Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 1
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HELIANTH
Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene in neun Büchern dargestellt
von Albrecht Schaeffer
Der drei Bände zweiter
Im Insel-Verlag zu Leipzig 1920
Viertes Buch. Fragmente aus den halkyonischen Jahren I oder Die Friedliebende Gesellschaft
Erstes Kapitel: Mai
Heimweh
Georg ging eine schräge, braungoldene Fläche hinunter. In der Tiefe war ein lichter, weißer Wald; die Bäume standen weit voneinander und sahen wie große, schneeweiße Tüten aus, die auf der Spitze standen. Im Näherkommen gewahrte er, daß es riesige, schön gewundene Muschelschnecken waren; ihre Windungen glühten rosig, und in ihnen rieselte es goldig. Vor der nächststehenden waren zwei Pfähle aus Ebenholz, einer immer etwas höher als der andere, so daß sie eine Treppe bildeten, und indem er noch dachte, es müßten, da sie sich gegenseitig stets überhöhten, doch wohl mehr als nur zwei Pfähle sein, war er schon hinaufgestiegen, beugte sich über den rundwulstig nach innen gebogenen Rand der Muschel und sah, daß eine Wendeltreppe hinunterführte. Er stieg sie hinab, sie wand sich ins Bodenlose unter seinen Füßen fort, es ward Abend und Finsternis, dieweil er stieg, aber dann wußte er, daß er wieder die verbotene Treppe im Trassenberger Pallas beging. Diesmal aber war die Tür doch offen, es wehte eisigkalt aus dem Gang, Georg wußte, daß ein solcher da war, ohne ihn sehen zu können, und tastete sich furchtsam, mit beiden Händen die ganz nahen Wände streifend, vorwärts. Bald kam er an eine Biegung, an eine andere, es ging rechts, ging links, Georg dachte: gleich muß die Falltür kommen, er schritt immer langsamer, in großer Angst, auf einmal war eine schwarze Türöffnung da und hinter ihr das Bodenlose. Die Angst verschlug ihm den Atem, er wußte, daß er sterben, daß er hinunterstürzen und zerschellen sollte, nein, er wußte, schon wenn er fiele, würde alles aus sein, und schon wich der Boden, er fiel, er löste sich, rücklings sinkend, auf in den Tod, noch denkend, es ist ja gar nicht so schlimm, das Sterben -- --
Da schlug er die Augen auf.
Eine Weile unbegreifend, wo er sich befand, erkannte er langsam die braune Tür gegenüber mit dem hellen Lichtspalt von nebenan, dann in der Ecke rechts davon den kleinen Kamin mit dem Schattenriß des hängenden Teekessels über der roten Glut -- langsam das ganze, kleine Zimmer, gefüllt mit Schatten, den Schattenriß des Tisches zwischen Kamin und dem Sofa, auf dem er saß, und er hörte die englischen, losen Schiebefenster knacken und leise prasseln unter gelinden Stößen des Nachtwinds. Im Nebenzimmer räusperte sich jemand, Benno ... Da saß er unsichtbar und komponierte bei seiner Lampe ...
Im selben Maß wie die Schlafbenommenheit entwich auch die Erscheinung des Traumes, nur die Erinnerung an den finstern Gang blieb noch; ihn schauderte leise im Gedanken des Sterbens, wie er sich auflöste, angstvoll und doch schon beruhigt ...
Da aber sah er wieder, wie immer, Renate, abgewandt von ihm, durch ein Zimmer gehn, undeutlich, nur ihre Erscheinung, fast nur ihre Haltung, als komme sie aus der Tür und ginge zu -- zu einem Tisch -- Georg sah ihn nicht -- und legte etwas darauf, ein Buch, ein Schlüsselbund, worauf sie sich auflöste ... Immer dieselbe Erscheinung ...
Georg stand, trunken von Schlaf und Gefühl, vom Sofa auf, legte ein paar Stücke Holz in die Glut, setzte sich daneben auf den Stuhl am Tisch, klappte den daliegenden Briefblock auf, ergriff die Feder und stürzte sich ins Schreiben.
Serk, schrieb er, im Mai.
Galatea, o Galatea! Ich sterbe, ich sterbe ja vor Heimweh nach Dir! Im Traum eben litt ich einen leichten Tod, Du warst nicht in dem Traum, ich verstehe es nicht, wie konnte der Tod leicht sein ohne Dich! An meinem Leibe sind alle Adern geöffnet, das Blut strömt, auf jeder Welle entschwimmt mir Dein Lächeln mit dem fortfließenden Leben ...
Soll ich Dir Träume erzählen, süße Seele? Komm, höre einen Traum!
Es war ein Garten und ein Gebüsch. Eine Stimme war im Gebüsch, sie rauschte nur. Da kam ein Arm hervor, der die Zweige nach oben hob, ein weißer Arm, dann stand eine Frau in der Aprilnacht, holte zwei Schwerter hinter dem Rücken hervor, in jeder Hand eines, und stieß sie mir durch Rücken und Brust ...
In einer Nacht aber hatte ich diesen Traum:
Ich ging am Strande des Ozeans, da sah ich das Meerweib von fern. Sie stand, nahe von ihr war ein Felsenbogen, ein gewaltiger Grotteneingang, und sie stand, als habe sie beim Auftauchen aus der dunklen See eine Glocke von Gewässer mit hochgenommen, die wölbte sich nun als schwarzes Kleid um ihre untere Hälfte, um die obre hing Wellenschaum als weißes, dreieckiges Tuch mit langen, fließenden Fransen. So stand sie, die Hand am Kinn, in der anderen den Ellenbogen, sinnend, aber sie sang, ich hörte ihre Stimme:
Einsamkeit -- --
Einsamkeit, du schöner Born Stillgewordner Seelenklagen! Rausche durch das Muschelhorn Tönend in den langen Tagen.
Wenn der Gott das Horn ergriff, Rollt der Donner an den Küsten, Und es dröhnt des Gottes Schiff, Und es tönt -- --
Einsamkeit -- -- schrieb Georg noch, dann riß es ab, denn er hatte: >und es tönt in meinen Brüsten< schreiben wollen, verdrängte es aber, da es ihm frivol und unpassend vorkam, insgeheim derartig von ihr zu sprechen, als ob er sie entkleidete, ohne daß sie's wußte; dann kam ihm auch der Reim zu alltäglich und gemein -- heutzutage -- vor, er ergänzte noch teilnahmslos die Lücke mit: >in Felsgerüsten<, hörte nervös das störende Geklapper des Deckels auf dem Teekessel und hockte sinnlos. Vor seinen Augen verging der rötlich durchschienene Dampfstrahl aus der Tülle, nebenan wurde ein Stuhl gerückt, Benno ging behutsam durch das Zimmer, dann klangen ein paar Griffe auf dem Klavier und plötzlich ein leiser Akkord von solcher Süßigkeit, daß Georgs Herz sich zusammenzog. Angst, Sehnsucht, Schwermut sogen gewaltsam an seiner Brust; warum sitze ich hier? dachte er schwer.
Gedankenlos, nur um etwas zu tun, zog er die Schieblade gegen seinen Leib auf, holte eine Wachstuchkladde heraus und schlug sie auf. _La vita nuova_ stand groß und einsam auf der ersten Seite. Georg machte kritische Augen. Auf der nächsten stand ebenso vereinsamt: Galatea ...
Georg schlug willkürlich einige Blätter um und las:
»Die See war schwarz und eigentlich unsichtbar, aber über ihren Rand aus dem Nichts stieg eine rote Scheibe, glühte und war ein großer, runder Fisch, der über das schweigsame Meer herschwebte. Auf seinem Rücken stand ein schwarzer Mann wie ausgeschnitten, mit einem abstehenden Kranz von wildem Haar, hielt ein Muschelhorn an den Mund und blies unhörbar. Da sagtest du: man muß die Einsamkeit in das Herz schießen. Ich hatte aber nur eine kleine Gummizwille in der Hand, wie wir sie als Jungens machten. Da zielte ich auf den Fisch, und wie ich ihn traf, blieb er langsam stehn, wurde wieder ganz rund und wedelte einmal mit dem Schwanz. Dann zauberte er ein glotzendes, grünes Auge in sich hinein, sah mich boshaft damit an und versank in die Flut, wo er sichtbar blieb im Tiefersinken, dieweil das Wasser in schwarzen Falten über ihn hinging. Der Mann, sein Horn noch immer am Munde, sank mit, und da wußte ich, daß das Ganze aus Pappe geschnitten und ein kleines Theater war ...«
Georg hob die Augen vom Ende der Seite, griff eine Zigarette aus dem Kasten, tastete, völlig aufgelöst in Bewußtlosigkeit, nach den Streichhölzern und blieb hocken, die Zigarette im Munde, minutenlang.
Der Teekannendeckel klapperte irrsinnig. Georg fuhr mit einem Ruck aus sich auf, hob den Kessel aus den Haspen und setzte ihn auf die Erde, wo er noch eine Weile ingrimmig vor sich hin kollerte und prustete, bis ihm der Atem ausging und er verstummte. Die Blätter des Hefts hatten sich in die Höhe gesträubt, Georg las irgendwo die Worte:
»Es giebt nichts, wozu man die Natur nicht gebrauchen könnte; ich will sie als Medikament gebrauchen. Es muß mir gelingen, einige Zeit ohne Gedächtnis zu leben. Wenn es nicht geht, werde ich es Benno übergeben. Es giebt nichts, was man ihm nicht anvertrauen könnte.«
Ja, ja ...
Die Nacht war totenstill, nichts zu hören vom Meer. Da saß man nun mitten im riesigen Kanal, die ungeheure Brust des Atlantischen Ozeans drängte gegen ihn heran, fern überall in ihrer Einsamkeit wanderten die Schiffe ...
Angst lag auf Georgs Brust. Hatte sich irgend etwas geändert? War irgend etwas klarer geworden? Ach, wenn doch Benno Klavier spielen wollte, daß er sich ins Dunkel daneben setzen könnte und wie als Knabe, wenn Onkel Salomon einmal spielte, das Ohr gegen die tönende Wand legen und sich vergessen im Staunen über das drinnen tosende musikalische Rumoren. Ach nein, er hatte Benno sein Gedächtnis nicht anvertraut, immer standen Dinge bevor, die er nicht begriff, als sollte er sich am nächsten Tag zur Bedienung einer Maschine stellen, von deren Bau und Wirkung er keine Ahnung hatte ...
Georg blätterte weiter in seinem Heft, über Seiten voller Verse hin, Sonette, Sonette, Sonette, und: welche Kunst, dachte er, seine Stimmung vermittels plausibler Vergleichungen zum Ausdruck zu bringen! -- Dann kamen wieder Briefe an sie, die er Galatea nannte -- indem es ja sein höchster und heimlichster Traum war, daß sie, dieser wunderbarlichste Marmor in Frauengestalt, durch ihn zum warmen Leben sich einführen lasse, -- Ergüsse, Lobgesänge, Gebete, Beichten in blumenreicher Prosa ...
Und wiederum sah er ihre ungewisse Gestalt, abgewandt von ihm, hingehn und -- -- entschwinden in die Luft.
Da stand geschrieben:
»Ich reinige meinen inneren Menschen. Ich werde ein Stück Natur, Erdboden, wenn mich der Sonnenschein, Baum, wenn mich der Wind, hohle Muschel, wenn der unablässige Donner der See mich mit lärmendem Geläute erfüllt. Luftiger, offener, ausgebreiteter wird mein Wesen, ich fühls, ich leere, ich reinige mich. --«
Haben wir uns gereinigt, Benno? Gute Seele, was stauntest du doch über dies ossianische Eiland von grauem und rötlichem Fels, dies titanische Gefüge, Grotten, Felsenbögen und Höhlen wie auf Odysseebildern von Preller. Und ringsum der gewaltige Kanal. Da ließen wirs uns wohl sein, rollten im Ufersand gegen die Brandung, stürmten über den Felsendamm zwischen den beiden Inselhälften, hundert Meter über der Meeresfläche, mit flatternden Hemdkragen gegen den offenen Himmel, gegen den wild anrennenden Wind, schrien den englischen Möwen auf Deutsch unverständliche Beschimpfungen zu -- dann --, dann schoß ich Kaninchen auf dem Eilande Brechou, und du bewundertest mich dabei. Ach, immer hast du mich bewundert! Als ichs allein nicht mehr ertragen konnte, als mir eines Tages das Gedächtnis alles Gewesenen wie ein Baum aus dem Haupt wuchs und riesige Früchte, die herunterstürzten, mich zu erschlagen drohten, da -- ja, da vergingst du in Schaudern über das unerhörte Begebnis und in Bewunderung meiner, der sicherlich das Richtige treffen würde ...
Und Georg erinnerte sich, wie sie nächtelang miteinander sich besprochen, den Zweikampf wie mit beweglichen Puppen gefochten hatten, des Ideales hier, ein Fürst zu werden, wie die Welt einen verlangte, der Wahrheit dort, die Selbsterniedrigung von ihm forderte. Aber die Fehde blieb immer unentschieden, sie verstummten, schlichen trübe umher -- nun, Benno freilich tat das nicht lange, er hatte ja unendlichen Mut geschöpft, und nachdem er früher kaum gewagt hatte, eine Zeile zu schreiben, aus Furcht, Beethoven könnte es ihm verargen, so getraute er sichs nun, es mit allen Stimmen des Ozeans und der Winde aufzunehmen ...
Und dann lagen wir auf einer der grünen, windüberstrichenen Inseln im Innern, gaben uns kummerlos der Sonne preis, träumten Buntes und Phantastisches, für Benno Unerhörtes, Gloria und Kränze, Frauen und Wettrennen, Yachten unter Riesensegeln und weiße, nackte Frauenleiber in einer azurenen See und in paradiesischem Durcheinander mit gestreiften, gelben Tigern und schwarzen Leoparden.
Bennos Schritte näherten sich der Tür, Georg hörte ihn fragen hinter seinem Rücken: »Schreibst du?«
»Nein, ich lese bloß! Du willst wohl schlafen gehn?«
Sich wendend sah er Benno, so lang er war, noch dünn- und langhalsiger in dem aufgeschlagenen Hemdkragen, Gesicht und Augen durchglüht und beschämt von Visionen, durchs Zimmer gehn und sich aufs Sofa setzen, gleich die Beine übereinanderlegend und sich schmal machend vor angeborener Demut. Der rötliche Schnurrbart hing zerzaust und wie bestraft, die Augen gingen -- wie immer -- nach oben.
»Sieh mal, was ich da geschrieben habe«, sagte Georg, nachdem Benno etwas wie »gar nicht müde« gemurmelt hatte, und las:
»Widersetze dich niemals einer Erkenntnis. Jede seelische Geste, festgehalten in der Anmut gereimter Zeilen, strömt eine bestrickende Glaubwürdigkeit aus. Je leichter dir das Versemachen fällt, um so schöner werden deine Empfindungen. Es ist doch nur ein papierener Frühling. Wind und Sterne, Mond und Sonne, Wogen und Möwen, das alles treibt dich rundum, und am Ende liegst du da. Du bist nur ein Naturkreisel. -- Horch, Benno, es giebt noch einen Zusatz. Zusatz: Wirbelt die Oberfläche eines buntbemalten Kreisels herum, so schwinden die Farben in belangloses Grau. So ist es auch mit der Seele. Wenn sie aber daliegt und stille wird, zeigt sie lieblich ihre reinen, farbigen Kreise ...«
Benno saß und lächelte freundlich.
»Benno, was denkst du?«
»Ich? Ach! Ich dachte«, sagte er schamvoll mit seiner gebrochenen Stimme, »an den Kiwi in Unterprima und --«
»Ach, weil ich von physikalischen Dingen rede, denkst du an Physikprofessoren! Ach du mein Gott, diese Physikstunden waren das Gräßlichste auf der Welt! Und wenn er mal ein Experiment machte, ging alles kaputt. Ja, da sitzen wir nun im Kanal ...«
Benno erhob sich mit einem Ruck zu seiner Länge und trat an das Fenster, stützte die Hände auf und sah in die Nacht. -- Ich glaube, dachte Georg, er hat Heimweh.
Nach einer Weile, da weiter nichts geschah, sagte er:
»Ja, wie ist es, Benno, wenn du nicht zu müde bist, könnten wir ja noch einen Schritt vor die Tür und das Meer besehn ...«
Benno drehte sich still um; sie gingen hinaus und durch den engen, warmen Flur voller Schränke ins Freie. Die Nacht war dunkel, von den erloschenen Häusern kaum hier und da eine weiße Wand im Finstern zu erkennen; oben segelte der kleine Mond hastig durch silbergraues, bewegtes Gewölk. Da! -- sagte die Kälte, indem sie auf die Stelle mitten auf Georgs Kopf, wo die Kompresse endlich entfernt war, aber noch das Haar fehlte, ihren kalten Finger setzte. -- Als sie um die Hausecke bogen, warf sich der Seewind ihnen straff entgegen; Georg wars, als legte er ihm miteins ein glattes Kleid von Kühle um den ganzen Leib. Vor ihnen lag die schwarze Fläche von Haidekraut, die sich ins Nichts verlor; da und dort, über der unsichtbaren See in der Tiefe, war ein vereinsamtes Sternlicht. Langsam, während sie auf dem schmalen Pfad von Klinkern dahingingen, wurde die Brandung hörbar und lauter.
Eine leise Melodie, von Benno gepfiffen, ein kleines, getragenes Stück in Moll, zärtlich, feierlich, plötzlich abbrechend, wehte an Georgs Ohr, einmal und noch einmal. Er fragte: »Was ist das, Benno?«
Ja ... es sei das Thema des ersten Satzes: Sehnsucht nach der Ebene. Und übrigens hätten sich ihm, als er es fand, von selber die Worte unterlegt: Denk ich an Deutschland in der Nacht ...
»Ach, denkst du an Deutschland in der Nacht, Benno?«
Benno schwang einen Arm, warf den Kopf zurück -- Georg konnte die Haare im Dunkel flattern sehn -- und war ein wenig entrüstet. Ob es nun vielleicht eine Schande sei, Heimweh zu haben!
»Ach,« sagte er, »ihr seid ja nun Alle Europäer! Aber wenn du dichtest, Georg, dichtest du dann vielleicht europäisch? Dichtest du international?«
»Aber die Musik, Benno? Überhaupt alles Geistige, Kunst, Wissenschaft, sind sie nicht allgemein?«
»Der Stoff, Georg, ach natürlich doch, der Stoff! Sind wir nicht Alle Menschen? Der Gedanke der Verbrüderung ist natürlich herrlich! Aber im Geist war sie doch immer schon da, und dem Bauern und dem Handwerker, wenn er einen Schrank macht oder Rüben baut -- was soll dem Verbrüderung? Keine Feindschaft soll sein, keine gegenseitige Verachtung, alle sollen sich gelten lassen und ertragen, jawohl, aber -- das ist doch weiter nichts als Menschenpflicht, da ist doch der nächste Nachbar der nächste Anlaß, dergleichen zu üben, und wozu brauchts da fremde Völker und Erdteile? Das Gute kommt doch immer von selbst.«
Benno mußte schreien, so laut war nun der Donner der Brandung. Georg sah im Finstern vor sich die Zaunpfähle am Rande des Abgrunds; jetzt bog ihr Weg ab und begann langsam anzusteigen; alsbald erschien auch der Schattenriß des kleinen Pavillons über ihnen in der Nacht. Georg sah Helenenruh, das weiße Haus, Wiesen und Park, eine sonnige Insel; dann erschien die Goethestraße in Altenrepen, sein Schulweg, das rote, vielfenstrige Haus mit der Sonne überm Türmchen. Ja, er hatte wohl auch ein wenig Heimweh ...
Sie betraten den Bretterboden des Pavillons, traten an die hölzerne Brüstung und stützten sich darauf. Alle Hörner der See stießen ihr gewaltiges Gebrüll aus; sich überneigend sah Georg, schaudernd vor der Tiefe, den weißen Gischt, wie er sich wütend aufwarf und zerflog. Da war nun, unsichtbar, unermeßlich nach Westen hin die schwarze, bewegliche Meeresebene, meilenweit kalte Wasser, Bergtiefen der Gewässer. Ein, zwei rötliche Lichter in der Ferne schienen eine Küste zu bedeuten, aber es waren Schiffe, in ungeheurer Einsamkeit verlassen durch die schwere See hinstampfend, aber innen in ihnen war es doch wieder warm und hell, waren Tische und Lampen, Keller und Lager voll Geruch von Teer und Waren, Kabinen voll Schlaf ... Seltsam, diese winzigen, fahrenden Wohn- und Kaufhäuser in der Meeresfinsternis ...
Georg ließ sich auf die Bank nieder, leise betäubt vom Brausen der Tiefen, Benno blieb am Pfeiler stehn.
»Und die schönsten Dinge, Georg,« sagte er plötzlich mit Eifer, »die schönsten Dinge der Welt giebt es doch nur in Deutschland.«
»Zähle auf, Benno, zähl auf!«
Benno schöpfte tief Atem.
»Eine deutsche Sommernacht«, sagte er.
»Ja, Benno, da hast du recht. >Wenn die Brunnen verschlafen rauschen<, nicht wahr? Und Kornfelder im Mondschein und silberne Ritter von Thoma auf allen Hügeln, die Wache halten. Oder -- nein so, Benno: Eine Mondnacht ... Ein Stück weißer Straße -- und eine weiße Hauswand mit dunklen Fensterscheiben, Gartenmauer, weiß, und darüber die dunklen, schweren Baumwipfel, in denen der Nachtwind rieselt -- rieselt --, nun hier -- nun da, nun rauschend, nun ganz leise nur -- knisternd, daß du fast die einzelnen Blätter sehen kannst, die sich wenden ...«
»Ja, Georg! ja!«
»Und -- -- kennst du das von Rilke:
Und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde, Und eine Weile bleibt das Schweigen leer, Und eine Geige dann ... ... und sagt ganz langsam: Eine Blonde ...«
Benno war begeistert. »Eine Blonde!« hauchte er. »Ja, ein blondes deutsches Mädchen, das gehört auch zum Schönsten!«
»Ich will sie dir nicht rauben, deine Blonden,« sagte Georg, »aber ich bin nun mal mehr für Dunkel.«
»Du für Dunkel, Georg? Aber Renate?«
»Renate? Ach, erstens ist sie nicht blond! Sowas nennt sich nicht blond, und zweitens: ist sie vielleicht ein Mädchen?«
Benno sagte, das verstünde er nicht. Georg wußte es selber nicht zu erklären. Nein, dachte er, sie ist weder Mädchen noch Frau, aber sie ist -- -- als wäre sie drei Nächte lang die Geliebte eines Gottes gewesen, und ist verzaubert von unsterblichen Küssen und überweltlicher Hoheit. -- Aber wieso sagte ich nur eben, ich wäre für Dunkel? Magda ist doch blond -- ja, deshalb liebte ich sie wohl auch nicht richtig! -- Iris Runges elfenbeinernes Gesicht erschien ihm da und die türkisfarbenen Augen im schwarzen Oval der Haare.
»Zähle weiter, Benno, was giebt es noch?«
»Ach, der Frühling, Georg, einen deutschen Frühling, giebt es den vielleicht in Italien oder in Indien! Wenn die Ebenen noch ganz grau sind und ferne Wälder durchsichtig und kahl, und die Wolken gehen so niedrig und langsam übers Land. Der Wind ist feucht, man riecht die Erde, und irgendwo stehen schon Primeln ...«
»Ach, wohl, Benno, wohl, und ein deutsches Ährenfeld, du sagtest es schon! Diese Gelbe, und das lange Schwanken der glatten Mauer und Lerchen im Sommersonntag und ganz ferne Glocken!«
»Und bist du einmal im Herbst über Land gegangen, Georg --«
»Deutsche Herbstwälder, Benno, mein Gott ja, deutsche Herbstwälder giebts auch in Griechenland nicht! Goldgelbes Birkenlaub in flammend blauen Lüften ...«
»Ja, und ich dachte eben an die Ebene. Im September, wenn die weißen Morgennebel alles rings verschließen, und die Sonne bricht nun durch, und auf einmal ist da eine glühende, weiße, beleuchtete Hauswand, dann siehst du das Dach, und nun die Kronen von Obstbäumen, dunkelgrün, triefend naß, nun die roten Flecke der Äpfel, und am Zaun, der auf einmal aus den weißen Tüchern kommt, lehnt vielleicht ein ganz blaues Waschfaß ...«
»Herbstkräftig,« murmelte Georg und fuhr lauter, damit Benno ihn hören könne, fort: »herbstkräftig die gedämpfte Welt -- In warmem Golde fließen ...«
»Ach, ja, Georg, und die Dichter, glaubst du denn, daß je irgendwo die Dichter so ihr Land ausgesaugt hätten wie Eichendorff und Lenau, und wie Claudius und George? Wie war doch das noch: >Im Morgentaun -- trittst du hervor --<. Von George, ich weiß es nicht mehr, du lasest es vor ...«
Georg fuhr leise und seltsam schmerzlich fort:
»Den Kirschenflor Mit mir zu schaun. Duft einzuziehn Des Rasenbeetes ... Durch die Natur Noch nichts gediehn Von Frucht und Laub. Rings Blüte nur ... Von Süden weht es ...«
Benno, zu seinem Munde herabgebeugt, wiederholte voll Inbrunst: »Von Süden weht es ...« Dann warf er sich mit einem Ruck hoch, trat weg und setzte sich auf die Bank.
»Ja, da sitzen wir nun im atlantischen Kanal in der Nacht und haben Heimweh nach Deutschland. Wenn wir jetzt Wiener wären und an Wien dächten, so würden wir weinen«, murmelte Georg. Aber im selben Augenblick brach alles immer Unterdrückte mit einer solchen Wucht in ihm los, daß er aufsprang, den Holzpfeiler neben Benno mit beiden Fäusten packte und, die Stirn darangepreßt, ächzte:
»Verstehst du es denn, Benno, ja versteht es denn _ein_ Mensch, was das heißt, nicht mehr zu wissen, woher man kommt? Und ich, Benno, ich, der immer so stolz war auf Ahnen und alle Vergangenheit und Zusammenhänge, und daß all das nun Lüge war, Unsinn, gemeine, scheußliche, stinkende Lüge und Irrtum --« Er brach ab und schüttelte sich.
Einen Augenblick später sich wieder aufrichtend und Haltung nehmend, trat er von Benno fort und lehnte sich mit dem Leib gegen die Brüstung und über das Meer. Hinter sich wußte er Benno, der so still in sich saß vor Scheu und Ergriffenheit, daß sich keine Muskel und keine Faser an ihm bewegte. Und wiederum erschien da, abgewandt, hingehend, die unsichtbare Gestalt Renates ...