Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 2
Seltsam, seit wann ist das nur, daß ich sie so sehe? fragte sich Georg. Und woher gerade diese Bewegung an ihr? Es giebt ja wohl keine Stellung oder Lage, keine Tätigkeit und keine Bewegung, in der ich sie nicht geträumt hätte -- woher nun diese? Als ob sie selber, indigniert, sich von mir fortwendete, jedesmal, und davonginge. Habe ich sie totgeträumt? fragte er sich erschrocken. Ja, ist mein Gefühl noch immer so stark wie im Anfang? Ich glaube -- -- nicht ... Ach, Renate, Renate, warum stehe ich denn hier über dem finstern Atlant, kalten Gewässern und landfremden Schiffen? Du bist es doch, die gilt, einzig gilt! Dich zu krönen, aus den Sternen den Thron, für dich, für dich, das ist doch -- nun, wenn nicht das Ziel selber, doch der Leib, in dem es sich irdisch darstellen muß, um möglich zu werden. Nein, nun ertrage ich es nicht mehr. Dies ist ja eine dergestalt menschliche Angelegenheit, daß tatsächlich nichts weniger helfen kann als Fels und Meereswoge. Ich muß unter Menschen. Die Maske muß probiert werden, das Herz angestoßen werden auf reinen oder unreinen Klang.
»Wie ist es, Benno,« sagte er, sich umwendend, »wenn wir morgen fahren, kann ich noch eben rechtzeitig zur Einschreibung ins Semester kommen.«
Benno sprang auf.
»Ja,« sagte er, lang dastehend, aus tiefster Seele, »ja, reisen wir!«
Neben Georg tretend, legte er einen Arm um seine Schulter. Lange standen sie so, der Raum füllte sich mit dem Brausen der Tiefen, schläfriger dachte Georg an Deutschland, an Altenrepen und verlangend und hoffnungsvoll an einen Garten, Orgel und Liebe.
Magda
Renate saß spät am Abend an ihrem Schreibtisch, in ihrem Gedächtnisbuch blätternd, um eine Eintragung zu machen; sie schlug, unschlüssig, wie beginnen, einige Seiten zurück und las das zuletzt Geschriebene.
Helenenruh, am 20. April
Im Grunde bin ich doch froh, daß ich hierhergekommen bin. Zwar kann ich so gut wie nichts tun, aber sooft ich denke, ich sei überflüssig, so muß ich nur Magda ansehn und denke gleich, es kommt einmal der Augenblick, wo sie zusammenbricht, und es ist niemand da, der sie bettet. Und nun, wo auch Jason al Manach, der die ersten Tage nach meiner Ankunft nur heiß und stumpf umhersaß, sich mit einer schweren Gehirnentzündung hingelegt hat, so verbrennt sie ja in Mitleiden und Dienstbarkeit. Seitdem herrscht tiefe Stille in Helenenruh, nur das Motorrad des Doktors unterbricht das dumpfe Krankenzimmerschweigen, in dem wir Frauen, die Domina und die Pflegerinnen, umhergleiten, und während draußen der April grüne Seiden ausbreitet und die schönen Farben hineinstickt, lagert im Hause die beständige Dämmerung verschlossener Vorhänge oder des Nachtlichts und die schwere, dumpfe Luft.
Was war das doch für ein anderes Helenenruh in Magdas Briefen! Soviel Trauriges darin war, es war doch das Bogners und der kindlichen Magda, die ich damals noch vor Augen hatte und nicht auslöschen konnte trotz dieser fremden Briefe. Dies aber, das ich hier gefunden habe, das weiß von alledem nichts; es sind nur Wege und Bäume, ein Teich, die Wiesen und die See, ein schönes Haus mit Sälen und vielen Fenstern, und wenn ich im Klaviersaal gespielt habe und am Fenster stehe und zum Verwalterhause hinüberblicke, die Vorfrühlingswolken über dem Park sehe und den Wind, der silbergraue Streifen über die frisch ergrünte Wiesenfläche schleppt, so finde ich keine Spur von dem hier, was ich hineingedacht habe, und ich sehe wohl ein, daß wir alles für uns allein haben. Die Dinge bleiben sich gleich und lassen uns an sich vorüber.
am 1. Mai
Chalybäus hat sich langsam erholt und vor ein paar Tagen sein Bett verlassen in Gestalt einer schiefen, vertrockneten und zusammengekrümmten Steinzeitmumie. Gleich verlangte er Wein, und als der ihm verweigert wurde, bekam er einen Tobsuchtsanfall. Es scheint nichts anderes übrig zu bleiben, als ihm zu willfahren; der Arzt wenigstens erklärt, es sei vorläufig nichts zu machen. Nun ist er bei einer alltäglichen Menge von drei bis fünf Flaschen Rotwein und verhält sich einigermaßen still. -- Du arme Magda!
Jetzt beginnt nun auch Jason al Manach, dies fremde Wesen, auf der Bank neben der Haustür zu sitzen, einer kümmerlichen, weißen Kellerpflanze ähnlich und zuerst klagend, das Licht stürze sich wie brennende Vogelschwärme in seine Augen; aber das Brennen hörte auf, nicht nur seine Augen, sondern auch Lungen und alle Adern sogen still, er genas.
Viel habe er überstanden, sagte er heut abend zu mir und Magda. Sie stand in der Haustür nahe bei unserer Bank, über den drei Stufen, ach, so gebrechlich aussehend von der übermäßigen Anstrengung der Pflege, in ihrem schlecht und lose sitzenden Hängekleid von Nessel, das Haar in einem hellen Tuch, unter dem ihre Züge wie ausgewischt erschienen. -- Man könnte auch sagen, fügte er hinzu, er habe sich selbst überstanden, und dann sagte er wieder einmal wie in seinen Delirien, aber mit ganz verständigem Ausdruck etwas sehr Sonderbares. Er habe ihn wohl gesehen, den großen Grauen am Fußende seines Bettes; freundlich habe er ihn, den kranken Jason, eingeladen, doch mit ihm zu gehn, aber er habe ihm ruhig geantwortet, daß er doch selber einsehn müßte, es sei durchaus keine Kunst, das Leben vermittels des Todes zu überwinden, allenfalls mit Hülfe des Sterbens, womit er sich ja auch eingehend beschäftige, aber solange es nach ihm gehe, wolle er nicht völlig sterben, sondern vielmehr so gesund wie möglich werden, und übrigens glaube er schon längst nicht mehr überzeugt an die Existenz des vor ihm Stehenden, der sich denn daraufhin auch achselzuckend entfernt habe. So gesund wie möglich, wiederholte er bekräftigend -- er glaube, es würde ihm noch gelingen. -- Magda, schwach und todmüde, begann leise zu weinen, es dämmerte zwischen den Bäumen, aus dem Heckengang quoll die Nacht, Jason blickte gegen den hellen, herniederleuchtenden Himmel oben, wir hörten hinter uns das kleine Weinen rinnen und gedachten des ewigen Lebens.
am 2. Mai
O, das sind garstige Dinge, die sich da zugetragen haben!
Schon längst schien mirs eine fixe Idee von Ch. zu sein, daß der Herzog ihn tödlich beleidigt habe, daß es ein Verbrechen von ihm, dem Ch., wäre, nur einen Pfennig vom Herzog anzunehmen -- eine eigentümliche Veränderung der Sachlage --, und daß daher ihm und seiner Tochter nichts anderes übrig bleibe, als mit einer Drehorgel auf den Märkten umherzuziehn. -- Nun war er doch entlassen. Magda zeigte mir einen Brief vom Herzog an Ch. vor einigen Tagen; darin änderte er einen ersten Vorschlag an Ch., die Heilanstalt Frankenhöhe aufzusuchen -- da er mittlerweile vom Arzt erfahren hatte, daß eine Kur vorderhand unmöglich sei --, in eine Rente nebst freiem Aufenthalt in Helenenruh, Magda zuliebe, die ja so an H. hängt. Der Brief hatte einen fürchterlichen Wutausbruch ihres Vaters zur Folge, hinterdrein ein Schreiben an den Herzog, das er insgeheim Jason diktierte, für den er noch immer eine schöne Sympathie bewahrt. Darin standen Dinge, von deren Unwahrheit Jason wohl überzeugt war, vielleicht auch ist sein Denkvermögen noch immer etwas imaginär, jedenfalls gab er den Brief M., in meiner Gegenwart. Magda las lange an dem Brief, schob ihn dann zu mir herüber, ohne das Gesicht zu verziehen, und sah auf den Tisch vor sich. So las ich denn, daß ihr Vater -- auf welche Weise war nicht zu erkennen -- Kenntnis erlangt hatte von einem nächtlichen Besuch des Prinzen in Magdas Zimmer (im vergangenen Juli). Ob ihr Vater nun mehr dazu neigte, die Ehe zu verlangen, oder ob er nur einen Erpressungsversuch machen wollte, das war infolge des Jammergeredes, in das er alles wickelte, nicht deutlich zu erkennen. -- Als ich endlich aufsehn mußte vom Lesen, fand ich Magdas Augen auf mich gerichtet, so erloschen und hart, daß ich mehr darin lesen mußte als Abscheu vor ihrem Vater.
Im ersten Augenblick war ich so erschrocken -- -- Ich sah sie aufstehn und das Zimmer verlassen, endlich brachte ichs fertig, ihr nachzugehn, und im Park fand ich sie denn, wie sie wie eine Verlorene schwankend an den Fliederbüschen hinstreifte, und führte sie sanft ins Haus. Sie blieb aber stumm -- und was ist auch zu sagen?
Es ist, als sollt es kein Ende nehmen mit den Lasten, die ihr aufgebürdet werden. Sogar bereits Überstandenes kommt nun wieder und trifft sie von neuem und von einer anderen Seite. Gott mag wissen, was er damit will.
6. Mai
Nun, dies wenigstens hat ein Ende, so ekelhaft es bis zur Neige war. Ich will auch dies aufschreiben, um mich später zu erinnern.
Jason schickte Ch.s Diktat an den Herzog mit ein paar Zeilen von ihm selber, in denen er ihm kühl vorlog, daß Ch.s Verdächtigung selbstverständlich aus der Luft gegriffen sei.
Diesen Brief hat der Herzog mit dem von Ch. an seinen Sohn geschickt und ist nach empfangener Antwort gestern hier eingetroffen. Ich sprach eine halbe Stunde mit ihm und hätt es gern länger getan. Ich hielt ihn für einen ergrauten Mann in den Fünfzigern, aber nun ist er kaum fünfundvierzig und sieht aus wie Ende Dreißig, ein wenig zu bärtig, aber kühn, und ein Riese, wenn er sitzt. Ihn gehen zu sehn, ist freilich ein Jammer. Georg also hat gelogen wie Jason, und somit hat der Herzog dem Ch. einfach eine donnernde, ungeheure Standrede gehalten -- wir konnten sie in allen Zimmern und bis in den Obstgarten hören -- und ihn wahrhaftig damit niedergeschmettert. Das alte Vasallenempfinden hat vielleicht auch mit geholfen, jedenfalls hat er sich geduckt und in alles gewilligt. Der Herzog hat Magda sehr gestreichelt und gutherzig bedauert, daß zwischen ihr und seinem Sohne alles aus sei, denn er hätte sich gefreut und so weiter, und sie solle Helenenruh nur jetzt schon als ihr Eigentum betrachten, erben würde sie es sicher einmal, und der neue Verwalter sei unverheiratet und könne vorderhand im Gestüt wohnen.
Übrigens ist der Herzog ein Filou, denn als der Sandschneider, den er selber kutschierte, den Heckengang hinunterrollte, stand ich gerade am Goldregen und schnitt Dolden herunter, und er rief: Danae! daß es schallte, nickte, freute sich, hieb auf den Schimmel ein und jagte ums Haus, daß die Funken stoben.
12. Mai. (Altenrepen)
Nun hab ich mein Mädchen hier, zwar auch den Vater in Kauf nehmen müssen, aber es ist gut so, und mich wird er nicht stören. Er hat nicht in Helenenruh bleiben wollen, nun wohnen sie ganz in meiner Nähe. Leider ist Jason al Manach auf der Reise hierher ihnen abhandengekommen.
* * * * *
Renate ergriff die Feder und schrieb:
18. Mai
Wieder acht Tage nicht zum Schreiben gekommen. Am Tage nach ihrer Ankunft legte Magda sich mit Lungenentzündung; von der Pflege der Andern, von aller eigenen Pein entkräftet, lag sie auf das schwerste danieder, dies arme Herz weigerte sich, weiterzugehn, und sie begehrte innig, zu sterben. Diese Gefahr ist nun vorüber, gebe nur Gott, daß es endlich die letzte war!
So darf ich denn wieder anfangen, an mich selbst zu denken, denn der gute Saint-Georges wartet schon lange ungeduldig mit seiner Geschichte der Vereinigten Staaten, damit ich ihm die in englischer Sprache geschriebenen Bücher deutsch vorlese; das wird eine schöne und keine leichte Arbeit werden.
Und Ulrika und Irene warten auf Musik. Josef, ob du merkst, daß du vermißt wirst? Freilich mehr dein Cello als du, und dies ist leider nicht unersetzlich wie du. Saint-Georges hat mir einen Cellisten versprochen; er trägt den etwas verqueren Namen Sigurd Birnbaum und studiert Medizin.
Wohlan, der Tag scheint gefüllt!
Bei Saint-Georges
Renate, zur ersten Arbeitsstunde mit Saint-Georges fahrend, wurde einigermaßen verwirrt vom haushohen Anblick der roten Gefängnismauer an der linken Seite der Freiherr-von-Stein-Straße, die sie sich freilich anders vorgestellt hatte, als Georges ihr den Namen nannte, -- und gleich darauf hielt der Wagen vor einem ihrer häßlichen Häuser aus rotem oder gelbem Backstein -- trübe und schmutzig vom Ruß der Fabriken --, und dieses war gelb obendrein. -- Welch ein Gedanke, dachte sie, gegenüber vom Gefängnis zu wohnen! Aber paßt er nicht irgendwie zu meinem stillen Georges? -- Noch fiel ihr sein gelähmter Bruder ein, als sie den schmalen Hausflur betrat, gleich umhüllt von einem Schwaden von Gerüchen -- Kartoffeln, Kaffee, Kinder, alte Kleider. Dafür waren die Wände mit um so köstlicheren, freilich bereits abgeschabten und zerbröckelten Malereien bedeckt -- eine Schneelandschaft mit Rehen sah sie im Hindurchgehn. Die ausgetretene Treppe hinansteigend, fing ihr denn doch einigermaßen zu bangen an vor der möglichen Ärmlichkeit seines Zimmers, und indem las sie auf der rechten von zwei gelbbraunen, im Winkel zusammenstoßenden Türen seinen Namen auf einer Besuchskarte, die an einem Reißnagel hing -- auch das wenig versprechend --, und darunter war eine Porzellanklingel mit gräßlich hart aussehendem schwarzen Knopf. Das war er auch, als sie darauf drückte, wobei er mit zähem Widerstreben einen Ton aufspringen ließ, klanglos wie eine Greisenstimme, dann aber, beim Loslassen ihres Fingers, noch einen, als sagte er: Da! Bist du nun zufrieden? -- Renate hatte während des Wartens das peinliche Gefühl, einen leibhaftigen Adamsapfel mit dem Daumen eingedrückt zu haben, was sie ein wenig wieder erheiterte.
Nun kamen eilige Schritte auf weichen Socken oder Filzschuhen, und in der Tür wurde -- zu ihrer neuen, aber ganz angenehmen Überraschung -- statt des erwarteten Dienstmädchens der graue Kopf eines freundlichen und listigen alten Mannes sichtbar, der auf ihr »Herr Saint-Georges erwartet mich!« in den engen und dunklen Gang deutend, sagte: »Bitt schön, die Glastür zum Herrn Doktor!« und lächelnd zur Seite trat. Sie ging auf den Schimmer in der linken Wand zu, an einem Gaszähler, einem Kleiderschrank und einer Kommode mit zwei Petroleumlampen vorüber und zauderte vor dem Arabeskenwerk von Milchglas, das die Scheiben bedeckte, weiter oben in klares verlaufend. Dann, mit Entschluß, hob sie sich ein wenig auf den Zehen und spähte hindurch.
Es war -- erfreulich zu bemerken -- ein sehr großer Raum, der sich langhin quer vor ihr erstreckte; sie selber stand in der Mitte der langen Wand, den vier Fenstern gegenüber, durch deren Gardinen sie noch eben die Bekrönung der roten Mauer und weiter zurück die vergitterten Quadrate einiger Gebäude mit flachen, grasbewachsenen Dächern gewahren konnte. -- Kaum, dachte Renate, bin ich beim Gefängnis, benehme ich mich wie ein Spitzbube, -- und brachte die Augen getrost näher ans Glas, sich tröstend, das Zimmer sei leer. -- Im Gegenteil aber saß am Fenster ganz links ein junger, blonder Mensch mit sehr zartem, rosigem Gesicht, ein wenig spitzem Kinn und flachen, hellen Augen, die hinausblickten, in einem Lehnstuhl, die Beine unter einer Decke. -- Das war sein Bruder; am Gesicht wäre die Gelähmtheit zu sehen gewesen, wenn Stuhl und Decke nicht von ihr gesprochen hätten. -- Da sah sie ziemlich in der Mitte des Zimmers rechts, ihr den Rücken zuwendend, eine junge Dame sitzen, so hübsch angezogen, daß sie näher zusah. Ei das war reizend: ein kleiner grüner Strohhut mit langen dunkelgrünen Seidenbändern, die im Bogen tief herunterhingen; der Kleidrock wie die halblangen, spitzdütig auslaufenden Ärmel war weiß -- Piqueeleinen augenscheinlich --, die Taille aber, die Brust, Rücken und noch die Hüften fest und schlicht anliegend umschloß -- war aus einem buntgeblümten Stoff -- Rot, Gelb und ein wenig Grün auf mattblauem Grunde. Sie hatte ein Bein über das andere gelegt, die Hände im Schoß, weiße Schuhe und Strümpfe, -- und nun wandte sie auch das Gesicht nach links hinüber, so daß ihr Profil, zart mit vorgewölbter Oberlippe und dunklen Augen sichtbar wurde. Die Lippe bewegte sich, sie sprach. Aber dorthin, wohin sie zu sprechen schien, war für Renate nichts zu sehn, sondern nur noch eine braune Tür mit Giebel an der linken Querwand. -- Wieder rechts hinüber schweifend, schon die Hand auf der Klinke, sah Renate noch einen großen, dunkelhaarigen Menschen, der sich quer über einen langen, schreibtischartigen Tisch vor der rechten Wand beugte, um aus einer Reihe von dastehenden Büchern eines herauszulösen.
Renate wunderte sich, wer alles da zusammen war, und trat ein.
Gleich sah sie in der Buchtung eines alten, braunen Flügels zur Linken Saint-Georges selber stehen, der nun auf sie zukam. Die junge Dame stand auf und hatte ganz runde braune Augen. Der Mensch am Schreibtisch drehte sich um und zeigte ihr ein langes, schönes Gesicht mit dunklen, ein wenig schwermütigen Augen. Alle Wände waren bis zur Decke, auch die Zwischenräume der Fenster mit Bücherreihen bedeckt.
»Guten Tag, Georges«, sagte sie.
Er stellte ohne weitere Verlegenheit seine Gäste vor: »Fräulein Cornelia Ring und der Student Sigurd --«
Renate hörte vor Überraschung beim Namen der Cornelia den zweiten Namen nicht mehr. Eilfertig im Unterbewußtsein suchend -- denn bewußt hatte sie sich bestimmt keine Vorstellung von ihr gemacht -- fand sie irgend etwas Bleiches, Stolzes, Einsames, -- nun diese muntere Bereitwilligkeit der rundesten Augen von der Welt ...?
»Aber wie mich das freut!« sagte sie, ihre Hand ergreifend. »Josefs Freundin, nicht wahr?«
Die errötete lächelnd und sagte nichts. Indessen war Renate inne geworden, daß der schöne jüdische Mensch Saint-Georges' neuer Cellospieler sein mußte, und reichte auch ihm die Hand, die er mit linkischer Verbeugung ergriff. Mund und Kinn waren voll und weich, die Stirn hoch und rein unter buschigem, schwarzem Haar, die Nase ein langer, im oberen Stück heruntergebogener Haken, die geröteten Backenknochen standen ein wenig vor. -- O, der gefiel ihr! Und wie fest und warm seine Hand war!
»Und hier ist mein kleiner Bruder«, sagte Saint-Georges.
Rasch hinübergehend, beugte sie sich zu ihm und fand ihn so rührend in seinem flammenden Rotwerden -- das, da er keine Hand bewegen konnte, alles sagen und geben mußte --, daß sie ihn auf die Stirn küßte, worauf er ganz erschreckt »O danke!« sagte.
Der Schreibtisch war nichts als eine lange fichtene Platte auf Böcken voller Papiere und Bücher. Daneben war noch eine braune Tür, und in der Ecke dahinter stand ein altes, rotes Plüschsofa vor einem ovalen Tisch und ähnlichen Sesseln; aber ein sehr schöner türkischer Schal, ein Longschal mit schwarzer Mitte, ein Erbstück, hing über dem Tisch.
Sie sei eben recht gekommen, um zu helfen, sagte Saint-Georges zu Renate, nachdem sie abgelegt hatte und im Sofa saß, die Cornelia im Stuhl neben sich, während Sigurd Birnbaum sich an dem Bücherstreifen neben dem Schreibtisch zu schaffen machte. -- Ja, Fräulein Ring suche eine Anstellung, erklärte Saint-Georges, vor den Beiden stehend, weiter, aber bisher habe selbst Sigurd nichts gefunden. Sigurd nämlich wisse Rat für alles. -- Sigurd hingegen verfinsterte sich und murmelte wegwerfend nach den Fenstern zu, er wisse gar nichts. Gar nichts!
»Sie tun immer so,« grollte er, »als ob Gottweißwas an mir wäre, und dabei bin ich -- bin ich --« Er schloß, augenscheinlich keinen Grad der Niedrigkeit findend, mit einer verächtlichen Handbewegung und stellte sich an die Bücherwand, trotzig.
»Wie man alten Schweinslederbänden neuen Glanz verleiht,« sagte Saint-Georges lächelnd, »wie und wo man einen vor fünf Jahren in einer völlig vergessenen Zeitschrift gelesenen Aufsatz über den Anteil des rumänischen Bauern an der Weltwirtschaft wiederfindet, -- wie man für einen aus Sibirien entsprungenen politischen Verbrecher Geld, Pässe und Gönner in Amerika findet -- -- und so weiter, nicht wahr, Sigurd?«
Der mußte wider Willen lachen, gebärdete sich aber ergrimmt.
»Und Sie suchen eine Anstellung?« fragte Renate Cornelia. »Ja, was können Sie denn Gutes?«
»Gar nichts!« lachte sie munter, »das ists ja eben. Alles, was ich gelernt habe, war Singen -- bis mein letzter Lehrer mir die Stimme verdarb. Und da --« sie verstummte.
-- kam Josef, ergänzte Renate im stillen, indem sie »Wie traurig!« sagte. Wie gut, dachte sie, könnte sie zu uns ins Haus kommen und mir helfen, allein -- das würde sie selber nicht wollen, das selbe Haus in Josefs Abwesenheit betreten, das ihr, als er da war, nicht offen stand. Aber, als habe etwas aus diesen Gedanken den Weg zu Cornelia gefunden, sagte sie jetzt mit scherzender Betrübtheit: dann könnte sie ja Köchin werden ...
»Die Kochkunst«, sagte Saint-Georges, »darf niemand verachten. Wo haben Sie gelernt?«
»In Budapest.«
»Glänzend! Die besten Mehlspeisen in Böhmen, die besten Fleischgerichte in Ungarn. Wer mit Liebe und Ehrfurcht kocht, erhebt diese Verrichtung zu einer wahren Kunst, wie auch alle anderen nur dadurch zu einer werden.«
»Aber für wen kocht man mit Liebe?« meinte sie kläglich.
Sigurd bemerkte schlechtweg:
»Für Bogner, nicht wahr? Der sucht doch eine Haushälterin.«
Saint-Georges staunte.
»Ich habe doch gesagt, Sigurd, du würdest es wissen. Bogner --« wandte er sich an Renate, die eben dabei war, sich hastig den Kopf zu zerbrechen mit der Frage, ob sie wohl auch mit Andacht und Liebe für ihn kochen könnte, -- »Bogner hat ein einsames Haus an einem unbekannten Waldrand gemietet und sucht eine Vertrauensperson, die ihn pflegt, denn die es zuletzt tat, ist vor kurzem selig geworden. Abgemacht, Verehrteste, Sie gehen zu Bogner. Sie wissen doch, wer das ist?«
»O -- ob ich will?« sagte sie aufstehend heiß und wie es schien ergriffen. »Ja -- o ich kenne ihn! Aber -- glauben Sie denn, daß er will?«
»Welche Frage! Wenn ich Sie bringe. Er hat mich doch beauftragt.«
»Dann ists gut«, sagte sie fromm und bereit, nahm ein Paar langer Schwedenhandschuhe von der Tischdecke und streckte Renate die Hand hin, sich entschuldigend, daß sie gestört habe. Renate, innerlich schwach, äußerlich mit Nachdruck »Auf Wiedersehn!« wünschend, bedauerte sehr, daß sie ging. Wie leicht ihr Gang war! --
Saint-Georges, der sie hinausgeleitete, blieb eine Weile aus; so benutzte sie die Gelegenheit, gleich auf ihren Quartettenplan zu stoßen und Sigurd zu fragen, ob er in ihr Haus zum Spielen kommen wollte. Allein Sigurd lehnte völlig ab. Das sei ganz ausgeschlossen, denn er könne nicht das geringste. Er sei ein Stümper, behauptete er, den Kopf gesenkt, mit den Füßen bemüht, den umgeschlagenen Rand eines grauen Läufers mit roter Kante zu glätten, der seiner Länge nach am Boden durch das Zimmer gespannt war.
Ablenkend fragte Renate zu dem Gelähmten hinüber, sein Bruder laufe beim Arbeiten wohl fleißig auf und ab, daß er diesen Läufer hergelegt habe? -- Der Gelähmte lachte nur heiser zur Antwort, Sigurd aber bemerkte lächelnd, der Läufer sei doch seine Erfindung! Der Fußboden wäre ganz weiß abgelaufen darunter.
»Sie studieren Medizin?«
»Ja -- leider«, erwiderte er mit tiefem Ernst.
»Warum sagen Sie leider?«
Ganz düster versetzte er: »Weil mir als Juden doch die besten Wege verlegt sind. Ich meine natürlich nicht,« fuhr er hochmütig fort, »daß ich nicht ordentlicher Professor werden kann, sondern daß mir die technischen Hülfsmittel verschlossen bleiben, die mit solchen Stellen verbunden sind. Und ich bin solch ein kraftloser Mensch ...«
Renate, ganz unwirsch von soviel Erniedrigung, war froh, Saint-Georges wieder im Zimmer zu sehen, der lächelnd dastand, gegen Sigurd blickend, die Finger in den Westentaschen. Ernst werdend, sagte er dann zu Renate:
»Wir kamen früher schon überein, Sigurd und ich, daß alle Juden sollten umgebracht werden.« Und schon rief Sigurd erzürnt:
»Sogar die Russen sind vornehmer, tun wenigstens wie Herren, behandeln den Juden als Sklaven und schlagen ihn tot zum Zeitvertreib. Dies aber, dies ist das Verruchte, dies Geltenlassen und Verachten, daß wir herumgehen wie in einem Labyrinth schmaler Mauergänge, abgeschlossen, aber nicht ausgeschlossen, beklebt von oben bis unten mit Erlaubnissen und Verboten, und die Türen stehen uns alle offen, aber kein einziges Herz.«
Renate hatte sich auf das Sofa gesetzt, aber er vermied ihren Blick.
»Ja, Saint-Georges, was ist da zu sagen?« fragte sie.