Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 5

Chapter 53,708 wordsPublic domain

»Es war auf einem Ausflug mit unsrer Genfer Pension, da trafen wir Zigeuner, in einem französischen Dorf. Sie ließen sich alle aus der Hand prophezeien, auch die Lehrerinnen, und sie bekamen alle nette Weissagungen, Briefe und Heiraten und Geld, und es paßte immer, was jede heimlich gewünscht hatte. Ich mochte das gelbe Weib nicht mit den weißen Flecken im Gesicht, aber dann drängten die andern mich, und sie nahm meine Hand und sah sie erst gleichgültig an wie die andern Hände, aber es klang schon so merkwürdig, was sie murmelte: _Coeur de fleures_ ... ich behielt es gleich wie einen Vers: _Coeur de fleures, -- coeur sans peur_ ... Aber dann sah sie mich scharf an und sagte, da wäre wenig Freude zu sehn, das Schlimme aber erführ ich ja früh genug, wenn es käme. Nun wollte ich auf einmal mehr wissen, da zog sie mich abseit und flüsterte mir zu, sie würde mich schon finden, wenn ich allein wäre, und damit lief sie weg. Als ich nun ein paar Tage später mit Renate, mit meiner Freundin, im Garten auf und ab ging, stand sie auf einmal am Gitter. Und dann hat Renate zugehört, wie sie aus den Linien hier in meiner Hand las, und sie sagte mir erst aus meinem vergangenen Leben genau Bescheid, -- ich weiß nicht, woher sie das erfahren haben soll -- von Papa und dem Herzog und dir, Georg, und von Mamas Tode, was sonst keiner weiß --«

Georg, unter einer angenehmen Empfindung errötend, sagte möglichst vernünftig: »Sag mal, sollte sie das nicht aus dir herausgefragt haben?«

»Vielleicht, aber -- darauf kommt ja nichts an. Sie prophezeite mir nämlich, ich würde dreimal einem Menschen das Leben retten --«

»Anna!«

»Aber das dritte Mal würde es mir das Leben kosten«, schloß sie tapfer.

Georg schäumte innerlich vor Wut. Dies verruchte Weib! Anna lachte auf einmal hell.

»Weißt du noch, Georg, wie du das von dem Seestern sagtest? -- da erschrak ich so merkwürdig, -- und nachher dachte ich an gar nichts. Es kam ja alles so schnell, so plötzlich, wie er da im Wasser schwamm, und der Schwan schlug mit den Flügeln und sah hin. Erst als ich hineinritt, erschrak er und brauste davon. Die Prophezeiung ist mir erst viel später eingefallen. Als Artaxerxes davonflog, fiel sie mir plötzlich ein. So sind Sie doch auch in das brennende Abteil gesprungen, ohne zu denken, und nun bin ich auf so viele Gedanken gekommen und fing an, mich zu fürchten, oder ob das Gewitter ... denn ich wollte mich nicht fürchten, gewiß nicht, ich dachte, als ich nebenan vor seinem Bett stand, wo er so kindlich aussah, ich wollte es gewiß gern tun, dreimal, wenn es sein müßte, und auch selbst dabei ...«

Sie brach ab, weinte auf, legte hell jammernd das Gesicht in die Hände und auf den Tisch, und eine lange Zeit war sie nicht zu beruhigen, auch verzweifelte Georg an sich selber, weil er, sie in den Armen haltend, alle möglichen Empfindungen hatte. Schließlich ward sie doch stiller, trocknete ihr Gesicht, stand auf, nickte den Beiden durch nasse Schleier lächelnd zu und ging schnell und leise hinaus.

Zwiegespräch

Georg hatte, als Anna gegangen war, gedankenlos die Uhr gezogen; es war etwas nach halb zwei, und so blieb immer noch eine halbe Stunde bis zur Unterredung mit seinem Vater, auch wenn er berechnete, daß er sich für das Mittagessen noch anziehen mußte -- was ich eben schon hätte tun können, dachte er.

Er steckte die Hände fest in die Rocktaschen, sie nach vorn drückend, lief ein paarmal auf und ab und mußte plötzlich losbrechen:

»Verstehen Sie denn das alles? Nun liegt die Geschichte ja noch anders, als ich Ihnen vorgerechnet hab, Ihr Eisenbahnunglück kommt auch noch dazu, und das Bild, das Sie doch seit Jahren hätten abmalen können, und das alles, damit eine gottverdammte Prophezeiung eintrifft, das ist ja zum Haarausraufen! Glauben Sie eigentlich daran?«

»Prinz,« sagte Bogner, »ob wir daran glauben, das ist hier wie immer wohl nebensächlich. Es scheint: sie glaubt daran. Was man glaubt, pflegt zu geschehn.«

»Sie muß wohl,« knurrte Georg, »wenn es doch schon eintrifft. Daß sie vorher nicht daran glaubte, haben Sie ja selbst gehört. Es ist ja grauenhaft!«

»Leider!«

»Das sagen Sie so, als ob ...«

»Ich will mich gern erklären«, äußerte der Maler willfährig. »Mir fielen antikische Weissagungen ein, Achilleus, Odysseus, Ödipus. Das waren, wie soll ich sagen, Opfer der Phantasie, Opfer ihres Volkes, die es mit dem Schauerlichsten oder Erhabensten belud, wovon ihnen selber nichts zuteil wurde. Aber warum, meinen Sie, bekamen diese Erhabenen stets die Weissagung obenein?«

»Ich verstehe schon,« meinte Georg, »Sie denken an das Vorherwissen ihres Schicksals, die Unabänderlichkeit des Erfüllenmüssens, ja dies Erfüllen, wo die andern einfach betroffen wurden. Nun, dafür waren jene eben Helden.«

»Keineswegs. Sondern eben dadurch wurden sie es. Dem einfachen Menschen ist das Vorherwissen -- damals wie heute -- ein -- manchmal verlockender -- in Wahrheit immer grauenvoller Gedanke, und jene wurden, die erhabenen Einzelnen wurden zu Helden, weil sie diese Ausnahme ertrugen und in ihr Schicksal sahn. Sie hatten ihr Schicksal, über den Vielen, die das Schicksal hatte.«

»Ödipus etwa?«

»Ödipus war doch kein Held, Prinz.«

Georg schwieg eine Weile und fand endlich das erlösende: »Das beweist gar nichts. Anna ist keine Penelope, kein -- kein Heldenweib.«

»Woher wissen Sie denn das? Wird man zum Helden geformt, gestempelt und eingetragen, wie Herr Chalybäus: Tenor alles in allem? Sie begehen auch eine Verwechselung, glaube ich. Penelope und andre, auch männliche Berühmtheiten waren schöne Gestaltungen des Durchschnitts. Sie taten das Nötige, aber sie glänzten, weil sie im Glanze standen. Troja und der große Krieg, Odysseus und die wilden Fahrten überglänzten alles, was drin auftauchte --«

»Ja,« unterbrach Georg ihn erregt, »da wurden sie Gleichnisse für Menschenleid aller Art, erhabene Sinnbilder, geadelt von ihren Dichtern. Die andern, die Gezeichneten, Verfluchten, trugen auf ihren Stirnen Blitzfeuer vom Himmel oder vielmehr vom Schicksal, das ihretwegen aus der Nacht vorgetreten war.«

»Gewiß, Sie wissen alles sehr gut«, sagte der Maler. Georg, ein wenig stutzend bei dieser Antwort, betrachtete den Maler eingehend, der sich inzwischen an den Tisch gesetzt hatte und im Sprechen eine flache, als Aschenbecher dienende Perlmutterschale hin und her drehte. Auf einmal schien ihm klar, daß, während er selber hervorsprudelte, was der Augenblick ihm eingab, der Maler wie von Schränken oder Sofakissen seiner Kinderzeit redete, Dingen, die sich in alle Ewigkeit nicht verändern, und die voll und fertig da sind, wenn man nur dran denkt.

»Ich glaube,« murmelte er, »es wäre mir und Anna lieber, wenn sie ein simples Dasein ohne Größe und Glorien haben könnte.«

Der Maler sah sich nach ihm um und lächelte sein bezauberndes Lächeln.

»Ich war Ihnen gleich gut, Prinz,« sagte er freundlich, »dafür plage ich mich gern mit Ihnen. Nicht wahr, Sie glauben an die Dichter. Das ist wacker, bloß -- es verdirbt ein wenig die Anschauung. Was die Dichter sagen, das glänzt, haben Sies nie bemerkt, und was sie glänzend machen, das lodert zum Himmel. Aber wie ich schon sagte: was hilft es der kleinen Chalybäus, ob ich und Sie an ihre Zigeunerin glauben, und was hilft es ihr, ob jemand anders ihre Taten groß und ihr Dasein glorreich sieht. Sie hat ihr Leben, wie ich meines habe, wie Ihr Vater, Ihre Mutter, Sie selber. Für die Zuschauer kommt es ja nun immer auf die Beleuchtung an, das ergiebt dann später Geschichte, und daraus schöpfen Ihre Dichter das Glänzende.«

Georg, dem es irgendwie schien, als wolle der Maler auf etwas noch andres hinaus, als was seine Worte angaben, unterbrach ihn.

»Ich verstehe ja, Sie sind ein Maler, Sie dozieren die malerische Ethik, nein, nein!« rief er glühend und geängstet, »ich bitte Sie, sagen Sie mir, ob Sie selber dran glauben. Glauben Sie, daß ihr dies geschehen wird?«

»Da würde ich mich an Ihrer Stelle doch an die Tatsachen halten«, versetzte Bogner kühl.

»Warum weichen Sie mir aus?«

Bogner schwieg, zog einen kleinen Bleistift aus der Westentasche, schob ihn einmal in seiner gelbgegriffenen Blechhülse hin und her, steckte ihn wieder fort und schien frische Langmut geschöpft zu haben.

»Wer, liebe Durchlaucht,« sagte er, »wer giebt Ihnen eigentlich das Recht, meine Gedanken gehört zu bekommen?«

War das grob? -- -- Nein, grob nicht, nur anders.

»Ich dachte nur,« brachte Georg zögernd und bescheiden vor, »im Gespräch sagt man, was man denkt, oder man lügt. Sie aber, verzeihen Sie, wenn ich das sage, Sie -- Sie sprechen eigentlich nicht, sondern Sie antworten, Sie sind ein Schweig--«

»Ja, sehen Sie,« unterbrach Bogner ihn ganz erfreut, »ich sagte ja, Sie wüßten alles sehr gut!« Georg wurde verlegen und froh, als er den Maler fortfahren hörte: »Ich meinte ja nur, es würde Ihnen nichts nützen, zu hören, was ich denke. Was ich wirklich denke, hören Sie ja doch nicht, sondern nur, was Sie gern wollen, daß ich denke. Das Wort ist insofern eine große Lügenbrücke.«

Georg war begeistert und gab ihm strahlend recht. »So ist es«, sagte er. »Ich drücke meine Gedanken in Worten aus, und Sie meine Worte wieder in Gedanken, dabei geht natürlich das meiste verloren, es ist sehr traurig.«

»Das Wort ist gut,« entgegnete der Maler, »sagen Sie nichts gegen das Wort. Bedauerlich sind allenfalls die Menschen. Jeder will vom Andern hören, was er selber denkt; bekommt er das nicht, glaubt er, der andre will ihm seine Meinung aufreden, und das will der ja auch meist. Sie wollen einander überreden, dann zanken sie sich, und die Verständigung ist beim Teufel. Aber im Verkehr so untereinander, da entsteht ein halbes Begreifen, ein Mittelding zwischen Gesagtem und Gehörtem, das genügt.«

»Nein, das genügt mir freilich nicht«, seufzte Georg und dachte an Tasso. Es rührte ihn, sich mit Tasso, den Maler mit Antonio zu vergleichen. Ach, dachte er, Eleonore hat ihn auch nicht verstanden! Giebt es aber nicht wenigstens auserlesene Stunden, giebt es kein Zusammenfluten unter den Brücken? Muß man vielleicht schweigen lernen? Ah, das gäbe am Ende einen Schluß auf die Entstehung des Kusses! Meine süße Anna, dachte er betrübt, was ist mit dir? -- Die Sehnsucht übermannte ihn, er dachte an ein süßgoldenes Verstehn und wurde trauriger, weil sie nicht ihm sich anvertraut hatte, sondern diesem Antonio. Da raffte er sich noch einmal auf.

»Aber Kunst,« sagte er, »ist Kunst nicht auch eine Sprache? Sie sind ein Künstler, behaupten Sie nicht, diese seelenverkündende Sprache zu besitzen, zu ahnen, zu erraten, was in uns, was in allen Dingen vorgeht, was für ein Sinn darin ist oder so, achten Sie nicht auf die Ausdrücke! Die Seele, Art, Leid, was Sie wollen, -- dies zu sagen, zu offenbaren?«

Der Maler schwieg eine Weile, wie es schien bedeutend nachsinnend.

»Nein«, sagte er endlich. Er winkte mit der Hand und wiederholte: »Nein, das ist nichts. Die Dilettanten sagen das immer, und alle, die über die Dinge nachdenken. Ich will damit nicht sagen, daß ich nicht auch ab und an etwas dächte, aber wissen Sie --« Der Maler war augenscheinlich nicht nur um Worte, sondern um alles verlegen und schloß plötzlich kurz: »Man malt eben.«

Er lachte leise und innerlich und setzte dann hinzu:

»Es giebt so wenig Seelen; am besten sitzt man für sich allein und bastelt so herum. Manchmal wirds was, manchmal nicht.«

Das war ja schrecklich banal! Georg war tief enttäuscht, da alle Aufschlüsse ausblieben. Und dieser Mensch, der so klug, der geradezu verschlagen geredet hatte, -- nun, wo er über seine Kunst, sein Innerstes reden konnte -- --, oder tat er nur so? Wollte er nicht? Er mußte es noch einmal versuchen.

»Ich verstehe, wie Sie es meinen«, sagte er bescheidenlich. »Sie malen, wenn ich so sagen darf, Ihre Seele in Ihr Bild, und der Betrachter sieht die seine heraus, nicht wahr? Es ist genau wie mit der Sprache eben.«

»Ja,« sagte dieser Mensch hocherfreut, »genau so ist es! Es ist ganz einfach, ich sagte es ja: man malt eben. Man kann etwas, das ist selbstverständlich; und man hat eine Seele, das ist auch selbstverständlich; nachher ist man denn Holbein oder vielleicht Vermeer. Andre wieder sind nachher vergessen. Was verstehen Sie übrigens unter Seele? Es geht etwas in einem vor, es bewegt sich, eine gewisse Neigung nach Ewigkeit, und für das, was einen bewegt, findet man in der Umwelt die Belege gewissermaßen, die Gleichnisse ...«

»Wir erkennen uns selber im Spiegel der Umwelt«, sagte Georg gedankenvoll.

»Oh!« rief der Maler aufspringend und ans Fenster tretend, »wenn Ihnen mit Schlagworten gedient ist, weiß ich ein ausgezeichnetes, das ich mir selber ausgedacht hab, nämlich: Kunst ist zu scheinbarer Objektivität gesteigerte Subjektivität. -- Praktisch ist natürlich alles umgekehrt.«

»Wieso?« fragte Georg, verdutzt vom Stuhl an der Tür zu ihm aufsehend, der sich mit dem Rücken ins Fenster lehnte und die Ellbogen in die Hände nahm.

»Weil es da die Beispiele, die Belege draußen sind, an denen man sich selber zu erkennen glaubt; das geht so hin und her.«

»Ja,« fuhr Georg verstehend fort, »alles ist Spiegel, alle Erscheinungen, und wir selber sind tausendfach gebrochene Spiegelbilder.«

»Und dies,« hörte er den Maler langsam sagen, »dies sind denn wohl so die Dinge, von denen man reden kann.«

»Und die wirklichen, was wären die?«

»Ach, so viel«, sagte Bogner. »Eine Kontur, so ein Kobaltblau in der Dämmrung, oder die Kerbe eines Blattes, und der Ansatz am Stiel, oder eine Nasenwurzel, -- ja, das sind schon Dinge, schon Dinge ...« schloß er ganz nachdenklich.

»Eigentlich aber,« sagte er, den Kopf hebend und den ebenfalls sehr nachdenklich gewordenen Georg voll anblickend, obgleich der, weil er gegen das Fenster sah, seine Augen nicht erkennen konnte, »eigentlich aber wollte ich Ihnen nicht dieses sagen.« Er verstummte und sprach nach einer Pause sehr freundlich, fast liebevoll weiter.

»Es ist so schwer«, sagte er langsam. »Ich kann es Ihnen freilich sagen, denn Sie werden ja trotzdem tun, was Sie müssen, und sich um mich nicht kümmern. Es ist ja so schön, wie Sie alles, was um Sie her sich ereignet, in Angriff nehmen und durchdenken, aber -- ich meine: es ist wie mit den griechischen und lateinischen Dichtern und mit Schiller in der Schule, an denen die grammatischen Regeln und der Aufsatz gelernt werden, wozu sie doch -- eigentlich -- nicht da sind. So benutzen Sie, wie alle guten jungen Leute, die Schicksale der Andern, um daran denken zu lernen.«

Er schwieg. Georg, ziemlich betroffen, sah ihn mit wagrechtem Finger sich unter der Nasenspitze reiben und hörte ihn fragen: »Kennen Sie Indien? Ich habe einmal gehört, daß die jungen Männer dort nicht in Schriftstellern und Algebra unterrichtet werden, sondern in -- Lebensfertigkeit gewissermaßen, wenn auch die geistige Arbeit dortzuland sich wohl vorwiegend mit dem Leben nach, nicht mit dem vor dem Tode beschäftigt, aber nun -- sie brauchen sich ja dort nicht vor Fahrplänen und elektrischen Bahnen in acht zu nehmen.«

Georg, in dem Glauben, daß noch etwas kommen solle, schwieg ehrfurchtsvoll und zugleich auf eine ihm schmeichelnde Weise gehoben, da der Maler zuletzt sich so viel ernsthafter gegeben zu haben schien, daß es ihm vorkam, als sei er selber älter geworden während ihres Gesprächs.

»Danke schön!« sagte er nun aufspringend und lachte, »nun muß ich aber fort.«

»Wenn Sie meinen,« sagte der Maler mitlachend und ihm die gereichte Hand drückend, »daß ich Ihnen jetzt doch meine Gedanken offenbart hätte, dann irren Sie sich. Es waren nur die von heute vormittag; die richtigen, die von voriger Woche, die hab ich für mich behalten.«

So ging denn Georg, nicht ohne starke Zweifel am zuletzt Gehörten, die er sich schuldig zu sein glaubte.

Schreibzimmer

_Coeur de fleures -- coeur sans peur_ ... Der Vers geriet im Augenblick, wo Georg die Tür hinter sich schloß, in sein Gedächtnis, während sich zugleich eine so heftige Beklemmung um seine Brust legte, daß er sich, gedankenlos den Flur in irgendeiner Richtung hinuntergehend, nach ihrem Grunde fragte und alsbald herausbekam, daß er Annas erschütterndes, vielleicht zu -- sonderbares Erlebnis während der letzten halben Stunde vergessen hatte; vergessen, obgleich er nur deswegen geredet und so auf den Maler eingedrungen war. Er stieg die Treppe hinunter und fand sich gleich darauf im strömenden Regen. Er hätte trockenen Fußes durch das Haus gehen können, aber er gönnte es sich, naß zu werden, wie Jakobsens Fennymore sich den Schnee, als ihr Mann tot lag und der elende Lhyne übers Eis kam. Was hatte der Maler gesagt? Schiller und Herodot und dergleichen ... Hatte er recht? Gegen die wild heruntergießende Strömung ankämpfend, erinnerte ihn der Anblick des im Regen schattenhaften Turms auf der Ecke an seine Mutter, der nichts so wohl tat wie die elektrische Luft beim Gewitter, während ihr Herz eine regelrechte Behandlung mit elektrischen Strahlen nicht vertragen hatte, und dies erleichterte ihn wieder. Die leere Fläche der Terrasse, auf die er zuging, ohne Möbel und Sonnenzelt, lag bräunlich und schütternd wie eine Wasserfläche mit den Kreisen der tanzenden Regenjungfern bedeckt; es plätscherte über die Stufen, auf dem dunkelbraun gewordenen Wege darunter kreuzten sich hundert bewegliche Rinnsale und Schnellen; die kleinen, weißen, dunkel und rosaroten Wolken der Rosenstöcke schwammen in den Regenschleiern hin und her, aufgeregt wie die bunten Kinderballons im Winde; einzelne Blätter trieben flackernd davon und segelten auf den Regenbächen, während oben in den Steinurnen die roten Geraniumranken in sich geduckt geduldig stillehielten. Alles wie frisch, wie lebendig und kühlig, -- ja, und nun mußte er obendrein vor der verschlossenen Tür stehn und warten, bis auf sein Klingeln ein Diener kommen würde. Sonderbar war der Anblick des dämmrigen Saals durch das nasse Glas, wo in den sechs deckenhohen Nischen auf vielen Konsolen übereinander die hundert kleinen Vogelfiguren aus Meißener Porzellan in ihren bunten Farben leise leuchteten, hier das satte Rot eines Dompfaffen, das Gelb eines Pirols, das Grün eines Zeisigs oder Wellensittichs, und wie still hockten sie alle!

Nasser geworden als vorhin im Teich, so kams ihm vor, konnte er endlich eintreten und ging, das Gesicht mit dem Taschentuch abtrocknend, links hinüber zur Tür, hinter der es von Schreibmaschinen klapperte. Er öffnete und trat, noch die Hände trocknend, durch die Spalte -- schon wütend angerasselt vom wetteifernden Geklapper der beiden Maschinen -- in den großen, hellen Raum mit drei Fenstern.

Das Mädchen am mittleren Fenster, das ihm den Rücken wandte, sah sich flüchtig um und fing an, auf ihrem Diktatblock zu lesen. Fern drüben am dritten Fenster bewegten sich fuchsrote Wellenscheitel in die Höhe, und dieses Wesen Fliddridd sah ihn blicklos an aus ihrem runden, weißen Gesicht. Sie kniff dabei die winzigen Augenschlitze zwischen dicken Lidern fast zu, während zwischen den Zähnen und leuchtend geraniumroten Lippen hervor langsam die Zungenspitze zum Vorschein kam, wieder von einem andern Rot, mehr bläulich, worüber Georg sich wunderte, auch über die Art, wie ihr ganzes Gesicht nun wie eine Seifenblase lautlos in Lachen zerplatzte.

Gans! -- Georg wandte sich ab und sah an der langen Wand der Aktenregale voller Ordnungsmappen den Doktor sitzen, breitbrüstig und stämmig vor seinen zusammengeschobenen, mit einem entsetzlichen Wirrwarr von Papieren beladenen Schreibtischen. Ach, was hatte der Mann doch für ein prächtiges Gesicht, so von der Seite besonders! Georg sah die vollen, gerundeten und geröteten Wangen, das starke Kinn, den hängenden braungrauen Schnurrbart, den mächtigen Uhuschnabel der Nase und den nachdenklichen Blick der feurigen, braunen Augen mit starken Tränensäcken unter hochgezogenen Brauen auf die schreibende Feder gerichtet, -- und nun, da er sich umwandte, hatte er die volle Ansicht von vorn: den Nasenrücken grade und streng und lang, die kräftig roten Wangen und die majestätische Giebelung der Stirn mit den hochgeschwungenen Brauen, während er mit seinem, immer gleichsam königlich erstaunten Ausdruck und nicht ganz anwesenden Geistes gleichwohl sehr erfreut lächelte.

»No -- Georg?« fragte er, noch immer ausbleibenden Geistes, doch teilnehmend immerhin.

»Du siehst doch aus wie König Saul«, sagte Georg näher zu ihm tretend. Er zog die Brauen noch höher, wiegte den Kopf jüdisch und hob die Schultern, lachte und sagte, langsam zurückkehrenden Geistes, halb geschmeichelt, aber abwehrend: »Ich soll wissen, wie ich ausseh!« worauf er mit der Hand in die Brusttasche griff, eine braunlederne Zigarrentasche mit Metallrändern hervorholte, öffnete und sie Georg hinhielt, indem er die Klappe mit der Hand zurückbog.

»No -- o, du rauchst doch 'ne Zigarre, Georg?« sagte er, und, da Georg sein Zigarettenrauchen vorschützte, »no -- was das schon heißen soll!« -- er wiegte wieder, seiner Sache gewiß, den Kopf -- »ich weiß doch, was ich weiß!« und lachte, da Georg jetzt zugriff, verschleimt und heiser, hustete sich aus -- »siehst du wohl!« mit triumphierendem Kopfschütteln und lachte vor sich hin, indem er, auf der Suche nach irgendwas, Papiere und Aktendeckel aufwarf, über der Tischplatte tastete und schließlich eine Streichholzschachtel und eine abgeschliffene, gelbliche kleine Zigarrenschere zum Vorschein brachte, -- allein nur äußerlich, innerlich längst wieder bei seinen Sachen. Während Georg seine lange Zigarre beschnitt, nahm er selber eine, entzündete sie beide mit einem Streichholz, setzte sich breit und rund im Armstuhl zurück und schlug die Beine übereinander.

Das Gesicht des Malers erschien Georg, seltsam anders gegen dies soviel prächtigere; und, woher, mußte er sich fragen, kommt wohl dieses? -- Er sah an der Wand von Doktor Birnbaums Wohnzimmer in Trassenberg die große, graue Vergrößerung einer Photographie des Vaters Birnbaum, der Synagogenhüter gewesen war, aber sein Gesicht mit wallendem, lockigem Vollbart glich ungemein dem des Kaisers Friedrich: die Nase freilich würde von der Seite wohl den Haken gehabt haben, den Georg eben vor sich sah.

»No -- Georg,« fragte unterweil seine breite, etwas nasale Stimme, »was ist das mit Magda? Mir wird da gesagt -- -- was weiß ich?« Er überließ seinen fragenden Augen das Ende des Satzes.

Georg wehrte ab, es sei gar nichts, jemand, ein Fremder, ein Bekannter des Malers, den er wohl gesehn habe, sei in den Teich --, Georg brach ab, da ein unsichtbares Telephon anzirpte. Doktor Birnbaum warf wieder alles mögliche zur Seite und übereinander, Aktenbogen, blaue und gelbe Mappen und offene Briefe, griff den Telephonhörer von der Gabel und sagte, den Ellbogen auf die Platte stützend, hinein: »Ja?«

»Immer sagt er bloß »ja« ins Telephon«, bemerkte Georg halblaut zu Fliddridd hinüber, die lachte: »Nich wahr?«

»Flora?« hörte Georg ihn weiter sprechen, »mit Magda? Ja, das frage ich ja eben.«

Er lachte, drehte sich im Hören zu Georg und redete, ihn mit seitwärts horchenden Augen anblickend, weiter, so daß Georg das Gefühl hatte, er und seine Frau drüben redeten gleichzeitig.

»Ja ... ja. Georg ist eben da. -- -- Ja. -- -- Ich frage ja eben, er sagt ... No, was wirds denn schon sein? Gar nichts wird es -- -- Was? Hineingeritten? No, er kann dirs ja selber ... Wie? ... Er kann dirs ja selber, sag ich ... No, also schon gut. Erkältung? Ach, wo wird sie sich gleich erkälten! Das Wasser -- -- -- was? -- -- das Wasser ist ja ganz warm. Also -- --« Seine Stimme mit den breiten Altenrepener A-Lauten wurde allmählich kleiner, er sagte nur noch eine halbe Minute lang: »Ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja -- --«