Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 16
Sie standen jetzt am dunklen Wassergraben; ringsum loderte der Herbst, das unbeschreiblichste Grün, mit Gelb gemischt, lohendes Rot, prangendes Kaisergelb flatterte hoch oben vor der vergoldeten Bläue der Luft; noch höher wehten weißliche Geister aufgelöst durch den Oktoberhimmel. Ach, wie lieblich war ihre verschleierte, huschende Stimme! -- Sie sagte, es würde ihr wohl sehr schwer fallen, nicht mehr des Morgens in diesen Garten gehen zu können, und Georg murmelte etwas Unklares von Kalifornien, Palmen und: auch sehr schön ... Dann setzten sie sich auf die Bank, die hinter ihnen stand. Esthers Hände lagen im Schoß.
Georg dachte daran, wie er ihre Hand zuerst im Handschuh gefühlt, halb leblos, und wie sie hier mit Jason gesessen hatten, der ihren Handschuh von der Bank nahm und davon sprach. Sie schwiegen. Kein Blatt fiel. Etwas simmte an Georgs Ohr, und eine verspätete Mücke setzte sich auf seine Hand, aber sie sog nicht. Da vertrieb Esthers Linke sie mit einer flatternden Bewegung, die an ihrem Haar endete, und Georg sagte mit einem Versuch zu scherzen:
»Und nun will so ein kleines Mädchen ganz allein über das große Wasser fahren?«
»Der gute Jason«, sagte sie -- dies war ihr letztes Lächeln! -- »wird mich bringen. Merkwürdig, nicht: Eben traf ich ihn, und er brachte mich hierher. Als ich ihn scherzend fragte, war er gleich bereit, und im vollsten Ernst. Er hätte längst mal nach Amerika gewollt, sagte er.«
Jetzt wird sie in Tränen ausbrechen, dachte Georg und vermied den Anblick ihres Gesichts, sah aber doch, geradeaus blickend, neben sich ihr Profil, ein wenig vorgeneigt, unterm straff zurückgespannten Haar, die Stirn glatt, ganz wenig gerunzelt, das fremdgeschnittene, bewegungslose Auge, den unbeweglichen Mund. -- Um nur etwas zu sagen, fragte er: »Warum der _gute_ Jason?«
»Ich weiß nicht«, meinte sie nach einer Weile. »Einmal, das fällt mir ein, wollte er ein Buch auf den Tisch legen, und es fiel daneben. Da sagte er ganz erschrocken: O entschuldige, Buch! -- Ich mußte so lachen.«
»Ja, er ist mit allen Dingen, die sich nicht selber helfen können, wie mit kleinen Kindern. Wissen Sie eigentlich etwas aus seinem Leben?«
»Nein, gar nichts.«
»Ich war dabei,« sagte Georg leiser, »als er sich das Leben nehmen wollte, zweimal, und doch glaube ich, daß dies nicht das Schlimmste in seinem Leben war. So wie er jetzt ist, ist er noch gar nicht sehr lange.«
Hörte sie eigentlich, was er sagte?
»Wissen Sie,« begann sie nach einer Weile, -- »aber Sie dürfen nicht lachen, -- nein, ich meine -- -- Sie dürfens nicht zu ernst nehmen -- --«
»Immer was Sie gern wollen, Esther.«
Sie schwieg.
»Wollen Sie es für sich behalten, dann --« er zögerte -- »nehmen Sie es mit nach Amerika.«
»Oh!« stieß sie schmerzlich hervor, beugte sich vor und sah nach oben.
»Schön ist doch der Herbst,« sagte sie dann wie beruhigt, »das sanfte Scheiden.«
»Ja, es wird gut mit uns gemeint.«
Auf einmal schnürte sich ihm das Herz zusammen, er suchte nach gleichgültigen Dingen, fand nichts und bat:
»Was wollten Sie denn eben sagen?« Sich vorneigend wie sie, sah er sie nun an und merkte, daß ihr Gesicht von innen kalt und bleich geworden war.
»Ich wollte sagen,« sprach sie sehr langsam und ohne Betonung, »es muß gut sein, zur rechten Zeit sterben zu können. Ich glaube, der Tod --, ich meine: das Sterben, der letzte Augenblick giebt dem Menschen eine Klarheit, eine Kenntnis, ganz sichere, über Leben und Tod. Gut kann die sein oder sehr schmerzlich. Und die gute wäre, daß man zur rechten Zeit stirbt.«
Sie hatte nun ganz leise und mit rauher, verhauchender Stimme gesprochen, und Georg, obgleich er kämpfte, konnte es nicht lassen, tiefer zu gehn und zu fragen: »Esther, sind wir denn so traurig, daß wir statt vom Scheiden vom Sterben reden müssen?«
Sie stand auf, zuckte mit den Schultern, wie um etwas abzuwerfen, und sagte: »Ich muß gehn.«
Jenseit des Grabens stand eine junge Roteiche, reich mit großen, heftig gezackten Blättern überhangen, rot wie neues Kupfer und so einzeln, daß sie sich zählen ließen; im bläulichen dunklen Wasser unten hing ihr Spiegelbild, umgekehrt, verdunkelt. Uns, dachte Georg mit seltsamer Empfindung, uns und unsre Spiegelbilder sieht von drüben der stille Baum, und nun war ihm, als sähe er selber sich und sie -- in dem schön violetten Kleide mit goldenen Borten sie und sich in dem dunkelgrünen Anzug -- wie zwei geschmückte Geister in einer elysischen Gegend, weltferne Zwiesprache haltend. Aber, sich umwendend, fand er Esther nicht mehr neben sich und sah sie schon fern zwischen den grünen Büschen den Weg hinunter auf einen Trupp hoher, verdorrter Sonnenblumen und schwarzroter Dahlien zugehn; ihr Gang war nichts als ein notwendiges Bewegen der Füße, aber daran, daß der rechte nicht nach innen --, doch, da schlug er nach innen, und nachdem Georg eben gedacht hatte, er müsse sie so weiter und weiter und fortgehen lassen, eilte er ihr jetzt nach, holte sie aber erst im Zimmer ein, wo sie stand und sich umsah.
Eiskalt war ihm am ganzen Leibe, er zitterte, wußte aber gleichwohl, daß er imstande sei, die simpelsten Höflichkeiten zu sagen, redete auch ganz bedeutungslos draufzu, indem er sie bat, sich doch etwas zum Andenken mitzunehmen. Sie bewegte den Kopf langsam hin und her. Gleich darauf sank er tief herunter, ihre Brauen zogen sich wie grüblerisch fest zusammen, doch war es wohl etwas andres, und er konnte es nicht mit ansehn und trat an den Schreibtisch. Mit dem Rücken gegen die Platte gelehnt, sah er, wie sich ihr Kopf langsam wieder hob; sie stand aufrecht und sah ihn an, ohne zu lächeln. Jetzt kommt es! dachte er im Frost, was soll ich jetzt tun? was fragt sie jetzt hinter ihrer Stirn?
Indem fiel ihm ein: Wenn aber nun alles Einbildung ist? Ja, wie, wenn sie nicht meinetwegen so verzagt ist, sondern Sigurds wegen? Sollt' ich so närrisch sein? -- Fast ward ihm da leichter; er dachte: also muß es geschehn ...
»Esther«, sagte er, nur um nicht zu schweigen, um nicht -- --
Und sie kam. Er nahm ihre erfrorenen Hände und legte sie auf seine Brust. Sie blieb, sie würde bleiben, sie mußte, er konnte sie nicht entbehren. -- So blickte er in ihre Augen, sah ganz nah die schönen Brauen, sah winzig sein eigenes Gesicht, ganz wenig verschwollen in dieser, in jener schwärzlichen Pupille, und die Reflexe vom Licht, sah die kleinen schwärzlichen Härchen neben den Mundwinkeln und mußte die Lippen darauf drücken. Seine Augen schlossen sich. O, wie süß war dieser Mund! O nicht fremd wie -- wie -- --
Da öffneten seine Augen sich wieder, sie war zurückgetreten, er sah sie zum Stuhl gehn, ein flacher, grauer Hut lag darauf mit grünen Blättern und schwarzen Rosen, den hob sie auf. Ja, mußte denn noch etwas -- --, mußte er noch etwas -- --? -- Er sah sie den Hut aufsetzen, die Nadeln festmachen, und da lag auch eine Jacke, die sie nun anziehen wollte, und er hätte fast vergessen, ihr zu helfen. Noch einmal, während er den Kragen ihres Kleides in die Jacke hineinglättete, ihren Hals berührte, sah er ihren Haarknoten, weich geschlungen, ganz nah, aber dies galt schon nicht mehr, und sie wandte sich und gab ihm die Hand, und er sagte: »Leb wohl!«
Das Schluchzen stieg ihm in die Kehle, sie sagte nichts, ging zur Treppe, der Raum kreiste, etwas klang hart, Esther war nicht mehr im Zimmer.
An einem Eisenbahnfenster über vorbeisausender Felderlandschaft erschien Esthers Gesicht; darauf stand geschrieben: Trostlos. -- Georg näherte die Hände dem Gesicht, ermannte sich, schüttelte den Kopf, nahm eine Zigarette vom Rauchtisch, zerbrach ein Streichholz, noch eines, noch eines, tat endlich den ersten Zug und setzte sich.
Ja, sagte er, ja, ja ...
* * * * *
Nicht mit Absicht berauschte Georg sich an diesem Abend sinnlos, das heißt, er setzte sich nicht in der Absicht, sich zu betrinken, zum Trinken nieder, sondern es kam so. Quid quod, sagte er in der letzten hellen Minute, das ist eine lateinische Redensart und heißt ungefähr: Was soll man dazu sagen? -- Einige Zeit später weinte er sehr am Halse seines Leibfuchsen, der auch weinte, und abermals eine Zeit später wachte er mit riesigem Schädel und ohne Denkvermögen in seinem Bette auf, tat unbewußt das am Morgen Nötige des Badens und Ankleidens, saß ein paar Stunden, bloß eine kahle Bouillon im Magen, bei den Mensuren herum, übrigens ein wenig voll Ekel, ein wenig voll Wut und ein wenig voll Beschämung, worauf er sich anbandagieren ließ, heftig angewidert von den nassen, warmen, nach Blut, Schweiß und Äther stinkenden Binden am Halse. Armer Tozzi, heut gehts mir schlecht, dachte er, die Zähne zusammenbeißend, als die eiserne Brille auf seine Nase gepreßt wurde, und nieste. Dann stand er da und arbeitete schwerfällig mit dem Schläger, fühlte bald, wie ihm das Blut vom Kopf rieselte, es gab Pause, er saß, stand wieder, es gab endlose Pausen, um ihn schwirrte und rannte es, er hörte ein Flüstern: laß dich lieber abführen! -- aber das wollte er nicht. Der Speer ward ihm fortgeschlagen, noch einmal fortgeschlagen, er wankte und taumelte bei jedem Hiebe und stand dann, den Kopf gesenkt, von dem das Blut herunterlief, wie Spülwasser so dünn vom Alkohol. Dumpfe Wut hielt ihn aufrecht, aber er ermattete immer mehr, nach jedem Gang schien eine Pause zu kommen, er trank Wasser, trank Kognak, ihm ward zum Erbrechen elend, und dann merkte er noch, auf dem Stuhl sitzend, daß sein Blut nicht mehr lief. Und was war das mit seinem Herzen? Das machte ja Sprünge! Von allen Seiten beugten sich höfliche, neugierige, ein wenig mitleidige Gesichter, er hörte wieder die Stimme des Sekundanten von weit fern her: Also noch einen Gang, weiter! Stand auf, schwankte, hörte hoch über sich die Worte verhallen: Baltoborussia führt ab nach dreizehn Minuten, und verlor die Besinnung.
Sonnenblume
Renate, in der Hand die Gartenschere, trat am frühen Morgen auf die Terrasse hinaus und blieb über den Stufen stehn. Warm schien die Sonne, aber es wehte so heftig, daß sie mit den Händen in den Falten ihres dunkelgrünen Kleides hinunterfuhr, um sie gegen den Leib zu drücken; sie bauschten sich schwer hinter ihr, und die langen Enden der dicken, silbernen Kordel, die sie unter der Brust um den Leib geschlungen hatte, flatterten wie ihr Haar. Der Garten, schon sehr entblößt, war ein flatterndes Gewimmel von Blättern und kleinen Zweigen, gelb und lockrig ließen die Wipfel überall den hellen, dunstigen Himmel durchscheinen, aufgelöst ins Trinken des reichen goldenen Lichts. Vollhängende Fuchsiensträucher schwankten unter der Veranda. Wege und Rasen waren mit Blütenblättern bestreut; der Gärtner hatte den mit Laub verschütteten Rasenplatz zur Hälfte gekehrt und war zum Frühstücken gegangen; nun rollte der Wind die braungelbe Masse von einer Seite auf die andre mit einem kindischen Vergnügen. -- Renate kämpfte sich gegen den Wind die Stufen hinab, ging auf dem Wege zur Linken weiter, durch die Büsche und rechtsum unter den sechs Linden am Gemüsegarten hin auf die Rückseite der Kapelle zu. Dort flammte, gegen den Wind geschützt, die ganze Schar farbiger Georginen und Dahlien, schwarze, rote, scharlachne, weiße und gelbe. Renate schnitt von ihnen, langsam auswählend, einen Arm voll. Da hörte sie ihren Namen, fern von Magdas Stimme gerufen, antwortete: Hier! und sah bald darauf, sich wendend, Magda den Weg unter den Linden herbeieilen, ein Zeitungsblatt in der Hand, heftig atmend und mit schreckerfüllten Augen.
»Du weißt noch nichts?« fragte sie atemlos. »Das Schiff --«
»Was für ein Schiff?«
»Mit Esther! Es ist untergegangen.«
Renate schrie: »Magda!« ließ die Schere fallen, preßte die Blumen an sich, griff nach der Zeitung und las unter strömenden Tränen entsetzliche Dinge von einem Eisberg, bei Nacht, und Hunderten von Toten.
»Vielleicht ist sie doch gerettet«, weinte sie. Der Wind riß an dem großen Zeitungsblatt, sie kämpfte, um es zusammenzulegen, packte dann ihr Blumenbündel hinein und suchte nach ihrem Taschentuch im Gürtel. Da sah sie es nicht weit von ihr auf dem Wege liegen und eilte daraufzu, damit es nicht wegfliege.
»Weiß Sigurd es denn?« rief sie Magda zu, die mit zusammengelegten Händen dastand. Die fuhr aus ihrer Versunkenheit auf, sagte, ja, sie sei ja gekommen, um mit Sigurd zu telephonieren, und eilte eifrig an Renate vorüber nach dem Hause.
Mit ihrem großen, bunten Blumenbündel im Arm, heftig weinend und an Nase und Augen wischend, schwankte Renate den Weg zurück, über den Rasen und bis zur Sonnenuhr, blickte lange darauf, als wollte sie die Zeit enträtseln, und legte dann, heftiger aufschluchzend, mit einer wilden Gebärde die Last auf das Zifferblatt; das Zeitungsblatt öffnete sich und flatterte. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Postament, wurde langsam ruhiger, blickte wartend in die Veranda. Schritte wurden hörbar, Sigurds lange Gestalt erschien, er kam herunter, rote Flecken im Gesicht, die Augen geschwollen. Er blieb dicht vor ihr stehn und ließ den Kopf hängen.
»Ja, hier ist es immer schön«, sagte er nach einer Weile, umhersehend.
»Sigurd,« bat sie leise, »ich --, ist es denn -- ist es -- ist es denn gewiß?«
Er zuckte die Achseln.
»Für mich ist sie tot«, sagte er nach einer Weile abweisend.
Renate wußte nichts zu sagen, legte ihm nach einer Weile eine Hand auf die Schulter, in der sie ihr kleines Taschentuch zusammengedrückt hatte. Sigurd, den Kopf senkend, blickte darauf und sagte: »Ganz naß ...«
Seine Lippen zuckten, er begann: »Esther --« Dann: »Was war sie nur? Ja, was hat sie euch viel bedeutet! Ein kleines Gartenland, -- ausgerauft.« Er stockte. »Esther, mein Gott!« sagte er, faltete die Hände, blickte irr und schrie auf einmal: »Ich dachte, sie wäre hier! Ich dachte, sie wäre hier, und nun ist sie ja nicht da!«
Über den Stufen der Veranda erschien Magda in ihrem mattblauen Kleid und blieb da stehn, an einer Weinranke zupfend. Sigurd wand sich verzweifelter.
»Helfen Sie mir doch,« sagte er, »wie soll ich denn das verstehn, daß sie auf einmal tausend Meter tief im Wasser liegt, und die Fische schwimmen drüber weg, und man kann sie nicht heraufholen. O ich Mensch! o ich Mensch!« stöhnte er, die Finger in den Haaren, »daß ich sie habe allein fahren lassen! Aus Trotz ließ ich sie weg und hetzte diesen Prinzen, diesen Literaten, diesen Hanswurst --«
Magda blickte langsam nach ihm hin; Renate sagte leise: »Sigurd! Wir können uns doch beherrschen.«
Er hielt mitten in seiner Wutgebärde inne, blickte sie erstaunt an, schien ihr Gesicht zu erkennen und stürzte zu ihren Füßen hin, laut schluchzend, röchelnd und sich schüttelnd. Das Gesicht auf ihren Schuhn, umschlang er ihre Knie und riß daran, -- Renate schwankte und griff nach dem Zeiger der Sonnenuhr hinter sich, um sich daran zu halten. »O, ich liebe dich doch,« jammerte er laut, »ich liebe dich, und nun ist alles aus!«
O das war schrecklich. Da er wieder ruhiger wurde, gelang es Renate, seinen Kopf zu fassen, zu heben und an ihre Knie zu drücken. Da stand er schwerfällig auf, zog sein Taschentuch und brachte Gesicht und Haar in Ordnung.
»Eins zieht das andre nach sich«, sagte er trocken. »Daß man sich in Sie verliebt, ist freilich natürlich. Ich wußte ja, wenn sie den Prinzen näher kennen lernte, so konnte sie nicht widerstehn, niemals konnte sie's. Dann ging alles seinen Gang. Eines Tages war die heillose Verwirrung da, und sie wußte nicht mehr, wohin sie sollte, nach Amerika, zum Prinzen, oder zu mir. Da dachte ich, wir müßten es probieren, und wenn wirklich ich die Hauptperson in ihrem Leben war, so würde sie sich ja auch aus Amerika zurückfinden. Nein, Gott, nein, wie hätte ich allein bleiben können! Mein Dasein hatte seinen Glanz und seine Freude doch bloß von ihr, und ohne das ist man doch in einer steinernen Öde und friert. Aber da hatte ich mich ja selbst von ihr abgewandt und zu Ihnen. Nun, freilich, was das schon hieß, aber mein Gefühl, ja, mein Gefühl war doch dadurch schwächer geworden gegen sie, und dafür bin ich nun gestraft. Ihm aber, bei Gott, Renate, ihm aber werde ichs einmal heimzahlen, daß er sie zu sich herüberbog so weit und dann wieder fahren ließ, dieser Bastard von einem Literaten! Konfus hat er sie gemacht,« schrie er aufgebracht, »und da zeigte der Tod ihr einen Mittelweg, und sie folgte natürlich wie immer. Meinen Sie denn etwa,« fragte er mit zornigen Augen, »ich wüßte nicht, wie sie gestorben ist! Meinen Sie, ich hätte --, ja, glauben Sie etwa, Jason wäre auch ertrunken?«
Da er einen Augenblick schwieg, um Atem zu schöpfen, murmelte Renate: »Der gute Jason ...« Auch sie konnte sich nicht denken, daß er tot sei.
»O Gott,« stöhnte er nun wieder vor sich hin, »ich seh ihn ja immer und immer herumlaufen, über alle Verdecke, durchs ganze Schiff, oben, unten, in alle dümmsten Winkel spähn, und die Angst ... Und ich bin mit ihm herumgerast und hab geschrien: Esther! Esther! Esther! -- Aber sie«, schloß er leise und verwirrt, »lag wohl schon lange unten und war auch -- wohl ganz froh ...«
Nach diesen Worten drehte er sich langsam und vergrämt um und ging fort, die Stufen empor, wo Magda einen Arm um ihn legte und mit ihm weiterging. Sie waren verschwunden, aber nach einer Weile erschien er wieder allein, blieb über den Stufen stehn, hob die Hand winkend und rief: »Machen Sie sich keine Sorge um mich!«
Renate lief auf ihn zu, wollte ihn fragen, was er denn vorhabe, da kam er herunter zu ihr und erklärte ihr ruhig und zurückhaltend, er könne natürlich nicht hier bleiben, wo an jeder Straßenecke und in jedem Zimmerwinkel Esthers Schatten stünde, sondern ginge nach Berlin, wo er noch gerade rechtzeitig zur Immatrikulation kommen würde.
»Geld,« sagte er, »habe ich ja nun mehr als früher. Dann, wenn ich die Examina gemacht habe, -- das muß schnell gehn, höchstens in einem Jahr geh ich nach Rußland zurück. Da können sie mich vielleicht brauchen. Jedenfalls bewegt sich das Leben dort in den Kreisen, die mir nahe sind, so, daß ich hineinpacken kann; ich muß mich ja nun wohl an das Allerreellste halten, was man so >Taten< nennt, und -- und vielleicht kann man die Dinge doch fühlen; ich will versuchen, sie wieder anzuwärmen; der Tod pflegt ja alles erst mal kalt zu machen. Sie werden wohl zuweilen an den letzten Mohikaner denken.«
Renate nickte nur und sah ihm liebevoll in die Augen; er ergriff ihre Hand, küßte sie ungeschickt, ging ruhig und kehrte nicht zurück.
Renate, noch hinter ihm her sehend, erinnerte sich, daß Josef der letzte war, der ihr die Hand geküßt hatte. Dem einen war alles genommen, der andre wollte nichts mehr haben. Sie sah über das Dach des Hauses hinauf, wo die kleinen grauen Steinfiguren sich vor dem leichten Gewebe von Wolkenweiß und Himmelsblau zu bewegen schienen; die Sonne brach kräftiger hervor. Seltsam war mit dem Ende von Sigurds heftigem Ausbruch auch der Wind stiller geworden; es wehte nur leise durch den Garten hin. Sie zog die silberne Schnur, deren Knoten sich gelockert hatte, fester zusammen, nahm ein zusammengerolltes Blatt von ihrem Kleid, glättete die grüne Seide, in der schwarze Linien von oben nach dem Saum hin liefen, und sah die Blumen auf ihrer Zeitung auf dem Postament liegen; der Wind zauste darin wie ein Kakadu; einige lagen am Boden. Die sammelte sie gedankenlos auf und legte sie zu den andern. Ja, nun mußte sie wohl zu Saint-Georges --, nein, es war ja Sonntag. Sie dachte an ihre Orgel, irgend etwas aber trieb sie, den Weg, den sie vorhin gekommen, zurückzugehn. Vor einem Trupp halb welker Sonnenblumen stand eine sehr hohe mit nicht sehr großem Antlitz, das sich mit einem geringen Ausdruck von Ernst und Hoffart herabneigte. »Wie stolz du bist, Schwester Sonnenblume,« sagte sie, »laß dich küssen.« Sie bog das gelb und schwarze Sonnengesicht zu sich hinunter, küßte es leicht in die Mitte, knickte den Stiel dicht unterm Kopf ab, hielt einen Augenblick die weiche Blätterschale in den Händen, hängte sie dann vorn in den spitzen Ausschnitt ihres Kleides. Dann ging sie weiter, langsam an einer Linde nach der andern vorüber, die den Weg mit welken Blättern bestreuten, blieb endlich am letzten Stamm stehn, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, den Blick durch die fast entlaubten Wipfel emporgerichtet. Ununterbrochen trieb und flatterte es von oben durch das Licht. Sie spürte, in Gedanken verloren, wie ihr Kleid unten zuweilen seine Falten regte, sich bauschte und wieder hinsank.
Saint-Georges kam die Allee herunter und blieb bei ihr stehn; sie sah ihn durch den dünnen Schleier an, den eine vom Wind gelockerte Haarsträhne über ihre linke Wange breitete, und las in seinen ernsten Augen, daß er alles wußte. Er sagte nichts weiter als seinen Gruß; nach einer Weile begann sie leise:
»Ach, Georges, hören Sie die Glocken?«
Lauschend vernahmen sie Beide das ferne, dunkle Getöse, das in der hohen Weite gegen den Wind ankämpfend umher wanderte und nach Gläubigen hinunter rief.
»Eben war mir,« fuhr sie fort, »als hätte ich schon ein Jahr hier gestanden und die rufenden Glocken im Winde gehört. Alles war mir so fern, -- daß Josef ging, und der Zorn des Erasmus, und Sigurds Schmerz und Empörung. Hier bleibt es immer still.«
Ihr fielen bei diesen Worten Sigurds ganz ähnliche ein, die er beim Kommen gesagt hatte, allein sie vermochte nicht zu begreifen, wie das zusammenhing. »Entblätterte Linden,« sagte sie wie zu sich selbst, »entblätterte Linden ... Am Boden wirbeln gelbe Blätter ruhlos, -- wer weiß, wer weiß, wohin einst wir verschwinden!«
Getrieben vom Verlangen, ihre eigne Stimme zu hören, um die Stille und die ferne Stimme Sigurds abzuwehren, sprach sie weiter: »Sie sind nun bald alle fort. Wissen Sie, daß auch Magda geht? Ihr Lehrer ist an die Berliner Oper gekommen, sie will ihn nicht aufgeben, ein Wechsel wäre ja auch ungesund für die Stimme. Bogner ist irgendwohin; Ulrika ist mit ihrer Mutter nach Süden; wo ist Jason? Jason ist verschwunden. Sigurd geht, Georg ist fort, und Esther ... Ach, mir gellt immer noch das Todesgeschrei all der Menschen in den Ohren, das ich hörte, als Sigurd: Esther! schrie. -- Ich bin geblieben, -- wie kommt das? Was wird aus ihnen, dort, wo ich sie nicht mehr kenne? was wird aus mir?« Sie faltete die Hände und sah ihn ängstlich an.
Saint-Georges' ruhige, lichte Augen umfaßten ihre Gestalt, berührten die Sonnenblume, sie hörte ihn sagen: »Ich sah Ihre Blumen auf der Sonnenuhr liegen, -- hatten Sie die schöne Last in die Zeit fortgelegt? Da dachte ich, daß --« er sprach sehr langsam -- »daß Ihnen nichts geschehen wird, solange Sie in diesem Hause sind. Hier können Sie leben und sterben unwandelbar; verlassen Sie es nie.«
»Josef«, entgegnete sie nachdenklich, »muß vor langer Zeit einmal etwas gesagt haben, worin das Gegenteil von Ihren Worten stand.«
Er lächelte nun abwehrend, berührte mit einer Hand leicht die Sonnenblume und sagte nach einer Weile versonnen: »Wissen Sie, woher das Wort Heiland kommt?«
Renate meinte, es bedeute doch wohl heilend. Ja, das lege man dem Wort wohl jetzt unter, versetzte er, »aber,« fuhr er aufblickend fort, »die Sonnenblume heißt griechisch Helianthos, und daraus wurde Helianth, Heliand, wie es noch im Frühmittelalter hieß, dann Heiland.«
Renate schauderte leise unter einem unkenntlichen Gefühl und hörte ihn weiter sprechen:
»Carossa sagt: >Wenn uns gegeben wäre, immerfort ein Wesen zu schauen und zu denken, so würden wir uns langsam in dasselbe verwandeln.< So glaubten Heilige, und so verbürgt es die Form der Sonnenblume.«
»Und wissen Sie,« fuhr er fort, »wer dasselbe geglaubt hat, und wessen Antlitz es uns verbürgt?«
Sie lächelte und sagte glücklich: »Ech-en-Aton.«
Und, kaum wissend, was sie tat, griff sie nach der Blume, löste sie vom Kleide und reichte sie ihm, ließ aber ihre Hand noch am Stiel, den er faßte. Den Kopf hielt sie tief gesenkt, und, in blinde Wonne versinkend, sah sie mit unbeschreiblichem Staunen eine kleine Gestalt in weißem Gewande vor sich stehn, den König, der an ihr vorüber sah mit dem fortschwebenden Blick, den er immer hatte, und sie reichte ihm die Blume, demütig, die er nicht sah. -- --