Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 19

Chapter 193,852 wordsPublic domain

Plötzlich war Bogner zugegen. Er legte eine Mappe vor ihn hin mit Radierungen, und Georg konnte sehn, was es war, konnte sich freilich nicht recht entscheiden, ob diese Dinge da wirklich vor sich gingen oder nur gezeichnet waren. Es sei ein Zyklus >Hades<, hörte er eine Stimme mehrmals sagen, und jetzt kam er zu sich, Bogners Gesicht dicht über sich gewahrend, da er neben ihm stand, um die Blätter umzuwenden. Jetzt hätte er ihn fragen können, wie er denn hierher komme, mochte das aber nun nicht mehr, sondern beugte sich tiefer über die Blätter, die ihm ungeheuerlich erschienen wie manche Dinge im Traum. Da waren die Danaiden, ein unbeschreibliches Gewimmel von Frauenkörpern, die sich über drei aneinandergereihte Blätter hin an den Gestaden eines Flusses bewegten; etliche lagen an der Quelle, blumenflechtend, etliche beugten sich mit ihren Krügen von bekränzten Flößen, Gruppen und Scharen, und einzelne Wallerinnen schritten in schöner Bewegung von Hügeln zur vollen Stromesbreite, alle in einer unwahrscheinlichen Helligkeit, alle nur in Umrißlinien gehalten, und alle ohne Gesichtszüge, leere Ovale statt der Antlitze zeigend, grauenhaft seelenlos anzusehn. Da war Tantalos, eine kaum sichtbare Gestalt in einem schwarzen Geklüft, am Boden ausgestreckt wie ein Frosch, wo ein Wasser verrann, und hier noch einmal, emporfliegend wie ein Schatten zu den über ihm fortwirbelnden Zweigen und Früchten. Sisyphos war da, der Akt eines Athleten, der mit Händen, Kinn und Schultern zusammengekrümmt den riesigen Würfel bergan trieb; und hier starrte er vom Hügel dem rutschenden Felsen nach, ein Riese, hülflos, mit ungeheuerlich nach vorn hängenden Schultern und vergreistem Antlitz; und da war der zu Tal jagende Block in Qualm und Geröll, dahinter der Mensch, nachstürmend, mit flatternden Haaren, springend, schreiend, aufgerissen, sinnlos. Persephoneias Antlitz blickte gerade aus dem Blatt, bleich und ergraut; durch kerzenschlanke Stämme hinter ihr, unter wagrecht abgeschnittener Masse schwarzer Wipfel schimmerten elysische Gefilde und Gestalten. -- Georg gingen die Augen über; Bogner war nicht mehr da.

Nun kam viel Schlaf. Dann konnte er wieder grade umhergehn und erkennen, daß es November war. Hin und wieder schlief er, in Decken gewickelt unter freundlich wärmender Sonne auf der Terrasse. Milch gab es zu trinken, sehr schöne, in kleinen, kostbaren Schlucken. Stundenlang hockte sichs angenehm schläfrig an einem Fenster im Klaviersaal, während es draußen hagelte und stürmte, oder während die Nebel heranwogten und alles verhüllten.

Dann trat eines Tages Jason al Manach bei ihm ein, setzte sich nach der Begrüßung -- es war im Klaviersaal --, erhob sich wieder, ging zu Bogners Gemälde und stand lange darunter. Georg folgte ihm mit den Augen und wunderte sich, daß er in kleinen Pausen immerfort den Kopf hin und her bewegte oder schüttelte. Dann sah er ihn einen Stoß Briefe vom Harmonium nehmen, damit zum Fenster gehn und sie langsam durchsehn; schließlich behielt er ein Telegramm in Händen und drehte es um; es war verschlossen. Al Manach öffnete es, schüttelte, schüttelte, schüttelte den Kopf, las für sich, schnaubte eine Art Lachen und sah Georg an.

»Sie haben seit drei Wochen keine Post gelesen?« fragte er.

Georg bejahte, auf einmal ganz wenig geängstigt. »Ist denn was?« fragte er.

Jason blickte wieder in das Telegramm und las vor: »New York, 28. Oktober. Gerettet. Esther verloren. Jason.«

Georg zuckte leicht zusammen, hörte das laute Rauschen des Regens auf den Steinplatten der Terrasse, besann sich, was die Worte bedeuteten, sah al Manach ans Fenster treten, hinausblicken, den Kopf schütteln, sah ihn sich setzen, den Kopf senken, ängstlicher nun jeder Bewegung dieses Menschen anhangend, und hörte ihn reden.

»Also: Zusammenstoß mit einem Eisberg. Nachts. Ich saß im Café. Die Rettungsboote kamen meist nicht ins Wasser, zerschellten. Die See war glatt. Es herrschte eine sogenannte Panik. Ich benahm mich verständig. Ich suchte Esther. Ich habe sie nicht gefunden. Ich half Leuten in die Boote. Ich suchte, wie man so im Traume was sucht. Ich sah einen, der vor Angst ins Wasser sprang. Da wurde ich über Bord geworfen. Ich hatte eine Schwimmweste an. Ich wurde von einem Boot aufgefischt. Ich sah etwas, das Sie eine Halluzination nennen werden. Nämlich, ich kenne den Tod sehr gut. Ich habe ihn seit meiner Kindheit vor mir her gehen sehn, zuweilen stehn bleiben und mich anschaun und mich vorüberlassen. Auch unterhielten wir uns oft über das menschliche Leben. In bedeutender Weise erschien er mir mehrmals, diesmal wars das achte. Wo ich geboren wurde, stand er dabei, und meine Mutter starb. Als ich acht Jahre alt war, fiel ich drei Stock hoch herunter und blieb lebendig. Als ich sechzehn alt war, stand er vor meinem Bett, wo mich die Diphtheritis am Hals hatte. Als ich vierundzwanzig alt war, stand er zu Füßen des Bettes, in dem Angelika starb in ihrem Blut. Als ich zweiunddreißig alt war, sah ich ihn an einem brennenden Eisenbahnzug entlang gehn, und dann gab er die Genauigkeit auf, und ich sah ihn gleich darauf an einem Teich, und bei einer Windmühle, und jetzt sah ich ihn mitten im Wasser stehn, grau und verschleiert wie immer. Ich sah noch etwas. In der Nacht hoch über mir -- denn so ein Ozeandampfer hat eine schöne Höhe -- war eine Gesichterreihe überm Bordgeländer, und darin das Gesicht von Esther, sehr deutlich. Das war still, und die Augen sahen starr nach einem, der neben mir im Boot saß. Sie warens, Prinz. Da gingen ihre Augen zur Seite, sie sah wie ich den großen Grauen im Wasser, der den Arm hob und nickte. Dann lächelte sie. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Esther Sie angesehn hat, als das Schiff unterging. Dies war sehr feierlich. Sie spielten einen Choral. Ich habe den Tod so großartig noch nicht erlebt.«

Nachdem er eine Weile aufrecht gestanden hatte, setzte er sich nun wieder, als müsse er sich da durch zum Aufhören seines Redens nötigen. Georg fühlte, daß ihm etwas Schmerzliches in Kehle und Augen aufstieg, daß etwas ihm heiß über die Wange lief, und dachte: Ich glaube, ich weine. Darüber aber rannten die Gedanken fort ins erste Kapitel von Jean Pauls Flegeljahren, wo die Erben um den Tisch sitzen und sich in einer halben Stunde zum Weinen zu bringen suchen, um das Haus zu gewinnen, und einer erhebt sich feierlich und sagt, grade wie ein Andrer die Tränen in sich steigen fühlt: Ich glaube, -- ich weine ... Georg fing leise an zu lachen, wollte das Lachen halten, es gelang ihm nicht, endlich schluchzte er auf und wurde still.

Tot war die kleine Esther. Schon lange war sie fortgefahren, schon lange war sie tot. Darum hatte sie ihm so traurig zugenickt aus dem Eisenbahnfenster. Vom >zur rechten Zeit sterben< hatte sie etwas gesagt. War das nun eingetroffen? -- Einmal hatte er ihr ein Veilchensträußchen gekauft; eines war herausgefallen, das hatte sie ihm gegeben, eine winzig kleine, embryonische, dunkle Blume, die er innen in seinen Handschuh geschoben hatte. Beim Ausziehn dieses Handschuhs fiel es auf die Erde, und er hob es in einer leeren Zigarettenschachtel auf, er hatte soviel Anhänglichkeit an so was. Als er sie nach ein paar Tagen wieder öffnete, war die Blume schwarz und trocken, aber die Schachtel war ganz voll von Duft gewesen. So breitet die süßere Seele sich über -- über ... Wie berauschend brauste der Regen! welch ein Getöse! Es ward dämmrig, es ward dunkel. Jasons bleiches Gesicht war noch dort, aber nach einiger Zeit verschwand es auch, löste sich auf. --

Ob der rote Baum noch am Wasser stand? -- Ein sterbendes Gesicht an einem Kreuz, erzählte Esther, das mich ansah. -- Georg fing heftig an zu weinen. Draußen rauschte das unendliche Wasser. Ganz unten lag die eine Tote, rotviolett gekleidet; eine Muschel lag vor ihrer Stirn, sie schlief sich aus. -- Warum so ernst, Esther? -- Georg weinte heftiger und unaufhaltsam, weinte wieder leiser und verlor Schmerz und sich im Schlaf.

Achtes Kapitel: Dezember

Renate an Magda

Altenrepen, am 23. Dezember

Mein liebes Herz:

Du sollst nun hören, weshalb ich Dir einen ganzen Monat fast nicht geschrieben habe. Onkel ist am 2. zurückgekommen; er war nicht zu erkennen. Im Treppenhaus sah ich einen alten Mann; er war weißhaarig, mit weißen Bartsprossen am Kinn, gebückt und schlottrig, und verzog sein Gesicht zu einem abwesenden Höflichkeitslächeln. Dann ging er an mir vorüber zu seinem Zimmer. Ja, da hing ich am Treppengeländer, mir wars, als wär ich aus Kalk. Ich weiß nicht, wie lange Zeit verging, bis ich wagte, ihm nachzugehn. Er saß in einem Sessel und schien aus dem Fenster zu sehn, antwortete auf nichts. Wie er hergefunden hat, -- ich weiß es nicht. Ich umschlang ihn und weinte, aber er schien es nicht so recht zu begreifen; schien nur ungeduldig, mich los zu sein. So ist er seitdem. Die Speisen kommen meist unberührt zurück. Milch trank er gern; soviel er bekam, trank er immer aus, und nachdem die Köchin ihn einmal aus der Speisekammer hat kommen sehn und hinterdrein eine Verminderung der Milch bemerkte, lasse ich immer eine größere Menge auf seinem Zimmer sein; das bildet nun, mit etwas weißem Brot, seine Nahrung. Im Anfang, wenn ich ihn auf meinem Weg zur Kapelle oder zurück am Fenster stehn sah, lächelte er noch und grüßte mich, aber auf eine so fremde und unterwürfige Art, -- mich schaudert noch; aber später verlor er mich scheinbar aus dem Gedächtnis. Jeden Mittag, gleichviel wie das Wetter ist, geht er in den Garten und fängt an, den Rasenplatz zu umkreisen, die Hände auf dem Rücken, eine Stunde und länger. Nun laure ich jedesmal auf seinen Schritt im Treppenhaus, um ihm einen Mantel umzuhängen. Der Bart ist ihm lang gewachsen, er sieht nun ganz würdig aus, sein Gesicht ist sonderbar rosig geblieben, die Augen scheinen nun viel dunkler, und der Bart fängt dicht darunter an. Natürlich habe ich ihn von Doktor Pahl beobachten lassen; der meinte, er müsse einen Schlaganfall erlitten haben; ich erzählte ihm alles, von Josef und auch das andre, was er vor seiner Reise mit mir sprach, und der Doktor sagte etwas von fixer Idee, und was hilft uns das?

Einmal sprach ich mit Erasmus. Der sagte wenig. Um seinetwillen, sagte er, wäre sein Vater nicht so geworden.

Ich klage nicht, Magda. Ich weiß nicht, wieviel hiervon mein Verschulden ist. Ich habe ihn allein reisen lassen, ich habe mich früher viel zu wenig um ihn gesorgt, o wenn es doch mehr wäre, hundertmal mehr, daß ich etwas _hätte_, daß ich leiden müßte, leiden! Nun ist alles so unbestimmt und macht nur müde.

Denkst Du auch wohl an heute vor einem Jahr? Ja, da war ich groß und stolz und voll guter Lehren.

Wie ich sonst lebe? Das Haus verlasse ich kaum. Saint-Georges kommt, und wir arbeiten hier zusammen. Damit der Gelähmte seinen Bruder nicht entbehrt, habe ich ihm ein Zimmer zurechtmachen lassen, und er wohnt hier. Das ist er recht zufrieden, sitzt behaglich am Fenster und liest in sieben Büchern auf einmal. Nun hab ich zwei Gelähmte im Haus.

Irene kommt sehr oft, hat Dir auch wohl geschrieben. Ihr Mann hat so viel Arbeit, daß sie viel allein ist: vorläufig trägt sie's mit Munterkeit. Ulrika gab ein schönes Konzert; sie ist viel in andern Städten. Sie behauptet, jedesmal den kopfschüttelnden Jason zu treffen, ich weiß nicht, wie sie das macht, da ich ihn auch mindestens in jeder Woche zu sehn bekomme, aber er hat ja wohl übernatürliche Fähigkeiten.

Ich lese viel. Philosophie ist kein Trost, aber haltbar; ich kam durch Zufall dazu, da ich Schopenhauer aufschlug und in der Vorrede ein so nachdrückliches Verbot der Lektüre seines Werkes fand, es sei denn, man hätte die sämtlichen Philosophen vor ihm gelesen, daß ich -- unter Saint-Georges' Anleitung -- von vorn angefangen habe.

Dies ist ein schlechter Brief. Mir stehn die Tränen im Halse, und die Feder in der Hand will nach jedem Wort stillstehn.

Eben öffne ich in Gedanken den letzten Brief von Ulrika. Folgendes steht drin: »Mir fällt gerade ein, wie ich Dich neulich dasitzen sah und lesen, in Deinem grünen Kleid neben der Schirmlampe, das Buch im Schoß, ein Bild der Nachdenklichkeit. Jetzt weiß ich, wem ich Dich damals bewußt verglich; ich dachte, Du seist Pallas Athene, der man das erste gedruckte Buch in die Hände legte, und sie kann es gleich lesen, die Allwissende, und freut sich, wie klug die Menschen mit der Zeit geworden sind. Man kann sich kaum denken, daß Du wirklich liesest, was Du in der Hand hältst, Du bist so schön, was kannst Du auch lernen, es ist, als hättest Du alle Weisheit, und Dein Lesen ist nur ein Wiedererkennen von Dingen, die Du vor tausend Jahren selber erdachtest.« Mir zur Strafe hab ich das aufgeschrieben. Das denken, das wissen die Menschen von Einem, so können wir erscheinen, ach, das Mißverhältnis, zwischen dem, was man ist, und dem, wofür unser nächster Nachbar uns hält, wird mir vor Tragik bald komisch erscheinen. -- Übrigens ist mir Ulrika eigentlich auch so fremd wie -- -- ach, was wissen wir voneinander!

Manchmal, weißt Du, ist es so still, daß ich meine, ich müßte es hören, wenn nur ein Zug in meinem Gesicht sich bewegt. Es ist ja alles in dieser furchtbaren Stille vor sich gegangen. Alles? Sigurd schrie doch einmal auf, Erasmus tobte; aber mir scheint, dies war nicht das Eigentliche. Stillschweigend ging Jason, still Esther, stillschweigend der Onkel, und in diesem Schweigen vollzog sich das Eigentliche, und dennoch, dies, was wir nicht lärmen und platzen hörten, es schickt doch seine gefährlicheren Wellen in den Raum, und diese verschlingen und vergiften uns schrecklicher und boshafter als die lauten Gefahren und die erschütternde Verzweiflung.

Nun läuft die Feder. Ich fragte Saint-Georges: Wie nennt man doch diese Zeit der Windstille im Jahr, -- ich vergaß das Wort. Er, gleich verstehend wie stets -- ja, wenn ich ihn nicht hätte! -- sagte: Wenn der Eisvogel, Halkyon, brütet, herrscht Windstille, wie man sagt. -- Dann, sagte ich, haben wir wohl die halkyonischen Jahre. Der große Eisvogel Schicksal brütet. Er hoffe, meinte er freundlich, es werde kein Basiliskenei sein, das man ihm untergeschoben habe. -- Ja, wer weiß denn, ob nicht alles erst kommt ... Ich bin ja auch vollkommen unberührt. Eigenes Schicksal blieb aus; ich warte.

Ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten ging schon vor drei Tagen an Dich ab. Jede mußt Du Dir eingepackt denken in eine Hülle guter, frommer Wünsche. Sag, sind das nicht Verse von Georg, die er Dir einmal schickte:

Sie hält ihr Herz nun offen in der Hand Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden, Dieweil sie weiß: durchstochen und verbrannt, Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Händen ...

Ich vergaß das Übrige; damals mochte ich es nicht sehr, eben traf es mich seltsam. Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen, -- schloß es nicht so? Genug. Leb innig wohl!

Renate

Heiliger Abend

Renate stand, den Rücken in eine Fensternische der Halle gelehnt, und blickte in die gelben Lichtflammen des kleinen Baums auf dem reichbeladenen Tisch, den sie für Saint-Georges' Bruder aufgebaut hatte. Saint-Georges saß auf einem Stuhl daneben, ein Buch in der Hand, in dem er blätterte. Sie schwiegen.

Renate dachte: Gleich werde ich anfangen zu weinen. Die Lichter verschwammen vor ihren feuchtwerdenden Augen, unsägliche Kindheitsstunden lösten sich aus dem Geruch von brennendem Wachs, Harz und Nadeln. Ihre Stimme war heiser, als sie fragte: »Wie feiertest du, -- wie feierten Sie eigentlich Weihnachten?«

Er sah nachdenklich auf und antwortete: »Gar nicht. Da wir keine Eltern hatten, hatten wir auch kein Weihnachten.«

»Richtig,« sagte sie, sich ermannend, »es ist ja ein Familienfest. Wollen Sie nun Ihren Bruder holen?«

Überdem wurden viele Schritte draußen hörbar, es klopfte, Köchin, die Hausmädchen, Zofe, Diener, Gärtner, Chauffeur kamen verlegen herein, knicksten und dienerten und wollten sich bedanken. Der Diener hielt eine kleine Rede, in der er dem Hause »auch wieder frohe Tage wünschte, da sie es alle so gut gehabt hätten«. Renate gab allen die Hand, dankte ihnen für ihre Dienste und fragte, ob der junge Herr auch bei ihnen gewesen sei. Ja, und er hätte sogar Punsch mit ihnen getrunken. Immerhin schienen sie Alle froh, wieder verschwinden zu können. Eins der Hausmädchen, verschmitzt, wünschte Renate persönlich beim Händedruck, daß auch der junge Herr Josef bald wiederkommen möchte. -- Gleich darauf rollte Saint-Georges seinen Bruder im Stuhl herein, schon hochrot im Gesicht.

Und nun bekam er Gottfried Kellers sämtliche Werke, die er sich gewünscht hatte, und Conrad Ferdinand Meyers sämtliche, von denen er einmal zart wie von etwas unerreichbar Kostbarem gesprochen hatte, und den schönen Till Eulenspiegel von de Coster, und den ganzen Strindberg, und den ganzen Jakobsen und die Gedichte von Rilke und die Geschichten vom lieben Gott und alle Novellen von Storm, o Gott, es schien überhaupt nicht aufzuhören. Es kam dazu, daß er ganz laut krähte. Aber dann saß er glühend still neben seinem Tisch und dem eichenen Regal, das diese Herrlichkeiten enthielt, und versank darin. Renate, vor unsäglicher Gerührtheit zitternd, wäre Saint-Georges gerne um den Hals gefallen, gab ihm eine goldene Uhr im Armriemen und stammelte verzagt, er möchte auch an sie denken. Bei seinem Gelächter fand sie sich wieder, konnte mit Fassung sein Geschenk, nämlich eine Photographie von sich selber entgegennehmen, die sie sich ausbedungen hatte, und als es jetzt wieder klopfte und Bogner mit einer großen Kiste auf der Schulter erschien, in der Tür stehn blieb und erstaunt sagte: »Guten Abend, Frau von Bernus!« hatte sie sich so weit wieder, daß sie triumphierend die bloßen Arme ausstrecken konnte und rufen: »Er hats gleich gesehn, und du hast nichts gesehn!« (Aber mein Gott, dachte sie, ich verspreche mich bald fortwährend!)

»Was denn?« fragte Saint-Georges. -- Bogner setzte geschickt seine Kiste ab wie ein Dienstmann. -- Sie trat vor Saint-Georges, ließ den breiten Umhang von Blaufuchs von den nackten Schultern gleiten, zeigte ihm die spitze Schneppe der Taille vorn, strich die grauen Falten ihres mächtigen Seidenrocks weit auseinander und schüttelte den Kopf, um ihm die Frisur von Zöpfen zu zeigen, die vorn vor den Ohren in Schleifen herunterhingen.

Ja, aber er kennte Frau von Bernus doch gar nicht.

Bogner erklärte, es sei ein Porträt von ihr von dem Maler Veit in der Jahrhundertausstellung gewesen, und Renate sei ihr tatsächlich ein wenig ähnlich, wenn auch im Entferntesten nicht so süß.

»Und meine Hakennase!« schrie Renate. »Nein, denkt euch, nun muß ich euch was erzählen. Die Kiste mach ich nachher auf, Bogner, ich darf doch? Also ich wollte doch Erasmus etwas zu Weihnachten schenken. Da ging ich in sein Zimmer, um nachzusehn, was er wohl brauchen könnte. Aber da sahs aus! Ein Wust von Sachen, alle Stühle waren hochauf beladen mit Stapeln von technischen Zeitschriften, aber dann hab ich eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Über seinem Bett an der Wand hing an einem eisernen Krampen und Schnüren ein ganz windschiefes Bücherbrett, drei Stockwerke, und darauf standen die sämtlichen Werke von Jean Paul, Balzac, Dickens und Dostojewsky, diesen ausgenommen in der Ursprache. Und auf dem Nachtkasten, offen mit dem Rücken nach oben, lag der Komet von Jean Paul. Hättet ihr das von ihm gedacht? Nun hab ich ihm ein festes Gestell machen lassen, und da die Bücher alle grausam zerfleddert, auch die Ausgaben sehr gewöhnlich waren, hab ich ihm alle neu gekauft, und schließlich die ganzen Zeitschriften in das große Regal nach Nummern geordnet, ja, das war eine Arbeit!«

Bogner sagte nachdenklich, den Erasmus kenne keiner, worauf er sich verabschiedete. In der Tür begegnete ihm der Diener, durch den Erasmus das gnädige Fräulein und die Herren Saint-Georges bitten ließ, mit ihm zu speisen. Renate staunte.

Das Speisezimmer war leer, als sie es betraten. Auf Renates Teller lag ein Strauß samtschwarzer Rosen, darunter ein Lederetui, in dem sie unter einer Karte mit einem Glückwunsch von Erasmus' Hand eine mehr als talergroße Scheibe von dunkelbraunem, stumpfem und rauhem Bernstein fand, die an einer dünnen Goldkette hing, eingefaßt in einen Kranz kleiner Perlen. Darüber entstand eine kleine Wirrnis in ihr. Welche Anstrengung der Phantasie für seinen mühseligen Geist! So also beschäftigte er sich mit ihr?

»Georges,« sagte sie -- denn sie mußte sich herauswinden -- »haben Sie ihm dabei geholfen?« Er gestand es.

Da sie nun den Schmuck um den Hals hängen wollte, erwies sich die Kette nicht lang genug, daß die Scheibe auf ihrer Brust aufliegen konnte. Saint-Georges nahm sie aus ihrer Hand und legte sie um ihr Haar, so daß die Bernsteinplatte vor ihrer Stirne hing. Sie trat vor den Spiegel. Ja, sie war ein Wunder an Schönheit. Überdem liefen ihr die Tränen aus den Augen, sie stürzte aus dem Zimmer, an Erasmus vorüber, ohne ihm mehr als einen furchtsamen und hastig versüßten Blick zuzuwerfen, die Treppe hinunter und hielt vor der Tür ihres Onkels inne. Sie öffnete lautlos, glitt hinein. Im Dunkel waren Kopf und Oberkörper des alten Mannes, hell genug beleuchtet vom einfallenden Schein der entfernten Straßenlaterne draußen; so saß er am Fenster; an der Decke über ihm hing der Schlagschatten des Fensterkreuzes, verzerrt. Als sie die Hand leise auf seine im Schoß gefalteten Hände legte, blickte er auf und lächelte gütig, ließ es sich auch gefallen, daß sie seinen Kopf an ihre Brust legte, aber nach einer Weile merkte sie das Widerstreben seiner Kopfhaltung, ließ die Hände fallen, trat von ihm fort, zerrte an ihrem Taschentuch, raffte den Pelzumhang zusammen, faßte und hob ihr Kleid überm Knie und glitt leise hinaus.

Wie lange Zeit vergangen war, wußte sie nicht, da sie sich am Fenster der dunklen Halle fand, hinter sich die Stimme des Dieners vorwurfsvoll vernehmend, es sei doch aber schon lange angerichtet. Auch was sie gedacht und empfunden in diesen Minuten, suchte sie vergebens in sich, als sie, wieder im Speisezimmer, verdunkelten Auges auf Erasmus zuging, der vor seinem Teller stand, ihm die Hände auf die Schultern legte und ihn zwang, mit den Augen den ihren standzuhalten.

»Ich danke dir auch«, sagte sie heftig atmend. Ihre Brust wogte. Da merkte sie, daß sie nicht seinetwegen zu ihm gegangen war, sondern um jemand zu haben, an dessen Schulter sie einmal diesen nie gebeugten Hals ausruhen könne, und nun erschrak sie: Was tu ich denn! was mach ich aus ihm? ich werde ihn verrückt machen. Sie glitt hastig mit den Händen an seinen Armen herunter, drückte ihm die Hände und sagte irgend etwas Muntres. Später bemerkte sie die ungemeine, fast gewandte Gesprächigkeit des Erasmus, redete ihn auf ihr Geschenk an und hörte seine beinah launischen Vorwürfe, daß ihr Erscheinen vorhin ihn nicht zum Danken habe kommen lassen. Als sie nun ihre Verwunderung über seine schöne Autorensammlung äußerte, meinte er kurz -- es war deutlich, daß er sofort alles Verdienst ablehnen wollte --, Josef habe er das zu danken. Er, Erasmus, sei der Meinung gewesen, daß ein gebildeter Mensch eine gewisse geistige Nahrung brauche, und habe Josef gefragt, ob es nicht in jedem Lande ein Dichtergewächs gebe, das so quasi die besten Möglichkeiten seines Bodens und Klimas in sich entfaltete, so daß man also mit dreien oder vieren der Art alle gute Nahrung beisammen hätte, und er habe sich denn auf Rußland, das ein schönes, breites Land sei, England, Frankreich und Deutschland beschränken wollen, was Josef einen sehr ordentlichen Gedanken genannt habe, nur schien er gemeint zu haben, daß Deutschland noch um ein Stück breiter sei als Rußland, und da sei die Auswahl schwer. »Da ich nun Goethe ablehnte, denn den hatten wir ja auf der Schule, so nannte er mir Jean Paul.«

Denn den hatten wir auf der Schule, dachte Renate, wie ist das nun wieder kümmerlich und traurig.

»Also will ich den nehmen, sagte ich«, fuhr Erasmus fort. »Der wird dir aber zu schaffen machen, sagte Josef.«