Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 43
»Die Kälte des Morgengrauens erweckte mich, und ich fand mich bis auf die Haut durchnäßt im Nebel. Steif an allen Gliedern erhob ich mich, und gelang es mir nach einigem Suchen wirklich, das Haus nun ganz in meiner Nähe zu entdecken. In einem Fenster war noch Licht. Beim Betreten der Diele bot sich mir ein eigentümlicher Anblick. Hinter dem Tisch, auf einem schwarzen Ledersofa saß bei einer Kerze die vorerwähnte Hebamme und las in einem Buch, das mir ein Gebetbuch zu sein schien. Was mich vor allem erschreckte, war bei der ganzen Strenge ihrer Züge der Schatten eines T-förmigen Kreuzes, das zwischen ihren Augen stand, und wurde dasselbe durch den Schatten der Nase und die gleich einem Balken darüber liegenden Brauen gebildet, und erinnere ich mich noch heute, daß ich mich unbewußt bekreuzte. Wie erschrak ich aber erst, als ich aus dem Hintergrunde den Schein zweier Kerzen bemerkte. Dieselben brannten im Alkoven, dessen Vorhänge geöffnet waren; zwischen denselben hing ein kleines, buntes Heiligenbild. Die Frau am Tische streifte mich nur mit einem mir unverständlichen Blick und las weiter. Ich näherte mich leise dem Alkoven und fand, wie ich nach allem erwarten mußte, eine Tote darin, von einem Anblick, der mich wie sonst nichts betroffen hat. Noch heute weiß ich nicht, was es war, das mich nach allem bereits Vorangegangenen nun fast in Tränen hinschmelzen ließ beim Anblick dieser schlafenden Züge vom reinsten Ebenmaß; das ein wenig auf die Seite gesunkene Antlitz von unbeschreiblicher kindlicher Sanftmut, blaß wie eine weiße Rose, von schwarzem Haar lieblich umflossen, auf dem wie zwei Wellen noch immer der Schlaf des Lebens und des Todes sich vermischten, ergriff mich mit namenlosem Schauder, und ich betete lange und inbrünstig.
»Von der Hebamme, die mich alsdann an den Tisch rief, wurden mir nun die folgenden Mitteilungen gemacht. Ihre herzogliche Durchlaucht hätten einem gesunden Knaben das Leben gegeben, der oben neben der tief erschöpften Mutter den ersten Schlaf auf Erden schliefe. Ihre Durchlaucht seien zwar äußerst angegriffen, doch bestehe keinerlei Besorgnis um ihr Leben. Auf mein Befragen nach ihrer Kenntnis vom Range Ihrer Durchlaucht, sagte die Frau kurz: sie hat mirs selber gesagt. Die andre Mutter hatte leider das Leben ihres Kindes mit dem ihren erkaufen müssen, und auch das des Kindes schwebte in Gefahr, zu erlöschen. Sie selbst, so sagte mir die Frau, habe es nach dem in der Nähe liegenden Sanatorium des Doktors Sartorius tragen müssen, wo zum Glück gewisse Apparate vorhanden gewesen seien, die eine Erhaltung des Kindes immerhin als möglich erscheinen ließen.
»Dies, gnädiger Herr, sind die genauen Vorgänge jener Nacht, sofern ich selber sie beobachten konnte, von mir wahrheitsgetreu aufgezeichnet. Doch ahnte ich damals nicht, was mich viel später erst zwingen würde, diese Aufzeichnungen zu machen, nicht aus irgendeinem Euer Durchlaucht betreffenden Grunde, sondern zur Entlastung meines Gewissens und im Fall eines plötzlichen Todes. Ich habe nun folgendes hinzuzufügen.«
An dieser Stelle endete das Manuskript. Auf der leeren Hälfte der Seiten standen noch, mit Bleistift von Chalybäus' Hand geschrieben, die Worte: »Nun Brief der B. Dann Anlage.«
Georg, auf das heftigste beklommen und innerlich erschreckt, ohne irgendeinen Grund dafür erkennen zu können, dachte: Ja, was denn? Wo will denn das hinaus? -- legte das Manuskript auf den Tisch und blickte zu seinem Vater hinüber, der verschleiert dasaß, seltsam in sich zusammengesunken. Bei Georgs Bewegung richtete er sich auf, strich mit der Linken über die Stirn, tastete nach seinen Stöcken, die neben ihm standen, sagte dann: »Ja, nun also der Reihe nach, -- wenn du gelesen hast.«
In diesem Augenblick, als sollte die Pause ausgefüllt werden, klingelte das Telephon auf dem Schreibtisch. Georg ging hin, nahm den Hörer auf und hörte Cora Bogners Stimme entfernt und schwach seinen Namen sagen. Dann begann sie -- der Nebenanschluß machte wohl ihre Stimme so leise -- eine lange Erzählung, sie telephoniere aus dem Hotel, wo die Herzbruchsche Hochzeit sei, und bei der Hochzeit werde Georg vermißt; ein Prinz fehle, jawohl, und er müßte also durchaus kommen, und sie habe mit Josef Montfort gewettet, er werde kommen, wenn sie riefe, und der Brautvater habe unter Georgs Großvater bei Beaune la Rolande 1870 --, und er müßte also durchaus kommen, wenn er noch eine Scheibe Ananas aus ihren Fingern ... Georg aber hatte einen Anfall von Brutalität, sagte: »Tut mir leid, ich kann nicht. Adieu!« und legte den Hörer hin.
Wie sonderbar ängstlich sah sein Vater auf einmal zu ihm auf! Angstvoll, verstört, ärgerlich, verwirrt, gedankenlos, im Gehör noch einige der verrückten Floskeln, die >hohe Dulderin< und >vom reinsten Ebenmaß<, hörte er seinen Vater sprechen.
»Was du gelesen hast, klingt ja alles wie ein furchtbarer Schwindel. Das heißt --« unterbrach er sich, »du weißt ja noch gar nichts. Immerhin, du hast jedenfalls das eine bemerkt: Er redet von Automobilen. Damals, als du geboren wurdest. Na, und so weiter. Er war immer ein großes Lügenmaul, so groß, daß er sich selbst verschluckte. Ja, nun also. Entschuldige, mein Junge, aber ich muß noch einiges vorausschicken.
»Ostern bekam ich einen Brief von Mackensen, dem Helenenruher Gärtner. Chalybäus hatte ihn wegen irgendeiner Unregelmäßigkeit Knall und Fall entlassen, übrigens wird ihm nur sein Recht geschehen sein, er war ein großer Hurenweibel, verstand sein Metier zwar aus dem Grunde, war aber gedankenlos und nachlässig bis zum Tezet. Infolgedessen war auch sein Brief nur ein allgemeiner Schwulst, ein Ausfluß der Rache natürlich, und statt sein Recht und eine Untersuchung zu verlangen klagte und weimerte er herum und verklagte Chalybäus; er sei ein hochgradiger Säufer, jedes Kind in Helenenruh und Böhne wisse das und frage, wohin das führen solle, außerdem sei es bekannt, daß er spiele und Summen verliere, von denen kein Mensch wisse, woher, -- na und so weiter. Darauf packe ich gestern nachmittag ein und fahre nach Helenenruh; du weißt --, sehe immer selber nach.
»Wie ich komme, hat er sich grade von einem kleinen Schlaganfall erholt, empfängt mich im Lehnstuhl und sieht aus, als wär ihm sein Todesurteil verlesen und nun käme die Exekution; blaurot im Gesicht, gedunsen, -- und auf dem Tisch drei leere Burgunderflaschen; Numero vier trank er grade an, als ich wie der böse Feind über ihn kam. Kaum daß ich die Bücher verlange, fängt er wie ein Kind zu weinen an und um Gnade zu wimmern, -- es war eklig, -- na kurz, ich revidierte, was zu revidieren war, das heißt, Bestände waren keine da. Die Bücher in Ordnung bis ungefähr Weihnachten; dann fehlten eine Menge Bestände, vom Obstverkauf will ich gar nicht reden, aber die Mahlgelder, -- vor allem vom Gestüt ... Na, das ist ja gleichgültig. Unterdessen jammert er nun herum, er sei leichtsinnig, verschwenderisch und hier nicht am rechten Platze. Wie ich ihm aber kurz und bündig seine Entlassung erkläre und Aufnahme in Frankenhöhe anbiete, da fängt er an, ganz gottverlassenes Zeug zu reden, macht die wunderlichsten Anspielungen, woher seine Gicht --, und wieso er zum Trinker -- --, und das Gewissen und der Tod vor der Tür, kurzum, er bringt dies hier zum Vorschein, was du eben gelesen hast. Beschwört mich aber noch vorm Lesen hoch und teuer, ich dürfte nicht gemein von ihm denken, er hätte dies einzig und allein aufgesetzt, um sein Gewissen zu erleichtern, -- na und dergleichen. Ich lese also, und --«
Der Herzog brach ab, griff in die Aktentasche, schüttelte den Kopf, besann sich und sprach weiter, nach wie vor seine abgerissenen Sätze wie Fetzen, die ihn widerten, ins Zimmer schleudernd:
»Ich muß dir erklären. Die Vorgänge in jener Nacht, die du gelesen hast, hab ich natürlich oft genug von -- von Helene erzählen hören, und es war alles so, wie da steht, bloß daß sie erst nach sieben Uhr abgefahren sind und nicht im Automobil, und daß Chalybäus sehr gegen den Willen meiner Frau darauf bestand, selber zu kutschieren, und schließlich, daß sie, wie du denken kannst, nicht nach Altenrepen, sondern nach Hanfurt gefahren sind, um den Schnellzug zu erreichen -- um halb neun -- der bis Böhne nicht ging, -- damals. Wieso und warum diese Konfusion in Chalybäus' Gehirn, kann man sich bei seiner ganzen schwindelhaften Veranlagung und seinem jetzigen Zustand schließlich erklären. Also das merkwürdige Haus in Meysensang und die Verirrung und die Frau im Alkoven, all das stimmt bis auf das T-förmige Kreuz im Gesicht der Hebamme, von dem ich Helene mehrfach mit Schrecken habe sprechen hören.«
Georg sah seinen Vater wieder in die Tasche greifen und diesmal einen Brief hervorholen. Er sagte:
»Neun Jahre später, im Herbst, bekam Chalybäus einen Brief von jener Kammerfrau Biedenweiler, Helenes Ida, von der du vielleicht noch hast sprechen hören. Sie war schon anderthalb Jahre nach deiner Geburt außer Diensten gegangen, was damals kein Mensch recht begriffen hatte, denn sie war zwar lungenkrank, aber das ließ sich reparieren. Diesen Brief schrieb sie aus Christinendorf, der Lungenheilstätte, -- übrigens kann ich hier gleich hinzufügen, daß sie keineswegs eine so schwächliche Person war, wie es nach Chalybäus' Darstellung scheint; vor allem hing sie mit einer ganz fanatischen Liebe an Helene und war unglaublich diensteifrig. Ihren Brief hab ich hier; es steht drin, Chalybäus möchte um Gottes willen sofort zu ihr kommen, sie läge im Sterben, sie müsse vor ihrem Tode etwas von ihm wissen, sie könne sonst nicht ruhig einschlafen. Was Chalybäus mit ihr verhandelt hat, das --« der Herzog brachte einige Zettel aus der Tasche zum Vorschein --, »das steht auf diesen Bogen, die ein Konzept darstellen sollen zu der fehlenden Hälfte seines >Promemoria<, wie er das nennt. Die Lektüre kann ich dir sparen, denn die Sache ist die ...«
Georg sah seinen Vater tief Atem schöpfen und ein Stück Bart in den Mund ziehn; er holte sein Taschentuch hervor, trocknete sich die Stirn, stopfte es wieder fort und fing von neuem an. Vor den Fenstern lag der Lärm der Stadt, der zuweilen anschwellend seine Worte übertönte; Georg hörte alles und folgte, eiskalt an allen Gliedern, mühsam.
»Die Biedenweiler ist damals nicht gestorben, lebt vielmehr noch immer, wenn auch kümmerlich; sie hat Zucker, na -- also ich bin nach der Lektüre dieser Zettel und nach Chalybäus' weiteren Aufklärungen -- und nach telephonischer Anfrage in Christinendorf -- sofort hingefahren, habe die Frau leider in den Tod erschreckt, dann aber doch herausbekommen, daß seine Aufzeichnungen, die ich ihr vorlas, Wort für Wort stimmten, und ich kann dir das Ganze nun folgendermaßen auf-- ja, aufsagen.
»In der Nacht deiner Geburt hatte sich die Eigentümerin jenes Hauses, kränklich und müde, wie sie gewesen sei, in ihr Zimmer zurückgezogen. Die Kammerfrau war neben der Herzogin in Schlaf gefallen, nachdem die ersten Wehen vorüber waren, war wieder erwacht, als das Letzte bevorstand, hatte ins Haus hinunter die Hebamme gerufen, und unter Beider Beistand ist dann ein Kind zur Welt gekommen. Ja, ein Kind, ein -- Mädchen.«
Georg zuckte zusammen; sein Blick fiel ab. Was war das?
Drüben vom Tisch, vor seinem Vater, stieg aus der letzten Zigarrenleiche der dünne blaue Rauchfaden, schlank und anmutig, oben leicht sich kräuselnd, leuchtend blau im breiten Streifen des Nachmittagsgoldes, das das Fenster durchströmte. Georg sah gierig hin, als sei dies das Haltbare. Draußen schrie eine Trambahn in der Gleisbiegung, dann wurde es still, aber nahe von unten herauf rasselte, stampfte und stöhnte der Motor eines Automobils. Georg, entleert von Gedanken, wartete unendliche Zeit auf das Aufhören dieses Geräuschs; jetzt setzte es aus, jetzt raffte es sich zu neuen Stößen auf, jetzt lärmte es noch einmal so laut, ein Wagenschlag fiel zu, ein Huppe dröhnte, es zischte, klirrte und brauste, langsam begann es sich zu entfernen, hörte endlich ganz auf.
»Wir müssen weiter,« hörte er eine weit ferne Stimme, die er kannte. »Das Kind, das geboren war, schien dem Sterben nah, und die Hebamme schickte die Kammerfrau eilends damit zum Sanatorium; dem verschlafenen und verärgerten Assistenzarzt, der dort auf ihren Weckruf erschien, drückte sie es nur in die Hände, um, in Todesangst um das Leben ihrer Herrin, wieder zurückzulaufen. Wie sie wieder ins Haus kommt, ist alles still. In der Diele wird sie von der Hebamme empfangen, die ihr mitteilt, die Herzogin sei eingeschlafen, sie solle sich auch zur Ruhe legen, um andern Tags bei Kräften zu sein. Sie habe aber nicht abgelassen, in das Zimmer der Herzogin zu dringen, und da habe die fremde Frau ihr denn gesagt, sie müsse sich nicht wundern, wenn sie ein andres Kind bei der Herzogin finde; es sei schon vor Stunden im Alkoven zur Welt gekommen -- die Kammerfrau, die nicht von Helenes Seite gewichen war, wußte nicht, daß jemand darin sei --, und dies Kind, einen Knaben, habe die Hebamme der Herzogin gegeben, die nach ihrem Kinde verlangt hätte, was übrigens der guten Biedenweiler ganz natürlich und sehr richtig erschien. Später ist Helene denn erwacht und sehr glücklich gewesen; leider aber meldete sich damals nun der entsetzliche Kopfschmerz zuerst, der sie für die nächstfolgenden Monate fast der Besinnung beraubte ...«
Nach einer kleinen Pause fuhr der Herzog eilig fort.
»Am Morgen jenes Tages wurde die Kammerfrau, die in irgendeinem Zimmer die Nacht verbracht hatte, von der Hebamme geweckt. Die Mutter des fremden Knaben, sagte die, sei gestorben, das Kind noch bei der Herzogin. Es müsse vorläufig alles so bleiben, das meine auch Chalybäus, dem sie Mitteilung davon gemacht habe.
»Ja, das ist wohl nun alles,« sagte der Herzog. »Daß die Frau mich betrogen hat, ist sinnlos und so ausgeschlossen, wie etwas auf der Welt ausgeschlossen sein kann. Chalybäus beschwört mich hoch und heilig, ihm zu glauben, daß ihm die Hebamme nichts gesagt, sondern daß er das Kind, das er gesehn hat, für das Kind der Herzogin gehalten hat und noch immer halten würde, wenn nicht ... Die arme Biedenweiler ist nun nach einiger Zeit damals in die schrecklichsten Ängste geraten, da sie sah, daß der Knabe bei Helene blieb; sie behauptet, Chalybäus einen Brief geschrieben zu haben, den er auch bekommen, aber nicht verstanden haben will, -- jedenfalls war sie ratlos darüber, ob ich von dem Ganzen wußte oder nicht, ob auch Helene, die ihr freilich allzusehr das Kind wie ein eigenes zu liebkosen schien in den seltenen Augenblicken, wo sie es sehen durfte. Dies aber, so sagte sie, diesen Irrtum mit anzusehn, das habe sie auf die Dauer nicht ertragen und deshalb den Dienst verlassen. Jahrelang ist sie dann der Meinung gewesen, ich wisse von allem Bescheid, bis dann die Todesfurcht ... Das ist wohl endlich alles.
»Ja, auch dies noch. Die Frau -- Müsing, oder wie sie heißt, ist, wie ich auf telegraphische Anfrage erfuhr, schon lange tot. Antwort auf meine Erkundigungen nach dem Verbleib des Kindes, des -- Kindes meiner --« Er ließ den Kopf sinken.
Georg sprang auf und lief ans Fenster: er schlug die Gardine zurück, setzte die gespreizten Finger auf die kalte Scheibe, lehnte die Stirn daran. Er fühlte, wie sie brannte. Es schüttelte ihn, ein-, zweimal. Dann überfiel ihn ein siedender Zorn auf sich selbst. Wie hatte er diese Tage, diese Nacht verbracht! Er krümmte sich. Und sein Vater ...
Der sagte hinter ihm mit erschöpfter Stimme, es gäbe wohl noch dies und jenes aufzuklären, zu erläutern, -- Chalybäus ... aber das könnte auch wohl unterbleiben. »Zu ändern,« sagte er hart und ruhig, »ist nichts. Man hats im Gefühl.«
Georg glaubte, den Verstand verloren zu haben. Er suchte in völliger Betäubung nach einem Gedanken. Nichts ...
Nicht der Sohn meines Vaters ...? Was -- was heißt das? -- Und meiner Mutter -- zuckte es nach. Wie? -- Also darum -- darum die Fremdheit ... Wie er aber spürte, daß an seinem linken Mundwinkel ein Lächeln der Befriedigung zuckte, durchglühte es ihn siedendheiß. O du Schurke! sagte er zu sich.
Er wurde etwas ruhiger danach. Er hörte ein Geräusch, sein Vater stand mühsam auf, dann hörte er die Stöcke hinfallen, sah auf und sah seinen Vater dastehn jämmerlich, einen Arm auf die Tischplatte stützend, den andern ausstreckend, zu ihm hin, da er nicht von der Stelle konnte. Und er stürzte sich an die Brust des Mannes, der ihn an sich preßte, als wäre alles an ihm eisern.
»Das ist ja Unsinn!« schrie Georg empört, »das ist ja alles Unsinn!«
»Ja, ja,« hörte er über sich seinen Vater, »so ist es, es geht uns nichts an, das ändert ja nichts, du bist ja mein Sohn.«
Er faßte ihn an den Schultern, hielt ihn von sich ab mit zärtlichen Augen und sagte:
»Gut, daß du's selber gesagt hast. Zwischen uns bleibt alles beim alten.«
Er mußte sich nun wieder hinsetzen, winkte Georg zu, es auch zu tun, und sagte dann eilfertig:
»Mein lieber Junge, eins brauche ich dir doch nicht erst zu versichern, wie ich dir nicht erst meine Ansichten von Welt, Stand und Geburt und dergleichen zu erklären brauche, -- eins sollst du wissen und glauben: so schmerzlich, ja so bitter schmerzlich dies Ereignis für mich ist, nein, Junge, nicht einmal dies Ereignis, das ist es ja gar nicht, sondern nur der Gedanke an Mama und -- und diesen jahrelangen Irrtum, der natürlich für eine Mutter etwas ganz andres bedeutet als für unsereinen, -- nun, was wollte ich sagen?«
Ach, war er nicht himmlisch, dachte Georg. Mama sagte er wieder und >unsereins<. Ja, so war er, so war er! -- Der Herzog fuhr fort:
»Ich wollte sagen, zwanzig Jahre für ein Wesen wie für einen Sohn fühlen, sorgen, denken, das macht alles andre, alles zunichte. Zwischen uns bleibt alles unverändert. Nicht wahr, Junge, ich brauche nicht zu allem andern noch zu denken, daß es dich womöglich peinigt, dein Leben lang Gefühle in Anspruch genommen zu haben, -- das ist ja Unsinn, wir alle haben es nie anders gewußt, und das waren die Gefühle, und andre hätten es nicht sein können, und nun bist du mein Sohn und basta!«
Georg blickte ihn verklärt an, aber in solcher Dumpfheit, daß ihn fror, als er sie deutlich empfand.
»Zu bedenken,« hörte er seinen Vater sagen, »ist nun die Welt. Ich will dich damit nicht überrumpeln. Es hat Zeit, wir müssen ja auch erst noch alles sichten und prüfen, -- und freilich, mit Mama wird das schwer --, denn sie darf natürlich nichts, nicht das geringste erfahren, und da mußt du nun zusehn ... Ach, du lieber Gott, woher kommen denn wir alle, wo ist unser Anfang, wo der Tag unsrer Geburt, wer sind unsre rechten Eltern? Was waren sie alle für sanfte Gestalten, die Trassenberge, und da sieh mich, was bin ich für ein Kerl! Ich will mich nicht belügen, ja, ich will sogar denken, ich würde vielleicht andrer Meinung hiervon sein, wenn ich nicht Herzog wäre. Aber all dies _ist_ nun einmal so, und darum sind diejenigen Gefühle und Meinungen, die erregt werden, die richtigen. Du mußt nun versuchen, es ebenso auf deine Weise abzumachen. Die Sache gewissermaßen mit Luft durchsetzen, bis sie Auftrieb kriegt und schwimmt.«
Georg, der alle Worte mit dem einzigen Wunsche aufgenommen hatte, ihren Sinn genau zu begreifen, sah ihn jetzt mit sanft abirrendem Blick lächeln und nach einer Weile sagen:
»Ich hab einen alten Freund, den Geheimrat Michaelis in Berlin, der sprach von seiner Frau nie anders als von >unsrer Mutter< obgleich er nur zwölf Jahre lang eine einzige Tochter gehabt hat. So --«
Der Herzog brach ab, als starre er in eine völlige Wirrnis, legte die Schläfen in die Fäuste und rief zornig:
»Herr Gott im Himmel, es ist, es ist, es ist doch so, so, und nicht anders! Sie hat ihn mir gegeben, und ich hab ihn genommen, wer schwätzt mir denn nun immer dazwischen, das ist ja zum Verrücktwerden!«
Georg saß steif da und wagte nicht, sich zu rühren. Sein Vater hob die Stöcke auf, stützte sich und erhob sich. Aufrecht stehend sagte er:
»Tu mir nun den Gefallen und laß mich eine Stunde allein. Ich möchte auch etwas essen. Und du selbst mußt nun anfangen, dir klar zu werden, wie wir Beide es vor der Welt halten wollen. Hoffentlich habe ich dich nicht schon überrumpelt. Geh, mein Sohn, geh durch Gottes frische, freie Natur, und dann komm noch einmal, komm aus der Natur und dir selbst zu mir und sage: So und so, und das ist meine Ansicht von der Sache, und das ist mein Entschluß. Um mich hast du dich nicht zu kümmern. Bloß zu wissen, daß ich jeden Augenblick und vor der ganzen Welt bereit bin zu tun, was mir beliebt!«
Er wehrte hastig ab, jetzt wieder jenen Ausdruck von Hoffart und Überlegenheit auf dem Gesicht, den Georg im Anfang bemerkt hatte. »Geh,« sagte er, »ich erwarte dich in einer Stunde.«
Georg nahm Überzieher und Hut und ging.
Hingang
Georgs gereizte Augenlider empfanden die abgekühlte Abendluft angenehm, während er, ohne die Richtung viel zu bedenken, durch die Menschen ging, besinnungslos zwischen Wänden der elektrischen Bahnen, zwischen Radfahrern und Automobilen über den Platz, und weiter mit geblendeten Augen gegen das letzte Feuer der untergehenden Sonne, die alles überflutete. Einmal kam es ihm dumpf: Ihr schönen Träume! Nun alle dahin! -- Es fiel ihm ein, was er am Nachmittag Benno von Napoleon erzählt, was er sich selbst erzählt hatte; sein Zimmer erschien ihm, das noch geträumte, dann das wirklich gesehene, das leuchtende Spinnennetz oben ... Ja, soll nun wirklich auf einmal alles unmöglich geworden sein? Giebt man Ideale auf für einen Faustschlag? O nun könnte ich Vater hassen, daß er nicht regierender Herzog geworden ist, nun, wo ich es nicht werden kann! Freilich war es seine Art so, -- künstlerische Dinge liegen ihm fern, und alle andern Pflichten gegen die Menschheit liebt er namenlos zu erfüllen. Dies aber sollte nicht sein. Ach, etwa um seinet-, um meinetwillen? Um des Beispiels willen doch allein, damit es einen Fürsten in Deutschland gebe, der sich sichtbarlich für alle großen und erhabenen Dinge einsetzt. Was ist denn geschehn? Was ist denn nun überhaupt geschehn?
Georg merkte, daß er die Lindenallee nach Herrenhausen hinunterging; es dämmerte, die Sonne war verschwunden, der Himmel noch hell über den kahl nach oben strebenden Zweigen; Menschen, zu zweien gesellt, schlenderten zärtlich umher, schweigsam. Frühling wars. Wie weit der Himmel doch ist, wenn man sich beengt fühlt, dachte er wehmütig. Da sah er die eine von Bogners drei Fresken vor sich, den Genesenden in der Landschaft, den großen magern Mann auf der Bank, in schweren violetten Falten, mit den, zwischen den Knien herunterhängenden, noch ganz mit Tod gefüllten Händen, unter der Fichte, die den stärksten Zweig mit zum Staunen priesterlicher Gebärde über ihn hinreckt, und vor ihm, der sein Antlitz der Tiefe des Bildes zuwendet -- Land, Land und Land, Tiefe, Unendlichkeit der in den Horizont entschweifenden Dämmerebenen, aber darüber des Abendhimmels unsterblich leuchtende, reine, triumphierende Vision.
Georg, sich aufrichtend, bog zur Linken in die Anlagen ab, ging an der kleinen Kapelle vorüber, von deren Zifferblatt er fünf Minuten nach acht ablas, und fand sich vor dem kleinen Palais in die Betrachtung des schönen Rasenrunds versunken. Der widerscheinende Nordhimmel über den Wipfeln war rosig und hell. Sich umwendend sah er den Efeumantel der Sternwarte hinter seinem Rücken und sagte: »_Ce n'est pas contre_ ...«