Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 18

Chapter 183,706 wordsPublic domain

Freilich wohl, und eine vor allem. Er hatte doch in einem Augenblick seines Lebens diese Vollkommenheit wirklich gesehen. Ja, Georges, er hatte ihren Finger gefühlt leibhaft, mitten im Herzen -- das heißt, er hatte Allmacht gefühlt, sie, die ihm dann in seinem einsamen Jahr wieder erschien in anderer, nicht mehr bedrohlicher Gestalt, eben als die Vollkommenheit. Also konnte sie offenbar werden. Und so war dies sein Erkennen und sein Glaube, daß sie beherrscht war von einer süßen Neigung, offenbar zu werden. Liebe, das war die Kraft, die all die Myriaden Teile dieses Ganzen zusammenhält, und so war es ihm durchzogen von einem schimmernden Netzwerk von Offenbarungen. Lassen Sie es mich noch einmal sagen: als er Einsicht gewann in die ewige Weisheit, da ward sie ihm so feurig leibhaftig, so odemvoll lebendig, so schnaubend regsam in ihm und reich an unendlichen Sinnen und Kräften, daß sie sich von einem persönlichen Gotteswesen, wie Andere es für wahr halten, nur durch die Eigenschaften unterschieden haben mag, die eben die Andern ihm beilegen. Sie hatte ja fast Züge, und mir, Georges, mir sah sie schon ganz aus wie mein Vater. Sehen Sie, Freund, Gott ist immer ein und derselbe, und verschieden sind nur die Wege.

Ein wundervolles Gewebe von Offenbarungen, das erfüllte ihm die Welt, und überall konnte dessen Feuer hervorleuchten, aus einer Blume, aus einem Stern, aus Kindesmund, aus der Bibel. Der Einfältigste konnte es empfinden, und der Weise es auslegen. Ja, so stark sei der Wunsch Gottes, offenbar zu werden, daß die Offenbarung nicht wahr zu sein brauche an sich, sondern allein wahr durch den Glauben des Herzens, und Spiritismus und Okkultismus, Bibelauslegung und Zungenreden der Sekten -- all das galt ihm so lange für ernst, wie er den Ernst zu sehen glaubte in der Seele des Menschen. Er selbst glaubte fest an die Sterne, und das war der Grund, weshalb ich geboren wurde.

Das ist nun aber mal furchtbar komisch gewesen. Er glaubte an die Sterne, ihren Zusammenhang untereinander und unseren mit ihnen, wie schon sein alter Lehrer, Pater Jucundus, ihn unterwiesen hatte. Und so -- nachdem er gründliche Kenntnisse in der Sterndeutekunst erworben hatte -- glaubte er auch, daß ein Mensch, zu einer bestimmten Stunde gezeugt, zu einer bestimmten Stunde geboren, gewisse, in den Sternen ausgedrückte und erkennbare Eigenschaften auf die Welt bringen würde. Und nun sehen Sie, Georges: es ist alles eingetroffen, Zeugung und Geburt zu den vorgesetzten Stunden, und gewisse Eigenschaften auch, bloß -- er hatte alles berechnet auf einen Sohn, und es kam eine Tochter, nämlich ich.

Papa, als er es mir erzählte, sagte, er sei im Leben nicht so verblüfft gewesen. Er hatte die Möglichkeit, daß es kein Sohn werden könne, überhaupt nicht im entferntesten geahnt und wollte nicht glauben, was er sah. Nachher freilich habe er auch lachen müssen wie nie im Leben. Er sah nun ein, daß die Vorsehung sich zwar erkennen läßt, aber in keiner Weise beeinflussen. Im übrigen stimmte, wie gesagt, die Sternenberechnung durchaus, und auch ich hatte gewisse Eigenschaften bekommen, die jene Stunde der Geburt einem weiblichen Kinde verleihen sollte, und weiter noch hat es sich in meinem Leben gezeigt, daß von drei >Schicksalstagen<, als welche auch in der Sternauslegung eine große Rolle spielen, der erste eingetroffen ist -- die andern verriet er mir nicht --, sein Todestag.

Aber davon später; wir verließen ihn ja im Riesengebirge, und ich will weiter erzählen.

Nun wieder nachts

Es ist doch Besuch gekommen, und ich hab abbrechen müssen. Gegen Mittag hat das Wetter sich dann aufgeklärt, ich konnte meine Besuche machen, und um ja zu recht Vielen zu kommen, hab ich einen Wagen anspannen lassen. Das war eine Fahrt! Der Himmel so blau, die Erde dampfte ganz wild in der Sonne, und über das lächelnd Blaue flog immerfort Weißes, als würden lauter Tücher emporgeworfen, immer dahinten, wo man nicht sein kann. Die Obstblüte, dahier das Schönste, ist ja leider zu andrer Jahreszeit, aber dies Grün, o dies nasse, schwere Grün der Bäume und Wiesen, und noch Blumenfarben in den kleinen Gärten und die blitzenden vielen Silberkugeln und die blauen, die sie lustig hineingestellt haben, und in denen man den Himmel sehn kann und alles, mitten zwischen den Blumen. Vor jedem Dorf auf der Landstraße kamen die Kinder mir entgegengelaufen, alle kleinen Hände voll Sträuße, mein Wagen ist so voll geworden, daß sie an den Seiten wieder herausfielen, und aus den Haustüren traten die alten Leute, lachten und weinten -- sicher hab ich zwanzigmal Kaffee getrunken, na und Kuchen so viel, daß ich kein' Atem mehr kriegen konnt, und geredet! Das sind ja dahier rheinische Menschen, nicht so plump wie der Bayer und so derb, auch nicht so verschlossen wie der Bauer im Norden, sondern treu- und offenherzig und redselig, und o fein sind wir und gebildet, und wie war ich froh, daß ich ihr Schwäbisch noch hab verstehen können! Ach, daß sie mich Alle gern mögen, weiß ich ja auch, aber eigentlich hat es alles doch ihm gegolten, und ich bin ja auch sein Geschöpf, und ich hab wohl gesehen, daß ihnen Allen so lustige kleine Spruchbänder vom Mund wegflogen, wie auf den Bildern im Mittelalter; wo aber auf denen jedesmal der Name der Person aufgemalt ist, da hat immer sein Name gestanden --, ach lieber Freund, ganz satt und trunken haben sie mich gemacht mit ihrer Liebe zu ihm!

Und ich muß nun, wenn ich weiter erzählen will, im Gegenteil von Lieblosigkeit reden, aber es wird ein Übergang sein, und halt läßt es sich nicht ändern.

Er hatte, bevor er in seine Einsamkeit ging, dies Vorhaben und seine Notwendigkeit seinem Vater nur schriftlich mitgeteilt und keine Antwort empfangen. Ins Haus zurückkehrend, mußte er von der Dienerschaft erfahren, daß seine Mutter gestorben war, und daß sie den Auftrag hätten, ihn am Eintritt zu verhindern. Er kehrte um, eine Adresse zurücklassend, um die er gebeten wurde. Der Großvater schrieb ihm, daß er nunmehr satt sei der Unbotmäßigkeit. Er möge sehn, was er treibe, ihm jedoch nicht früher vor Augen kommen, als bis er im Besitz eines Berufes sei, der ihn ernähre. Die Unterstützung hierzu könne er alljährlich bei einer Bank beheben. --

Papa hatte nun das Glück, einen wundervollen Aufschwung all seiner Kräfte und Fähigkeiten zu erleben. Die Offenheit der Welt war in ihm, und was in ihn stürzte, war Reichtum der Welt und kostbare Nahrung. In der Einsamkeit hatte er zu der großen ersten Erkenntnis eine zweite, für sein tätiges, sein gleichsam persönliches Leben gültige gewonnen -- die seiner Berufung zum Priester. Zum Priester ja, und weniger zum Verkünder, zum Apostel, sosehr er glaubte, damals, im mächtigen Feuer seines Gottesgefühls glaubte, den Schatz einer neuen Religiosität gefunden zu haben. Jedoch hatte er bei aller Leidenschaftlichkeit keinerlei Anlage zum Revolutionär, ja, er verabscheute das Revolutionäre, das Zerstörerische daran und auch die Gewaltsamkeit neuer Formung. Da allezeit kaum der hundertste Teil von dem, was der revolutionäre Geist erstrebt, seine Verwirklichung in der menschlichen Gemeinschaft findet, so schien es ihm ersprießlicher und seinem Wesen gemäß, die Verwirklichung des von ihm Erkannten zu erstreben und versuchen im einfachen Wirken. Bilden, sagte er, im menschlichen Stoff, ist Umbilden; ist, den guten, den brauchbaren Keim zu erkennen und, ihn entfaltend, die alte Form zu durchwirken und umzuschaffen.

So ging er fürs erste daran, die menschlichen Wissenschaften vom Göttlichen sich zu eigen zu machen, indem er zunächst Theologie studierte, später auch Philosophie, Natur- und Sozialwissenschaften. Dazu erwarb er reiche Kenntnis in den lebenden und toten Sprachen, sogar im Sanskrit und der Bilderschrift der Ägypter, überall aus den Quellen selber zu schöpfen geneigt. Erst fünf von den zehn Jahren, die er daran setzte, waren vorüber, als sein Vater die Zahlung der Unterstützung einstellte mit der Begründung, es sei ihm zu Ohren gekommen, daß er mit einer Weibsperson zusammen lebe. Er möge sie aufgeben oder ihn. Papa mußte dies Ansinnen leider abweisen. Durch seine Verheiratung mit jener Weibsperson, meiner Mutter, einige Jahre später, und seinen gleichzeitigen Übertritt zum Protestantismus, zog er sich die väterliche Verfluchung zu. (Seltsam, nicht wahr, daß der Großvater am Sohn nicht anerkennen wollte -- ja, vielleicht nicht einmal erkannte --, was er selber im gleichen Alter getan hatte!) Er ließ ihn wissen, daß er fortan nur noch einen Sohn habe, und er hielt dies Wort so, daß er auch die Beziehung zwischen Papas Bruder und ihm gewaltsam verhinderte und ihn nicht rufen ließ, als er starb. Papa hat ihn nur als Leiche wiedergesehen. -- Lassen Sie mich aber nun erst von meiner Mutter erzählen.

Nachdem jener Schuß auf Alsen Papa getroffen hatte, lag er noch zwei Tage an der Küste von Schleswig in einer seltsamen Gelähmtheit, die er erst am folgenden Morgen verspürte, fast weniger der Glieder als des Willens, bei dänischen Bauersleuten, die ihn pflegten. Besonders nahm sich ein Mädchen seiner an, noch halb ein Kind, das in jenem Haus aufgewachsen war, aber ihm nicht entstammte. Sie war eine Deutsche und dies alles, was man von ihr wußte. Eines Morgens war das Kind auf dem trocknen Strand in einem Korbe gefunden worden, ohne Zweifel in einem Boot hergebracht. Ein Zettel von männlicher Hand mit der Bitte, sich des Kindes um Gottes willen anzunehmen und es zu taufen, verriet so viel, daß es nicht von bäurischer Herkunft war, was sich denn auch erwies, als es heranwuchs und von übergroßer Zartheit des Leibes ward. Nicht eben schön, von sehr schmächtigem Wuchs und auch schmächtigen, länglichen Zügen, blond und helläugig mit jenen starken Augäpfeln, wie man sie nicht selten sieht bei so zarten und schmächtigen Geschöpfen, so kenne ich sie nach ihrem einzigen Bild. Sie war so still wie ein Licht, und wie das Licht nur Flamme ist, so verzehrte sich in ihr eine goldene Seele von lauter Feuer. Seit dem Augenblick, wo sie meinen Vater erblickte, hing ihre reine Jungfräulichkeit ihm an, und er wurde der Leuchter, der die allzuglühende Flamme noch so lange dem zarten Körper erhielt. Muß ich sagen, daß und wie sehr er sie liebte? Sie wich nicht von ihm. In die Einsamkeit zog sie mit, freilich nur bis zu einem Dorf in der Nähe seines Aufenthalts, von wo sie ihm alltäglich Speisen brachte. Später lebten sie dann ehelich zusammen, merkwürdigerweise lange Jahre, ohne Kinder zu bekommen. Denn auf jenen Einfall der Sternengeburt ist Papa erst viel später gekommen, und obschon sie dann eine Pause eintreten ließen im ehelichen Umgang, bis sich die Stunde erfüllte, schien ihm die anfängliche Kinderlosigkeit grade ein Zeichen, daß alles sich so vollziehn sollte, wie es dann geschah. Aber ach, sie hat mit dieser Geburt ihre Kraft erschöpft! Fast nur noch Seele, glühte sie in grausamer Schnelle nieder, und sie erlosch ganz, anderthalb Jahr nach meiner Geburt, freilich in der inbrünstigen Gewißheit, nunmehr erst zu reiner Flamme aufzublühn in der Vollkommenheit und überall zu sein wie das Licht.

Ich habe, soviel ich vom Vater bekam, doch manches von ihr ererbt. Sie muß eine Norddeutsche gewesen sein, nach ihrem Charakter und allem, was man von ihr weiß, und übertrug so auf mich, was schon von Voreltern her Nördliches im Blut des Geschlechtes war und was mein Vater entbehrte, dessen Ungebärdigkeit und plötzliches Wesen erst in späteren Jahren zur Ruhe kam, zu einer mehr gleichmäßigen Glut sich verdichtete.

Was aber nun ihn angeht und seinen Beruf, so hatte er inzwischen einsehn gelernt, was ich schon sagte: daß Gott der Eine ist, verschieden nur die Wege. Er wollte Neues bringen, einen neuen Weg, aber nicht mit Schrecken und Übermaß, sondern allein durch das Wirken von innen. Er hatte auch die Menschen kennen gelernt und sah, daß sie des Priesters bedurften, die Einfältigen wie die Klugen, des Hülfreichen, Heilenden, so gut wie ihr Körper des Arztes, und dies wollte er sein. Ja, wenn er einen neuen Weg zu finden gemeint hatte, so war er ersichtlich doch neu nur in seinen Augen und uralt in Wirklichkeit, daher es seinem Wesen widerstrebte, als neu auszurufen, was es in Wahrheit nicht war. Längst erkannt hatte er auch Jesus von Nazareth und sein ewig Gültiges, obschon er ihm mehr durch sein Leben als durch sein Sterben jene >stark und sanft alle Dinge ordnende Weisheit< zu vertreten schien. Und wenn sie ihn nicht gekreuzigt hätten, sagte er, würde er _nicht_ gen Himmel gefahren sein nach solchem Leben? Also kann ich mit Recht den Kreuzestod überschlagen, aus dem sich doch, wenn man die Summe zieht, zwar die Kraft seines Wesens und Glaubens, aber mehr noch die Unvernunft der Menschen ergiebt, und die, sagte er und lachte, ist schon anderweitig bekannt geworden. Er unterließ nicht, auch das Blutzeugnis Christi anzurufen, wenn er an die Kraft der Gläubigkeit im Menschen gemahnen wollte, aber seine Abendmahlspredigten -- nun, ich werde sie Ihnen daheim zu lesen geben.

Er hatte ferner erkannt, daß der einfache Mensch der Satzung bedürftig sei und des Dogmas, aber daß es Beruf und Aufgabe eben des Priesters sei, diese auszulegen auf den rechten Gebrauch, damit sie würden, was sie sein sollen: Mittel des Lebens, Hülfen, Ordnungen, nicht aber was die Menschen allzeit aus ihnen gemacht haben: Ketten, Hindernisse und Kerker und Fallen, die sie unaufhörlich einander stellen. Er erkannte endlich, wie schwer es sei, sie zu seiner Einsicht zu führen, die für ihre Augen zu blendend war, und daß sie der lindernden Spiegel bedurften, um den ewigen Strahl zu ertragen, um ihn zu lernen, bevor sie ihn ungeschützten Auges empfingen, -- aber auch daß es überall die Wenigen gebe, die der Wahrheit ins Antlitz zu schauen vermögen; daß es seine Aufgabe sei, vor allem diese zu finden, zu bilden, zu einer Gemeinschaft zu gestalten, die weiterhin sich auswirke.

Priester des katholischen Bekenntnisses zu werden, war ihm solchermaßen unmöglich, da er keinen Stellvertreter des Ewigen auf Erden anerkennen konnte. Im Kern der protestantischen Lehre dagegen, dem: so halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde nicht durch des Gesetzes Werk, sondern allein durch den Glauben, fand er den Quell seiner Lehre wieder, die mit der Einsicht in das Wesen der Vollkommenheit beginnt, die eine Religiosität und Lehre freilich sein soll für das Leben und das Handeln, in der aber jegliche Handlung erst möglich wird durch den Glauben. -- So ist er Protestant geworden und verknüpfte mit dem Übertritt die äußerliche Form der Ehe mit Mama, die zuvor nur vor Gottes unsichtbarem Altar geschlossen war.

Sehen Sie, lieber Freund, welch schwerer Glaube es war, den er seinem Kinde von Anbeginn lehrte, nur mit dem einen lindernden Spiegel, dem Augenpaar ewiger Liebe unter seiner eigenen Stirn. Denn eines war für den Menschen in dieser Lehre nicht enthalten; eines, dessen mit allen Religionen auch das Luthertum, das er auf der Kanzel vertrat, nicht zu entraten wußte; die eine gewaltige Hülfe Gottes im Leben: das Gebet. Ja, die Wenigen, die er ganz für sich gewann, des Gebets zu entwöhnen, war die schwerste, war ja die eine, eigentliche Aufgabe. Denn sie ist, die Vollkommenheit, ist, und sonst nichts. Erflehen läßt sie sich nicht, sondern allein empfinden, und dies ist die Aufgabe, die sie auferlegt, so ganz von ihr erfüllt zu sein an Seele und Gliedern, sie so aufgesogen zu haben in das Sein, ins Fühlen und Denken und Handeln, daß sich in ihr leben läßt, und daß Leben heißt, sie ausstrahlen. Und davon die Folge? Daß in jeder Lebensnot, jeder Gefahr, in aller Ungeduld und Verwirrung und Trübsal der Mensch allein angewiesen ist auf sich selbst. Nichts ist, was sich erbitten und beschwören, was um Halt, um Erleuchtung, um Linderung sich anrufen ließe. Man muß glauben. So viel gab er wohl zu, daß ein Streben in der ewigen Weisheit walte, eine Neigung, zurückzugewinnen, was aus ihr gefallen sei, entgegenkommend dem Streben des Gefallenen selbst. Verwirrung dagegen ließe sie kaum noch gelten, sagte er, und was überhaupt die große Mehrzahl der Daseinsnöte angehe, alltägliche Kümmernisse und dergleichen, so möge sich keiner einbilden, daß sie, die Weisheit, eine Ahnung davon habe, und möge sich für sich allein damit abfinden. Wohl habe das Göttliche eine Sehnsucht danach, ausgestrahlt zu werden vom letzten Punkt der Erde, und eine Freude daran, sich zu ergießen in jede willfährige Stelle; sie bemühe sich aber so wenig um das Taube wie um das Blinde, und das hingegen möge der Mensch selber besorgen.

Man muß glauben; und ich, ach ich habe es bald erfahren, denn hier bin ich ja, heute wieder geheilt, aber die Verwirrung, in der ich kam -- ach wie klein seh ich sie nun! --, war doch so stark, daß sie alles umwarf in mir und mich hertrieb zu der ganz irdischen Stelle, wo ich einst alles hatte, Gott und Glauben und Vater und Heimat und Seelenruhe, alles in ihm, der zu frühe ging und als ich noch lange nicht fertig war.

Als er starb, da glaubte ich es zu sein. Das war so:

Er legte sich nieder in seinem fünfzigsten Jahr mit Lungenentzündung und sagte gleich, er wisse, daß es das Ende sei. Er sagte das mit einem furchtbaren Gram der Sorge um sein Kind, und bald, als er das Bewußtsein verlor und delirierte, war aus den Worten, die er hervorstieß, zu erkennen, daß er von nichts anderem gequält wurde als einer maßlosen Angst, mich schutzlos, unfertig zu verlassen, und ins Ungemessene stieg auch die meine. Plötzlich war dann für mich alles aus. Was geschehen ist, weiß ich kaum. Von Papas Bruder, den ich gerufen hatte, dessen Kommen ich aber schon nicht mehr wahrnahm, erfuhr ich später, daß ich bewußtlos dagelegen habe und wie von Stein. Und dies sieben Tage. Er hat mir nicht sagen wollen, was unterweil mit meinem Vater geschah; sein Grab war, als ich aus einem tiefen und reinen Schlummer erwachte, eben geschlossen. Vorher, vor dem Schlummer, so viel nur weiß ich, war das Entsetzliche. Es hatte keinerlei Gestalt, doch ich weiß, daß es Kampf gewesen ist. Ein Kampf um Leben wurde ausgefochten, ich weiß nicht von wem, aber mein Vater hat teil daran gehabt wie ich selbst. Wer gesiegt hat in dem Kampf, auch das ist mir unbekannt geblieben, aber mein Vater starb. Später sagten sie mir, die Vögel der ganzen Gegend hätten nicht gesungen noch gezwitschert in jenen sieben Tagen, -- und was es bedeutet, werden Sie verstehen, wenn Vetter Josef sagte -- er war mit seinem Bruder zum Begräbnis gekommen --, daß er niemals eine so vollkommene Reinheit der Luft eingeatmet hätte wie während jener Tage im Haus.

Es war früher Morgen, als ich zu mir kam aus dem schönen Schlaf, -- Ende des März wars, und in mein Fenster zu ebener Erde herein blühten die Kirschbäume des Gartens. Am Fenster stehend, so erquickt, als sei ich in Himmel gebadet, sah ich ihn über den Wolken der Blüte, erwacht wie ich selbst, seiner wieder froh, vollkommen rein und leicht wie das Licht. Daß Papa nicht mehr war, wußte ich auf einmal; aber kein Schmerz! So wie damals in seine Brust der Stern, aber liebend traf mich von oben sein wieder ewiges Auge. Es machte mir zum Hause die Welt; es legte mich mit Blumen und Sternen und Häusern und für immer an seine Brust.

Damals, ach damals war ich stark in seinem Glauben wie nicht vorher, nicht nachher. Ja, noch so stark, daß, als ich eine Woche später das Haus verschloß, um in die Schweiz zu fahren, so schmerzlich mich das Scheiden von allem bewegte, was sein, was doch leiblich an ihm gewesen war, süß und haltbar, -- daß ich als ganz leicht die Ahnung empfand, ich würde das Haus nicht wiedersehn. Und selbst als ich, wieder eine Woche danach, die Nachricht bekam, daß es niedergebrannt sei, weinte ich wohl, aber ich hielt es für gut und schön, daß auch die weitere Hülle seines irdischen Daseins nicht mehr sein sollte.

Seitdem bin ich schwächer geworden und so schwach, daß ich nun hier sitze. Er war gut zu mir wie je, ließ mich die Schwäche nicht entgelten, sondern blickte mich an aus allem, aus seinem Hügel und der stillen Uhr, aus Bäumen und Wolken, und es fiel mir bald leicht, ihm zu versprechen, daß es das erste und das letzte Mal gewesen sein sollte.

Sein Blick nämlich erinnerte mich an eine kleine besondere Lehre, ein privates Haben von ihm, das er mir mitteilte, und dem freilich viel in meiner Natur entgegenkam -- die Lehre vom Warten. Wie er sein Damaskus gehabt hatte zur festgesetzten Frist, so glaubte er -- jawohl, ein bißchen abergläubisch! -- an bestimmte Stunden, in denen lange Gereiftes zur Vollendung komme, an Tage, in die das Schicksal sich sammle, und -- wieweit er recht hat, weiß ich zwar nicht, aber in mir kam immer alles ihm entgegen, wenn er von der Pflicht sprach, geduldig zu sein, ohne Unrast, nicht bitter zu werden vor der Reife, nicht kränklich im Sehnen, sich nicht zu vergeuden, nicht zuzugreifen nach allem, was _scheine_, nicht den edlen Hunger zu speisen mit nichtigen Happen, stark und eifrig nur in jedem Streben nach einem Guten, dem Glück, da es doch niemals nütze, die vorbestimmte Frist durch Übereifer und trabende Füße zu quälen, so wenig es im Eisenbahnwagen helfe zu laufen. Ja, schön, nun weiß ich das alles wieder recht gut, und doch wäre ich gern den Gang auf und nieder gerannt im Eisenbahnwagen, um schneller hier zu sein und die Stillung zu empfangen für das innre Gerenn meiner letzten Wochen.

Sie aber wissen nun auch, lieber Freund, weshalb ich Ihnen so dankbar bin für das Geschenk des ägyptischen Königs, und weshalb ich ihn so sehr liebe, Ech-en-Aton, unseren Freund! Daß ich sein Antlitz erkannte als reinen Spiegel der Weisheit; daß ich an seinem Auge sehe, wie es blind und selig ins Herz des ewigen Wesens blickt und sein Strahl es nicht blendet; daß er nur immer dasteht seit Ewigkeit und sich müht, die Vollkommenheit aufzufangen mit Leib und Seele. O möchte ich ihn einst brüderlich empfinden können, wie heute noch tief unterlegen!

Gute Nacht, Freund, morgen komm ich zurück. Den Brief werden Sie zwar später zu sehen bekommen als mich selbst, aber deshalb stecke ich ihn morgen doch in den Kasten, weil ich weiß, daß übermorgen Ihr Geburtstag ist, und allein zu diesem Zweck hab ich ihn geschrieben. -- Auf Wiedersehn!

Renate

Erschöpfung

Es waren wohl Wochen vergangen. Georg vermutete so, -- und auch, sehr krank gewesen zu sein. Nun war da Helenenruh, und irgendwie war alles gut. Er merkte, daß er sehr allein war, daß er nicht denken konnte, daß ganze Tage durch ihn hingingen wie Schatten durch Wasser, daß sein Vater da war -- und nicht mehr da. -- Daß er zittrig umherging, daß es einmal Nachmittag war, einmal Abend, und daß viele Fenster waren, hinter denen es regnete.