Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 25

Chapter 253,864 wordsPublic domain

Dies gefiel ihm ganz gut, obgleich es schwächlich klang und an hohe Vorbilder gemahnte. >Lied des Sehers< stand über dem nächsten. Was ist das? fragte er sich, wann schrieb ich das? Er las:

Du Herrlichkeit! Weißt du denn nicht dies Glück: In blinden Spiegeln, Scherben, blankem Tand, Falschen Juwelen oder trüben Wassern Der großen Sonne einen Strahl zu fangen?

(Weiterlesend dachte er an Cora, und an wen er wohl damals gedacht haben mochte ...)

Jubeltest niemals du, wenn nach des langen Schwermütigen Regens Dämmernis am Abend In ferner Häuser grauer, öder Mauer Ein Glas aufquoll, lebendiges Blut und Feuer?

Du Herrlichkeit! (Georg schüttelte den Kopf) gebückt, wenn du mir fern, Schleif ich die Blicke über dumpfem Boden; Dann zuckt ein Glanz, dann regt vielleicht ein süßes, Mitleidiges Leuchten ...

Heftig schrillte das Telephon. Georg legte das Buch aus der Hand, ging hin und hob den Hörer. Magdas Stimme fragte, ob er es sei; er bejahte, und sie bat um Verzeihung, daß sie störe, aber ihr Vater sei in der Nacht gestorben. Ja, als sie am Morgen ins Zimmer gekommen sei, habe er tot im Bett gelegen.

»Es ist ja wohl gut, Georg,« hörte er sie sagen, »er hat ein sanftes, unbemerktes Ende gehabt. Und nun wollte ich dich bitten ... Wie ist es, hast du nicht Pfingstferien?« Georg bejahte. »Dann, -- könntest du vielleicht ein paar Tage kommen und mir helfen? Ich habe hier eigentlich niemand und --« Georg unterbrach sie mit heftigen Versicherungen, daß er sofort komme, und sie endeten das Gespräch.

Eine Weile ohne feste Gedanken stand Georg hinter dem Sessel, in dem das aufgeschlagne Buch lag, nahm es dann auf und las willenlos das Gedicht zu Ende:

Mitleidiges Leuchten sich und singt von dir: Nichts das von dir nicht lebte, selige Sonne! Da ist nichts so gering: ich liebe es doch Und dränge mich daran mit Auge und Lippe. Auch im Verworfenen fand ich den Spiegel, Darin die Gottheit gerne sich vergißt.

Nun lächelte er trüber, fragte sich, ob Cora der trübe Spiegel von Renate sein solle, und ob er davon wirklich entzückt sei, wenns der Fall wäre, legte das Buch in die Schieblade, stand davor, die Schlüssel in der Hand, und konnte sich auf nichts besinnen. Endlich fiel ihm ein: Kursbuch! -- Er fand es auf dem Schreibtisch, sah, daß es zum Zwölfuhrzug schon zu spät war, daß es bis zum Dreiuhrzug ihm zu lange dauerte, ging hinaus und befahl dem Hausmeister, den Reitknecht zu den Adlerwerken an der Goseriede zu schicken und einen Wagen zu mieten. Er selber half dem Diener den Koffer packen. Danach ging er zu Cora und sagte, er verreise, was sie zu tun gedenke. Oh, sie würde warten, meinte sie leichthin.

Sie lag in dem selben Sessel ausgestreckt, in dem er eben gesessen hatte. Ihn schauderte vor ihrem ganzen körperlichen Dasein, an dem keine Stelle nicht abgenützt war durch Liebkosung und nicht nur durch seine. Ob sie tatsächlich nicht zu ihrem Mann zurückwolle, fragte er.

Sie habe es ihm ja gesagt; ihre Ehe sei längst keine mehr, sie hätten sich bloß noch körperlich gebraucht, sie sei das müde, ihr Mann vermutlich auch, aber man könne ja nicht wissen, vielleicht liebte er sie noch immer, sie aber könne nicht mehr.

»Du hast eignes Vermögen?« fragte Georg in Gedanken. Sie zuckte die Achseln und meinte: »Genug für mich!«

»Ich werde«, sagte Georg langsam, »nicht zurückkommen. Dies Haus ist zu deiner Verfügung, nur mußt du die Güte haben, in der Stadt zu essen.«

»Das heißt also, ich bin entlassen?« fragte sie spitzig.

Georg senkte den Kopf und meinte, wenn sie es so ausdrücken wolle ...

Er setzte sich auf die Lehne des Schreibsessels, griff nach dem Schildpattmesser zum Briefaufschneiden und sah, daß es schwächer regnete; am Himmel, über den Bäumen, brach silbrige Helligkeit auf. Daß es grade Magda sein muß, die mich frei macht! dachte er gebeugten Sinnes, und vor ihm schwebte seltsam das Gesicht ihres Vaters.

Die Gedanken verliefen sich; er sah ungeduldig auf die Standuhr, indem trat der Reitknecht ein und sagte, der Wagen stünde draußen. Er hörte Cora etwas sagen, verstand es aber nicht, da er nun den Telephonhörer aufhob, den antwortenden Hausmeister bat, ihn mit Benno zu verbinden, dann Bennos Stimme hörte und ihm sagte, daß Magdas Vater gestorben sei und daß er hinfahre, um ihr zu helfen. Benno fragte nichts weiter, trug ihm Grüße auf, und jetzt war der Diener da mit dem Mantel. Er zog ihn an, schickte den Diener weg und ging auf Cora zu. Auf einmal hob sie die Hände wie Krallen, Lenuschs Gesicht erschien ihm in dem ihren, da sie die Lippen öffnete bei zusammengebissenen Zähnen. »Hüte dich!« keuchte sie und warf sich herum, ihr Taschentuch in den Mund steckend. Da mußte er lächeln und sagen, sie werde ihm hoffentlich nichts kaputt machen in der Wohnung. Sie warf die Schultern hin und her, fiel in den Sessel und weinte. Sie tat ihm leid.

Cora, sagte er leise, legte ihr die Hand auf die Schulter und fragte, was denn aus ihnen Beiden werden solle.

Sie unterdrückte ihr Schluchzen, murmelte, er sei's ja nicht wert, sie wollte nicht weinen. -- Ach, sie hatte ihn doch wohl sehr lieb. --

Nun sprang sie auf und meinte kühl und hoffärtig, er hätte wohl recht, sie wolle fort. Da legte er den Hut wieder aus der Hand und sagte, er wolle ihr helfen, ihre Sachen zu packen. Sie ging, und er folgte. Das schöne Zimmer, kaum entstellt, machte ihn traurig, sie packten wortlos Coras Koffer und Handtasche, der Diener trug alles hinaus, Georg half Cora in den Mantel, sie gingen.

Im Wagen starrte sie abgewandt aus dem Fenster. Als sie in die Eichstraße einbogen, sah er, daß sie weinte. Aber sie übersah seine Hand, nickte nur, stieg aus und ging ins Haus. Der Diener folgte ihr mit den Koffern. Georg atmete auf und bedauerte sie erleichterten Herzens.

Was wird nun kommen? dachte er, als der Wagen sich wieder in Bewegung setzte.

Überraschungen

Georg, aus Berlin zurückgekehrt, hatte sich umgekleidet und trat eben aus dem Schlafzimmer hervor, als die Tür zum Flur von draußen geöffnet und -- vom überragenden Benno vorwärtsgeschoben -- etwas anscheinend sehr Liebliches über der kleinen Treppe sichtbar wurde, ein Mädchen in gesticktem weißen Kleide und gelben Schuhn, das Gesicht noch zurückgewandt unter einem großen und flachen, gelblichen Strohhut von ländlicher Form, einen leichten Feldblumenkranz um den Kopf und mit langen, nach hinten hängenden breiten Bändern von schwarzem Samt. Das Gesicht, das nun erschien -- errötet und mit schüchternem Lächeln -- war ganz und gar mädchenhaft, jung, zart, gerundet, großäugig, ja überaus lieblich wie das Ganze. -- Benno aber kam jetzt die Stufen herunter gestürmt, fliegend über und über, fliegender langer Beine und Rockschöße und Arme, fliegender Stirne und Haare, fliegender Augen, ja selbst die rot angelaufene Nase im heißen Gesicht schien, sich krümmend und mit den Flügeln zitternd, entfliegen zu wollen, und so hatte er Georgs Hände gepackt, zerrte sie nach unten, riß sie nach oben und schleuderte sie wieder nach unten, stotterte und war glückselig.

»Das ist sie, Georg!« Seine Stimme war ganz ins Tiefe umgebrochen. »Ich habe sie errungen! Nun nimm sie!« Und die Stimme verhauchte ihm. Die Augen verkehrt in Scham und Wonne, ließ er Georg fahren, stürzte wieder zu dem oben noch zögernden und lachenden Mädchen, ergriff ihre Hand und rief, sie ritterlich zu ihm geleitend:

»Das ist Georg! Nun -- sieht er fürchterlich aus? -- Sie hat gedacht,« kicherte er, und das eigene Lachen verschlug ihm die Stimme, »du müßtest schrecklich sein wie Artaxerxes!« Und lachte unmäßig über den Witz.

Georg, bei allem Gerührtsein über Benno, fand sich wider Erwarten mehr überrascht als entzückt, dieweil er dem Mädchen entgegenging, lachte und fragte:

»Bennos Braut, das solls doch bedeuten, nicht wahr?« Und er beteuerte seine Freude, klopfte Benno die Schultern, alle Drei lachten, das Mädchen eine erstaunlich melodische, fast romanhafte -- dachte Georg -- Silberlache, die Tonleiter hinauf und hinunter.

Rötlich blond war sie; die Scheitel, von der Stirnmitte über die Brauen zu den Ohren gesenkt, bauschten sich locker und zausig, und weißliche Streifen zeigten sich im Roten und Goldenen. Die Augen schienen gemischt Grau mit Braunem und Grünlichem. Oh, sie war hübsch.

»Aber wie heißen Sie denn, bitte? Benno, wie heißt sie? Denken Sie, ich weiß Ihren Namen so wenig, wie ich bislang von Ihrem Dasein etwas ahnen durfte. Wie kommt das, Benno, gesteh!«

Benno war tödlich verlegen. Doch -- einmal -- ganz im Anfang hätte er Georg von ihr erzählt, -- von Begegnungen ...

Tausenden sei er begegnet, Tausenden! -- Und wieder ertönte das gurrende Lachen hinauf und hinunter, während sie sich mit geschmeidiger Bewegung vor und zurück bog. Georg gestand, mit halbem Bewußtsein lügend: »Ja, Benno, wenn sie lacht, ist sie unwiderstehlich. Und nun bitte den Namen!«

Aber Benno ereiferte sich noch über die tausend Begegnungen, war selig gekränkt, eitel und beschämt und beteuerte, seit einem Jahr, wo er sie das erste Mal gesehn, habe er nicht eine einzige Begegnung gehabt. »Und sie heißt Elfriede!« brachte er endlich, wieder verzückt, hervor.

»Elfriede Krumm«, sagte sie fröhlich und bewußtlos.

»Aber ich habe sie -- Elfe getauft!«

»Wunderbar, Benno! das ist recht!« lobte Georg, in diesem Augenblick seiner erst unbewußten Enttäuschung ganz inne. Der schändliche Zuname hatte sie ans Licht gefördert. -- Ja, was ist denn? fragte er sich besorgt. Hatte ich etwas andres erwartet von Benno? Warum gefällt sie mir denn nicht? -- Überdem sah er den blassen, stets lächelnden Egon dastehn zum Zeichen des Abendessens.

»Geh hin, Egon, gratuliere Herrn Prager, das ist sein Fräulein Braut.« Während Benno des blassen Egon Arm auszureißen suchte, drängte Georg die Elfriede -- Elfe gelang ihm zu denken nicht -- zum Mitessen und bewegte sie, obwohl sie sich zierte -- ihre Mama erwarte sie doch --, allmählich durch das Zimmers, dann zum Annehmen seines Arms und führte sie durch die Tür.

Er konnte sie von der Seite betrachten im Gehn. Ihre Nase war grade, kurz, schlecht und recht, -- wie auch der Mund, der undeutlich und blaß war, >als Mund gemacht<, wie Georg einfiel, der sich nicht von ihm verlockt fühlte. Und nun sah er etwas --, etwas Winziges nur, doch -- es war etwas ... Am äußeren Augenwinkel nämlich zwei kleine Fältchen in der Haut, kaum bräunliche Fältchen, die sich bewegten, wenn sie, wie sie beständig tat, die Augen zusammenzog im Lächeln und Lachen. -- Die sinds, stellte Georg unerbittlich fest; ich werde dahinterkommen, was sie bedeuten.

Und während das Mädchen nun am Kopfende der ovalen Tafel in der Apsis zwischen den Freunden saß, mehr lachte als sprach, Georg ihr von der Omelette und ihrer Füllung von kleinen Frühjahrserbsen mit der Bemerkung vorlegte, das sei »die einzig mögliche Speise für zarte Bräute« und, so weiterhin scherzend, mehr albern war als heiter -- was jedoch allein er selber zu bemerken schien --, prüfte er sie auf das genaueste.

Die Bewegungen beim Essen waren zierlich. Aber die Hände waren nichts. Rötlich, ausdruckslos, nicht groß, nicht klein; die Zeigefinger waren schief gebogen, die Gelenke verdickt, und der Daumen hier -- oh der Daumen war ein leibhafter Altjungferndaumen, und augenblicks erkannte Georg, daß ihre Augen -- hart waren, im Schnitt und Eingefügtsein in die Lider, nein hart sogar, wenn sie sich ernst verhielt, im Blick. Und da waren die zwei Fältchen links und rechts. Diese Fältchen, dachte Georg, werden dafür sorgen, daß ihr Gesicht lange so bleiben wird wie jetzt, rundlich, weich, die Züge unverändert, nur die Frische, die wird eines Tages verschwunden sein -- ich sehe ja das reizlose Fleisch schon jetzt unter der zarten Haut. Und dann auf einmal wird sie -- hart geworden sein, oh hart ist sie jetzt schon ganz innen! -- und alt ...

Es half Georg nichts, sich zu wundern und zu schelten wegen seiner Richterlichkeit. Sie war reizend -- und er mochte sie nicht. Und ihn bangte wegen Bennos. -- Habe ich nicht immer für ihn sorgen müssen? fragte er sich gerührt, ihn sitzen sehend in seiner Übergossenheit von Seele und Seligkeit.

Egon trug, wie Georg befohlen, Sekt im Kühler herein und stellte Spitzgläser auf, zu Bennos tiefstem Entsetzen auch eins vor Georg, der doch keinen Wein mehr trank seit seiner Krankheit.

»Ich dulde es nicht, Georg!« empörte er sich, »es ist unerhört von dir!« und ging so weit, ihn am Arm festzuhalten, daß der Wein das Tischtuch überschäumte. Das schaffte denn Aufschub, und Georg gelang es, seinen Trinkspruch auszubringen, anzustoßen und einen Schluck zu nippen.

»Aber was wird nun Renate sagen?« spottete er, das Glas niedersetzend. »Ich denke, Benno, du verzehrst dich in Anbetung, nicht wahr --, und nun ...«

Oh dies ewige, mühelose Lachgeklingel sollte der Teufel holen! -- Georg, dem nach der langen Entbehrung der Schluck Weins doch den Kopf erhitzte, sah und hörte nichts mehr, dieweil er innerlich scharrte: Da ist nun Renate, da ist doch auch Ulrika, Irene, Magda erst! -- Da war Esther, da war die ganze Stadt voll schöner, sanfter Frauen, -- und er nahm diese endlose Heiterkeit. Ist das nun seine Ergänzung? Hatte er denn je ein Verlangen nach Leichte und Fröhlichkeit bezeigt? Ach, sie ist ja gewöhnlich, Benno, siehst du's denn nicht? Ihre Mutter möcht ich gesehn haben, dann wüßte ich alles. -- Und nun hatte Georg auch ein ungefähres Bild von dem stillen und ernsten, vielleicht sanften und rührenden, jedenfalls aber ernsten Wesen und jedenfalls ganz zarten und feinen, in Heiterkeit vielleicht liebevollen Geschöpf, das er unbewußt irgendwie als Bennos Ideal in der Zukunft zu gewahren geglaubt hatte. Nun diese kleine Tänzerin oder Sängerin meinetwegen, Elfriede Krumm, -- na, für den Namen konnte sie freilich nichts, obwohl besser noch grotesk als gemein -- aber immerhin hatte sie es nicht weiter gebracht, als an diesem holzigen Stamm eine kleine Windenblüte aufzutun. Eine seltene Aloe am Stamme des Gemeinen war sie nicht, und Georg fing an, sich den Kopf zu zerbrechen, ob nur Benno sich von ihrem Liebreiz hatte blenden und irren lassen, oder ob also doch ein Stück vom Bürger in ihm steckte, den es zu seinesgleichen zog. Schubert, dachte er, Schubert war auch so ein Halbgott in Stiefeln, unsterblich wenn er sang, im Dasein ein kleiner Spießbürger. -- Ganz heiß ward ihm da im Gedanken, dieser süße versilberte Engel könnte den armen, schwachen Benno aus seinem wahren Paradies vertreiben. Denn was tut sie, und was ist an ihr, wenn sie nicht lacht? -- Heiraten, mein Gott! Wenn er sie doch zur Hetäre nähme! Oh Benno, es wird ein Unglück geben!

»Wißt ihr, fahren wir doch gleich zu Renate,« mischte er sich mit Bewußtsein wieder ins Gespräch. (Oh wie zog es ihn zu Renate!)

»Aber meine Mama ...«

»Bei der fahren wir vor. Oder sie kommt mit.«

»Im Dogcart, Georg?« Benno, sein Glas in der Hand, mußte es schnell niedersetzen, um in eine schallende Lache ausbrechen zu können, die ihn unwiderstehlich schüttelte, während das Mädchen errötete, unwillig schien, ja sichtlich einen bösen Blick unterdrückte, -- und Benno unterbrach sich jählings im Gelächter, nun furchtbar verlegen.

»Ja, was lachst du denn so?« stach Georg -- in einer Ahnung -- auf ihn ein.

»Mama --« sagte die Elfriede überernst in Bennos Gestammel, »paßt allerdings kaum in einen Dogcart. Mama ist ein wenig stark.«

Dick ist sie! Unglaublich dick! eine Maschine! ein Elefant! jauchzte und fluchte Georg innerlich. Nun ist mir alles klar. Eine Bürgersfrau aus der Markthalle. Rentiere im Adreßbuch! -- Und um so dringlicher fuhr er fort, der Tochter sein Schimmelgespann zu preisen, das schon halb verkauft sei; so sei's vielleicht das letzte Mal ... Ich muß die Alte sehn, dachte er. Und dann zu Renate!

Egon, sich zu ihm beugend, flüsterte: die Dame sei wieder da ...

»Was für eine Dame?« fragte Georg laut.

»Die gestern schon da war, wie ich Durchlaucht ...«

»Ach, die sich nicht offenbaren wollte? Bitte entschuldige mich, Benno, -- gnädiges Fräulein ... Es wird wohl ein Bittgesuch ...« Georg legte die Serviette hin, ging zur Türe, öffnete und schloß hinter sich, das Zimmer zuerst leer findend. Dann sah er Cordelia.

Sie war noch keinen Schritt in den Raum gekommen; oben vor der Tür, die Hand am Geländerdach stand sie, ihren alten Strohhut in der Hand, ein welkes weißes Kleid, mit moosgrünem Seidenband unter der Brust, um den Leib gezogen. Aber -- -- oh -- das ist ein Mensch! war Georgs erstes, voll aufseufzendes Empfinden in der Erinnerung an Bennos Elfe.

Erstaunt, entzündet von Freude sie wiederzusehn, sagte er leise nur »Cordelia --«, nun erschüttert von einem unendlichen und schweren Ernst, einer Wehmut, einer Demut und -- diese durchglühend -- einer fast mystischen Süße im Dunkel ihrer fernen Augen, im ganzen bleichen, atmenden, sehnsüchtig bewegten Gesicht.

Der Hut, ihr entfallend, rollte die Stufen hinunter. Sie folgte ihm, schrittweis, die Hände gefaltet, die Blicke unveränderlich auf ihn geheftet mit einem für Georg kaum noch erträglichen, sprachlosen Flehen. Einmal lächelte sie hülflos. Ein paar Schritte noch von ihm entfernt, hielt sie an, schauderte heftig zusammen, bezwang sich furchtbar, lächelte mit Anstrengung und fragte kaum hörbar: »Muß ich -- ganz -- hin?«

Ihm brach das Herz. Sich losreißend, durchzuckt: Sie stirbt ja vor Angst! -- sprang er zu, riß sie an sich, legte ihren Kopf an seiner Schulter fest, hielt ihn, der herabsinken wollte, streichelte ihn unaufhörlich, flüsternd: »Was ist denn, mein Gott, was ist denn? Es ist ja gut! ist ja gut! Ich bin ja glücklich!«

Leise schluchzend hörte er sie etwas stammeln wie: Gott sei Dank! und: ja, nun ist es gut ... Langsam kam ihr Gesicht wieder hoch, naß überströmt, fließender Augen, aber er lächelte wie ein Engel durch den glänzenden Strom. Sie bewegte stumm den Kopf hin und her. Ihre Augen fielen zu.

»Willst du mich denn noch?« fragte sie zwischen den Zähnen, »wirklich?«

»Ob ich will, Cordelia? Ja doch, ja! Ich bin ja nur glücklich, wenn du kommst! Ach,« fuhr er, erschüttert von Mitleiden, fort: »sag mir doch, was dir fehlt, was dich quält, alles, alles! ich will dir doch helfen!«

Aber sie schwieg.

Im Nebenzimmer ward ganz leise ein Akkord des Flügels hörbar, nur der eine, süß aufschwirrende Schlag, als habe ein Vogel die Tasten gestreift, für Georg ein lieblich erstaunendes Zeichen des Augenblicks. Dann, abgelenkt, sah er durch die Wand Bennos lange Schattenfigur, wie sie sich auf die Tasten bückte: er mußte sie wohl doch einmal berühren, einen Ton hören, die Musik ein Wort sagen lassen zu seiner Inbrunst.

Cordelia aber hatte aufhorchend die Augen geöffnet.

»Was war das?« flüsterte sie, und Georg gestand, es sei Besuch nebenan, ein Freund mit seiner Verlobten; ob sie erlaube, daß er ihnen eben Bescheid sage, sie seien eben schon im Begriffe zu gehn. Cordelia nickte nur stumm und machte sich los von ihm.

Die Tür öffnend scheuchte er das Brautpaar aus der Buchtung des Flügels und aus einer ganz ähnlichen Stellung wie die, in der Georg selber sich eben befand, was seine Betäubtheit rasch in angenehme Heiterkeit löste, also daß er, da das Mädchen ohnehin heimwärts drängte, mit leichtem Bedauern der verhinderten Fahrt sich entschuldigen konnte. Er brachte sie noch durch das gangartig lange und halbdunkle Billardzimmer auf den Flur und bis vor die Tür, winkte ihnen nach und dachte, mit den Augen an Bennos Rücken haftend: Seltsam doch, daß grade er so aus unsern Kreisen fallen mußte. Gedichte mach ich ja auch, aber der einzige Unsterbliche war doch immer er. Ach so, erinnerte er sich im Abwenden, die Götter trugen ja immer nach besonders irdischen Frauen Verlangen. Ja, sie war eine kleine Rubensschönheit, Danaë ... und --

Georg richtete sich lächelnd straff. Und Benno muß heiraten, muß -- weil er das nicht fertigbringt was ich. Ah sie war wieder da! Gott sei gelobt, murmelte er vor sich hin, nun kommt die Erlösung erst von Cora! -- Er schloß die Tür hinter sich.

Wie er aber leichtfüßig den Flur zurückeilte, wurde die Tür am Ende geöffnet, mit Vorsicht. Cordelias Antlitz erschien im Spalt, groß offenen, furchtsam spähenden Auges, und erschrocken bei seinem Anblick schlug sie den Türflügel wieder vor ihm zu, den er gleich darauf erreichte.

Als er dann drinnen stand, war sie an das Geländer zurückgewichen, hielt es mit den Händen neben sich gefaßt und ließ wie eine Schuldige den Kopf sinken. Sich überwindend, sie nicht feindlich anzusehn, versuchte er zu scherzen, ob sie ihm doch wieder habe entwischen wollen ...

Sie lächelte traurig und sah auf. »Es soll also wohl doch sein«, sagte sie leise. »Nein!« sie drängte sich an ihn, »sieh mich nicht so an! frage nicht! ja, versprich mir das, schwören mußt du's, Georg, hörst du, du mußt es schwören!«

»Ja, gewiß! gewiß doch! was denn?«

»Nie fragen, Georg! Nie, nie, niemals und nach nichts fragen! Ach,« weinte sie plötzlich laut auf, »was willst du denn von mir? Ich weiß doch, daß du mich nicht liebst.« Sie brach ab, ihn hart und verschlossen anblickend.

Georg vermochte nicht auszuweichen. Nicht lügen! dachte er nur, und seinen Augen es überlassend, sie zu bezwingen, sagte er klar und verständlich, wie er es meinte.

»Ich brauche dich.«

»Den Leib«, hauchte sie elend.

Was nun sagen? -- Er küßte behutsam ihre Stirn, und damit schien er Glück gehabt zu haben, denn mit aufblühendem Lächeln unter seinem Kuß flüsterte sie:

»Und die arme Seele mit ... Meinst du, daß ich eine habe? -- Ach laß nur«, wehrte sie matt und drückte die Augen an seine Schulter.

»Du kennst mich doch nun ein wenig,« redete er, ihr Haar streichelnd, auf sie herab, »du weißt doch, wer ich bin!« und hörte sie aufsagen leise, ohne den Kopf zu heben: »Prinz -- Georg -- Trassenberg.«

Dann, sehr liebevoll: »Mein Prinz!« und Georg fuhr zurück wie gestochen. Er strauchelte auf den Stufen, erreichte mit Mühe aufrecht den Boden, seine Knie versagten, er tat noch zwei Schritte und stand, entsetzt, die Hände an den Schläfen.

Jetzt -- da wars! Jetzt wars gekommen. Jetzt mußte -- -- mußte -- was? -- was? -- Die Wahrheit gesagt werden oder -- oder gelogen. Warum gelogen? Um die letzte Probe ... um zu sehn, ob es erträglich, möglich ...

»Was ist dir denn?« hörte er sie aus weiter Ferne fragen, sah aber in der selben Sekunde dicht vor sich ihre besorgten Augen, die flackerten; ihr Gesicht, ihre weiße Gestalt, die dunklen Wände des Raums, der große, grüne Lampenumhang -- alles flackerte auf und nieder wie aus gasigen Flammen, während er sie nur anstarren konnte und merkte, wie sie seine Hände ergriff und herabzog. Durch das Sausen in seinen Ohren hörte er sie etwas sagen, ohne zu verstehn.

Du Feigling! sagte dann eine Stimme, du willst es ja nur aufschieben!

»Nichts, Kind, nichts!« brachte er endlich hervor. »Es war wohl mein Herz, -- es ist nicht ganz in Ordnung. Laß nur, es geht schon wieder. Ja, wovon sprachen wir doch eben? Richtig, meinen Namen sagtest du ...« Er irrte wieder ab. »Ja, und wie ist der deine?« hörte er seine eigene Stimme fernher, erwachte dann und setzte beherrscht hinzu: »Oder darf ich das auch nicht fragen?«

»Cordelia Severin«, sagte sie leise. »Aber ist dir auch wirklich wieder gut? Komm, setz dich hin!«

Sie führten sich gegenseitig zu einem der Sessel in der Kaminecke, Georg fiel ermattet hinein und zog sie auf seine Knie. Sein Herz jagte in der Tat haltlos. Vielleicht war doch der Schluck Sekt schuld.

»Und was wird nun aus uns?« konnte er indessen wieder scherzen. »Bleiben wir zusammen? Möchtest du hier wohnen? In einem Schloß?« -- Es stach wieder in seinem Herzen. Er verstand nicht recht, weshalb ihm so unendlich sanft und weich zumute war, und fuhr fort, ihr weiches Gesicht unablässig zu streicheln und zu glätten. Da sie nur nachdenklich vor sich hin lächelte, fragte er weiter: »Oder soll ich zu dir kommen?«

Nun schauderte sie leicht zusammen. »Nein! oh nein!« stieß sie hervor.

»Also was denn? Soll ich ein Haus kaufen?«

Wieder ruhiger blickte sie in seine Augen, küßte ihn leise auf den Mund und sagte liebreich: