Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 7
Warum sah er das alles im Abendrot, in den brennenden Fenstern, im frauenblassen Himmel, im Dunkel unter den Bäumen? Sahs, selber schwank und kümmerlich sich dabei vorkommend, kleine, gefiederte Pflanze über dem ungeheuren Grabe seines Geschlechts. Darum sah ers; er gehörte ja dazu! Auf einmal begriff ers. Er war aus diesem gewachsen, unbekannt und unbegreiflich wie, gewachsen, mit dünnen Wurzelfäden hebend und saugend aus hundertfältig dahingestürmtem, dahingestürztem, abgestorbenem Leben, aus vergossenem Blut, aus geopfertem Blut, aus vieler Schuld, aus Trägheit, aus Sünde, aus Süße, mehr Haß als Barmherzigkeit, aus einem sonderbaren Christentum, aus Gewaltsamkeit, aus Schlaf. Bald, erschauernd, fühlte er die unterirdischen Ströme des Blutes sich verzweigen und in seinen Adern sich feiner und feiner verästeln, fühlte seinen riesenhaften Zusammenhang und den Brodem der Toten. Ihm, einem schlanken, behenden Sprößling, mit den schmalen Füßen und geschmeidigen Händen der Spätlinge, aber der breiten Stirn und dem anmutigen Mund seines Geschlechts -- nur ohne die Nase --, ihm war es verliehen, all dies hinter sich zu haben, viel Hände zu fassen, viel Gestalt aus sich kommen oder in sich schwinden zu sehn. Da verwandelten sich die Trassenbergischen Eichenwipfel, unter ihm rauschend, in eine unruhige Volksmenge, die wartete. Wartete -- auf ihn, doch er selber? Auf eine zarte, weiße Gestalt, die aus dem Dunkel hinter ihm an seine Seite treten würde, sanft und gütevoll, aber doch unähnlich den Frauen der alten Bilder, klüger, beweglicher als sie, nicht so fremd, so abseits vom Leben, so ängstlich. Dann würden sie Beide sich dem wartenden Volke zeigen, über Fackeln und aufsteigendem Gesang, unter Glocken, über Fahnen, Herzog und Herzogin von -- ah, wie romantisch das war und herzschaudernd schön! Jawohl, dies war sein Schicksal, seine Bestimmung -- achtzehnhundert bis neunzehnhundert -- war eine rechte Vorhersagung, keine sinnlose und alberne wie die der Zigeunerin. Zu vollenden, was einer vor Jahrhunderten ihm dadurch aufgetragen, daß er begann im Vertrauen auf die, seinem Stamme innewohnenden Kräfte, im Vertrauen auf mehr als ein Lebensschicksal, -- gab es Außerordentlicheres, Stolzeres, Beschwingteres? Nun dem längst Verstorbenen die Hand hinüberzureichen, den Ring zu schließen, -- Georg wünschte sehr, jener tote Ahn möge an jenem Tage aufstehn und ihn dem Volke vorführen, und da der fragliche Ahn sich vor kaum einem Jahrhundert zur Ruhe begeben, so dünkte es Georg paßlicher, daß einer von den granitenen oder gußeisernen Herzögen sich erhebe und herwandle, auf den Zweihänder gestützt, steif in Harnischplatten rasselnd, mit den dolchspitzen Eisenschuhn, den Topfhelm im Arm, -- und siehe da Anna, die den Topfhelm aus vollen Händen mit gelben Primeln füllte, so daß ihm das Herz hüpfte, wie die gelben Schlüssel durch die Einschnitte für Nase und Augen herausquollen und zu Boden fielen.
Unterweil aber saß dort sein Vater und war eigentlich derjenige, der all das gemacht und den Ring geschlossen hatte, und der jetzt ziemlich unteilnehmend bemerkte, er habe ihm dies gesagt, weil er es ihm habe sagen wollen; übrigens möchte er es getrost vergessen, mit alledem seis nicht weit her, und Georg glaube ja wohl nicht, bisher etwas vollbracht zu haben, was ihn berechtige ...
Georg errötete. Nein, bei Gott, er hatte nichts getan. Ja, nun sollte er wohl drei Jahre Zeit haben, um ... Nein, meistens hatte er sich nur oberflächlich präpariert, auf die Sauarbeit geschimpft, sich auf den Vordermann verlassen und die Gleichungen mit fünf Unbekannten von Rauscher abgeschrieben -- da sank ihm das Herz. Lieber Gott, unermeßlich war die Welt, was tun, wo eingreifen? Nun, dies wiederum war vorgeschrieben, es würde sich zeigen. Freilich, über dem Volk zu stehen, das war berauschend und erhebend wie Beethovens Fünfte oder die Zweite Ungarische, aber unterm Volk, ja gleichsam durch das Volk, Gedanken, Pläne, Werke zu erzeugen ... und überhaupt kannte er eigentlich doch nur die Mitschüler und im übrigen einige Mädchen, Oberlehrer, zwei Könige, einen Großherzog, sehr flüchtig den Kaiser, Tante Henriette und den Kellner Frithjof -- ja, der fiel ihm grade noch ein. Wie war ihm jählings alles unbekannt! Da waren die Kreise des Lebens wie hier die roten und weißen auf der Achatplatte. Man mußte wohl, wollte man was leisten, heraus aus dem seinen und so quer hindurch, aber wie herauskommen aus dem ewigen Rundherum und Ineinander?
»Mein Sohn,« sagte der Herzog, »alles das ist ein großer Unsinn. Das sind alte Namen, alte Grenzen, alte Schmucksachen. Schön, aber mehr zum Ansehn. Sie nennen mich, wie du weißt, in meinen Kreisen den Genossen Trassenberg. Das ist ein nettes Schmuckstück, so aus einer neuen Legierung, die nicht viel wert ist, aber irgendwie macht mirs Spaß. Heut nachmittag kommt der Leutnant mit dem Pelikan, und was heißt das? Wir fliegen. Ich nicht, wir. Da lehrt uns die Vogelschau, daß die Erde ungemein flach ist und die Türme sie nicht höher machen und die Throne auch nicht. Es wird lange nicht mehr geherrscht, es wird nur noch, wie in Urzeiten, geordnet, und im übrigen: besessen. Von dem, was ich hier für mich allein brauche an Leibesbedürfnissen, davon kann ich kein Siebentel im eigenen Lande hervorbringen, aber, wie wir von aller Herren Länder, von aller Hände Arbeit abhängig sind, so besitzen wirs auch, denn wir sind Geist. Die Staaten und Fraktionen gehen meines Willens dahin, wohin die Religionen und die Aberglauben voraufgingen: in die Tradition. _Man muß sie gehabt haben._«
Nein, herzlich gern gewiß, aber so schnell konnte Georg sich nicht bekehren. Er versuchte es redlich, das Segel umzuwerfen und gegen den Wind zu kreuzen, aber es mißlang, er hockte beschämt und gedankenlos am Steuer, während die Leinwand gegen den Baum schlug und der Anblick der vor seinen Augen langsam verschwimmenden rot und weißen Wellenringe ihn immer tiefer in eine angenehme Leere hinabzog.
»Eigentum«, hörte er seinen Vater sagen, »ist ein gutes Wort. Bedenke, daß du ein riesiges Erbe vor dir hast und ein riesiges Vermögen. Das weißt du, das sagt dir zweierlei. Das eine, das Erbe: daß du tausendmal mehr als die andern zu arbeiten hast, um einigermaßen ein Gleichgewicht in dir herzustellen -- gegen dein Erbe. Das andre, das Geld, das heißt die äußere Erleichterung: daß du tausendmal mehr als die Andern innerlich zu arbeiten, zu forschen, zu lernen und -- zu leiden hast, -- weil dir das so leicht gemacht ist. Wir haben das Land fruchtbar gemacht, es dankt uns. Laß uns nun stolzer sein auf das Selbsterworbene als auf Angestammtes, auf diese Namen. Die Welt teilt falsche Namen wie Orden mit vollen Händen aus. Uns nennt sie die >in< Trassenberg, und das ist nun zufällig richtig. Das >in< ist richtig, denn es bezeichnet den Kern, und die Herzöge sind richtig. Wie unsre Ahnen vor dem Heerbann einherzogen, so laß uns Führer sein in der Zeit, Neuerer, Eroberer schöner, ewiger Bezirke, vorn auf der Lokomotive.«
Georg fühlte mit zitterndem Kinn, daß ihm plötzlich Tränen in die Augen traten. »Uns« hatte er gesagt, dieser herrliche Mensch, »laß uns Führer« sein, -- und Georg wandte den verschleierten Blick von jenem dunklen, geliebten, bärtigen Gesicht ab, dessen nahstehende Augen ihn durchglühten, und ihm erschien das gläserne Zifferblatt der Standuhr, undeutlich Zeiger und Ziffern, doch erkannte er nun, daß es erst zwischen halb und dreiviertel drei war, und -- und ja, ein ganzes Gewitter, ein andres als jenes wirkliche draußen, war um ihn niedergegangen in dieser halben Stunde. Liebe und Segen und ...
»Ich wünsche keine Antwort von dir,« sagte sein Vater, da er eine Bewegung machte und den Mund sprachlos öffnete, »ich wünsche, daß du eine gute Erinnerung an diese Stunde behältst. Hier ist eine alte Ausgabe des Benvenuto Cellini --« Der Herzog holte zwei kleine Bände neben sich aus dem Sitz hervor, stieß sie ihm in die Hand, während Georg aufsprang, und fuhr fort: »die dich auch äußerlich freuen wird. Lies darin die Geschichte von der Ohrfeige, die der alte Cellini dem jungen gab, damit er sich an ein bedeutendes Ereignis erinnere. Setz dich, ich schenke sie dir, die Ohrfeige, du bekommst noch genug. Du hast noch alles vor dir, nimmst dir alles vor, du bist ja herrlich jung. Versuche aber, zu denken, daß alles Zinsen trägt, was du nützest, alles Zinsen von dir fordert, was du vergeudest, -- allerdings scheinst du dich ja mit allem Mathematischen nicht in wünschenswerter Weise beschäftigt zu haben, der Durchfall war unnötig, immerhin habe ich auch darüber meine besonderen Gedanken.« Er lächelte.
Georg setzte sich, die beiden Bände verlegen auf- und wieder zuklappend, wieder in den Drehstuhl und behielt sie im Schoß. Sein Vater sprach weiter:
»Nachdem du ... Ich habe dir Gelegenheit gegeben, ein wenig von der Welt zu sehn. Du hast Landschaft, Leute und Sitten, hast Gastlichkeit und Freundschaft, Autorität und -- vermutlich -- ihr Widerpart, Schönheit, Wissen und Aufgeblasenheit und Schablone im Klassenzimmer kennengelernt, im ganzen ein kleines und oberflächliches Abbild der großen Welt. Nun habe ich dir ein paar Monate Zeit gegeben, gründlich zu faulenzen, meinetwegen zu vergessen, zu reisen, Ballast abzuwerfen, Verse zu machen. Außerdem riet ich dir, dich um die Gutswirtschaft zu bekümmern, und ich hoffe, du hast wenigstens so viel begriffen, daß nicht so wenig dazu gehört, nur ein kleines Gut instand zu halten das Jahr über, geschweige ein Herzogtum. Ich habe nun die Absicht, dich auf meine diesjährige Aufsichtsreise mitzunehmen, mit der ich wie stets Anfang August beginnen werde. Dann kommt so langsam das Semester heran. Bist du einverstanden?«
Georg dachte: Anna -- Abschied -- Briefschreiben -- Heimweh -- Wiederkommen -- und dankte lebhaft aus gepreßtem Herzen. Sein Vater erklärte, die Reise würde die allgemeinen Kenntnisse Georgs erweitern, dann wäre über die Universität zu reden. Übrigens wisse er ja, daß Fakultät oder Disziplin ihm gleich sei; ein bestimmter, einfacher Weg aber sei nötig, sonst gebe es Zersplitterungen. Ein Examen brauche er nicht zu machen, es handle sich um die Sache. Titel und Würden seien für Alberne, und zu weiter sei ein Examen in diesem Falle ja nichts nütze. Er würde sehen. -- Der Herzog blickte auf die Uhr und sagte:
»In einer Viertelstunde wird gegessen, und du mußt dich noch anziehn. Noch eins zum Abschied.
»Daß ich einen tüchtigen Menschen an dir haben will, versteht sich von selbst. Aber ich möchte, daß du einsiehst, was die Menschen treibt, erhält und stürzt, und ich möchte deshalb, daß du dir deinen Umgang nicht unter den Müßiggängern und Sorglosen suchst, sondern unter denen, die sich bemühn. Schwer haben wirs alle; die Kunst ist, oder vielmehr verlangt wird: es sich schwer zu machen.«
Der Herzog nahm seine Stöcke, die neben ihm lehnten, und stand auf, ergriff dann beide Stöcke mit der Linken, winkte Georg zu sich, ergriff dessen Rechte und sagte, aufgestützt und ein wenig gebückt über ihm stehend und ihn fest anblickend:
»Mein letztes Wort ist: Begieb dich in Gefahr. Das Gegenteil im Sprüchwort hat deinen Vätern und deinem Vater nie gefallen. Begieb dich wissend in Gefahr, du entgehst ihr doch nicht. Wahrhaftigen Gott, es ist mir auch lieber, du kommst eines Tages zerbrochen und entsetzt nach Hause, als daß du über alles hinwegsäuselst, nicht weißt, was gut und böse ist, nur verekelt bist und fürs ganze Treiben kein andres Wort weißt, als: alles ist käuflich. Nichts ist käuflich, Junge, ich werde dich doch noch ohrfeigen müssen. Nichts von Wert war je käuflich, außer für Schweiß und Blut. Wenn dein Vater selber irgend etwas auf der Welt besitzt, so bedenke, daß ers zuvor bezahlte mit zwei zerschmetterten Füßen. Das Leben ist keine Hure und keine rollende Kugel, das Leben ist die Gefahr. Das Leben -- es giebt das gar nicht, Begriffe sind das, es giebt nur: dich. Du bist das Leben und bist die Gefahr. Nun hole dich der Teufel, wenn du dir die Syphilis holst. Von der Liebe mag ich nichts reden, du wirst das alles selber sehn, sie ist ein Teil vom Ganzen, der schönste, kostbarste, wenn du willst; nicht das Ganze. Leidenschaft ist zu allen Dingen das Tor, den Hüter kennst du noch nicht, der heißt Selbstzucht; er ist genau so schwer, wie er auszusprechen ist, denn immer wird Selbstsucht daraus. Solltest du ihn verfehlen, giebt es Frauen. Weiber kenne ich nicht. Das Dasein ist kein Heiligtum und kein Ballhaus, aber es giebt Heilige so gut darin wie Zuhälter. Ich sagte schon im Anfang: gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denk an deinen Vater, der --« Der Herzog, der zuletzt mit fürchterlichen Augen geschrien hatte, verstummte, stieß noch keuchend hervor: »Mit Gott, mein Sohn, feire fröhlich und sorglos deinen Geburtstag. Ich hatte keinen Vater, der -- -- schau, daß d' weiterkimmst!« drehte ihn herum und schob ihn weg.
Georg, noch von seinen Händen umklammert, blieb stehn und wiederholte willenlos noch einmal, was er die ganze letzte Minute lang bei jedem Absatz geflüstert hatte: »Ja, Papa! Ja, Papa!« Er hatte, während die Sätze an sein Ohr schlugen, Satzglieder, Wortbilder, Gestalten erschienen und verschwanden vor neuen, die sich in aber neue wandelten, doch nichts gehört, sondern allein gesehen. Gesehen nahe über ihm das aufgeregte, mühsam gebändigte Gesicht, so nahe und genau zu erkennen wie vielleicht nie zuvor. Und haftend, hineingeflochten mit beiden Blicken seiner Augen in die auf ihn niederglimmenden Blicke der dunkelbraunen Pupillen, gewahrte er doch mit unablässigen, geringsten Schwankungen und Kreiswindungen des Schauns all das Kleine und Kleinste umher. Er gewahrte den beweglichen Adamsapfel unten im Schatten des Kinns, in der weiten Öffnung des Kragens, und dessen breit umgeschlagene Klappen, und eine winzige weiße Faser an einer der Klappen; den blaugrünen Knoten des Schlipses und das Schillern in den Falten, den helleren Glanz der besonnten dunkelblauen Schultern und das beschattete rechte Ohr; den Bartzapfen am Kinn, der mit ihm auf und nieder ging, und das eine weiße Haar darin, die auseinandergesträubten dicken Haare des Schnurrbarts und unter ihnen die innerlich gedrehten, die an Lockenhaarnadeln erinnerten, und die grauen darunter und jenes, das an der Wurzel schwarz war und dann weiß wurde. Und er sah die Umrißlinien des geschwungenen Mundes, und wie sie sich bewegten, und durch die Barthaare die beschattete Haut; die Haut am Kinn, wo sie schwärzlich war vom Wegrasierten, und wo sie rötlich war, und braun, und heller, und die schief hängende Nase, den glänzenden Höcker und die Poren, und das bräunliche Mal an der linken Nüster; sah die goldenen Tupfe und Linien im Braun der Pupillen, ihre bläulichen Ränder so genau, und im gelblichen Weiß die gesprungenen roten Adernäste, und das bläulich Verschleierte der schwarzen Mittelpunkte, und sah in diesem und in jenem Auge winzig und gebogen sein eigenes Spiegelbild. Sah die Falten der Stirn, die Einsenkungen der Schläfen, die Runzeln, die sich bewegten, die Haare der Brauen, schwarze und graue, krumme und grade borstige, das Haar ... Und nicht dies im einzelnen, nein, sondern immer auf einmal alles, und er sah es nicht, o nein, er fühlte, er fühlte es, fühlte, daß es alles zitterte und sich bewegte und zusammengerissen war von einer unsichtbaren Gewalt im Inneren dieses fremden Körpers vor ihm, und daß diese Gewalt ihn anströmte, sich über ihn ergoß, Leben, Leben immerfort, Atem und Blick und Bewegung und Wort, und doch nicht dieses, nein, sondern zusammen all dieses und mehr: Unsichtbares, Fühlbares, immer Lebendigkeit, die außerhalb seiner selbst war, aber an der er hing, die ihn fesselte, ihn umflutete, und aus der immer wieder, um noch einmal, noch deutlicher sich kenntlich zu machen, daß ers nicht vergaß, dies Einzelne auftauchte gleich Wellen und Tropfen der Welle, Perlen und Blasen, Durchsichtigkeit und Glanz und Farbe und Tiefe und Kontur einer Welle: Augapfel und Braue, Kinn und Barthaar, Mund --, und jählings wieder dieser ganze, ihm zugewandte, wie ein Bild vor seine Augen gedrängte Kopf eines Reiterführers aus dem Dreißigjährigen Kriege, -- welcher Ausdruck, den nicht er erfunden, sich ihm zeigte und öfters hervorwinkte aus allem übrigen des Sichtbaren und Fühlbaren, dem er auf eine Minute ausgesetzt war wie einem stetig sausenden Sturm ...
»Ja, Papa!« sagte Georg, aufs tiefste und höchste verwirrt, entzückt und gedemütigt, küßte ihm hastig die Hand und ging hinaus.
Spiegel
Leer lag der weite Flur, und Georg konnte sich das Übermaß seiner Wonne durch eine Geste erleichtern, indem er die Arme von sich stieß, sich auf die Zehenspitzen erhob und nach ungeheurem Dehnen vornüber zusammensinken ließ, wobei ihm einer der reizenden kleinen Cellinibände entfiel, so daß ein halb Dutzend Eselsohren in die Seiten kamen. Indem er ihn beschämt aufhob, sah und fühlte er plötzlich die Befreitheit seiner rechten Hand vom väterlichen Griff, und indem er sie verwirrt anblickte und die roten und weißen Striemen daran vom krampfhaften Druck gewahrte, erschien ihm das Antlitz seines Vaters, so daß es ihm war, als habe er während der letzten Minute das Gesicht gar nicht gesehn, sondern nur es gefühlt durch die Hand, um die sich die andre Hand und mit ihr ihr ganzes Dasein, sein Wille und Leben gepreßt hatten. Und jetzt erst wußte er, was dies alles bedeutet hatte. Daß es Liebe gewesen war, ja daß er an einen gewaltigen Starkstrom von Liebe angeschlossen gewesen war, der noch nachzuckte in ihm und ihn betäubte, so daß er im selben Augenblick, wo er selig und verträumt den Kopf hängen lassen wollte, im Gegenteil davonlief, wie ein Tertianer mit der Palme von Marathon, am Treppenhaus vorüber den Flur hinab durch das Billardzimmer im Turm, und wieder ein Stück Flur hinunter in sein Schlafzimmer.
Der Diener wartete, hatte glücklicherweise schon den Schoßrock zurechtgelegt, auch einen Schlips dazu, der aber Georg nicht gefiel, und er fand einen lavendelblauen von hinreißender Schönheit und Paßlichkeit zu der sahnefarbenen Weste, schickte den Diener fort, zog sich aus, stand minutenlang in Unterhosen, sich besinnend, was in aller Welt nun vor sich gehen solle, kam endlich auf den Einfall: Waschen! tats, fand lange kein Handtuch, zog Hosen, Weste, Stiefel, Rock an, und nun hatte er Kragen und Schlips vergessen, zog alles wieder aus, Hose aus, einen Stiefel aus, es war unerhört, er dachte an tausend Dinge, aber das mit dem Wiederausziehn wie zum Schlafengehn, das war symbolisch, denn:
»Wir aber wollen uns zur Ruh Hinlegen, dieser unser Tag ist voll --«
sagte Vollmöller im -- nein, nicht im Parzival, da stand vielmehr: »Meine Mutter heißt Herzeleide ...« Tränen traten ihm plötzlich in die Augen, aber er beherrschte sich, da er vor den Spiegel trat, um den Schlips zu knüpfen, und auf einmal sah er sein Gesicht.
Über einem männlichen Körper in graugestreiften Beinkleidern mit Hosenträgern überm weißen Hemde sahen ihn fremde Augen so absonderlich bestimmt und bedeutsam an, daß er, um ihrem Blick zu entgehn, sich näher zum Spiegelglas beugte, um das ganze Gesicht zu sehn, mit dem Gedanken, es auf seine Verwandtschaft mit dem väterlichen zu prüfen, aber er fand es so anders, daß es ihm beklagenswert schien. Es war schmal und noch ganz zart und erschreckend bartlos -- obwohl er nie einen Bart zu tragen gedachte -- die Augen blaugrau, das linke um einen Hauch kleiner als das rechte, die Brauen kaum erst angedeutet, die Stirne rund, das gescheitelte Haar, wohl von Mama, braun und ein wenig glänzend, nur der Mund -- er verzog ihn ein wenig -- war wohl dem des Vaters ähnlich, und die Nase -- sie war völlig entartet, da sie -- zu schweigen von Schiefe und Krummheit -- vielmehr einfältig herunter und am Ende eher ein wenig nach oben ging, und das Ganze ... Versstücke Rilkes fielen ihm ein:
... als Zusammenhang nur erst geahnt ... ... als wäre mit zerstreuten Dingen Von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant ...
so hieß es ja wohl, und so war es. Da fühlte er wieder den eigenen Blick auf sich geheftet, prüfend und auf eine unbegreifliche Weise völlig unverständlich, -- ein fremder Mensch, von dem er nicht wußte, was er wollte, und der nichts äußerte, sondern ihn einfach ansah, und schwieg, und jetzt anfing zu lächeln, und die ganze Zeit mit zwei Händen unterm Kinn zwei blaue Schlipsstreifen übereinanderhielt. Noch einen Augenblick wie gelähmt, als wolle ers drauf ankommen lassen, was der im Spiegel jetzt anfinge, halb entschlossen, nicht mitzutun, schüttelte er die Hände, knotete eilfertig und an sich vorbeisehend und wandte sich ab.
Ans Fenster tretend, sah er lange hinaus, ohne etwas zu gewahren, und sammelte einige Gedanken.
Wird es wirklich so schwer sein? dachte er bescheiden. Schuld an allem ist, fürcht ich, nur der Größenwahn und die Begrifflichkeit. Ja, wie Vater sagte: _das_ Leben sagt man und: _die_ Welt, und man denkt, man hätte die Alpen und alle Millionen Europas und Asiens vor und gegen sich, und all die riesenhaften und blendenden Vorbilder, deren jedem man etwas nachtun möchte -- wie soll man da sich selber finden, sich und den kleinen, schmalen Weg, den man in Wirklichkeit zur Verfügung hat! Und dabei begegnet uns ein halbes Hundert Menschen auf der ganzen Strecke, und Dreien oder Vieren davon kommt man ein wenig näher, vielleicht bis ans Herz, ach, nur Einem ans Herz. Warum also solche Furcht, solche Anspannungen, so ungeheuerliche Erwartungen? Die erzeugten nur diese Enttäuschungen, die verbittern, erzeugten diese Menschen wie Annas Vater und seine alten Lehrer und Professor Prager. Der arme Benno, ob heute endlich der Brief kam? Und wie gut waren sie doch alle zu ihm! Der Maler hatte ordentlich zu reden angefangen, dieser Schweigsame, dieser Unbekümmerte, was ging er den an? Zwar war er nicht verschwiegen mit Absicht, -- er war mehr sparsam, wörtlich: wort-karg, -- ob ich das auch einmal werde? -- -- Dies schien ihm erstrebenswert, und so ging er hinunter.
Fünftes Kapitel
Mittagstafel
Beim Betreten des Speisezimmers stand Georg einen Augenblick geblendet vom Licht, sah bei zusammengekniffenen Lidern die hohe Glastür drüben stehn, empfand die Schönheit des gerundeten, großen Raums mit den matten Färbungen und Figuren seiner gewebten Wandmalereien und sah nun, daß die runde Tafel bis auf zwei Stühle schon besetzt war. Aber sieh, gegenüber, in der zum Vogelsaal führenden Tür stand Anna, und von ihrem blaßroten Leinenkleid schien das sonderbare Licht auszugehn, ihre Gestalt leuchtete über und über, ihr Gesicht war völlig beruhigt, die Augen schimmerten dunkel wie gebadete Juwelen. Nun gewahrte er auch, durch die Glastür blickend, durch die man im Winkel auf die Terrasse hinaustrat, die Wetterwand überm Park, von der das Sonnenlicht grell und flammend abprallte und den Raum so stark erfüllte; von allem Farbigen wurde es, von Magdas Kleid, den Gesichtern, dem Tafeltuch und Silber, dem Grün und Gelb und Rot des Fruchtaufsatzes fest eingesogen, und alles schien zu leuchten von innen.
Überdem sah er Magdas Vater und einen mittelgroßen Fremden im Frack mit breitem, rasiertem Gesicht aufstehn und auf sich zukommen; er reichte ihm die Hand; der große Chalybäus sagte vorstellend: Oberregisseur und einen russisch klingenden Namen. -- So, das war der Besuch, den sein Vater, gastlich wie immer, eingeladen hatte. -- Georg saß nun zwischen ihm und dem Maler, an den sich der Herzog anschloß, und weiterhin Anna neben ihrem beiderseitigen Nennonkel Salomon, dem sie im Niedersitzen leicht einen Arm um die Schulter gleiten ließ, worauf er mit seinem königlich staunenden Lächeln sich herumwandte, zuletzt ihr Vater wieder neben seinem Freund. Ihm gefielen sie im Augenblick alle, um so mehr, da er Anna gegenüber und abgewandt vom Licht saß, darin sie thronte wie das Glück. Während sie den Tafelaufsatz ein wenig nach links, eine Kristallvase mit gelben Rosen ein wenig nach rechts rückte, um ihm durch die Lücke himmlisch zuzunicken, hörte er den Mimen sagen: