Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 42
»Weißt du eigentlich, Benno, daß ein Ahnherr von mir Napoleon das Horoskop gestellt hat? Das heißt -- es kam eigentlich nicht dazu. Ich habe es in den Memoiren selbst gelesen; es schauderte mich seltsam, denke dir nur: die Laufbahn des Eroberers, festgelegt -- nicht wahr -- seit Äonen. Glaubst du daran? Und warum nur der Eroberer, der Großen? Und die unsern, Benno? Damals kam es nun so, daß Georg der Siebente zuerst das Vergangene im Schicksal Bonapartes nachprüfte und bis ins kleinste richtig befand. Die obskure Geburt, nicht wahr, Zahl der Nachkommen, Krönung, die Pyramiden, Marengo, die Dreikaiserschlacht, Protektor des Rheinbundes. Damit schloß damals die Bahn. Und Napoleon? Er tat etwas Fabelhaftes. Er verzichtete auf das übrige. Er sagte ... Denke dir, Benno, den Frühling fort, und Nacht; hier drei Kerzenflammen -- nicht wahr -- mitten im beschatteten Saal, widergespiegelt in diesem Achatgeäder. Im Sessel also, im Schatten zurück, der Kaiser, die Finger der Linken zwischen den Knöpfen der Weste, die Rechte hängt herunter, er schweigt. Und dort am Fenster mein sanfter Ahn, den kannst du dir wie Seni denken, -- der vielleicht schon alles weiß: die brennende Stadt, den Leichenfluß, die Karawane im Schnee, die flüchtende Karosse von Belle-Alliance, das neue Königtum, nicht wahr -- Helena. Und wußte ers nicht, wußten es doch die draußen, die stillen, goldenen Geister, die himmlischen Schreiber, die Legion uralter Augen. Still, Benno, hör zu. Aber der Franzose am Tisch sagte langsam: Nein; er wolle nichts wissen, denn -- das waren seine Worte: >_Ce n'est pas contre mes étoiles, mais c'est pour elles que je combats._< Und nach einer Pause: >_Je les veux remplir, moi, sans savoir!_<«
Benno drüben wiederholte leise und andachtsvoll: »Nicht gegen meine Sterne, für sie fecht ich!«
»Aber danach, nicht wahr, hat er seinem Astrologen den Beitritt zum Rheinbunde doch ungemein warm ans Herz gelegt; er fürchtete wohl doch den allwissenden Mann im kleinen deutschen Schloß. Dem lag aber mehr daran, im Lande zu bleiben --« Georg verstummte und ergänzte sich stillschweigend: -- als über sein Land mit fremder Hülfe zu herrschen -- und dann wußte er ja auch alles zuvor --, also: Herzog in Trassenberg. -- Georg sah die drei Leuchterflammen durch den Saal schweben, vor ihnen, hell beleuchtet, den grünen Uniformsrücken und das schwarze Haar des Kaisers, und seinen Schatten, der vor ihm die Tür ausfüllte und an der Wand emporstieg. -- Dann stellten sich zwischen seinen Lidern die fernen Fabrikschlote mit ihren schwarzen Fahnen auf; Aprilwolken, weiß und leicht, wimmelten im dichten Geschwader über den Himmel. Im Garten zwitscherte es. --
Ich weiß wohl, dachte Georg, die Zeit ist zu keiner Romantik geneigt. Aber warum sagte Papa mir das alles? -- Und am nächsten Morgen, zum Abschied, gab es noch ein kaiserliches Bonmot von archimedischer Größe: _Ne troublez pas mes étoiles, mon ami!_ --
Georg setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine hängen. Ja, da saß er auf des Kaisers Tisch ... Die Abfassung der Memoiren ward abgebrochen infolge der langwierigen Verhandlungen des Wiener Kongresses und später nicht fortgesetzt, weil der Verfasser starb. Welche Entschließungen mochten ihn wohl dazu geführt haben, in die endgültige Mediatisation und Zerteilung der Landschaft an Beuglenburg zu willigen, und vor allem jenen Geheimabschluß einzugehn, nach welchem das Großherzogtum nur die Oberhoheit auf hundert Jahre, gewissermaßen kündbar ... Ob das alles überhaupt heute noch gültig war? Aber sein Vater hatte doch ...
Und hundert Jahre nach jenem Tag, fast auf das Datum genau, würde sein einundzwanzigster Geburtstag sein. -- Er schüttelte sich, es überlief ihn glühend heiß, er sprang auf, lief zu einem der Fenster und riß es auf. Die Sterne! Da oben waren sie, auch jetzt, am lichten Tag, alles an ihnen war unglaublich. Er liebte sie, oh! aber mit ihm sprachen sie nur durch das Gefühl. Er war aber an sie gefesselt! Nein, das war eine Parallelbewegung. Sie drückten droben in Linien von himmlischer Schlichtheit aus, was hier unten sich wirkte, löste und knüpfte, klarer und mit ihrer ganzen, tausend Jahre alten Sicherheit. Hatte also der Ahn gewußt, daß er, daß Georg, ein Mensch ... Und deshalb jenen Vertrag ...? Diese Trassenberge -- Astrologen, Philosophen, Sozialisten, der letzte vielleicht nur ein Poet.
_Ce n'est pas contre_ ... Georg ging mit langen korsikanischen Schritten im Saal umher. Da saß der gute Benno und wußte nicht wohin schaun vor Diskretheit. Durch das offene Fenster strichen Windwellen, Stargeschrei wirbelte herein. Die Kastanien hatten große, feuchte, blanke Knospen und erinnerten an Kuhaugen. _Je les veux remplir, sans savoir, moi!_ Renates Antlitz schwebte entzückend auf ihn zu. Er brach ab. »Komm, Benno, wir wollen Zimmer ansehn.«
Raum
Während sie den Korridor hinuntergingen, bemerkte Georg: »Übrigens -- ein Onkel von mir wollte hier schon einmal wohnen, in denselben Zimmern vermutlich, an die ich selber gedacht habe, aber er starb an der Schwindsucht, als eben die Tapeten an die Wände sollten. Na -- ich bin gesund wie eine Kokosnuß.«
»Warum denn Kokosnuß?« fragte Benno verwundert.
»Ach, weil mirs so einfiel, mein Junge!« lachte Georg. »Ist so ein schönes, tatsächliches Wort nicht an sich genug? Aber wenn du willst, denk: süße Milch in gepanzerter Schale; aufs Haar so komm ich mir eben vor.«
Sie bogen um die Ecke in den kleineren Flur, Georg öffnete die Tür am Ende, prallte aber leicht zurück vor dem unverhofft wüsten Anblick dieses Raums.
Hoch von oben, auf zwei großen, wagrecht ovalen Fensteröffnungen waren zwei mächtige, von Myriaden Sonnenstäubchen schimmernde Lichtbalken in den weiten, quadratischen Raum schräge hinuntergestellt. Hinter ihnen waren die Läden der hohen Fenster -- nein, eines war eine Tür -- geschlossen und der Raum sonst mit goldner Dämmerung erfüllt. Georg schätzte die Höhe auf sieben Meter zumindest. Sie selber standen vier Stufen hoch über dem Boden, der mit Mörtel, Bruchsteinen und Tapetenresten und -rollen lose und in Haufen bedeckt war. An den Wänden nacktes Mauerwerk. Prachtvoll glitzerte oben im Winkel über dem rechten Lichtoval ein riesiges Rad von Spinnennetz. Es roch heftig nach Steinen, Tapeten und dergleichen fauligen und unbestimmbaren Dingen mehr.
»Das, Benno, das wird aber bald anders aussehn,« brach Georg mit Begeisterung los. »Gieb acht, ich will dirs beschreiben! Zuerst hier, diese Stufen werden zwei köstliche uralte Holzgeländer bekommen -- ich fand sie in Aibling unten bei einem Klosterbauern --, geschnitzte Apostelfiguren unter einem breiten Dach, fast schwarz von Alter. Dann kommt hier rechts in die Ecke ein Kamin, und da wird aus einem runden Tisch, tiefen Sesseln und einer Hängelampe -- mit solch einem mächtigen Umhang, violett oder goldgelb oder tannengrün, wie's am schönsten wirkt -- ein kostbarer Abendwinkel gebildet. Die Wände aber -- ja, die werden sich mindestens -- fünf Meter hoch mit Bücherregalen bedecken, die aber Zwischenräume unter sich lassen, halbmeterbreit, und dahinein kommen so -- Gestelle mit Kübeln voll Blumen, -- ja, das mußt du dir ausmalen für alle Jahreszeiten, -- aber denke dir nur: große Gefäße von Stein oder Kupfer oder chinesische Paukenbecken von Bronze und darin -- sagen wir -- zweihundertfünfzig dunkelrote, eiförmige Tulpen, an grünen, weichen Stielen über den Rand geneigt, oder -- an anderer Stelle -- ein ganz dünner Mandelbaum mit zehn kerzengraden Spießruten voll rosiger Korallen. Ha, Benno, was sagst du? Und die Bücher werden alle in die Regale tief hineingeschoben, so daß vor ihnen noch Platz bleibt für alle möglichen Erlesenheiten, Vasen mit Blumen hier und da und dann, was ich so habe: kleine Scharen von japanischen Schnupftabaksphiolen aus Jade und Glas, blauem, weißem und grünem, und kleine, geschnitzte Hausaltäre, innen vergoldet mit dem Buddha im Lotos, und persische Federkästen von unbeschreiblicher Lackmalerei auf ganz glühend goldigem Grund, und persische Steintöpfe, diese grauen mit blauen Ornamenten, weißt du, und Tonschalen, durchbrochene, wie aus Papier, aus den urältesten Dynastien. Bunte Chinesenschalen ferner, und dann die köstlichsten Figuren und Gruppen aus Frankenthal und Höchst und Meißen und weiße und violette Statuetten aus Kiel und durchbrochene Krüge aus Münden und Terrinen aus ich weiß nicht wo, -- all die glänzenden, kühlen, glatten Farben, so daß alles das lebt, Bücherrücken und Büchergeist, Blumen und Kunstwerke sich miteinander zu _einem_ Schimmer von atmendem Leben vereinen, -- wirds was, Benno?«
»Und an die Erde?« hauchte Benno in träumendem Entzücken.
»Auf den Boden? Du wirst hinknien, Benno, hinknien auf die, nein, vor den Wundern des Bodens, denn das werden -- oh Benno! -- das werden Bucharas sein, Bucharas, Benno, das Herz zittert mir, wenn ich dran denke, Bucharas aus Konstantinopel mitgebracht, Ornamente und dunkle Silberfarben in braunem Purpur, Seide, Benno, Seide, wie Eisen so schwer, und sie stehn, wo du sie hinstellst, sie stehn! Du kriegst die Hände nicht los von ihnen, wenn du sie einmal angerührt hast. Sie sind von Göttern verfertigt, und wir werden darauf schlafen mit unsern Königinnen. Aber weiter! Weißt du nämlich, was vor die Fenster kommt? hast du eine Idee, Benno? Ein Vorhang, mein Teuerer, _ein_ Vorhang über die ganze Breite und Höhe hin, der am Abend lautlos von den Seiten, fast ohne Falten seinen tannengrünen oder auch mausgrauen Sammet zusammenschließt, und davor -- ja davor kommt das Kaiserliche zu stehn, -- in Florenz ließ ich ihn herstellen -- der Penserioso aus dunkelster Bronze auf einem kleinen Postament. Siehst du ihn, Benno, siehst du ihn, wie er sitzt und ewig nachsinnt, der Wunderbare?«
Ja, Benno sah ihn; er sah ihn leibhaftig und schauderte fast. »Georg, du bist ein Held!«
»Ach, ausgerechnet, Benno! -- Ja, das wäre dann wohl alles, nun kannst du -- ja so, den Schreibtisch haben wir vergessen, der kommt aus Trassenberg, ein alter deutscher Eichentisch, mit gewundenen Beinen, den ich links und rechts von gestützten Platten verlängern lasse, denn ich brauche Raum beim Schreiben, und er kommt in die Mitte vom Ganzen. Einverstanden? Dann also, Benno, entzünde deiner Phantasie eine Opferkerze und laß dir schildern -- nach diesem Vorbilde etwa --, wie deine eigenen Zimmer aussehn werden. Kunstsachen habe ich im Überfluß, du brauchst dir nur auszusuchen, und wenn was fehlt, fahren wir in die Gegend und sammeln. Nun komm, wir sehn noch das Speisezimmer. Schlaf- und Badezimmer kommen drüben auf die andre Seite ...« Und ein drittes Zimmer, doch das verheimlichte Georg, sogar zur Hälfte vor sich selber.
Sie gingen nach links hinüber durch den Raum. Das Nebenzimmer, weniger groß, streckte sich von den Fenstern aus in die Tiefe. Hier entliefen die Ratten quietschend aus den Mörtelhaufen, aber das Nachmittagslicht erfüllte fast blendend eine gläserne Apsis an der langen Wand, -- das Ende des Hauses.
»Wie dies hier wird, weiß ich noch nicht genau, -- aber das weiß ich, Benno, daß in der Apsis da ein ovaler Speisetisch stehn wird unter einer Blumenampel, und an ihm, Benno, an ihm schlemmen und demmen wir mit unsern zwei Mätressen. Was sagst du, Benno?« Er packte den in Andacht Verleuchtenden an den Schultern, schüttelte und schwenkte ihn herum und sang dazu in höchster Ausgelassenheit:
»Da schlemmen wir und demmen Mit unsern zwei Mätressen, Wir lassen uns nicht hemmen Und schämen uns nicht dessen!
Gott im Himmel Lob und Dank!« stöhnte er endlich mit letzter Inbrunst, »München liegt hinter mir, München war ein böser Traum, ein Alp, eine Erfindung. Nun wollen wir anfangen zu leben!«
Sprachs, packte Benno am Rockschoß und fuhr ab mit ihm durch die Räume, über Stufen, den Flur hinunter ins Freie, wo es dann Benno gelang, seine Hände zu fassen und fast aus den Gelenken zu schleudern vor überströmendem Gefühl.
Danach schlenderten sie, noch aus Beschämtheit ein wenig und schon aus Gewohnheit wieder schweigsam, die Allee hinunter und weiter bis ins Zentrum, verabredeten, am Abend die Oper hören zu wollen -- Figaro! Benno strahlte; nein, seine Mutter würde nichts dagegen haben -- und schieden. Georg begab sich zum Hotel, um seine Briefe zu schreiben, indem er schon, mühsam sich sammelnd, an den Worten für Magda zu arbeiten begann. Ach, er würde ihr gut schreiben, sehr gut ...
Achtes Kapitel
Hotelzimmer
In der Halle meldete der Pförtner Georg, sein Vater warte bereits seit drei Stunden auf ihn.
Mama! durchzuckte es Georg, doch das war ja Unsinn; dann wäre sein Vater nicht hier, aber hundert ängstliche Erwartungen im Gehirn lief er die Halbtreppe hinauf. Im Zimmer saß sein Vater und rauchte, halb verhüllt von den grauen und blauen Rauchschwaden. Georg sah, als er auf ihn zutrat, daß sein Gesicht grau und verfallen war; um so wunderlicher schien ein Ausdruck von Kühnheit und Hoffärtigkeit, der die schiefe Nase schiefer und hakiger bog; die Augen funkelten einen Augenblick mit unverkennbarem Sarkasmus, und der verwilderte Schnurrbart sah wie ein entsetztes Gespenst aus. Das bärtige Kinn hebend, Atem schöpfend, sagte er:
»Setz dich. Es ist eine verfluchte Sache, mein Sohn, da zu sein und noch drei Stunden warten zu müssen. Setz dich und mach dich stark. Ich gäbe dir am liebsten eine einfache Erklärung, jawohl einfache Erklärung -- ab, aber aus gewissen Gründen ist das unmöglich.«
Der Herzog wehrte, die Augen zusammenkneifend, eine Qualmwolke ab, legte das Ende seiner Zigarre in die Aschenschale und ergriff eine schwarzlederne Aktentasche, die neben ihm im Sessel stand. Er nahm zusammengeheftete Aktenbogen heraus, bog eine Ecke um, als ob er zauderte, stieß dann die Blätter gegen Georg hin und sagte: »Da! Selber lesen!«
Georg nahm. »Kennst du die Handschrift?« hörte er fragen.
Er las:
Promemoria
An seine Durchlaucht, Woldemar August Emanuel, Herzog in Trassenberg, Fürsten ... folgten sämtliche Titel. Darunter stand ein Datum: 9. Dezember. »Ich glaube,« antwortete Georg, »Chalybäus ...«
»Ja. Also lies.« Georg las.
»Am Nachmittage des 30. Juli des Jahres 18... um sechs Uhr traf, wie Euer Durchlaucht bekannt sein dürfte, die Depesche ein, welche den schrecklichen Unfall Euer Durchlaucht vermeldete und, da ich zu spät von derselben erfuhr, ohne daß ich es hätte verhindern können, in die Hände Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin gelangte, deren Entbindung, wie mir selber noch am Morgen dieses Tages von Herrn Geheimrat Professor Dr. Schröder mitgeteilt worden war, am nächsten, ja vielleicht schon am selben Tage noch zu erwarten war. Herr Geheimrat Schröder war, da sein Aufenthalt in Helenenruh in Böhne bekannt geworden war, von einer Familie dorthin gebeten worden. Ich geriet daher in begreifliche Aufregung, als mir durch den Diener (Suttner) der Auftrag Ihrer herzoglichen Durchlaucht erteilt wurde, sofort den Opelwagen unter Verdeck vorfahren zu lassen. Die Willensfestigkeit Ihrer herzoglichen Durchlaucht ist Euer Durchlaucht zu bekannt, um Euer Durchlaucht nicht einsehn zu machen, daß jeder Widerstand meinerseits nichts bedeuten konnte.« Die langen Sätze, das barbarische Deutsch und die vielen Durchlauchten wimmelten Georg vor den Augen, aber als er den Blick erhob, traf er auf seinen steif dasitzenden Vater, und Georg begriff, daß gelesen werden mußte.
»Ein Zug nach Altenrepen ging, wie Euer Durchlaucht bekannt, erst am späten Abend durch Böhne. Zu allem Überfluß hatte ich den Chauffeur Mielke zu einem Besuch seiner Mutter beurlaubt, da derselbe seit Wochen keinen Dienst hatte zu tun brauchen, und war zu vermuten, daß dies auch in den folgenden Tagen der Fall sein werde. So begann denn in der Tat gleich darauf jene, uns allen als ein Wahnsinn erschienene Fahrt mit mir selber als Lenker.
»Im Schreiben wird mir bewußt, daß die meisten dieser Tatsachen Euer Durchlaucht längst bekannt geworden sind; gleichwohl scheint es mir notwendig, von dem Verlauf des Ganzen eine Schilderung zu geben, wie sie sich mir selber in jenen Stunden ergab.« Georg, in Verzweiflung über das schauderhafte Sprachgewächse, las verbissen weiter.
»Nach Zurücklegung kaum eines Kilometers stellte es sich; wie zu vermuten gewesen, heraus, daß die Erschütterung des Wagens eine Unmöglichkeit für den Zustand Ihrer Durchlaucht bedeutete. Ihre Durchlaucht selbst, die dasselbe bemerkten, befahlen mir daher, die höchste Geschwindigkeit anzuschlagen, in der Tat, so unglaublich es klingen mag, die einzige Möglichkeit, da mit zunehmender Geschwindigkeit, wie Euer Durchlaucht bekannt, die Erschütterungen sowohl geringfügiger als auch ebenmäßiger werden. Ich schaltete also schaudernden Herzens die höchste Geschwindigkeit ein, -- genug! Ich war nie ein sicherer Fahrer und nur Amateur. Gott allein ist es zu danken, daß nicht das Furchtbarste passierte.« Georg empfand ein leise schauderndes Staunen über diese, unbewußt von ihm zurückgelegte Fahrt und las weiter.
»Der Witterung nach hätte man den Tag als einen zum November gehörigen bezeichnen können; derselbe war grau, naßkalt, die Landschaft mit Nebel verdeckt, es dunkelte bereits um sieben ein halb Uhr so stark, daß es unmöglich schien, ohne Laternen weiter zu lenken, und hielt ich einen diesbezüglichen Aufenthalt von zwei Minuten für geboten. Dann ging es mit ungeminderter Geschwindigkeit weiter, um acht Uhr zwölf Minuten jedoch mußte ich zugeben, mich verirrt zu haben. Wir befanden uns in den fürstlich allendorffschen Kiefernwaldungen. Einige Minuten später blieb der Wagen stehn, der Ölbehälter war versiegt; in meiner Aufregung mußte ich ihn vergessen haben. Ohne Ahnung, wo wir uns befanden, in Finsternis unbekannter Wälder, hörte ich aus dem Wagen das Stöhnen der hohen Wöchnerin. Die neben mir sitzende Kammerfrau Biedenweiler eilte, einen Schwächeanfall infolge der rasenden Fahrt nur mühsam zurückhaltend, sofort ihrer Durchlaucht zuhülfe. Was war zu tun? Konnte ich die hohe Frau schutzlos im Walde zurücklassen? Zweifellos, wie das immer heftigere Stöhnen verriet, hatten die ersten Wehen bereits begonnen. Selber von der Fahrt auf das äußerste angegriffen, getraute ich mich nicht von der Stelle, wenn nicht plötzlich ein junges Mädchen, eine Magd, im Licht der Wagenlaternen aufgetaucht wäre, welches fragte, ob uns mit irgend etwas zu dienen sei. Auf meine sofort eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich, daß wir uns kaum zehn Minuten von dem, nur aus wenigen Häusern bestehenden Kurort Meysensang befanden, und sollte, keine zwölf Schritte von unserm unfreiwilligen Halteplatz entfernt, an der Straße die Villa einer Frau Müsing stehen, zu deren Haushalt das Mädchen gehörte. -- Welches alles Euer Durchlaucht gewiß in Erinnerung ist.
»Ich ließ nun die hohe Dulderin im Schutze der Kammerfrau zurück und begab mich unter der Führung des Mädchens oder der Magd nach dem Hause das alsbald zu entdecken war, und hatte dasselbe in der Richtung unserer Fahrt keine Fenster, weshalb ich es nicht hatte erblicken können. In der Haustür traf ich auf eine große, grobgebaute Frauensperson; es leuchtete ihr weißes Gesicht auf eine seltsame Weise aus dem Dunkel des Hausflurs. Auf meine Frage, ob sie die Eigentümerin bzw. Besitzerin des Hauses sei, gab sie mir mit einer tiefen, fast männlichen Stimme zur Antwort, sie wäre die Hebamme. Die Seltsamkeit dieses Zusammentreffens klärte sich alsbald dahin auf, daß im Hause eine Geburt erwartet wurde; die bald herbeigeeilte Besitzerin des Hauses, eine jüdisch oder polnisch aussehende ältere Dame, sprach in unvollkommenem Deutsch von einer Verwandten, die ihrer Entbindung entgegensehe. Aus Gründen, für die ich späterhin keine Erklärung in meinem Innern auffinden konnte -- Durchlaucht mögen die Situation, die Erregung etz. bedenken --, hielt ich es zur Wahrung der Diskretion vorläufig für das beste, Namen und Titel Ihrer Durchlaucht zu verschweigen, zumal eine Kenntnis derselben nicht gefordert wurde. Ein Zimmer wurde der hohen Wöchnerin zur Verfügung gestellt, in welches dieselbe unerachtet ihres gefahrvollen Zustandes sich zu Fuße, auf mich und die Kammerfrau gestützt, begab. Bei einer Ruhepause vernahm ich aus dem Munde der edlen Dulderin die mir unvergeßlichen Worte, die ich Euer Durchlaucht zu berichten nicht unterlassen habe, in dem sie stehenbleibend und leise schaudernd zuerst flüsterte: Wald -- Nacht -- und Sterne ... Darauf: Seid mir gnädig! -- Später fragte sie mich noch, ob man telegraphieren könne. Ich habe zu diesem Zweck das dienstfertige Mädchen in den Ort geschickt, es konnte aber das vom Befinden Euer Durchlaucht Auskunft gebende Antworttelegramm nicht mehr zu Ihrer Durchlaucht gelangen.
»Zu bemerken ist noch, daß das Haus, ein Neubau, erst wenige Tage zuvor bezogen worden war, und füllten die Möbel noch unordentlich einige wenige Zimmer, während andre ganz leer geblieben waren. Es war kalt und naß, jedoch fand Ihre Durchlaucht im eigenen Schlafzimmer der Besitzerin Unterkunft. Im Erdgeschoß befand sich eine Art bäuerlicher Diele mit einem Alkoven, der von Vorhängen verschlossen war; neben demselben führte eine Treppe in das obere Stockwerk. Als Ihre Durchlaucht vernahmen, daß sich im Alkoven eine Frau befand, die wie Ihre Durchlaucht jeden Augenblick ihre schwere Stunde erwartete, sagte sie nur mit einem Lächeln auf uns, das uns das Herz zerriß: Dann ist es leicht. --
»Es war zuerst still im Hause. Nun kann ich nicht umhin, zu sagen, daß mein eigener Zustand infolge der ausgestandenen Ängste der Fahrt, der Verirrung, sowie der ganzen schrecklichen Situation ein unbeschreiblich erregter war. Wohl war ich ferne davon, mich zu beklagen, daß es nirgend einen Platz für mich gab; das Pflichtgefühl hielt mich, wie ich Euer Durchlaucht nicht erst zu versichern brauche, davon ab, ein Nachtquartier im Dorfe zu suchen. So verbrachte ich wohl eine Stunde in einem der, mit Möbeln angefüllten Zimmer auf einem Stuhl, dann jedoch wurde ich völlig aus dem Hause vertrieben, da es mir unmöglich war, das nun beginnende Geschrei und Jammern anzuhören, indem sowohl bei Ihrer Durchlaucht als bei der Fremden die Wehen begannen. Hier wäre auch wohl eines stärkeren Mannes Herz verzagt geworden.
»Euer Durchlaucht mögen sich meinen Zustand vergegenwärtigen. Aufs höchste abgespannt von den mannigfachsten Schrecknissen, vom Unfall Eurer Durchlaucht, von dem Unternehmen, von dem Zustand Ihrer herzoglichen Durchlaucht, von der bevorstehenden Geburt, von der wahrhaft entsetzlichen Fahrt, der beständigen Angst um das gleichsam in meine Hände gelegte Leben des zu erwartenden Kindes, zuletzt durch das Geschrei der Schwangeren, das mich gellend tief in den Wald hinein verfolgte, das ich noch heute zu hören glaube, fieberte ich und zitterte an allen Gliedern. Ich irrte zwischen Stämmen und Wurzeln umher, bis ich infolge meiner unglückseligen Verwirrung das erleuchtete Fenster aus den Augen verlor, und zu spät mußte mir in diesem Augenblick noch einfallen, daß es meine Pflicht gewesen wäre, aus dem Kurhaus einen richtigen Arzt zu holen. Verzweifelt suchte ich zwar umher, doch war kein Weg zu finden, und ward ich am Ende von Müdigkeit dermaßen überwältigt, daß selbst der Abscheu vor Schlangen und sonstigem Getier mich nicht abhalten konnte, meinen Mantel auf die Erde zu breiten und in dieser Lage den Morgen zu erwarten. Gleich darauf muß ich des Schlafes unwiderstehlicher Magie anheimgefallen sein.