Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 45
Es giebt nur schöne Dinge auf Erden, dachte Georg voll Inbrunst und mit allem versöhnt. Ein alter Herr sprach von Großvätern und Beaune la Rolande. Alte Damen standen überall und lächelten augenblicks, wenn er sie ansah. Ulrika Tregiorni wandelte vorüber in Mattgelb mit weißem Überwurf und weißen Fichus, Antlitz wie Chinaporzellan, edelstes, schwarze Holunderbeeren in dunkelrotem Haar, welch unerhörte Erfindung! Josef Montfort schritt nachlässig herum und wehrte alles von sich. War das Anna, die dort tanzte, wie groß sie war? wie schmal in Hellblau, wie ernsthaft sah sie beim Tanzen vor sich hin. Männer und Frauen. Cora drang auf Georg ein mit flattrigem Haar, in bronzefarbenem, dünnem Samt, herbstlicher, lockerer, vergehnder als je. Wo war Renate? Cora redete unaufhörlich, Bogner trat herzu und sagte, daß Renate mit Magda gegangen sei; Magda habe darauf bestanden, noch mit dem Nachtzug nach Helenenruh zu fahren. Georg sank das Herz. Cora zwang ihn, mit ihr zu tanzen. Danach tanzte er unaufhörlich. Viele Mädchen waren da, für die er eine Erlesenheit bedeutete. Plötzlich löste sich die Gesellschaft auf; Georg entlief.
Nachtgarten
Er stürmte in die Nacht; Straßen flogen vorüber, Lampen schwebten über ihm still hinweg, er flog über einen Platz, hinein unter die schwärzlichen Hallen der Allee. Er wollte an dem Gitter hinter der Brücke am verschlossenen Garten stehn; was zog ihn nur dorthin? Er lief. Oh nun war es kein Palais und war kaum eine Natur, die ihn draußen im Weiten erwarteten, diesmal war er selber es allein. Er, er, er, der Mensch, der wahre, der nichts als Mensch, stand dort irgendwo angebunden zwischen Bäumen, unter Sternen, in der Nacht, ein Schwankendes im Nachtwind, ein Gefäß aller Düfte, ein Nachtspiegel der Gestirne, ein Auge göttlich, ein Ohr empfindlich wie Tieresohr, eine schluchzende Brust, ein Herz, oh, eine flutende Seele! Hin sich zu werfen an Erdboden, in Gras, anzubeten, wie eine Quelle Bluts von Ewigkeit oder Vergänglichkeit verschluckt zu werden, o mein Gott! Den dort Wartenden mußte er finden, ihn fassen, ihn umschlingen, in ihn schmelzen, ach das würde eine Wiederfindung sein, ein Tod, eine Auflösung und eine Auferstehung, von der die Dichter nichts ahnten. Oh Geliebte, Geliebte! Sanft werden, schluchzte er, Kind werden, wie du werden, dir ähnlich, dir nahe sein, in deiner Brust eine Musik, in deinem Herzen ein einziger Schlag, in deinen Augen ein Splitter von Gottesglanz, all dies nur einmal, nur einmal! -- Nachtigallwirbel flogen schon zwischen Sternen, eine ungeheure Stille kam ihm riesig entgegen, eine Wasserfläche glänzte dunkel auf, er rüstete sich, darüber hinzuströmen wie ein Schwanenschwarm, aber eine Festigkeit unter den Füßen schwenkte ihn herum, da stand er Sternen gegenüber, die ihn alle anblickten. Gott, seid ihr viele! schrie er entsetzt. Wars hier, o mein Gott, war es hier? Wo war die einsamste Stelle, wo war der Platz der Erde, allein gemacht für ihn, seit Ewigkeit bestimmt und stark genug, die Unendlichkeit seines Gefühles zu tragen? Er eilte weiter, keuchend, stammelnd, reimend, zuckend von einem unaussprechlichen Namen. Was sind alle Kronen der Erde vor dir, und doch bricht unermeßliches Verlocken aus deinem Blick, sie alle zu erobern! Und Verlockung unermeßlich aus deinem Mund, meinen Namen fortzuwerfen wie eine Scherbe! -- Da war das Gitter; es schüttelte ihn, er krümmte sich, hing an den Stäben, und aus der verschlossenen Mondestiefe des Parks, unsäglich fern, scholl der Liebesvogelton und klagte um ihn. Da weinte er um sich, da hatte er einen Schmerz gefunden, da ward es wunderbar still, und leise wagte er eine Silbe und sagte: Renate. -- --
Georg ging in einer dunklen Straße der Altstadt. Hier gehe ich, dachte er, hier ist jenes Stück Weg, jener Brückensteg, zu dem keine Wege hinführen, auf dem man sich so findet, nachts, allein, von nirgendwo hergekommen. Irgendwo ist die andre Stelle, wo alles abriß, wohin es kein Zurück giebt, wo das Brett über das Bodenlose ragt, von dem ich hierher hinuntergestürzt bin. Nun gehe ich nachhause. Ich war wohl eben recht aufgeregt, nun bin ich kühl, ach, das kommt vor, später werde ich mich daran erinnern. Nachhause? Ich denke nicht daran! Ich will fort! Ich muß fort von ihr, wie könnte ich mich entschließen angesichts ihrer Unsäglichkeit. O du tausendmal verdammte Vergänglichkeit! Was soll mir denn der Rausch, die Erglühung, die Hingabe, wenn da keiner ist, der sie nimmt und für Ewigkeit verwahrt. Ich will sie nicht zurück haben, aber ich will einen wissen, der ewiger ist als ich, und der es alles erbt, dem alles zufällt, der es nimmt wie ein Stern oder eine der lauen, vorüberfließenden Wellen in der Luft, die allein für sich den noch unbekannten Frühling durch die Nächte trägt, aber ich bin hier unten, ewig hundertmal verdammt, mich zu überleben! Mit süßen Leichnamen behangen ziehn wir unseres Weges, o Allmacht, nach Hause, wie der drüben, der Einsame, der aussieht wie Benno. Er schwingt die Arme, es ist Benno.
»Benno,« rief Georg, »wie kommst du hierher?«
Ach, Benno war entzückt, ihn zu sehn, er sprach noch leiser, noch unterirdischer als sonst vor stiller Freude.
»Ich konnte nicht schlafen, Georg, ich mußte in die Nacht! Ich mußte so viel an meine Mutter denken, und wie gut ich es nun bekommen soll. Es ist zuviel, es ist fast zuviel! Und ich dachte an dich -- warum kamst du nicht zum Figaro? -- und all deine Güte, und so lief ich dahin! Und nun kommst du selber gar, es ist fast nicht zu glauben!«
»Höre, Benno,« sagte Georg, »ich muß noch diese Nacht auf einen Stern verreisen, und du sollst mit mir kommen. Es ist unumgänglich. Ich bringe dich jetzt nach Hause, du schreibst drei Worte für deinen Vater auf, daß du mit mir fort in die Gegend wärest, dann nimmst du eine Handtasche -- du hast eine Handtasche! -- legst eine Zahnbürste und ein Nachthemd hinein, und dann gehn wir in mein Hotel, schlafen womöglich noch zwei Stunden und fahren um drei mit dem Vlissinger Zuge.«
So schwach Benno sich widersetzte -- denn der Gedanke schien preiswürdig, mitten in der Nacht zu paradiesischen Ländern aufzubrechen, fing Georg fast an zu weinen vor Angst, er könne ihn wirklich allein fahren lassen, und begann vor Verzweiflung so zu bitten, zu flehen: nur diesen Freundschaftsdienst und -- er hielt inne, vor Bennos erschrockenen Augen seine Raserei bemerkend, aus der er ihm ums Haar goldenen Hafer aus marmorner Krippe versprochen hätte.
»Ja, was ist denn nur? was ist denn geschehen?« fragte Benno verstört. Er beschwichtigte ihn wieder, er würde ihm alles später erzählen, wenn er nur erst verspräche, mitzukommen. -- Da gab Benno nach, Georg atmete auf und drängte ihn eilig von dannen.
Neuntes Kapitel
Treppenhaus
Renate hatte, vom Bahnhof und Abschied Magdas zurückkehrend, sich alles aufsparen wollen -- alles zu Fühlende und zu Denkende, was sie seit Mittag bis zum letzten Augenblick von Magdas Gegenwart aus sich verdrängen oder in Haltung hatte verwandeln müssen -- aufsparen bis zu der Minute, wo sie ihr Zimmer betreten und damit sich allein in ihrem Gehäus haben würde. Jetzt aber, als sie die Treppe aus dem stillen, erleuchteten Hausflur emporstieg, sank eine Last von Schatten dergestalt über sie, daß plötzlich ihre Füße an den Stufen hingen, sich kaum von einer zur andern heben lassen wollten; und weiter als bis zum Absatz, wo die Treppe sich bog, gelangte sie nicht.
Wovon war die Luft denn so schauerlich dumpf im Haus? -- Sie glühte mehr im Gedanken, daß es Luft der Seele, Luft des Schicksals sein könne, die sich so drückend auf ihre Brust legte, und schwer atmend öffnete sie ihre Jacke am Halse und schob den Schleier über die Stirne hoch. Dann legte sie die Muffe vor sich auf das Geländer, lehnte sich dagegen, und aus nun vollkommener Bewußtlosigkeit ihrer selbst folgte ihr Auge erstaunt dem weißen Säulengeländer empor zur Galerie und weiter hinunter bis zu der kleinen, gelblich verhangenen Lampe im Eingange des Flurs, an dem ihre Zimmer lagen. Von dort abfallend, glitt ihr Blick wieder hinunter an der weißen Täfelung der Wand, über das Geflügel, Gemüse, Wildbret und die Früchte des großen und dunklen Hondecoeterschen Stillebens, bis sie den hellblauen Läufer am Boden wie einen sehr stillen Bachlauf rinnen sah.
Mit einem Male fiel ihr ein: Weihnachten bekam Magda ein Telegramm von Georg. Und dies Telegramm, ja war nicht es allein schuld, daß Magda Gefühle in Georg vermutete, die vielleicht damals schon nicht mehr vorhanden waren? Dann schrieben sie einander Briefe, sie war glücklich darüber, und er -- ich weiß nicht, was er schrieb, vielleicht war er nur zu schwach, nicht zu schreiben, vielleicht bildete er sich ein ... Nun gleichviel, aber an dem Telegramm jedenfalls war Bogner schuld und ich mit ihm. Ach, was hatte doch Magda einmal geschrieben? ein Wort Bogners ... Kein Mensch könne bei irgend etwas, das er geschehn lasse oder ... nun jedenfalls, die Folgen einer Handlung seien nicht zu ermessen, -- ja, das war äußerst wahr und einfach, -- und doch -- dies Telegramm -- dies Telegramm ... Es wollte Renate nicht aus dem Kopf, sie grübelte fruchtlos und beschwerlich herum, -- langsam, unwiderstehlich fielen ihr die Augen zu.
Kaum aber in dieser Dunkelheit angelangt, wurde sie fortgerissen vom leuchtenden Wirbel der Hochzeit und, ohne die Augen wieder öffnen zu können, glaubte sie zu schwanken wie auf einem Schiff; ein Wirrwarr von Musikrhythmen, deutlich die Stimme des Klaviers, der Geige, Walzer-, Quadrillen-, Polkastücke durchjagten sie, sie fühlte sich unsichtbar umschlungen und davongedreht, dahingeschleift; Lampen, Gesichter, Ballkleider, Säulen schwirrten um sie her, sichtbar auf einmal erschien der rötliche Kopf des Onkels, -- er saß rauchend in einem Winkel und schien behaglich zu plaudern. Da stand der Erasmus und sprach mit jemand, ernst und sachlich, Josef schlenderte neben einem jungen Mädchen durch den Saal, Magda schwebte, schmale, lichtblaue Erscheinung, vorüber ... Mühsam riß Renate die Augen auf und erschrak, sich trotzdem im Dunkel zu finden.
Was war denn das? Träumte sie? War sie blind geworden? -- -- Sie tastete, rückwärts tretend, nach der Lichtkurbel, drehte, -- es blieb finster, doch die Finsternis färbte sich alsbald weißlich, es dämmerte, sie erkannte das Treppengeländer, die Wand, -- und so merkte sie wohl, daß nur das elektrische Licht plötzlich versagte. Doch auch das schien ihr in diesem Augenblick seltsam und traurig genug -- als ob das Haus kein Licht mehr brauche --, um sie davonzutreiben, und hastig, sich aufraffend, erstieg sie in der immer weißeren Dämmrung die zweite Hälfte der Treppe, ging die Galerie hinunter, in den Flur und -- zauderte -- -- jetzt kam etwas -- jedoch nur einen Augenblick. Dann bewegte sie sich bis zu ihrer Zimmertür vor, an der linken Seite des Flurs. Die stand weit offen.
Anstatt aber in ihr Zimmer blickte sie in einen weiten Raum, der von einer milchigen, weißen und lichtblauen Dämmerung wie von einem Nebel erfüllt war. Aus ihm, wie er langsam durchsichtig und klarer wurde, löste sich ein Halbkreis von schönen, lichtblauen Säulen, die ganz glatt wie aus sanftem Licht, von innen leuchtend in der weißen Nebelluft, schwebten, und zugleich strömte ihr ein Hauch von Frische mit einem inbrünstigen Narzissengeruch so stark entgegen, daß sie wollüstig aufatmete. Gänge von blauen Säulen schienen in alle Tiefen zu führen, wo eine bläuliche Dämmerung aus ihnen schmolz, wie ein Wald. Da bewegte sich etwas auf der Lichtung vor ihr, und sie erkannte jetzt, leise erschreckend, ein schneeweißes Tier, von ihr abgewandt, kaum größer als ein Reh, unendlich zierlich auf zarten Beinen und Hufen, über die ein langer, schneeweißer, lieblich gewellter Pferdeschweif herabfiel. Den Kopf hielt es gesenkt, so daß er ihr nicht sichtbar war. Jetzt -- nun hatte es ihn erhoben. Sie sah betroffen ein großes, braunes, horchendes Auge, das sie nicht zu beachten schien, und sah das lange, wunderschön gedrehte weiße Horn, das von der Tierstirne nach oben ragte. Und nun, während ihr das Herz zitterte über die Lieblichkeit des Tiers, setzte es sich in Bewegung, zog einen langsamen Kreis unter unendlich anmutvollem Heben und Setzen der kleinen Füße -- mein Gott, wie jung es noch war! -- und ging zwischen den Säulen ruhig davon. Einen Augenblick noch bewegte sich in der Ferne der Silberfall des Schweifes, -- es war verschwunden, und langsam begann das Blau der Säulen sich zu verhauchen; es löste sich alles in milchfarbene Nebel auf, und sie stand dicht vor ihrer weißen Zimmertür, im nächsten Augenblick im Zimmer selber, das noch immer von dem starken Narzissenduft über und über erfüllt war.
Dunkel
Renate merkte, daß sie auf einem Stuhl saß, und blickte ratlos umher. Noch einmal schwebte das Blau der glatten Säulen hervor, noch einmal mitten im Nebelsee das tiefe braune Auge, die kaum erkennbaren Umrisse des weißen Tiers, und als alles wieder fort war, fühlte sie sich überaus erfrischt und voll Dankbarkeit gegen das Wunder der Erscheinung. -- Um sie her hatte ihr Auge es schon hell genug gemacht, um sie alles wieder erkennen zu lassen, allein wie auch Gegenstand um Gegenstand, ein wenig umhüllt nur von Nächtigkeit und Zwielicht, erschien und Art und Namen nannte, fand sie sich in so unbegreiflicher Fremde, daß sie Augenblicke lang glaubte, ein falsches Zimmer betreten zu haben. Nein, die Dinge selber waren unbekannt geworden ... Was war denn das, diese große und starke weiße Säule dort, die einen Granatapfel auf der Kuppel trug? Ihr Ofen -- ja, und der weißsamtene Vorhang daneben verdeckte die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Weiterwandernd erkannte sie die weißlackierten Rahmen des Büchergestells an der Wand, die goldenen und mattfarbenen Rücken und auf dem obersten Brett die drei schönen Dinge: die dumpfblaue Vase voll weißer Tulpen, die runde, weißperlmutterne Wölbung der großen Nautilusmuschel und die kleine goldene Statuette des schmalen indischen Gottes. Sie drehte sich ein wenig im Stuhl, da war dicht neben ihr der kleine, eingelegte Tisch aus gelber Birke, die Kristallvase darauf mit groß entfalteten weißen Rosen, -- sie erkannte die Stiele im Glas, -- mehrere Blätter lagen auf der kleinen, gestrickten Decke darunter und der blanken Politur --, als schon das tiefe Seidenblau des Sofas dahinter ihre Augen erfüllte. Und dann sah sie auf dem Schreibtisch deutlich den fremden Berg weißer Blumen, der still dalag und atmete.
Josef ... dachte sie und rührte sich nicht. Kein Weg strahlte von dem Namen aus. -- Nun eilte der leichte Silberschlag der Uhr mit raschem Schritt wie eine geflügelte Botin durch das immer hellere Zimmer, im Vorbeilauf sie streifend, ohne daß sie imstande war, die Stunde zu erhaschen. Doch stand sie langsam auf, nahm Hut und Jacke ab und legte sie auf den Stuhl, wobei ihr auf einmal Ulrika Tregiorni erschien, schwarze Holunderbeeren im dunkelroten Haar, vom Tanzen erblaßt, aber lächelnd, und sie fand sie, deren Wesen ihr nie ganz nahe gekommen war, in diesem Augenblick sonderbar rührend oder -- schutzbedürftig. Die gute Ulrika! Da war zum ersten Mal Einer vor sie hingetreten, den es anzuschaun lohnte, ein richtig Fremder, nie Dagewesner, eine Art Weltwunder oder Mondbewohner, der sich wie Cyrano vom Kastanienast in ihr unbesorgtes Mädchenland herabgeschwungen hatte. Herr von Bergerac war nicht wirklich auf dem Monde gewesen, aber er kannte alle Methoden, um hinzugelangen, wie unerhört! -- Leise lächelnd nahm Renate Hut und Jacke wieder vom Stuhl auf und trug sie ins Schlafzimmer, wo sie ihr meergrünes Hochzeitskleid noch über dem Bett liegen sah, und im nächsten Augenblick war sie, ohne nachzudenken, dabei, Rock und Bluse aus- und das Kleid anzuziehn. Vor den Spiegel tretend beim Zuhaken, drehte sie vergeßlich die Lichtkurbel, es blieb dunkel, sie erinnerte sich nun und sah sich gleich darauf seltsam fern in der dunklen Spiegelhöhlung stehn, -- wie eine gefangene Meerfrau anzusehn, fand sie, leise frierend am bloßen Hals und den Armen.
Wieder im andern Zimmer schritt sie zum offenen Fenster rechts neben den Schreibtisch, die Blumen absichtlich übersehend und was etwa darunter sein mochte, schlug den Vorhang zurück und blickte in den nächtlichen Garten hinunter. Der war geisterhaft still und ergraut, das schwarze Gespinst der Baumkronen hing unbeweglich vor dem Unsichtbaren, Dunklen des Himmels mit wenigen, zittrigen Sternen. Grau lag in der Tiefe der Rasenplatz mit dem grauen Postament der Sonnenuhr. Kühl näherte sich die Luft und küßte sie leise an mehreren Stellen zugleich, Gesicht und Hals. Überdem bemerkte sie, daß sie die Aufgabe hatte, schwere Dinge zu bedenken, alles was mit dem Hause vor sich gegangen war, allein sie vermochte es nicht. Ich kann ja gar nicht denken, murmelte sie vor sich hin. Darauf fiel ihr ein -- hatte nicht Shakespeare das gesagt --, nein, eine Frau bei Shakespeare sagte so ungefähr: Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin und nur denken kann, wenn ich rede? -- Sie lächelte und verlor sich.
Langsam wurde vor ihren Augen alles dunkelblau; in dem Blau entstanden zwei weiße, rechteckige Flecke, und sie merkte, daß sie, über den Tisch gebeugt, auf die dunkelblaue, straffgespannte glatte Seide ihres Sofas hinunterblickte, aber die weißen Flecke waren die Bilder darüber auf der lichtgrünen Wandbespannung, zwei aus den Tänzen Ludwig von Hofmanns, in weißen Rahmen, und während nun ihre Augen von der zarten Woge tief sich verneigender Frauen zur Linken nach dem nackten, weit und luftig daherspringenden Tänzer zur Rechten hinüber und zurück wanderten, schillerte dahinter allmählich wieder der Tanzsaal auf, Ulrika schwebte vorüber, Josef drehte sich wie ein Halbgott voll Seelenfriedens um sich selbst und seine Tänzerin sich um ihn, beseligter als er, das schien gewiß. Sie sah Erasmus auf sich zukommen, gut tanzte er nicht, doch auch nicht schlecht, und nicht unritterlich, aber Georg -- er hatte tiefe Augen gemacht, bemerkenswerte Augen, aber -- ich mag ihn gern, dachte Renate, er sieht doch richtig aus, wie man sich so einen jungen Prinzen denkt, sein Blick ist gut und ehrlich, ich glaube, daß er nur aus falschem Mitleid an Magda geschrieben hat, -- ja, mein Gott! -- Zwischen andern alten Herrn erschien ihr der Onkel im Rauchzimmer, wie immer anzusehn, wie immer ... Ihr Herz klopfte plötzlich hart. Was wird nun werden? fragte sie schwer und ratlos. Josef -- ah, ich weiß, daß er nicht für immer fortgeht, weil ich ihn halte, ich! -- -- Überdem wanderten ihre Augen über den Schreibtisch hin zu dem kleinen, weißen Gipskopf des Ech-en-Aton auf dem Pfeiler in der Ecke. Oh wie es blüht, dein Göttergesicht, dachte sie ergriffen. Beschattet, weißer als die Narzissen, schimmerte das zarte Antlitz, der Mund, süß gewölbt, lebte, atmete, die Augen unter gesenkten Lidern blickten verschleiert in unendliche Zeit, die er über sich fortrauschen ließ mit unendlicher Geduld. Ewiger, was siehst du denn? Ewiger! Immer die Sonne, den flammenden Gott, und fühlst seine kleinen, segnenden Hände auf Stirn und Lidern und Mund und glühst unverzehrt durch Jahrtausende ihm zu? -- Schweigsam und über die Maßen edel schwebte das kleine Antlitz, sanft emporgehalten vom Hals, nicht lächelnd, ernst -- ernst -- ernst ... Aber Josef hatte es einmal dorthin gestellt und die Säule, die es trug, war von ihm, -- Renate seufzte, ging nun endlich zum Schreibtisch, setzte sich davor und ließ ihre Augen in den rotgeränderten Kelchen der Narzissen umherwandern. Vieles muß nun ausgefochten werden, bestimmte sie, ich werde es -- -- ja, was denn? Da sah sie den Onkel; allein, obwohl gleich von warmer Liebe und Mitleid überflutet, war etwas an ihm, das sie völlig fernhielt. Ja, allein würde er dies tragen, ganz allein: ihr blieb nichts, als weiterhin zu tun, was immer ihre leichte Aufgabe gewesen war: das Haus im Stande zu halten. Ja, nur eine einzige wärmere, zartere Bewegung von ihr, gerade jetzt, konnte ihn nur schmerzen, nur verletzen. -- Ach, und dann Magda! Kaum erlöst, kaum genesen von diesem schauerlichen Winter traf sie der Doppelschlag an einem Tag, von Georg her und vom kranken Vater. -- Glühend in trüber Hülflosigkeit dachte sie: Auf einmal bin ich allein. Und nun wird es ja Frühling ... Sie breitete unvermutet die Arme aus, es kam aber nichts, als daß sie sich über die Blumen warf mit beiden Armen, mit dem Antlitz und mit großer, brennender Pein, Wangen, Mund und Stirne badete, und als sie aufsah, war es ihr, als hätte sie geweint.
Ihre Brust schmerzte. Geweint? murmelte sie ungläubig, um wen denn?
Da flammte sie auf. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und zerdrückte etwas im Herzen mit aller Gewalt, das aber, anstatt zu schwinden, mit solchem Triumph wieder hervorbrach, daß ihr schwindelte, daß sie -- ratlos für Augenblicke -- an ihrem Hals tastete nach etwas, das nicht da war, dann den Narzissenberg zur Seite räumte, den Brief, den sie darunter fand, irgendwohin legte, nun aufstand, ins Schlafzimmer lief, umhersuchte, endlich auf dem Frisiertisch die schwarze Schnur mit dem kleinen Schlüssel fand, wieder zurück eilte, die mittlere Schreibtischlade öffnete und aufatmend das Buch hervorholte, in das sie seit ihrer letzten Reise fortgefahren hatte hier und da eine Eintragung zu machen. Blätternd, bis sie die erste leere Seite fand, tastete sie nach der Feder, tauchte ein und schrieb -- die Schriftzüge kamen im Halbdunkel kaum leserlich unter der Feder zum Vorschein -- das Wort: Geliebter! groß hin. Dann, fliegend, darunter: Benvenuto ...
Sie wollte weiter, sie hielt ein. Jählings fühlte sie sich eiskalt am ganzen Leibe. Da sah sie ihn stehn, in der Dunkelheit, unter den Bäumen, außerhalb des Gartens; sie verspürte den zitternden Schlag wieder, den sein Anblick ihr versetzte, den fast mit Wut aufspringenden Quell ihres Herzens, den monatelang verdämmten, und zuletzt den schweren Schmerz, den es sie kostete, als sie die ganze Trunkenheit wieder hinunterdrückte unter ihre Füße, um -- wie auf einen ringelnden Drachen -- daraufzutreten.
Jetzt war er wieder da. Sie las die Worte, die sie geschrieben hatte, beschämt und verwirrt, legte leise das Buch in die noch vorstehende Lade und schob sie zu. Wie lange, wußte sie nicht, aber sie saß angelehnt im Stuhl, als sie sich wieder fand, unaufhörlich aufwärts lächelnd gegen das kleine Königsgesicht, zu sich kommend so müde und so erstaunt, als wäre sie für Minuten selber in eine Narzisse verwandelt gewesen, lodernd von Süße und von Seele.
Sie erinnerte sich des Briefes von Josef, fand ihn auch neben den Blumen, entzündete die Siegelkerze, schlitzte, während die Flamme sich langsam entfaltete, den Brief auf und fand mehrere große Bogen darin nebst einem zweiten gefüllten und versiegelten Briefumschlag, auf dem in Josefs schwarzer und feurig aussehender Schrift geschrieben stand:
»Zu lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.«
Matt lächelnd, ohne zu verstehn, faltete Renate die offenen Bogen auseinander und begann zu lesen.
Brief
Liebe Renate:
Dein Verstand sagt Dir beim Anblick meiner Handschrift auf dem Briefumschlag, was dies alles bedeutet.
Als wüßte sie es jetzt erst in der Tat, hielt Renate inne und richtete die Augen von dem Geschriebenen in die gelbe Lichtflamme.
Ja, nun war es unheilbar. Er war gegangen, an diesem Tage, in solchem Augenblick. Nein, was man ein Herz nennt -- Spittelers Hündlein kam ihr ins Gedächtnis -- etwas Weiches, besaß er nicht. Er tat und ließ nach Gedünken. Ihre Gedanken irrten ab, sie senkte die Augen wieder auf das Papier.
... was dies alles bedeutet. Gott segne Deinen Geist, bete aber fleißig, daß er Dir nicht verwirrt werde in diesem geistlosen Lande. Mach Dir keine Sorgen wegen meines Fracks; ich habe, wie Du weißt, Gelegenheit, ihn mit der Reisekleidung zu vertauschen. Dort werde ich auch den Abschied nehmen, der nun einmal bei allen Reisen genommen werden muß, so daß ich mir den unsrigen ersparen kann. Zuvor aber sind einige Worte noch unumgänglich.