Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 9
Ja -- -- nun -- --, da war sie fortgeflogen. An ihn, der unten bleiben mußte, hatte sie nicht gedacht, ihm nicht einmal zugenickt, oder hätte die Zeit wirklich nicht dazu gereicht? Nein, das war keine Liebe, sicherlich nicht! Ein Kind war sie, spielte bloß und tat, was ihr einfiel, und vielleicht fiel es ihr ab und zu ein, daß sie ihn liebte, das heißt, wenn sie jemand haben wollte, um ihn verführerisch anzulächeln. Und sein Gedicht, was war aus seinem Gedicht geworden? Sie machte sich wohl doch nichts daraus. Das war ein herber Schmerz, eine giftige Enttäuschung, und Georg beeilte sich, sein ganzes Wesen damit zu tränken, bis es überfloß, bis die Welt im Trüben schwamm und er ein Märtyrer wurde, der mit Wonne zu leiden begann. Sollte er auf sie warten? In dieser unangenehmen Sonnenhitze? -- Nein, sagte er, ich werde Bogner Gedichte vorlesen und ihr nicht. Lieber wäre er freilich einsam gewesen, um sich ganz seiner Galle zu überlassen, -- und am liebsten hätte er sich irgendwo in den Schatten gelegt, um zu schlafen -- aber dies war noch herber, und also fragte er den Maler, der gern bereit war, nur noch einmal nach al Manach sehen wollte, worauf sie denn verabredeten -- da Georg plötzlich Bennos Brief einfiel --, daß der Maler in einer halben Stunde auf Georgs Zimmer kommen wolle. Georg überlegte noch, ob er den Gärtner beauftragen solle, dem Pelikan aufzupassen und Anna Bescheid zu sagen, wo er wäre, unterließ es aber aus Bosheit.
Auf dem Wege in sein Zimmer tauchte wieder und wieder Annas Gesicht vor ihm auf, wie er es sah, als sie sich im Flugzeug zurechtsetzte und voraus blickte, absonderlich ernst, erregt und entschlossen. Vorher war es ihm ein süßer, goldener Spiegel gewesen; jetzt war er plötzlich daraus fort, und sie spiegelte Land und Meer selig aus der Vogelschau. Freilich, sollte er ihr das nicht gönnen? -- Angst preßte jählings seinen Brustkasten zusammen --, ja, hatte er denn alles vergessen, was mit ihr war? Das Gespräch mit seinem Vater, ja, diese brennende Stunde hatte alles verzehrt, was vorher war. Und doch -- war seine Liebe nicht gewachsen unterweil, sie, die keiner Zuführung bedurfte, die eigenwillig war und ... vielleicht steckte sein Gedicht doch noch im Schuh. Oder hatte sie es beim Anziehn der weißen Schuh an ihrer Brust verborgen? Welch himmlischer Gedanke! Aber wie war er doch verlassen! Wie war alles öde auf einmal und abgeblaßt! Und die Zeit -- die Zeit stand entsetzlich still.
Ein Brief
In seinem zweifenstrigen kleinen Zimmer angelangt, ergriff Georg vom Schreibtisch unter den Fenstern das elfenbeinene Briefmesser und setzte sich im Winkel neben dem Schreibtisch in den alten, großväterlichen Wangenstuhl mit Roßhaarbezug und Säumen weißer Knopfreihen, nachdem er den darauf liegenden Band des Grünen Heinrich aufgenommen und auf den Schreibtisch gelegt hatte. Dann saß er minutenlang mit geschlossenen Augen, innerlich rieselnd von Schlaf, bis er sich wieder ermunterte, die Augen aufriß, sich gähnend reckte, den Brief öffnete und las:
Altenrepen, am 29. Juli
Mein lieber Georg:
Die drei Wochen Frist, die Deine liebevolle Weisheit mir ließ, sind verstrichen, und ich zweifle fast, daß ich Dir geschrieben hätte, wenn nicht --
Also nichts! schnob Georg. Es ist ein Elend, ein Elend! -- Die rechte Hand geballt, las er verbissen weiter:
-- wenn nicht heute auf dem Mittagsheimweg Iris Runge mir in der Langenlaube begegnet wäre und sich sofort -- hocherrötend, des darfst Du gewiß sein! --
Georg, inmitten seiner Erzürntheit leise geschmeichelt, dachte unwirsch: Ach, was geht mich Iris Runge und die ganze Altenrepener Sippschaft an! --
-- gewiß sein! -- auf mich gestürzt hätte mit Fragen: »Wo ist Georg? Ist er wieder in Deutschland? Haben Sie Nachricht? Wann?« usw. -- Ja, Georg, Du hasts doch gut! Hätte sichs um einen von uns gehandelt, da würde ihre Mädchenscheu sich wohl gehütet haben, nur eine Andeutung von Wißbegier sichtbar werden zu lassen, Du aber genießest diese schöne Vogelfreiheit, daß jeder sich von Herzen mit Dir beschäftigen darf, und ich sonne mich bescheiden in diesem Glanz, der oft genug die Menschen mit ihren zutraulichen und unschuldigen Fragen an mich lockt ...
Guter Benno, welch holde Seele bist du doch!
Und nun -- muß ich nach diesem Eingang erst wirklich noch von mir sprechen, Gründe, die alten Gründe -- denn was sollte sich verändert haben in diesem halben Jahr? -- von neuem aufzählen? Ich bin doch recht müde von diesem letzten Kampf, er war schlimm. Nicht, daß ich zu meinen Eltern noch einmal ein Wort geäußert hätte, wozu? Der letzte Kampf war der, ob ich gegen ihren Willen handeln sollte und -- ich habe gesiegt. Nun bin ich freilich müde.
Wir müssen die Menschen verstehen, Georg. Wenn Vater selber das Geld hätte, glaubst Du, er würde mir nicht meine Musik lassen? Ja, wenn ers mit doppelter Arbeit und mit noch mehr Entbehrung schaffen könnte, daß er nicht alles auf sich nehmen würde? Er hat einmal in seinem Leben ein Opfer gebracht, einmal im Leben gezeigt, daß Stolz und Festigkeit ihm mehr galten als Vorgesetzte, Amt und Brot. Die Folge war das jahrzehntelange Elend des kleinen Beamten, Sorgen und Sorgen, dann Zerwürfnisse mit Mama, Feindschaft und all die Unerträglichkeit, die Du zum Teil mit erlebtest, dazu die langsame Verknöcherung, Verbitterung, und nun, von aller einstigen Mannhaftigkeit nun als letzter Rest der Stolz, daß der Sohn eines beuglenburgschen Beamten nicht auf fremder Menschen Kosten, nein, warum den Ton auf Kosten legen? -- durch fremder Menschen Güte das bekommen soll, was er selber ihm nicht schaffen kann. Er glaubt ja an nichts mehr, wie soll er an die Zukunft einer so unsicheren und obendrein ihm innerst so fremden Sache wie meine musikalische Begabung glauben? Er denkt, Dein Vater wird sein Geld an mich wegwerfen, und auch das läßt sein Stolz nicht zu ...
Georg knirschte. Stolz und immer Stolz, und der demütige Benno, der ihn und alles immer begreift! Daß die Dummheit der Aufgeblasenen auch immer die Dummheit der Edelmütigen neben sich haben muß, an der sie sich auslassen können! Ja, wenns sich doch um Vernageltheit handelte, um pure Boshaftigkeit eines verrückten und vertrockneten Alten, dann solltest du mir mal kommen, mein Benno! Aber überall nur Schwachheit und Schwächlichkeit hüben und drüben, die zu einem elenden Brei zusammenfließt. Der eine läßt aus Schwächlichkeit das Böse zu, der andre unterläßt aus Schwäche das Gute. Nun wird er mir noch einen langen Sermon schreiben über seine arme Mama, die natürlich auch liebend gerne den größten Kapellmeister in ihm sehn würde, die aber keinen eigenen Willen hat, und die krank ist, so daß er ihr nicht das Leid antun darf, gegen ihren vermeintlichen, das heißt gegen den Willen ihres Mannes zu handeln. Und daß dieser ein elender Tyrann ist, der jenes einstige Opfer längst durch Knechtung und Erstickung alles Blühenden und Zarten und Liebevollen um sich herum längst doppelt und dreifach wettgemacht hat, davon natürlich kein Wort! Ja, was hilft mir denn nun mein riesenhaftes Erbe und alle Ahnen und alle Fabriken des Herzogtums, was hilft einem denn das Geld, wenn man der Dummheit nicht mit ihm den Schlund stopfen kann! Es ist nicht zu sagen, nicht zu sagen ist es ja!
Georg war aufgesprungen, lief mit schwingenden Armen und mächtigen Schritten im Zimmer hin und her und blieb mit plötzlicher Rührung vor der, über dem Lehnstuhl schwebenden kleinen Alabasterschale mit goldgrünem Mispelkranz, an einem Dreieck von Ketten hängend, stehen. Armer Benno, dachte er, so schwebt deine zarte, blasse, durchscheinende Seele mit ihrem immer grünen Kranz in ... Die Fortsetzung des Gleichnisses blieb ihm aus, er bückte sich, hob den zu Boden gefallenen Brief auf, zauderte, ob er weiterlesen solle, legte den ersten Bogen auf den Schreibtisch und begann den zweiten.
So hab Dank, Georg, noch einmal innigsten Dank Dir und Deinem edlen Vater für diesen letzten Versuch, und haltet mich nicht für undankbar, bitte nur das nicht!
Ja, auch das noch! murrte Georg. Er trieft natürlich von Seele und Edelmut. Immer am unrechten Platze. Undankbarkeit! Der Alte ist ein undankbarer Schurke! Warum hab ich denn vier Jahre das Gejammer und Geunke und die Nörgeleien und Streitereien ausgehalten? Laß sehen, schrieb er nicht davon auch was? -- Georg nahm den ersten Bogen wieder vor, suchte und fand die noch nicht gelesene Stelle:
Für ihn wars nur ein Zeichen seiner Verlorenheit vorm Schicksal, daß mit dem Augenblick, wo durch Dich endlich ein wenig Erleichterung des Lebens und Aufhören der schlimmsten Geldsorgen ins Haus kommen sollte, Mama sich mit der Krankheit niederlegen mußte, die alles Überschüssige wieder einschlang, -- ach auch das weißt Du ja alles, aber weil ich Dich bitten möchte, gerecht zu sein, sage ich es Dir noch einmal.
Freilich weiß ichs, knurrte Georg, und ich habe durch die Wand und halbe Türen oft genug die Vorwürfe und die schlecht unterdrückten Anspielungen auf die Last dieser offenbar halb geheuchelten Krankheit gehört, -- ach, was für Menschen es giebt, was für Menschen! -- Seufzend griff Georg wieder nach dem zweiten Bogen und las weiter:
Es ist ja auch noch nicht alles verloren. Sowie ich ausgelernt hab in der Bank -- zu studieren in Altenrepen hatte ja wirklich keinen Zweck, da mir an keiner Art Studien etwas liegt, und ich so auf die erste Weise zur Brotstellung komme -- dann darf ich ja wohl wieder auf die Güte Deines Vaters rechnen, der mir eine Stellung wird verschaffen können, die mir Zeit für mich läßt. Daran laß uns denken und hoffen.
Schöne Hoffnungen! Bis mittags um drei Diskonto- und Lombardgeschäft und dann Kontrapunkt und Harmonielehre und was weiß ich in der Hochschule, und außerdem vier bis sieben Stunden Klavierüben am Tag und die halbe Nacht Komponieren, -- ja, es wird reizend werden!
Die Tage sind ja nun so wunderbar, und für was tröstet nicht die Natur zumal im Sommer! Leider bin ich ja kein guter Mensch, ich bin voll von gemeinen und schwarzen Gedanken, und Blume, Wolke und Vogel müssen ihre ganze übernatürliche Langmut und Süße manchmal aufwenden, um nur einen Tropfen Honig in die Galle gelangen zu lassen. Ich bin viel gewandert an allen freien Tagen, in die Haide hinaus, die schon linde anfängt, sich zu färben, in die grüne und gelbe Ebene, und ich glaube, ich habe ihn gesehn, den alten Atlas, wie er mit riesigen, erdenen Schultern das Himmelsgewölbe trägt. O die Ebene, Georg, die Ebene! Sie ist doch der Inbegriff, die große Mütterlichkeit, Schoß und Reichtum, und o ich liebe sie, diese norddeutsche Tiefebene, so daß schon diese beiden Worte einen delphischen Brodem um mich aushauchen können, ich fange an, Noten zu lallen, es tönt ... Eine Symphonie soll es werden, Georg -- da ist es verraten! -- und sie wird: die Ebene heißen, -- keine Programmusik natürlich mit Waldesrauschen und Grillengezirp, sondern es wird die Ebene sein, wie -- _sit venia verbo!_ -- die Eroica ein Heldenleben ist. Ja, der schönen Pläne sind viel! Ich habe die alte F-Dur-Sonate wieder vorgenommen -- erinnerst Du das langsame Thema mit dem Schluchzen? und die alten Bruchstücke klirrten metallisch süß und leise, -- bald sollen sie mir wieder schmelzen. Dann sind auch Deine Lieder, ich höre oft die allerzartesten Stimmen wie ein Geflüster von Wolken in unendlicher Bläue einsam, -- halten ließ sich noch nichts. Genug davon!
Die Jungens sind nun alle in den ersten Ferien wieder hier, Löbell schon mit Schmissen, Barkhausen, Veit, Spiegelberg, Haman, alle fragten nach Dir, und ob Du nicht zum Schulfest im August herüber kämest. Auch Fräulein Runge fragte natürlich!
Ich schließe, meine Grüße durch die ihren beflügelnd. Empfiehl mich von Herzen Deinem Vater! Das Beste in meinem Leben war und wird doch immer die Freundschaft mit Dir bleiben, und ihrer gedenkend fühlt sich -- wie wäre er sonst schlecht! -- beglückt und im Frieden Dein alter
Benno Prager.
Das Ende klingt wie Abschied vom Leben, seufzte Georg gerührt, legte den Bogen zusammen, saß einen Augenblick trübsinnig nach vorn gebeugt, erhob sich und legte den Brief auf den Schreibtisch, der auf seiner grünüberzogenen Fläche nur eine Schreibunterlage mit Löschpapier, ein altes messingnes Tintenzeug, eine viereckige Aschenschale aus Kristall und ein gerahmtes Bild von Stefan George trug. Dastehend, die Hände auf der Platte, sah Georg zum linken Fenster hinaus, und der Anblick des Himmels erinnerte ihn mit leisem Schmerz an eine Entflogene.
Ganz rein war der Himmel und leuchtete. Das tiefe und starke Nachmittagslicht ergoß sich nun schräg von oben; stärker grünte der erfrischte Rasen, von dessen gewaltigem Oval Georg nicht mehr als den letzten Rundabschnitt sehen konnte. Gegenüber schimmerte mit Läden und Fensterreihen die weiße Wand des Nordflügels, altersschwarzes Dach und die flachen Vorwölbungen der Ochsenaugen, links daneben die Gesträuche und Bäume, die das Verwalterhaus teilweise verdeckten. Aber nun wurde von rechts, von der unsichtbaren Terrasse her, die Rückseite des, wie ein Schirm hochaufgespannten weißen Pfauenschweifs sichtbar, die Beinkeulen darunter, aufgeregt hoch und nieder und rückwärts tretend, und Georg gewahrte, sich vorbeugend, oben auf der Treppenbreite eine kleine schwarze Katze, in sich zusammengeduckt, den Kopf hin und her wendend, als sei der Vogel unten gar nicht vorhanden. Georg hörte ihn aufschreien, während er das Fenster öffnete, -- die langen und biegsamen Federn schwankten, die Katze war plötzlich auf der Brüstung, strich flachangedrückt darüberhin, verschwand hinterm grünen und roten Gerank einer Urne und kam nicht wieder zum Vorschein. Alsbald drehte der Pfau sich langsam um und zeigte, über den Rasen davongehend, die kostbare Majestät seiner Vorderseite, schön verjüngten Hals und gekrönten kleinen Kopf im Riesenrad der schimmernd weißen Augen, darauf in eleganter Verwandlung mit dem langsamen Sinkenlassen des zusammenrauschenden Schweifs das neue Bild des ruhigen Vogels, der, ein wenig töricht, mit kleinen pickenden Schrittrucken, die wagerecht hingestreckte Schleppe zierlich und würdig davontrug.
Lau und süß und weich in die Lungen flutete die Nachmittagsluft. Weißes blitzte oben in der Bläue, eine weiße Taube schwang sich ausgebreitet zum First des Daches und nahm hastig ihr rundliches und albumhaftes Taubenaussehen an, während sie auf den scharfumrissenen, mit langer schwarzer Spitze auf der Ecke des Gebäudes stehenden weißgetünchten Turm zuschritt. Das goldene Licht triefte, alles war still und leer, ein wenig öde wie Sonntagnachmittag und mit einem Hauch von Bangigkeit. Georg fielen plötzlich die Augen zu. Er zog die Mittellade auf, nahm sein, in schweres, schöngemasertes Leder gebundenes Versbuch heraus, blätterte eine Weile darin, ließ es, da die Lider wieder sanken, offen liegen und sich selbst mit einer trägen Drehung wieder in den Ohrensessel fallen.
Sechstes Kapitel
Al Manach
Georg erwachte. Ohne gleich zu wissen, was war, konnte er doch stracks und munter die Augen öffnen, fand sich erquickt vom kurzen Trunk traumlosen Schlafs, erinnerte sich aber jetzt, daß es geklopft hatte. Indem ertönte das Pochen wieder von der Tür her, Georg, sich erhebend, rief: »Herein!« die Tür öffnete sich, und es stand eine Gestalt von eben mittlerer Größe unerwartet darin, in einem feinen schwarzen Anzug; fast erschreckend aber war im ungemein zarten und weißen kleinen Antlitz die Erscheinung zweier Augen von tiefstem Kohlschwarz, deren Blick Georg erst Sekunden später auf sich ruhen fühlte, -- linde, kam es ihm vor, überaus linde. Dahinter sah er nun auch den Maler.
»Ah Herr al Manach,« rief Georg erfreut und verwirrt, »wie schön von Ihnen! Treten Sie näher!«
Selber vorgehend, streckte er die Hand aus, fühlte sie von einer merklich kleinen, sehr glatten und weichen Hand kaum einen Augenblick ergriffen und fest umschlossen, und im nächsten schon sich selbst zurückgedrängt, ganz wie er war, auf fast unbegreifliche Weise unkörperlich, gleich als habe sein Wesen vom ganzen Wesen des Fremden einen magischen Druck erhalten, der ihn zurückwies.
»Welch angenehmer Aufenthalt!« erklang es jetzt melodisch. Der al Manach blickte sich freundlich um. »So schöne Gegenstände!« sagte er und umfaßte mit rundem, gleitendem Blick alles umher von der Alabasterschale hinter Georg über den grauen Rupfenvorhang der Bücherwand rechts zum kleinen Rundtisch, dicht neben dem Eingetretenen, -- von gelber Kirsche mit eingelegtem Stern -- vor dem breiten Mahagonisofa mit grüner Ripsbespannung, und wieder links hinüber zur Servante zwischen den beiden schwarzgoldenen, mit rötlichen Stricken umknoteten japanischen Reisekoffern am Boden. Und diese Dinge -- Georg zu gewohnt, als daß er sie noch zu sehen pflegte -- richteten sich nacheinander vor ihm auf und präsentierten sich freundlich und frisch.
»Nehmen Sie doch Platz«, bat Georg ein wenig verlegen, und der Fremdling ging mit leichter Bewegung durch die leere Zimmermitte zum Schreibtisch, wo er einen Augenblick durch das Fenster blickte, sagte: »Auch draußen, alles freundlich! Ein roter Hund kommt die Treppe hinab und geht über die Wiese ...« und begann, einen Arm auf die Platte gestützt, in dem offen daliegenden Handschriftbuche zu lesen. -- Ja, Verse waren wohl Allgemeingut ...
Der Maler trat unterweil näher zur Servante und besah stillschweigend die schwarzen Widderköpfe mit vergoldeten Hörnern an den oberen Ecken, danach auf den zwei Brettern übereinander die kleine Sammlung von ein paar Frankenthaler und Höchster Gruppen, römischen Perlmuttgläsern, Ludwigsburger und Meißener Figuren, einer Mündener Terrine und einer großen himmelblauen Perlbörse mit Silberfransen, dieweil Georg erklärte, das wären so Dinge, die er im Hause zusammengeräubert habe. Nachdem er dem Maler eine kleine Gemüseverkäuferin mit buntgeblümtem Rock in die Hand gegeben hatte, zog der sich in das Sofa zurück, die Figur vor sich auf die blanke Tischplatte stellend.
Georg holte eine Zigarettenschachtel hinter dem Rupfen hervor nebst Streichhölzern; er und Bogner begannen zu rauchen, der al Manach winkte lächelnd ab.
Noch immer war es still.
Um etwas zu äußern, sagte endlich Georg, an den Büchervorhang gelehnt mit dem Gefühl, al Manach sei nun der Eigentümer dieses Zimmers und er selber nur Gast darin, -- sagte, gleichsam vor sich hin, in bezug auf die Sachen umher: »Es ist ja nichts Besonderes, gar nichts Besonderes.«
»Ererbte Dinge sind schön«, hörte er einen Augenblick später die sehr melodische Stimme. »Ist es nicht so? Die Gegenstände, solange sie jung sind, haben alle den mehr leiblichen Glanz des Gemachten, und Jahrzehnte des Gebrauches erst, des Geliebtseins und liebenden Betrachtetwerdens fördern langsam die liebliche Seele an die Oberfläche und breiten ihr edles Leuchten darüber aus. Sehr arm ist die alterslose Marktware; ihre Seele stirbt, ehe sie sich auswuchs, und oft ist die beklagenswerte in ihrer Gebrochenheit traurig zu sehn.«
So ruhig und völlig zufriedenstellend klang das Gesagte, daß Georg kein Wort darauf wußte.
»Und dann,« fuhr die sachte Stimme fort, »dann giebt es wohl solche Augenblicke, wie den des Hereinkommens für mich, wo einem unvermutet und schön die Idee aufgeht und zuwinkt. Das schöne Wunder des Seins an sich -- an all unsern Dingen --, das wir niemals ausbegreifen, und die einzelnen selber, die Ideen der Sachen, -- auch Seelen dürfen Sie sagen --, stellen sich gern einmal dar, durchaus nicht zu reden von Kostbarkeiten, nein vom Gewöhnlichsten, von Fenster und Tisch, Sofa, Schrank und dem Bett. Von alledem wird ja niemals gesprochen, wer hätte es je bedacht, -- und doch würde eine Naturgeschichte der Gegenstände soviel liebenswürdiger zu lesen sein als ein Cuvier oder Brehm. Das Wunder des Naturgewachsenen, nicht wahr, erklärt sich immer wieder als Wunder eben aus sich selbst, -- die Dinge jedoch --, bedenken Sie gütigst: ein Tisch ... was mochte nötig sein vom ersten Beginn bis zu dem dort! War es nicht ein Baumstumpf zuerst, vom Blitz zersplittert, mühsam mit der Steinaxt geglättet? Und dann war es ein Klotz, ein plumper Würfel endlich, aber wo, ja wo war der edle Erfinder, der -- wie jener andre aus der Scheibe des Rades die Speichen schnitt -- den unsterblichen Gedanken erfaßte, das ganze Innere einfach wegzunehmen, die Beine der Herumsitzenden bequem und traulich unterhalb zu vereinen und deshalb den ganzen Tisch gleichsam fortzunehmen bis auf sein Äußerstes, Gehöhltes, die vierbeinige Platte! Bis dann ein feiner Spätling am Ende das Ganze verdrehte und jene glänzende Blume mit flach entfaltetem Kelch auf ihrem einzigen Stiel bildete ...«
»Ach«, sagte Georg und blickte betroffen seinen Tisch an. -- Unangelehnt vor der graden Rückwand seines Sessels aufrecht sitzend, machte der Sprecher eine Pause, die Hände gefaltet um das eine, übergelegte Knie. Er hatte, dieweil er sprach, unablässig dahin und dorthin geschaut, auf die Wände, ein Bild, auf Georg und den Maler, ein wenig unruhvoll und doch unruhig eigentlich nicht, und Georg, der die Augen nicht von ihm wenden konnte, nicht von diesem verschwindend schmalen und zarten blaßroten Mund, der sich bewegte, -- Georg hatte nun bemerkt, daß die außerordentliche Schwärze seiner Augen vor allem daher rührte, daß die Pupillen, fast wie bei Tieren übergroß, das Weiße im Auge nahezu verdeckten. Die sehr weiße Haut des Gesichts war gleichwohl nicht bleich, sondern in der, dem Licht zugewandten Wange schimmerte innerlich ein zartes Blut. Fein wie Seide war das schwarze, gescheitelte Haar über der schrecklich schweren, rund gebuckelten Stirn, wie nach vorn gehöhlt vom unablässigen Nagen anwogender Gedanken. Georg bemerkte noch, daß die schwarzen Beinkleider nicht wie sein eignes sich zum Knöchel hinunter verengten, sondern im Gegenteil weit auseinander fielen, vom Knie erst ab -- Georg hatte es entdeckt, als al Manach durchs Zimmer ging --, so daß nun die weiten Trichter über den feinen Knöcheln und schwarzlackenen Halbschuhn sich wölbten. Unsommerlich war das alles und ging doch ein Hauch von Kühle fast erfrischend davon aus.
»Fahren Sie doch fort«, hörte er sich selber unbewußt sagen.
»Gewiß, gern«, war die lächelnde Antwort. »Von den Sachen, ja? wovon mögen Sie hören? Allein ich glaube, der Herr Maler kam, um Gedichte zu hören? Nun, wie Sie wollen, denn da ließe sich ja manches vom Fenster erzählen, oder wäre es nicht verwunderlich, daß höchste Kulturen kamen und gingen, die babylonische und ägyptische, die jüdische, griechische und die römische, ohne gewußt zu haben, daß man Öffnungen ins Haus zu anderm Zweck schneiden könne, als um das Licht hereinzulassen und Rauch hinaus? Und er sogar, der das gläserne Fenster, der das Geheimnis des Aus- und Einsehens entdeckte, was bewog ihn, warum trübte er künstlich die seelenvolle Scheidewand, als sei es verwehrt, das traute Heiligtum der Familie fremdem Außenblick auszusetzen oder die Vorübergehenden auf der Straße der Belästigung geheimer Augen im Haus? Wann lebte er, wo ward er geboren, der den Traum vom gläsernen Glase träumte, den Menschen die gebrechliche Wand vor das Antlitz setzte, die doch keine war für den Blick, er, der Augen gab, ja ein ganzes Antlitz dem blicklos umdüsterten Haus? Welch ein Beglücker, nicht wahr? -- Und nun könnten wir ja vom Bett reden, auf das noch niemand die erhabene Epopöe dichtete, von jener sichersten aller Galeeren, jenem vorzüglich bewährten Tauchboot im gewaltigen Atlant unsrer Träume. Warum befragte noch niemand das Wunder dieser einzigen und wahren Herberge auf Erden, wo die einzig göttlichen Gäste uns aufsuchen, in Händen die drei Gastgaben tiefster Lebensvorgänge: Geburt, verhüllt und blutig und schön mit der noch unangezündeten Fackel, Tod, verhüllt und ernst mit der erloschenen, und Liebe, hüllenlos mit der brennenden neben dem Vorhang?«