Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 22

Chapter 223,796 wordsPublic domain

Georg suchte dort, über die Brüstung der Proszeniumsloge geneigt, und gewahrte in der Tat bald ein seltsam gespenstisches Gesicht, das, als gehörte es zu einem Kinde, dicht über dem grünen Plüschwulst der Brüstung war: gelbes, in die Stirn gekämmtes Haar, unter dem hervor aus dem ganz weißen, altkindischen Gesicht mit spitzer Nase, unbestimmt helle Augen umherspähten, sich verdrehend, so daß darin das Weiße glänzte, äugend in einem abstoßenden Gemisch von Munterkeit und Bosheit. Ein Gespensterwesen ohne Jugend und ohne Alter, fast Knabe und fast Mädchen ...

»Siehst du?« raunte Benno. »Ein Vampir!«

Allein Georgs abirrender Blick hing an dem Gesicht daneben fest, aus dem zwei schöne und traurige, dunkle Augen ihn anblickten; ihn? -- ja -- gewiß -- ihn, -- und zwar senkte sie wohl gleich die Lider -- sehr schwarz und lang mußten die Wimpern auch am untern Lide sein, denn die Augensterne waren rundum verschattet --, aber im nächsten Augenblick kam der Blick wieder empor und hing an ihm fest, viele Sekunden lang. Dann wagte Georg es, zu lächeln; sie blieb ernst. Nein, nun lächelte auch sie, traurig, und schlug die Augen nieder.

Georg streckte die Hand nach dem Opernglas, das Benno haben mußte, murmelte, er müßte das Gespenst sich näher ansehn, erhielt es und konnte nun die Gesichter beide nahe vor sich sehn und in fast natürlicher Größe. Das des Gespenstes war weiß geschminkt und abscheulich; auch das der Andern war -- ein sehr weiches, fast rundes Oval -- weiß, eher ein wenig grau, wie von vielem Schminken. Auch diese -- waren es wirklich Schwestern? -- trug das Haar in die Stirn gekämmt, aber es war tiefbraun, sehr altem Mahagoni oder polierter Eiche gleich, ja, es schien fast einen grünlichen Hauch zu haben wie Bronze, -- aber das kam wohl von dem nahen Samtgrün der Brüstung und -- ja, auch ihr Kleid war von ähnlich grünem Samt. -- Befremdend war der Mund, von dem nur in seiner Mitte ein hagebuttengroßer, tiefroter Fleck der Oberlippe sichtbar war; die Mundwinkel, tief ins weiche Wangenfleisch eingebettet, waren darin wie ausgewischt, ähnlich wie die Augen vom Schwarz der Lider.

Indem sah er sie ein kleines Opernglas heben, aber gleich wieder sinken lassen, -- wohl da sie das seine auf sich gerichtet sah.

Und dann, nachdem er das seine fortgetan, blickten sie einander wieder in die Augen, in Pausen, wieder und wieder. Es war süß, melodisch, -- fast wie Drosselgesang, dachte Georg. -- Dann begann der nächste Akt.

Wer ist sie? dachte Georg, wieder im Dunkel geschlossener Augen und wirrer Harmonien. Hat sie mich erkannt? Ach, wahrscheinlich doch! Überall haben sie ja Photographien von mir aufgehängt. Freilich, wenn die Menschen einen vor sich sehen -- im Laden zum Beispiel --, denken sie doch nicht, daß mans sein könnte. Er lächelte, da ihm einfiel, was der berühmte Gaffron, der Mime, ihm einmal erzählt hatte, wie er eine Ansichtskarte von der Wiener Burg gekauft und die Verkäuferin ihm eine empfohlen hatte mit den Worten: Da habens auch den Gaffron gleich mit drauf ...

Er wandte sich und suchte im Dunkel der Menschen unten ihr Gesicht, fand es auch, mattweiß leuchtend, und sah, daß sie zu ihm emporblickte. Obwohl er ihren Blick nicht wahrnehmen konnte, fuhr er fort, hin und wieder sekundenlange Blicke mit ihr zu tauschen, dieweil er dachte:

Will sie etwas? Sie sah so ernst aus; das muß echt sein. Nein, dirnenhaft war sie doch gar nicht! Empfand sie wirklich etwas für ihn? Ach, ja so wars immer mit ihm gewesen: die er hätte haben mögen, pflegten ihn nicht zu sehn, solange sie nicht wußten, wer er war, und die Unbekannten, die ihm ihre Geneigtheit zeigten, stießen ihn ab eben dadurch. Auch diese -- -- sie ging fast zu weit ... Und was nun? Nun das Anknüpfen, das unleidlich war. Sie mußte ihm erst doch mehr entgegenkommen, damit er sicher würde, dann wars ja einfach, allein -- -- um so mehr würde dann wieder die Zudringlichkeit ihn abstoßen ... Und natürlich grade heute mußte ihm dies begegnen, wo er nach Wochen und Wochen des Schmachtens und Leidens -- nun einmal sich bedürfnislos fühlte! Dieses Leben hier war von allen Bestien die heimtückischeste.

Schweren Herzens, als der Vorhang fiel, erhob er sich doch langsam und sah sie aufstehn. Bennos Arm nehmend, schlenderte er durch das heiße Gedränge auf den Treppen und Gängen, behelligt und unwirsch vom vielen Ansehn derer, die ihn erkannten, in den Wandelgang hinter den Proszeniumslogen hinunter, der fast leer war. Sie stand in der Tür ihrer Loge und sah ihn kommen, bewegte sich vor, ging an ihm vorüber, ihn ansehend, ohne zu lächeln.

Und dann begegneten sie sich, Beide umwendend -- Benno, aufgelöst in Musik, wanderte blindlings und schweigsam mit --, begegneten sich noch einmal -- und lächelte sie jetzt nicht wieder? -- und ein drittes Mal, worauf sie verschwand. Das grüne Samtkleid, das schlecht und lose saß, wunderte Georg, ohne seine wachsende Zuneigung viel zu stören.

Oh er würde sie lieb haben können! Wenn sie nur nicht törichten Geistes war, -- aber das schien nicht so. Also mußte es sein. Mußte, mußte! Nicht wieder aus Feigheit die Gelegenheit versäumen! Nun -- aber wie? -- Es mußte sich finden ...

Der dritte Akt war noch nicht halb vorüber, als Georg sie mit dem Gespenst flüstern sah. Dann stand sie auf, stand noch einen Augenblick aufrecht, zu ihm aufblickend, und verschwand.

Georgs Herz tat einen Sprung und begann zu rennen. Festgebannt noch für Sekunden, erhob er sich dann doch und sagte zu Benno, er müsse ihn entschuldigen, und, verlegen lächelnd: ein Abenteuer verlangte ihn ...

»Aber wie denn, Georg?« fragte Benno fassungslos. »Ich hab doch gar nichts gesehn!«

Georg drückte ihm die Hand, verließ eilig die Loge, ließ sich Hut und Mantel geben und lief mit angstpochendem Herzen hinunter. Noch auf der Freitreppe sah er sie unten in der Halle stehn, -- ja was für einen abscheulichen, vergilbten alten graden Strohhut hatte sie denn auf dem Kopf! -- Georg fand sie so entstellt, daß er fast dies als letzten Ausweg benutzt hätte, um davonzukommen, allein was sollte Benno denken? -- Sie stand -- er sah sie von der Seite --, langsam einen schmutzigen weißen Glaceehandschuh anziehend --, und nun wandte sie sich herüber, sah ihn und ging schnell hinaus. Er folgte. Sehr langsam; so langsam er konnte.

Die dunkle, enge Straße war voll von wartenden Automobilen und Equipagen. Die Nachtluft atmete lau. Und dort links bewegte ihr Schatten sich davon, auf das rote Leuchten der breiten Goethestraße zu. Langsam folgte Georg, mit Entschlußlosigkeit kämpfend, mit: Soll ich? und: Soll ich nicht? wechselnd fast bei jedem Schritt. An der Ecke angelangt, gewahrte er sie erst nach einigem Suchen schon fern drüben auf der andern Seite, wo das steinerne Brückengeländer die Häuserzeile fortsetzte, und etwas rascher nachgehend, sah er sie über die Brücke, am Gitter der Molkerei hinabgehn, dann um die Ecke biegend entschwinden. Selber dort -- auf einmal ganz verwirrt vom Erinnerungsgeruch der Gegend, durch die ihn jahrelang sein Schulweg geführt, -- sah er sie wieder auf der andern Seite der zweiten Brücke über der Flußbiegung, und sie stand still an der Brüstung, flußabwärts blickend, -- dorthin, wo am linken Ufer sein alter Schulhof lag und dahinter das rote Haus mit der Sonne auf dem Türmchen ...

Ja, nun mußte es geschehn. Unaufhaltsam kam er näher. Was war zu sagen? Abscheulich war das ja! Und dies Wesen war womöglich ihre Schwester mit dem Gespenstergesicht! -- Und dann ballte er sein Innres zusammen wie ein Papierknäuel, trat neben sie und sagte -- eben zwei näherkommende Männer gewahrend -- im Ton alter Bekanntschaft, wenn auch heiser:

»Es ist angenehm kühl hier, nicht wahr?«

Nun erst wandte sie das Gesicht herum, lächelte ein wenig krampfhaft, bewegte die Lippen und sagte endlich, dieweil Georg plötzlich in schönster Sicherheit dachte: sie hat ja mehr Angst als ich! --:

»Ja.«

Und nun gingen sie zusammen weiter, Georg besinnungslos dies und jenes redend, von der Musik, von den Darstellern, ohne zu wissen, was er sagte, -- gingen die dunklen, laternenerhellten, gewundenen Straßen, wo Georg jeden Stein kannte, an seiner alten Öltzenstraße, ganz nahe am Pragerschen Hause, am Kolonialwarenhändler Kiffe, am Bäcker Engelhardt vorüber, an den alten Schildern mit Anpreisungen von Malzkaffee, Kindermehl, Leibnizkakes, -- wo Georg dann merkte, daß er vor Erinnerungen wieder verstummt war -- einerseits, und daß sie ja in der Richtung seiner Wohnung gingen -- andrerseits.

»Wohin gehen wir eigentlich?« fragte er da kameradschaftlich.

Sie lachte leise. »Halt in die Allee.«

Und so kamen sie über den Platz und waren bald im Dunkel der noch kahlen Lindenwölbungen. Da schob Georg seinen Arm in den ihren, und siehe da, sie faßte mit der Hand, an der kein Handschuh war, die seine, und er mußte nach einer Weile wieder loslassen, um gleichfalls den Handschuh auszuziehn.

»Und nun,« sagte Georg in völliger Sicherheit, »nun erzählen Sie mir, nicht wahr! Wie heißen Sie? Nur den Vornamen, -- Nachnamen interessieren mich nicht.«

»Cornelia«, hörte er sie sagen.

»Cornelia?« fragte er überrascht. Wer hieß denn Cor--? Ach, Cornelia Ring!

»Nicht Cornelia,« sagte sie lachend, »Cordelia mit d, von _cor_, _cordis_.«

»Oh Sie können ja Latein!«

»A bissel!«

»Und Bayrisch?«

»Na freilich! Oberbayrisch, mei Muttersprache!«

»Am Ende auch Griechisch?«

»Auch. A weng!«

»Das glaab i nimmer!« versuchte Georg sich Münchnerisch. »Sagen Sie mal was auf!«

Sie sah gradeaus. Er merkte beseligt, daß ihre Finger mit den seinen spielten.

»Na, fällt Ihnen nichts ein? Dann übersetzen Sie mal: _Anär tis athänaios -- uk ebuleto fotografizestai!_«

Leicht auflachend stutzte sie. Hatte sie gelogen?

»Was heißt denn das?« fragte sie dann. »Ein griechischer Mann, der nicht photographiert werden wollte? Wo kommt denn das vor?«

»Also wahrhaftig, Sie könnens! Das ist so ein alter Schülerscherz. Dann können wir ja griechisch weiter reden.«

»Awo!« sagte sie, seine Hand drückend. »Sagens mir lieber, wie Sie heißen?«

»Wissen Sie das nicht?« fragte er unbedacht. -- Sekunden vergingen, bis sie ihn ansah und fragte: »Nein, -- woher soll ich das wissen?« Und Georg atmete auf.

»Ich heiße Georg.«

»Georg? Ach, das ist schön!«

»Und auch griechisch.«

»Ja: ge--vor--gós,« sagte sie mit genauer Betonung schulmäßig, »der Landmann. Sans an Landmann, gell?«

Oh dies >gell< war entzückend! Georg schüttelte nur lachend den Kopf, und sie wanderten langsam weiter, schweigsam, während Georgs Herz immer zärtlicher, sein Geschlecht immer begehrlicher empfand. Sie nahm jetzt den Hut ab, schüttelte den Kopf, und Georg sah, daß ihr Haar kurz geschnitten rund um den Nacken fiel. Darüber erlag er plötzlich, blieb, sie festhaltend stehn, umschlang sie und drückte sie an sich, während ihr Kopf schon hintenüber sank, ihr Mund emporkam, doch traf er, sie küssend, erst die Wange. Dann, als er ihren Mund gewann, brauste sein Blut siedend auf, durchflammt von der erschreckenden Süßigkeit dieses Mundes. Er stolperte, sie schwankten, ließen sich dann los und gingen hastig weiter, Georg trunken und beglückt. Bald nahm er ihre Hand, dann zog er sie davon, durch die Bäume der Allee und in einen der Wege in den Anlagen. Und dann saßen sie auf einer Bank, er hielt sie fast auf den Knien, ihre Brust lag an ihm, sie ließ sich küssen, Gesicht und Hals, küßte wieder und atmete tief und wild.

Wieder stille geworden nach dem Ausbruch, fragte Georg, ganz froh vor glücklicher Überraschung:

»Nun sag, was möchtest du? Hast du Wünsche? Wollen wir nach Ägyptenland reisen? Oder nach Stockholm? Na?«

Sie schwieg; ihre Augen blieben geschlossen an seiner Schulter.

»Aber erst muß ich wissen, wer du bist, nicht wahr?« sagte er leise scherzend. Da schlug sie die Augen auf und sah ihn lange an. Endlich sagte sie ganz ernst und mit tiefer Stimme:

»Ich bin nur eine arme Seele!«

Und eine Weile später hörte er, übermannt von Mitleid, Zärtlichkeit und Staunen, sie sagen:

»Bist du denn so reich? -- I moan,« setzte sie hinzu, »weils du von Reisen redst.«

»Möchtest du denn reisen?«

»Ich will, was du willst«, sagte sie leise.

Ihn überliefs. Was war das hier? Was hielt er denn hier im Arm?

Lange wars still. Ob ihr nicht kalt sei, fragte er.

Oh nein, sie sei ja ganz glühend.

»Aber schad, daß nicht Mai ist«, meinte sie dann träumerisch vor sich hin.

»Die Nachtigall ...« fing er an.

»-- müßt halt schlagen«, ergänzte sie wohlgemut, halblaut wie aus dem Schlaf.

»Also gehn wir doch hin, wo sie schlägt, Cordelia. Du wolltest dir doch was wünschen. Wünsch doch mal! Na, was möchtest du wohl jetzt?«

»Was i möcht?« Sie lächelte geschlossenen Auges und fuhr sachte mit lieblichem, innerm Humor fort:

»Ich sollt in eim Schloß sein dürfen ... im Garten von dem Schloß --, und in an -- Teich. Ja, in dem Wasser, dem kühlen, -- da sollt ich stehn dürfen, bis zun Knien. Und auf meinen Armen -- so ausgestreckten Armen weißt und am Kopf und den Schultern -- da sollt alles voll sein dürfen von -- Papagoyen. Naa! ich mein' ja nicht Papagoyen, ich mein' -- Lerchen. So a kloans Gsindl, weißt! Aber -- -- das bräucht halt a net! Bloß das kühls Wasser bis zun Knien, das sollt schon dürfen«, schloß sie bescheiden.

»Und das Schloß?«

»Und das Schloß halt«, wiederholte sie befriedigt.

»Dann also los, gehn wir hin!« entschied Georg, sprang, sie abgleiten lassend, auf und zog sie mit sich den Weg hinunter auf die chaussierte Straße zum Schlößchen. Sie sagte lange Zeit nichts, wohl im Glauben, er scherze. Plötzlich aber hielt sie an, faßte ihn mit beiden Händen bei den Schultern und fragte, ihre Augen fest und ganz nah unter die seinen haltend:

»Georg! bist du wirklich reich?«

Er bejahte verwundert. Langsam irrte ihr Blick ab, fiel, sie senkte die Stirn gegen seine Brust.

»Ach, das ist schade!« seufzte sie tief auf. »Ich dachte, du wärest auch arm ... Aber gut bist du, nicht wahr?« sprach sie, ihn wieder anblickend, hastig weiter, »bist du nicht? Ja, du bist gut! Oh sag doch, daß du gut bist, bitte sags, bitte, bitte sag mirs doch!« wiederholte sie bettelnd gequält, bis er Ja sagte.

»Danke«, seufzte sie leise. »Dank dir viele Male. -- -- Gehn wir nun zum Schloß?« fragte sie kindlich zum Spaß. Er nickte nur, verwirrt von all dem sonderbaren Hin und Her, aber sehr gerührt, dankbar und voll Vorfreude über die kommende Überraschung.

»Ists das?« fragte sie, als zur Linken die Hausecke im Dunkel sichtbar wurde. Er nickte nur und zog sie weiter an der Hand, die Rampe empor vor das Portal, wo er sein Schlüsselbund hervorholte und mit den Worten »Wolln mal sehn, ob einer paßt!« einen nach dem andern versuchte, bis er den richtigen nahm und aufschloß.

»Es geht ja auf!« schrie sie ganz entsetzt. Er aber war schon im Saal, drehte die Lichtkurbel, nahm den Hörer des Haustelephons von der Wand, hörte nach Sekunden -- dieweil er sie dastehn sah, ihren alten Hut in der Hand, fassungsloses Staunen überm ganzen Gesicht -- des blassen Egon verschlafene Stimme und trug ihm auf, Limonade und zwei Gläser ins Arbeitszimmer zu bringen.

»Oder magst du lieber Wein? Ich trinke keinen«, fragte er sie, die mit runden feuchten Augen immer noch langsam umhersah. Dann schien sie ihn zu erkennen, ihre Augen verdunkelten sich schwer, auf einmal war sie vor seine Füße hin an den Boden geglitten, legte die Stirn an seine Knie und sagte:

»Habe Dank, Herr!«

Und nach einer ganzen, für Georg fast verzweifelten Minute in der Scham seines Nichtseins und Scheinens:

»Ich bin dein eigen.« --

Dann gelang es ihm endlich, sie hochzuziehn. Sie ließ sich geduldig küssen wie ein erschöpftes Kind, lachte dann leise und verlangte, wieder in ihrem kindlichen Spaßton, »das Übrige.«

Georg schloß aus alledem mit Bestimmtheit, daß sie Schauspielerin war; zwar hatte er nie eine gesehn, die so fortwährend agierte; aber die Art, wie sie's tat, war ihm bezaubernd.

Als aber bald darauf im Arbeitszimmer die Mondsphäre aufleuchtete, war sie vor Andacht kaum zu bewegen, daß sie die Stufen herunterkam, und dann ging sie umher und bewunderte und berührte ein jedes, die Kostbarkeiten, die Blumen, die Möbel, mit einer kleinen, scheuen, bittenden und vertraulichen Bewegung der Hand, bis sie vor dem Penserioso in vollkommenes Schweigen versank. Unterweil brachte Egon Limonade, Georg mischte ein Glas, brachte es ihr, und sie nahm es, ohne es zu bemerken, trank und gab es ihm wieder.

»Man möcht ihn immer anschaun«, sagte sie endlich. Und, die Hände faltend vor der Brust:

»So möcht man auch einmal können sitzen -- immer so -- und nachdenken, immerfort nachdenken, wie das alles kommt ...«

»Ja, nun bin ich im Schloß!« stellte sie erwachend fest. »Und du bist also der Prinz. Schad, wie a Prinzessin schau ich net aus da herum!« sagte sie, den Fuß vorstreckend, um ihn auf ihr altes Kleid aufmerksam zu machen.

Georg lief zur Truhe neben dem Kamin. Darüber gebückt, in den seidenen Zeugen wühlend, erinnerte er sich mit Macht, aber er wollte sich nicht Esthers erinnern, wühlte stumpf weiter, den roten und blauen Bademantel hervor, den Sigurd, den Kimono, den Ulrika getragen. Es mußte etwas Dunkles sein für Cordelia, -- nein, es war nichts, das gepaßt hätte, außer Esthers Gewand. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, als er es Cordelia brachte und sie, ganz wie Esther dazumal, ins schnell erleuchtete Schlafzimmer damit drängte. Dann kühlte er sich mit Limonade und versuchte, zu glauben, daß Esther das Kleid gerne hergab.

Ihre Stimme hinter sich hörend, drehte er sich um. Oh sie sah nun köstlich aus in dem düstern Kleid mit feurigen Blumen, das sie, nacktfüßig, mit beiden Armen an den Leib drückte, schmitzäugig flüsternd; sie habe nichts drunter an; so weich sei's, so ...

Er glaubte, alles zu begreifen, sprang auf sie zu, ergriff ihre Hand, lief mit ihr zur Gartentür, öffnete und zog sie ins Freie, den Weg hinunter durchs Gebüsch bis an den Wassergraben. -- Das sei der Teich, den er hätte. Aber ob es ihr denn wirklich nicht zu kühl sei ...

Sie stand, den Kopf im Nacken, lange nach oben blickend. Endlich flüsterte sie melodisch und auch theatralisch:

»Nicht Mond noch Sterne in der Nacht. Dann will ich leuchten!« und ließ das Kleid an den Boden fallen.

Georg zitterte in den Knien. Er wagte fast nicht, sie anzusehn, sah die dunkle Wasserfläche, das schwarze Strauchwerk drüben, auch -- einen grauen Fleck im Schwarzen der Flut -- den jungen Schwan, der sich bewegte, und endlich sie selber, die wieder erhobenen Hauptes aufwuchs aus der Erde, völlig wie Marmor so bleich weiß, so weich und schmal, aber mit vollen, schönen, breit aufgesetzten Brüsten. Sein Blut lief über, er lag an der Erde und küßte ihre Knie, ihre Füße, sprang wieder auf, wollte sie an sich ziehn, erschrak, ihre Brust berührend, weil sie kühl war, nein kalt, wie Marmor, jedoch weich, -- allein sie wies ihn leicht ausweichend von sich und ging schnellfüßig die schräge Uferböschung hinab bis ans Wasser. Er sah, daß sie strahlte mit ganzem Leib. Nun rauschte die Flut, in die sie watete. Stehen bleibend, drehte sie sich nach ihm um; er hörte durch das Brausen in seinen Schläfen ihre Frage, ob der Schwan gefährlich sei, und sah, leise verneinend, sie tiefer in die schwarze Flut gehn. Der Schwan kam jetzt mit leichten Stößen heran, -- er war jung und zutraulich --, bewegte voll Anmut den Hals auf und nieder, drehte den Kopf, beschrieb einen Kreisbogen, sie streckte die Hände nach ihm aus und lockte, da kam er näher, ganz nahe zu ihr, richtete sich auf, spreizte sich und schlug mit den Flügeln. Stillehaltend danach, ließ er sie sich zu ihm bücken und ihn liebkosen, schmiegte den Hals an ihr empor und legte den Schnabel auf ihre Brust.

Fast kühl ward es Georg im Hinsehn. Die Nacht war unbewegt, windlos, geräuschlos, wie ohne Jahreszeit, nur Nacht, und, ins Vorjahrgras der Uferböschung niedergleitend, fühlte er das Rieseln über Rücken und Armen vom unbegreiflichen Schauder einer Furcht, bis er jetzt ganz überronnen, schamhaft wie ein Knabe das Gesicht in den Händen verbarg, dann völlig verwirrt, glücklich, schwellend von tausend Gefühlen, sich auf dem Rücken ausstreckte.

Leise rauschte es wieder in der Flut. Er sah sie heraufkommen, nicht dort, wo er lag, ein wenig links von ihm, und hingleiten. Lange Sekunden mußte er ohne Bewegung bleiben, nach oben blickend, trunkenen Auges. Als er sich dann zu ihr wandte, lag sie abgekehrt, ganz still, und wie er nun die Hand ausstreckte nach ihrer Schulter und sich hinüberbog, erkannte er, daß sie den Kopf auf den Arm gelegt hatte und weinte. -- Erschrocken zog er die Hand zurück, streckte sie wieder aus, wollte etwas sagen, blieb stumm, ratlose Bestürzung im Herzen und Mitleid, so wenig er begriff.

Plötzlich lag sie auf den Knien, das Haupt tief hintenüber zum Rücken gesenkt, die Arme schlaff. Trotz des Dunkels konnte er sehn, wie ihre Brust sich hochwölbte und spannte, bis ihr Mund mit einem haschenden Wehlaut aufbrach, und sie seufzte ein sterbend tiefes, erschütterndes: Ach!

Im nächsten Augenblick war sie aufgestanden und ging langsam, ohne nach ihm zu sehn, das Ufer hinauf, den Kopf gesenkt, schlaff hangender Arme, und weiter und zwischen dem schwarzen Strauchwerk fort, wo das Weiß ihrer Glieder noch lange schimmerte. Endlich klang leise die Tür zum Haus.

Georg wartete, still in sich hinein lächelnd. Sie schämt sich nun, dachte er, oh wie werde ich sie lieben können!

Als aber sein Blut anfing, heftiger zu sausen, das Zittern der Begehrlichkeitsangst über der Herzgrube wütender pochte, spiegelte er sich vor, sie erwarte ihn drinnen, im Schlafzimmer womöglich -- und ging, jedoch langsam.

Das Arbeitszimmer war leer. Die Tür zum Schlafzimmer stand halb offen, und drinnen war Licht. Er trat leise näher und spähte hinein. Niemand war darin.

Georg fühlte sich einen Augenblick versucht, die Schränke zu prüfen, ob sie sich in einem versteckt halte, doch brachte ers nicht fertig, ging ratlos ins Zimmer zurück, und als er absichtslos über den Schreibtisch hinblickte, schien ihm dort irgend etwas verändert. Nähertretend sah er auf dem weißen Löschblatt der Schreibunterlage große Schriftzüge, mit dem Blaustift geschrieben, der noch darüber lag.

»Dank! Dank! Dank!« las er; und darunter: »die arme Seele.«

Haß und Enttäuschung, die aufquellen wollten, kamen doch nicht hoch vor dem Schauder der Ratlosigkeit und des Staunens. Seine Stirn sank langsam vorüber, indem er in den Stuhl hinabglitt. Er hätte weinen mögen vor Bitterkeit. Dann verging auch diese in offenbares Nichtverstehn. Sie wieder im Wasser unter sich sehend, beneidete er den Schwan. Bald fühlte er sich müde, stand kopfschüttelnd auf, lächelte mit Anstrengung und begab sich ins Schlafzimmer.

Renate

Renate erwachte beim Frühgeläut aus der nahen katholischen Kirche, dehnte sich, machte die Augen versuchsweise ein paar Mal auf und wieder zu und stellte fest, daß sie friedlicher und behaglicher Laune war. Vielleicht, dachte sie, kommt ein Brief, oder Besuch, und sie streckte sich gerade aus, faltete die Hände unterm Nacken, sagte sich, wie wunderbar breit ihre Muschel von Bett sei, heftete die Augen auf die bei der Dämmerung kaum kenntlichen Züge der dunklen Madonna Feuerbachs drüben an der lichten Wand, schnurrte schließlich gähnend wie eine Spirale in sich zusammen und sprang aus dem Bett. Im Schlürfen ihre bastenen Badeschuh an die Füße bringend, ging sie ans Fenster, das weit offen stand, schlug den Vorhang zurück und fand den kaum ergrünten Garten angenehm verschleiert von einem lautlos fallenden Regen, worauf sie mit schönem Schaudern wieder unter die Decke kroch, um sich zu erinnern, was sie geträumt hatte. -- Allein unvermutet entglitt sie sich selber, und langsam, nicht wissend, ob sie wache oder träume, sah sie es vor ihren Augen sich entfalten ...