Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 40
Georg fiel ein, daß er sie um ein Uhr mittags treffen sollte. -- Ich werde natürlich hingehn, ich bin ja nicht fähig, ein weibliches Wesen umsonst warten zu lassen, und außerdem werde ich versuchen, sie auf reinlichere Wege zu bringen. Versuchen kann man das immer, obwohl es wahrscheinlich ist, daß, wie bei all diesen Mädchen, das Grundübel in Arbeitsscheu besteht. Man muß es versuchen. --
Mittlerweile war er am Pferdeturm angelangt, wartete eine Weile auf eine elektrische Bahn, fuhr in die Stadt und ging in die Eichstraße zu Cora.
Salon
Georg mußte im Salon warten, und der Salon gefiel ihm nun ganz und gar nicht. An diesem Ort, dachte er, kann man sehr traurig werden. Er hatte grünliche Damastsofas und Sessel mit Troddeln daran, und ein Sofa hatte einen Mahagoniumbau mit Spiegeln und gemalten Parforcejagdszenen, im Erker aber stand eine Bronzebüste der milesischen Venus und blickte ihn trübe an. Er sah auch, daß der venezianische Kronleuchter, von dem sie geschrieben hatte, von der Decke hing und hier und da mit Draht geflickt war, und rechts vom Erker stand Coras Schreibtisch auf äußerst dünnen Beinen, bedeckt mit Photographierahmen und Schreibwerkzeugen aus Messing und grün geädertem Marmor, so daß kaum ein viertel Quadratmeter Raum zum Schreiben war, im ganzen ein ungemein fataler Aufenthalt. Georg, lustlos und immer fröstelnd, blickte aus dem Erker auf die langweilige Straße hinunter, wo sich jetzt schwärzliche Regenflecken zeigten. Endlich erschien Cora, in einem hellgelben Morgenrock, mit flüchtig zusammengegriffenem Haar, trug ihre herbstlichste Miene und die Entsagungsgeste zur Schau, worüber Georg sich ärgerte, weil er hinter dem abwehrend vorgestreckten Schild nur zu deutlich die Verlockung zu wittern hatte, also daß er in ein plätscherndes Geschwätz über die bezaubernde Fähigkeit schöner Frauen ausbrach, die es verstünden, ohne Hut als ein völlig andres Wesen zu erscheinen, als mit Hut, -- ha überhaupt Hüte! Da gewöhnte er sich wieder langsam an ihren Anblick, ihre Eigenart, und es gefiel ihm wieder sehr, wie sie mit der Oberlippe über die beiden, ein wenig zu groß geratenen oberen Mittelzähne hinablangte, was ihn immer an die Gebärde eines Mädchens erinnerte, das einen eingelaufenen Ärmel straff zupft, und in Coras Züge kam mit dieser Verlängerung der Nase durch die Oberlippe ein völlig verquerer Ausdruck von Hoheit. Alsdann sagte er auf, was er am vergangenen Tage in der Bahn Bogner über ihr römisches Aussehn vorgetragen hatte, was sie andächtig anhörte, die schlecht zueinander passenden Ringe an ihren, ein wenig grauen, lang geschwungenen Händen hin und her schiebend; die Fingernägel waren nicht durchaus rein, -- und überdem meldete das Dienstmädchen den Maler, der hinter ihm eintrat.
»Wie herrlich, Benvenuto, daß du kommst!« entzückte sich Cora. »Grad eben sprachen wir von dir, das heißt, du kamst drin vor, weil der Prinz etwas über mich sagte, das er gestern dir ... es war, ja, es war ein Gedicht!« schloß sie begeistert.
Das Mädchen trug einen Teller mit Gebäck, Gläschen und spanischem Wein herein, und Cora sprach nun unaufhörlich, indem sie zum Zulangen nötigte, Wein einschenkte und die Gläser hinreichte.
»Gott, unsereins,« sagte sie, »unsereins fühlt das natürlich auch, aber wir können es nicht ausdrücken, wir brauchen es auch nicht auszudrücken, und das, seht ihr wohl, giebt uns Frauen eben die Macht, das -- Unbewußte, wie soll ich sagen ... Nun, wir fühlen, was wir sind, und brauchens uns doch nicht zu gestehn. Beim Namen nennen ist immer verurteilen, und wir sind immer unschuldig. Gott, eigentlich sollte ich euch ja Zigaretten anbieten, -- du rauchst doch, Ben -- weißt du, eigentlich ist dein Name zu lang, ich werde einen für dich erfinden, -- aber Herbert raucht ja leider nicht. Aber wenn ihr eure eignen ...«
Und da Bogner seine Dose hervorzog:
»O was hast du da? Welch himmliche Dose! Was ist das für Holz? Birkenholz? Wie gut der Tabak riecht! Oh du drehst sie selbst, das muß ich sehn! Ist es schwer? Aber Sie nehmen ja gar nicht, Georg! Die Makronen hab ich selber gebacken, dafür drehst du mir eine Zigarette! Ich finde es reizend, selbst! Nein, wie geschickt du bist! Zeig bloß mal! Ich könnte das nie! Was für gelbe Finger du hast! Ist das vom Rauchen? Aber weißt du denn auch, daß das furchtbar -- furchtbar schädlich ist? Und nun wollen wir Brüderschaft trinken.«
Während der Stille dieser Feierlichkeit sah Georg sämtliche Ausrufungszeichen Coras leibhaftig durchs Zimmer und zum Erker hinaus wimmeln. Dem Maler die Wange zum Kusse reichend, blickte sie Georg zum ersten Mal seit Minuten wieder voll an, so daß es ihm vorkam, als werfe sie ihm eine Handvoll Erinnerungen zu.
Nun sollte ihr Schwager von Paris erzählen, doch kam er nicht dazu, da sie selber vom Montmartre und der Roten Mühle, vom Louvre und den fliegenden Bücherverkäufern auf den Quais zu schwärmen begann. Plötzlich sagte sie:
»Prinz! Sie machen doch Gedichte. Sie müssen ein Gedicht daraus machen! Aus dem vorhin! Werden Sie?«
»Augenblicklich,« erwiderte Georg, »wenn Sie mir erlauben, fünf Minuten ihren Schreibtisch zu benutzen.«
Ah, da mißhandle ich sie ja wieder, dachte er, also käme nun das Zuckerwerk, und er beugte sich zu ihr und redete:
»Liebe, gnädige Frau, Sie wissen doch: jeder gebildete junge Mann macht Ihnen heutigen Tages jedes Gedicht, das Sie wünschen. Aber wenn Sie ein richtiges haben wollten, eines, das wert wäre, in einem richtigen Buche zu stehn, -- das könnte ich Ihnen freilich nicht versprechen. Dazu gehörten --« er hob sein Glas und verneigte sich -- »andre Ingredienzien, diesem Weine vergleichbare ...«
Und er trank. Was tat Cora? Zuckte sie wie unter einem Peitschenhiebe zusammen? Keineswegs, sondern sie strahlte wie eine Sonnenblume und rief:
»Ja, verlieben Sie sich in mich, Prinz! das wäre entzückend! Ja, bitte, tun Sie mir den Gefallen! Denke dir,« wandte sie sich an ihren Schwager, »es hat sich noch kein Mensch in mich verliebt seit meiner Backfischzeit, außer Herbert, und der gleich so furchtbar. Ihr könnt euch gar nicht denken, wie er mich liebt! Grenzenlos überhaupt! Und nun ein Prinz!« Halloh, Brandpfeil der Verachtung, dachte Georg. »Oh, es ist wunderbar, so geliebt zu werden!« Wieder ein Brandpfeil. »Früher machte er auch Gedichte, sehr nett, aber nun müssen Sie! Werden Sie? Georg, ich bin außer mir!«
Der dritte Pfeil mißlang, weil in diesem Augenblick ihr Mann eintrat, der meinte, daß man es ihr durchaus nicht ansehe; ja, er habe die letzten Worte wohl gehört. Wie eine große, gelbe Katze lag sie behaglich und spinnend in der Sofaecke.
Ein Weilchen später hielt Georg, aus Furcht, sie möchte ihn nun allein mit Beschlag belegen, es für gut, fortzugehn. Geschwind zeigte sie ihm noch eine Kopenhagener Vase auf ihrem Schreibtisch und gab dabei eine Erklärung über den wundervollen Eindruck ab, den ihr Schwager auf sie gemacht hatte. Sie entließ ihn mit unbegrenzter Ausdrucklosigkeit, indem sie, noch während er ihre Hand an die Lippen hob, sich ihrem Mann näherte, um mit der Linken ein weißes Fädchen von seiner Schulter zu nehmen und ihm bei dieser Gelegenheit den Rockkragen glatt zu streichen.
Postamt
Pfui, es regnet! sagte Georg, als er aus dem Hause trat. Cora regnete auch, grad wie dieser Regen, nicht kräftig, sondern bloß haltlos. Ist keine Droschke da? Merkwürdig: früher, wenn ich allein mit ihr war, schien sie doch so angenehm, ja, wie schön sie zuhören konnte, wenn man von seinen Plänen sprach. Ach, das kommt wohl von Renate, daß alle Andern neben ihr wie Kellerpflanzen aussehn, -- auch Magda, -- aber Frau Tregiorni --, die war doch entzückend! Dies ist schön, dies ist ein schöner Gedanke: Wenn ich neben ein vollkommen Schönes etwas auch Schönes stelle, das vielleicht nur lieblich, nur anmutig ist, so läßt das ganz und gar Schöne es ruhig glänzen und tut ihm nichts an; das Fehlerhafte aber, das Unreine, das Schillernde, das wird verneint, ausgetilgt vom Vollkommenen, und nur das Abstoßende daran bleibt sichtbar. Gott sei Dank, es hört auf zu regnen. >Da kömmt die liebe Sonne wieder -- Da kömmt sie wieder her!< Er sah auf die Uhr. Wenn ich zu Fuß gehe, werde ich gerade rechtzeitig zum Stelldichein kommen.
So schlenderte er dahin, hielt hier und da vor einem Schaufenster, ärgerte sich über die Gesichter der Menschen, gelangte ans Gänseliesel, lief eine Viertelstunde um das eingefriedigte Rasenoval, verbiß seine Enttäuschung über Lenuschs Ausbleiben und dachte, es liege vielleicht ein Brief auf der Post. Nun, er war bereit, auch dies Opfer zu bringen, ging hin und erhielt wahrhaftig einen kleinen Brief, der so durchaus rosa war, daß es ihn erstaunte, weil er gedacht hatte, das gäbe es nur in Zeitungsromanen. -- Himmel, und auch solch eine Handschrift hätte ich nie für möglich gehalten! -- Er las, am Gossenrande neben einem feuerroten Eilbotenjungen stehend, der darauf zu warten schien, daß er die Antwort auf Georgs Brief übernehmen solle, das Folgende:
Mein Süßer!
Du bist vielleicht erstaunt und denkst schlecht von mir, daß ich nicht da Gewesen bin es tut mir auch Schrecklich leid aber ich war ja so betrunken, da bin ich Treppe hinuntergefallen und habe mir das Ganze Gesicht aufgeschlagen. Bitte bitte, verzeih mir mein Süßer! und ich hätte ja so gerne mein Herz bei dir ausgeschütet du hast ja sicher gemerkt das du mir nicht gleichgildig bist und deshalb will ich auch Offen zu Dir sein. Zunächst einmal Tausend Dank für das gute, das Du mir ohne jegliche veranlasung gethan hast, es ist zu lieb von dir. Ich will offen zu Dir sein, ich habe nemlich noch so Allerlei kleine Schulden bei meiner Wirtin und Schneiderin nun, vieles kan ich ja nun zahlen. Ganz Schlecht zu werden habe ich Keine Lust und so wird es besser sein, ich fahre zuhause bei meine Eltern, wo ich am Besten aufgehoben bin. Morgen muß ich nun _dringent_ etwas bezahlen und zu Diesem Zweck wollte ich dich bitten ob Du mir nicht mit 100 M. aushelfen könntest. Fals du kannst gieb mir bis 5 Uhr bescheit ich wohne Nelkenstraße 4 ich muß nemlich bis zu Dieser Zeit dringent etwas zalen andernfalls meine Ringe wieder fortgeben. Ich will dir Gern was zum Pfand lassen. Verzeihe bitte Lieber Süßer, und denke um gotteswillen nicht Schlecht von mir, nur Äußerste Verzweilung treibt mich Hierzu. Bitte, Kerlchen sprich auch nicht Hierüber ich schäme mich ja sonst. Nim es mir bitte nich Übel ich will auch gleich an meine Eltern schreiben, Sie müssen mir ja helfen. Bite gieb mir Unbedingt nachricht oder komme selbst. Sollt ich dan nicht zuhause sein, gieb meiner Wirtin bescheit. So jetzt bin ich Eis kalt gefroren sitze im ungeheizten Zimmer.
Gute nacht! Schlaf wohl! Herzlich grüßt und küßt dich Deine Dankbare Helene Kick.
Georg war überwältigt von Schwermut. Dies ist Lenusch, Helene Kick, dachte er, o wie jämmerlich ist es doch bestellt mit dem Dasein des Menschen! -- Er kehrte in das Postamt zurück, ließ sich eine Briefkarte geben, schrieb einen Gruß, legte zwei Hundertmarkscheine hinein und schickte das Ganze, sorgfältig eingeschrieben und durch Eilbotenbestellung an Fräulein Helene Kick, Nelkenstraße 4. Ich werde sie nie wieder sehn, dachte er, als er wieder draußen stand, in nachdenklicher Betrachtung des feuerroten Eilbotenjungen, der zögernd das rechte Bein über sein Fahrrad legte.
Benno! Natürlich! dieser Mensch war von einer solchen Bescheidenheit, daß er ihm jetzt erst einfiel! -- Georg winkte dem Eilboten königlich bloß mit einem Auge, nahm eine Besuchskarte aus der Tasche, schrieb darauf: »Ich esse bei Pust, mein Herz, komme sofort! Schreibe die Antwort hierunter!« und drückte sie dem Jungen in die Hand. »Öltzenstraße zwei, Mensch!« bedrohte er ihn, »und wenn Sie in einer halben Stunde mit der Antwort bei Pust sind, in der Weinstube, kriegen Sie einen Taler, sonst nischt nich!«
Der Junge quetschte ein zuversichtliches Grinsen aus seiner sommersprossigen und sinnigen Blondheit, schwang sich auf sein Rad und segelte davon. Georg schlenderte, lächelnd in vorfreudigen Gedanken an den guten Benno, gemach über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter, hinter dem Theater an seinem Hotel vorüber -- wo ihm die Erinnerung an seine Morgenbegegnung mit Magda einen Gewissensbiß und inneres Erröten versetzte über seine erste Feigheit -- und betrat die stille Weinstube, eine angenehme Dämmerung, goldig von goldgelben Vorhängen, in deren Tiefe er sich unter Palmengewächsen an einem der weißüberhangenen Tische niederließ. Eine Ochsenschwanzsuppe, ein Stück Forelle, ein sanftes Hammelkotelette mit Morcheln, Pfirsich Melba -- das wars, was ihm munden sollte. Dazu ein schönes, großes Glas Pilsener.
Siebentes Kapitel
Weinstube
Hinter dem Kellner, der die Suppentasse brachte, tauchte, fremdartige Erscheinung, der feuerrote Eilbote mit Fahrklammern unten an den Manchesterhosen auf und brachte einen richtigen Briefumschlag, in dem Georg seine Karte fand, unverändert -- nein, Benno hatte mit lieblicher Geste nur das >komme sofort< zweimal zart unterstrichen. -- Und noch war Georg kaum am Zerlegen seines Forellenschwanzes, so sah er ihn von weitem, wie er hinter dem Vorhang der Eingangstür auftauchte, den großen braunen Schlapphut abnehmend, den Kopf mit dem zurückgestrichenen langen Haar zurückwarf und, nun in seiner ganzen hagern Länge -- noch immer der alte, blaugraue Winterüberzieher, dessen abgeschabte Stelle im Samtkragen Georg im Dunkeln bezeichnet hätte -- mit diesem seltsamen, blind scheinenden Blick der Augen umherspähte, -- ach, diese in Verlegenheit sich verkehrenden Pupillen! und der hängende rote Schnurrbart, und diese höchste Stirn von der Welt, und da -- jetzt hatte er ihn gesehn, und er strahlte und wurde glutrot und verneigte sich von weitem, den Hut in der Hand nach rückwärts schwenkend, mit dem ganzen Oberkörper, und eilte heran und verfing sich mit dem Mantel an einem Stuhl, den er auffing, steckenbleibend im Vorstürmen, und er verneigte sich vielmals gegen den Herrn am Tische und zwängte sich zwischen den Andern hindurch mit Bewegungen wie lauter angefangene Verbeugungen, und nun stand er vor ihm, die Augen verdrehend, leuchtend, und der lange Haken der Nase war ganz derselbe, aber -- er trug ja einen Flor am Arm! Ja, gewiß, seine Mutter -- --
»Herrlich!« sagte Benno, wie immer nur halblaut, aber mit tiefster Inbrunst verhauchend, »herrlich!« und preßte ihm die Hand und schüttelte sie und schwenkte sie von oben nach unten, »da bist du ja! Laß dich anschaun!« und legte ihm den Arm auf die Schulter, worauf er sich wieder losriß, sich zum Kleiderständer hinumschwenkte, mit einer Geste von großer, weltmännischer Kühnheit seinen Hut über den Haken schlug und den Mantel auszog, den dann der Kellner ihm abnahm, während Georg sich kaum setzen konnte vor innigem Vergnügen.
Und da saßen sie denn beisammen, und Benno mußte nachessen. -- Ja, seine Mutter war nun doch gestorben ...
»Ach!« sagte er aus tiefster Seele, »es war herrlich! es läßt sich nicht sagen! Es ist ja so unendlich gut, daß sie hinüber und in Freiheit ist ...« Und leise sprach er weiter: er allein sei dabei gewesen, tief in der Nacht, nein, er habe es doch nicht fertigbekommen, seinen Vater zu wecken. »Eine Mutter stirbt nur einmal, und dies Letzte wenigstens, das wollte ich für mich haben.« Es sei schrecklich, aber es sei so. Der Vater freilich scheine nun doch ganz gebrochen ...
Ja, dachte Georg, ohne daß ers zu sagen wagte, nachdem er die ganzen zwei Jahre lang ihre Krankheit entweder für Mogelei oder eine absichtliche Bosheit gehalten hatte.
Ja, und nun sei Georg wieder da ...!
»Da kommt deine Suppe,« sagte Georg, seine Rührung auf innerlichen Vorgang beschränkend.
Da saß dieser gütigste Mensch, hatte in aller Eile seinen Examensgehrock angezogen, um der Vornehmheit des Freundes und des Ortes nicht zu schaden, saß krumm wie ein Bogen, genau wie immer, schnellte dann plötzlich zu kühner Höhe empor, warf immer wieder den scheuesten der zärtlichen Blicke zur Seite auf den Freund, fuhr sich mit der Hand übers glatte Haar zum Hinterkopf und sah weltverloren, verschämt und liebegefüllt aus, -- ganz wie immer.
»Und jetzt ists aus, Benno, nicht wahr? Jetzt nehmen wir dein Leben in die Hand. Dein Vater hat deine Schwester, mehr als genug für ihn, und wir fahren in einer halben Stunde zum Schlößchen hinaus, im Georgengarten, wo ich wohnen werde, und sehen zu, ob auch der Nordflügel verändert werden muß, wo du wohnen wirst. Keine Widerreden! Meine Zimmerpläne sind im Kopf schon fertig, ich habe eine Unmenge Sachen gekauft, viel zu viel für mich wahrscheinlich, in Trassenberg habe ich die Pläne angesehn und alles ausgedacht, oh es wird kostbar! Giebt es noch Widerreden?«
Nein! -- Benno wagte es endlich, die Augen von seiner Suppentasse zu erheben; er sah Georg voll unsäglicher Bewunderung an und gestand, daß es keine Widerreden mehr gebe.
»Ich hätte dir fast noch diese Nacht alles geschrieben,« sagte er leise. »Du bist der edelste Mensch!«
Georg tat vom eiskalten Bier einen tiefen Zug, beugte sich dicht zu Benno und redete in ihn hinein, so zärtlich er konnte.
»Was soll ich dir schenken, Benno? Willst du tausend so dicke Zigarren haben wie dein Vater am Sonntag? Willst du einen kleinen Rennstall? Soll ich deine Lieder drucken? Beiläufig: wie stehts mit der Symphonie? Sag doch was! Willst du ein goldenes Zigarettenetui? Oder einen Flügel von Steinway? Du bekommst ihn. Du bekommst alles, Benno. Sag doch, was ich dir schenken soll! Siehst du nicht, was für himmlisches Wetter heute ist? Gehen heute nicht Königinnen auf allen Straßen umher und verteilen Blumen und Armbänder?«
Georg hielt inne, weil der Kellner ihm sein Hammelkotelett zureichen wollte, Benno aber saß da und ließ sich überschütten, sagte nur nach einer Weile tief seufzend: »Ein Bösendorfer müßte es sein!«
»Was ist ein Bösendorfer?«
Das sei ein Wiener Flügelbauer, erklärte Benno und fing an, geheimnisvoller und mit größter Ehrfurcht von einer Freundin zu sprechen, die er habe gewinnen dürfen, die wunderbar Klavier spiele und Halbösterreicherin sei, und deshalb Bösendorfer ...
»Und sie heißt Ulrika Tregiorni, oh ich weiß alles!« triumphierte Georg, während Renates Wesenheit vor ihm aufleuchtete, so daß er fortfuhr:
»Aber, Benno, was heißt das? Wo steckt Renate? Bist du ihr untreu geworden? Schon? Ha, du versteckst sie bloß hinter dieser Ulrika, du liebst sie, Benno, gesteh Schurke! Du betest sie an!«
Benno schauderte zurück. »Nein, Georg, oh nein! Was denkst du! Das würde ich nie wagen!«
»Ach, Benno, was für'n Unsinn! Liebe, die fragt, ob sie darf?!«
»So meine ich es nicht, Georg,« widersprach Benno hastig und hochrot im Gesicht. »Das Wagen bezog sich nicht auf sie selbst und auf mich, sondern auf -- auf ihr Schicksal.«
»Ihr Schicksal?«
»Ja, wie soll man das sagen? Wenn du sie kenntest ...« Da er verstummte, hatte Georg Zeit, seine leise innere Beklommenheit verbergend, mit Überlegenheit zu erklären, wo und wie er sie bereits am Vorabend gesehn habe.
»Nun, und wie fandest du sie?« fragte Benno, glühend auf der Lauer. »Ist sie nicht herrlich?« -- Benno krümmte sich, hauchte und verging.
»Eine Symphonie,« sagte Georg kauend und sehr an sich haltend.
»Ja! Du sagst es! Sie ist wie -- wie das Meer. Wie das Meer ist sie für sich allein, außerhalb unsrer Festlandswelt. Und wie das Meer ist sie -- hast du's gesehn? -- leicht in leichter Bewegung nach außen, gern willig jedem Winde -- sahst du das Spiel ihrer feurigen Augen? -- am Grund aber immer still und nie bewegt. Das ist ihr Zauber, du wirst es sehn. Der Zauber der seltenen Stunde -- wir sehn sie nie --, wo sie einmal mit allen tiefsten Wassern und ihrer wunderbaren Bevölkerung aufbrechen wird. Wer wird den ganzen Schrei ihrer Seele hören, wenn die Schiffe ratlos untergehn?«
»Ja, wer?« wiederholte, schwer sinnend, Georg.
Eine Weile waren sie Beide still. Der Kellner unterbrach, Benno mit Fisch zu bedienen, Benno fing an, sich vorzulegen, legte Messer und Gabel wieder hin und sagte, kaum hörbar vor innerster Andacht:
»Sie steht auf einer solchen Höhe, -- oder besser -- in einer solchen Ferne von uns! Ist ihre Schönheit nicht zwischen ihr und allem? Du wirst es sehn, Georg, sie ist ganz für sich allein. Sie ist wohl unter uns, ja, sie nimmt teil, wie ein Engel teilnimmt, mit seinem Handeln, doch nicht mit seinem Wesen, -- wir sind nicht ihre Angelegenheit, sie -- sie erwidert nur, sie ist immer beschlossen in sich, wie -- wie in Waldtiefen, wie Echo ...«
»Und du meinst, sie müßte sehr tief stürzen aus solcher Höhe?«
»Ja, muß sie nicht?«
»Warum, Benno, das ist mir nun nicht klar. Warum sollte sie durchaus stürzen? Durch einen Andern, einen Menschen, den -- also den sie liebte, nicht wahr, und der ihrer -- nicht würdig wäre? Freilich, vor Irrtum schützt auch die Schönheit sie nicht, aber -- Liebe, nicht wahr, ist doch immer Irrtum, aber --« Woher hab ich das eben, dachte Georg hastig zwischenein, wer sagte das noch --? -- Er fuhr fort: »-- aber die Liebe selbst, die Liebeskraft, auf die es allein ankommt, die bleibt doch vom Irrtum unbeschadet, die -- nicht wahr -- besteht doch in sich selbst, -- ich weiß nicht, ob du ...«
Benno schwieg eine Weile, mit seinem Fisch beschäftigt.
»Ich meinte etwas andres,« sagte er dann. »Ich meinte -- die Verstrickung überhaupt, wenn sie unter die Andern gerät, -- wer möchte sich erdreisten! Verstehst du nicht? Und -- sie ist doch tausendmal feiner als wir geformt, -- sie wird -- zerbrechen.«
»Feiner geformt -- ja, das ist wieder was andres, das kannst du sagen. Aber -- abgesehn davon, daß ich sie bei all solcher Feinheit doch für -- ich möchte fast sagen: standfest halte -- warum überhaupt: zerbrechen? Und warum, Benno, das versteh ich nicht, warum sollte ihr Schicksal darum furchtbarer sein als ein andres, das an sich auch furchtbar ist? Warum --«
»Wer höher steht, stürzt der nicht tiefer?«
Georg, eigentümlich gereizt von dem beständigen >höher<, sagte trocken:
»Wer sagt dir denn nun eigentlich, daß sie höher steht, Benno? Wir -- versteh mich recht! --« Er legte ihm, der sich entsetzt zurückgeworfen hatte, die Hand auf den Arm und fuhr, schwankend zwischen Begütigung und heftigerer Gereiztheit, fort: »Wir, nicht wahr, -- wir, die wir sie so schön sehn, wir stellen sie höher, aber darum tut sie's doch nicht selber mit sich! Sie vergleicht sich doch nicht mit Andern, oder meinst du? Wie kann man die Dinge so von außen sehn, nicht wahr?«
Benno schwieg hartnäckig. Plötzlich fiel Georg ein, daß -- wie es schien, Bogner ihm einmal etwas ganz Ähnliches gesagt hatte. Da aber war er es gewesen, der das bestritt. Sollte er sich inzwischen so ...? Wann war es doch noch? Damals war von Anna die Rede, -- richtig, an dem merkwürdigen Tage im Juli, es war ein Gewitter ...
Georg geriet abirrend in peinliche Erinnerungen und Vorstellungen von Anna. Helenenruh, Jason, der Park, Annas Zimmer, die Umarmung, -- kalt und unverständlich, häßlich anzusehn, als blicke er heimlich in ein fremdes Zimmer, beobachtend wider den Anstand, -- all das verschwamm vor seinen Augen, bis langsam Bennos Hand darunter zum Vorschein kam, die große, rötliche mit knochigen Gelenken und den, Georg unangenehmen, allzukurz geschnittenen Nägeln, unter denen die Fingerkuppen hervorquollen, die jetzt den Griff des Fischmessers preßten, da Benno, gesenkten Kopfes dasitzend, die Gräten auf dem Teller aus dem Rest flüssiger Butter herausscharrte. -- Ganz versunken in Gedankenlosigkeit hörte Georg sich selber sagen:
»Das ist wieder so eine Herumspintisiererei an Andern! Was wissen wir davon, wie sie ist? Und vor sich selber steht sie doch vergleichslos, wie wir alle, jedenfalls in jedem ernsten Augenblick.«