Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 23
Sie glaubte, daß sie auf der Veranda stehe und über die Stufen in den Garten schaue, in dem es nicht dunkel, nicht hell war; schattenloses Traumlicht herrschte, es war alles grün, Bäume und Büsche standen dichter und stiller als sonst. Da begann etwas Weißes sich im Garten umher zu bewegen, und sie erkannte sich selber, die auf dem um den Rasenplatz führenden Wege plötzlich deutlich sichtbar ward und sich in das enge Grün hinein entfernte. Darin taten sich immer neue Wege auf, und ihr Gehen war schön und friedlich anzusehn, und jetzt war sie es auch wirklich selber, die ging, und sie sah sich nicht mehr. Hinter ihr sagte die Stimme Bogners: Jetzt kommen die großen Verneigungen. Da war wieder die weiße Gestalt, sie selber, und hatte auch schon angefangen, sich zu verneigen, mehrere Male, im Gehen, und aus Verneigung und Sichaufrichten wurde ein sehr ernster Tanz, der endete, indem all dieses verschwand in einem grenzenlosen, leidenschaftlichen Schluchzen, das aus allen Tiefen und Höhen zugleich herauszuquellen schien, zusammenschlug und sie verschlang. -- Renate ging suchend im Garten umher, Magda wars, die sie hinter allen Gebüschen suchte, immer ängstlicher und aufgeregter, allein immer, wenn ein Weg und ein Blick frei zu werden schien, verstellte etwas die Aussicht, ein Mensch, den sie umgehn, ein Busch, ein Zaun, ein kleines Haus, um die sie laufen mußte, und auf einmal befand sie sich vor ihrer Orgel, die mitten in einem Walde stand. Es war dämmrig geworden, und oben auf den matt glänzenden Pfeifen saßen regungslos viele dunkle Vögel ohne Augen, und sie sagte: Das sind die Eulen. Sie mußte die Bälge wohl angetrieben haben und dachte, wenn ich ganz leise spiele, werden die Eulen es vielleicht nicht merken, sonst würden sie gewiß aufgeplustert und in die Luft geworfen werden, und sie zog _Vox humana_ und das Flötenmanual auf, aber indem sie nach ihren Füßen blickte, die sie auf die Pedale setzen wollte, hörte sie hoch über sich die _Vox humana_ ganz fern _Agnus dei_ singen, vor ihren Füßen aber rauschte Wasser klar hervor, die Orgelpfeifen standen darin, und in der hellen Flut wurden erst Hände, dann Bogners Züge sichtbar, die langsam nach oben schwebten, anzusehn wie ein grüner Wassergott ...
Renate fuhr zusammen und spürte, daß sie lag. Und jetzt, da das Glockengeläut schwieg, hörte sie die kleinen Takte und Pausen der schwarzen Amsel und wußte, daß die es gewesen war, die im Traum _Agnus dei_ sang.
Eine Weile noch lag sie still; die Amsel sang nicht mehr; sie hörte das Hausmädchen, das die Treppe fegte und mit dem Schmutzblech klapperte, und auf einmal -- fühlbar -- merkte sie den Stillstand in sich und fragte: Wie kommst du hierher, Renate? -- Sie lag und mußte still liegen, und es war Unveränderlichkeit, das wußte sie, solange sie diese Lage festhielt. Nichts konnte geschehen, zuvor war alles ein beständiges Fließen, Gleiten, Nachfolgen gewesen, nun aber war sie hier angelangt, aus gelinder Flut den Kopf an ein schlichtes Gestade hebend, rückschauend über Strom, Brücken fern, Stadt und Türme, -- wie fremd sah alles aus! Wer denn hatte sie hierher getragen? Es schien ihr nun, als ob einmal viele Arme und Hände sie umschlungen hatten, worauf ihr Leben sich zerstreut, immer zur Hälfte, zu Dritteln, zu Fünfteln sich weggegeben hatte, und jedesmal entstellte und beraubte der fortgegebene auch den gebliebenen Teil. Wann hatte das angefangen? Als sie in dies Zimmer kam, in dies Haus. Ja, hatte sie vordem nicht allein auf sich gestellt hingelebt? Zugleich freilich ihrem Vater, aber wie war der ihr gewohnt gewesen! Der war nun schon so lange tot, daß sie, seiner gedenkend, nichts empfand als sein gütiges Gewesensein in ihrem Leben, nichts sah, als sein immer freundliches altes Gesicht. -- Dann, ja, dann war dies hier gekommen, Erasmus, Josef, der Onkel, und bald alle die Andern, die Friedliebende Gesellschaft, Saint-Georges und -- Bogner. Und lange schon waren Viele von ihnen wieder fort. Herbst, Winter, Frühling, -- das waren Namen, -- für was? Orgel- und Klavierspiel, Arbeit mit dem Freunde, ein Konzert, ein Besuch, ein Mensch, der von der Reise kam, Gespräche, viel Bücher, immer Beschäftigung, und alldas -- wozu? Wellen durchs Herz, spurenlose. Sie mühte sich eine Zeitlang, deutliche Erinnerungen zu finden, aber im Augenblick hatte alles ins Unsichtbare sich hinweggezogen, es war leer, Windstille, Eisvogelbrüten. Siedendheiß ward ihr plötzlich. Liebte ich nicht jemand? fragte sie lautlos, aber beinah grimmig in die Stille hinein, richtete sich auf und heftete die Augen angstvoll ratlos in die regenumschleierten Wipfel draußen. Wie weiß das Zimmer ist! dachte sie plötzlich, und, mit Heftigkeit die Knie an sich ziehend, die Hände neben sich aufstützend, zur Tür blickend, sagte sie laut: Hier kommt niemand herein. --
Da mußte sie lächeln über diese Versicherung an sich selbst. Und was habe ich schon davon, murmelte sie und ließ den Kopf hängen. Eine Flechte fiel an ihrer Wange herab, sie ergriff das Ende davon und strich damit über die Decke wie mit einem Pinsel.
Ich bin wohl, sagte sie sich kühl, zu Manchem hingegangen; wer kam zu mir? Niemand. Wie? Kam nicht Josef, nicht Erasmus? Georg vielleicht, war der nicht auch auf dem Wege gewesen, und wie war das mit Sigurd? Aber du, du, du, eiferte sie böse, du kamst nicht, und was sollten mir also die Andern! -- Sie schleuderte ihr Haar hinter sich zurück, packte es mit beiden Händen am Hinterkopf und warf sich so ins Kopfkissen. -- Mein ganzes, unverbrauchtes Herz habe ich so in der Hand, knirschte sie wutentbrannt, wie dies Haar, meines Weges bin ich dahergeglitten, und nun kommen die tiefen Verneigungen. -- Da mußte sie nun lächeln, ihres Traumes gedenkend, und jetzt gedachte sie einen schönen Namen zu flüstern, einen selbstgesprochenen Namen zärtlich zu hören, aber statt dessen schleuderte sie die Füße unter der Decke hervor und saß nun aufrecht auf dem Bettrand, vorgebeugt, die Hände aufgestemmt, und horchte. Alles blieb still, aber ihr Herz schlug laut und langsam. Plötzlich schlug es dreimal schnell hintereinander, setzte aus und ging wieder ruhig. War sie erschrocken? Sie lächelte über sich selbst. War jemand ins Haus gekommen? Die Klingel konnte sie hier nicht hören. Sie blickte auf die Uhr, es war acht. Gleich darauf klopfte es an der Tür, und das Mädchen meldete Frau Tregiorni.
Als Renate nach beschleunigtem Bad und Ankleiden herunterkam, wurde ihr gesagt, Ulrika sei in der Kapelle. Es regnete heftiger, sie mußte unterm Schirm hinübergehn. Ulrika, in einem nassen Lodenmantel und Kapuze, frisch und lebendig aussehend, stand vor einem von Bogners Engeln. Ja, nun mußte Renate erst ihr Kleid von allen Seiten in Augenschein nehmen lassen und erzählen, daß sie sich für den Winter als Haustracht drei solcher einfacher Röcke habe machen lassen, einen russischgrünen, einen violetten und einen eisengrauen; die Blusen hatten die Form eines russischen Kittels mit ledernem Gürtel, an dem der Hals frei blieb und der Verschluß von der rechten Seite des Ausschnittes schräg über die Brust hinunter zur linken Hüfte lief. Ja, und der graue Kittel war orangefarben gepaspelt, und man konnte jeden Kittel zu jedem Rock tragen, und so trug sie heute Grau und Grün zusammen. Alle Farben könnte sie tragen, jammerte Ulrika, sie mit ihrem roten Haar hätte bloß ihr ewiges Blau oder Grün, und an Festtagen Lila. »Braun hab ich dir doch offenbart«, lachte Renate und umarmte sie. -- Warum sie aber wohl in aller Herrgottsfrühe herausgelaufen sei? -- Dies wußte Ulrika keineswegs; es hätte so schön geregnet. Und sie hätte so seltsam geträumt, sagte sie nachdenklich.
Während Ulrika ihren Traum erzählte, frei in der leeren Kapelle stehend, den Blick im offenen Fenster, wogten so seltsame und wirre Empfindungen durch Renate, daß sie plötzlich erschrak, da sie allein, als habe sie Ulrika geträumt, vor ihrer Orgel saß. Nachträglich begann jetzt Ulrikas Erzählung sonderbar in ihr zu klingen, in einem langsam schreitenden Takt, der die Worte allmählich ordnete, und sie begann in das erste beste Notenbuch vorn auf die leere Seite den Traum aufzuschreiben, folgendermaßen:
Mir träumte: In der nächtigen Allee Entgegen kam ich ihm; ich sah: er war es, Jedoch ein Fremder schien er, und er ging Vorüber mir wie ich an ihm, jedoch Nach wenig Schritten mußte ich mich wenden. Da stand er hergewandt nach mir, und Beide Entgegen kamen wir uns nun und sahn Uns lange ernsthaft, ernsthaft in die Augen. Ich kann nicht sagen, was ich da empfand. Wir gingen nun zusammen, er und ich, Hinab die finstere Allee ganz schweigsam. Am Ende blieb er stehn, ich aber bog Zur Seite in den Park, und um den Teich Ging ich und sah nicht um, doch als im Bogen Ich weit herumgekommen war, da sah Ich ihn, wie er mir langsam nachging. Endlich Fand ich die Bank, wo wir einmal die Drossel Am Abend hörten und gesprächig wurden. Dort setzt ich mich. Da kam er, und er sah Nicht mich und ging vorüber als ein Fremder. Verschwunden war er, aber ich stand auf Als eine andre; als ein andrer Mensch; Neu war ich, reif, vollkommen, ganz in Frieden, Mit mir, mit euch, mit Gott; nicht klug, nicht reich, Jedoch gehalten, aufrecht, und von innen. -- Sag, warum weint ich so, als ich erwachte?
Sag, warum weint ich so, als ich erwachte, wiederholte Renate noch willenlos, auf die geschriebenen Bleistiftzeilen starrend. Dann errötete sie langsam, während sie sich fragte: Habe denn nun ich das geträumt, oder wer? -- Sie sah Gegend und Menschen dieses Traumes dergestalt leibhaft, daß ihre Vernunft ihr in Verwirrung zu geraten drohte. Auch die Amsel sang in diesem Traum, bloß hatte Ulrika gesagt: Drossel. Nein, >entgegen kam ich _ihm_<, das hatte sie nicht gesagt, sondern: >Bogner<.
Renates Augen, die gedankenleer langsam nach oben gingen, trafen sie selbst in dem kleinen Spiegel über ihr. -- Ja, so schreckhaft bin ich geworden, sagte sie vor sich hin, daß ich den Spiegel da habe machen lassen. Manchmal kam Onkel ja herein, während ich spielte. Wie oft saß ich schon hier, sagte sie, sich immer ansehend, entfremdet hinter dem Spiegelglas, seltsam zusehend, wie in den Zügen Bewegungen entstanden, eine Wendung des Halses, ein Senken der Lider, die doch sie selbst machte, die aber da drinnen von selber vor sich zu gehn schienen, -- wie oft saß ich hier, spielte nicht, hatte die Hände im Schoß und hatte in ihnen so wenig wie im Herzen. -- So saß sie nun wieder, müde an sich selber, ratlos, tatlos, sah durch das in ihrer Nähe offene Fenster das matte Regengrün des Gartens, hörte die Spatzen und die ersten Töne der Grasmücken. Verging nun Zeit? Ja, es regnete nicht mehr; ganz fern, kaum hörbar sang die Amsel. Verging Zeit? Sie schloß die Augen, sie hörte wieder das spitze Picken von Regentropfen auf Blättern, und nun strömte es schwer herunter, es wurde dunkler, es rauschte ganz um sie her, schließlich spritzte es naß zu ihr herein, und sie stand widerwillig auf, ging die Stufen hinunter und schloß das Fenster, hinter dem die Sträucher sich unwillig im Regenstrom hin und her warfen. Ihr fiel ein, daß es Zeit sein müsse, zu Saint-Georges zu fahren, aber sie brachte es nicht fertig, die Uhr hervorzuziehn, sie stand vor dem großen Engel, der mit der kleinen Harfe in ausgestreckten Händen durch die Landschaft über die Wand hineilte, dachte: So läuft er an mir auch vorüber! und ärgerte sich ungemein, daß sie immer und immer an ihn dachte. Da schüttelte sie sich, ging zur Tür, sah nichts mehr, fühlte nur das große Rauschen der Wasser, das alles in sich hinabschlang, fühlte sich ergebungsvoll und nachlässig gefangen gehalten. Durch diesen Regen komme ich ja nicht, sagte sie. Wozu hinaus? Ich schlafe langsam vor meiner Orgel ein, die Eulen setzen sich lautlos auf die Pfeifen, damit kein Staub hineinfällt, und ich werde hundert Jahre so sitzen. Nicht Jahre, nein, Jahr--en! sagt man hierzuland. Die Orgel schläft über mir, der Regen braust, wir wachen niemals auf.
Auf einmal war sie dabei, nachzurechnen. Jeden Vormittag vier Stunden Arbeit mit Georges; jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden Klavier und Orgel; jeden Tag mindestens ein Besuch bei Kranken oder Bedürftigen; dazu Küche, Haushalt und all die Rechnungen, nur Abends Erholung, ein Buch, ein Konzert, ein stilles Gespräch mit Georges. Es ist so viel, daß ich mitunter nicht zum Nachdenken komme. Warum genügts mir denn nicht? Ist mein Herz nicht dabei?
Sie verlor sich, lange gedankenlos, mußte sich mühsam besinnen, schreckte zusammen und flüsterte: Nein, so ists aber nicht! Mein Herz ist immer dabei, und ein jedes ist mir Freude, solange ich dabei bin ... Aber eben: solang ich dabei bin nur, und wenn ich jetzt daran denke, so meine ich -- so mein' ich ...
Wieder sich verlierend, ertappte sie sich, daß sie schief auf dem Stuhl saß, den rechten Ellbogen auf dem Knie, die Hände gefaltet, vornüberhängend, aber sie war minutenlang unfähig, die Haltung aufzulösen, saß nur gelähmt und vermochte sich nicht zu helfen, bis ein Gezwitscher draußen vorm Fenster sie aufzuschauen bewog und sich grade zu setzen.
>Die rechte Freude am Leben<, träumte sie dann, >kann nur von einer tiefen liebenden Erregtheit kommen, gleichviel auf was sie sich richtet, Gott oder Mensch oder Sache; denn dann findet sie ihre Erfüllung in jedwedem Tun, jedem Geschäft und Gedanken, und alles wird liebevoll. Dann formt sich das ganze Wesen in Tätigkeit aus, nichts wird gespart, nichts unterdrückt, und die Belohnung ist guter heilsamer traumloser Schlaf.<
Das war Papas Rede, dachte sie, Wort so für Wort. Ja, so war er selber erfüllt von Gott, und ich wars von ihm, aber heut bin ich leer.
Plötzlich schrak sie zusammen. Ihr Herz schlug laut, sie atmete schwer. Was ist das, mein Gott, dachte sie angstvoll, ich war doch so leicht und bewußt beim Erwachen? Was geht denn vor? Was geschieht jetzt? -- Und einen Augenblick lang war sie völlig wie verzaubert, gelähmt, nicht imstande, ein Glied zu bewegen. Aber dann wußte sie: Mein mattes Herz, meine schwache Seele, mein müder Geist, die lähmen mich so. Nutzlosigkeit, sagte sie langsam vor sich hin. Und danach, mit Anstrengung, sich selber verlockend:
Es ist nicht die Stille. Es ist nicht das Unglück dieses Hauses, nicht das finstre Wesen des Erasmus, nicht die Angst vor dem Onkel, nicht mein Schuldgefühl, was mich so lähmt, mich so ungefüge, so nutzlos, so kleinmütig, so beklommen, so elend macht. Vielleicht, ja, es wird auch all dieses mit sein, aber seit wann bin ich denn so, daß Fremdes mich hindert, anstatt mich gut und hülfreich zu machen?
Tief in ihr schrie eine gellende Stimme: Was ich bin und habe, Leib und Seele, Leib und Seele, alles, alles, Herz und Schoß, Brust und Knie, Haar und Augen und Lippen will ich -- will ich -- --
Auf einmal lief sie gepeitscht durch den Raum, aufs Podium, drückte sich mit dem Rücken, die Hände ringend, in die Nische der Tabulatur zu den Registern hinein, warf den Kopf in den Nacken, als biete sie den Hals einer Kralle, einem Gebiß, das hineinschlagen solle, wehrte sich, kämpfte, überwand sich, senkte das Haupt wieder, blickte starr, schloß die Hände, rang die Hände. Sie demütigte, zerknirschte, öffnete sich, wollte, versuchte zu sprechen, flüsterte, gestand und sprach: Ich will bekennen.
Wieder warf sie sich herum. Ich will, ich kann nicht, hilf mir, mein Gott! Und sie umklammerte mit den Augen ein Bündel Pfeifen und sagte laut und deutlich empor:
Auf dich warte ich jeden Tag. Um deinetwillen leide ich, durch dich bin ich so müde, so lahm, so nichtswürdig, so arm. Ich liebe dich, du! Ich liebe dich, ich liebe dich! Von mir und dir rührt all dies Elend her, an deinem Leben hänge ich, an deinen Lippen schlafe ich, von deinen Augen träume ich, du machst mich so schwer. Für dich singt die Drossel, zwitschern die Vögel, grünen die Bäume und blühen die Sträucher, aber ich habe meine Augen abgewandt, und all das ist mir nichts. Vergieb mir, du, meinen Stolz, höre mich an, erhöre mich, sei gut zu mir, tröste mich, richte mich auf, mache mich wieder gut, komm zu mir, komm zu mir! Ich vergesse die Welt, wenn du da bist, ich vergesse mich, wenn du da bist, ich bin leicht, ich bin gut, ich bin schön, wenn du da bist. O vergieb mir, du bist ja langmütig! vergieb, du bist freundlich, vergieb, ich war so klein! Sage mir, daß du bist, so will ich alles Elend der Erde tragen. Sage mir, daß du an mich denkst, so will ich tapfer sein und nicht sorgen. Sage mir, daß du morgen kommen willst, so will ich mich ver--wan--deln ...
Sie brach ab, denn sie hatte unweigerlich einen Schritt auf den Steinfliesen der Veranda gehört, und doch war das unmöglich, denn die war viel zu fern. Sie schwankte todbleich. Was habe ich getan? Hat er mich gehört? Rief ich ihn her? Und indem wurde sie ganz kühl. Jetzt kommt Ulrikas Freund, dachte sie friedlich, und siehe da, in der Tür stand Bogner, schwenkte einen triefenden Hut, lachte und rief, ob Ulrika nicht da wäre. Renate lachte gleichfalls und erwiderte, sie sei eben gegangen. Der Maler kam einen Schritt vor, drehte und besah seinen Hut, schien unschlüssig und murmelte endlich verlegen, ja, dann könnte er wohl wieder gehn. Scheinbar war er in Ulrikas Wohnung gewesen, aber er vergaß natürlich, das zu sagen. Einen Augenblick später war er verschwunden. Renate aber hörte, eigentümlich melodiös und schmeichelnd die Worte auf sie zuschweben: Ja, wenn du lebtest, wäre vieles nicht. Der Tag nicht blaß, es glänzte dein Gesicht. Die Nacht nicht schwarz, du leuchtetest mir gern, ach, du bist fern, bist fern, bist fern, -- ich weine nicht. --
Freilich nein, gütiger Himmel, sie weinte nicht. Ja wenn -- du -- leb--test! sagte sie mit listiger Betonung vor sich hin. Bogner? Das war ja ein gänzlich fremder Mensch gewesen! Sie mußte sich umdrehn und an den Orgelpfeifen emporsehn, ob da vielleicht noch von ihrem Bekenntnis etwas hafte und ihr beweise, daß es ihm, Bogner gegolten habe. Nein, da war nichts. Dieser Bogner aber war nur ein Bild, eine Heiligenfigur gewesen, und sie hatte an ganz jemand Andern gedacht. An wen? An irgendwen! Und was war nun? Erlösung? Freiheit, Guterdingesein, Hoffnung, Sicherheit, Zukunft, Irmelin Rose, nämlich: alles was schön ist? -- Nichts davon, nein, sondern eine furchtbare Traurigkeit senkte sich in schwarzen Schauern über sie, Schritte waren im weichen Sand des Gartens hörbar, langsam, unbekannte, -- nein, war das -- --?
Und langsam, wie ein Geist in ihren Augen anzusehn, dem sie entsetzt entgegenstarrte, stieg die schwere Gestalt des Erasmus die Stufen in der Tür herauf, den Kopf gesenkt, und nun sah er sie erst, zuckte ein wenig die Stirn empor, stand still, murmelte: »Verzeih, ich dachte --« Dann ganz heiser: »-- bei dem Regen ...«
Dann warf er die Schultern auf und nieder, als wende er sich im Rock angewidert hin und her, wütend, daß er gekommen war. Renate glaubte, sie würde im Augenblick zu ihm hinfliegen, ihm zu Füßen, ihn anzuflehn, er solle gut sein, anders sein, -- ja, was denn? -- -- Aber sie stand, ganzen Leibes in die Tabulatur hineingedrückt, die Augen im Schrecken weit offen, und danach, als er wieder verschwunden war, sank ihr der Kopf langsam wie abgeschlagen vornüber auf die Brust.
Viel später fand sie sich, durchnäßt vom Regen, mitten im Garten, wie sie zu den Fenstern aufsah. Ohne Willen machte sie sich dann zurecht und fuhr zu Saint-Georges wie alltäglich.
Drittes Kapitel: April
Tandem
Georg stand vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer und betrachtete sein Abbild auf einem schönen Hintergrunde offener Fenster voll Gartengrün, Sonnenlichter, Goldregen und windiger Bewegung. Ein Ladenknabe, so dachte er, könnte sich leicht eleganter anziehn als ich. Zum Beispiel würde er doppelt so weite Hosen tragen, um zart anzudeuten, daß er die Mode kenne; aber ihm würde nicht einfallen, dunkelblauen Marengo zum Cutaway zu nehmen wie ich -- hier lachte er und freute sich --, denn das ist eine Kunst. -- Er atmete auf. Ich glaube, heut bin ich glücklich. Plötzlich, nahe an sein Spiegelbild herantretend, faßte er mit Gewalt sein Antlitz ins Auge, und so, Auge in Auge mit sich selber, mit festgebissenen Zähnen, murmelte er sich zu: Sage! Sag, bist du ein Prinz, oder nicht? Schurke! sagte er besinnungslos, gesteh! -- Irgendetwas im Gegenüber schien zu bejahen. Das Blut stieg ihm in die Schläfen, er schüttelte den Kopf, lächelte und wandte sich ab. Am Fenster stehend, empfand er die überschwängliche Güte des Tages. Der Garten vor ihm lag im Schatten, still die Wege, ins Buschwerk entschwindend; über den schillernd grünen Wipfeln flammte der feuerblaue Himmel und im tiefen Blau große, gewaltige, schneeweiße Wolkenballen mit majestätischen Schatten. O göttlicher Tag, dachte er. Und außerdem Korso! und ein fabelhaftes Tandemgespann! Und Renate! Und mein Plan. Mein Plan. Langsam, langsam -- aber näher werde ich ihr kommen. Und in den Sommerferien dann Helenenruh. Da werde ich sie ganz ...
Augenblicks meldete hinter ihm der blasse Egon: Fräulein von Montfort. -- Georgs Herz erschrak wunderbar angstvoll. Mit der Pünktlichkeit der Könige ... murmelte er und eilte hinaus.
Drüben, mit ausgestreckter Hand auf Renate zueilend, umfaßte er ihre Gestalt mit Blicken und sah alles: das graue Schneiderkleid, den flachen, grauen Hut und die schwarze, hangende Feder. Er strahlte.
»Ach, Sie sehen ja wie eine Prinzessin aus!« sagte er glücklich. »Ja, jetzt wollen wir Tee trinken. Oder lieber Kaffee?«
Da Renate um Kaffee bat, schrie er zur Tür hinaus: Kaffee! --
»Ach, Sie haben ein Bild von Esther,« sagte sie, am Schreibtisch stehend, »darf ich es sehen?« Sie nahm es in die Hand, ihr Gesicht ward wehmütig, sie stellte es wieder fort. »Heut vor einem Jahr war es anders«, sagte sie leise.
Es ist eine ganze Rinde um sie, dachte Georg und erinnerte sich, wie sie im Vorjahr um diese Zeit hinter Irene durch die Büsche gejagt war, oder auf dem Rasen gelegen hatte.
»Wir sind ein ganzes Jahr älter geworden«, bemerkte er nichtssagend.
»Zwanzig Jahr werd ich«, meinte sie ruhig.
»Ein Monat mehr als ich. So, hier kommt Kaffee.« --
Sie zog die Handschuh aus, goß sich Kaffee ein, dann für Georg Tee aus der andern Kanne, tat Zucker, Sahne hinein und gab ihm die Tasse. -- Wie es denn mit seinem Herzen stehe, fragte sie, in den Sessel gleitend.
Er lehnte sich an den Schreibtisch und versicherte: »Glänzend! Die Wochen im Taunus haben mich völlig wiederhergestellt. Ich habe in Trassenberg schon wieder fest gearbeitet. Übrigens haben Sie dort einen großen Verehrer. Das heißt, eigentlich sinds zwei, denn mein Vater fragte gleich nach Ihnen. Der andre ist Onkel Birnbaum. Sie kennen doch Onkel Salm? Sie haben einmal in Helenenruh drei Worte mit ihm gesprochen, davon ist er noch beseligt. Als ich anfing, sprechen zu lernen, soll Onkel Salm mein erstes Wort gewesen sein. Ach, was haben wir ihn geliebt, Magda und ich! Er war zu allem gut, er hatte in Helenenruh immer Zeit für uns, schleppte uns herum, ließ sich malträtieren, kam für jeden Schaden auf, vertuschte alles, oh eine Seele von einem Menschen.«
»Weiter, Georg, Sie erzählen so nett.«
Er setzte die Tasse fort, faltete die Hände ums übergeschlagene Knie und dachte an seine Kindheit.