Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 41

Chapter 413,650 wordsPublic domain

Er gab sich einen Ruck, richtete sich auf, sah den Kellner den Silberbecher vor sich stellen, tauchte die kleine Schaufel ins Eis und redete weiter:

»Du verklärst, Benno, immer verklärst du. Ja, herrlich, natürlich, aber -- es ist ja wunderschön, du weißt, wie sehr ich es an dir liebe, obgleich ich fast wieder meine -- nicht wahr? -- es ist schön, wenn du das Geringe, das Unscheinbare, das -- Verkannte so -- in deiner Art -- erhebst, immer das Gute aus dem Traurigen, Entstellten herausliest, -- aber -- nicht wahr? -- Das Seltne, Edle, Tüchtige, Heilige -- das ist verklärt durch sich selbst. Ich finde, da kann man nur Abbruch tun. Nein, höchstens, wenn du sagst, daß sie feiner, zarter, empfindlicher geformt ist als Andre -- ja, so wird sie eben dadurch zu leiden haben, auf andre Weise deshalb als Andre; darin wird dann ihr besonderes Leiden bestehen, aber -- nicht wahr -- wo überhaupt Ernst zum Leiden da ist, da findet sich -- Leiden, und dann ist das eine jedem andern gleich. Oder glaubst du, Benno, ein Mensch könnte mehr zu leiden haben als ein andrer?«

»Über seine Grenze hinaus leidet wohl niemand ...«

»Und wer bis an sie geht, Benno?«

Benno betrachtete mit schwermütigem Ausdruck Fleisch und Gemüse auf dem versilberten Tablett, das der Kellner vor ihn hinsetzte, und meinte schüchtern, es sei wohl überhaupt kaum Ort und Stunde passend, um vom Leiden zu reden.

»Ich verkläre auch gar nicht, Georg,« fuhr er eifrig und mit unglücklichem Augenaufschlag fort, »niemals tue ich das, du verkennst mich ganz! Ich sehe nur immer mich selber, wie klein ich bin, und vor so viel Schönheit und Größe vielleicht auch die Kleinheit der Andern.«

»Wundervoll, Benno! Schlechthin erhaben!« bemerkte Georg sardonisch. »Und das ändert nicht das geringste daran, daß sie selber vor sich ist, was sie ist. Wenn sie wirklich stürzen sollte, stürzte sie damit aus sich selber? Oder traust du ihr zu, daß sie vor sich selber steht und zu sich aufstaunt wie --«

»Ach, du tust immer zynischer, als du bist!«

»Und du bescheidener, als du bist!« grollte Georg und erhob sich, um für eine Minute zu verschwinden.

Zurückkommend fand er Benno bereits mit seinem Pfirsich beschäftigt, sah schweigsam zu, wie er fertig aß, zahlte auch, und sie standen gleich darauf vom Tisch auf, da Georg zur Eile trieb, ungeduldig, zu seinem neuen Wohnsitz zu kommen.

Park

Vor der Tür fanden sie einen Frühlingsregen, der so straff und kräftig durch den hellen Sonnenschein niederrauschte, daß sie auf Georgs Zuruf in Sprüngen wie die Tertianer dreißig Schritt weit zur Straßenecke rannten und sich in die vorderste der dort haltenden Kraftdroschken warfen. Sie waren aber -- jeder in seiner Ecke schweigsam die Freude der Wiedervereinigung genießend -- noch kaum auf dem Platz vor den Kasernen angelangt, als die Sonne mit breitem Strahlengefächer den Regen endgültig nieder- und in die Flucht schlug. So ließ Georg vor den Eingängen der Alleen halten, sie sprangen wieder ins Freie und traten in den breitesten, mittleren Eingang der drei Alleen, wo Georg mit liebevollem Heimkehrbehagen die grauen Sandsteinpfeiler der breit offenen Gitter begrüßte, dann den großen Fernblick, die Fahrstraße zwei Kilometer weit hinunter bis zu den, aus bläulichen und goldigen Dünsten im fernen Ausschnitt erscheinenden Glasdächern und Glaswänden des mächtigen Palmenhauses, jetzt klein erscheinend in der Ferne, über und über glitzernd von feurigem Golde. Die braune, locker schollige Erde der Fahrstraße war bedeckt mit kleinen Rauchsäulen wie von tausend winzigen Feuern, die nach oben verdampften.

»Herrlich!« sagte Benno. »Siehst du: der Weg der Opfer zur Gralsburg. Das Glashaus hinten erschien mir, als ich ein Junge war, immer als Burg Munsalväsche, und besonders am Abend, wenn nur die Dächer und Kuppen in roten und goldenen Feuern flammten, sah ich drinnen die erhöhten Sitze, alabasterne Säulen, den Zug der heiligen Frauen, und ich hörte den Gesang der Templeisen.«

»Ja, das kann ich mir denken. Und -- siehst du -- die vier Lindenreihen mit den kahl nach oben strebenden Zweigen -- sind sie nicht wie Ruinen gotischer Gänge, aus denen die Wölbungen herausgebrochen sind? -- Ach Gott sei Dank, daß ich wieder hier bin! Sieh nur die entzückende Fernsicht da links in den Park!«

Auch dort lagen die noch graulich grünen Wiesen der Anlagen mit zartem Buschwerk, mit den schwärzlich durchsichtigen Gruppen der Bäume dampfend in feuchter Bläue und sanftem Golde, das in den Himmel von beseligtem Blau leise verging. Weit und breit war kein Mensch zu sehn; sie gingen langsam und sehr zufrieden zur Linken in die Fußgängerallee, Benno, mit plötzlichem Ruck seinen Mantel aufreißend und den Schlapphut vom Kopfe schwenkend. Augenblicke später brach Georgs Herz und Mund unwiderstehlich zur Rede auf.

»Ach, Benno,« sagte er, seinen Arm ergreifend, um den Größeren zum Ausgleich wenigstens an sich heran, wo nicht herab zu ziehn, »Benno, von was anderm kann man denn jetzt reden als von Renate und von der Liebe. Du hast recht, die Weinstube war unpassend. Jetzt streicht die Luft durch das Herz und macht es geschmeidig mit Feuchte. Reden wir -- _de amore_!«

»_De amore?_« sagte Benno vergnüglich seufzend. »_In amore_ scheinst du ja seltsame Dinge erlebt zu haben.«

»Wieso, Benno? Wie kommst du darauf? Ach, dir liegt womöglich noch der Aphorismus auf der Seele, den ich dir einmal schrieb! Na, das war so ein Span, aber -- du kannst mir glauben, ich habe mir fürchterlich das Hirn zergrübelt, namentlich in der letzten Zeit, wo ich schon ganz von Gott verlassen war. Übrigens -- erinnerst du dich noch an Fliddridd?«

»Fliddridd?« Benno erinnerte sich dunkel. »So eine Rothaarige in Helenenruh, im Büro deines Vaters, war sie das?«

»Das war sie. Nun ist sie Gott weiß wo. Kaum war ich nämlich drei Tage in München, so erschien sie bei mir und -- na, das Weitere ergab sich aus der Lage. Als ich sie aber grade in eine Dame verwandelt hatte -- oh sie hatte ein Teufelstalent! --, wurde ich aktiv, und die Natur der Lage ergab, daß wir uns wieder trennten. Aber ich habe gelernt von ihr, viel gelernt ...«

»_In amore?_«

»Wie sardonisch du fragst, Benno! Kleine Erlebnisse und große Erfahrungen. Erlebnisse sind wie Zwiebeln; man muß viele Häute auseinanderwickeln und gelangt zum fabelhaftesten Kern mitunter. Einen fand ich -- -- ja, leider kann ich ihn dir nicht beweisen, vielmehr ist grade der eher ein Gefühl, das aber so plötzlich erkenntnishaft vor mir aufflammte, daß ich erschrak. Das war nämlich die Erkenntnis, daß -- höre zu, Benno! -- daß jenes Wollustempfinden des Liebesaktes in Wahrheit keine Lust, sondern vielmehr ein ungeheurer Schmerz ist.«

Zusammenfahrend blieb Benno stehn, blickte erschrockenen Auges auf Georg und stieß hervor:

»Aber das ist unerhört, Georg! Was sagst du! Fast aufs Haar dasselbe habe ich einmal gedacht. Nein, nicht gedacht, -- ich sah es vor mir, ich fühlte es, es muß so sein! Wie michs da schauderte!«

Sich losmachend, stürmte er vorwärts, an Georg vorüber, erhobenen Hauptes, mit schlenkernden Armen und flatterndem Mantel. Georg holte ihn wieder ein, packte ihn und fragte, wie er darauf gekommen sei.

»Eigentlich -- durch Lektüre. Ich empfand bei einem deiner Briefe -- du weißt welchem -- meine Unkenntnis in vielen Dingen und suchte mich zu unterrichten. Meine Schwester gab mir einige Bücher und Schriften, ich las und las, -- alles war wundervoll und erschütternd, die ganze Natur ... Nun, und eines Nachts, auf einmal, ich lag wach -- da fuhr dies auf in mir. Es hing aber damit zusammen, daß ich von den niedrigsten Tieren gelesen hatte, den einzelligen, die sich durch Spaltung vermehren, durch Zerreißen. Und da --«

»Das ist es, Benno, das ist es ja!« fiel Georg entzündet und hingerissen ein. »Zerreißen denn nur die Einzeller? Wir selber, wir spalten uns doch, spalten uns -- in uns selber und in das Gezeugte, das Kind, den neuen Menschen. Wir zerreißen, es ist ein tödlicher Vorgang und -- ja, nun vor allem der Vorgang selber! Hast du's erlebt, Benno?« Benno schüttelte, hastiger schreitend, den Kopf. »So laß dir sagen, Benno, der wahre Vorgang ist nichts weiter als ein seelisches Sterben. Das Bewußtsein -- nicht wahr -- wird im Organismus dem Leibe ausge-- ja, ausgerissen wie ein Heidelbeerstrauch, alle Wurzeln triefend von Lustbluten. Ah, Benno, dieser Krampf, dies Auslöschen aller Sinne und der Seele, das sollte eine Lust sein? Wir haben eine Lust daraus gemacht, ich weiß nicht wie, aber wir haben. Schon die Einzigkeit des Vorgangs widerspricht ihm ja, oder wo gäb es noch eine zweite Stelle unseres Leibes, die imstande wäre, so Lust anzustrahlen, wie Schmerz aus einer Wunde, unsägliche Lust, die dein ganzes Dasein dermaßen umkrampfte, zusammenpreßte und vernichtete. Aber gleichviel! Und hinterdrein, Benno -- ich weiß nicht, ob du den alten Spruch kennst: _Omne animal triste post_ ... Nun, nicht wahr, du verstehst, was er besagen will. Übrigens ist es keine Traurigkeit eigentlich; das erste Mal, als ich selber noch nicht Bescheid wußte und natürlich dachte, mir allein widerführe dies, schien mirs Traurigkeit, aber es ist keine, es ist -- -- Verzweiflung, eine ganz kalte Empfindungslosigkeit, die der völligen Verzweiflung so gleich ist wie ein Haar dem andern, und die wir nur deshalb nicht ganz als solche empfinden können, weil wir -- schlaff sind, matt -- und immerhin noch durchschwellt von der eben erloschenen Lust. Und was wäre der Sinn davon, was kann er nur sein? Der Sinn ist, daß wir im Augenblick der Zeugung, oder vielmehr durch die Tat der Zeugung -- was tun, Benno? Uns selber vernichten, unsern Tod besiegeln. Warum? Weil wir, wenn wir ewig lebten, keine Nachkommen zu schaffen brauchten, einfach! nicht zeugen würden. Zeugung ist Notzwang des Todes.«

»Georg!« Benno wehrte sich, seitwärts strebend, mit Kopf und Armen. »Welch ein furchtbarer Glanz breitet sich da über die Liebe!«

Georg zuckte die Achseln.

»Über die Liebe? Ich weiß nicht, wie du das meinst, Benno. Vorläufig nur über die Zeugung. Ich aber glaube vielmehr zu wissen, daß eben die Liebe -- das, was uns Liebe ist, leibliche und seelische Hingerissenheit zu einem Andern -- mit diesem, mit der Zeugung gar nichts zu tun hat. -- Halt, Benno, lauf nicht davon, hier haben wir das Schloß!«

Sie blieben stehn. Jenseits der weißen, chaussierten Fahrstraße zur Linken waren Bäume und Gebüsche zu einem gewaltigen Ring um das Rasenrund geschlossen jenseits dessen die graue, vielfenstrige Front des Schlößchens sich erstreckte mit flacher, von Kandelabern flankierter Rampe in der Mitte, flachem Giebeldreieck und den Schwellungen der Ochsenaugen im schwärzlich roten Dach. In geringem Abstand links davon ragte der dunkelrote Rundturm der Sternwarte, zinnengekrönt und ohne sichtbares Dach, in seinem schief hängenden Mantel von schwarzem Epheu, über den umgebenden Ring kleiner, runder Akazienwipfel, von denen zwei über der Türe ineinandergeflochten waren.

Sie standen eine Minute beieinander, sich zum Anschaun zwingend mitten in ihren erregten Gedanken, und gingen dann langsam über den Damm, den am Rasenrund hinunter führenden Weg in der Richtung des Schlößchens; als aber eine Bank am Wege stand, ließen sie sich in schweigsamem Einverständnis darauf nieder.

Es war recht warm geworden. Das zarte Licht überquoll seelenvoll die Unvollkommenheit der jugendlichen Natur, die sich durchschauen ließ in allen Tiefen, von überallher bedürftige Arme und Spitzen nach oben streckend, Küsse des Lichts zu empfangen, von denen sie plötzlich ergrünten, schattenlos, luftig zitternd im hauchenden Golde.

»Ach, es ist schön, Benno, es ist wunderbar schön hier oben im Norden! Es ist so wenig, und im Wenigen so viel, wenn einem die Brust aufgeht, nicht wahr?«

Georg stellte seinen Stock vor sich auf, setzte das Kinn auf den Goldknopf, zog die Lider zusammen und blinzelte behaglich im Gefühl der Sonne, die seinen Rücken durchwärmte. Und er lächelte, Bennos lauschende Haltung zu gewahren -- wie früher so oft --, die andächtige Zuhörerattitüde, in der er saß, das rechte Knie überm linken, den Oberkörper fast gerade, den Hut auf dem Knie, das Gesicht mit dem verschleierten Blick ein wenig vorgestreckt am überlangen Hals, immer ein wenig Wehmut in den äußeren Augenwinkeln, im Hängen der Nase und des Schnurrbarts.

»Sprich weiter, Georg,« hörte er ihn sagen. »Das Letzte verstand ich noch nicht. Warum sollte Zeugung nichts mit Liebe zu tun haben?« Er ließ die Hand fallen und krümmte sie offen. »Ist nicht im Gegenteil dies die vollkommene Vereinigung der Liebenden, Leib in Leib und Seele in Seele?«

Georg fing an, im feuchten Erdreich Striche und Bogen zu ziehn. Dann sagte er langsam:

»Nein, Benno, eben das ist es ja, was ich erfuhr. Es giebt keine Vereinigung. Die Körper vereinen sich freilich, aber -- ich sagte es ja: die Seele erlischt. Wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie sich selbst nicht mehr fühlt? Und wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie in kalter Verzweiflung liegt? Ich gebe ja zu -- nicht wahr -- einen Ausdruck kann Liebe auch hierin finden, einen unter vielen, nicht einmal den höchsten. Nein, sieh mal, die Sache sieht vielmehr so aus. Dies hier --« Er zog einen kurzen senkrechten Strich mit der Stockspitze im Erdreich -- »dies hier -- ist der Mensch. Und dies hier --« er stieß zwei Schritte links von dem Strich die Stockspitze in den Boden -- »dieser Punkt ist -- der Tod. Und nun --« von den Enden des Striches zwei Linien zu dem Punkt, dann noch mehrere innerhalb der ersten ziehend, so daß ein Bündel Strahlen vom Punkt zum Strich hinlief -- »dies hier sind -- du mußt dir tausend mehr solcher Strahlen vorstellen -- sind die tausend und mehr Fäden der Todesängste, der tausend Wege, auf denen der Tod den Menschen in sich hineinzieht. Ihnen zu erwidern erfand das Lebendige ebensoviel tausend Widerstrahlen der Lüste, aller Freuden, Wonnen, aller Lebenskräfte überhaupt, der Wünsche, Sehnsüchte und -- der Liebe. Sich im andern Menschen zu genießen, zu ergänzen, wie du es nun nennen willst, das ist Liebe. Du kannst aber einen Menschen lieben oder -- die Kunst vielleicht, die Wissenschaft, die Jagd, die Natur, die Musik, chinesisches Porzellan oder Gedichte von irgendwem: all das sind Strahlungen der Lebenskraft und der Liebe, einer dem andern ganz gleich. Alles Arten der Lust. Zeugung dagegen ist und bleibt Schmerz, nicht wahr, nur haben wir diesen Schmerz auch in Lust verwandelt, denn -- wer wollte sonst zeugen wollen? Wir sind nicht nur belagert vom Tod, sondern er selber, nicht wahr, -- ist mitten in der Festung und überliefert sie am strahlenden Festtag dem Feinde, sich selber, in die Hände. Kannst du etwas einwenden?«

Benno saß still da, die Augen auf die Zeichnung im Sande geheftet. Endlich, den Kopf leise hin und her bewegend, sagte er:

»Einwenden nicht. Es kommt mir nur -- diese Trennung, die du da vornimmst -- sie kommt mir unsagbar traurig vor.«

»Das scheint so, Benno, glaube mir, es scheint nur so! Aber es ist doch anders. Sieh mal, ich dachte so: In einer Menge von Büchern, zuletzt glaube ich und besonders deutlich bei Strindberg, fand ich diesen Zwiespalt: Ein Mensch -- jung, so wie wir, oder noch jünger -- hat durch Erziehung, vor allem durch die christliche Lehre, die Meinung aufgepreßt bekommen, daß -- der Liebesakt, nicht wahr? -- etwas Schimpfliches, etwas Unreines, ja Tierisches sei, so daß er, der doch diesen Trieb so gewaltig empfindet, sich selber unrein vorkommt, unrein auch die, an denen er ihn auslassen soll, also womöglich -- die schöne Geliebte seiner Seele. Und gesetzt gar, er hätte eine solche und fühlte sich doch -- nicht wahr -- genötigt, anderswo Befriedigung zu suchen, -- welche Kämpfe nun erst für und wider diese vermeintliche Untreue! Und da nun, Benno, da tritt meine Erkenntnis vor und zerhaut den Knoten und macht mich frei. Ein Trieb hier -- kein schmutziger natürlich --, sondern ein einfach natürlicher -- -- und ein andrer, mehr seelischer, nicht wahr, die Liebe -- dort, -- das sind die beiden zertrennten Stücke, tote Wurmteile, die mich nicht mehr belästigen sollen.« Georg packte seinen Stock in der Mitte.

»Aber,« wagte Benno leise zu erwidern, »die Geliebte selber -- wird sie auch so empfinden können?«

»Das, mein Benno,« lachte Georg, »das ist wieder was andres! Im praktischen Dasein kann das natürlich zu Verwicklungen führen, aber -- die Hauptsache, nicht wahr? -- bleibt -- das eigene Gefühl der Unschuld, das Bewußtsein, nicht im geringsten treulos werden zu können. Die Tatsache fällt dann unter die vielen andern sozialen Dinge, die verboten und geheim geduldet sind, die man regeln muß nach seinem Gewissen, und -- nun, du verstehst schon.«

Benno schwieg. Georg lehnte den Rücken an die Bank, streckte die Beine von sich und schloß die Augen.

»Ach, Benno,« sagte er nach einer Weile, »ich bin ja so glücklich!«

»Ich auch, Georg, ach wie sehr! und so dankbar und --«

»Denn -- wenn ich nun an München denke ... diese langweiligen Gesellen, mit denen ich reden mußte, immer dasselbe -- -- und mich nun hier finde, in meinem breitesten Egoismus redend und redend, was mir einfällt, und keiner starrt mich an wie von Sinnen und brüllt endlich, ich wäre ein Idiot und müßte in die Kanne steigen, bis ich verreckte ... heulen könnt ich dann, Benno. Und sieh mal.« Die Augen schamvoll immer geschlossen lassend, fuhr er leise fort: »Liebe und Freundschaft -- da kann man fast anfangen zu schwanken. In der Liebe -- nicht wahr? -- da bleibt doch immer, so tief, so rein, so glücklich sie sein mag, ein -- ein Zwang, eben der Zwang, lieben zu müssen, weil doch nun einmal diese Beiden, Zeugung und Liebe, seit Jahrhunderttausenden für uns in einer Wurzel steckten. Zur Liebe sind wir verurteilt, Benno, Freundschaft aber ist freiwillig. Ja, das wollen wir zuweilen bedenken, wenn wir später den Notweg gehn, jeder in seiner Richtung, den seligen und tödlichen Weg der Liebe.«

Er schwieg, sehr ergriffen von sich selbst. Dann sprang er auf, murmelte: »Gehn wir!« und eilte, ohne sich um Benno zu sorgen, den Weg voraus, der in die Fahrstraße vor dem Schlößchen mündete.

Saal

Indem Georg auf die kleine, zwischen der Rampe und der Hausecke ungefähr in der Mitte liegende Tür zuging, öffnete sie sich von drinnen, und es erschien -- ohne Zweifel Moses, -- d. h. der Hauswart, den Georg sich allerdings höchst anders vorgestellt hatte, denn es war ein großer, schwer gebauter Mann, der -- mit mächtig wallendem, aus schwarzem und weißem Haar gemischten Bart, glänzenden, schwarzen, ein wenig geschlitzten Augen unter buschigen, an den Enden aufwärts gedrehten Brauen, ja sogar mit einem, in die hohe Stirn gestrichenen Haartuff, neben dem unsichtbar zwei Hörner zu stehn schienen, aufs Haar wie Moses aussah, jedoch bloß Vögelein hieß.

»Ah, Herr Vögelein, nicht wahr?« rief er ihn gleichwohl an, »grüß Gott! ich bin Prinz Georg. Haben Sie meinen Brief bekommen? Alles in Ordnung? Die Türen offen, ordentlich Durchzug gemacht?« Nein, immerzu dienern und freudig lächeln müßte man nicht, dachte er, wenn man so aussieht wie Moses. »Ja, nun sagen Sie mal,« fuhr er leutselig fort, »ich werde also hier wohnen. Sind Sie verheiratet?«

Moses dienerte und freute sich sehr. »Freilich, freilich, Durchlaucht. Es ist die dritte.«

»Na, dann müssen Sie ja Erfahrungen haben. Wie ist es aber: haben Sie Kinder?«

»Leider nein, Durchlaucht. Es sollte nicht sein,« bekannte er würdevoll.

»Ja, für Sie tut mirs dann auch leid, aber mir ists schon lieber, wegen des Geschreis, wissen Sie. Und Ihre Frau -- kann sie vielleicht kochen?«

»Sie war ja Köchin, Durchlaucht.«

»Großartig. Wo steckt sie denn? kann man sie nicht sehn.«

»Ach, Durchlaucht, sie hat ja man solche Zahnschmerzen. Sie ist ganz entstellt. Da mochte sie nicht.«

»Ach herrje! Ist sie denn beim Arzt gewesen?«

»Das will sie ja nicht. Sie ist solch 'ne starke Frau, aber vorm Zahnarzt, Durchlaucht, da haben sie doch alle bannige Angst. Bannige.«

»Na, hoffentlich gehts doch vorüber. Also, Benno, gehn wir hinein. Sie können dann gehn, Herr Vögelein, grüßen Sie Ihre Frau, und gute Besserung!«

Herr Vögelein dienerte, Georg trat ins Haus, wo gleich vom Eingang aus vier Stufen zu einem kleinen, der Länge nach vor ihm liegenden Flur emporführten. Weiße Türen standen überall offen, Georg blickte in die nächste rechts und sah in eine Flucht von Zimmern mit Seidentapeten, Bildern in Goldrahmen und farbigen Sesseln und Tischen, frisch aussehend, augenscheinlich aus Überzügen gelöst, glänzend im vollen Nachmittagslicht. Einen Schritt weiter im Flur zweigte ein langer, dämmriger Korridor -- weiße Türen überall -- ab, der hinten gegen eine größere Flügeltür verlief.

»Dahinten ist der Saal, Benno,« sagte Georg, »nun komm, nun werde ich dir etwas zeigen.«

Sie gingen hinunter. Ja, der Saal war dort, und im Saale der Tisch, der Tisch des Vertrages. Georgs Herz fing sonderlich an zu klopfen. Er öffnete die Tür. Richtig: mitten im geräumigen, mit blassen Freskogemälden ausgezierten Saal, der die ganze Tiefe des Hauses einnahm, stand einsam auf goldenen Beinen mit Löwenfüßen der historische Tisch mit der rötlich weiß glänzenden Achatplatte.

Benno trat, sich umschauend, an eines der nach hinten hinaus liegenden Fenster, Georg, von einem sehr tatsächlichen Ernst unvermutet überkommen, an ein andres und hatte einen sehr angenehmen Ausblick über den durchsichtigen Parkstreifen mit seinem wasservollen Graben, über die Wiesen dahinter, die Laubenkolonien, fern über die unregelmäßige, neu aussehende Häuserwand der Fabrikstadt jenseits des unsichtbaren Flusses und endlich den Wald der Fabrikessen. Die, dachte Georg, werden mich nicht stören, eher beruhigen in ihrer stillen Ferne. Er sah sich um. An den Wänden des Saales war die Stukkatur und Vergoldung etwas verkommen, einige rötliche Gesichter sahen aus schwarzem Grunde und mattgoldenem Rahmen von hoch oben herunter; von der kassettierten, schlecht und recht ausgemalten Decke hing als formloser Leinwandsack der Kronleuchter. Da außer vier, neben die Türen gerückten Lehnstühlen und dem historischen Tisch keine Möbel sich im Saal befanden, war die Luft kampferfrei und gut. Georg trat an den Tisch.

Die Achatplatte erinnerte ihn in diesem Augenblick an eine andere, kleinere, die auf dem Schreibtisch seines Vaters in Helenenruh lag. Welch eine Stunde damals! Ach, und welch ein Tag! Aber die Achatplatte war historisch. Auf ihr hatten die Unterarme Napoleons geruht. Auf ihr hatte der sanfte Trassenbergische Astrolog jenen Sondervertrag mit dem Kaiser abgeschlossen. Napoleon war gekommen, um sich sein Horoskop stellen zu lassen. Wie hatte es sich doch zugetragen?

Georg verlor sich in Erinnerungen und Träume. Da saß der gute Benno zusammengesunken auf einem Stuhl neben der Tür, blickte durch die Fenster hinaus und war gewiß glücklich. Wann hätte er je gestört? Er wird sicherlich in das Paradies kommen und seine Mutter wiedersehn, dachte Georg gerührt. Aber wie steigt auf einmal alles auf um mich! Ich hätte doch die Memoiren besser lesen sollen, aber was verstand ich von all den astronomischen Tafeln und Tabellen, den astrologischen Konstellationen und Häusern der Himmelsbewohner? Und die Fürsten, deren Horoskope verzeichnet waren, kannte ich kaum.

Jählings schossen Gedanken von allen Seiten auf ihn; zwei blitzten heraus: Renate! und: ich kann Herzog werden! Renate Herzogin. -- Dann: das Horoskop Bonapartes! Wie war es doch damit? Er mußte sich erinnern.