Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 4
»Dies,« sagte Georg, »dieser Riemen, der hier unterm Pferdebauch vom Sattelgurt her zwischen den Vorderbeinen hindurch nach oben läuft, sich in diese zwei kleinen Riemen teilt und mit den weißen Ringen hier am Kandarenzügel hängt, nennt man einen Matingal, und nun passen Sie auf. Wenn ich dem Pferde das Kopfzeug abnehmen will, so hängt der Matingal fest, und ich muß, damit das Pferd Freiheit hat, den Sattel losschnallen, und das tat ich, als ich mit Anna, mit Magda Chalybäus -- ich nenne sie Anna, wissen Sie, seit unsrer Kindheit, weil ich das besser aussprechen konnte -- also, als ich mit ihr oben am Deich saß. Warum tat ichs? Weil es mich nervös machte, das Pferd hinter mir mit dem Gebiß fressen zu hören. Warum machte es mich nervös? Weiß Gott --« steckenbleibend -- denn hier schien ein Haken -- starrte er Augenblicke lang ins Gesicht des Malers, der anscheinend nicht wußte, warum er nervös gewesen war. »Nun aber,« fuhr Georg hitziger fort, »das Pferd trägt sonst keinen Matingal, ich reite es immer nur auf Trense, das heißt mit einem Zügel, dem hier, es bekommt aber ein sogenanntes Vorderzeug, Riemen, am Sattel angeschnallt, die ihn festhalten, damit er nicht rutscht, und bei diesem Pferde rutscht er, weil es einen eingesunkenen Rücken hat und sich außerdem beim Satteln aufbläst wie ein Schwein. Solch ein Vorderzeug hätte ich nicht abnehmen brauchen, verstehen Sie? Warum hatte es kein solches Vorderzeug? Weil eine Schnalle dran durchgerostet war! Warum reite ich aber ein solches Pferd? Weil ich gern galoppiere und querfeldein, und weil hier tausend Gräben und Knicks und Gatter sind, wo ich nicht immer absteigen kann, darum liebe ich dies alte Aas von Hunter, den sie in England als Jagdpferd für Ausdauer und Springen gezüchtet haben, -- da sehen Sie die dicken Gelenke und die klobigen Hufe. Nun rechnen Sie mal all das zusammen, und Sie bekommen heraus, was für eine verrückte Anzahl von Nichtswürdigkeiten nötig war, damit ich Anna, die vorangeritten war« -- er stockte, denn da war wieder der Haken! -- »-- weil ich mit dem Satteln zuviel Zeit verlor, nicht einholen konnte.«
»Ja, und dann die andre Seite erst«, hörte er den Maler sagen, ohne es zu verstehn. Atem schöpfend stützte er sich unauffällig auf den Nacken des Pferdes; ihn schwindelte, und die Knie knickten ihm ein nach all der Anstrengung, dem Schrecken und der Grübelei. Der Maler bewegte leise den Kopf hin und her, indem er die dicken Gelenke des Braunen betrachtete. Langsam erschienen vor Georgs Augen wieder das Rasenoval, vor dem sie angelangt waren, und hinter den Bäumen rechts die Dächer des Wirtschaftshofes und der Südflügel von Helenenruh mit seinem Turm an der Stelle, wo er an den Stirnbau stieß. Das schwarz und goldne Zifferblatt oben zeigte ein Viertel nach zwölf Uhr, -- so früh war es noch?
Hof
Das Rasenoval schien kleiner als je und von dem umgebenden Laubwerk enge umgrenzt; die verdunkelte Beleuchtung des wolkigen Himmels rückte alles umher zusammen; auch die Terrasse und das Haus schienen kleiner, bescheiden und geduckt, und jetzt fuhr ein plötzlicher Westwind in die Bäume, daß sie sich erschrocken schüttelten, der weißrote Schirm wankte und blähte sich, der Rasen schillerte grausilbern in breiten, wie von einer Riesenhand gekämmten Streifen; der Wind war heiß und trocken.
»Es wird ein Gewitter geben,« sagte Georg erwachend, »ja, ich muß nun nach rechts.«
Sie trennten sich. Georg ging durch die Bäume bis ans offene Hoftor zwischen den Ställen und Scheunen, entließ dort Unkas mit einem Klaps auf die Hinterhand und sah ihn mit leicht stelzendem und ratlos scheinendem Gang in den Wirtschaftshof hineingehn. Vor einem Schwarm gelber, links und rechts auseinander stiebender Orpingtonhühner -- zwischen denen ein schneeweißer Hahn ungemein erzürnt und aufgebracht war -- blieb er stehen, warf den Kopf auf und nieder und sah sich klug und fragend nach Georg um. Dann bog er nach links und ging, den Kopf hängend und schaukelnd, auf seinen Stall zu und hinein, nun ganz sicher dahingelenkt. Ringsherum sahen die Erntearbeiter zu, die auf Bänken an den weiß und blauen Wänden der Fachwerkgebäude saßen und ihr Mittagbrot vertilgten. Das Licht war hier womöglich noch greller und dumpfer, der Mistgeruch wie ein starker und wilder Extrakt vom Sommer.
Was ist mir denn? dachte Georg. Mir ist auf einmal ganz sonderbar! Habe ich das alles schon einmal erlebt, oder träume ichs? Diese Dinge sind auf einmal alle so erschreckend nah und drohend oder wie ... Wie stark der Geruch hier ist, und die Blechgefäße der Arbeiter und die roten Kopftücher, das Geflügel und der Truthahn und das Pferd, ja, vor allem das Pferd, wie ich es gehen sah, das war, als ob ich aufwachte. Wie es den Kopf aufwarf und die Ohren zurücklegte, und welch einen tastenden Gang es hatte, -- aber so gehen die Pferde immer, wenn man sie allein läßt und sie den Weg noch nicht wissen und mit einmal auf eigene Verantwortung gehen sollen, -- merkwürdig willenlos und unbewußt müssen doch diese Geschöpfe sein, und so gänzlich verschworen auf den Menschen, denn eine Kuh, die geht so lange, bis was im Weg ist, -- und doch wieder -- als ob sie das, das Andre nur nicht gelernt hätten, und man merkt sofort, alle Sicherheit ist geschwunden, und sie verlassen sich noch immer darauf, daß noch etwas kommt, ja, und dann wars der Geruch vom eignen Mist aus der Stalltür und die dunkle, innerliche Ahnung von Richtigkeit, von Gewohnheit eines hundertmal beschrittenen Weges ... Das bemerke ich, warum auf einmal heut? Freilich das macht die Gewohnheit -- ja, du lieber Gott, wie dem Unkas eben, so ists ja auch mir ergangen! Wie er dahinging, einsam, seiner innersten, vermummten Ahnung folgend, da muß er doch einmal er selber gewesen sein, muß eine Art von Gefühl, von Erkennen seines Ich oder -- seiner Welt gehabt haben, und so fand ich auch mit einemmal -- mich! -- Und ist dies so, ja, was ist denn das, was mich plötzlich los und allein gehen ließ? Wer war mein Reiter und -- wird er wiederkommen, oder -- ist -- er -- nicht -- schon? Wie sich doch alles wieder schließt und ist wie zuvor! Und war das Erlebnis dran schuld mit dem Toten, dem -- --, Erlebnis? war das nun ein Erlebnis? Ach, wenn man es selber durchmacht, vollzieht sich jedes so und ist gar nicht anders als alles, kommt eines wie das andre aus der gleichen Minute ... ich -- nein, diese Anna ...
Georgs Gedanken wurden hier so flüchtig, daß sie sich ihm aus den letzten, kaum noch haltbaren Begriffen entwanden ins Undenkbare, als ob eine Blume sich in ihren Duft auflöste, und so zog sich auf einen Pulsschlag alles vor ihm in den brennenden Hofgeruch zusammen, er wankte, ging rückwärts, wieder vorwärts, der Geruch verschwand, er bemerkte, daß er vor den Rosenstöcken unter der Terrasse stand. Eilig lief er die Treppe hinauf ins Haus und weiter zu seinem Zimmer, wo er sich gedankenlos umkleidete, um den Kranken aufzusuchen, oder Anna ...
Drittes Kapitel
Gewitter
Als Georg den Nordflügel an seinem Ende betreten wollte, riß ihm ein jäher Windzug die Tür aus der Hand und schlug sie lärmend gegen die Innenwand der kleinen Halle; hinter ihm rauschte der Park murrend auf, der Pfau schrie irgendwo ganz fern, und ein verlorener Regentropfen traf ihn naß und warm am Halse; es donnerte schwach und entfernt, während er die Türe schloß.
O diese göttliche Kühle! -- Die von draußen mit hereingedrungene heiße Luft verflüchtigte sich schnell unter die dämmrige, weißgetünchte Wölbung empor, in die gleich neben Georg die stille Wendeltreppe sich mit sanfter Aufforderung nach oben schwang, während zur Rechten der Korridor, still und dämmrig, mit weißen, geschlossenen Türen sich entfernte. Links hinter der Glastür, die auch ins Freie führte, waren die grünen Sträucher nahe heran- und zusammengetreten, als horchten sie herein; eine Art Lakaienhand von Wind packte sie hinterrücks und riß sie fort, aber sie ließen sich nicht wegschütteln und standen wie vorher, etwas zitternd nur und unwillig. Aber dort oben in der Wendeltreppe, wo es dunkelte, dicht an der weißgelben Wand, dort stand ja Anna, weiß und blaß. Wie eine Erscheinung stand sie wortlos, sah auf ihn hinunter und wartete. Er fand nichts zu sagen und stieg zu ihr.
»Willst du auch zu ihm?« fragte sie leise, mit ihm höher steigend.
»Du hättest dich doch niederlegen sollen, Anna, wie blaß du bist«, sagte er nun, überronnen von unaussprechlicher Zärtlichkeit, und Mitleid, und Sucht, sie in die Arme zu schließen.
»Mir gehts gut, -- das bißchen laue Wasser ...« meinte sie lächelnd. »Komm, ich weiß, wo sie wohnen.«
Während sie den oberen, an der rechten Seite von Fenstern erhellten Flur neben den weißen Türen hinabgingen, hörte Georg den Donner abermals und etwas näher, und dann ...
»Höre bloß!« sagte sie und blieb in der Fensterhelle stehn, den Finger erhoben. Über dem Dach war ein rauher, trompetender Schrei laut geworden, den Georg erst nicht verstand, eine, in ein wildes, zorniges, brüllendes Geröhre übergehende Tierstimme, die schreiend groß und ungestüm dahergeflogen war und fernhin verhallte.
»Das war er,« flüsterte sie, »er schreit, ich weiß, so schreien die wilden Schwäne. O hast du gehört, wie seine Flügel donnerten, als er über uns fort brauste? Er ist wiedergekommen, er kann noch nicht fort.«
»Kann noch nicht fort?« wiederholte Georg, »was meinst du damit?«
»Nein horch!« -- Und noch einmal, noch lauter kam der große Schrei über ihnen dahergefegt, warf sich gegen das Dach, quoll durch die Fugen und schwoll herein, brünstig, gellender als Hirschbrüllen und wiederum melodischer, posaunenähnlich, ja, wie die Heerhörner beim Jom Kippur. Dahinter glomm schwach der erste Blitz; spät kam der Donner. Magda klopfte leise an eine Tür, sie hörten drinnen das Herein von der Stimme des Malers, und Georg atmete auf.
Der Maler, der den Sitz in Fensterbänken zu lieben schien, saß in der linken der beiden Fensternischen, erhob sich, eine Zigarette hinauswerfend, und schloß das Fenster; drinnen blieb ein angenehmer feiner Duftrest von Tabak. Die Tür zum Nebenzimmer rechts stand halb offen, so daß Georg das weiße Fußende eines Bettes in tiefer Dämmerung erkannte, sowie die rechte Hälfte eines zartfarbigen, englischen Kupferstichs auf der rötlich gemusterten Tapete.
»Haben Sie das Geschrei gehört?« fragte Georg den Maler.
»Ja, herrlich«, sagte der. »Ich sah ihn fliegen, er schlug ein paar große Kreise, dann stand er einen Augenblick dort vor der Wetterwand, pechschwarz in seinen Fittichen, mit hochgerecktem Hals. Der schlängelnde Blitzfaden lief von oben nach unten durch ihn hin; dann war er verschwunden.«
Magda war an das Fenster rechts getreten hinter die Seitenlehne des breiten, schwarzen Roßhaarsofas und faltete die Hände über dem Riegel. Georg sah an ihr vorüber die Wetterwand, die sich im Nordosten aufgestellt hatte, darunter die Bäume, wie mit Grünspan überzogen, und grellrot zwei Dächer vom Dorf. Auf Lüdersens Deich nordwärts stand die Windmühle als schwarzes Andreaskreuz; plötzlich hörte er im Zimmer das Meer.
Er sagte:
»Könnte man doch einmal eine Ahnung von dem Gefühl dieses Vogels haben! Wie der Schrecken in ihn fuhr, wie er aufschoß --, dies: auf einmal fliegen! Auf einmal fliegen zu können! Da ist er jahrelang zwischen seinen Rasenufern und Binsen herumgerudert, nur manchmal im Halbflug über die Fläche streifend, ahnend, was fliegen ist, und nun auf einmal losgerissen von der alten Kette, kein Schwimmvogel mehr, vielleicht zuerst entsetzt über die gewaltige Änderung seiner Bahn, seines Elements, seiner Welt -- wie es unter ihm versinkt, wie die Baumwipfel gegen ihn anstürmen, wie er sie überstürmt, besinnungslos, nur hoch -- hoch! -- Und dann, mit einmal, der Flug ... das Fliegen _können_, das von oben Schaun, heraus aus aller Gewohnheit, neugeboren, wie göttlich!« Georg schloß, innerlich erschreckt von dem Worte Gewohnheit, in seltsamer Erinnerung an das, was er vorhin auf dem Wirtschaftshof gedacht hatte. Magda, die sich halb nach ihm umgewandt hatte, sagte nach einer Pause:
»Und der da drinnen liegt, -- ist er nun auch neugeboren? Gott!« flüsterte sie vor sich hin, »ich habe es getan, wie kam ich nur dazu?«
Georg sah sie betroffen an. Was dachte sie denn?
»Ich möchte ihn nun sehn«, sagte sie leise, glitt mit einer plötzlichen, geschmeidigen Bewegung um den Sofatisch und ging auf den Zehenspitzen ins Nebenzimmer. Georg folgte ihr.
Über ihre Schultern hinweg nahm er in der Dunkelheit des handtuchschmalen Raums ein kindlich kleines, todbleiches Gesicht wahr, aber mit schrecklich altkluger, schwer hängender Stirn unter wirrem, schwarzem Haar, ohne Augen. Die weißen Kissen standen spitz rechts und links davon empor. Unter der Decke bewegte der Körper sich unruhig, auch das Gesicht drehte sich unaufhörlich, von einem schlaflosen Geiste bewegt.
»Ist er das?« fragte Magda ergriffen und fassungslos. Noch standen sie beklommen beieinander, als der Name Angelika durch das Zimmer schwebte, leicht wie ein Gedanke, zart wie Laubduft von den fiebernden Lippen abgelöst, und kaum daß sie recht bedachten, was der Name hieß, füllte sich mit Engelsgestalten und Lilien der geweitete Raum.
Magda legte Georg leicht die Hand auf den Arm und drängte ihn mit sich hinaus; die Tür schloß sie zu. Der Maler saß in einem Stuhl am Fenster, rauchte seine Pfeife und sah hinaus. Voller Regen schlug kräftig gegen die Scheiben, daß sie für Augenblicke erblindeten; durch das tosende Rauschen war die größere Stimme der fernen Meeresbrandung deutlich zu hören; es blitzte unaufhörlich, auch der Donner war jetzt laut geworden, noch rollend und großmütig, aber jeden Augenblick war zorniges Knattern und Schmettern zu erwarten. -- Magda blieb mit dem Rücken an der Tür; Georg, im Zimmer stehend, sagte:
»Haben Sie es gehört? Er sprach einen Namen aus.«
»Nein, soeben nicht; aber es wird der Name sein, den er immer spricht, wenn er sich vergißt.«
»Kennen Sie diese -- diese --«
»Man kann sie nicht kennen, sie ist tot; das ist ungefähr alles, was ich von ihr weiß.«
»Können Sie uns auch von Ihrem Freunde sonst nichts sagen?«
»Er ist nicht mein Freund. Was ich von ihm weiß, will ich Ihnen gern erzählen, es ist nicht viel.«
Es war finster geworden. Magda zog sich hinter den Tisch in das Sofa zurück, Georg setzte sich in der Nähe der Flurtür auf einen Stuhl, sah die vielen kleinen Pferdeporträte an den Wänden bei jedem Blitzschein hell aufspringen und hörte des Malers ruhige, ungetrübte Stimme, manchmal vom Donner übertönt oder unterbrochen, von diesem Jason al Manach erzählen.
»Jason al Manach, ja, so heißt er, wie Almanach, aber auf der zweiten Silbe betont, das will er so. Ich lernte ihn vor längerer Zeit in Paris flüchtig kennen, in einem Kaffeehaus, und es stellte sich heraus, daß wir beide aus Altenrepen stammen, sogar in dieselbe Schule gegangen sind, aber er ist ein paar Jahre jünger.« Ein paar Jahre? dachte Georg, ich dachte, er wäre siebzehn! -- »Er sprach wenig und schien schwermütig. Dann traf ich ihn vor einigen Wochen wieder im Eisenbahnabteil auf der Fahrt von Paris nach Köln, wo wir das Unglück mitgemacht haben, an das Sie sich wohl erinnern.«
»Ich weiß nicht,« fuhr der Maler nach einer Pause fort, durch die sich eine Kette von Geknatter des Donners spannte, »ob Sie sich eine Vorstellung von einem Zugzusammenstoß bei Nacht machen können. Nun. Wir saßen einander gegenüber, der al Manach und ich, hatten jeder die Beine neben den Sitz des Andern auf die Polster gelegt, ich war gerade aufgewacht, fröstelnd, weils gegen Morgen ging, und war fast erschreckt von seinen Augen, die mich ansahen wie zwei Kohlenstücke ohne Blick, so daß ich nach der blauen Halbkugel der verschleierten Lampe über mir emporsah. Da flog ich ohne weiteres gegen die Wand gegenüber und quetschte mir die Brust, so daß mir der Atem verging; mit der Stirn schlug ich gegen das eiserne Gepäcknetz, aber es war alles nicht schlimm, und ich dachte nur: Jetzt! Jetzt! -- Ja, dann war das Geschrei, dagegen war mein eigenes Entsetzen gar nichts, das war -- grausig. Nun. Im Abteil war ein queres Durcheinander von Leibern, aus denen Gestöhn und Schreien quoll, übrigens ist niemandem etwas geschehn. Auf einmal hatte ich den Türgriff in der Hand, öffnete und sprang ins Freie, sehr tief, aber weich ins Gras der Böschung, die ich ganz hinunterkugelte. Nun war alles hoch über mir. Unser Wagen hing die Böschung schräg hinunter; es war der vorletzte; der letzte lag unten, ein schwarzes Gewimmel kroch daraus hervor, dahinter war schwarzes Feld, und ein grünes Licht, und schwache Morgenröte. An der andern Seite lag die vordere Hälfte des Zuges in hellen Flammen, die überall hervorschlugen. In dem Feuerschein sah ich ganz fern die Lokomotive, hoch in der Luft wie ein bäumendes Pferd, das auf ein anderes draufgesprungen ist, dahinter noch ein schwärzliches Durcheinander von Wagen und Stangen. Kleine Flammen züngelten heraus. Es war ein Güterzug. Aus den brennenden Abteilen stürzten schwarze, weiße und brennende Körper heraus, die entsetzlich schrien. Einer rollte die Böschung hinunter, stand in Flammen auf und lief als lohende Fackel querfeldein -- nun. Nun nahm ich mich also zusammen, kletterte die Böschung hinauf, nun -- und dann half ich, so gut es ging, Flammen ausdrücken und so.
»Nun Jason -- -- Ja, eins will ich noch sagen, weil es das Schrecklichste war, was ich erlebte. Da hielten zwei Männer eine wahnsinnig schreiende Frau. Ihr Kind lag im Abteil, das brannte, und ich wickelte mir, ohne daß ich dachte, mein Taschentuch um die Hand, riß die zugeschlagene Wagentür auf, sie war glühend, ich merkte es an der Hand, nachdem mein Tuch wie Zunder geschmolzen war, den Schmerz fühlte ich erst viel später. Drinnen war roter und schwarzer Qualm, und ich warf meinen Rock über ein brennendes Bündel, das auf der Bank lag, -- ja, ich hätte es wohl besser liegen lassen sollen. Denn als ich der Frau dies -- nun, dies Kind auf die Arme legte, starrte sie es an, und dann mich, und dann warf sies an die Erde und schlug auf mich los. Danach habe ich lange Zeit mich um nichts gekümmert. Ich glaube, ich habe irgendwo gesessen und geweint.
»Als ich später aufstand und umhersah, brannten die Flammen aus, und ich ging ein Stück auf dem Bahndamm weiter, um vielleicht noch zu helfen. Da sah ich dort den al Manach sitzen. Zwischen den Knien hatte er den Oberkörper eines Mädchens, dem die Brust zerquetscht war. Sie atmete noch, und mit jedem Atemzug kam eine Welle Blut. Er streichelte sie unaufhörlich und redete ihr gut zu, und ich stand davor und sah zu. Die nannte er auch Angelika. Auf einmal kam kein Blut mehr, und sie atmete nicht mehr. Wie er das merkte, packte er ihren Kopf mit beiden Händen, starrte in ihr Gesicht und stöhnte so merkwürdig. Dann ließ er sich von mir wegführen und sonst mit sich tun, was ich wollte. So nahm ich ihn mit nach Köln. Er war stumpf, saß nur da, aß kaum, brütete vor sich hin. Später murmelte er beständig. Meist redete er mit jener unbekannten Angelika, dazwischen sagte er lange Stücke aus Dichtern auf mit einem merkwürdigen Gedächtnis, aber alles durcheinander. Als ich mit meinem Auftrag in Köln fertig war, las ich in der Zeitung, daß der Herzog hier wäre. Ich hatte Zeit das Bild zu kopieren, und weil ich dachte, die Landschaft hier wäre vielleicht angenehm für den Kranken, nahm ich ihn mit. Ich hielt ihn ja für ruhig und gewissermaßen unschädlich.« Bogner schwieg.
Ein heftig auflodernder Blitz setzte alle Winkel des Zimmers in Flammen, es war blendend hell, vor der blauflammenden Fensterfüllung erschien das Profil des Malers fast schartig, mit einem Ausdruck von großer Geduld. Georg wunderte sich, wie er mitten in den Blitz hineinzusehn schien. Anna hatte das Gesicht in Händen, aber Georg wagte nicht, sich zu rühren, zumal, alles Vorhergegangene zerschmeißend und austilgend, ein fürchterlicher Donnerschlag über das Dach hinschmetterte, immer weiter tobend, knatternd, dann langausrollend wie ein zornig hinfahrender Gott.
Als nur wieder der Regen langmütig herabgoß, das Mädchen wieder aufrecht saß, still und wie es schien ganz friedfertig, fragte Georg dumpf und gezwungen:
»Ist das nun Schicksal? Einer will sterben, er hat -- er meint, den Willen zu haben. Da greift ein andrer ein, ein ganz Fremder, ganz Unwissender, der wollte, daß er lebe -- ich meine: war das sein verlorener Wille zum Leben, der eine andere Seele ergriff und zwang, für ihn zu handeln, der sich verloren hatte ...«
Das ist alles so schaurig verwickelt, dachte Georg hülflos, und plötzlich fiel ihm ein, daß er vorher, als er jene Kette nichtiger Notwendigkeiten zusammenfügte, ja nur die eine Seite gekannt hatte. Welche Reihe von Zufälligkeiten sah er nun auf der andern Seite am Werk, um diesen Maler mit dem al Manach einen Tag nach Annas Rückkehr ... Herrgott! schüttelte er dies von sich, das ist, glaub ich, das Schreckliche an mir, daß ich immer alles denken, sehen, begreifen, durchschauen muß. Da geht die ganze Wirkung verloren, weil das Denken mich mehr bewegt als das Fühlen, -- arme, kleine Anna! -- Indem sagte sie ganz leise:
»Gott weiß wohl mehr von uns, und wie wir zusammengehören, und er führt den einen zum andern, wenn ers für gut hält.«
Da, als ein sanfterer Donner hinter diesen Worten einherrollte, stieg in ihm das Gefühl. Ihm war, als hätte ein himmlisches Tor sich für eine Minute geöffnet, eine Stimme sang die guten Engelsworte heraus, das Tor fiel rollend zu.
Das Gewitter, dachte Georg, macht uns alle seltsam, und wir sitzen wie beratende Götter zusammen. -- So schien ihm wenigstens dieser langmütige Maler.
»Kinder,« sagte der ernst, »was wißt ihr denn, was glaubt ihr denn, sei Tod, Verantwortung und Schuld? Man tut, was sich anbietet, das Nächste. Wir gehn über die Straße, wir fahren mit der Bahn, mit dem Schiff, und keiner denkt, daß er im nächsten Augenblick bei den Gestorbenen sein kann. Gewiß, sonst bliebe alles ungetan, Gutes und Böses.«
»Und doch«, widersetzte sich Georg, »könnten wirs denken, wir würden uns auch der Schuld bewußt sein, die hinter uns unsühnbar zurückbleibt.«
»Sühne giebt es nicht«, sagte der Maler.
Aber während Georg betroffen fragte: »Wieso?« hörte er Magda seine eigenen Worte fortsetzen:
»Und die Liebe, und die Verzeihung, die auch hinter uns zurückbleibt, bei den Andern, würden wir daran nicht auch denken?«
Nach einem Schweigen sagte der Maler:
»Liebe vergeht, Schuld besteht. Schuld ist Tat, und Tat wirkt so fort, was soll da Sühne! Alles bleibt unverändert.«
Georg sprang auf.
»Aber tun!« rief er, »tun muß man doch etwas!«
»Gewiß,« antwortete der Maler, »das verlangt die Natur.«
Georg setzte sich wieder, stützte die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände und ergab sich; dieser Maler war ein Fels. Da hörte er Magdas Stimme, irgendwie verändert, blickte vom Boden auf und sah sie dicht vor Bogner stehn; schlank, weiß, die Hände vorm Schoß zusammengelegt, stand sie mit leicht geneigtem Kopf wie eine Bittende.
»Herr Bogner,« sagte sie, »ich möchte Ihnen gern etwas sagen, Sie etwas -- fragen, denn ... Ich hab auf einmal solches Vertrauen zu Ihnen ...«
Also nicht zu mir? fragte Georg sich gekränkt.
»Ich hab Angst, Gott, ich hab solch wahnsinnige Angst!« stammelte sie plötzlich. Beide sprangen auf und traten zu ihr, aber sie wehrte ab und sagte sanft, es sei schon vorbei.
»Darf ich es sagen?« fragte sie wieder. »Es ist freilich sehr sonderbar. Es ist -- mir ist einmal von einer Zigeunerin prophezeit worden, aus der Hand, und das fängt jetzt an einzutreffen.«
Sie setzte sich in die Sofaecke wie erschöpft. Es war wieder still im Zimmer, das Gewitter ließ nach. Bogner öffnete ein Fenster; wundervoll floß da, gleich erbötig, die Erfrischung herein. Der Regen ging in geradem, leichtem Strom draußen nieder, alle Ferne war darin verschwunden bis auf den Schatten des Windmühlenkreuzes. Als habe der Maler ihr mit dem Öffnen des Fensters eine beruhigende Antwort gegeben, fuhr das Mädchen nun fort.