Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 10
»Unbewußt in der ersten Umschlingung?« fragte der Maler, gutgelaunt, wie es schien. »Wie Sie das so wissen können! Ich will Ihnen aber etwas erzählen. Nämlich, als ich siebzehn Jahre alt war, also mitten in der schönsten Erstlingsglut, liebte ich ein Mädchen, etwas älter als ich, für mich wunderschön, klüger, tapferer und sanfter als ihre Schwestern.«
»Die Frauen,« sagte Georg, da der Maler innehielt, »die Frauen, das glaube ich nun, sind an und für sich nichts; aber es kann alles aus ihnen werden. Jeder, möchte ich sagen, jeder Mann findet zur Zeit diejenige, aus der er machen kann, was er im Augenblick braucht. Sehr gut sind sie. Und so unendlich geduldig!«
Georg, Magdas arme Gestalt mit wehmütigem Gedenken umfassend, hörte den Maler weitersprechen:
»Zur selben Zeit geriet ich an den Scheideweg. Dort mein Vater und sein, hier ich und mein Wille. Entschied ich gegen ihn, so wars auch gegen sie, denn dann ging ich fort, und sie mußte bleiben. Sie half mir beim Fortgehn, ja, das tat sie. Dafür bin ich ihr dann treu gewesen, so gut ich es konnte, und habe auch jedes spätere Mal für mich und gegen die Liebe entschieden, denn, sehen Sie, das wollte ich sagen: damals, ein für allemal, entschied sich für mich diese Angelegenheit.«
»Was ist aus ihr geworden?« fragte Georg.
»Danke. Sie hat es gut überstanden. Sie war, wie gesagt, tapfer. Sie ist mit einem Kaufmann verheiratet, hat vier Kinder, und alle sind gesund. Ich sehe sie zuweilen. Stattlich sieht sie aus, gewiß nicht, als ob sie jemals vor einem Menschen auf den Knien gelegen und gefleht hätte: Um Gottes willen, geh! geh, ehe ich dich halte! --«
»So sind Sie wohl Beide Ihrer Bestimmung treu geblieben«, mußte Georg, wie ihm schien nicht sehr tiefsinnig, bemerken, und der Maler erwiderte nur zerstreut, ja, ja, er habe ja auch gar nichts dagegen einzuwenden, und griff nach seiner Pfeife.
»Gehn wir schlafen«, sagte er, als er sie gestopft und angezündet hatte. So verließen sie die Kapelle, der Maler schloß sorglich zu, und sie gelangten durch den Garten, am dunklen, schlafenden Haus vorüber auf die Straße.
Viele und seltsame Pferde liefen durch Georgs Träume in dieser Nacht, gelenkt und vorgeführt von Bogner mit langem Pinsel wie von einem Zirkusdirektor, aber Renate erschien nicht darunter. Gesang schlug an, engelstimmig und süß, Georg erwachte, und es war Morgengrauen. In abgeklärten Pausen sang draußen die schwarze Amsel, laut und friedevoll in der Morgenstille.
Drei Gespräche: Das erste
Esther und Georg saßen am Wassergraben im Park auf der Bank, und sie hatte den ganzen Schoß voll großer Zentifolien in allen schönen Farben. Da kam Jason al Manach, setzte sich, ließ sich fragen, woher er komme, und erzählte:
»Gestern abend, als es schon dunkelte, trat ich irgendwo aus dem Walde. Wiesen und Äcker waren voll Nebel, darin stand ein einsames, schlechtes Haus mit einem Stockwerk, ich strich an einer fensterlosen Mauer hinunter, und wie ich in eins der Fenster nahe über dem Erdboden an der, auf die Felder hinaus gewandten Seite des Hauses hineinsehe, sitzt da Maler Bogner in einem Liegestuhl und raucht eine Pfeife in Hemdärmeln, denn der Abend war milde. Ich grüßte: Guten Abend! Ich störe gewiß. -- Ja, sagte er, wenn Sie stehen bleiben und mir die Aussicht zudecken. Kommen Sie herein.
Ich wandte mich wieder, und sieh, da wars eine jener Stunden, wo einem die Augen für das Wunderbare der Erde aufgehn. Als hätte der Maler gewinkt, so sah ich nun in eine Landschaft von seltsam wilder Feierlichkeit. Jenseits der braunen Äcker voll stehender weißer Nebel blinkte ein Stück des abendklaren Flusses aus der unteren Dämmerung, voll von gespiegeltem Licht und Baumsilhouetten; die wirklichen Wipfel darüber hoben eine mächtige schwarze, von einigen scharfen Fabrikessen überstiegene Mauer in das lohende Gelb und Rosa des Himmels. Darüber flossen zerblasene, graue, schwärzliche und violette Wolken in trübes Rot; zur Linken aber, hoch über dem graugrünen Dunkel der Wiesen jenseits des Stromes stand im blaßblauen, leeren Äther ein einzelner blitzender Stern; der war gleich einem silbergestählten Sankt Georg und die schweigsame, blutende Landschaft wie ein verendendes wildes Untier zu seinen Füßen.
O, aber als ich mich zur Rechten wandte, drohte da die Stadt, schwarz, eine ungefüge Masse von Dächern, Kuppeln, Türmen; ein stummes Meer, brandete hinter ihr der Himmel, überwölbte sie mit durchsichtiger Woge von offener Scharlachglut, in der sich ein Getümmel von zerrissenen Wolken umhertrieb und verzehrte, glorreich und ungestüm, in einem Wirbel triumphierender Farben, blutig, traurig, drohend und lechzend von Gelb und ungesättigtem Purpur. Von allen Richtungen liefen Schnüre und Reihen von Lichtern, opalenen, grünlichen und goldenen, in den schwarzen Berg der Stadt hinein.
Solche Dinge hatte dieser einfache Maler vor sich, wenn er abends in Hemdärmeln seine Pfeife rauchte. Es war so viel, daß er manche gar nicht beachten konnte, denn als ich nun um das Haus herumging, sah ich über ein verdunkeltes, undeutliches Gelände von Feldern und Lichtern hinweg den Mond, eine Scheibe von goldenem Kupfer, der sich mitten aus einer stumpfen bleifarbenen Wand heraushob.
Das Zimmer, in das mich der Maler führte, war folgendermaßen: Es hatte tapezierte, zerfetzte Wände, einen von herausquellendem Pferdehaar wie von Geschwüren strotzenden Diwan und zwei hölzerne Stühle, außerdem den Liegestuhl und am Boden eine trübe Pfütze von einem alten Gebetsteppich. In einer Ecke aber stand ein Bananenast, rundum mit gelben und schwärzlichen Früchten besetzt, einem Bienenkorb ähnlich. Ja, und in einer andern Ecke stand ein Spucknapf, der war mittendurch gesprungen. Eigentlich war es kein Zimmer, es war ein Durchgang von Abend zu Morgen, weil es nachts regnen könnte.
Als aber nun der Maler aus einem Nebenzimmer zwei in Porzellanfüßen stehende Paraffinkerzen holte, anzündete und auf den Gebetsteppich stellte, so offenbarten sie dessen ganzes Elend. Mich ergriff wohl Sympathie mit dem Spucknapf, denn in seine Nähe zog ich mir den Liegestuhl. Mich rühren so die zersprungenen Dinge, die sich gar nicht zu helfen wissen. Der Maler legte sich auf den Diwan und lag so still, als ob er schlafe. Die Kerzen zuckten zuweilen und störten mich in der Betrachtung meines Schattens ein wenig, der neben mir an der zerlöcherten Mauer saß. Drüben, vom fast unsichtbaren Maler her, glimmte zuweilen ein Manschettenknopf rot und golden.«
Jason schwieg so lange, daß Esther fragte: »Nun, sprachet ihr gar nichts miteinander?«
»Doch,« erwiderte Jason, »aber wir schwiegen viel länger, als ich eben geschwiegen habe. Dann fragte ich den Maler, ob wir uns nicht unterhalten wollten, und er fragte wieder: Ja, wovon? -- Ich schlug vor, wir wollten Aphorismen sagen, -- aber nun, er redete sich aus, er könnte das nicht.«
»Ja,« sagte Esther erstaunt, »kann man denn das so?«
»Oh, gewiß. Falls du mich nicht mißverstanden und gemeint hast, ich hätte gesagt, Aphorismen machen statt Aphorismen sagen. Ich bin angefüllt mit Aphorismen.«
»Zum Beispiel?« fragte Georg.
»Dies«, erwiderte Jason, »ist eigentlich mehr ein Kalenderspruch: Nichts ist so imaginär wie der beständig geküßte Hund einer jungen Dame.«
Esther dachte angestrengt nach und brachte schließlich heraus, sie verstünde das nicht.
»Oh kleine Esther,« erklärte ihr Georg, »es befinden sich doch lauter imaginäre Liebhaber in dem Hund.«
»Nun ein andres«, sagte Esther.
Jason, der schon längere Zeit mit einem von Esthers dänischen Handschuhn spielte, die neben ihr auf der Bank lagen, hob ihn jetzt ans Gesicht, roch daran und sagte, es wären gleich zwei auf einmal in dem Handschuh. »Wißt ihr,« fragte er, »was die traurigste Freude ist? Das ist der Parfümduft aus Frauenbriefen, die man spät in einer Schieblade findet. -- Und nun, Esther, wenn ich dich liebte, würde ich zu dir sprechen: Deine Hand im Handschuh ist nur ein Körper, aber der Duft aus dem leeren ist Wesen.«
»Ach,« sagte Georg, während Esther rot wurde und lachte, »Sie können mir gewiß einen Unterschied formulieren, über den ich neulich nachdenken mußte, nämlich den eigentlichen zwischen einem Dichter und einem Schriftsteller.«
Nein, Jason bedauerte. »Das würde auf etwas Moralisches hinauslaufen, und moralisch kann ich nun einmal nicht sein.«
»Ja,« sagte Esther, »das ist auch langweilig, erzähle mir lieber, worüber du dich mit dem Maler unterhalten hast.«
»Richtig,« sagte Jason, »du erinnerst mich an einige sehr gute Dinge, über die der Maler mich belehrt hat. Ich sagte ihm nämlich, ich hätte verschiedentlich von Menschen sagen hören, daß der Künstler oder Dichter, um einer von Bedeutung zu werden, ganz außerordentlich viel leiden müßte. Andre dagegen hätte ich wiederum sagen hören, daß es auf der ganzen Welt nichts Grausameres gäbe als Künstler, und dies beides schiene mir doch zu widersprechen. Da sagte der Maler, was die Menschen anginge, so würden sie sich über derlei Dinge kaum aufklären lassen, weil, so sagte er, sie diese Dinge nicht aus der richtigen Sehrichtung betrachten könnten, nämlich aus der des Genius. Und das ist richtig, denn mit dem Genius verhält es sich so wie mit dem, was der reiche Mann zum armen Lazarus sagte, als der in Abrahams Schoße saß. Wenn Moses oder einer der Propheten zu ihnen käme, so würden sie nicht hören, aber wenn Lazarus von den Toten auferstünde, so würden sie. Denn immer unsichtbar bleibt den Menschen der Genius, wahrnehmen können sie nur seine Kraft, nämlich im Werk, -- und nun sagte der Maler, grausam sei allerdings der Genius, mitleidlos, weil er vollkommen sachlich sei und alles Menschliche und Natürliche einfach als Stoff ansehe. Hier mußte ich auch wieder eine Wahrheit finden,« sagte Jason, »nämlich die, daß die Menschen wohl imstande sind, einen Dichter grausam zu finden, der sich einen Menschen mit all dessen Eigentum an Leiden und Lüsten zur Darstellung nimmt, nicht aber, wenn er so mit einer Landschaft verfährt oder einem Baum oder sonst einem Gegenstand, und dies bedenken sie nicht, nur weil sie von solchen Dingen weniger wissen oder gar nichts, wovon der Dichter vielleicht sehr viel weiß. -- Wenn der Genius nun«, sagte der Maler weiter, »sich vollkommen sachlich verhält, so tut er das doch auch gegen das Leiden des Menschen, in dem er wohnt, das heißt also, daß ihn des Menschen Gefühl und Meinung von diesem Leiden gar nichts angeht, sondern er würde lachen, wenn der Mensch sie ihm vorhielte, und sagen: Da sorge du! Mach das mit dir allein ab! -- Gefällt es ihm aber wiederum, so sagt er vielleicht: Zeig her! das da scheint mir brauchbar, ein Funken, nicht viel wert, aber ich wills versuchen und ihn anblasen. -- Ja, da bläst nun dieser Gott,« sagte Jason, auf seine Knie herunterblickend, »und was ist nun wohl der Mensch, dieser Wurm, in einer solchen Lohe, die ihm Knochen und Mark verzehrt, freilich, Lohe einfach, schmerzlos wie lustlos, nur bloß verzehrend, was dann andern Augen gemeinhin erst an der Asche sichtbar wird, und dann staunen sie nun über Beethovens Totenmaske. Er aber, am ganzen Leibe brennend, schaffte in der Himmelsglut das Werk, blinden Auges, tauben Ohrs, denn der Genius sieht, der Genius hört; mit flatternden Händen, denn der Genius lenkt, und dieses, dies ist das Leiden und dies die Grausamkeit, dies darf Leiden und Grausamkeit genannt werden, weil aus ihnen Leben entsteht, ewiges, so Gott will, dieweil das andre nur zum Sterben gut ist; doch reinigt der Tod.«
»Hat das der Maler gesagt?« fragte Esther nach einem Schweigen leichthin.
Georg sah, daß Jason, wenn das bei ihm möglich war, verlegen schien.
»Es kommt ja nicht darauf an,« sagte er, »die Menschen sagen so vieles nicht, das meiste sagen sie nicht, und du kennst ja mein Gedächtnis, es muß sich an so vieles erinnern, und gedacht hat er es jedenfalls, davon seid ihr doch wohl überzeugt. Übrigens«, fuhr er fort, »sind wir bald auf das Meer und die Berge zu sprechen gekommen, und nachdem wir uns darüber geeinigt hatten, daß das Meer groß sei, groß, sonst nichts, indem nichts von seiner Größe sei, so fragte ich ihn, wie das wohl zugehe, daß manche Menschen sagten, das Meer drücke sie nieder; es mache sie melancholisch, sagen sie. Er vermutete, eben deshalb, weil es ihnen zu groß erscheine, sie selber daher zu klein. Berge dagegen, ich erinnere mich genau, daß er dieses sagte, weil darauf ich an zu sprechen fing, Berge verhielten sich menschlich, und gewiß ist das so, was ihr beurteilen könnt, wenn ihr euch solch ein einzelnes, weißes Schneehaupt vorstellt. Denkt ihr euch nun daneben die Erhabenheit eines wunderbaren Menschen, Dantes oder Bachs, Rembrandts oder Michelangelos oder Homers, so habt ihr gleich eine Kette einsamer, strahlender Bergeshäupter. Halbgötter sind die Berge, dem Himmel nah und doch furchtbar irdisch verankert, und sie stimmen den Beschauer zur Andacht, unvermindert seine eigene Person, eben wegen des göttlichen Eindrucks, der aus Kleinheit hinaufziehend, nicht aber niederdrückend ist: Gott läßt immer viele Möglichkeiten offen, um so strahlender, wenn er sich menschenhaft offenbart. Blickt ihr aber von der Höhe über ganze Ketten und Felder andrer Gipfel und Gebirgszüge hin, so habt ihr auch hier ein Meer von Wellen, von erstarrten jedoch, von gebändigten, innerlich unfreien, ihre Verdammung zur Schweigsamkeit mit Größe und Heldensinn ertragenden, gleich einem Volk gefesselter Könige; ihr aber, ihnen gegenüber, von Beweglichkeit, von eurer ganzen rühmlichen Freiheit ringsum strotzend, ihr fühlt die Majestät solcher Versammlung mit Andacht und angenehmer Demut. Dies alles«, sagte Jason lächelnd, »erklärte der Maler nicht wie ich, sondern mit einem einzigen Worte, und danach fingen wir an, von den Wolken zu reden. Von ihnen sagte Bogner gleich, daß er sie liebe, nämlich die vereinzelten, geballten, weißen, mittäglichen, und er sagte, daß sie wie Götter seien, schweigend und leuchtend, nur ihr Wesen ausstrahlend unbeeinflußbar, -- und ich dachte wieder, wie richtig das sei, da eben solche Wolken diejenigen Eigenschaften haben, die wir uns wünschen, die uns fehlen: die Ruhe, die Unberührbarkeit, dies leuchtende Dulden der Vereinsamung, das Schweigen, und so sind sie, wie alle Gottheiten, vergottete Menschen, uns ähnlich, daher noch zu erfassen, noch in uns, wie die übrige Natur, und indem ich dies bedachte, fiel mir ein, ob der immer sonderbare und rätselhafte Eindruck des Ozeans wohl darauf beruhe, daß er nicht in uns sei wie die übrige Natur, und dies sagte ich dem Maler. Da erzählte er mir ein Erlebnis aus seiner Kindheit.
Er beschrieb mir, wie er an einem Sommerabend als Knabe in einem Kahn gelegen habe. Wie er da mit sich allein war in der unsichtbaren Dämmerung und eine Hand ins Wasser hängen ließ, da sei nun aus dem Abgrund des Meeres der Mond heraufgestiegen, ganz wie ein schweigender Gott. Das Herz habe ihm da zum Zerspringen geklopft; er habe gemeint, der Mond komme aus seiner Brust. --
Dies ist nun freilich ein schöner Irrtum gewesen, denn das Unsichtbare war es, das seine Brust so weit zu machen wußte, daß sie auch die Nacht, das Dunkel, alles in sich aufnahm, das Meer spielte eigentlich keine Rolle in seinem Erlebnis, und ich sagte ihm dies, indem ich ihm nachwies, daß damals, als das einfachste Tier, unser Vorfahr, die Noctiluca, aus dem Meere das Land erstieg, das Meer von uns abzufallen begann, durch die Jahrmillionen, durch unzählbare Geschlechter von Verwandlungen, und das Leben auf dem Trocknen ward anders als im Gewässer, fremd ward uns das Meer, aber es war unsre älteste Heimat, und darum, wenn wir darüber hinsehn, so meinen wir, daß dort drüben, an einem andern Ufer, unsere Heimat liegen müsse; wie Odysseus sich vorstellte, daß gleich drüben der Rauch aus seinem Dache steigen müßte; aber die Heimat eigentlich ist in dem Meer, ist es selbst, und deshalb macht es uns wehmütig, heimschmerzlich, und das drückt uns wohl nieder, um so geringer unser Glaube, um so tiefer unser Verlangen nach Heimat ist. Da kamen wir nun auf die Sterne zu reden, und ich glaubte schon, davon würden wir die ganze Nacht nicht wegkommen. Aber die größten Dinge sind auch wieder die einfachsten, und so verhält es sich auch mit den Sternen, daß von ihnen schon alles gesagt ist, wenn man nur an sie denkt. Dann genügt ein zufälliges Wort, und so fiel es dem Maler ein, zu sagen, daß die Sterne jenseits wären. Wie wahr ist das, denn sind sie nicht außerhalb unsrer Erde? Was aber reicht über unsre Erde hinaus? Wir? Unser Gefühl? Gegen das unzerreißliche, metallene Gewebe des Firmaments prallt unsre Seele an wie ein Federball; nichts dringt dort ein, es sei denn -- das Gefühl, nicht eindringen zu können, das uns so wunderbar anmutet. -- Übermenschlich, seht ihr, das sind Wolken und Berge; überirdisch, das sind die Sterne. Mit ihnen ist uns nichts gemeinsam, nicht einmal das Gefühl der Fremde. Das Meer jedoch, es ist unmenschlich, eine Natur außer uns, eine Leidenschaft außer uns, eine donnernde Unbegreiflichkeit.
Ja, so sprachen wir miteinander,« sagte Jason nachdenklich, »und inzwischen hatte der Maler seinen Bananenast aus der Ecke geholt, stellte ihn auf den Teppich, setzte sich auf die Erde davor mit dem Rücken gegen die Fenster und ermunterte mich zu essen, indem er eine Frucht abriß, hurtig schälte und die Schale über seine rechte Achsel zum Fenster hinauswarf. Wie das aber so geht mit mir, -- ich stand auf einmal in der Tür, und da sehe ich ihn noch so sitzen in dem leeren Raum bei seinen rötlichen Kerzen und seinem schattenwerfenden Bananenast, und die Schalen zum Fenster hinauswerfen. Auf einmal stand ich dann und blickte gegen den wunderbarsten Nachthimmel, und es war kühl und vieler Atem im Finstern um mich her. Der Himmel aber, der vor mir niederhing, war ein wundersamer Gobelin mit einem silbernen Wolkenmeer, in dem, dicht aneinandergedrängt, andre, schwärzliche Wolken gleich riesenhaften Delfinen und Seeungetümen sich bewegten, und dies alles durchglitt der Mond, klar und sanft und sich schaukelnd, eine silberne Schale von einem Götterboot.«
Jason schwieg, rückte ein wenig und schien ans Fortgehn zu denken.
»Sage, Jason,« fragte Esther, »hast du nun wirklich gar nicht daran gedacht, dir von dem Maler Bilder zeigen zu lassen, da du einmal dawarst und doch kein Mensch herausbekommt, wo er wohnt?«
Nein, Jason hatte nicht daran gedacht. Er schien geistesabwesend.
»Es waren so viele Bilder da,« sagte er, »ringsherum, der ganze Himmel voll. Vielleicht«, sagte er aufstehend, »habe ich mir eingebildet, er hätte sie alle selber gemalt.«
Sprachs, nickte ihnen leutselig zu und ging davon. Sie mußten ihm nachsehn, wie er an den Gebüschen hinstreifte, ein wenig geduckt, die Knie leicht eingedrückt, den Strohhut im Nacken, die Hände auf dem Rücken, schmal in seinem feinen Rock von schwarzem Tuch, und so schwand er den Weg hinunter um die Ecke, und es war nicht ersichtlich, ob er nicht nur das äußere Verschwinden abgewartet hatte, um gänzlich fort zu sein, weg, nicht mehr vorhanden oder vielleicht schon in Südamerika. Esther und Georg aber taten ihre Augen zusammen, nickten sich zu und sagten, daß es ab und an gut sei, Jason zu hören.
Drei Gespräche: Das zweite
Georg, Sigurd und Benno saßen spät abends beisammen; Georg, wie er es gern tat, in seinem Armstuhl, den er mit der Rücklehne gegen den Schreibtisch gedreht hatte, so daß er zur Kaminecke hinüber sah gegen den grünen Lampenumhang, -- und rechts dort saß Benno, in seinem Sessel so tief, daß er Georg unsichtbar war hinter den dunklen Figuren und dem breiten Dach des Treppengeländers: nur sein obenliegendes Knie war zu sehn, hell glänzend dicht unter der grünen Tischdecke im nach unten fallenden Licht. An der anderen Seite hatte Sigurd sich in den breiten Ledersessel zurückgelegt, das Gesicht nach oben gewandt, das linke Knie so hoch gegen die Schulter gezogen, daß er die Hände dicht überm Fußgelenk falten konnte, das auf dem rechten Knie lag. Georg hatte, da sie eben damit beschäftigt waren, sich nach Kräften an- und auszuschweigen, Muße genug, ihn zu betrachten, diesen erstaunlich Schönen; sein dunkelhäutiges langes Gesicht glänzte leise aus der Dämmerung wie etwas Gegossenes; ein Lichtfunke, in jedem Auge hängend, machte sie starr in aller düstern Lebendigkeit. Schön im Schweigen formte sich der volle Mund.
Georg dachte in behaglicher Zufriedenheit über ihn nach. Sich erinnernd, wie er in dem dunkelroten Mantel hohepriesterlich bei so viel Jugendlichkeit erschienen war, dachte er, daß noch kaum ein Mensch -- und am seltensten eine Frau -- so das Empfinden ihm bekräftigt habe, es müsse im schönen Leibe auch eine schöne Seele wohnen. Renate -- ja -- eigentümlich: ihr Glanz war so außerordentlich, so vollkommen, so nichts mehr zu wünschen lassend, daß man nichts begehrte außer eben ihn, -- und doch nein; war es nicht seelisches Feuer allein, das, ihre Züge und Farben durchglühend, sie in solche Harmonie und solches Leuchten versammelte? Also war vielmehr dies das Absonderliche, daß aus Renate Einheit strahlte; hier, aus dem Manne dagegen nur Eines, das ein Zweites ahnen und wünschen ließ, -- und so sehr, dachte er, ist also Schönheit etwas Nebensächliches, etwas Störendes fast beim Manne, dessen Geist und Seele allein es sein sollten, die Licht verbreiten. Ja, und Esther, wie war es mit der? Hatte sie wohl eine Seele überhaupt, oder war da alles -- nur süß; bis hinab in das Innerste? Ach, kleine Esther, kleine Chinesin, bin ich nun eigentlich verliebt in dich? und wenn wirklich, wie wäre das möglich in Anbetracht Renates? -- --
»Wie doch das Schweigen tönt!« hörte er da Benno träumerisch sagen. »Wir sind ja ein Dreiklang.«
»Dur oder Moll, Benno?«
»Ich weiß nicht, Georg. Musik der Seelen -- und die ist es doch, die ich höre -- weiß wohl von irdischen Tonarten nichts, und dort ist das innerlich Selige von Dur und Moll ein unirdisches Gemisch.«
»Ja -- dort, Benno, nicht wahr? Aber wir sind hier und müssen immer heiter oder traurig sein. Es ist aber schön zu denken, was du sagst.« Georg schwieg.
Nach einer Weile zogen ihm sanfte Verszeilen durch die Erinnerung, und er sagte langsam auf:
»Die Linien des Lebens sind verschieden Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen. Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.«
Sie schwiegen lange.
Benno sagte: »Ergänzen, ja. Zu Moll das Dur und zu Dur das Moll; und doch wird es Ergänzung nicht allein sein, sondern das -- andre, das -- von hier, wird mit darin sausen, und das wird die Vollkommenheit sein, die weder Dur ist und weder Moll. Und das hat Bach gewußt.«
Es war wieder still. Georg versank in ihm selber Unbewußtes.
Plötzlich -- als sei es genug -- sah er undeutlich Sigurds Haltung sich lösen; er setzte den Fuß an die Erde neben den andern, beugte sich vor, legte die Hände um eines der Bücher auf dem Tisch und sagte in seiner kurzen Weise:
»Wissen Sie, Georg, -- ich wollte Ihnen immer schon etwas sagen. Wegen Esther. Sie wissen ja: meine Schwester gehört mir, mir ganz allein. Ich habe sie erzogen von Kind auf; sie ist -- mein Werk. Es gab eine Zeit, wo sie den Leuten langweilig war, so sehr war sie ein Abguß von mir und sprach mit meinen Worten. Und was wissen wir schließlich von solch einem Wesen?«