Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 12
»Tage und Nächte, Tage und Nächte! Da liegst du nun auf der Lauer über deiner Arbeit wie ein Panther, und ich stehe dabei und weiß nichts. Wie in der Ermattung dein Menschliches von dir abfällt, so tritt alltäglich, daß ich ihn sehe, der Gott aus deiner Brust, sitzt da groß, durch Wind und Wolkenriß hinunterspähend auf das Werdende; Länderflucht und Wolkenschatten jagen durch seine unbewegten Augen. Warum muß ich ausgeschlossen sein aus deiner Seele, in einer andern Welt, sprachlos wie Echo in einem Walde, den niemand betritt? Will mir denn niemand dies Geheimnis lösen, warum dir alles sichtbar ist, nur nicht ich? Überstrahle ich sie nicht alle? Bringe ich nicht Glück hin, wo ich eintrete? Ach, daß ich alle Spiegel der Welt zerschlagen könnte und kein Bild mehr haben, damit du es merktest, wie ich dürste nach deinen verhängten Augen! Ich ertrage es nicht, du! daß ich dastehn muß wie unbekannt, unsichtbar vor dir in meiner Fülle, und dein Auge blinzelt nicht einmal! An wen soll ich mich denn wegschenken, sag, damit du endlich, endlich begreifst am Zerschlagenen, was dir aus den Händen fiel!«
Sie hielt ein, glühend über und über, fliegend, warf die Feder hin, knüllte ihr Taschentuch in der Rechten, faßte mit der Linken in den Ausschnitt ihres Kleides am Halse und zerrte. Sie schlug das Buch zu, löschte die Lampe vor sich und stand auf; teilte den Vorhang und sah hinaus. Da war nur Finsternis, undeutlich, aber nach Augenblicken wurde der schwarze Schattenriß des Kapellendaches sichtbar über dem Gewipfel gegen den gestirnten Himmel, dann auch darunter da und dort der gelbliche Schein und die Form zweier Fenster. Dort saß er! dahinter saß er! Saß, malte und sonst nichts. -- Sie preßte die Stirn gegen das kühle Glas, atmete tief und wurde ruhiger. Es ist beschämend, dachte sie, ich muß es jetzt vergessen; man könnte es mir ja vom Gesicht ablesen, was ich in das Buch schrieb. -- Sie sah in die Tiefe ein wenig rechts und gewahrte den Lichtschein, der aus dem Verandazimmer breit in den Garten fiel, darin die Schlagschatten, über Weg und Rasen hin, der dünnen, rankenumwundenen Pfeiler und der hangenden Reben voll Weinlaub; grau schimmerte, wo die Helligkeit am Boden endete, der Sandsteinsockel der Sonnenuhr. Nun sah sie auch, daß eine weiße Gestalt zwischen den Büschen umherging, jenseit des Rasenplatzes; bald kam sie unten zum Vorschein auf dem Wege, langsam dahinschlendernd, ging durch den Lichtschein -- es war Magda -- die Unterarme hinter dem Rücken zusammengelegt, am Hause vorüber und wieder in die Tiefe, wo sie schwand, aber nach einer Weile wieder sichtbar wurde, stehen blieb und nach oben schaute. Einen Augenblick glaubte Renate, sie spähe nach ihr, aber sie stand ja im Dunkel und war dunkel gekleidet. So blickte sie wohl zu dem gotischen Fenster empor, wo Georg und Esther unter der Lampe saßen; sie hatte ja dort auf einmal weglaufen müssen, um zu schreiben.
Magdas weiße Gestalt wendete sich wieder und ging zurück und kam abermals wieder und verschwand auf dem Weg zum Gemüsegarten. Renate, all ihr Eigenes kräftig niederdrückend, folgte ihr zärtlich mit Gedanken. Sie öffnete leise das Fenster und beugte sich hinaus. Gleich drang mit der schönen Nachtkühle und dem Geruch des vielerlei Blühenden eine gedämpfte Musik undeutlich an ihr Ohr -- o, sie übten ja an ihrem Brahmsquartett in der Kapelle --, und nun standen deutlich sichtbar alle drei spitzbogigen Fensters, dunkelgelb leuchtend, im Finstern. Über den blütenlosen Massen der Baumwipfel war das Heer der Sterne in reicher, strahlender Stille aufgezogen. Ganz fern zur Linken schimmerte noch Weißes, -- wohl Magdas Kleid.
Renate dachte, daß sie das grüne Fenster von unten gesehen haben müsse, wie sie selber immer wieder leise betroffen von seiner Stille im Schweben, und es wurde ein alter Vers in ihr wach, -- vielleicht summte auch Magda ihn im Gehen vor sich hin, sie kannte ihn ja:
Gottesauge still und klar Zwischen dem Gezweige! Wandellos im Sternenjahr, Dulde, daß ich wandelbar Meine Seele vor dir neige, Die verzweifelt war ...
Bist du nun am Land, Kind? dachte Renate. Du bist es, ich weiß. Deine Gedanken gehen kleine Wege, wie deine Füße im wohlbekannten Garten von selber sich durch das Dunkel finden; gehen ein Stückchen neben Georg, laufen zu Bogner, der unbekümmert um das musikalische Getöse hinter seinem Rücken vor seinem Wandstück sitzt und mit Kohle Landschaft und Gestalt in den großen Linien festhält. Du brauchst deine Gedanken, die dir nicht mehr weh tun, wenn sie sich nur bewegen, nicht mehr zu hüten; es giebt kein Hinaus mehr aus der wunderbaren, nur mit Gottes Hülfe zu begreifenden Schmerzlosigkeit, die all deine Poren erfüllt ...
Sie atmet leicht, sagte Renate, ich weiß es. Ihre Gedanken halten sich ans Geschaute, rühren an die alltäglichen Vorgänge, an Menschen und Dinge umher nun mit einem sicheren Gefühl und machen sie milde. Nein, es gab nichts Hartes mehr für sie; ein wenig schattenhaft war alles geworden, ein unveränderliches Abendrot von unirdischer Gläubigkeit ruhte am Himmel aus, von dem die sehnsuchtslosen Schatten ein sanftes Dasein bekamen; da mußten alle Stimmen leiser gehn, auf den Gesichtern lag das starke, aber milde Leuchten des Sonnenscheidens, -- hatte sie ihr selber nicht einmal gesagt, wie durchsichtig die Gesichter ihr schienen, bis ins Innerste der Gedanken; von ihrem eignen, Renates, Antlitz hatte sie es gesagt und hinzugefügt, was sie Saint-Georges einmal von ihm hatte sagen hören: Niemals kann es welken ...
Da war sie schon wieder bei sich. Ein halbes Jahr jünger war die Freundin als sie und schien älter fast um zehn Jahre. Sie aber stand im Anfang ihres Herzens und -- Renate richtete sich auf und ging durch das dunkle Zimmer hinaus.
Im Treppenhaus blendete sie das grelle Licht, und als sie durch das erleuchtete Verandazimmer gehen wollte, erschrak sie plötzlich vor einer schönen und großen Gestalt, die auf sie zuschritt in einem großen, dunkelgrünen Kleide, -- bei Gott, sie selber wars, vor der sie erstaunte, die aus dem Empirespiegel auf sie zugeschritten kam. Sie blieb stehn, lächelte verzweifelt zu der drüben hin und spottete sie an: Ist es wohl nun zu begreifen, daß du hier herumgehst so groß wie ein Pferd, und kein Mensch sieht dich? -- Achselzuckend trat sie an den Tisch; dort standen Früchte in Schalen, Brombeeren und Himbeeren, auch Bananen und mächtige Trauben von schwarzblauen Beeren. Von denen nahm sie eine in jede Hand, drückte sie zu beiden Seiten unterm Kinn gegen den Hals, trat so vor den Spiegel, aber das half alles nichts, im Gegenteil dachte sie, daß ihre Augen genau wie die Weinbeeren aussähen, und das ärgerte sie irgendwie, sie warf eine der Trauben wieder auf den Teller, erschrak aber und sagte: Nun mußt du sie auch essen, warum hast du sie angefaßt! -- Warum nicht? Gerne! -- So schlenderte sie auf die Veranda, nachdem sie der Verschwendung des elektrischen Lichts Einhalt geboten, sah ins Dunkel, aber es war niemand zu sehn. Sie trat an die Brüstung, legte eine der Trauben darauf, lehnte sich gegen den eisernen Pfeiler ins Rebgewind und fing an, Beere um Beere sachtsam ablösend, zu essen, und nach einer Weile, als ihre Hand sich mit den Schalen füllte, die folgenden in den Garten zu spucken. In diese Aufgaben vertieft, angenehm durchtränkt von dem süßen Saft, als ob sie Beeren aus Nachtkühle äße, hörte sie Schritte unten auf dem Sande, blickte auf und sah Jason al Manachs Schattengestalt und weißes Gesicht unverkennbar um die Hausecke kommen. In der Nähe der Stufen zur Veranda blieb er stehn und sagte: »Guten Abend.«
In der Meinung, er habe sie erblickt, wollte sie gerade antworten, als sie unter sich Magdas Stimme: »Guten Abend, Jason!« sagen hörte, und sich überneigend gewahrte sie richtig Magda, die auf der Bank dicht unter der Veranda saß. Jason ging zu ihr und setzte sich neben sie.
Eine Weile blieb alles still. -- Ich habe Lust, dachte Renate, hier stehen zu bleiben und zu hören, was sie reden. Vielleicht reden sie von mir. Vielleicht reden sie von Bogner. Sicher reden sie irgend etwas Gutes. Es muß angenehm sein, hier in der Nachtkühle zu stehn und gute Dinge zu hören, die im Dunkel beredet werden.
»Nun, Jason, woran denkst du wohl?« hörte sie Magdas Stimme.
»Woran möchtest du denn, daß ich denke?« kam es freundlich zurück.
»Wie ich vorhin im Garten herumging, mußte ich viel an Ulrika denken. Sie kommt mir so verwandelt vor. Was mag mit ihr sein?«
Minutenlang herrschte Stille. »Ulrika Tregiorni,« hörte Renate Jasons Stimme ganz langsam, »Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners, des Malers, niemals nachgesonnen über das Leben, seine Gewalt und Verhängnisse, vermochte also nicht zu wissen, daß es Menschen giebt, die eines Tages aus weiter Ferne herkommen, vielleicht um in ein Haus zu treten und zu jemand zu sagen: Tue dies! und wieder fortgehn, keiner weiß wohin, und unbekümmert um Verwirrung oder Zerstörung, die sie angerichtet haben mögen und hinter sich dort zurücklassen, wo Ordnung und gelassene Zufriedenheit das Gesetz aller Tage gewesen war.«
»Wie sonderbar du sprichst, Jason!« klang Magdas Stimme. »Als ob du eine Geschichte anfangen wolltest.«
»Sind wir nicht Alle Geschichten?« sagte er leise und sprach weiter: »Dies wußte sie nicht. Ihre kühlen, beschränkten Mädchenaugen hatten nie mehr als den Glanz gerader und gefälliger Oberflächen erfaßt; und sie hatte es nicht anders gekannt, als daß alle Dinge, zwischen denen sie aufgewachsen war, ihr dienten und ihr weiterdienen und mit ihr gehn und sich nie verändern würden, so wie sie selber einfach und geraden Weges aus einem Kinde ein Mädchen und Weib geworden war, das den natürlichen Gang des Geschehens auch darin erblickte -- -- nun, Ulrika, du kannst fortfahren, auch darin erblickte ...« Richtig, da stand ja Ulrika Tregiorni, weiß gekleidet, im Dunkel vor den Beiden. »Spracht ihr von mir?« fragte sie. »Worin soll ich was erblicken, Jason?« Damit wurde sie für Renate unsichtbar; sie setzte sich wohl auf die Bank, zwischen die Beiden, kam es Renate vor.
»Ich sagte,« wurde Jason wieder hörbar, »es sei außerordentlich natürlich für dich gewesen, eines Tages zu heiraten.«
»Ach, Jason, ist heiraten natürlich oder unnatürlich vielleicht?«
»Unnatürlich, Ulrika, ganz gewiß, denn man spricht von natürlichen Kindern.«
Renate, während die unten herzhaft lachten, biß sich auf die Lippen, um nicht laut zu werden.
»Ist Bogner in der Kapelle?« fragte Ulrika. Einer von den beiden Andern mußte wohl genickt haben, denn sie sagte gleich darauf: »Er muß morgen wieder in die Haide, ich weiß nur noch nicht, wie ichs anstelle, er sieht ja schauerlich aus. Ich werde ihm alle Pinsel in Ölfarbe stecken.«
»Du bist doch ein glücklicher Mensch, Ulrika«, sagte Jasons Stimme.
»Hünde,« sagte Ulrika, »Hünde, hörte ich einmal ein kleines Mädchen sagen, sind doch glückliche Menschen!«
Es gab wieder ein kleines Gelächter. »Glücklich?« kam nach einer Weile Ulrikas Stimme. »Ja, da fand ich Hölderlins Gedichte oben auf dem Tische und darin die Worte, -- er sagt vom Menschen: »Daß er verstehe ...« Wie heißt es genau, Jason?«
»Alles lerne der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern' Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will.«
Wieder war es still unten. Ulrika sagte, ein wenig leiser als zuvor: »Wie sonderbar du das betonst: daß er _verstehe_ die Freiheit! Ganz so sagte mirs Bogner, als ich mit ihm darüber sprach. Und ich begreife noch nicht recht, daß Freiheit etwas so Sichtliches --, wie soll ich sagen, so einfach Vorhandenes sein soll, daß auf das Verstehen das meiste ankommt. Aber es wird schon so sein.«
Jason sagte: »Die Freiheit ist das Natürliche, mein Kind, das weißt du doch auch, denn die Natur ist frei, auch du, wie du da geboren bist und mit sämtlichen Gedanken. Wenn du dich einmal unterworfen haben wirst, wirst du auch verstehen, was Freiheit ist.«
Lange Zeit herrschte Schweigen; Renate hörte den Nachtwind in den Bäumen oben, dann tiefer unten. Es rauschte, bald hier, bald dort; es kam kühler aus der Tiefe. Eine leise Frauenstimme sagte dort gedankenvoll: »Ja, so meinte er es wohl«, ohne daß Renate erraten konnte, ob die Stimme den Dichter meinte oder Bogner. Jetzt war alles still, ein kleines Gelächter Ulrikas ward hörbar, und sie sagte:
»Eben fällt mir etwas so Nettes von ihm ein.« (>Ihm< sagt sie, dachte Renate betrübt, als ob es nur den Einen gäbe.) »Als wir neulich in ein Dorf marschierten und der Maler gerade mit seinem ungeheuren Baß eine schauerliche Musik machte, kam uns ein winziges kleines Mädchen entgegen, blieb bei unserm Anblick, andachtsvoll den Finger im Munde, stehn, rannte plötzlich aus Leibeskräften auf den Maler zu, der es anguckte, und hatte ihn schon bei der Hand erwischt, was er aber, immer herrlich singend, gar nicht recht zu merken schien; er schleppte es so am Zeigefinger mit sich, es trabte eifrig, da stolpert' es, fiel hin und erhob ein so jämmerliches Geschrei, daß er es schleunig auf die Arme nahm. Was nun kommen sollte, wußte er augenscheinlich nicht, aber das Gesicht des Kindes -- es war kränklich und schmutzig mit übergroßen braunen Augen -- blieb mitten im Weinen stehn, und als er sich nun mit einem beruhigenden Gemurr darüber beugte, wurde es ganz still und sah ihn an. -- Ich weiß nicht, was er da gesehen haben mag, aber später zeichnete er das Gesicht des Kindes in sein Buch aus dem Gedächtnis, und es war sonderbar, während er zeichnete, hatte sein Gesicht denselben Ausdruck wie vorher, als er das Kind anblickte, so daß es ruhig wurde und ihn ernsthaft ansah. Es läßt sich nicht sagen ... Er lächelte ein wenig, und von Güte, von Beruhigung, von Väterlichkeit, von Verständnis, von all dem war etwas darin.«
Einen Augenblick, nachdem sie geendet hatte, setzte die Musik in der Kapelle wieder ein mit einem schwunghaften Angriff aller Instrumente, deren jedes deutlich zu unterscheiden war, Klavier, die Geigen zusammen und die knarrende Stimme des Cellos. Renate hörte zwar wieder Sprechen nach einer Weile, doch war nichts zu verstehn. Sie wollte schon hinunter gehn, aber die Musik brach plötzlich ab, und Ulrikas Stimme wurde hörbar. --
»Nein, nie! Davon spricht er scheinbar höchst ungern, und ich habe ihn beinah im Verdacht, daß er mit seinem Schweigen bloß seine Dummheit bemänteln will, aber ...« Sie lachte und fuhr fort: »Ich versuche es ja immer wieder, auf den verzwicktesten Umwegen ihn dazu zu bringen, aber kaum daß ich ihn habe, wo ich will, beweist er mir einen gräßlichen Irrtum und sagt: Da denken Sie nun mal schön darüber nach!«
Renate riet noch, um welch geheimnisvolle Sache es sich wohl handeln möge, als derselbe Angriff der Musik wieder aufbrach, so daß sie nichts mehr verstand. Nun wartete sie nicht ohne Ungeduld auf das Ende des Satzes; er war nicht lang, wie sie wußte.
Endlich war es still, aber auch im Garten herrschte Schweigen. Ein wenig übergebeugt, sah Renate alle Drei unten sitzen, Ulrika in der Mitte, die Hände um das übergeschlagene rechte Knie gefaltet. Gleich darauf sagte sie:
»Aber wie ich schon sagte: Nachdem ich ihm die schwierigsten Sachen vorgeführt, Technisches und Handwerkliches, den Orgelpunkt und auch Kontrapunktisches, soviel ich davon weiß, meinte er, es bestehe nicht der geringste Zusammenhang.« Womit denn nun? dachte Renate verzweifelt, ich muß doch hinuntergehn, -- während Ulrika weitersprach: »Alle Künste, sagte er am Ende, sind so völlig voneinander getrennte Gebiete wie die fünf Sinne, wenn sie auch alle an derselben Stelle verankert sind. Und seht ihr, so macht er's nun! Mir fiel nämlich ein, daß es ja auch fünf Künste giebt, wie fünf Sinne, und ganz geschwind setzte ich ihm auseinander, wie das sich auch entspräche, denn Gehör und Gesicht haben ihre Kunst, auch der Geschmack, sicherlich, denn die Kochkunst und ihr Genuß, wenn ihr's euch richtig vorstellt, ist eine wahrhafte Kunst, wie das Dichten und Gedichtegenießen; für das Gefühl steht die Dichtkunst, innerlich und äußerlich, denn unsre Sprache ist doch die Vermittlerin unseres Fühlens; nur der Geruch habe keine Kunst entwickelt, sagte ich, und das entspricht nun genau der Architektur, die auch keine Kunst an sich ist, sondern im Zweck wurzelt, versteht ihr, wie ich es meine? Der Geruch ist uns ganz Mittel geblieben, während die andern Sinne sich doch über ihre Zweckmäßigkeit zu reinem Empfinden, zum Genuß des Schauens und Hörens entwickelt -- ist es nicht so?«
»Was für ein kluges Mädchen du doch bist, Ulrika!« sagte Jason.
»Das hat er auch gesagt,« versetzte sie gleichmütig, »und dann meinte er, es wäre alles Unsinn, und nun sollte ich mal drüber nachdenken, -- ich sagte ja, so macht er's.«
»Hast du schon?« fragte Jason.
»Was?«
»Nachgedacht?«
»Noch nicht, aber vielleicht hilfst du mir!«
»Gerne,« sagte Jason, »aber nun fängt die Musik wieder an, und Renate versteht kein Wort mehr.«
»Renate?« fragte nach einer Weile Ulrika verdutzt. --
Renate lehnte sich über die Brüstung.
»Jason, du schmählicher Verräter!« sagte sie leise.
Die beiden Frauen wandten die Gesichter herauf, auch Jason langsam. »Hast du uns wahrhaftig belauscht?« rief Ulrika.
»Wahrhaftig. Es war so schön, hier oben zu stehn und euch sprechen zu hören. Der Wind rauschte, aber die Musik war vorhin wirklich zu laut. Nun sind sie ja am Adagio, und Jason kann ruhig weitersprechen. Auf eurer Bank ist ja sowieso kein Platz mehr. Los, Jason, was wolltest du sagen?«
Ulrika flüsterte Magda etwas zu, dann flüsterte Magda, dann waren sie still, und Jason fing an.
»Was denkst du eigentlich vom Tanzen, Ulrika?« fragte er, »ist das keine Kunst?«
Ulrika schien betroffen. »Wenn man will ...« sagte sie endlich zögernd.
»Nun, wolle nur!« redete Jason ihr zu, »und denke auch gleich einmal an die Mathematik. Nicht an die angewandte, die du so kennst, sondern die reine. Und Reiten, wie steht es damit? Ist es keine Kunst, mit einem Tier so zu verwachsen, daß es keinen Willen mehr hat als dessen, der es lenkt? Und bedenke, was nötig war! Es muß doch Jahrhunderte gedauert haben, bis das Pferd so weit gebracht war, und gleichzeitig wurde obendrein das ganze Pferd umgewandelt und aus einem kleinen, bösen Vieh ein großes, seelengutes Tier. Für Gefühl hast du die Dichtkunst einfach eingesetzt, aber mir scheint, die Tanzkunst entspricht dem noch viel einfacher, da sie die empfangenden Nerven an die bewegenden anschließt, innere Wollust in erleichtertes Bewegen auflöst und wieder auf die Sinne zurückwirkt, betäubt und befreit, -- und was meinst du, wäre ein tieferer Zauber aller Künste als eben der, zu betäuben und zu befreien, im Wechsel auf und nieder?«
»Mit dem Reiten«, sagte Renate von oben, »scheinst du mir zu übertreiben, aber das tat nach meinem Gefühl auch Ulrika, ich konnte es bloß nicht sagen vorhin, mit ihrer Kochkunst. Nur mit der Mathematik magst du recht haben, ich weiß nur nicht ganz, wie.«
»Ich will es erklären«, sagte Jason.
Ringsum war alles still. Jason sagte: »Was, meint ihr, ist denn nun Kunst? Ja, nun müßt ihr meine Worte recht verstehn, denn nun will ich vom Allerfeinsten reden, vom Gefühl, vom Empfinden, und das ist, als ob ich Seifenblasen mit Handschuhen anfassen wollte. Aber doch scheint mir >Heilen< das beste Wort. Kunst ist Heilkunst. In Heilkunst liegt Heilkunde zuerst, nicht wahr? Und Mathematik ist Zahlenkunde, da habt ihr schon einen kleinen Zusammenhang. Und nun denkt euch einmal ein Kunstwerk, eine Dichtung oder eine marmorne Figur, wie sie dasteht, wie sie einfach ist, wie sie klar ist, so leicht zu begreifen, so unweigerlich, so sichtlich und mit den zehntausend unsichtbaren Verknüpfungen in ganz unbekannten Schächten eurer Seelen verankert, euer Dunkel erhellend im Augenblick und tiefer vertiefend, -- und nehmt dagegen eure Welt, alle Verworrenheit, alle Irrtümer, alle Unkunde, alles ewig Schmerzliche, den Tod und die Wege der Liebe, Trübsinn und Weisheit, Erraten und Verfehlen, Schwinden und Funkeln, Erstehn und Verfallen, die ungeheure Gesetzlosigkeit, die unzählbaren Ahnungen, -- und wieder blickt nun zurück! Da stehen mitten in dieser traurigen, zerrissenen, unbekannten Welt zwei Dinge: die Zahl -- und das Werk. Beide innig verbunden durch eins: Harmonie. Gott machte die Sterne, wir aber machen schöne Werke immerhin, die uns erfreuen, die, wie sie auch sein mögen, heiter und tragisch, bitter und schwer und voll Elend geschilderten Jammers, doch den tiefen Glanz der Ordnung haben, des Selbstgewollten, des Geregelten, der Harmonie. Den Schein immerhin von etwas Absolutem, das tiefe Feuer der Notwendigkeit, denn mußte nicht Kunst kommen? Mußte sie nicht, wie eines Tages die Zahl entdeckt wurde, daß sie sei und gelte allgegenwärtig? Heilkunde trägt die Kunst; unsre immerwunde, betrübte, seelenkranke Herzenswelt heilen wir mit dem schönen Werk, ja den Tod heilen wir und heben ihn auf mit dem unvergänglichen, dem unsterblichen, dem ewigen Werk. Und Heilkunde, Heilkunst ist auch die Mathematik, weil sie nach dem Reinen strebt, weil sie Gesetze erkennt, und so ein jedes Betreiben, ein jedes irdische Geschäft, das über irgendeinen alltäglichen Zweck hinausgeht gegen das Ewige; das mehr will als Menschliches, mehr als sich selbst, das Unabhängigkeit will, eignes Wirken, Freiwilligkeit, Freude, denn am Ende ist dies doch wohl das gute, einfache Wort.«
Jason schwieg, still blieb es im Garten, in der Nacht, bis mit so erschreckender Plötzlichkeit aus der Tiefe der Büsche die Stimme des Cellos, tief und inbrünstig, einen stürmischen Seufzer aushauchte, daß alles umher zusammenzuschaudern schien. Renate fühlte im Augenblick die Erinnerung an die Stunde vor dieser, oben in ihrem Zimmer, in sich heraufschießen mit einem so unermeßlichen Schmerz um Bogner, daß sie glaubte, es nicht ertragen zu können. Aber der Schmerz ebbte langsam und schwand später. Renate fühlte ihr Haar wehn auf der Stirn, kühle Atemzüge strichen über ihre Wange, ihre Stirn, den Hals, es rauschte allenthalben in der Nacht, es bewegte sich, Ulrika stand groß und weiß unten, die Hände im Nacken gefaltet, das Antlitz emporgerichtet. Die andern Instrumente hatten den Seufzer längst mit Beruhigung und Verschleierung in ihre sanftere Gemeinschaft zurückgezogen, gleich darauf verstummten sie nacheinander, der Garten lag schweigend.
Hinter Renate im Saal flammte das Licht auf, nach Augenblicken wurde Esther sichtbar, hinter ihr Georg, aber sie sahen Beide Renate nicht. Esther lief die Stufen hinunter, Georg folgte langsamer quer über den Rasen. So verließ Renate ihren Platz, schritt die Stufen abwärts, fand unten aber nur noch Magda, die ihr entgegensah. Jason war verschwunden. Ulrikas Gestalt entfernte sich zwischen dem Buschwerk nach der Kapelle hin. Renate, in unbestimmte Gefühle verloren, hörte Magda fragen, ob Obst im Zimmer stünde, nickte nur freundlich und ging weiter.
In der Kapelle herrschte Vergnügtheit. Esther stand da, drehte sich, als sie Renate hörte, zu ihr, rief »Fertig!« und schwenkte einen herrlich glitzernden Kissenbezug. Ganz rechts in der Ecke hockte der Maler vor seinem Wandstück und rauchte. Über den Pulten und am Klavier, wo Benno glücklich saß, brannten rötlich die vielen Kerzen, Ulrika und Irene haschten nach Esthers Kissen. Ja, und der Prinz und Saint-Georges und Sigurd waren ja auch da. Gleich darauf erschien Magda mit den beiden Schalen voll Obst, und alles stürzte sich auf sie. Renate sah Ulrika eine Handvoll roter Himbeeren greifen und damit hinter den Maler schleichen. Über seinem Kopf hob sie die Hand empor und ließ die Beeren fallen; eine blieb in seinem Haar hängen, er faßte, völlig geistesabwesend das Gesicht herumdrehend, mit einer Hand danach und zerquetschte sie grausam. Was er zwischen den Fingern behielt, betrachtete er nachdenklich, bis Ulrika kam und ihm unter vielen Entschuldigungen mit ihrem Taschentuch die Finger putzte.
Erst als Esthers Kissen ihr an den Kopf flog, endete Renates Verwirrung.
Viertes Kapitel: August
Hora