Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 20
Renate, die den Namen seit einer Ewigkeit nicht gehört zu haben glaubte, staunte noch mehr darüber, daß er sich so leicht hinsagen ließ wie Hamburg oder Wettrennen.
Erasmus sagte weiter, er könnte ja nur abends vor dem Schlafengehn zwanzig oder dreißig Seiten lesen, aber er hoffte doch, vor seinem Tode noch fertig zu werden. -- Welch eine tiefe, dröhnende Stimme er doch hatte! -- Wer ihm denn der liebste von den Vieren sei, fragte sie, um noch einen kleinen Schlüssel zu ihm zu erlangen.
»Chuzzlewitt,« sagte er mit grausiger Aussprache, und Renate hörte ihn wieder »Schang Pol« sagen; Jean Paul freilich, dachte sie, würde sich noch im Grabe freuen, wenn er sich ausgesprochen hörte, wie er wollte. --
Unterweil verbesserte sich der Erasmus und nannte Dickens. Der sei so komisch. -- Er lachte gleich: »Ha ha, ha!« Ja, manchmal nachts im Bette könnte er sich totlachen über Sam Weller, und wenn Mister Micawber sagte: ... kurz! -- »Dabei«, setzte er mit einem Anflug von Ehrfurcht hinzu, »ist der Chuzzlewitt für mich viel grausiger als der ganze Dostojewsky.« Saint-Georges könne ihm vielleicht sagen warum.
»Weil«, sagte Saint-Georges, »die Menschen des Dostojewsky, wie auch die Balzacs, sich noch gebärden. Weil sie Leidenschaften haben, die immer noch den Schein einer wenn auch dämonischen Freiwilligkeit erzeugen, und weil sie diesen Leidenschaften nachgeben, weil sie sich peitschen lassen und selber peitschen, sich beugen und zerbrechen, rasen, stammeln, schluchzen und klagen. Vor allem klagen. Wir sehn dann die Gebärde, aus der die seelische Glut wie Rauch und Flammen hervorschlägt, und das empfinden dann Sie wohl wie -- Erleichterung. Bei Dickens aber ist das Leid, wie soll ich sagen -- krötenhaft; hockt da, funkelt bösäugig, und es ist ja alles komisch. Drinnen aber hockt die sich quälende Kreatur, stumm, boshaft, verhärtet. Denken Sie mal an Peckskniff. Ein furchtbarer Schurke, der sich für einen Engel hält, aufrichtig. Es läßt sich gar nicht ausdrücken, diese Art, nur Gemeinheiten zu begehn im Schein, in der Form edelsinniger Taten. So kreuzen sich fortwährend die Gebärden, die boshafte der inneren Gemeinheit und die sich in die Brust werfende der scheinbaren Hochherzigkeit.«
»Chuzzlewitt«, sagte Erasmus langsam, mit der Fingerspitze auf dem leeren Salatteller kreisend, »kommt mir vor, als müsse er sich immer heimlich die Hände an den Hosen wischen, damit nicht das Gift aus den Fingerspitzen herunterläuft.«
»Und Raskolnikoff und der Jüngling lecken ihre Fingerspitzen mit Wollust«, schloß Saint-Georges. Sie schwiegen nun.
Renate hörte die Männer sprechen, ohne etwas zu verstehn. Sie sah den Erasmus, wie er im Bett lag, das ihr viel zu schmal und kurz für ihn erschienen war, unter den Bücherreihn an der Wand, das Haar gesträubt um den schweren Schädel, lesend und laut vor sich hinlachend. An seiner Statt erschien ihr der Onkel, in seinem dunklen Zimmer, im Laternenlicht, von Einsamkeit überwölbt dieser wie jener, und hier saßen sie zusammen, nanntens Gemeinsamkeit. Sie begriff nicht, wie all dies in einem Hause sein konnte. Nun wurde wieder der Tisch vor ihr sichtbar, rund, blumengeschmückt, mit silbernen Armleuchtern und stillen Kerzenflammen; ringsum die Gesichter, Saint-Georges gegenüber, gut, ernst und still, das rosige Knabenantlitz seines Bruders mit dem spitzen Kinn, den großen, flachen Augen, und links das überhängende des Erasmus, mit gesenkten Augenlidern unter der gebuckelten Stirn, und dann sah sie diese und sich selbst, die ganze, stille Gesellschaft fern drüben im Spiegel, die Lichter, die Dämmerung umher. Eine tiefe Stimme sagte etwas, sie schrak auf, da eine Hand von rückwärts an ihr vorüber nach ihrem Teller griff, der darin fortschwebte; alsbald versank wieder alles, und ein wenig später sah sie sich im Spiegel drüben aufstehn; sie hob die Tafel auf. Nachdem sie den Gelähmten selbst ins Rauchzimmer geschoben hatte, ging sie in die Halle hinunter und machte Licht.
Die flache Kiste war mit Drahtstiften so leicht verschlossen, daß sich der Deckel mit kleiner Mühe hochbiegen ließ. Sie holte ein Bild in einem dunkelsilbernen Rahmen heraus, lehnte es gegen den Tisch und sah, daß sie selber es war: auf einem Grunde von dunklem Rot, im unteren, linken Viertel des Bildes ihr Gesicht, nach links blickend, im Profil, sehr zart, vergehend, scheinbar in einer Dämmerung schwebend wie eine Erscheinung; rechts oben in einer fensterartigen Öffnung war eine ferne Landschaft, sonnig, ein Birkenweg zwischen Wiesen, bräunlich, rötlich, und ganz wenig tiefblauer Himmel; die Farben ihrer Augen, ihres Haars, ihres Mundes, die in dem gemalten Gesicht kaum angedeutet waren, leuchteten deutlich dort oben.
Ja, dies war doch ein Traum von ihr, von ferne gesehn und geträumt, und vielleicht, wenn es früher gekommen wäre -- -- ja, was dann? Es waren doch wohl nur Vorstellungen malerischer Art, die sie ihm erregt hatte. Seltsam fröstelnd stand sie vor dem Bild. Wie alt bin ich eigentlich? schoß es plötzlich durch sie hin, aber sie konnte die Zahl nicht finden, war es achtzehn, neunzehn oder zwanzig? Ungeduldig machte sie sich von alldem los, legte das Bild in seine Kiste, den Deckel darauf und ging nach oben.
Durch die offene Tür zum Rauchzimmer fiel Licht in die vordere Hälfte des Speisezimmers; im hohen Spiegel konnte sie ein Stück des Ledersessels sehn, in dem Saint-Georges saß, seine Unterschenkel und den Kopf, den er in die Hand gestützt hatte; den Erasmus hörte sie reden; Tabaksschwaden zogen in der Luft unter der elektrischen Krone.
Auf einmal brannten vor ihren Augen alle Lichterbäume der Stadt, sie hörte Gejubel, Klavierspiel und Kinderlieder, dann das wirkliche Getön ferner Glocken. Und da war der letzte Christabend mit ihrem Vater, mit bescheidenen alten Männerchen und Weiberchen, Kinderchorgesang im Schlackerschnee und der väterlichen Stimme, die den Weihnachtstext auslegte. Da war der erste Weihnachtsabend in diesem Haus, mit einem Berg glitzernder Geschenke, mit dem Gelächter des Onkels, des Erasmus Gefräßigkeit in Marzipan und Spekulatius, mit Josefs Eleganz, mit den Gedanken an Magda und mit Bogners Brief im Kleid auf der Brust. Sie machte eine unwillkürliche Bewegung nach dem Halse und merkte ihren Irrtum: Bogners Brief war erst am zweiten Feiertage gekommen. Die absonderlichen Weihnachtstage, die er beschrieben hatte ... Seltsam, daß sein Weg doch in diesem Hause begonnen hatte ...
Sie fing an, die Hände auf dem Rücken im Zimmer hin und her zu gehn, lautlos auf dem Teppich, nur ihr Kleid knisterte und rauschte, wenn sie sich drehte. Wenn, dachte sie stillstehend, einmal nach mir das Schicksal die Hand ausstrecken wird, so werde ich erkennen, daß seine Füße -- vielleicht in dieser Stunde stehn, vielleicht in der glücklichsten früher. Furchtbar finster war es umher. Wo mochte Sigurd nun sein? Käme doch Jason! Alle waren fortgegangen. Saint-Georges wußte jede ihrer Fragen zu beantworten, aber er stand ihr nicht bei. Nicht bei? Ja, bei was denn? Was quält mich? Wie alt bin ich? Wen erwarte ich? Was fehlt mir? Tue ich zu wenig? Oh was sagte doch Saint-Georges einmal von der Sonnenblume? Nein, war es das? Vor ihren Augen brannte wohl kein Licht, in das sich zu verwandeln ihr Herz sich verzehrte. Wie lebten denn Andre? Schiffe gingen unter, es gab Hunderte von Toten, Bergwerkszechen explodierten, und es gab Hunderte Toter, Eisenbahnzüge stürzten um, -- ja, verlange ich nach solchem Geschehn? Wie leben Andre? In Armut, in Lastern, in Qual jahraus, jahrein, hülflos verstrickt in Unrettbarkeit, unerbittlich erniedrigt. Aber -- Frauen hatten doch Männer und Männer Frauen, auch Kinder; Bogner hatte sein Werk, sie hatte nichts als sich, und Josefs Stimme sagte grandios, wie am Abschiedstage vor einem halben Jahr: Was brauchst du eine Seele? Niemand sieht sie. Und er sagte noch etwas von einer goldenen Bluse, die sie trug. -- Sie schritt aufgeregter auf und nieder. -- Es ist so still! klagte sie furchtsam. Lebe ich? träume ich? Weihnachten ist, -- wem schenke ich was? Wen liebe ich? Alle und keinen. Warum ist niemand da? Oh -- Zärtlichkeit! -- So geriet sie in die Tür zum Nebenzimmer. Erasmus stand am Schreibtisch und sagte, er habe ihr gerade Gute Nacht sagen wollen; es sei noch zu arbeiten, die Neujahrsabschlüsse ...
Wiederum war sie vor ihn hingestellt. Ganz laut -- obgleich sie schwieg -- hörte sie sich sagen: Wie wäre es, Erasmus, wenn du mich heiratetest? und sah ihn zurücktaumeln. Jetzt war etwas geschehn. Sie stand gerade und aufrecht, dachte noch: Einen Stoß, -- so! -- einen Stoß habe ich versetzt! -- und währenddem war nichts geschehn; sie sagte währenddem irgendwelche freundliche Worte, die nichts galten. Sie fühlte seine Hand, ließ ihn, tiefer ins Zimmer tretend, an sich vorüber, wandte sich dann und sagte: »Erasmus ...«
»Ja, -- ist noch etwas?« fragte er stehen bleibend.
Er liebt mich ja viel zu sehr, dachte sie klar, und muß allein bleiben.
»Hab auch Dank für den Abend«, sagte sie und ließ den Kopf sinken. Er murmelte etwas und ging.
Am Kamin saßen Saint-Georges und sein Bruder, sahn in die Flammen. Da faßte sie hundert verworrener Fragen in eine zusammen, trat zu dem Gelähmten und fragte, seinen Kopf fassend, schlicht zu seinem Bruder hinüber: »Georges, lieber Freund, was fehlt mir?«
»Kinder,« sagte er, ohne sich zu bedenken, »es ist Weihnachten.«
»Ach so, deswegen ... Ja, da kannst du recht haben.«
Schon wieder versprochen! Oh ich will ihm eine Freude machen, dachte sie mit Heftigkeit, streckte die Hand aus und fragte bestrickend: »Möchtest du nicht du zu mir sagen?«
Er stand langsam auf, ergriff ihre Hand, küßte sie und sagte schlechtweg: »Wie du befiehlst.«
Jetzt aber fiel alles von ihr ab, sie stampfte mit dem Fuß auf und schrie: »Georges!« Aber dann, in plötzlicher Sanftmut zerschmelzend, legte sie die Hände zusammen, trat dicht vor ihn und flehte: »Georges, lieber Freund, bitte, was ist mir?«
Er erfaßte ihr linkes Handgelenk, blickte mit tiefer Freundlichkeit in ihre Augen und sagte langsam und sicher: »Nichts ist dir, Renate, gar nichts.«
»Ja, ja,« nickte sie seltsam erleichtert, »es ist ein Übergang, nicht wahr?«
»Jawohl, ein Übergang«, bestätigte er lächelnd. -- Sie seufzte: »Dann ist es gut. Kommt, dann wollen wir noch etwas Schönes lesen, die Leiden eines Knaben, von Conrad Ferdinand, nicht?«
Sie nickte dem Gelähmten zu und ging in die Halle hinunter, das Buch zu holen.
Neuntes Kapitel: Januar
Georg an Benno
Trassenberg, am 15. 1.
Danke, teuerster Benno, danke Dir tausendmal für Deine Karte! -- Ich, siehst Du, ich kann nicht schreiben. Wenn Du mein Tagewerk kenntest, würdest Du versteinern. Seit ich hier bin, also seit bald zwei Monaten, kenne ich nur noch ein Ding: die Zentrale. Papas Zentrale, das große rote Verwaltungsgebäude -- Du erinnerst Dich -- unten am Waldrand, das kaum zu sehn ist und zu dem kein Weg zu führen scheint, gegen das aber eine elektrische Zentrale mit ihren hunderttausend Anschlüssen, Krafteinnahmen und Kraftverteilungen in einer deutschen Großstadt gar nichts ist. Gar nichts, Benno! Dort verbringe ich nun fast den ganzen Tag. Onkel Salm führt mich in alles ein. Verwaltung, Verwaltung, Verwaltung! Hast Du eine Vorstellung, Benno? Nein! So kann ich Dir auch keine erwecken. Stelle Dir nur vor, daß unser ganzes Land mit allen Anhängseln in Übersee, und mit allem, was darin hervorgebracht wird jeder Art -- Landwirtschaft, Viehzucht, Heilanstalten, Wissenschaft, Kunst, Industrie und so weiter, so weiter -- hier zusammenströmt und von hier wieder aus. Genug! Mir schwindelt der Schädel, wenn ichs denke, die einzige Möglichkeit, die ich habe, ist, mich blind hineinzufressen, wie in den berühmten Berg der köstlichen Hirse. Dann ists in Augenblicken doch, als fräße ich weder, noch grübe mich in dampfende Finsternis, sondern ich stiege, stiege einen gewaltigen Berg hinan, darf nur weder hinaufblicken -- um mir nicht den Mut -- noch hinunter -- um mir nicht die ganze Größe des Ausblicks von oben zu verderben. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Um eine elementare Grundlage zu bekommen, lerne ich doppelte Buchführung; dazu Lombardieren, alle Arten des Wechselgeschäfts. Hast Du in Deinem ganzen Leben je einen Kurs gelesen, Benno? Weißt Du, was das ist? Tröste Dich, Benno, ich weiß es auch erst seit kurzem. Im übrigen sorge Dich nicht um mein Herz, es arbeitet wieder vortrefflich. Noch was über Tageseinteilung: weißt Du, daß ich trotz alledem beinah zehn Stunden am Tage schlafe? Folgendermaßen: aufgestanden wird -- um fünf Uhr morgens. Siehe da, was ist der Erfolg? Vormittags um zehn, wenn Du träge Deinen Tag anschlürfst, habe ich beinah schon einen Arbeitstag hinter mir, um elf sinds, mit kleinem Imbiß dazwischen, ganz gut sechs Stunden. Dann wird geschlafen, fünf Stunden, im Bett, fest, und wenn Du Dich dann, wie ich, um vier Uhr zum Essen erhöbest, würdest Du jauchzen vor Kraft, Frische und Arbeitswonne, welche drei bis Mitternacht mit Abendbrotpause freudig vorhalten. Also -- machs nach, Benno, machs nach und lebe jetzt wohl, es ist Mittag, ich geh schlafen. Wie gesagt: keine Sorgen, guter Engel, und im zweiten Monat nach diesem befinde ich mich wieder im gesegneten Altenrepen. Was macht der Flügel, die Wohnung, die Vögeleins? Grüße alles, was lebt und mir freundlich gesinnt ist, und sei umarmt von Deinem bis in den Tod getreuen
Georg
am 16.
Der Brief blieb versehentlich liegen.
Ein letztes Wort, Benno, über mich selbst.
Nämlich, läge die Sache einfach; wäre er, den ich Vater nenne -- heut wahrer als jemals! -- wäre er ein Privatmann, und handelte es sich sonach für mich um nichts weiter als Namen, gesellschaftliche Stellung usw.: dann wäre die Sache einfach. Ja, dann wäre sie derartig einfach, daß ich fast denke: in solchem Fall würde ich bleiben, der ich -- scheine, sein Sohn. Es wäre nicht der Rede wert, Änderungen zu schaffen, die rein moralisch sein und bleiben würden, die keine praktischen Folgen hätten.
Die Sache liegt aber nicht einfach, sondern verdoppelt durch die Möglichkeit, das ich in Deutschland regierender Landesherr werde; daß ich -- die Worte klingen großartiger als die Sache -- vor einen Teil der Menschheit mit Ansprüchen hintreten kann, die sie nach den in ihr bestehenden Gesetzen mir nicht zubilligen würde, wenn sie mein Geheimnis kennte.
Dies die negative Seite der Sache; und die positive?
Nicht eitel genug, mir vorzuspiegeln, daß dieses Land, das ich innig liebe, Trassenberg, meiner bedürftig ist und keines Andern; und zu klug, um nicht einzusehn, daß ich nur selbstsüchtig, nur aus -- Ehrgeiz handle, weiter nichts: kann und darf ich mich doch der Einsicht in das nicht verschließen, was werden würde, wenn ich -- abtrete. Trassenberg ist, dank der Einflüsse meines Vaters, ein blühendes Land. Beuglenburg ist ein Sumpf mit einigen Kaligruben, und aus dem Beuglenburger Geschlecht kann nichts Gutes mehr kommen. (Der Alte ist krank und stumpf, der Sohn ein kränklicher Knabe, eine Tochter zählt nicht, weil nicht erbberechtigt.) Muß mir nicht Vieles schicksalsvoll vorkommen? Warum liegen die Dinge eben so? Warum gehörte dies Land einmal den Trassenbergern? Warum war und ist mein Vater, warum grade ich? Hier ich -- und da die todkranke Beuglenburger Sippe?
Darum nunmehr zum Kern.
>Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch< ... Wie, Benno, ich sollte verzichten mit dieser Aussicht? Solche Mittel in Händen -- zu meiner gottseidank noch unerschütterten Gesundheit, meiner geistigen Freiheit und Beweglichkeit, meiner Lernkraft, meiner Kultur und meiner Tatenlust die äußeren Machtmittel meines Vaters, deren Ausmaß Dir bekannt ist: sollte ich ein hundertfaches Gutes ungetan lassen, das ich auf mich warten sehe? Ich kann Ruhm gewinnen, wahrhaftigen Ruhm, nicht einer vereinzelten Tat oder Eigenschaft, nicht den Ruhm des Entdeckers, Eroberers, Erfinders, des Feldherrn, des Dichters, Volksmanns; Ruhm, der vom Dämonium abhängt, von Begabung und vom Glück, -- sondern einen Ruhm, den ich herzustellen, den ich anzufertigen habe mit meiner Hände lebenslanger, unverdrossener Arbeit; den nur mein ganzes Wesen, mein ganzes Sein mir verschaffen kann, weil nur Arbeit eines ganzen Lebens, und das heißt jedes Tages, jeder Stunde seine Grundlage sein wird. Verstehst Du den Unterschied, den ich meine? Nicht Taten, Werke, Gedanken -- obwohl diese im einzelnen Verkörperungen sein können, sondern: _sein_ muß ich, leben, von A bis Z meinen Platz ausfüllen, nicht sternhaft erstrahlend, wie Dichtung und Kunstgebild plötzlich blitzend hervortreten aus langem Gewölk, sondern still im Schatten meiner vier Wände, da doch die Wenigsten und niemals die Masse bemerken werden, was hinter dieser und jener offenbaren Erscheinung an unvermerkter Anstrengung und Mühsal liegt. Zu schweigen davon, daß, wenn mir überhaupt etwas zu leisten gelingt, das Dauer hat und Würde vor späteren Geschlechtern, es bei den Zeitgenossen kaum Anerkennung, ja eher Verkennung, Verachtung, wo nicht Feindschaft erregen wird. Wer ein Dauerndes zu schaffen gewillt ist, der muß im Morgen leben, nicht im Heut, darf also nicht verlangen, daß das Heute ihm Kränze flicht. Ich bins gewillt.
Wie ich denkt mein Vater, und was wäre ich freilich ohne diese Stütze? Der wundervolle Mensch! Mit keinem Blick, mit keiner Miene hat er sich mir als Beistand gezeigt. Ohne Blick, ohne Miene hat er mich verständigt, daß ich seines Beistandes gewiß sein werde, wenn die Entscheidung erst gefallen ist. Sie ist schon gefallen, in meinem Herzen ist sie's. Ach, mein Benno, wie ist der glückselig, der im Wünschen und Schwanken, im Zweifeln und Vertrauen sicher ist eines Unwandelbaren, und wenn er Vater nennen kann, was mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, mit allen Kräften der Liebe ihm väterlich ist!
Und dies giebt mir Kraft, dies wird mir Heil geben. Ja, ich weiß, Freund, ich weiß: wäre er mir nur um ein Gran minder väterlich, so würde ichs spüren, würde meine Kraft sinken, mein Recht bleichen, -- ich wäre entblättert, ehe ein Monat um wäre. Aber ich stehe auf ihm, und so sei's drum.
Ich bin entschlossen. Und somit -- Gott befohlen!
Georg
Hier enden des vierten Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.
Fünftes Buch. Fragmente aus den halkyonischen Jahren II oder Cordelia
Erstes Kapitel: Februar
Ulrika
Renate und Ulrika saßen des Abends an den beiden ineinander geschobenen Flügeln unterm Orgelpodium und übten an Johannes Brahms' deutschen Tänzen, als Renate, der Orgel gegenübersitzend, eine dunkle Gestalt hinter Ulrika vorübergehn und die Stufen zur Empore hinansteigen sah. Schreckhaft, wie sie diesen Winter war, nahm sie die Hände von den Tasten, blickte, während Ulrika noch einige Takte weiterspielte, angestrengt durch den rötlichen Nebelglanz der Lichter und sah nun, daß es Saint-Georges war, der sich grade leise in den Drehsessel oben niederließ. Vor drei Tagen war er verreist, um seinen plötzlich verstorbenen Vater zu beerdigen, -- ihn, von dessen Dasein Renate niemals etwas geahnt hatte.
Da auch Ulrika jetzt auf und zu ihr herüber sah, sagte sie:
»Georges ist gekommen.« Und zu ihm hin leise: »Schon zurück?«
Er nickte. Sein Gesicht in der dunstigen, rötlichen Beleuchtung der wächsernen Kerzen schien ihr nicht blasser oder trauriger als immer, -- doch wars vielleicht eben dies, was sie bewog, aufzustehn, zu ihm hinauf zu gehen und eine Hand auf seine Schulter zu legen.
»Bleib sitzen,« sagte sie, da er eine Bewegung machte, -- »ist es gut hier?«
»Das wollte ich sagen, Renate. Ja, wieviel Kerzen habt ihr denn da angezündet?« Er zählte über die dicken gelben Kerzen in graden Silberfüßen hin, die sich in der schwarzen Politur der Klaviere spiegelten, und sprach weiter: »Acht Stück. Eine schöne Zahl, die mir immer angenehm war. Sie enthält so viel und ist so ordentlich und glatt, auch der Laut: acht, -- zwei mal zwei mal zwei. Schade übrigens, daß ihr selber das gar nicht sehn konntet, wie ich, als ich hereinkam von weitem, euch dasitzen sah in dem rötlichen Nebel der Lichter an den großen schwarzen Instrumenten, und dazu deinen großen schwarzen Kleidrock, dein farbiges Gesicht, und Ulrikas rotes Haar und braunes Kleid; dazu die graue Orgelwand über euch, und umher --« er machte eine umschreibende Handbewegung -- »die sechs gemalten Unsterblichen an den Wänden. Es war nicht ganz düster -- und auch nicht sehr froh, -- ja, eigentlich wars ganz so, wie wenn man von Begräbnissen kommt und wieder ins Leben will. Dank für den schönen Übergang, Renate,« sagte er zu ihr empor und, ehe sie etwas sagen konnte, »bist du mir zuliebe so schwarz heut? Ja, du bist ein guter Mensch.«
»Möchtest du mir nicht ein wenig von deinem Vater sprechen?« bat sie.
»Ja,« sagte er, »es gäbe wohl allerlei zu er--zählen. Aber das ist nun immer so: wenn ich nur die Klinke an der Vorgartentür anfasse, so weiß ich schon: hier ist alles anders. Jetzt bleibt vieles draußen, denn hier ist die Grenze. Hier endet eine Welt, hier fängt eine andre an. Hin und her zwischen beiden gehen nur die Körper; die Seelen aber sind andre, ganz andre. Ich stand vorhin schon eine Weile bei der Tür und bewunderte die Engel.« Er lächelte zu Ulrika hinunter. »Die gemalten, meine ich. Sie sind jedesmal gewachsen, wenn ich komme; tiefer ist ihre Einsamkeit, mächtiger ihr Schritt, -- und da sitzt ihr nun zwischen ewigen Wänden und ertragt es so mühelos. Freilich euch Frauen sind Dinge selbstverständlich, die wir nie begreifen. Es braucht fast nur etwas recht groß zu sein, so seid ihr zuhause darin, als wäre es für euch gemacht. Als wäret ihr darin aufgewachsen. Ja, ihr wachst; unsereiner muß immer Stufen steigen und sie obendrein selber haun. Ich habe dir da ein Paket auf den Stuhl gelegt. Es sind Briefe meines Vaters, die du lesen sollst. Mein Vater lebte fünfundzwanzig Jahr in einer Irrenanstalt, und nun ist er endlich tot.«
Renate wagte nicht, sich zu bewegen. Nur ihre Hand schob sie ein wenig höher, so daß sie seinen Nacken berührte. Sie sah die Kerzenflammen leise sinkend sich zusammenziehn, während andre flatternd in sich standen, sich aufrichten wieder und haardünne Strahlen aussenden. Dann hörte sie von Georges' Stimme leise die Verse Hölderlins:
»Es haben ihn die Götter sehr geliebt, Doch nicht ist er der erste, den sie drauf Hinab in sinnenlose Nacht verstoßen Vom Gipfel ihres giftigen Vertrauns.«
Eine Weile danach löste sie ihre Hand, stieg die Stufen hinunter und setzte sich vor ihren Flügel. Während sie ihr Notenheft lautlos zuklappte und zur Seite legte, hörte sie ihn reden.
»Hölderlins Schicksal hatte er wohl, ein Dichter war er auch, aber niemand wird von ihm sprechen. Es lohnt sich allerdings nicht. In den achtziger Jahren erschien ein Epos >Elias<, später auch noch Gedichte, -- ihr könnt euch eine Vorstellung machen, wenn ihr an Enoch Arden denkt; ein weiches, mattes Gedicht, in dem viel von Elias' furchtbarer Leidenschaftlichkeit die Rede ist. Sonderbar, daß davon nichts Gestalt wurde. Er selber, der das dichtete, war ein so leidenschaftlich atmender Mensch. Du wirst es sehn in den Briefen. Ich kenne ihn nur als grau-, dann weißhaarigen Mann mit gutherzigen braunen Augen und einer wundervollen Stirn, wie ein Stück Himmel gewölbt. Und drinnen das Chaos.
»Die Briefe sind an eine Frau gerichtet, mit der er befreundet war, -- damals. Dann liebten sie sich. Sie war verheiratet und hatte Kinder. Ein Jahr rissen sie Beide an der Kette, aber der sie festgelegt hatte, ließ nicht los. Zwei Jahre danach heiratete mein Vater ein sanftes Mädchen, und ich bin ihr Sohn. Sie liegt nun auch schon so lange in der Erde, wie mein lahmer Bruder lebt, und das ist ihr gut.«
Renate, betrübt, fragte nach einer Weile zaghaft:
»Sage mir, Georges ... Giebt es denn das, daß jemand einen Menschen gegen seinen Willen zwingen -- --«