Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 44
Das also war gemeint? Seine Gedanken überstürzten sich jählings, Scham, Entrüstung, Betäubtheit flammten und waren schon in Hochmut und Begierde hinüber. Gegen meine Sterne? Oh nein! Auf diesen Thron _soll_ ich, obgleich ... Da sprang ein Wort blitzschnell auf und lief wie eine Kugel fort; er tastete nach einem andern, fand keins, -- da sah er das erste liegen, still, beflissen, oder geduckt, wie ein listiges Tier, und er griff es und sagte: ja, obwohl ich ein Bastard bin. Laut, hell und deutlich sagte eine schneidende Mädchenstimme: »Bastard von Orleans!« und: »Du willst Gott versuchen!« vollendete er die Verszeile. Gott versuchen, Gott versuchen ... was heißt das? Unsinn, er war ja keiner! Ein Bastard war eines Fürsten natürlicher Sohn, er aber war gar nichts, sondern war -- Nun hab ichs, schrie er erbost, nun hab ich das ganze Mittelalter und alle Hintertreppen in der Faust! -- Er lief aufgeregt am Palais vorbei, dann den Weg hinunter, den Graben hin, der aus dem Park hinterm Schlößchen kam. Ich weigere mich, sagte er, ich weigere mich, dies zu verstehn. Kann ich vielleicht jetzt auf einmal Erziehung und Gewohnheiten, alle Gedanken und Empfindungen, mit einem Wort mein ganzes Ich abstreifen und ein Andrer werden? Nein, es ist ja anders! Ich soll der ja sein, der ich bin, das aber ist eben ein Andrer, ein ganz Fremder, den ich weder kenne, noch irgendwo entdecken kann. Das ist eine unlösbare Verwirrung. Innerlich, Herrgott, innerlich ist doch nichts verändert, warum soll man denn da seine ganzen Kleider ausziehn!
Er kreuzte Wege, ging über eine Brücke, gelangte an den Teich, stieg abbiegend den Weg hinan und lief gegen eine breite Gittertür. Richtig! der französische Park! Da war die Geländerbrücke, über welche die Gittertür gespannt war; dunkel lag das Wasser der Gracht, fern, zwischen den Heckengängen war ein Fontänenbecken sichtbar; weit zur Linken stand der Säulenpavillon, schön und einsam, sehr still. Wie bin ich hierhergekommen? fragte er. Antwort gab eine seltsame, erst unverständliche, geheimnisvolle Stimme aus der Tiefe der Gärten, lang flötend, noch prüfend, schon brünstig, die erste, viel verfrühte Nachtigall. Oh Gott, Renate!
Ja, Benno, und was wird nun aus dir? Oh verfluchtes Gitter, schrie er und packte einen der Stäbe, bin ich denn nun ganz närrisch geworden? -- Er ging ein wenig beschämt die Chaussee nach Westen weiter, während die Gedanken in ihm sich nun unaufhörlich jagten und umschlangen und zuweilen die Redensart >Bastard von Orleans< an die Oberfläche brachten. Was würde Bogner wohl an seiner Stelle tun? Ach, das war ja klar! Aber erstlich war er ein Maler, er hatte etwas, hatte sich selbst voll in der Hand, und -- und wenn ihm so etwas vor fünfzehn Jahren passiert wäre? Was tat er vor fünfzehn Jahren? O Pech und Schwefel! er ging auf und davon. War es denn überhaupt möglich, sein ganzes Dasein auf eine Lüge zu setzen? Georg sah die Lüge alsbald deutlich in Gestalt einer großen Schildkröte, auf deren Rücken er einen genau gehaltenen Würfel von Granit setzte, empfindlich fühlend, daß die Kröte sich bewegte und nicht standhielt. Ja, auf eine Lüge, sagte er, nun wollen wir der Sache wenigstens ins Auge sehn. Was ist das für ein Schornstein da rechts?
Die Chaussee hatte ein Ende genommen; er stand auf einem Wege, der vorüberführte, der rechts nach zwanzig Schritten zwischen Bäumen und Gebäuden verlief, aus denen sich der riesige Schornstein erhob, -- ah, es war die Wasserkunst für die Herrenhäuser Springbrunnen! -- links in die Ferne zog, wo das Schlößchen unsichtbar liegen mußte. Grad ihm gegenüber dehnte sich das niedrige Dickicht der Laubenkolonien, aus dem Türmchen und Wimpelstangen ragten, und Georg entzifferte auf einem großen Schild über einem Torbogen ungeduldig in verschlungenen Buchstaben: Draht--wurm--hausen. Dann blickte er über die unregelmäßigen Wiesenflächen hin, über denen es dämmerte; fern dahinter standen Häuserreihn, noch vom Abendhimmel angeschienen, dazwischen schon die stechenden Lichter der Laternen, -- die Fabrikstadt. Wo war denn nun der Fluß? Georg ging auf den Schornstein zu, an der gelben Mauer hinunter und stand gleich darauf über dem Fluß auf steilem Ufer; schön abendklar lag die Fläche, auch dunkel und still; rosenfarbene Abendwolken schwammen zwischen den schwarzen Ufersilhouetten; drei Wellenbrecher standen schwarz und still darinnen, und jenseit war der westliche Himmel, pfirsichfarben, rosenfarben und silbergrün und bläulich und hellgolden mit schwarzer Schattenlandschaft eines in Baumwipfel gebetteten Dorfes. Georg stand ergriffen davor, schwieg sich minutenlang aus, hörte es endlich murmeln irgendwo: O wie hängt mein Dasein an allem diesem! Dies bin doch ich, diesem gehör ich, dies kann ich immer haben! Hier kann ich meine liebe Seele von mir gehn heißen, kann sie vor mir wandeln sehn ungebunden, über Fluß und über Flächen, schwinden sehn im Dunkel dort unter Bäumen, unter Dächern, in aller Friedfertigkeit, aufgelöst und wunderbar getrost. Und wenn ich winke, so kehrt sie zurück, tritt gerne bei mir ein, bringt mir, was sie hat, legt mir Wipfel und Sterne, Ströme und Nachtigallen in die Brust und sagt: Wir sind zu Hause ...
Seufzend wandte Georg sich endlich ab, kehrte sich um, blickte über die dunklen Wiesen hin und dachte: Was soll ich tun? Meine Seele wird immer mein sein, immer mein die Plätze, wo sie untrüglich redet und schön, da mag ich vor der Welt sein, was ich bin. Welche Veränderung soll denn nun mit mir vorgegangen sein? Ja, eine ist vor sich gegangen! Denn Mutter, -- sie entglitt mir nun ganz -- Vater aber, -- ihn liebe ich nach wie vor, mehr sogar vielleicht, ja mehr, denn -- -- seine Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, er schwankte blindlings, fühlte einen Pfahl im Wege, und über ihn gelehnt, weinte er wild und lange, hin und wieder stammelnd: Vater! oh Vater! bis er sich ausgeweint hatte und, sein Gesicht trocknend, mit schmerzendem Kopf und brennenden Augen weiterging.
Nichts, sagte er zu mir, habe sich gewandelt. Mich empfinde ich nicht um Haaresbreite anders als früher, warum sollte ich dies Dasein aufgeben, unbekannter, längst verstorbener Personen wegen, die es mir gaben? nein, die es mir nicht gaben, sondern die gabens mir, die um mich leben und ich selber. Plötzlich fiel ihm ein, daß er bei alledem noch mit keinem Herzensschlage an jene gedacht hatte, die seine wirkliche Mutter war. >Von reinstem Ebenmaß ...< Fremd, fremd, fremd ...
Was steigt denn da über die Häuser empor? Der Mond? der sieht ja sonderbar entfremdet aus! Eine ungeheure, blaßrote Blase ... Als würde dahinten von einem Marktplatz ein Ballon hochgelassen. Wie bange und zaudernd er in den rauchigen grauen Himmel steigt! >Seht ihr den Mond dort stehen?< Oh, flüsterte er sanftmütig vor sich hin: »Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. So sind gar manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn ...« Getrost belachen, -- getrost, -- wie schön! Zitate beweisen nie etwas, durchfuhrs ihn zornig. Und er floh verstört den Anblick jenes trübseligen Mondes, der sich nicht getraute, Himmelsgestirn zu scheinen, und lief, von Abscheu und heftigem Angstgefühl bedrückt, am Ufer fort.
Gleich darauf hörte er ein Geschrei und heftiges Lärmen, das aus der Erde zu quellen schien, wilde Rufe eines unterirdischen Kampfes, unheimlich bei der tiefen, abendlichen Stille umher. Da sah er, daß der Fluß ein wenig aufwärts sich krümmte, so daß er selber in die Biegung hineinging; am hohen Ufer standen ein paar dunkle Gestalten still da, die sich beim Näherkommen verwandelten: in einen Straßenbahnschaffner mit seiner Frau, einen Jüngling mit seinem Rade, einen Fleischergesellen mit seinem Mädchen, die alle sechs zur Tiefe des Flusses hinunterblickten. Ja, welch ein Schauspiel! welche Aufregung! Vier mächtige, äußerst schmale Ruderboote lagen in Abständen voneinander da, bemannt je mit vier nacktbeinigen Kerlen in weißen Sweatern, die je einen der riesigen, schaufelnden Riemen in Händen hielten, und am Ende hockten die dunkelblauen Steurer klein; von links her aber schossen zwei stürmisch heran, die langen Riemen griffen ungestüm weit aus und schlitterten beim Zurückschwingen über die metallische Fläche, vom Steuer her jedoch schrien die beiden Lenker, als ob sie wie der böse Feind hinter den Mannschaften säßen: »Hee -- äh! hee -- äh! hee -- äh! ... Los! ... Los! ... Los! ... So ists recht! ... So ists recht! ... Müller flacher einschlagen! So ists recht! Hee -- äh! ... Halt!« Die Ruderblätter schlitterten härter in die Flut, die Boote glitten, lagen augenblicks still. Zwischen all dem aber bewegte sich fremd und blind die Fähre, ein großes, fußloses Tier, quer über den Strom, ein roter, eiserner Kahn mit ein paar Menschen darin, langsam und vorsichtig wie eine tastende Schnecke. Georg folgte ihr eine Weile mit den Augen, sah sie jenseits anlegen, und plötzlich durchfuhr es ihn wie ein Schnitt: daß er in einer ungeheuren Einsamkeit stand, daß er mit einem Schlage fremd geworden war in der vertrauten Welt. Hier stand er in seinem grenzenlosen Taumel allein, und dies hier, dies leichte Leben tummelte sich vor seinen Augen, ja redete ihm ins Gesicht hinein, so wie -- wie einmal, als er ein Junge war, bei einer Kindergesellschaft, wo er nicht mitspielen wollte und in Leideswollust beiseitestand und zusah, wie die Andern ihm zum Tort um so lustiger schrien und tobten ohne ihn. -- Er lachte wütend auf. Ja, so war es, nur -- Ernst wars heute.
Georg ging den Wiesenweg neben einer hohen Hecke hinunter, in der Richtung der Stadt. Nachträglich kam es ihm, wie einfach, wie unbedenklich sich dies vollzogen hatte, wie still die Zuschauer oben sich verhielten, innerlich scheinbar völlig abgeneigt gegen das erregte Spiel, und dazwischen die Fähre so gutmütig. -- Ist ein Weg zu diesem für mich? fragte er sich dumpf.
Er kam nun durch ein Gartenrestaurant, wo ihm der Fluß wieder zur Rechten sichtbar wurde; am eingefriedigten Ufer saßen im Dunkel unter spärlichen Lampen stille Menschen an Tischen und tranken Bier. Beim Herauskommen aus dem Wirtsgarten sah Georg den Mond wieder, jetzt eine gelbrote, feurig glühende Scheibe. Es dunkelte tiefer. Er kam an der Rückseite der Laubenkolonien vorüber, wo Fahnenstangen leer und still gegen den wehmütig aussehenden Himmel standen; dahinter, ganz fern und blaß war die Rückfront des Schlößchens zu erkennen; friedlich schimmerten ihn weiße Lattengiebel der Lauben an. Er kam an einem schwarzen Sportplatz vorüber, wo ein paar junge Menschen mit bloßen Beinen still und emsig in der Dunkelheit noch ein Wettgehen übten, während andre Burschen in Anzügen zusahen und sie verhöhnten. Schließlich mußte er durch eine gebogene und enge Straße voll stiller Feierabendleute und verhaltener Kinder und erreichte den Platz am Anfange der Allee, hell von Laternen und schwebenden Kugeln, und in allen Fenstern der grauen Kaserne lagen Rekruten in Drillich und machten Musik, ganz leise.
Was aber mag es sein, das Papa von mir erwartet? fragte er sich. Er muß doch eine Meinung, einen Wunsch haben, obwohl er alles mir zu überlassen schien. -- Da spaltete es ihn mit siedender Hitze, daß er die lange Stunde seither nur gedacht hatte. -- Da habe ich über den Sinn dieser Dinge mich zergrübelt und keinen Augenblick lang versucht, mir eine Vorstellung zu machen, wie es etwa sein wird, wenn ich der Prinz bleibe, das heißt, wenn ich eine Maske vornehme. Das genügt, dies Wort genügt. Es ist gut, es ist ja gut, dachte er, sich beschwichtigend, ergeben, ich werde das nie können. Warum sollte ich auch? Mein Leben behalt ich, alle Kräfte, die guten und die bösen Triebe, nur -- o Renate, Renate! Schönes, göttliches Wesen, was würde es dir verschlagen, wer ich bin, wenn dein Herz sich zu mir neigen müßte? Ach, auch das wird nie geschehn! Es wird das beste sein, ich gehe auf eine Zeitlang fort, in irgendeine schöne Wald- und Wassereinsamkeit, in der sich alles klärt; vielleicht nach Insel Wight oder nach Sylt. -- Ihm fielen ein paar Sätze und Wendungen des Briefes ein, den er von dort an seinen Vater schreiben würde. Vielleicht, sagte er zu sich als wie zu einem, der zu müde ist, um sich zu wehren, bist du ein weicher, unbrauchbarer Mensch nur, der dies und jenes tun kann, und eins wie das andre wird auf das gleiche hinauslaufen. Aber man soll keine Äußerlichkeiten überschätzen. Es kommt nur und nur darauf an, etwas zu sein; auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Form. Aber jegliche Form, blitzte es hinwieder, ist ein Erzeugnis ihres Inhalts. Nun, so würde ich eben, ja würde ich eben meine Form von innen heraus schaffen, meine ganz eigene und ganz allein. Das müßte denn doch nicht mit rechten Dingen zugehn, wenn ich nicht imstande wäre, diese scheinbare, diese äußere Unwahrheit meines Daseins mit Echtheit, mit Wahrheit zu durchsetzen und auszulöschen. Sollte am Ende dies über mich kommen, beschlossen, mein Gott, von den Sternen, als Prüfung, ob ich ihrer würdig sei, ob ich auch recht bestehe? Und die Wahrheit scheint, sie scheint links zu liegen, im Einfachen, im Gefühl; und sich nicht verführen zu lassen, das wäre die Kunst, die Leistung. Lieber Gott, es wäre doch im Grunde abscheulich simpel, einfach einen Strich unter alles zu machen und schnurstracks in die Bastarderie hineinzulaufen. Augen auf, Georg! Dies ist deine Prüfung, deine Versuchung, den Schein der Lüge auf dich zu nehmen, da du ja nun die rechten Werte erkannt hast, nun weißt, wie verlogen, wie unwahr im Grunde alles ist, denn -- wenn sich die Wahrheit -- sie hing doch am zufälligsten Zufall -- nun nicht herausgestellt hätte, was dann? Laufen sie nicht zu Dutzenden herum, wirkliche, blutechte Prinzen oder Fürsten, dargestellt aber durch Lakaien, Wüstlinge, Krämer und Faulenzer, und ich, ich soll alles Wahre und Schöne, all meine echten, strahlenden Ideen aufgeben wegen einer Kammerfrau? Wird es nicht schön, wird es nicht unendlich heilsam sein, dies Dunkle unter der Oberfläche zu tragen wie ein Büßerhemd unter der Rüstung? Wird es mir nicht immer untrüglicher, immer sichrer und königlicher zu dem einen Wissen verhelfen: daß der Schein nichts gilt, daß der Glanz fragwürdig ist, daß in jedem Innern Leiden und Scham wohnen? Nichts ist echt, triumphierte er, so wenig der Grünspan hier an der Normaluhr Metall ist, denn er ist Ölfarbe; nichts ist wahr ...
Überdem gingen alle Gedanken ihm völlig aus; er stand in einer Leere, immerfort wiederholend: Nichts ist wahr ... Nichts ist wahr ... bis er fühlte, wie diese Leere sich langsam mit einem gräßlichen Angstgefühl füllte. Blinden Auges, zusammengepreßt von einer schaurigen Last, plötzlich in Leere wieder, dann aufglühend in siedender Scham, sah er Gestalten von Menschen vor sich ab und zu gehn, lautlos scheinbar, eine Dame mit einem Kinde, das von ihr abhing, einen kleinen Strohhut in der Hand, -- einen gebückten Mann, der an die Normaluhr trat und das Gesicht mit einem welken braunen Bart längere Zeit nahe daran hielt, -- und hinter diesem toste etwas und rauschte, -- er starrte eine Weile in Gesichter über ihm, erkannte den Hinterperron eines Straßenbahnwagens und blieb, als der sich fortbewegte, mit den Augen daran haften, nachfolgend in die Ferne ... Da raffte er sich zusammen, es kam ihm vor, als stünde er ganz krumm da. Langsam, gedankenlos über sich selbst hinweg murmelte er: Es wird eine schwere Aufgabe sein, den Menschen diese Maske vorzuhalten und im Innern ...
Er stockte. Schon einmal dachte ich eben: Maske, und erinnerte mich dabei -- --, woran doch? An ein Gespräch! jawohl, heute nacht, wo war das noch? Ah Lenusch! In der Bar! Montfort und dieser -- Saint-Georges sprachen über das Problem der vertauschten Seelen. Wie, schon neun Uhr durch? erschrak er angesichts des leuchtenden Zifferblatts, das er schon lange betrachtete, Vater wird warten, aber nun muß ich doch noch einmal ... Wie ist die Stadt verwandelt? Ja, es ist Nacht geworden, aber nicht dunkel. Oh freilich, sprang es hell auf in ihm, Nacht geworden, aber nicht dunkel! Nichts ist verändert, nur das Licht. Es ist künstlich, aber tief drinnen im ewigen Dunkel der Brust, brennt die geheiligte Lampe! --
Er entschloß sich, ins Café zu gehn, hungrig ohne Appetit etwas Kaffee und Kuchen zu sich zu nehmen und das Nachtgespräch zu bedenken.
Paßt das Ganze eigentlich auf mich? fragte er sich, langsam seinen Apfelkuchen vertilgend. Eine Maske -- über deren tragische oder jedenfalls erniedrigende Wirkung auf ihren Träger sie ja wohl einig wurden --, eine Maske nehme ich freilich vor. Ich würde, gesetzt ich bleibe der Prinz, in einen Andern versetzt werden, eine Hülle, eine Maske, jawohl. Schließlich, fällt mir ein, stellten sie fest, daß alles beim alten bleiben würde, daß keiner auf keine Weise aus seiner Haut herauskäme, und Bogner sprach von Bestimmung. Theorien, Theorien! Da haben sie nun herumgeschwatzt, und ich muß es leiden. Und dann das von der Vernichtung des Schamgefühls. Und von >gewissermaßen anständigen< Menschen sprachen sie. Habe ich eine Maske, oder habe ich keine? schrie er sich innerlich wutentbrannt an. Nun ist mir alles durcheinandergekommen! Hier sitze ich und bin, der ich bin, was gehn mich zum Henker diese herumsitzenden Menschen an mit ihren Gesichtern, die auseinanderfallen wie Bündel Karpfen und mit stummen Augen wie die Fische! Es ist gut! ich bin entschlossen. Nun zu Vater. Er rief: »Zahlen!«
»Durchlaucht hatten --« fing der Kellner -- Frithjof -- nun erkannte er ihn erst! -- seine Berechnung an, und während Georg sich hütete, ihm ein besonders großes Trinkgeld zu geben -- denn das würde nach Josefs Beweisführung so viel bedeutet haben wie Unsicherheit und Selbstbetrug --, fiel mit einem sanften Geräusch das ganze Gebäude in ihm zusammen. Er zog den Mantel über und ging ganz zerdrückt und in entsetzlichem Angstgefühl wieder ins Hotel hinüber, um seinem Vater zu sagen ... zu sagen? -- zu sagen ...
Hochzeit
Als Georg im Hotel das Zimmer seines Vaters betrat, war es dunkel darin, aber im einfallenden Laternenschein erkannte er den Schatten seines Vaters, der im Sessel saß, als habe er sich die ganze Zeit nicht von der Stelle gerührt. Nun saß er hier allein und wartete ... Georg fragte, bedrückt und ängstlich, ob er Licht machen solle, hörte das Ja seines Vaters und drehte die Kurbel. Das Blenden der grellen Lampen unter der Decke überwindend, suchte er noch nach Worten, als er seinen Vater sagen hörte, es sei gut, daß Georg gekommen sei, er habe ein Telegramm aus Helenenruh erhalten: Chalybäus sei tatsächlich von einem neuen Schlaganfall betroffen; im Montfortschen Hause, wo er gleich angerufen habe, sei ihm gesagt worden, daß Magda sich auf einer Hochzeit befinde, doch habe niemand gewußt wo. Ob Georg ...
Den durchzuckte es: Da, Cora, nun bekommst du doch deinen Willen. Oh, und Renate war dort! -- Da hörte er nur seinen Vater noch sagen, daß er sehr müde sei und sich gleich niederlegen wolle; dann morgen mit dem Frühzug nach Trassenberg zurück, -- drückte ihm die Hand, zauderte noch und stand.
»Geh nur, Junge!« sagte der Herzog, »morgen ist auch ein Tag. Sei so gut und klingle zwei Mal.« Und ganz flüchtig setzte er hinzu: »Nur nichts überstürzen, nur nichts überstürzen.«
Georg ging. --
Wie? fragte sich Georg, schüttelte langsam den Kopf und fragte noch einmal: Wie? -- --
Was war das nun gewesen? Er hatte nichts gesagt, ja, wie sollte er etwas sagen? -- Nein, Papa hat recht: dies braucht längere Zeit ... Papa -- sagte ich eben, -- ja, und ich empfinde: Papa. -- Nein, nun kann ich nicht mehr, murmelte er zu Tode verdrossen und dachte: Muß ich den Frack anziehn? Ich werde Bogner herausrufen lassen, denn wenn sie mich erst drinnen haben, wird es schwer sein, die Worte für Magda zu finden. Armes Kind, armes, armes Kind! -- Er klingelte, befahl dem blassen Egon, den Frack und alles Nötige herauszulegen, schickte ihn dann fort, verlor aber in plötzlichem Ekel alle Lust und geriet, haltlos in Qualen umherstreichend, vor den Spiegel. Der zeigte ihm sonderbarerweise nichts andres als die alten, gutherzigen braunen Augen, spärlichen Brauen, das alte schwärzliche Haar, die dunkle Haut, -- freilich die war neu, für ihn immerhin, der nun wußte, woher sie stammte. Gleichwohl ließ sich nicht leugnen, daß Wuchs und Haltung und der ganze Schnitt des Gesichts Adelsart waren. Er wandte sich ab und trat ans Fenster. Ohne etwas wahrzunehmen von draußen dachte er:
Es ist so sonderbar! Wenn irgendeinem guten Menschen eines Tages mitgeteilt würde, daß er in Wirklichkeit ein König sei, wie stolz würde er auf ein solches Geheimnis sein, wie zärtlich würde ers hüten, wie durchaus keine Gewissensbisse würde er sich machen, solch ein Geheimnis zu haben. Warum denn nur, warum machen wir diesen rätselhaften Unterschied zwischen Gut und Böse? Warum darf Gutes immer, Böses nie verheimlicht werden? O und warum, warum überhaupt sind wir immer und immer so nach außen gewandt, als wäre auch keine Spur Inneres in uns vorhanden? Habe ich hier nicht meine Seele, Träume und Triebe, Gutes und Schlechtes im Gemisch, und niemand weiß darum, fragt danach, scheint es überhaupt zu ahnen, aber dies, dies eine, das ich zufällig genau weiß, und das mir irgendeinen festen Bezug zur Außenwelt zu haben scheint, das glaube ich ausschreien zu müssen, als wär es das einzige, was ich besäße, und als wäre es gleichwohl nicht mein, sondern ganz allein Eigentum der Welt. Niemand hilft mir, niemand denkt an mich, in allen Ängsten, in allen Folterungen, herumgewälzt zwischen Gut und Böse bin ich sterbensallein, und nach diesem schreien sie, darauf zeigen sie, dies wollen sie alle, alle haben! Verflucht sollt ihr sein, und ich gebe es nicht! --
Eine Viertelstunde später übergab er seine Karte einem Kellner mit dem Auftrag, den Maler Bogner aus der Herzbruchschen Hochzeitsgesellschaft zu rufen. Er befand sich in einem Korridor mit Türen, der gegen eine Flügeltür verlief; die andern führten wohl zu den Garderoberäumen, denn aus einer kamen ein paar junge Mädchen in Weiß und Rosa, kicherten, erzählten sich was und schlüpften durch die Flügeltür, aus der ein Schein von Damenkleidern und Fräcken, Kronleuchtern, auch Stimmgeräusch und Musik herausdrangen. Alsbald kam der Maler, der in einem fameusen Frack aussah wie ein amerikanischer Geschäftsträger. Cora also hatte Georgs Karte gesehn, und infolgedessen sitze die ganze Hochzeit in Erwartung der Durchlaucht. Georg erklärte den Grund seines Kommens, und nun meinte Bogner, das Beste werde sein, mit Renate zu sprechen, und er wolle es übernehmen, weil Georg umringt werden würde. Damit gingen sie in den Saal, und auf Georg stürzte sich das alabasterne und himmelfarbene Meer mit Okeaniden und Tritonen, Muschelwagen und brausenden Hörnern.
Renate trug ihr königliches Haupt dahin auf dem Wunder ihres Nackens, fließend in meergrüner Seide, Brüsseler Kanten am Ausschnitt von Hals und Ärmeln, die Füße meergrün umrieselt. O wie sanft lächelten ihre Lippen Seligkeit über die Welt! O wie berauschte ihr Haar! Und auf der atmenden Fläche der marmornen Brust schwebte ein drittes Auge, ein großer dunkelblauer Edelstein in einem Kranz von Perlen, schön und unendlich seelenlos gegen die darüber schwebenden Juwelen, die gebadeten in Seele und Traum, aus denen es blickte, blickte wunderbar, und Mund und Augen, Brust und Haar hatten sich zusammengetan zu einem Bunde der Göttlichkeit, der herrschte und verwarf, der wie ein Reigen elysischer Wesen, in sich selbst versunken wie der Schwan, aufstieg in sich selbst, hinschwebend durch diese kahle Erde wie die Gloriole einer Heiligen, die sie von sich löste, als sie gen Himmel schied, damit aller Augen einmal ein Wunder sähen. --