Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 11

Chapter 113,692 wordsPublic domain

Er brach ab. Ja, was wissen wir, dachte Georg. Sie geht umher und sieht süß aus. Alles, was wir wissen, sind Dinge, die sich auf uns beziehn. Obendrein antwortet sie nur, schweigt, spricht selten von selber, oder ganz Belangloses, Tatsächliches. Und dabei diese Wandelbarkeit, als hätte sie gar keinen Kern! Mit jedem Kleid, in jedem Hut, ohne Hut, im Mantel, in der Jacke ist sie ein andres Wesen; heut ein Kind, morgen abwesend, eine kühle fremde, Verirrte, jetzt sanft und hülflos, morgen sicher und verständig, ja scharfsinnig, heut altklug und morgen unbewußt --, als ob sie immer und nur auf geheime Unterweisung sei und handle, -- aber immer ist sie verführerisch und gefällig mit Miene und Lächeln. Ja, wenn ich das Sexuelle auch so überschätzte, wie Alle es tun, so würde ich denken, ich sei in sie verliebt, bloß weil ich ab und an den zärtlichen Wunsch habe, sie auf den Arm zu nehmen und irgendwohin zu tragen. -- Während er sich dies sagte, betrachtete er Sigurd, der, die Zunge im Munde wälzend, das Buch hin und her drehte, und dachte, falls er, wie es schien, ihm etwas mitteilen wollte, sei es das beste, zu schweigen. Richtig fing Sigurd auch wieder an:

»Was wissen wir von ihnen? Ihre Gedanken laufen doch immer wo anders hin. Nun sind sie in Amerika. Sie giebt bekanntlich vor, einen jungen Mann zu lieben, da drüben ...«

»Warum: giebt vor?« fragte Georg.

Sigurd blickte wegwerfend auf: »Ich sagte ja, daß sie mir gehört, also liebt sie in Wirklichkeit mich, nur ist sie eben meine Schwester und merkt es nicht. Und überhaupt nun diese sogenannte Liebe. Esther ist immer von irgendwem geliebt worden und hat immer irgendwen geliebt. Endlich kommt einer und sagt, er muß sie heiraten, und da muß sie nun auch. So ists immer, Alle heiraten aus Zufall, und nachher ist das Unglück da.«

Georg glaubte sich zu erinnern, daß er das selbe schon einmal von einem andern Menschen gehört hatte, -- war es nicht Ulrika? ... Aber Sigurd war aufgestanden, lehnte sich mit der rechten Schulter gegen das Bücherregal, den Kopf gesenkt, hier und da einzelne Bände tiefer ins Fach klopfend, während er sprach:

»Ich will sie nicht hergeben, ich brauche sie, wofür lebe ich denn?« Er wandte sich zu Georg. »So etwas kennen Sie natürlich nicht,« sagte er mit verächtlicher Traurigkeit in den schweren Augen, »Geschwisterliebe. Nicht Frau, nicht Geliebte, nicht Freundin, aber von jeder ein Hauch, -- und andrerseits, wenn ich denke, ich könnte eine andre Frau lieben, so würde mir das Verwandtschaftliche bitter fehlen.«

»Irgend etwas«, sagte Georg weise, »fehlt immer.«

»Esther,« fuhr Sigurd fort, ohne hinzuhören, »Esther hat diese Macht über die Menschen, dies Verlockende, das ihr eigentliches Wesen ist. Sie kann nicht anders, sagen Sie selber: wenn sie mit Ihnen allein ist, ist sie da nicht ganz eine andre, als wenn Andre dabei sind? Unter Vielen ist sie überhaupt nichts, da steht sie wie ein kleiner Hund im Regen ...« Er lachte verlegen, Georg lachte gefällig mit.

»Nun also der in Amerika«, fing Sigurd wieder an. »Ein außerordentlich tüchtiger Mensch, müssen Sie wissen. Unglücklicherweise nahm er an einem Monatsletzten -- als er noch hier war -- dreißig Mark aus der Kasse, um sie am Ersten wieder hineinzulegen, da kam die Revision. Es gelang mir natürlich,« sagte er mit innerlichem Stolz, »den Chef zu überzeugen, daß er keine Anzeige machen durfte und ihm ein Zeugnis ausstellte auf Tüchtigkeit und Fleiß mit dem Vermerk: verläßt seine Stelle nach Übereinkunft. Ja, und trotzdem verfiel der arme Junge so in Verzweiflung, daß er in die Staaten hinüberging. Oh auf ihn kann man sich verlassen, aber auf Esther? Warum soll sie nun grade den immer und ewig lieben, nachdem sie sich so oft geirrt hat? Aber ihr Gefühl für mich, das ist immer das gleiche geblieben. Sie fängt nach einem halben Jahr an, sich zu langweilen, immer mit dem selben Mann, wohin soll sie sich noch entfalten?«

»Ja, ja,« lachte Georg, »Sie haben recht: unter mehreren Männern ist sie die bescheidene und kluge Lauscherin -- Leonore im Tasso --; mit einem allein entfaltet sie sich zart -- Leonore mit Tasso.«

»Achtzehn Jahre ist sie alt,« sagte Sigurd kopfschüttelnd, »und bildet sich wahrhaftig ein, dieser Kaufmann drüben sei in Europa und Amerika der einzige Mensch, mit dem sie das Leben zu Ende führen kann.«

»Sie sind närrisch,« meinte Georg, »Liebe und Überlegung ...?«

»Ja, soll sie ihn lieben!« brauste er auf, »aber warum denn um Himmels willen heiraten? Wie schön ist die Liebe, wie ideal ist die Liebe! Sie erregt alle heftigen Gefühle, Sehnsucht, alle Empfindungen nach -- hinaus, nach oben, ins Offne, ins Unbegrenzte, -- und dann wird geheiratet.« Er lief an Georg vorüber und hinter seinem Rücken im Zimmer hin und her.

Georg fiel Cora ein, die er seit Monaten einfach vergessen hatte, und sagte: »Ideale, das wissen Sie doch, Sigurd, sind dazu da, daß man sie hat, nicht daß man danach lebt. Zum Leben brauchen die Menschen Ziele.«

»Na, und was machen Sie da wieder für einen psycho-philosophischen Unterschied?«

»Ein Ideal«, sagte Georg ernsthaft, »ist keines -- nicht wahr -- innerhalb erreichbarer Grenzen; ein Ideal ist doch nichts Persönliches, nichts, was man für sich allein hat, oder käme es nicht mehr von Idee her? Ideal ist Religion. Wie ich schon sagte, nicht wahr: auch Religion müssen die Menschen haben, aber wer lebt danach? Für ihr Leben haben sie ihre Gesetze und sonst praktische Wegweiser, was ich Ziele nannte. Wegmarken braucht der einfache Mensch, um zu sehn, woher er kommt und worauf er zugeht, und daß er sich bewegt.«

»Ach, Sie denken immer so artistisch! Dem Künstler freilich sind seine Werke solche --«

»Dem Künstler«, griff Georg mit Festigkeit ein, »sind seine Werke niemals Ziele, sondern stets Ideal. Was er erreicht -- im Werk --, das mag Andern, ja mag ihm selber ein Ziel scheinen, eine Wegmarke, eine Stufe, um höher zu steigen: im Grunde bleibts ideal, weil unvollkommen gegenüber seiner Idee. Ein vollendetes Kunstwerk, nicht wahr -- das kann niemals mehr heißen als: ein fertiges. Selbst Gott hat nur gesagt, es wäre sehr gut, und ich bin überzeugt, daß sein Ideal von Welt hoch, aber höchst anders ausgesehn hat!« Georg, nachdem er seine Sätze auf das eifrigste hervorgesprudelt hatte, stand auf, ging hin und lehnte sich gegen die Bücherwand. In der Tiefe des dunklen Raumes sah er Sigurd neben dem Pensieroso stehn, der vor ihm saß, unbekümmert wie je, den Handrücken unterm Kinn, sinnend.

»Es giebt so viele Worte«, sagte Sigurd. »Wie alt sind wir eigentlich? Unsereins sieht immer über die rationalen Dinge hinweg, als ob Gott und Welt und Ewigkeit das einzige wäre, was uns anginge, als ob wir sie im Sack hätten, als ob sie nur so um uns herumstünden wie Schränke. Übrigens haben Sie davon angefangen.«

»Ja, Sie merken doch alles, Sigurd«, sagte Georg sardonisch. »Glauben Sie wirklich nicht, daß das Alltägliche genügt, um es zu tun? Soll man auch davon reden?«

»Nicht vom Alltäglichen,« versetzte Sigurd kurz, »das ist eine Unterschiebung. Ich sprach vom Realen oder Tatsächlichen und bin nicht der Meinung, daß es so einfach ist, daß Tun genügt.«

»Ich kenne eine Frau,« erwiderte Georg nachlässig, »deren Ideal wäre es, die Geliebte eines Prinzen zu sein. Jawohl, Sie bemerken ganz recht: der Prinz bin ich selber.« Sitzt mir die Maske? fuhr es durch ihn hin. Er sammelte sich und fuhr fort. »Ich sage Ideal, Sie würden sagen Ziel.«

»Weil Sie,« Sigurd lachte spöttisch, »weil Sie ihr dies Ziel nicht erfüllen wollen? Also ein idealisches Ziel, wie Ihr Kunstwerk, wie der Himmel für den primitiven Frommen, den Moslem oder so: solange man danach strebt, Ideal, wenn mans hat, Ziel.«

»Ach, Unsinn!« murrte Georg. »Der Himmel (und die Hölle genau so gut) sind keine Ideale für den Frommen, sondern einfach Ziele, weil sie mit zum Irdischen gehören, weil sie in seinem Dasein inbegriffen sind.«

»Also leugnen Sie überhaupt Religion?«

Es klopfte. Die Tür zum Flur wurde geöffnet, und Esther stand über der Treppe in einem dicken bräunlichen Regenmantel, den Kragen hochgeschlagen, kaum sichtbar das kleine Gesicht mit den funkelnden Augen unter tiefen Scheiteln und der Kappe aus schwarzem Haar, die sie heute trug. Sie hatte einen Brief in der Hand.

»Ein realer Brief,« sagte Sigurd, indem er näher trat, »siehst du, Esther, der Prinz leugnet alle Religion außer Buddhismus.«

Ich dachte an Märtyrer, sagte Georg sich schweigend, indem er Esther die Hand gab und fand, daß sie wie ein gutes, schwärzliches Tierchen aussah, süß zum Wegtragen und Füttern. -- »Als wir anfingen, Esther,« sagte er, »sprachen wir von Ihnen; nun sind wir glücklich beim Nirwana.«

Sie lächelte. »Das ist eben das Gute an uns, daß ihr von uns überall hingeraten könnt! Ihr müßt immer bei uns anfangen, ihr Männer.«

»Und von überallher zu euch zurückkommen«, schloß Georg lachend. »Ihr seid der Kreis und seid im Mittelpunkt.«

»Ja, Kreis«, wiederholte Sigurd, am Schreibtisch stehend, Georgs Malaiendolch in der Hand. »Was ist mit dem Brief?« schloß er kurz.

Esther erklärte munter, wie sie, um den Brief in den Kasten zu werfen, vor die Tür gegangen, wie die Nachtluft so herrlich nach dem Regen gewesen sei und nach nassem Pflaster geduftet habe, daß sie hergelaufen sei, um Sigurd abzuholen, -- und den Brief habe sie dabei in der Manteltasche vergessen. Georg verschlang sie mit Augen dieweil und hörte kaum ihre Worte. Sigurd nahm ihr den Brief wortlos fort, während Georg, ihr aus dem Mantel helfend, freundschaftlich fragte: »Für wen ist denn der dicke Brief, kleine Esther?«

»An meinen Verlobten,« hörte er sie abgewandt sagen, und einen Stich im Herzen, fiel ihm ein, daß Sigurd ihm ja etwas hatte mitteilen wollen, Esther betreffend. Was konnte das wohl gewesen sein? -- --

Nun saßen sie schweigend alle Vier, bis Esther mahnte: »Sagt doch was, Kinder, seid ihr immer so schweigsam?«

»Ja, Benno!« -- Benno saß ganz grade auf dem Vorderteil seines Sitzes, dieweil eine Dame zugegen. -- »Benno hat den ganzen Abend noch nichts gesagt. Also Benno ...«

Benno lachte erschütternd. Er habe alles, was ihm für heute zu reden gegeben sei, schon vor Esthers Anwesenheit gesagt. »Nun müßt ihr reden!«

Esther schlug vor, Georg möge etwas vorlesen.

»Ja, Georg!« bat Benno schmelzend und glitt erwartungsvoll unbedacht tiefer im Sessel, richtete sich aber gleich wieder auf. Georg wehrte jedoch ab; er habe nichts Rechtes. Als Sigurd nun aus der Ecke am Kamin fragte, ob und was Gutes Georg zurzeit lese, fühlte er einigen Ärger über Sigurds schlankes Abbiegen und sagte nachlässig bloß: »Jean Paul.«

Keiner von den Dreien erwiderte etwas. Der Name löste wohl zwiespältige Empfindungen aus, die nicht zu Worte gelangten.

»Natürlich,« sagte Georg, »wenn man Jean Paul sagt, sind Alle wie auf den Mund geschlagen. Habt ihr Jean Paul gelesen? Haben Sie Jean Paul gelesen, Esther?« -- Esther murmelte etwas vom Katzenberger.

»Dieser ewige Katzenberger! Als ob das nun Jean Paul wäre, nicht wahr! Katzenberger! Das ist wie -- wie so eine hornhäutige Ferse am Absatz eines Engels; als solche ja ganz merkwürdig. Aber den Engel solltet ihr reden hören! Wartet --« Sich im Stuhl drehend griff er den kleinen schwarzen Band vom Schreibtisch hinter sich. »Flegeljahre,« sagte er, »ich will euch nur eine Stelle vorlesen, nur eine, und ihr sollt --« Er blätterte erregt. »Nein, wartet mal, wo war doch das! Richtig, ich hatte doch ein Zeichen ... An der Stelle ging mir zum ersten Mal mit blendender Klarheit der Unterschied zwischen Dichtersprache auf und -- wie soll ich sagen? -- da ist die Stelle!«

Georg hatte sein Zeichen gefunden, nahm es heraus, bog das Buch auf und las:

No. 16. Berguhr Sonntag eines Dichters

Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und der Thürme dunkelroth vor der frühen Juli-Sonne standen, und verrichtete sein Morgengebet, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an den Gebirgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu ...

»Das ist es!« rief Georg, »das ist es: ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Ja, was denkt ihr euch dabei? Ist das irgend etwas Vorstellbares? Ist das nicht unbeschreiblich imaginär? Entzückungen, die fliegen? stumm? auf den Sonntag zu? Und da quillt einem doch das Herz über von etwas geisterhaft Irdischem und Unirdischem in wunderbarster Vermengung, und die Seele über von unsagbaren Visionen des Morgenhimmels und der Dämmerstunde. Und deshalb -- nicht wahr -- was liegt an den Worten? Das überwogende Empfinden des Dichters schwemmt sie hervor, -- vom Rhythmus, der alles ist, ergriffen, ankristallisiert, schwemmt es sie hinüber in uns, wo sie zergehend wieder ausschäumen in Empfinden und in Vision. So spricht der Dichter.«

Still waren die Andern. Wie, keine entzückte Bejahung? -- Endlich sagte Sigurd:

»Und wie, meinen Sie, sprechen wir?«

»Wir? Wir machen uns verständlich. Wir wollen verstanden werden, wollen wirken und suchen den passenden Ausdruck, den treffenden, nicht wahr, Deutlichkeit. Der Dichter will sich niemand verständlich machen, nicht wahr, sondern muß singen, nachsingen, was der Dämon vorschreibt, und dies eben, nicht wahr, daß er vollkommen weiß: er kann sich auf unsre Weise nicht ausdrücken, weil dann nur Deutlichkeit entstünde, aber nicht -- Empfinden, Sichtbarkeit, Fühlbarkeit, das -- nicht wahr -- giebt ihm die Gegensprache vom Ausdruck, das -- eigentlich ists ein Verhüllendes, nicht wahr, das -- Bild, Gleichnis, die Gestalt, das heißt: er stellt dar. Darstellung und Ausdruck, das sind die beiden.«

»Dagegen«, sagte Sigurd nach einer Weile, »ließe sich wohl nichts einwenden. Wie Sie aber -- in dem, was Sie zuerst sagten -- das Wort so erniedrigen, zum Mittler des Gefühls erniedrigen können, das verstehe ich nicht. Ich --« Georg, obwohl sprachlos vor Überraschung, daß er erniedrigen sollte, er, dem wie keinem Andern die Einzigkeit, die vollkommene Aristokratie des Wortes bewußt war, -- kam nicht zum Einfallen. »Ich empfinde«, sprach Sigurd weiter, »da ganz anders. Ich empfinde --« Vorgebeugt in seiner Ecke, die Ellenbogen auf den Knien, legte er Gelenke und Fingerspitzen der gewölbten Hände mit kleinen formenden Bewegungen gegeneinander -- »ich empfinde -- den Leib des Wortes. Ein tiefes Erfülltsein, Umschlossensein; kein Überströmen.«

Esther, die sich bislang unteilhaft verhalten hatte, nickte jetzt beistimmend und schüttelte den Kopf. Auch Benno drehte sich.

»Nein, da müssen Sie mich mißverstanden haben«, sagte Georg. »Das Wort als Mittler? Auch ich --« die Zeile Jean Pauls wie auf einer langen Fahne vor sich, ließ er sie auf sich wirken, und sagte, langsam seinem Gefühl nachsprechend: »Ich empfinde das Wort, Leib und Seele. Die Seele aber flutet über die Ränder und -- bildet, mich erfüllend, den Leib noch einmal in mir. Und das geht -- hin und her, nicht wahr; immer ist eines im andern. Die Seele freilich -- auf die kommt es doch allein an -- die Seele des Worts ist die mächtigere, die immer wieder überflutet und mich -- ahnen läßt, tausendmal mehr ahnen, als das Wort enthält.«

»Sie lassen Ihre Phantasie spielen, Georg. Sie sind Romantiker,« sagte Sigurd, »und --«

»Ich bin kein Romantiker, was fällt Ihnen ein?«

»Dann denken Sie eben an besonders romantische Gedichte, die es ja giebt, die von dieser überfließenden Art sind.«

Esther und Benno nickten lebhaft.

»Aber ich bitte euch!« widerstritt Georg. »Nehmt doch etwas andres, nehmt -- was ihr wollt! Nehmt >Der Wald steht schwarz und schweiget -- Und aus den Wiesen steiget -- Ein weißer Nebel wunderbar ...< Was liegt denn an den Worten? am schwarzen Wald und weißen Nebel? Aber eine golden verschattete Welt steigt auf, und das ist die Kunst, wie ich sagte: mit einem Wort hundert und tausend mal mehr zu geben, als es enthält.«

»Und das ist romantisch«, beharrte Sigurd.

»Ja, Georg,« wagte Benno sich hervor, »handelt es sich hier nicht um etwas andres? Das ist doch -- Landschaft. Die soll gemalt sein, gesehen werden, und da wirkt natürlich die Phantasie. Hier tut sie's auch bei mir. Sonst aber -- verhüllt sie sich eher --«

»Verhüllt sich!« sagte Sigurd. Esther nickte und lächelte.

»Zum Beispiel, wenn du an das von George denkst, dies Wunderbare, du lasest es neulich: >So war dein sanfter Sang der Sang des Jahres -- Und alles kam, weil du es so bestimmt.<« Benno verhauchte beseligt. Sigurd am Regal lehnend, die Finger in den Westentaschen, das Gesicht vornüber gesenkt, sagte kurz, nach innen grübelnd:

»Es muß etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ästhetisch. Es muß ein ethischer Vorgang sein.«

»Da komme ich nicht mit«, erklärte Georg. »Jeder Vorgang ist an sich rein ästhetisch, nicht wahr? Ethisch wird er allein durch die Erkenntnis -- Sie verstehen, Esther --, durch Erkenntnis von Werden und Entstehn, von den Zusammenhängen, von der Form. Hier aber, hier handelt es sich ja um Vorgang und nur um Vorgang. Das Ethische können Sie ja dazu haben, aber -- was hat das mit Dichtung zu tun? Das ist doch -- abstrakt.«

Benno war nicht einverstanden, und Sigurd bewegte stumm den gesenkten Kopf. »Warum abstrakt?« fragte Benno und mit ihm Esther aus den Augen.

»Warum? Also -- -- also wenn ich sage: Bauen, -- nicht wahr? Wer baut? Einer schleppt Steine, einer legt sie aufeinander, einer macht Fenster, Türen, Fußböden, einer das Dach. Wer baut denn nun? Der Architekt macht Pläne, beaufsichtigt, das alles sind die Vorgänge. Was aber alle zusammen tun, nicht wahr, und auch allein der Architekt durch Planen und Beaufsichtigen, das sehen wir im Begriff >Bauen<. Begriff! der kann ethisch sein, aber wie wollt ihr den empfinden, nicht wahr? Wo das Wort so voll Vorgang ist, so voll Vorgang!«

»Das können Sie nicht sagen, Georg!« Sigurd hob voll die heißen Wangen und brennenden Augen gegen ihn.

»Ich empfinde das eben.«

»Ich auch, Georg!« rief Benno.

»Du auch? Ich hatte sonst sagen wollen: Sie, als Jude, nicht wahr, -- seien vielleicht eher begabt für das rein Gedankliche.«

»Das sind wir. Herz und Intellekt wohnen bei uns näher zusammen als bei euch.«

»Und darum überschätzen Sie das Wort!«

»Ach das Wort, Georg, doch nicht das Wort!« Benno lief aufgeregt mit schwingenden Armen in den Raum. »Wie wäre es dann mit der Musik, die wortlos ist? Wärens da Töne, Akkorde, Septimen, Quinten und Quarten? Ist es nicht --«

»Und die Musik,« rief Georg aufspringend und sich zu ihm drehend, »die Musik, da du davon sprichst, wie läßt die erst überwogen, sich auflösen, ins Namen-, ins Uferlose, ins --«

»Bei dir, Georg, aber doch nicht bei mir!« schrie Benno vom bronzenen Borgia her. »Die Musik ist eine so völlig klare, gesättigte Sprache wie die der Dichter. Ja, das ists! Sprache, Georg, Sprache! Nicht das Wort, das Ganze -- eben -- Musik!«

»Das ist wieder was andres, Benno. Meinen Sie das?«

Sigurd nickte.

»Dann also -- meint ihr -- den Rhythmus, nicht wahr?«

»Es ist mehr, Georg, es ist --«

»Unter Rhythmus«, erklärte Georg, »meine ich die innerste Essenz, die wieder Destillat ist aus dem allen: Worten und Takten, nicht wahr, Reim, Bildern und ihrer Wahl und Ordnung, der Glut der Stunde vor allem -- was man Stimmung nennt, nicht wahr? -- der Duft, die Seele -- und der Leib -- all das, all das strömt zusammen zum Rhythmus, der die Seele des Gedichts ist, die Seele der Form. Mit einem Wort, die Form meint ihr, das ganze Gedicht. Ja, dann freilich, -- das ist bei mir natürlich auch so. Das Gedicht tritt in mich ein und --«

»Nun kommen wieder Ihre überquellenden Ränder«, sagte Sigurd, der ein Buch aus der Reihe vor ihm gezogen hatte und es eben aufschlagen wollte. Er ließ es aber in der Hand hängen und fuhr fort, zur Bekräftigung damit Stöße gegen Georg führend:

»Der wirkliche Vorgang ist: den Leib des Wortes, samt der Seele, die ganze Form: noch einmal aufrichten, noch einmal baun. Er ist, wie alles in Wahrheit Ethische -- ein Schaffen, Neuschaffen von Grund aus.«

»Ja, Georg, ja, Sigurd!« jubelte Benno aus dem Hintergrund, kam hervor gestürmt und stand nun im Licht so lang er war, hoch gerötet in großer Gebärde mit flammenden Augen und fliegender Stirn.

»Georg!« rief er mit ganz unterdrückter, inbrünstig eindringen wollender Stimme, »hast du's denn nie gefühlt? Nie dies tiefe Glück empfunden im Empfangen der Form, das -- den -- den Einklang, das Vollkommene, die ewige Harmonie des Irdischen mit dem Unirdischen, vollzogen im göttlichen Augenblick? Musik, seht ihr, sie ist nicht der Himmel selbst, aber -- sie ist das Zwischengebiet, von uns erreicht, ja von uns erzeugt mit unsern irdischen Kräften und unserm überirdischen Glauben, -- wo das Himmlische irdisch ward und das Irdische himmlisch -- himmlisch im Tönen, himmlisch in der geschaffenen Form, in der wir nun aufgehn, aufgehn, Georg, in beiden -- und doch nur eins noch empfinden: Glück.«

»Wundervoll, Benno, ja, aber das, was du da sagst, das habe ich im Tiefsten immer empfunden. Das ist allerdings ethisch, und es ist dann so, daß ich es unbewußt empfand. Ich kann ja -- wenn ich überhaupt ein ethischer Mensch bin -- nur hierin das Wunder der Kunst erfahren, und -- ja, es ist doch so, nicht wahr: die meisten Menschen -- nun, ethisch sind sie natürlich alle, denn wenn einer es sein kann, müssen alle es sein. Sie alle haben, nicht wahr, einen ethischen Grundstoff. Von dem wissen die Meisten gar nichts und können deshalb nur moralisch empfinden, das heißt: das Stoffliche. Die Nächsten gelangen bis zur Anschauung, zum Empfinden der Form, also zum Ästhetischen, nicht wahr, und das sind die, die wir gemeinhin Ästheten nennen. Die Dritten haben nicht nur die Erkenntnis des Ethischen, sondern auch -- wie Sigurd, nicht wahr -- das Empfinden davon. Und bei mir ist es nun so, nicht wahr, daß ich, als selber Schaffender, zwar die Erkenntnis haben und für sich allein auch empfinden kann, aber der Anschauung verhaftet bleibe. Ich habe Phantasie, ich kann sie nicht unterdrücken; alles was sie, die Anschauung mir zuführt, bewegt mich _vor_ allem andern, und das Ethische -- Vischer meinte es wohl auch, wenn er das >Moralische< sagte -- versteht sich von selbst.«

»Ja, Georg, dann sind wir ja einig«, bekräftigte Benno mit gerührt sich verbiegendem Körper, als wären sie nach langer Verfehdung wieder Freunde geworden.

»Ja, und Sie, kleine Esther,« sagte Georg, vor sie hintretend, »Sie haben überhaupt nichts gesagt.«

Ihre Augen glitzerten. »Oh ich,« lächelte sie errötend, »ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen.« Sie lächelte mehr bei jedem beziehungsvollen Wort:

»Ich folge gern, denn mir wird leicht zu folgen, Ich höre gern dem Streit der Klagen zu -- Wenn die feine Klugheit, Von einem klugen Manne zart entwickelt, Statt uns zu hintergehen, uns belehrt!«

Georg, die ganze Zeit, während sie sprach, stark und stärker versucht, ihr Gesicht in beide Hände zu nehmen und zu küssen, konnte es nun nicht lassen, wenigstens ihre Schultern leicht zu berühren, indem er lachend spottete:

»Aber das war ja auch nicht von Ihnen, Esther, das war ja von Goethe!«

»Wir müssen gehn«, sagte Sigurd. »Es ist höchste Zeit.«

Drei Gespräche: Das dritte

Renate schrieb: