Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 17

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Plötzlich schrak sie leise schaudernd auf, blickte auf die Blume und rief: »Aber --, sie ist ja schwarz, die Blume, mit goldenem Rand, umgekehrt wie die Sonne.«

Nun standen sie Beide, die Blume zwischen sich haltend, und Saint-Georges schien nicht minder betroffen als sie.

»Ja,« sagte er endlich, »so weit ist sie gekommen, diese große, eifrige Blume. Da sie keine Augen hat wie wir, so ist es wahrscheinlich, daß sie die Sonne als scharfe Lichtscheibe wahrnimmt, und herum ist es schwarz; davon ward sie das Negativ, und so auch wir: Denn der Gott ist das gewaltige Strahlen in der Finsternis; wir aber, finster von Leiden, wir können einmal strahlen, -- schön, Renate.«

Langsam ließ sie ihren Blick aus seinen Augen gleiten, ließ auch die Blume los, nickte, sich fassend, und ging an ihm vorüber den Weg hinab.

Saint-Georges sah: Es flatterte und rieselte gelb und grünlich über ihre große, grüne Gestalt; das Kleid wehte nach links in schwerem, gebogenem Bausch, vom Hacken bis zur Hüfte zeigte sich in Festigkeit die Linie des rechten Beines, das sich gegen den Stoff preßte, seltsam lebendig, geheimnisvoll anzusehn, als wäre es der Leib der Dryade, an den Stamm, ins Gezweige geschmiegt. Etwas vorgeneigt ging sie, langsam Fuß vor Fuß, ihr Haar wehte, ein bräunlicher Schleier, die Arme hatten ab und an eine leichte, anmutsvolle Bewegung. Da blieb sie stehn, wandte sich, hob mit sanfter Gebärde das Haar aus der Stirn, so daß es wie ein Winken schien, und Saint-Georges folgte ihr nach.

Siebentes Kapitel: November

Renate an Saint-Georges

Flor am Rhein, 9. Nov.

Mein Lieber!

So bin ich doch vom Fenster fort zum Papier geflüchtet. Es ist offen -- mein kleines Zimmer liegt im Oberstock des Lehrerhauses --, und lange saß ich davor über dem langsam verdämmernden Garten. Der Tag, den ich ins matte Braun und Grün der Baumwipfel versickern sah, war wolkenverhangen und warm; und wenig anders im Herzen, empfand ich wieder das wolkenverhangene weite Land, durch das ich bis zum Nachmittag gereist war, den achtlos hinjagenden Himmel von grauer und weißer Gestaltlosigkeit und die Einsamkeit alles kleinen Lebens an seinem Grunde, ähnlich dem im dunklen Wasser abgeschlossenen, langsamen mit sich selber Beschäftigtsein von Schnecken, Käfern, Pflanzen, das man am Grunde von Teichen beobachten kann. Und so, wenn ich mich einsam empfand, empfand ich mich doch nicht allein einsam, sondern innerhalb der einen großen Verlassenheit unter dem Himmel, von der ich wußte, daß sie heilbar sei. Mein Auge derweil hielt dem mählichen Dunkelwerden stand, worin sich hier und dort die Gegenwart eines geheimnisvollen Wesens verriet -- an dem Blätterwerk eines kleinen Strauches in der Tiefe, am schon entblätterten Ast einer Kastanie, an Blumen ganz unten, die schon nicht mehr zu erkennen waren, und die alle von Zeit zu Zeit sich bewegten, ganz lautlos, so als habe etwas sie verlassen, und sie verneigten sich und murmelten unhörbare Abschiedsworte. Da wars beruhigend, sich ein stilles und unsichtbares Geistwesen zu denken, das hier beschäftigt war, Zuspruch und Beruhigung auszuteilen vor Nacht.

Aber dann kam das Dunkel, und die Einsamkeit überlief mich. Mir schien, ich bin meinem lieben Freund doch eine Erklärung schuldig, warum ich ihm mitten aus der Arbeit fort und hierher in die Heimat gelaufen bin, aber leider -- das muß ein bißchen Geheimnis bleiben. Daß man es aus einer rechten Verwirrung heraus getan hat, wird er ja verständig geahnt haben. Sagen aber läßt sich, was man hier suchte -- und auch fand --, und um so lieber, weil ich mich erinnere, daß Sie schon mehr als einmal nach meinem Papa gefragt haben und ich damals noch nicht erzählen konnte, will ich es heute tun und nun gleich damit anfangen ohne weitere Vorrede.

Einmal fragten Sie, ob es kein Bild von ihm gebe, und ich sagte: Nur in meinem Herzen. -- Photographien mochte er nicht leiden, und an Malern fehlte es wohl. Aber er ist nicht schwer zu beschreiben. Ein kaum mehr als mittelgroßer, etwas gebeugter Mann, an dem Ihnen zuerst seine Nase aufgefallen wäre, die nicht eben schön war und etwa so krumm und mißgestalt wie die von Allmers. Sein Haar, ursprünglich von rötlichem Blond, begann früh weiß zu werden und auszufallen, und ich sehe ihn nun immer so weiß wie in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Nur fünfzig ist er alt geworden. Seine Stirn war an Reinheit und edler Wölbe das Schönste, was ich mir vorstellen konnte als Kind. An seinen Augen wuchs ich auf. Sein Geist war feurig, er erregte sich leicht, und dann waren sie blaue Flammen. Wie der Sommerhimmel, wenn ich ihn in die weiße Obstblüte glühen sah, so waren sie und ihr Blick nur schwer zu ertragen. Durchdringend war er, fast durchbohrend, eine unbeschreibliche Mischung von Güte und Strenge. Was aber Strenge schien, das kam allein aus der starken Wahrhaftigkeit seines Willens und Geistes, und sein Herz machte es milde, wie die Strenge des Marmors mild wird in der Seele des Bildes. Sehen Sie, Georges, er liebte die Welt, und er und ich, wir liebten uns so, daß wir uns nie verließen, und was mich betrifft, ich bin krank geworden, wenn ich mehr als eine Stunde Weges von ihm getrennt war. Ich konnte nicht atmen mehr, und das war wirklich. Meine Mutter habe ich nicht gekannt und sie doch niemals vermißt. Er war mein Lehrer; in eine Schule bin ich nie gegangen, auch mit Kindern habe ich selten gespielt, aber ach die unendlichen Spiele mit ihm! Wie wurde da alles lebendig unter seiner Hand, und er bevölkerte meine kleine Welt mit unzählbaren süßen Seelen. Er hatte so viele Gewalt, er konnte Krankheiten heilen durch Handauflegen. Gewiß -- nicht Lungenschwindsucht und dergleichen -- Sie verstehn. Mir fällt ein: Als Magda krank war, sagte ich es zu Jason, der trübsinnig an ihrem Bett saß, und er sagte in seiner furchtbaren Zerstreutheit: Freilich, freilich, ich kann es ja auch! Es sei gar nicht so schwer, meinte er, man müsse die Geister beschwören. -- Die Geister, Jason? -- Nun, sagt er, oder die Nerven, ich habe keine Vorliebe für das Wort. Das sei auch so eine Erfindung wie die mit dem Telephon; ein jeder brauchts, aber keiner weiß, wie es zugeht.

Wie aber kann ich Ihnen begreiflich machen, was er lehrte? Er flößte mir sein Wesen ein. An jedem Tage, in jedem Augenblick gab er mir seine strahlende Liebe zu erkennen, und daß sie ein Licht war im größern Licht. Er lehrte nicht Gott. Bedenken Sie, daß ich sieben und acht Jahre alt wurde, ohne das Wort Gott zu hören, und daß ich noch älter geworden bin, ohne mehr und andres davon zu wissen, als daß es der Name aller Völker für ein Wesen sei, das ich lange kannte, also daß es einen Gott der Juden gab, der Griechen oder der Christen. Sehen Sie, Georges, er wollte, daß mir das Wort ganz heilig sei, daß ich mir nicht angewöhnte, es diesem und jenem beizulegen, oder es im Munde zu führen. Er wollte, daß ich es selber erzeugen sollte aus meinem tiefsten Gefühl, und so ist es gekommen. Als ich fünfzehn Jahre alt war, mußte er eine Reise machen und ließ mich zurück, weil ich einmal zu erfahren hatte, wie es ohne ihn sei. Es waren zwei grausige Tage. Ich lag krank am zweiten an Leib und Seele, mir war zum Ersticken in meiner Not, am Abend konnte ich nicht mehr liegen, konnte auch kaum gehen, und halb auf dem Weg ihm entgegen, fiel ich um und lag an einer Hecke, als er kam. Da schrie, da weinte ich: Gott! -- unwissend, ob ich den Vater meinte, der wiederkam, oder das väterliche Wesen, das ihn mir wieder gab.

Aber nein, so geht es nicht weiter, ich sehe, man muß sein Leben erst kennen, um verstehen zu können, was er lehrte, denn auch Christus war ihm Gottes Sohn nicht anders, als wir alle seine Kinder sind. Wo fang ich an?

Flor ist nur ein kleines Dorf, abseits vom Rhein, aber die Kirche, die für das ganze Kirchspiel erbaut ist, ist ziemlich groß und sehr hübsch, ein einfaches und leichtes Barock, graue Pfeiler und Bogen und Kanten, dazwischen die Flächen von neuer, schön gelber Tünche. Der Turm ist zierlich, mit einem Kranz kleiner Säulen unter dem Helm, durch die man die Glocken sehen kann, die ein und aus fliegenden Schwalben und den Himmel. Im selben Stil war unser Haus gebaut, das nun nicht mehr steht. Wenige Tage nach seinem Tode schon brannte es ab mit allem, was darin war, in einer Nacht. Damals war manches geheimnisvoll, und auch dies. Das ist nun zwei Jahre her. Die Menschen im Dorf, in der ganzen Gegend haben ihn sehr geliebt. Sie haben nur den Schutt fortgeräumt, einen Rasenhügel aufgeworfen und ihn darunter begraben, denn sein Grab war noch kaum geschlossen. Auf den Hügel haben sie eine alte steinerne Sonnenuhr gestellt, von der er selber einmal gesagt hatte, daß er unter ihr liegen möchte. Unter ihrem Spruch: _Demit una, dat altera_ war Platz für seinen Namen. -- Übrigens waren die zwei ersten Lettern der Schrift immer ausgelöscht, und Papa sagte, man könnte also das Wort sowohl als _Demit_ ergänzen wie als _Sumit_, je nachdem, wie man den Spruch wünsche: die eine Stunde nimmt fort, die andere giebt wieder, oder: die eine empfängt, und die andre giebt hin. --

Dort stand ich nun heut, und im Anfang war es doch schmerzlich, so im Leeren zu stehn. Von der Haustür, an deren Stelle ich mich versetzen konnte, führt eine Allee kleiner Kuppellinden auf die Gittertür des Friedhofes zu; zwischen ihren Stämmen sind mannshohe dichte Hecken, so hoch, daß die Baumkuppeln nahe darüber schweben, im Sommer ein ganz grüner Gang, ganz voll Schatten, Sonnensprenkeln und Lindenduft und tönend vom Summen der Bienen. An jedem Abend gingen wir lange darin auf und nieder. Das Land umher müssen Sie sich vorstellen wie einen einzigen Obstgarten. Nur nach dem Rheine zu sind es Rebengärten, etwas kahl, und der glatte Strom, der sich biegt, scheint öde zwischen den grünen Uferhängen. Aber ich war dort geboren, und er war mir vertraut und sehr lieb.

Ach, Georges, aber das ist auch kein Anfang geworden, und meine tickende kleine Uhr sagt, es ist schon zwölf. Nun, ich bin gar nicht müde und will nun ganz von vorn anfangen und bei meinem Großvater.

Papa sprach selten von ihm, aber Onkel Augustin sagte, er sei unwidersprechlich der härteste Mensch gewesen, den man sich einbilden könne. Stellen Sie sich Onkel Augustin vor, seine Gestalt und Gesicht, ein bißchen kleiner, aber in den rosigen und ewig freundlich scheinenden Zügen eine nicht zu beschreibende Verhärtung. Seine Mutter ist eine Wuppertalerin gewesen, und er sah recht aus wie so ein alter Wuppertaler Fabrikmensch, glatt, freundlich, geistlich und hart. Diese Härte ist aber so innerlich gewesen, daß sie sich niemals unmittelbar äußerte. Gegen alle Menschen, auch die er quälte und zugrunde richtete, war er höflich und scheinbar herzlich; in Gesellschaft verstand er zu plaudern wie ein Franzose, aber sein Witz soll Tränen in die Augen gebissen haben. Er war so, daß er zum Beispiel sagte, er pflege zum Aufschneiden der Bücher, die er lese, ein silbernes Obstmesser zu benützen; davon bekämen selbst die trockensten eine Erinnerung an Früchte.

Onkel Augustin ist ganz in seiner Gewalt gewesen -- das waren Kinder auch damals noch mehr als heut --, aber mit meinem Papa traf er es schlecht, der war unbändig. Er war kein gutes Kind, war über die Maßen hitzig, kannte im Zorn keine Ehrfurcht noch andere Grenzen und hatte -- ja, er litt unter einem unbezähmbaren Zwang, seinen Gelüsten zu folgen. Zwischen seinem Vater und ihm kam es, als er kaum laufen und sprechen konnte, zu solcher Feindschaft, daß es ihn, Papa, wie er mir erzählt hat, noch als er schon lange erwachsen war, schüttelte in der Erinnerung an manche Szene, und er hatte die qualvollsten Träume. Man muß freilich wissen, daß Vaters Wesen damals, als er Kind war, nicht sein wirkliches war, und die Feindschaft kam aus einer höllischen Gegensätzlichkeit ihres Wesens. Der eine war eben warm, der andre ganz kalt.

Kalt, ja, und hat doch seine Zeit einer Wärme gehabt. -- Papas Mutter war ein sanftes, ganz weiches Wesen. An ihr hätte, so sagte Papa, ein Engel nichts auszusetzen gefunden, und sein Vater hatte keine Gelegenheit, seine Härte gegen sie anzuwenden. Zärtlichkeit kannte er zwar nicht, aber -- sie war katholisch, und um sie heiraten zu können, ist er es geworden.

Als Papa sieben oder acht Jahre alt war, gab Großvater den Kampf mit ihm auf und steckte ihn in eine von Jesuiten geleitete Erziehungsanstalt. Sie wären, meinte Papa, seinem Vater alle ähnlich gewesen in der äußeren Höflichkeit und Glätte des Betragens und der inneren Verhärtung, und es waren für ihn furchtbare Jahre. Nicht ohne sein Verschulden, gewiß, er verübte tausend Tollheiten, er bemühte sich, ihnen entsetzlich und unerträglich zu werden, als er sah, daß Davonlaufen nichts half, da er stets eingefangen wurde, und wie er es anstellte, ihnen schrecklich zu werden, können Sie sich denken. Er höhnte und lästerte die Religion, er verdarb seine Mitschüler, er kämpfte einen jahrelangen Berserkerkampf gegen das Göttliche, die heiligen Einrichtungen und Symbole bis zu den schmählichsten und ausgesuchten Lästerungen. Dies war in ihm wie ein wüstes Feuer, und er war klug und erfinderisch, und als er im Unterricht auch die heidnische Götterwelt kennen gelernt hatte, stellte er sich als Heide, behauptete, das Blut oder die Seele irgendeines Griechen oder Römers in sich zu spüren, und statt zur Mutter Gottes oder einem Heiligen zu beten, sprach er mit lauter Stimme Anrufungen an Isis oder Dionysos. Denen errichtete er insgeheim Altäre in der Absicht, daß sie entdeckt würden, feierte mit selbsterfundenen oder gar den kirchlichen Riten ihre Kulte, ja, und dann endete es, glaub ich, damit, daß er eine Katze umbrachte, um sie dem Poseidon oder Ares Opfer darzubringen. Da haben denn auch die frommen Väter den Kampf aufgegeben und ihn heimgeschickt. Drei Tage später saß er im Kadettenkorps.

Das war wenige Jahre vor dem Krieg 1864, den er als Junker mitgemacht hat. Im Korps tat er zwar kaum besser als bei den Vätern Jesuiten, aber jenes schwarze Feuer der Gottlosigkeit fand dort keinen Stoff, um zu brennen, und alt genug war er auch geworden, um einzusehen, daß er den Erwachsenen ausgeliefert war, und daß er nichts Klügeres tun konnte, als sich zu beeilen, gleichfalls erwachsen zu werden; so nahm er sich mit seinen Tollheiten, nächtlichen Gelagen und Kartenspielen und was es nun war, einigermaßen in acht. Obschon er nicht aufhörte, alles Religiöse, vor allem die frommen oder frömmelnden Äußerungen der Mitschüler zu verspotten, sagte er mir, daß mit dem Abfallen jenes schaurigen Zwanges der Gotteslästerung eine wahrhafte Erleichterung über ihn gekommen sei.

Trotz allem diesem hat er nicht so wenig gearbeitet und gelernt, nur eben aus Trotzigkeit nicht im Unterricht; für sich allein aber trieb er beispielsweise Italienisch und Spanisch. Wenn aber in der Klasse Thukydides gelesen wurde oder Cicero, so las er im Gegenteil Pindar und den verbotenen Catull oder die Begebenheiten des Enkolp -- ach, er war schrecklich!

Das Schlimmste daran, jedenfalls für ihn, war, daß er sich zwar weder kannte, noch anders konnte, daß es aber im Grunde eine unaufhörliche Qual gewesen; daß ihm immer bewußt gewesen ist, falsch zu handeln, zu denken, zu fühlen, so als sei er einmal vergiftet worden und müßte Gift ausschwitzen bei jeder Erregung. Onkel Augustin hat mir erzählt, als wir über dies alles sprachen, daß Papa als ganz kleines Kind beim ersten Sehen seines Vaters in ein heftiges Schreien und Weinen ausgebrochen und noch lange Zeit später seinem Anblick niemals begegnet sei ohne Geschrei, ohne Tränen, dergestalt daß er späterhin -- Onkel -- sich des Gedankens nicht habe erwehren können von einem schaurigen Spiel der Natur, und daß Papas Dasein von Anfang an auf ein falsches Geleise gesetzt worden sei, von dem frei zu kommen die gefangene törichte Seele kein Mittel gefunden habe. -- In der Jesuitenschule hat er einen Freund gehabt, einen sehr alten Mann, der keinen Unterricht mehr erteilte, seine eigenen Wege ging und sich -- freilich immer in dem vom Glauben gezogenen Rahmen -- mit naturwissenschaftlichen Forschungen beschäftigte, auch mit Sternkunde und Astrologie. Der habe, erzählte Papa, ihm wie jedem neuen Schüler das Horoskop gestellt, und was er erfuhr -- er verriet es nicht --, muß ihn bewogen haben, den Knaben in seine Nähe zu ziehen. Nun war sein Äußeres so ehrfurchtgebietend, daß Papa ihm gegenüber sich hat beherrschen müssen. Sicherlich erfuhr der alte Mann -- Bruder Jucundus, so hieß er -- von den Lehrern der Anstalt alles über den Jungen, was ihm selber verborgen blieb. Er hat aber nie etwas andres getan, als ihm beim Betreten und Verlassen seiner Zelle die Hand auf den Kopf zu legen und in sein Auge einen Blick zu senken, dem der Knabe vergeblich standzuhalten versuchte. Er ließ ihn teilnehmen, auch mit den jungen geschickten Händen helfen bei seinen Untersuchungen mit dem Mikroskop und den chemischen Experimenten, wies ihm an klaren Abenden die großen Himmelskörper im Fernrohr, abgesondert vom Firmament, und ohne eine Erwiderung je zu verlangen, lehrte er ihn nicht nur die Kenntnisse, sondern das Walten der göttlichen Vernunft in alldem, und daß Stern und Tier und Pflanze und Menschenherz nur Äußerungen seien eines ewigen Willens. Seltsam sei es gewesen, sagte Papa, daß er die Stunden mit dem Greis allzeit als schön, als rein, als wundervoll empfand, und daß doch mit dem Augenblick, wo die Tür hinter ihm zufiel, wo noch der unwiderstehliche Abschiedsblick in ihm brannte, die Luft des Flurs, des übrigen Hauses als dumpfe Wolke sich über ihn gesenkt habe. Im Augenblick habe er vergessen müssen, krampfhaft und doppelt gereizt zum alten Treiben.

Beim Verlassen der Anstalt hat Pater Jucundus ihm dann ein einziges Wort gesagt. Er sagte: Ich weiß alles von dir, mein Sohn, habe es immer gewußt, und Damaskus ist nun nicht mehr fern. Gehe mit Frieden! -- Dies, und mehr noch der gütevolle, ja vertrauensvolle Ausdruck, mit dem es gesagt wurde, hat Papa noch lange bewegt, ehe er es vergaß.

Es vergingen aber seit seinem Abschied von dort noch vier Jahre. Dann, wie ich schon sagte, machte er den Feldzug gegen Dänemark mit, und da traf er sein Schicksal.

Lieber Georges, nun ists aus, und ich kann nicht mehr. Halb drei ist, mein Licht ganz heruntergebrannt, ich bin todmüde, so schön die Nacht eben ist. Aus der Tiefe des Gartens steigt so ein feines Duften, das Schlafende atmet stärker, auch reiner als am Tag, und immer wieder hör ich ein ganz leises Knistern -- Regentropfen auf Zweigen --, und da fühl ich so schön: die Natur schläft und trinkt zugleich wie ein ganz kleines Kind. Die gute Natur! Sie ist geduldig und voll, und wir sind schlaflos und rastlos und verstehen uns nicht in ihrer Fülle.

Am 10. (vormittags)

Gestern kam ich vor Schläfrigkeit nicht mehr dazu, Ihnen zu sagen, daß ich den ganzen Tag noch hierbleiben muß. Der Lehrer hat nicht reinen Mund gehalten über mein Hiersein, nun weiß es die ganze Gegend, und alle wollen mich sehn. Aber es gießt vom Himmel in Strömen, ich kann nicht aus dem Haus, und keiner kann zu mir. Da sitzt sichs schön in der Verschleierung und Regenkühle dicht am offenen Fenster, mitunter spritzt was herein, also was da Flecken sind in der Schrift, das ist aus den Augen des Himmels gefallen und nicht aus meinen.

Und nun gehts weiter.

Sie wissen von dem Übergang der preußischen Truppen über den Sund und der Erstürmung der Insel Alsen am 29. Juni. Er war dabei, in großen Kähnen setzten sie über, und als der Morgen graute, wagten sie die Landung.

So hat er mirs zwanzig- und hundertmal beschrieben. Die lange Nachtfahrt, lautlos, ohne Licht, mit umwickelten Rudern, dann das schaurige Ergrauen der Welt im Osten, das Schwinden der Sterne im kalten Nachtraum. Ihm war schon schauerlich um das Herz; obwohl er seine Erregung nur für Abenteuerlust hielt, schien es ihm mehr, als führen sie alle zu einem Fest der Sonne über das dunkel Unsichtbare, dessen Dasein seltsam plätscherte an den tastenden Rudern, als zum Sterben und Töten. Als einer der Ersten sprang er dann in das flache Wasser. Es ward bereits hell; die Umrisse der Insel erschienen deutlich im Morgengrau, und das Letzte, was mein Vater sah, war am bleichen Osthimmel der eisige Morgenstern und seine schreckliche Verwandlung. Denn da fiel ein Schuß, er spürte einen allmächtigen Schlag auf die Brust, nein, mitten auf das Herz, und in einem ungeheuren Erdonnern fand er sich angedroht von dem gewaltigen Stern wie vom Auge der Welt.

Ihm schwanden die Sinne; er lag, als er erwachte, am Ufer; und da war er ein anderer Mensch.

Und wie ging es zu, Georges? Er hatte in seinem Besitz eine alte große Münze, die er bei einem seiner ersten Besuche in der Zelle seines alten Freundes an sich genommen und später nicht zurückzugeben gewagt hatte. Die war ihm eigentümlicherweise in die Hand geraten am Tage, wo er seinen Koffer für den Feldzug packte, und in einem unbegreiflichen Gefühl, wie unter einem unwiderstehlichen Zwang hatte er, da ein Loch darin war, eine Schnur durchgezogen und sie um den Hals gehängt auf die nackte Brust. Er zog sie hervor, als er am Ufer der Insel in der Morgensonne lag; ein Geschoß steckte darin, und sie war blutig, da es noch in seine Brust eingedrungen war.

Nicht wahr, Georges, das scheint nicht eben viel, ein glücklicher Zufall, nichts weiter, und ich glaube wohl, man müßte es alles erlebt haben, um es zu begreifen: die nächtliche Fahrt, die Waffen, die morgendliche See und den Feind im Verborgenen, den bleichen gewaltigen Himmel und den Stern und vorher das ganze gequälte Leben: um zu fühlen, daß eine Hand ausfahren kann aus dem Unendlichen, um ihren Finger auf eine Brust zu setzen, während das Auge des Ewigen dich bedroht.

Ja, so war sein Damaskus. Er hat dann den Feldzug noch mitgemacht, ohne freilich mehr an den Feind zu kommen, hat danach sein Abschiedsgesuch geschrieben und ist mit bewilligtem Urlaub ins Riesengebirge gefahren. Er fand dort eine Stelle, wo er in fast völliger Unabhängigkeit von Menschen und in Einsamkeit leben konnte, und dort ist er länger als ein Jahr geblieben, indem er gewann, was er gewinnen sollte: die Einsicht in die vollkommene Ordnung der Welt.

Verstehen Sie, Georges? Die Weisheit Kaiser Mark Aurels, >die von Ende zu Ende reicht und stark und sanft alle Dinge ordnet<. Ganz gewiß, diese wars, die er einsehen lernte, und die ward sein Glaube. Aber welcher Art war diese Einsicht? Sie hat ihn erfüllt wie ein Odem, so war sie überall, und jedes Ding von ihr lebend, sie, die ewige Weisheit, deren Walten die Liebe ist. Aus Neigung und Abneigung der gewaltige Einklang, und daß alles Beseelte beseelt ist vom Streben nach Neigung und nach dem Einklang.

Ich weiß nicht, ob Sie ganz verstehen, oder ob Sie vielleicht fragen, wie mancher fragen wird: Warum, wenn eine Vollkommenheit ist, warum ist sie so, daß ich sie nicht zu sehen bekomme, indem es mir elend geht?

Nun, auf diese Frage hatte er allerlei Antworten, und eine sehr einfache ist mir im Gedächtnis geblieben. Er sagte: Wenn einem Menschen, der niemals ein Bauwerk gesehn hat, ein einzelner Stein gezeigt wird, so wird es ihm auf keine Weise gelingen, sich eine Vorstellung zu machen von der Vollkommenheit des Gebäudes, das sich aus einer Anzahl solcher Steine errichten läßt. Und, die Vernunft des betrachtenden Menschen in jenen Stein übertragen, so wird auch der Stein keine Vorstellung haben können. Darum, wie hoch auch die Vernunft eines Teiles sein kann, so wird er doch niemals eine Vorstellung gewinnen können von der Ordnung des Ganzen, dem er zugeteilt ist, ja das durch ihn besteht. Daß aber der Mensch nur ein Teil ist, kein Ganzes, wie jedes Ding, das braucht nicht bewiesen werden.

Nein, höre ich meinen klugen Freund sagen, denn sonst würde er nicht zeugen, -- immerhin aber ein sehr schwerer Glaube für Menschen, und gab es keine Erleichterung?