Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 24
»Haben Sie je gemerkt, wie sonderbar das mit uns ist, Renate? In meinem Leben hat es -- Gott, ich bin ja noch so jung! -- viele goldene, schöne, glückliche, erhebende Augenblicke gegeben. Wenn ich mich aber jetzt erinnern soll: wann war ich glücklich? was fällt mir dann ein? Dann muß ich an die Stille denken im Pragerschen Hause, nach dem Essen, wenn alles schlief, wenn ich in meinem Zimmer saß und Karl May las oder Käpten Marryat und dabei von fern, aus der Küche, die Geräusche des abwaschenden Mädchens hörte, und hier und da ein Stück ihres Gesangs: Es war ein Sonntag hell und klar ... so eintönig, so -- öde und -- ach, so unbeschreiblich sonderbar in der Stimmung, -- und dazwischen das Klappern der Teller, die sie in die Aufwaschbütte stellte. Ja, da muß ich glücklich gewesen sein. Oder ich sehe die Dämmerung, und in der Dämmerung die Tapete im Trassenberger Kinderzimmer, und das dicke Federbett vor mir, unter dem ich mit ein bißchen Mandelentzündung oder Masern, oder was es nun war, lag, und mit diesem wunderbar dumpfen Gefühl angenehmen Krankseins im Kopf sehe ich den hängenden Schnurrbart von Onkel Salm, und seine immer noch ein bißchen abstehenden Ohren, und seine dicklichen, und doch so geschickten Finger, mit denen er mir eine Festung pappt, oder Figuren ausschneidet, oder die Steine auf dem Damebrett zieht. Oder ich sehe ihn auf den Zehenspitzen hereinkommen, von weitem spähend, ob ich wach sei oder nicht. So sonderbar ist das! Wenn meine Mama einmal kam -- Georgs Gedanken irrten flatternd ab --, das war immer eine erstaunliche Freude, und auch ein Schauder, obwohl ich den damals wohl noch kaum spürte, aber glücklich war ich, wenn Onkel Salm kam, den ich am Schnurrbart zerren konnte ... Haben Sie je etwas Ähnliches ...« fragte er hastig, seine Gedanken abbrechend.
»Oh ja --« sagte sie gedehnt, »es ist wohl ähnlich bei allen Menschen ...«
»Ja,« sagte er wissend, »denn was aufregend war, vergeht, alles Plötzliche verliert seine Kraft, da es ja niemals wieder plötzlich sein kann, aber was sich von selber einstellte, kaum bemerkt, ja ganz unbewußt, -- was namenlos in uns war, aber innerst tief und stark, das taucht wieder auf, das sind stille Schätze, die sich immer wieder hervorholen lassen ... Was vom Menschen nicht gewußt, oder nicht bedacht ... Durch das Labyrinth der Brust ... Ja, nun wollen wir fahren, ists Ihnen recht?«
Sie gingen hinaus, traten aus der Tür und -- halloh, da standen sie! »Ja, was sagen Sie nun?« fragte Georg triumphierend.
»Es ist ein Staat«, sagte sie und ging schnell zum Vordersten der beiden großen, stämmigen Belgier, die unbeweglich hintereinander standen, weiß und rot gesprenkelt, mit weißem Lederzeug. Auch der Gärtner hatte seine Sache brav gemacht und den Dogcart sehr leicht in die schwarzen Iris gepackt; die Räder waren durchsichtige Scheiben davon.
»Graue Iris,« sagte Renate, »Georg, das ist wirklich schön!«
»Raffiniert, heißt es,« lachte er, »sehen Sie wohl: Schwarz, das nicht Schwarz, Weiß, das nicht Weiß, und Rot, das nicht Rot ist! Steigen wir ein.«
Ja, dieses war ein wahrhaft königlicher Tag. Leicht klangen die Schellen vor der Brust der locker vorwärts stelzenden Pferde, leicht und locker wippte das Wagengestell. »Schade,« meinte Georg, »daß Sie nicht spüren können, wie die Pferde im Zügel gehn, als wären sie blind; nur von Zügel und Peitsche hängen sie ab, geben Sie acht, ich lasse einen Augenblick locker! jetzt!« Der Wagen rollte langsamer, die Pferde standen still. Georg schnalzte, warf die lange Peitschenschnur wie eine Angel aus, und es ging leicht und locker um den Rasenplatz weiter.
Die Alleen waren ein Gewimmel schwarzer und weißer Menschen unter einer goldenen Schicht von Staub; Blumengestelle, fahrende Ungetüme, die Kutscher, Reiter ragten drüber hinweg. Vorsichtig tastete er sich mit den Pferden durch das Getümmel den Fahrdamm hinunter zum Ende der Alleen und bog um ins Innere der Lindenreihn, den vor ihm rollenden Wagen folgend. Ah, ja die Rotschimmel erregten mächtiges Aufsehn, wie sie fast nackt in dem dünnen Riemengeschirr das schwärzliche Gefährt dahinrollen ließen. Georgs Sinne fingen heftig an zu glühn. Das ist diese herbe Rinde um ihre Gestalt, dachte er, um Gottes willen, ihr Mund ist ja zum Tollwerden! Und dies Profil, und dies Lächeln!
»Ha,« sagte er, »sehen Sie, die Leute fangen an zu grüßen. Ich hoffe, sie denken, ich fahre meine Braut. Welch ein Jammer, daß ich nicht regierend bin, dann würden sie Hurra schrein.« Dies scheint mir wirklich haarsträubend natürlich, dachte er innerlich. Die Militärmusik rauschte auf, Staub wölkte, Wagen um Wagen rollte vorbei. »Aufgedonnerte Gemüsekähne«, murrte Georg. »So, da wären wir am Ende.«
Langsam drehten die Pferde sich um ihre Mitte und liefen den Weg zurück. Georg, Renates Profil unverrückbar in den Augenwinkeln, hing am unaufhörlichen Spiel der braunroten Ohren, er wehrte traumverloren die Fliegen von den blanken Rücken, -- ununterbrochen gingen die Stummelschwänze hin und her. Die Menschen drängten unter den Bäumen heran, Mädchen knicksten scharenweise, Renate neigte das entzückt scheinende Gesicht, und Georg nannte sie die Königin des Tages.
Da waren sie wieder am Ende. Renate meinte, noch einmal hinauf, dann sei es wohl genug. -- An diese Augenblicke, dachte Georg, werde ich mich niemals erinnern, aber sie sind doch kostbar. Ach, da steht ja Benno! »Sehen Sie, Renate, da steht Benno und strahlt!«
Sie nickte und winkte, Benno, hochrot, warf den Kopf zurück, lächelte beseligt und verbeugte sich tausendmal.
»Unter diesem Getümmel das reinste Herz«, sagte Georg anerkennend. Da waren sie wieder am Ende, und Renate bat, sie noch um den See zu fahren.
Während sie auf dem hohen Ufer um den tiefliegenden Teich voll Himmelsblau und Wolkenballen hinrollten, biß Georg die Zähne zusammen und verschwor sich, daß er an Renate und alles andre seine Seele setzen wolle. Ich habe sie doch immer geliebt, sagte er sich zornig, ich kann ja nicht los von ihr. Bin ich nicht etwa der Einzige, zu dem sie paßt? -- Er fand keine Worte mehr, still schweigend fuhren sie dahin, ununterbrochen klangen die kleinen Schellen, trabten die acht Hufe. Georgs Sinne verlangten nach einer verdreifachten Schnelligkeit und zuckten zugleich vor Schreck, wenn ihm einfiel, daß alles gleich ein Ende nehmen würde. Der See lag schon hinter ihnen, da glühten die Sportswiesen zur Rechten weithin dunstig in der Sonne, rot- und weißgestreifte Hockeyspieler sprangen in wilden Zuckungen hin und her, nun rollten sie in den Schatten der großen Bäume, da stand der Obelisk am Wassergraben, der Weg bog zur Rechten aus, sie waren wieder im Freien, neben der Hecke, an den Wiesen, dumpf polterten die Hufe auf der kleinen Holzbrücke, Baumschatten nahm sie auf, rechts dunkelte der Graben, hinten erschien der gelbe Mauerputz des Schlößchens im bewegten Grün. -- Ob ich ihr nicht eine Andeutung -- ein ...? Aber er wagte kein Wort. Seine Hände glühten in den Handschuhn, er ließ die Zügel locker, die Pferde fielen zum erstenmal in Schritt, er sah, wie sie gleichmütig dahinschritten, wie Kühe mit schaukelndem Rücken. Die Hälse gingen tief nieder und empor, das Vorderpferd hob den Kopf, schüttelte ihn und grunzte. Wie still es war! Es ist Wahnsinn, dachte Georg, aber wie kann ich sie ungeküßt lassen?
»Nun, wars schön?« fragte er freundschaftlich. Sie nickte und meinte, es führe sich sehr angenehm und leicht. Duft ging unbeschreiblich von ihr aus. Es flimmerte vor Georgs Augen. Blaue Stürze von Himmel brachen durch das Gewimmel der Wipfelzweige, laut schlugen Buchfinken. Drei Spatzen tummelten sich im weißen Staub der Straße, schimpften und flatterten schwärzlich auf vor den Hufen. Da standen die Kandelaber vor der Rampe, da der große schwarze Kasten von Automobil am Rande des Rasenplatzes, und der Kutscher ging schon um den Wagen und bückte sich und warf den Motor an. Die Pferde standen still.
Georg, kalt vor Erregung, Bitterkeit im Munde, schleuderte die Zügel unbekümmert über die Pferde hin, daß sie erschraken, vortraten und der Wagen anruckte, während er absprang und nach der andern Seite herumlief, um Renate selbst herunterzuheben. Das Herz schlug ihm süßlich, als er ihre Hand, ihre Last auf der Schulter spürte. Sie wechselten noch irgendwelche Worte, sagten: »Auf Wiedersehn!« Dann sank sie in die Tiefe des dämmrigen Wageninnerns zurück, der Motor murrte und rasselte, und alles rollte mit langsam knurrender Schwenkung auf die Wegmitte und davon. Georg las noch lange ohne Gedanken die Nummer auf dem Schilde unterm After der Karosse, stand und wußte auf einmal nichts mit sich anzufangen. Ja, was nun? dachte er. --
Danach stand er beim Vorderpferde, das den Kopf auf seine Schulter legte, tätschelte ihm den festen Hals, atmete den Geruch von Roßhaar am Gesicht und sagte sich: Was war nun das? Eine halbe Stunde Pferdelenken. Die Gäule verkauf ich morgen mit Gewinn an Prinz Taxis, was soll ich mit einem Tandem? Unkas genügt mir. Da bin ich mit einer schönen Frau über den Korso gefahren, und wir haben geplaudert. --
Der Groom sagte etwas, Georg antwortete etwas, wandte sich um und sah am Rande des Rasens eine Dame stehn, in einem fliederblauen Kleid, verschleiert, die mit der Spitze des Sonnenschirms zwischen den Halmen stocherte, und es war Cora. Hatte sie ihn gesehn? Aber natürlich! Er bewegte sich, sie sah auf und tat, als sähe sie in diesem Augenblick, daß er es sei. Nun ging er auf sie zu, unwissend, was kommen würde, aber entschlossen, daß nichts ihn bekümmern sollte. Sie blickte ihm gerade in die Augen und sagte:
»Bereits außer Dienst gestellt, Prinz, oder nur _à la suite_?« Über sein langes Fernbleiben also glitt sie stillschweigend hinweg ...
Er fragte, ob sie einsteigen wolle, aber sie antwortete gar nicht. Abgewandt stand sie da, Georg stumm neben ihr und verbissen.
»Zeigen Sie mir lieber Ihre Wohnung,« sagte sie spitz, »wo waren Sie so lange?«
Ich will nicht antworten, dachte er und bemerkte obenhin, es sei ein schöner Tag, und er wäre viel unterwegs gewesen; übrigens schien sie keine Antwort zu erwarten, entspannte einen apfelgrünen Sonnenschirm und setzte sich in Bewegung.
Auf dem Flur, im Zimmer sah sie sich mit leichten Bewegungen des Kopfes im langsamen Vorbeigehn alles an, ließ sich den Schirm abnehmen, blieb dann vor einem kleinen Ölbild stehen, das am Boden stand, an den Schreibtisch gelehnt, eine Bulldogge, von Bogner gemalt.
»Ach,« sagte sie entzückt, »das muß von Benvenuto sein! Es ist herrlich, der Mann ist ein Genie, finden Sie nicht? Schade, daß er so selten hier ist, haben Sie von dem Riesenauftrag gehört? Ich habe ihn kaum zu sehn gekriegt, ich bin jetzt viel allein, mein Mann ist verreist, -- ja, er hat sich überarbeitet, -- nein, dieser Hund! Wie er dasteht! Aber möchten Sie so einen Hund haben? Er ist doch zu häßlich! Ich kann Bulldoggs nicht ausstehn, Herbert wollte immer einen haben, -- Gott, wenn man keine Kinder hat! wir hatten auch mal einen Terrier, aber er roch so ... Sie sehen gut aus«, sagte sie, vor ihn hintretend.
Sie hatte den Schleier hochgeschoben, er sah ihre matten Augen, das blasse Band von Sommersprossen darüber, den verwischten Mund, die in der Mitte breiten Lippen, dann wichen ihre Augen aus, sie ging an ihm vorüber und mit ihren weichen Seitwärtsbewegungen im Zimmer umher. Georg trat an ein Bücherregal zurück, stützte, die Hand am Hinterkopf, den Ellenbogen dagegen, sah ihren Hals von hinten und den goldbraunen, flachen Strohhut, wie sie sich über den Schreibtisch beugte und Esthers Photographie in die Hand nahm. Doch war sie eigenartig, und ihm ward lüsterner zumut, er spürte ein hitzig glühendes Schwellen am Leibe, dachte, er wollte hinter sie treten, ihren Kopf zurückbiegen und -- bloß sie haben, ja so bloß ... Da sah er Esthers kleines, photographiertes Gesicht in ihrer Hand, ihm fiel ein, wie er hier zum erstenmal eingetreten war nach ihrem Tode, wie er sie dann überall verspürt hatte, immer hinter sich; wenn er am Klavier saß: im Nebenzimmer, wenn er am Fenster stand: am Klavier, -- aber empfinden ließ sich das nicht mehr. Dann war er in den Taunus gefahren ... Esther war lange tot. --
Cora hatte das Bild stillschweigend wieder hingesetzt, bewegte sich wieder, stand in der Tür zum Nebenzimmer. Er glühte auf, ging auf sie zu, trat hinter sie, faßte ihre Ellbogen, sie wehrte sich, gleich darauf fiel ihr Kopf nach hinten zurück, ihr Gesicht lag an seiner Schulter, sie atmete heftig, die Augen geschlossen, den Mund zugepreßt. Er legte den seinen darauf, preßte, so stark er konnte, ihre Lippen teilten sich, er fühlte ihre Zähne und schob seine Zunge dazwischen. Nun warf sie sich herum, gegen seinen Leib, warf ihre Arme um ihn, er fühlte ihre Hände auf seinem Rücken zucken und fliegen, ihr Leib ging stoßweise auf und nieder, während ihre Lippen, ihre Zungen, ihre Atemstöße sich vermischten, er riß ihr Kleid auf, tastete nach ihrer Brust, und sie griff zu und riß die Bänder an der Untertaille auf, und er hatte ihre linke Brust in der Hand, schlaff, warm und weich, aber doch ... Da wankten sie, -- oh Teufel, nun war kein Diwan da! Wohin mit ihr? Sein Bett war greulich schmal. In den Garten? am lichten Tag? Wütend jagte es ihm durch den Schädel: das verschlossene Zimmer! Er ließ sie los, griff die Schlüssel aus der Tasche, lief, die Türen aufstoßend, durch Bade- und Schlafzimmer zur Tür, schloß auf und öffnete, ohne umzusehn. Er zauderte, kehrte langsam zurück, da stand sie abgewandt, vorn an ihrer Taille hakend, aber sie hatte den Hut abgenommen, und er umschlang sie wiederum, hob sie auf und trug sie davon. Sie war schwer, aber er zwang sich bis zur Tür des Zimmers, wo er sie niederlassen mußte. Sie, ungeschickt sich aufrichtend, machte erstaunte Augen in den Raum, während ihm die seinen überquollen vor Gram über die Schändung des Heiligen, so daß er sekundenlang nichts sah, als die schwarzen, über die Fenstervorhänge von Cremeweiß fliegenden Reiher. Dann erschien, schräg im Raum mit dem korngelben Teppich am Fußboden, der dunkelviolett überspannte Diwan mit einigen Kissen in Lichtgrün, Fleischfarbe und Weiß, dahinter das alte indische Tempelpaukenbecken auf einem Ebenholzschemel gefüllt mit imaginären Blumen. Und endlich mußte er gegenüber der Tür das Himmelbett sehn, meergrünes Gewoge von Falten und Bäuschen, aus dem das wenige Mattgold der schlanken Säulen blitzte und -- unter seinem wilden Fingerdrucke entflammte eine geheimnisvolle Leuchte -- der zarte Perlmutterschimmer in den Kassetten des Betthimmels. Indem sah er Cora vorwärts gehn und das ovale, in rosene Marmorwülste gefaßte Becken in Augenschein nehmen, aus dem ein silberner, fadendünner Strahl steigen und Wohlgeruch aus Ophir zerstäuben sollte, wenn -- -- Georg verließen die Sinne. Aus den großen farbigen Flecken schmolz die eine Farbe, die Un-Farbe, die nicht auszudrückende, nicht zu beschreibende, -- nicht weiß, nicht rosen, nicht elfenbeinen, nicht marmorn, und doch Farbe von allem, vom Schnee, und vom Mandelbaum, vom Kirschbaum und der Narzisse, und nicht Farbe, Äußeres, sondern Hauch von innen, Leuchten, Atem, Blut, Süße von innen, -- Renate! -- Georg zuckte.
Mit geschlossenen Augen saß sie da. Dann warf sie sich, das Gesicht in den Händen verbergend, in die Kissen. Einen Augenblick dachte er, davon zu laufen. Da war wieder diese entsetzliche Pause! Er spreizte die Hände von sich, die kalt und schweißig waren. Sie rührte sich nicht. Da kniete er mit dem rechten Knie neben sie auf den Diwan und fing an sie auszuziehn, die Taille, den Rock, den Unterrock, graue Halbseide, das Korsett, violett, abscheulich, -- wie dick ihre Beine waren! Er hörte sich schnaufen, zerdrückte das beständige Gefühl vieler Scheußlichkeiten, sah ihre gelbliche, sehr glatte Haut zum Vorschein kommen, streifte Hose, Strümpfe, Schuhe herunter, sie fühlte sich kalt an, das Hemd ließ er ihr noch, während er sich auszog, nichts denkend, gar nichts denkend. Sie hatte ihr Gesicht wieder versteckt, warum wohl? aber jetzt sah sie auf und sah das Himmelbett, richtete sich auf, wollte aufstehn und hingehn, aber da schrie er wütend: Bleib! riß das steife und verwickelte Manschettenhemd über den Kopf und stürzte sich über sie, fühlte sie und sich kalt und unbehülflich, dann bäumte sie sich und umschlang ihn mit allen Gliedern. Einen Augenblick, über ihren Kopf, ihr verschlossenes Gesicht, die Kissen hin, zu Boden starrend, ging es durch ihn hin: Esther -- -- Renate -- -- Welche war es? Süß quoll es in ihm auf: Cordelia! -- Da erschien ihm Renates Gesicht, schwebte und entwich, er fühlte Cora, eine fremde Frau, auf der er lag, die ihn schwer umschlang. Einen Pulsschlag lang schauderte ihn, und er gefror; eine Schlange lag um ihn mit kalten Ringen; die aber wurden warm und schmolzen, und er würgte sich in sie hinein.
Cora
Georg wachte auf in der Nacht; der Regen spritzte ins offene Fenster, es donnerte in der Ferne, -- ihm war heiß, das Federkissen lag an der Erde, die Schlafbeinkleider waren ihm bis zu den Hüften heraufgerutscht, scheußlich! Schlaftrunken tastete er nach der Wasserkaraffe, setzte sie an den Mund, trank lange, ließ die Hand mit ihr zu Boden hängen, den Kopf vornüberfallen und dachte: Aus der Karaffe trinken ist die größte Wollust des Lebens. -- In allen Gliedern merkwürdig leicht und gelockert, wollte er sich umdrehn und weiter schlafen, aber der Regen plantschte jetzt heftiger auf das Fensterbrett, und er stand unwirsch auf, ging ans Fenster und machte es zu. Am Riegel hangend, wand er sich im ungeheuren Gähnkrampf und dachte: Ach, ich möchte auch ein Gewitter sein! -- Dann legte er sich wieder hin, schwacher Blitzschein glomm vor seinen Augen auf, es donnerte lauter. Ah, wie der Regen rauschte!
Ich wollte, sagte er vor sich hin, es schlüge ein und Cora ginge dabei tot. Ich denke unchristlich. Man kann nicht für Gedanken. -- Er sah sie an der Erde liegen, maustot, er sandte einen Kranz zu ihrem Begräbnis, munterte sich dann auf, setzte sich im Bett hin, ein krachender Donner rollte wütend im finstern Mauerhof der Nacht umher, dann ging die Tür auf, und Cora stand darin, bleich, sichtbar im Blitzschein. Er verstand nicht, was sie sagte, da ein neuer Donner herunterknallte, rollend dahinbrüllte, polterte, aufgrollte und sich murrend zusammenrollte. Cora hatte Licht gemacht, er fragte, ob sie sich fürchte.
»Fürchten nicht,« sagte sie matt, »aber man regt sich doch auf.«
Sie glitt durchs Zimmer zur Tür gegenüber, öffnete, glitt hindurch, Georg sah auch dort drinnen das Licht aufflammen. Ihr nachsehend dachte er kümmerlich: Sollte dieses Weib es darauf angelegt haben, mich zugrunde zu richten? Wie werde ich sie bloß wieder los? -- Er rollte sich im Bett zusammen, indem flammte das Zimmer blauhell auf, und mit ungeheurem Prasseln knatterte der Donnerschlag hinterdrein, daß alles knallte und krachte, sprang in wüsten Sprüngen, tobend, lärmend, um sich hauend mit Keulen, Wagenlasten voll metallener Schilde umstürzend, Züge voll Porzellan zusammenschiebend und schlagend, weit hinweg, ermattete endlich in langen röchelnd rollenden Stößen und ward still, während Cora erschreckt im Türrahmen erschien. Ganz leise fiel nun der Regen.
Das Licht brannte in George Augenwinkeln; er sah sie dastehn, mädchenhafter aussehend mit dem gelösten Haarschopf. Sie sagte theatralisch, sie möchte nackend draußen im Regen liegen und mit Blitzen spielen. Georg lachte kurz, der Donner knatterte wiederum auf, jedoch entfernter, er sagte, sie solle schlafen gehn. Wirklich ging sie gleich darauf hinaus, ohne das Licht abzudrehn.
Georg sah sie nebenan in dem königlichen Bett liegen und würgte an trocknen Verwünschungen. Herr des Himmels, dachte er, man tut so was wohl einmal, man umschlingt sich und genießt sich, aber einmal doch bloß, einmal! Ach, daß zur Verrichtung der sexuellen Notdurft eigentlich alle Frauen zu schade sind! Wie kann ich denn eine Frau acht Tage lang, acht Jahre lang immerzu lieben? Das ist doch eine Unmöglichkeit! Ich schwöre, daß man eine Frau, die man liebt, ein einziges Mal umarmen darf, nicht mehr! Oder es müssen Wochen und Monate vergehn, bis man das erste Mal vergessen hat. Ich hasse dies Weib. Ich habe sie von Anfang an gehaßt, ich erinnere mich nicht, mich jemals mit solcher Wut in eine Frau gebohrt zu haben, -- aber, dachte er, wenn ich schlaff -- zusammengekrüllt wie ein welkes Blatt oder -- wie so eine aufgestochne Raupe neben ihr lag, so war das doch geradezu eigenartig. Wenn ich nun bloß wüßte, was sie von mir will! Bloß so: nicht wieder weg? Geld? nein, das glaube ich nicht. Sie verdarb sich ihr Dasein, indem sie heiratete, und nun kann sie den neuen Weg nur nicht finden, hat wohl auch noch Scheu davor. -- Hier fingen seine Gedanken an, undeutlich zu werden, bald darauf schlief er ein.
Beim Erwachen fiel ihm ein, daß -- wie eigenartig! -- Himmelfahrt sei. Er mußte schlecht geschlafen haben, fühlte sich dumpf und unklar, kam erst einigermaßen zur Besinnung, als er mit der ersten Zigarette vor der Gartentür im Sessel saß, angesichts des gewaltig herunterströmenden Regens, in dessen grauer, kalter Masse die Gartenbäume erschüttert und duldend hin und her wankten. Cora kam dann und ging zu ihrem Frühstück hinter ihm vorüber nach nebenan. Er gähnte krampfhaft, legte sich mit geschlossenen Augen zurück und genoß die Wohltat des großen Rauschens und der fallenden Gewässer, spürte aber alsbald den Angstdruck in der Magengegend, ruckte wieder empor, saß fröstelnd, die Handknöchel reibend, und begann zu überlegen. Wenn er abreiste, -- ja, wohin? Und wie stand er dann vor seinem Vater? Von England war er eben rechtzeitig ins Semester gekommen, an dem Herzfehler war er freilich gewissermaßen unschuldig, aber dies Hin und Her war doch abscheulich! Und Renate? Er fühlte den Druck in der Magengegend stärker, die Gedanken zerstreuten sich. Da sprang er auf, ging ins Schlafzimmer, zog feste Stiefel und den Gummimantel an und lief in den Regen hinein. Das tat wohl, er konnte über sich selbst hinwegsehn, Wipfelwanken und Regensturz groß und stürmisch empfinden, und als er wieder die Tür des Schlößchens öffnete, hatte er das Gefühl, daß etwas sich inzwischen ereignet habe. Ja, der Diener sagte, Fräulein Chalybäus habe aus Berlin angerufen; sie würde nach einer Stunde noch einmal telephonieren. Magda? Was war da geschehn? Sie hatte kein Telephon in der Wohnung, er mußte warten.
Als er ins Zimmer kam, saß Cora am Flügel und klimperte aus irgendwelchen Noten, die sie gefunden hatte. Er setzte sich wieder in den Sessel und begann alte Gedichte durchzulesen, um zu sehn, was sie wert waren. -- >An E.< stand da.
Träumerische Stunden lang Senk ich mich in deine Ferne Wie in einen Glockenklang, Den ich zärtlich lieben lerne ...
Lieben lernen? Einen Glockenklang?
Der aus unbekanntem Tal ...
Georg überflog zwei Strophen und kam zur letzten:
Und indes die Nacht anbricht, Sprech ich seufzend zu den Winden: War ich heimgerufen nicht? Aber sagt, wie soll ich finden!
Georg fluchte. Vor einem Jahr schrieb ich das? Und wann hätte ich jemals zu den Winden gesprochen? -- Da fing er das nächste Gedicht an:
Aber du, Geliebte, deine Augen Hat noch nie ein falscher Hauch getrübt ...
-- übersprang eine Zeile --: In der seligen Geduld geübt ... Wen meinte ich damit? Er nahm ein anderes Stück vor und las:
Sonett
O Herbst, du schwankend Abbild meiner Seele! Wo jähe Klarheit schnellt aus Dämmernissen, Vom Himmel flutend, überall zerrissen, Und oft durchbrüllt von einer rauhen Kehle.
Und Bäume, Felder und der Büsche Hügel Wälzen sich hart, ganz wankend ist die Welt, Und nirgends etwas, das nicht nächstens fällt, Doch noch im Sturz sich hebt auf kargem Flügel.
Und wie das Blatt, das golden, schöngebräunt Zum Falter wird in buntem Taumelfluge, So spür ich tiefer fröstelnd, armer Freund:
Was in mir zuckt, sich wirft, lebt, schwankt und siedet, Sich selber jagt wie eine irre Fuge: Alltod umfängts, Allsterben stillt und friedet.