Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 15
»Gern.« Georg rollte stöhnend einen Sessel über die Teppiche, gab ihm einen Schwung, daß er vor die offene Gartentür flog, rückte ihn zurecht und ließ sich hineinfallen. Seine Zigarettendose und Feuerzeug hervorziehend, murrte er: »Was haben Sie bloß von all den Philosophen! Von Kassner verstehe ich nicht ein einziges Wort. Sie sollten Verse lesen. In drei Zeilen von Rilke steckt mehr Wissen von den Dingen als in -- ich weiß nicht was.« Den ersten, tiefen Zug aus der Zigarette in die Lungen schlürfend, dehnte er die Brust empor und sprach mit tiefem Aufatmen:
»Als wäre die Gebärde einer Mädchenhand auf einmal nicht wieder vergangen ...
Ja das! Und das von dem Panther:
Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille und hört im Herzen auf zu sein ...
Und so tausend andre! Merken Sie denn, wie einen da die Seele der Dinge anhaucht, durch Mark und Bein? Wie sie alle menschlich werden, und in der Vermenschlichung schon halbgöttlich?«
»Die Seele der Dinge?« hörte er Sigurd hinter sich. »Nun, das ist in diesem Falle wohl nicht viel mehr als das Empfinden des Dichters von ihnen.«
»Ich fürchte, Sigurd, unsre ganze Seele ist nichts andres als unser Empfinden von unserm Leben. Sehen Sie mal ...« Die Lider halb schließend, blinzelte Georg in die Sonne, »ich meine so: zur Zeit als der Mensch -- nämlich der, der er anfangs gewesen sein mag -- den Unterschied zwischen seiner Zeitlichkeit bemerkte und dem, -- was er damals Ewigkeit nannte; Ewigkeit, nämlich die länger als sein Ablauf scheinende Dauer seiner Umwelt, bis zu Sternen hinauf, -- da -- nicht wahr -- hielt er sie für ewig und gab diese Ewigkeit einem Gott oder mehreren zur Wohnung, wie er selber in der Zeit wohnte. Da stand also der Mensch -- gleich Zeit -- gegen Gott -- gleich Ewigkeit.«
»Schöne Spekulationen«, hörte er Sigurd kurz hinter sich murmeln. »Vorher, meinen Sie, stand bloß Mensch gegen Mensch?«
»Vorher«, sagte Georg, »nahm der Mensch den andern Menschen als Teil seiner Umgebung, -- das heißt, ich meine so: daß Mensch gegen Mensch, gegen seinesgleichen stehe, das konnte er erst als Schicksal empfinden, als er seine Einsamkeit und Kleinheit gegenüber der Ewigkeit spürte, so daß dies Gefühl erst wuchs durch jenes.«
»Die Seele also«, fragte Sigurd, »wäre ein -- eine Wunde des Daseins?«
Georg versetzte: »Ja, sehen Sie, ich dachte folgendermaßen: der Körper atmet durch Poren, der Geist -- durch Wunden. Die Seele ist eine Wunde; die Wunde des Geistes. Ich kam auf andre --«
»Freilich,« hörte er Sigurd erwidern, »die Lust am Dasein, jedes Wollustempfinden ist denkbar, ohne Seele. Erst die feindlichen Empfindungen, das Bewußtsein ... Sie wissen ja: ein Hund fürchtet sich beim Gewitter, ohne zu wissen warum ... also: das Bewußtsein übernatürlicher Mächte, unverständlicher Gewalten und Peinigungen, das Bewußtsein von allem Schmerzlichen und Zerstörenden, das macht erst den Menschen.«
»Natürlich! das Feindliche!« sagte Georg. »Die freundlichen Naturmächte nahm er einfach und unbedenklich hin, erst die feindlichen rüttelten ihn auf, mit ganz physischen Mitteln: er mußte sich wehren. Lust bringt nichts hervor, Schmerz macht erfinderisch, Schmerz ist zeugend allein. Lust zweifelt nicht, Lust will bekanntlich Ewigkeit, das heißt Dauer -- ihr erster Schmerz ist die Ahnung, daß sie enden muß --, Schmerz will Erkenntnis.« Er verstummte, nicht unerfreut über diese Leistung. -- Dann, da Sigurd still blieb, bog er sich um die Rückenlehne seines Sessels, entdeckte aber erst nach einer Weile Suchens ganz hinten nur seinen hohen Kopf zur Rechten der Treppe vor den Büchern; das Übrige seiner hockenden Gestalt war hinterm Schreibtisch verborgen.
»Hören Sie mir eigentlich zu?« fragte Georg unzufrieden. Da schnellte er plötzlich zu seiner Länge empor, und Georg mußte lachen, weil er richtig ein Buch aus der Tiefe heraufgetaucht hatte.
»Ja, jetzt weiß ich, wie Sie's machen«, sagte er. »Sie ziehen in jeder Bibliothek die Bücher heraus, lesen Titel und Verfasser, dazu einen Abschnitt auf Seite siebenundvierzig, und dann kennen Sie's.«
Sigurd schmunzelte geringfügig, ohne übrigens so auszusehn, als ob er gehört hätte, ging zum Schreibtisch und setzte sich davor, worauf Georg die Beine über die Sessellehne warf, um ihn im Auge zu haben.
»Wovon sprachen Sie denn eben?« fragte Sigurd, sein Buch aufschlagend.
»Von den ersten Menschen«, erwiderte Georg zweideutig.
»Die im Paradiese,« äußerte Sigurd aufblickend, »wenn Sie die meinen, kannten freilich Gott. Ob sie aber deshalb schon Menschen waren?«
»Gott?« fragte Georg. »Nein. Gott war wohl mehr ihresgleichen. Und sie wußten doch nichts von Zeit, und daß alles einmal enden könnte.«
»Ach, Georg, Sie glauben ja nicht an Gott. Haben Sie übrigens je bemerkt, daß jenes Verbot im Garten Eden, wegen des Apfels, nur an Adam erlassen ist? Neulich fiel mirs auf, als ich zufällig den Text nachlas; Eva war noch gar nicht erschaffen. Wie sollte sie also nachher begreifen? Sie mußte sich einfach auf den Mann verlassen, der es ihr mitteilte, und das gefiel ihr natürlich nicht.«
»Von da an, bis jetzt,« sagte Georg lächelnd, »hat sie sich immer auf den Mann verlassen sollen, aber sie ist immer dagegen angegangen und hat ihn immer zum Essen verlockt.«
Sigurd schien zu lesen. Ich habe doch einmal an Gott geglaubt, dachte Georg angestrengt. An Gott? Ja, an einen einfachen guten Menschengott, -- wann war das? Und auf einmal war er fort. Ich wurde konfirmiert, -- nein, damals schon, -- aber ich entsinne mich doch genau, was für Kämpfe ich seinetwegen gehabt habe, und wie wir Jungens uns stritten halbe Nächte lang -- aber, es kommt mir doch vor, als ob schon alles über ihn entschieden war, ehe die Kämpfe begannen. Sie waren mehr der Form wegen, und aus Angst, aber damals fürchtete man sich ja nicht vor der Welt, so getraute man sich schon, es allein, ohne Gott, mit ihr aufzunehmen. Da wars um Gott geschehn. Wann aber glaubte ich wirklich an ihn? -- Als ich noch rot werden konnte, durchfuhrs ihn, und er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Ich erröte ja noch! dachte er -- nein, nein, dies ist ein andres Erröten, ich erröte vor mir selber; ich meinte aber das Erröten vor der Welt, in der Gott war, das Erröten, das von Gott kam, nicht dies aus mir selber. -- Jetzt klappte Sigurd sein Buch zu, legte es auf den Tisch und sagte:
»Außerdem, fällt mir ein, steht auch von einer Strafe nichts im Buche. In der Bibel, mein' ich. Er sagte nur: ihr dürft nicht. Hätte er gleich zu Anfang gesagt: dann werdet ihr ausgetrieben --«
»Dann«, sagte Georg, »würden sie sich wohl auf den Apfel gestürzt haben!«
»Wie?« fragte Sigurd zerstreut und sprach weiter: »Er verbot nur, wie sollten sie das verstehn? Adam sagte es Eva, worauf sie vermutlich gedacht haben wird: Verboten hat er es zwar, -- aber wenn ichs doch tue? -- er hat doch gesagt, er wäre ein lieber Gott ... Und Adam dachte: Was wohl geschehn wird, wenn ... Sehn Sie, er konnte ja nicht anders, er mußte zweifeln, ihm konnte nichts genügen, ihn hungerte nach Erkenntnis, nach dem Apfel, nach Schmerz ... Sie sehn, es kommt auf das selbe hinaus.«
Georg, mitgerissen, sagte nachdenklich: »Und schon kam die Angst -- Gott hatte noch nichts gesagt! -- sie versteckten sich.« Plötzlich wieder in seinen eignen Gedanken, sagte er langsam: »Er muß ganz rot geworden sein, als er aß.«
»Wie meinen Sie?« fragte Sigurd. Georg besann sich; Sigurd, das Gesicht in den Händen, sah auf den Teppich.
»Das Verstecken«, sagte er, »war eine Dummheit. Schuldgefühl verdammt von vornherein. Die Frauen, wie Sie schon sagten, glauben an einen liebenden, verzeihenden Gott -- nämlich deshalb, weil sie ihre Schuld gern für geringer halten, als sie ist, denn sie können nicht abwägen --, der Mann an einen gerechten Gott.«
»Nach dem Talmud«, versetzte Georg.
Sigurd schwieg. Nach einer Weile, sich aufrichtend, ohne Georg anzusehn, bemerkte er, das wären so deutsche Unterhaltungen ...
»Wieso?«
»Der Deutsche redet am liebsten von Dingen, von denen er zwar nichts versteht, an denen sich aber sehr viel raten läßt, herumraten.«
»In Rußland allerdings«, biß Georg zu, »wird nur von Rußland geredet. Und wissen Sie,« lachte er, »was das Deutscheste an unserm Gespräch ist?«
»Nun, sagen Sie's schon.«
Das Telephon zirpte, Georg erhob sich. »Daß wirs hinterher kritisieren; oder wenigstens feststellen, wovon es gehandelt hat. Nun können wir ja noch --« Das Telephon zirpte abermals -- »feststellen,« sagte Georg, indem er hinging, »daß wir festgestellt haben, daß der Deutsche gern feststellt --« Lächelnd den Hörer abnehmend, über den Tisch gebeugt, sagte er: »Georg Trassenberg.«
»Grüß Gott, Georg,« hörte er Esthers Stimme, wie es schien ein wenig matt. »Ist Sigurd da?«
»Grüß Gott, Esther! Ja, er ist hier. Wie gehts Ihnen denn?«
»Danke ...« Das kam zögernd; danach nichts mehr.
»Augenblick, Esther!« Georg reichte den Hörer an Sigurd, der noch am Tische saß.
»Ja, Esther. -- -- Nein, ich wollte heute erst später kommen. Was ist denn?« -- -- Georg wanderte langsam bis vor den Pensieroso, Sigurd weiter hörend in Pausen: »Du sollst kommen? -- Ja, dann fahr doch.«
Georg -- sonderbar härtlich hatte das Letzte geklungen -- wagte es, den Kopf ein wenig zu drehn, allein Sigurd -- er war aufgestanden -- drehte sich fort.
»Natürlich mußt du fahren.« Das klang wieder wie immer, kurz angebunden, -- doch so war er. »Nach Hamburg erst? Ja, natürlich, sie warten ja darauf. Wie? Sie warten darauf, sag ich. Wann geht denn das Schiff?« Georg zuckte zusammen. Schiff? -- Er lauschte mit wildem Herzklopfen plötzlich, doch kam nun endlose Zeit nichts, und er stand, flimmernd Buntes und Grünes vor den Augen, gemartert von der unhörbaren Stimme in der Ferne, die alles sagte. Endlich hörte er Sigurds Stimme wieder.
»Ja, dann wirds am besten -- wie? -- am besten wirds übermorgen -- ja, Fräulein, ich spreche noch!«
Wieder alles still. Also nach Amerika. Fort. Einfach fort. Esther. Das war unmöglich. -- Georg hörte seinen Namen, dann deutlich Sigurd, der ihn ans Telephon bat.
»Ja, was ist denn, Esther?«
»Mein Verlobter hat geschrieben, Georg. Er wartet ja schon seit einem, seit dreiviertel Jahr bald. Und er schreibt von einem Schiff, das ich benützen soll, -- es fährt Mitte nächster Woche, und --« Georg glaubte, sie Atem schöpfen zu hören. »Und nun erwarten Verwandte von uns in Hamburg, daß ich sie erst noch besuche. Also --« Ihre Stimme erlosch, raffte sich dann wieder auf. »Also werde ich wohl übermorgen fahren. Dann hab ich noch morgen den ganzen Tag zum Packen und --« Es kam nichts mehr.
»Ja, Esther, wenns sein muß. Was kann man da machen?« Böse, einen Stich im Herzen, fuhr er gleisnerisch fort: »Es tut mir nur leid, daß ich Sie dann nicht zur Bahn werde bringen können. Morgen muß ich fechten, und das wird ziemlich schlimm werden, ich -- ja, ich kann Ihnen das so nicht gleich erklären, warum. Dann --« seine Brust zog sich zusammen -- »dann sehn wir uns wohl gar nicht mehr.«
Keine Antwort. -- »Sind Sie noch dort, Esther?«
»Ich -- ich könnte ja heute noch -- -- wenns Ihnen recht wäre ... Ich habe jetzt Zeit.«
»Aber natürlich, Esther, herrlich! Also kommen Sie? Auf Wiedersehn! Wollen Sie Ihrem Bruder noch -- -- Sind Sie noch dort?«
Georg legte, schwer atmend, den Hörer auf, sammelte sich und sah sich nach Sigurd um. Er saß auf der Lehne von einem der Sessel in der Kaminecke, den Kopf gesenkt; das Gesicht war heiß, die Augen finstrer als je. Langsam, die Lippen vor und hin und her schiebend, fing er an zu sprechen.
»Einmal mußt's ja sein. Nun ist's zu spät.«
Georgs Zunge bewegte sich schwer. »Wieso: zu spät?«
Sigurd bückte sich tief, den einen Fuß anhebend, zupfte an einem Faden im Hosenaufschlag und riß. »Um sie zu halten«, stieß er dabei undeutlich hervor.
»Ja, wer kann sie halten, wenn sie heiraten wollen«, witzelte Georg unglücklich.
»Halten kann man sie schon«, äußerte Sigurd verdrossen und sah in die Luft. -- Sonderbar! Das war ja fast wie ein -- ein Wink? -- Indem fiel Georg ein, daß Sigurd ihm doch einmal etwas hatte sagen wollen, in bezug auf Esther. War es das gewesen? -- Er? Konnte er sie, hätte er sie halten können?
Sigurd war aufgestanden. »Also auf Wiedersehn, Georg«, sagte er, ihm die Hand hinhaltend, während er mit der andern seine Mappe aus dem Sessel nahm. »Sie kommt ja wohl her. Dann will ich nicht stören.«
»Adieu, Sigurd.« Sigurd stieg die Stufen hinan. »Vielleicht versuchen Sie's doch noch mal selber!« rief Georg ihm nach. -- Sigurd öffnete die Tür, schwieg, sagte dann: »Ach was!« und ging hinaus.
Georg stand verstört. Vor sich niederblickend, entdeckte er plötzlich die farbigen Bänder auf seiner Brust, faßte wütend nach dem Porzellanknopf im Rücken unterm Rock, der sie zusammenhielt, zerrte wütender daran, bis er die Bänder endlich losgerissen hatte, schnellte sie hervor, ballte sie zusammen und schmiß sie auf den Tisch.
Wenn morgen, fluchte er, die Mensur nicht wäre, würde ich mit ihr in die Gegend fahren, und niemals käme sie fort, niemals! -- O, wie verstört sie war! Warum? Warum? -- Er hockte sich in einen Sessel, tat die Stirn in die Hände und fühlte Angst vor der Abschiedstunde. Ja, soll ich, will ich, kann ich sie denn halten? O Gott, liebe ich sie denn nun oder nicht? --
Da war Esther, da Renate. Da waren Renates Schultern, an dem verwünschten Festabend, -- das Herz zog sich ihm zusammen. Und da war Esther, wenn sie frühmorgens aus dem Garten kam, kaum sichtbar hinter einer Garbe frohlockender Blumen, und er im Stuhl mit seinem verstauchten Fuß, und die langen, langen Tage. Und dann dies, -- war es denn nun eine Dummheit gewesen? Sie kam herein, und er dachte: ich habe sie auf eine ebenso eigenartige wie ganz unschädliche Weise lieb und werde es ihr jetzt sagen. Da stand sie in der Tür zum Garten, lächelte zu ihm hin, und er nickte und lachte aus seiner Ecke, und wie sie die ganze Last von -- Päonien oder Stockrosen, oder was es nun war, auf den Schreibtisch niederwarf, sagte er, nein, da rief er sie zu sich, nahm ihre Hände und sagte, nicht ohne starkes Herzklopfen und das deutliche Gefühl, er solle es lieber unterlassen: Eben, kleines Wesen, ist mir was Prächtiges eingefallen. Ich habe Sie so lieb, wie ich nie einen Menschen gehabt habe, auf eine ganz besondre Weise, was sagen Sie dazu? Ist's Ihnen recht? -- Auf ihrem Gesicht flog ein sonderlicher Schatten auf, ein -- ja ein Lächeln gleichsam auf Stelzen. Sie ließ seine Hände los und sagte: O ja ... Sie ging zu den Blumen, nahm eine auf, warf sie wieder hin, nahm eine andre und roch daran, raffte den ganzen Haufen zusammen und trug ihn ins Speisezimmer.
Und danach, eine lange, endlose, atemlose, schreckliche Zeit, während der er sie nebenan gehen und hantieren hörte, Vasen zusammentragen, Stiele abschneiden, vor die Tür und an die Wasserleitung treten, und hörte, wie das Wasser rauschte, dunkel erst, dann heller, aufsteigend in den Gefäßen, saß er und rang mit sich um Unerkennbares im Herzen und sagte sich schließlich nur, damit die Zeit verginge, auf: Sie also auch, sie also auch, -- ganz sinnlos, und dann: Da bin ich ja grauenhaft ungeschlacht gewesen. Sie wußte es nicht, und nun weiß sie's.
Also liebte sie ihn? Und wollte doch nach Amerika. Sigurd wollte sie behalten, und er sollte das besorgen. Ja, wie hatte er doch gesagt? Sie hat immer irgendwen geliebt. Er hielt das also für einen Übergang, auch hier bei Georg, und im Grunde liebte sie eben ihn, ihren Bruder, und fand immer wieder zu ihm. Ja, konnten sie vielleicht einander noch in die Augen sehn, nachdem er damals dies zu ihr gesagt? Nein, sondern da war zwischen ihm und ihr eine Wand von Angst, Gefahr und Süße, durch die ihre Blicke nicht zueinander gelangen konnten, außer wenn sie lachten oder viele Menschen zugegen waren.
Eines Tags aber, würgte er weiter, sah ich Renate in einem goldnen Kleid. Das Unterkleid war erdbeerfarben, darüber das Oberkleid vorn offen und nach rückwärts geschweift, so daß es leicht wehte beim Gehn; es war wie Flügeldecken aus goldener, bräunlicher Seide, ach, und ihr Hals, ihr Hals! -- Aber dennoch, -- wenn ich es formulieren wollte, so wäre es so: Wäre Renate weniger schön, so würde ich sie lieben; wäre aber Esther weniger schön, so würde ich sie nicht lieben. Das soll heißen, daß ich Renate liebe wie einen schönen Gegenstand (zum Beispiel die Venus von Milo), und nur das Zufällige ihrer weiblichen Gestalt und der sexuelle Reiz spiegelt mir ein wahres Liebesempfinden vor. Esther dagegen, -- ja, wie kann man nur zwischen Beiden schwanken? Esther war, -- o sie war ja klug und alles mögliche, aber eigentlich war sie doch nur ein süßes Wesen, ja ein so süßes Wesen, daß ich eben unwiderstehlich davon verlockt werde, von den braunen Streifen im schwarzen Haar, von der Stelle der Stirn, an der das Haar ansetzt und das krause die kaum sichtbaren Schatten wirft, von ihrem Hals, und der Biegung zum Kinn, und -- und was sollte denn daraus werden? schloß er langsam und stand auf.
Er öffnete die Gartentür, trat ins Freie ein paar Schritt vor und ging ins Zimmer zurück, erregter, angstvoller, wartend, daß sie komme.
Renate, schlechterdings, sie war zu einer fürstlichen Stellung geschaffen und gehörte ihm. Er nahm den kleinen Band der Odyssee vom Tisch unter der Lampe, blätterte, suchte und fand die Stelle:
_Kai tote dä Kronidäs afiei psoloenta keraunon,_ _Ka d'epese prosthe glaukoopidos obrimopatras;_ _Dä tot' Odysäa prosefä glaukoopis Athänä ..._
Halblaut übersetzte er:
Nieder warf der Kronide den funkelnden Blitz, daß er hinschoß vor der strahlengeäugten, der Tochter des obersten Vaters. Und zu Odysseus sprach die strahlengeäugte Athene ...
Das war sie. Eine Göttin in Menschengestalt, Fürstin, Herrscherin, kluge Beraterin, ein Kunstwerk. -- Er schloß das Buch, legte es hin, und nun erschien ihm Renate in ihrem weißen, sommerlichen Faltenkleid mit viereckigem Ausschnitt, eine Kette von rosigweißen Korallen, die tief herunterhing, um den Hals, ohne Gürtel und mit weit offenen Ärmeln. So stand sie in der Kapellentür wie ein Legendenwesen, so saß sie an der Orgel, ausgebreitet, schwebende und gewaltige Stimmen entfesselnd, so war sie, stets würdig, stets Anmut, stets Kühle, eine schöne Weisheit in Frauengestalt. An wen erinnerte sie nur? Lange grübelte er in Büchern herum, endlich begann es ihm zu dämmern, seine Kinderstube erschien, und ein altes Buch, quadratisch, braun, abgegriffen, mit Vignetten, -- von Richter? Richilde -- stand in verschnörkelter Schrift auf einer Seite, ein Ritter ritt durch eine Landschaft, ein spitzbärtiger Ritter kniete vor einem Walfisch, aus der Kelchblüte einer großblättrigen, stilisierten Pflanze winkte ein elfenartiges Wesen mit einem Schleier nach einem Jüngling, der hinter einem Paar schöner, weißer Stiere schritt, -- Libussa. -- Flugs stieß Georg einen Sessel zur Seite und langte das Buch tief unten aus einem Regal, wiedererkannte es freudig, schlug es auf und fand nach einigem Blättern und Verweilen die Geschichte Libussas, der Elfentochter, der späteren Herzogin von Böhmen, welche die drei höchsten Güter in sich vereinte, nämlich Weisheit, Schönheit und Reichtum; und Libussa hatte in ihm als Knaben jenes Gefühl erweckt, das ihm jetzt von Renate auszugehn schien: sie war ihm zu makellos und wandellos, zu hoheitsvoll, zu leidenschaftslos erschienen, zumal gegenüber den kriegerischen Werbern, -- ja, wollte Esther denn noch immer nicht kommen? Wenn ich lese, dachte er, wird sie gleich hier sein, setzte sich und las, und es stellte sich heraus, daß jenes Knabengefühl ganz ungerechtfertigt gewesen war, denn liebte Libussa nicht den Primislav, sieben Jahre getreu, und sandte ihm endlich ihr weißes Leibroß, um ihn zu holen und zu ihrem Herzog zu machen? -- Ein rechtes Märchen, aber bei Renate und mir ists ja umgekehrt. -- Folgende Stelle las er mit Vergnügen:
>Libussa hatte nicht den stolzen, eiteln Sinn ihrer Schwestern. Ob sie gleich die nämlichen Fähigkeiten besaß, in die Geheimnisse der Natur einzudringen und sich ihrer verborgenen Kräfte zu bedienen: so genügte ihr dennoch an dem Anteil der wunderbaren Gaben aus der mütterlichen Erbschaft, ohne solche höher zu treiben, um damit zu wuchern. Ihre Eitelkeit erstreckte sich nicht weiter, als auf das Bewußtsein ihrer Wohlgestalt, sie geizte nicht nach Reichtum, wollte weder geehrt noch gefürchtet sein wie ihre Schwestern. Wenn diese auf ihren Landhäusern herumtoseten, von einer rauschenden Freude zur andern eilten und den Kern der böhmischen Ritterschaft an ihren Triumphwagen fesselten, blieb sie daheim in der väterlichen Wohnung, führte das Hausregiment, erteilte den Ratfragenden Bescheid, leistete den Bedrückten und Preßhaften freundlichen Beistand, und das alles aus gutem Willen ohne Entgelt. Ihre Gemütsart war sanft und bescheiden und ihr Wandel tugendsam und züchtig, wie es einer edeln Jungfrau ziemt.<
Auch dieser Satz gefiel ihm sonderlich: >Sie nahm mit bescheidenem Erröten die Herrschaft über das Volk an, und der Zauber ihres wonniglichen Anblicks machte jedes Herz ihr untertan.<
O Himmel! dachte er aufseufzend, wenn ich Herzog bin, wird dann alles anders sein? Wer ist denn zur Herzogin hier geeignet, sie oder Esther? -- Er lachte fast, hielt kaum rechtzeitig inne.
Das Licht hatte sich verändert draußen, die Schatten waren tiefer und länger geworden, Esther kam nicht. Georg, immer angstbeklommener vor dem, was kommen sollte oder könnte, trat wieder in die Tür zum Garten, der windstill, tief beschattet bei sinkender Sonne, tiefgrün mit schönen großen Farbflecken, gelben, roten, glattbraunen, von Birke, Platane und Roteiche, unter dem reinen, erlösten Himmel ruhte. Darin sollte sie nun nicht mehr umhergehn mit ihren kleinen, ein wenig breiten Füßen, kleinschrittig, von denen der rechte bei jedem vierten oder fünften Schritt leicht nach innen schlug.
Indem hörte er hinter sich die Tür, Esther stand drin, sehr blaß, in dem Kleid, das er liebte, von rotvioletter Seide mit Goldborte an Hals und Ärmeln. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand, wie sie pflegte, mit ein wenig vorgeschobenem Leib ganz nah herankommend, und murmelte etwas wie: Sigurd hätte ihm wohl alles gesagt.
»Wann geht dann das Schiff?« fragte Georg.
»Mittwoch.«
»Und Sie bleiben erst ein paar Tage in Hamburg?«
»Ja, ich fahre am Sonntag.« »Und morgen«, sagte Georg trübe, »muß ich wieder auf Mensur.«
»Schon wieder?«
Sie hatten sich unterweil in Bewegung gesetzt und schritten langsam den Weg hinunter. Georg hob eine in den Weg hängende Hopfenranke über Esthers Kopf, dachte: Wenn Sigurd gesagt hat, daß sie immer irgend jemand liebte, so heißt das wohl auch, daß sie mich alsbald vergessen wird, -- und verstrickte sich derweil in umständliche Erklärungen: daß er seine letzte Mensur im vergangenen Semester schlecht gefochten habe --
»Ach, als Sie so lange mit dem Kopfkissen herumliefen?« fragte sie lächelnd. Sie meinte das schwarze Stück über der Gazekompresse, das er zum heimlichen Gespött aller Freunde wochenlang nicht vom Mittelkopf los geworden war. Er bejahte und fuhr fort: daß die Mensur ungenügend beurteilt worden sei; daß er Reinigung fechten müsse, und nun habe es sich über die Ferien hingezogen, während er doch für dies Semester seinen Austritt geplant hatte, und schließlich würde er morgen einen so scharfen Gegner bekommen, daß -- ja also daß sie sich heute wohl zum letzten Male sähen ... Dies schien sie gewußt zu haben, denn sie antwortete nichts.