklichen, seltsamen, ein wenig kümmerlich scheinenden Mann genommen habe, was er nun freilich nicht sei, vielmehr erfülle ihn eine ganz unsägliche Güte, er sei der zarteste Arzt, und sicher beklagten es Viele, daß er sich an den Tuberkulosebetten seiner Kassenpraxis infiziert hatte. Doch durch mehrere Jahre hatte sie seine wiederholten Anträge abgelehnt, schließlich mußte sie wohl doch einmal heiraten, es war Zeit, das Mitleid mit ihm kam hinzu, und dann hatte sie ihn mit der Zeit gewiß sehr liebgewonnen.

Warum aber, fragte Irene nun, warum glaubst du, ist ihr Leben so angefüllt mit hundert guten, fleißigen, wertvollen Dingen, hundert Dingen, die sie für sich allein, an denen ihr Mann keinen Teil hat! -- Irene nannte den Namen einer bekannten Arztfrau, die ihren Mann zuerst mit Handreichungen, bei Narkosen, bei Mandeloperationen der Kinder und dergleichen unterstützt, und die mit der Zeit so viel bei ihm gelernt habe, daß sie nun selber ihr Examen gemacht und eine Frauenpraxis ausübe. Keine Frau, sagte sie heftig, die Verstand hat und sich bemüht, braucht eine Beschäftigung außerm Hause zu suchen, und jeder Mann braucht und hat gern eine Hülfe, zumal an einer Frau, und zumal wenn sie klug ist ...

Ich sagte kein Wort, wartete stillschweigend, daß sie selber stutzen und sich sagen würde, wie sehr sie, _anti domum_, wie man wohl sagen kann, gesprochen hatte, aber siehe da, mein Herz Irene merkte nicht das geringste -- ja, wie sehr befangen in sich selber muß sie sein! -- sondern war zu Doras Kindern übergegangen, die in Wahrheit, trotz Volksspeisungen und Gesang und Frauenverein, ihr tiefes und einziges Glück seien. --

Nun fallen mir die Augen zu. Ein wenig später kam auch Dora, dann wurde Irene schläfrig, und ich fuhr heim. Ägidi nahm ich mit in die Stadt, doch sprachen wir nur über Literatur und dergleichen. Ein Zug in seinem Gesicht schien mir -- nun was soll das? -- -- -- --«

Die Augen schließend und wieder öffnend, nahm Renate in diesem Augenblick das kleine, auf seinem schmalen Halse wie eine zarte Blüte vorgestreckte Antlitz von weißem Gips, über ihr auf seinem Pfeiler im Winkel, wahr. Verzaubert, als sähe sie es zum ersten Mal, liebenden Auges, fast schmerzlich geöffneten Mundes, nahm sie, ohne hinzusehn, die Feder auf und schrieb, ohne hinzusehn, regellos über das Blatt, die Lippen bewegend, weit offnen Herzens:

»Da aber gehst du wiederum über mir auf, schönes, ewiges weißes Antlitz des Sonnenkönigs; da meines müde ruhen will, Ech-en-Aton, mein weiser Freund, zeigst du mir das deine, emporgewendet unermüdlich zu dem unermüdlichen Gestirn, das nur fortging zu fremden Völkern, nicht unterging, um zu ruhn. Deine Tempel und deine Stadt, die du zum Dienst der Sonne errichtest, sind lange, lange in ungestalteten Staub zerfallen, du aber lebst immer, immer! Unerschöpflich deine unsterbliche Seele glüht in unendlichen Verwandlungen, immer sehnsuchtsvoller nur, immer eifriger nur, der einen, unaufhörlichen Flamme des Himmels zu, die Ewigkeit kostet dein sehnsüchtig immer küssend gewölbter Mund, meine Augen hängen an ihm, von selber findet die Feder ihren Weg, dein Antlitz wandelt sich magisch in der tiefen Nacht, atmet nicht schon die samtige Haut, rötet sie sich nicht unter der Berührung der gelben Strahlen? Unbeweglich steht dein Auge, steht das Auge deiner Seele, ganz in Flammen, ganz in Inbrunst, durch Jahrtausend um Jahrtausend, unverrückbar, unverbrüchlich, selig, seliger, vor dem Ziel.«

Fünftes Kapitel: Juni

Emmaus

Georg, geblendet, schwer schlaftrunken, riß die Augen auf und kniff sie heftig wieder zu. Große rote Flecken sausten heran, schwebten, hielten still, dazwischen flackerte brennend Grünes, grüne Blätter, Baumwipfel, und Himmelblaues. Er rieb die Augen, merkte, daß er in der Hängematte lag, die Lider fielen ihm schwer wieder zu, in allen Gliedern knackte, sauste und prickelte der jählings abgebrochene Schlaf, der verdampfte. Ringsum brodelte der Juni, und da, seltsam fern, mitten im Sommer, schönem Schatten, Baumstämmen und Sonnenlichtern und herein leuchtendem Himmelsblau stand Egon mit seinem schwarzen Haarwisch in der Stirn und lächelte. Georg gähnte wie ein Löwe und kaute hervor, wie spät es sei? Durch eine Wand von Schlaftrunkenheit hörte er Egons Stimme: Gleich fünf Uhr. Und Herr Bogner sei eben gekommen, und auch ein Telegramm. -- Georg brachte die Augen nicht auf im Gähnen, streckte die Hand aus und dachte: Ach, Bogner, -- richtig, er brachte das Bild, für Helene ... Er zerrte die Füße aus den Maschen der Hängematte, saß da, krümmte die Arme gewaltig, dann den Rücken, reckte und dehnte sich, daß es krachte. Schließlich hockte er im Netz, den Kopf schwer vornüber hangend, in dem es kribbelte und summte; die Schläfen brannten, die linke Wange war wie Feuer von Jucken, und er kratzte sich wütend; eine Mücke mußte ihn im Schlaf gestochen haben. Was träumte ich nur? dachte er. Das war ja sehr sonderbar! Ich ging mit Bogner im Walde, und auf einmal war noch jemand da, ein großer, blasser Fremder, mit dem Bogner eifrig sprach, und ich blieb zurück, es war dämmrig im Walde und sehr grün, und dann, -- dann war da, glaub ich, Saint-Georges, den fragte ich: Wer ist denn das eigentlich? und er sagte erstaunt: Das wissen Sie nicht? Es ist doch Christus. -- Ja, das war, weil Bogners Bild den Gang nach Emmaus darstellen soll. Und dann gingen wir weiter, und ich dachte, wenn wir jetzt aus dem Walde kommen, muß gleich links Helenenruh sein, aber Helenenruh kam nicht, sondern ein fremdes dunkles Tal, und Bogner und -- der Andre entwichen schon fern drüben zwischen den Stämmen, und gleich rechts stieg Renate ganz einsam den steilen Hang hinauf. Aber als ich ganz froh und zitternd zu ihr kam, wandte sie das Gesicht her, und da war es -- Helene, -- ja, und sie hatte das seltsame Antlitz wie auf Bogners Bild ... Sonderbar, wie so alles durcheinanderging, Bogners Bild und Helenenruh, wohin ich -- ach, bald -- bald fahre, zu Renate, die dort ist ...

Immer noch sehr dumpf, und schwer imstande, die Augen ganz zu öffnen, brach er nun das Telegramm auf und las mühsam die Maschinenschrift von dem sonneflimmernden Blatt: Lieber Georg, Ihre Mutter ist eben sehr schwer erkrankt, Sie müssen sofort kommen und auf alles gefaßt sein. In Liebe Renate.

Gott im Himmel, Gott im Himmel, Gott im Himmel ... Das Blatt wurde blutrot vor Georgs Augen, die Schriftbänder verbogen sich und zerfielen. Braun und leuchtend stand da der Kiefernstamm, schwarzfleckig; hoch oben breiteten die grünbehangenen Äste sich ins flammende Blau. Schwer erkrankt ... auf alles gefaßt sein ... In Liebe ... Das hieß? In Liebe ... Tot, dachte er, tot, -- -- sie ist tot. In Liebe hätte sie nicht in ein Telegramm geschrieben, sondern es hieß: in Mitleid. Georg bewegte schwer im Mund die klebrige Zunge; die Augenwinkel schmerzten, langsam ward es um ihn klar, er stand auf und ging auf schwachen Füßen, wankend davon, auf das Haus zu. Da war die weiße Tür, Bogners Gesicht. Georg blieb stehn, schnob ein verächtliches Lachen durch die Nase und dachte unter furchtbar aufsteigender Angst: Das Bild, das Mutter zum Geburtstag haben ... Sein Kinn zitterte, im Halse würgt' es, seine Augen wurden feucht, beizend. -- Da stand er vor Bogner, streckte ihm wortlos das Telegramm hin, fiel auf einen Stuhl und schluchzte zwei, dreimal trocken und würgend.

Aber wenn sie doch noch lebte?! Besinnungslos sprang er auf, taumelte erst, denn es war alles rot umher, und vom Schreibtisch, den Fenstern, der Lampe gab es nur fliegende Bruchstücke. Dann entdeckte er den Telephonapparat, stürzte darauf zu, nahm den Hörer ans Ohr, hörte die weibliche Stimme, wußte im Augenblick die Nummer nicht, erhaschte sie dann, sagte heiser: Achtundneunzig -- achtundneunzig bitte! und wartete. Eine schnarrende Stimme schrie ihn an: Hier Adlerwerke! -- Nun stammelte er zusammen, er habe neulich schon ein Automobil gehabt, ob er wieder einen solchen Wagen ... oder besser einen schnelleren, einen Rennwagen, jedenfalls den schnellsten, der da wäre ... Dazwischen nannte er seinen Namen, hörte dann, daß ein Wagen geschickt würde, er bat noch um einen guten Fahrer und um Benzin für sieben, acht Stunden. --

Sieben, acht Stunden, dachte er stumpf, am Schreibtisch hockend. Ohne zu denken, öffnete er die Schieblade und nahm einen Plan auf Leinwand heraus. Da fahr ich wieder zu einem Toten, murmelte er hülflos. Wenn sie nur noch lebte, nur noch ... Auf ein Räuspern hinter seinem Rücken wandte er sich um und sah Bogner dasitzen, das Telegramm in der Hand, das er nun langsam zusammenlegte. Dann blickte er auf, sah ihn ruhig an und sagte:

»Sie können trotzdem mein Bild ansehn. Ich will es hereinholen.«

Er sah Bogner aufstehn, zur Tür und auf den Flur treten, wo an der Wand das Bild lehnte, mit einem Tuch verhangen, so hoch wie Bogners Schulter. Er trug es herein, löste die Tücher ab, -- es hatte noch keinen Rahmen, -- und lehnte es schräg gegen den Pfosten der Schlafzimmertür.

Georg schauderte leise. Da war Nacht, tiefes Dunkel, braun, grünlich, das herunterhing; ganz tief unten zur Linken war Helle und ganz kleine Gestalten. Die Höhe des Raumes schien ungeheuer, er stieg oben in die Nacht auf, undeutlich waren Pfeiler sichtbar, ganz fern, aber kein Gewölbe, nur Nacht und ein, zwei weißliche, gelbliche Flecken von Sternen. Unten links war eine Fensteröffnung, durch die breit ein Lichtstrom hereinschwoll und zerstäubte an einer stehenden Gestalt in der Mitte des Bildes, die einen Arm, vom Schreck betroffen, nach links von sich streckte. Unterm Fenster, im vollen Licht war ein Tisch gedeckt, dahinter, geduckt vor Schrecken, ein Mensch. Und links daneben, hochangelehnt, die Arme leicht ausgebreitet, die flachen Hände auf der Tischplatte, ganz golden von Licht, -- der Christ.

Emmaus ... zog es fern durch Georgs Staunen. Oh diese ungeheure Nacht! Und Nachtstille und Geschehn. Das Göttliche blühte schweigend aus dem Lichtstrahl auf und sah sich um. In der Nacht draußen war die ganze Welt, Sterne, Raum, Ebene, Getier, das Meer, die Finsternis, in unendlicher Stille.

Von der Gartentür her sagte der Maler:

»Ich sah dies in einer Kirche in Venedig. Die Wölbungen waren nicht so hoch, es war dunkel, nur in einem fernen Seitenschiff ein Lichtschein. Als ich hinging, saßen dort ein paar Priester und spielten Karten. Das alles hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert.«

Nach einer Weile hörte Georg des Malers Stimme wieder:

»Und als ich eines Tages zufällig Conrad Ferdinand Meyers Gedicht zu lesen bekam, >die tote Liebe< heißt es, glaube ich, Sie werden es kennen ...« Georg hörte die Eingangsverse: Entgegen wandeln wir -- Dem Dorf im Sonnenkuß -- Fast wie das Jüngerpaar -- Nach Emmaus ... Und den Schluß: Da ward die Weggesellin -- Von uns erkannt -- Da hat uns wie den Jüngern -- Das Herz gebrannt ... und dazwischen die Stimme des Malers weiter: »Da traf mich dies einmal: Da hat uns wie den Jüngern -- Das Herz gebrannt ... Denn -- -- es ist so, daß wir wie die Blinden daherwandern, und die Augen gehen uns auf, wenn es zu spät ist, immer hinterdrein, und -- wir wissen es nie gut; wir wissen es immer nur besser.«

Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... Immer wieder schlugen die Worte an. Wir wissen es nie gut, -- wir wissen es immer nur besser ... Und nun war Helene tot, die -- Mutter tot, -- Mutter, -- nicht meine, dachte Georg ratlos und konnte nichts anfangen mit dem Gedanken. Gott sei Dank, sie hat es nie gewußt! mußte er aufatmen. Aber wenn sie doch noch lebte? -- In Liebe Renate. Ach, aus diesem Grunde schrieb sie: in Liebe! Georg biß sich auf die Lippen, jagte den Gedanken davon und fragte sich: Warum hat Magda nicht telegraphiert? Warum hat sie nicht telephoniert? Weil sie mich neulich schon zu einem Toten rief. --

Und -- ach du mein Gott -- nun schon wieder fort von Cordelia! Sein Herz verbitterte sich! Ist man einmal glücklich, so kommt was dazwischen! Ja, dann muß ich alles verschieben, jetzt länger in Helenenruh bleiben und mit Renate, -- aber wie kann ich es recht anfangen mit ihr, wenn Trauerzeit ist? Schöne Gedanken, mein Georg, schöne Gedanken! -- Er biß sich auf die Lippen. --

Sieben Stunden dauerte die Fahrt wenigstens, -- oh diese Ungewißheit! -- Georg schwankte, ob er nicht in Helenenruh anrufen sollte, -- oder in Trassenberg, aber bis die Verbindung hergestellt war, konnte eine Stunde vergehn. Nein, nein, lieber die Ungewißheit! -- Er erhob sich und klingelte. Zu Egon, der alsbald eintrat, sagte er, er müsse gleich nach Helenenruh, er habe schon einen Wagen bestellt, seine Mutter ... Egon sollte mit den Koffern im nächsten Zuge fahren. --

Unterdes hatte Bogner die grüne Stoffhülle vom Boden aufgenommen. Georg trat auf ihn zu, faßte seine Hand und brachte heiser hervor, der Maler möchte das Bild dalassen, er wisse nicht, was er ihm dafür geben könne, -- und da der Maler freundlich und abwesend lächelte, so lächelte auch Georg und meinte:

»Ich hoffe, Sie schenken es mir, -- ich werde sehn, -- ich finde schon, was ich Ihnen als Gegengeschenk -- -- wenn erst alles ...«

Der Maler nickte und sagte: »Ich weiß ja ...«

Georg blickte noch einmal auf das Bild. Ja, -- Christus war tot und mußte wieder kommen, damit sie alle glaubten. Eine hielt ihn für den Gärtner, die andern gingen, sprachen, aßen mit ihm, -- dann erkannten sie ihn, und -- ihnen brannte das Herz. -- Er fühlte sein Gesicht glühend, schüttelte sich frierend und wandte sich ab.

Minuten später stand er vor einem flachen grauen Wagen, mit Radreifen und Benzintanks beladen, und hörte zu, wie ein Mensch ihm dies und jenes erklärte. Dann saß er am Steuer, riß den Hebel an, der Wagen stieß von unten, brauste auf, rollte, er drehte das Steuer, der Wagen, gehorsam, wandte sich mit ihm um und rollte die weiße Straße hinab in den grünen Sommer. Bald lag schon das heftig durchkreuzte Getümmel der Stadt, Plätze, Lärm und Getöse, Menschen, Automobile und Pferde hinter ihm, vor ihm, schnurgerade, die Chaussee, zwei Baumreihen, in der Ferne zusammenschmelzend, unterm glühenden Himmel, und der Wagen schnurrte darüberhin, daß Georgs Körper und sein Herz erzitterten. Verschwommen kreisten die Flächen der Haide, braun, dann Moore, wieder Haide, die Straße senkte sich und stieg so schnell, daß es kaum zu sehn war, wundervoll ruhig tuckte der Motor im Innern, Georg sah in der Glasröhre neben seinem linken Fuß das schwärzliche Öl langsam tropfen und undeutlich den beweglichen Zeiger des Manometers; sein Gesicht kühlte sich wohlig im eisigen Wind, ihn packte die Lust, hinzustürmen über die sich drehende Erdkugel, schnarrend wie ein Uhrwerk. Automatisch, wenn ein Pferd, ein Wagen fern sichtbar wurde, sah er die Hand des Mechanikers nach unten greifen und den Auspuff schließen. In der Ferne dröhnte hin und wieder die eigene Hupe. Ehern, rein blau, feurig blieb das Gewölbe des Himmels. Gehöfte unter Eichen, beschnittene Hecken, Hoftore, Eggen, Dämmerblicke in Kuhställe, Geranien vor Fenstern, heranlaufende Kinder, mitflüchtende, endlich querüber jagende schneeweiße Gänse, flatternde Hühnerscharen, locker vorbeischwebende, riesige fahrende Heuberge, der fliegende blaue Schleier einer vermummten Frau in einem Automobil, das überholt wurde, -- all das flackte und spritzte in Fetzen auf und herum, und verflüchtigte sich in Augenblicken immer wieder in den stabgraden weißen Strich der Chaussee, die niemals endete, im Endlosen immer wieder aufgebrochen wurde, soviel sie in der Ferne zusammenzulaufen schien. Als die Flächen umher sich abendlich beschatteten, überließ Georg das Steuer dem Mechaniker, setzte sich in den Wagen und schloß die Augen.

Er verfiel alsbald in einen unruhigen Halbschlaf. Der Mückenstich auf seiner Wange brannte und juckte wiederum, er rieb und kratzte ihn und träumte dazwischen, so leicht, daß er selber wußte, er träumte. Er träumte, daß er im Automobil fuhr und in Helenenruh ankam, aber es kam nicht ganz dazu, er wachte wieder auf, schlief wieder ein und fuhr wieder, gelangte auch nach Helenenruh, aber es war alles dunkel, kein Mensch zeigte sich, und das Haus war ein ungeheurer, niedriger Langbau, an dessen Fenstern zu ebener Erde er hinunterging; hinter einem von ihnen sah er Menschen in einem Zimmer, die ihm etwas Liegendes verdeckten, und er dachte: Sie wollen es mir nur verbergen ... Seine Wange juckte wieder, er war wach, scheuerte sich und sah, daß es dunkel war, und daß die Chausseebäume, von den Scheinwerfern weithin beleuchtet, vorauseilten, kalkbleiche Gestalten zu Hunderten; dann tauchten drei Radfahrer auf und glitten dicht an ihm vorbei, zuletzt eine Frau in roter Bluse, die halbumgedreht einem kleinen weißen Hunde etwas zuschrie, der kläffend gegen den Wagen ansprang.

Georg ging nun an einer langen Mauer hinunter, er wollte zum Begräbnis seiner Mutter, es war schon spät, und er konnte den Eingang zum Friedhof nicht finden, der hinter der Mauer lag. Auf einmal kamen dunkel gekleidete, ernste Leute von allen Seiten, die sonderbare Gegenstände, unenträtselbare, in den Händen hielten, und er dachte bei sich: es sind die Leid Tragenden. Dabei merkte er, daß er selber nichts hatte, er mußte seines zu Hause vergessen haben, suchte vergebens und mit großer Verzweiflung an sich, aber es war nicht zu finden, -- es zu holen, war es viel zu spät, er war auch schon mitten unter den Leuten und hielt sich beschämt dicht hinter den vor ihm Gehenden, immer besorgt und beklommen, daß es gemerkt würde. Nun sah er aber, daß sie gar nicht Alle etwas hatten, -- nein, es hatte überhaupt niemand etwas, er atmete auf und schalt sich, daß er sich eingebildet hatte, man müsse etwas haben, und indem verschwanden die Letzten durch ein kleines Mauerpförtchen. Als er dort anlangte, kam gerade Benno von der andern Seite, unbegreiflich gekleidet, und fragte ernst: Willst du auch zum Grabe? -- Ganz erleichtert wußte Georg nun, daß nicht seine Mutter tot war, sondern Christus, aber das war schon lange her, und hier war sein Grab zu sehn, es war in Jerusalem. Als sie nun durch einen großen Garten gingen, wo unter weitstehenden, mächtigen Bäumen hohe, gelbe Narzissen, einzeln und in Gruppen, aus dem niedrigen Grase ragten, sagte er zu Benno: Sonderbar! so hatte ich mir Palästina gar nicht vorgestellt. -- Ja, so ist es in Okrodia, sagte Benno, und Georg verstand nun alles, nur war es jetzt nicht Benno, mit dem er ging, sondern einer der beiden Jünger von Emmaus, und er selber war der andre. -- Nun war da vom weiten ein Gebüsch zu sehn, große, dichte Hügel von blühendem Rhododendron, rot und auch etwas weiß, und daneben kniete Maria Magdalena, Menschen in langen Kleidern standen um sie herum, auch andre in Gruppen anderwärts, und durch diese hindurch sah Georg die Tür des Grabes an einer Felswand offen, und Benno sagte: Das Begräbnis ist doch schon vorüber, wir können aber hineinsehn. -- Georg geriet im Weitergehn an eine Gruppe von Menschen, die sich unterhielten, er dachte: sie beratschlagen wegen Pilatus, aber als er zuhören wollte, sprachen sie gar nicht, sondern standen bloß da, und keiner sah ihn an, er stand bei ihnen und schwieg und dachte: Das dauert ja endlos ... Zwischen den Beinen der Leute wurde Maria sichtbar, es war Cordelia, sie kniete und suchte auf der Erde, weinte heftig und sagte: sie haben ihn fortgetragen ... Ja, weiß sie denn nicht, daß er auferstanden ist? dachte Georg verwundert und wollte es ihr sagen, aber nun war er am Grabe und sah hinein. Stufen führten hinunter, ein großer, fremder Mann lehnte halb sitzend unten an einem Tisch, vor ihm stand Bogner und sprach unaufhörlich, und der Fremde war Josef von Montfort. Georg dachte enttäuscht: so habe ich es mir nicht vorgestellt! und ging an der andern Seite zur Tür hinaus, wo er Magda und Renate ganz eilig in ein kleines, dunkles Tal hinuntergehn sah; er folgte ihnen, indem er dachte: Sie wissen den Weg ja gar nicht, nach Emmaus geht es doch auf der andern Seite! aber er konnte sie nicht einholen, da seine Knie sich nicht bewegen ließen, er blieb immer auf der selben Stelle, stöhnte und ächzte verzweifelt, konnte endlich die Füße einen um den andern sehr langsam vorbringen, aber nun waren die Beiden verschwunden, ihm war sehr beklommen, daß er sie hatte falsch gehen lassen, er bewegte sich mit qualvoller Anstrengung weiter, wußte, daß er viel zu spät kommen würde, sah aber nun ein helles Licht aus der Ferne nahn, einen Menschen, der einen strahlenden Silberkelch vor sich trug. Das Gesicht war das seines Vaters, aber der Mensch war sein Vater nicht, es war Christus, und Georg brach in Tränen aus vor unsäglichem Glück, daß er ihm hier entgegenkam, er legte den Kopf an jene Brust und weinte endlos lange, in namenloser Wonne, zu weinen.