Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 39

Chapter 393,791 wordsPublic domain

Renate, alles mit Kraft verscheuchend, was sie verscheuchen wollte, lächelte mit ihrer stärksten Kunst zu ihm auf, denn dies, wußte sie, war die einzige Rettung. Er stockte denn auch alsbald, lehnte sich in den Fensterwinkel zurück, streckte beide Arme wagrecht nach links und rechts, die eine Hand ins Paneel, die andre in den Eisenrahmen des offnen Quadrates krallend, und lächelte hinwieder, bestrickender, gütiger, ihr Lächeln niederzukämpfen mit dem seinen, und sie dachte: Wie lange halt ich stand? Noch halt ich stand. --

»Sage mir, wen du liebst, Renate,« begann er von neuem, »und ich will ihn dir beschreiben. Ich will ihn dir mit Feuer auf Gold malen, und du sollst dich funkeln sehn rundum von seiner Herrlichkeit. Ach, sieh doch, Renate,« sagte er, seine Augen bei jedem dritten Wort seitwärts schleudernd, um einen lohen Pfeil nach dem andern nicht in ihr Gesicht, sondern nach den Umrissen ihrer Gestalt abzuschießen, als wäre er ein Indianer und sie am Marterpfahl, »sieh doch, ich könnte mich loslassen auf dich mit all meiner Gewalt, aber hältst du mich für fähig, einen Angriff zu unternehmen ohne Gewißheit des Sieges? Habe ich nicht meinen armen Bruder Erasmus besiegt mit einem einzigen Seitenhieb? Da kommst du nun als seine Botin, weißt, daß es nur des winzigsten Wortes bedarf, um mich wie den ersten besten Sperber auf deinen Handschuh zu fesseln, aber du sprichst das Wort nicht. Ich weiß alles.«

Sie ließ nun alles fallen und sagte einfach: »Ich wollte dich für Erasmus und deinen Vater bitten, das nicht zu tun, was du vorhast.«

»Nicht von der Liebe zu reden, heute,« sagte er betrübt, »das ist traurig. Dann also vom Aufbruch. Auch Liebe ist Aufbruch sondergleichen; von Sonnenaufgang her, vor Hahnenschrei kommen die Liebenden und wollen die Welt durchmessen in einem Augenblick. Sie brechen auf mit den Winden, sie reisen geschwinder als Wolken, kein Vogel fliegt ihnen voraus. Sie schweifen und denken an nichts, sie denken, daß sie schweifen und ergriffen sind von Wind und Natur. Heute bricht alles auf mit dem liebenden Herzen, bricht durch die Wände des Daseins, die sehr verengten, und stürmt. Warum erschrickst du? Rede ich von uns?«

Renate, die nicht gewußt hatte, weshalb sie zusammenzuckte, erschrak nun wirklich bei dem jählichen >uns<, aber ein heimliches Wetterleuchten zeigte ihr den guten Weg. »Sage mir, -- was ist sie für ein Mensch, die, mit der du --«

»Völlig geschlagen,« bekannte Josef mit Würde und bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen. Als die Zigarette brannte, begann er nachdenklich:

»Ich hoffe, du hältst sie für keinen besonderen Menschen, weil sie für unschicklich geltende Dinge tut. Viele gutherzige Frauen gaben schon einen Geliebten hin für einen Ehemann wegen Leibes Nahrung und Notdurft, und sie wollte lieber Nahrung und Notdurft für ihr liebes Herz. Sie war eine Tänzerin und brach den Fuß. Nun stopfte sie Strümpfe für viele Geschwister, da nahm ich mich ihrer an, tatsächlich nur, weil sie mich dauerte, erst später gewöhnte ich mich an sie, und paßt sie nicht gut zu meinem Dasein in einer solchen Stadt? Sie ist glücklich.«

»Armer Josef!«

»Sie ist«, fuhr er ungerührt fort, »glücklich, denn sie war schon fünfundzwanzig Jahre alt, leidet an völligem Mangel an Koketterie und wäre als Frau eines Mannes aus ihren Kreisen so bald bitter geworden wie als alte Jungfer. Sie ist glücklich, soweit ein Mensch das sein kann im Leben eines Andern, denn wären wir verheiratet, so würde sie doch an hundert alltäglichen Leiden kranken, und jetzt krankt sie nur an dem einen -- nicht mit mir verheiratet zu sein. Alle Ehen kranken daran, daß sie in Räumen vor sich gehen, die unsere aber haust in Zwischenräumen wunderbar. In einem und demselben Zimmer entblößen zwei verheiratete Menschen sich schamlos, ohne Liebesnacktheit, verrichten die eigenhändigsten Dinge voreinander und bringen es fertig, den Odem ihrer Schlummerleiber im Dunkel zu kreuzen, da fällt auch von ihren kümmerlichen Seelen jegliche Bekleidung, und sie müssen an zu bellen fangen vor Ärmlichkeit und Schande. Ich bedenke ihre Wehrlosigkeit und habe sie niemals gekränkt, außer einmal am gestrigen kranken Tage. Sie wird immer zu herrschen suchen, solange sie nur ihre Person einzusetzen hat und nicht ein Gesetz, das ihr verschaffen würde, was sie grade von mir haben will. Sie fühlt sich als Ausnahme, und das giebt ihr hundert Rechte ...«

»Glaubst du denn im Ernst, Josef, daß dies sich so verhält?«

»Gewiß. Zugespitzt, schlackenlos, wie ich es ausgedrückt habe, wäre es das Ideal.«

»Es sind aber doch gerade die Kleinigkeiten, die geringfügigen Widerspenstigkeiten des Daseins, die --«

»Und gerade die sind es, die wir vermeiden, indem wir in Intervallen leben. Uns ist nichts gemeinsam als das Gute, mit dem wir uns beschenken, wenn wir uns wiedersehn, durch Freude des Wiedererkennens, durch Nähe des Scheidens, durch die Schmäle des Zeitraums ganz ohne unser Zutun zu jeder Güte, jeder Zartheit, jeder Verzeihlichkeit, jeder Nachgiebigkeit bewogen, und immer ist unser kleines Weltgeschehn um ein weniges verändert, worüber wir uns zu verständigen haben. Was wäre angenehmer, ja entzückender, ja notwendiger, als einander hier und da und immer wieder fremd zu werden, neu zu werden? Ach, Renate, wie erst würde ich dich anbeten, wenn ein Gott mir dazu verhülfe, dich jede Nacht zu vergessen, dich jeden Tag von Grund aus neu aufbauen zu können!«

Da hatte er sich, wie ein Bumerang, wieder auf dieselbe Stelle zurückgeschwungen. Renate aber fand ein andres Mittel, flammte ihn zornig an und sagte:

»Beschreibe mir deine Liebe, Josef, wenn du meinst, ich sei dazu heraufgekommen.«

Langsam nahm er seine Augen aus den ihren fort, wandte sich und sah durch die Fensteröffnung. In dieser Stellung sagte er nach einer Weile halblaut:

»Wie die Wolke steigt, läßt sich berechnen, ja, der Flug der schwarzen Amsel ließe sich eher erraten als die seltsame Richtung des menschlichen Herzens. Es ist häßlich eingerichtet. Wenn ich als ein Engel vom Himmel käme, so würdest du mich doch nicht lieben, aber wenn du mich liebtest, würdest du mich für einen himmlischen Engel ansehn, denn nur, was es freiwillig will, tut das Herz. Ein Mensch kommt deines Wegs entgegen, und er ist schon ein Abgrund, in den du gestürzt bist ahnungslos, und dort blickst du in eines Menschen Brust als in den verlockendsten Schlund, aber du hütest dich wohl am Rande. Ich weiß, wir sind nicht füreinander bestimmt. Dies aber, siehst du, Renate, dies ist der schaurige Mangel in deiner Schönheit. Sie stiehlt dir deine Seele. Nichts spürt der dich Liebende als diese deine Schönheit; dein Herz, deine Seele höchstens als eine liebliche Glorie um den Kelch, aber nicht als mehr, und es ist nichts in ihm als Hingerissenheit, Brand und Verlangen nach dir, die da sitzt in einer goldenen Bluse. Die schwarze Amsel stürzt ins Pharuslicht beseligt, dies ist alles. Wie du gehst und stehst, wie du issest und trinkst, wie du lächelst und mit der Hand in dein Haar faßt, alles das ist gewaltig ganz allein und wendet das Herz um und um in der Brust, -- wozu brauchtest du eine Seele? Für dich allein, was nützt sie dir? Niemand sieht sie, niemand will sie sehn, aber deinen Fuß zu küssen, dafür wären einem sieben Seelen feil, wenn man sie hätte.«

Auf einmal hatte er ihre Hände sanft aufgenommen und im Schoß zusammengelegt; er sagte, während sie an seinen Augen hing:

»Wenn ich anderthalb Jahre fortgewesen bin, glaubst du, daß du mich dann -- kennen wirst?«

Renate fühlte sich plötzlich unsagbar müde, als habe sie die ganze Zeit eine eiserne Stange mit ausgestrecktem Arm gehalten. Sie schloß die Augen, sah, sie wieder öffnend, daß Josef nicht mehr vor ihr war, und dachte ergeben: Wie wunderbar! Ich hatte ja erwartet, daß er mich überzeugen würde, wie notwendig sein Fortgang für alle sei, aber daß er mein Herz zu sich umwenden würde wie eine Blume am Stiel, das dachte ich nicht. Und wozu nur das alles, und warum ist das, daß ein Herz sich so weit biegen läßt, und man weiß doch, das letzte Stück Weges wird nicht gelingen?

»Sieh, Josef,« sagte sie leise, »was ist nun das für ein Triumph für dich, daß du mich hier schwach gemacht hast? Es war so unnötig, finde ich. Du kannst mir aber nun ruhig sagen, warum du fort willst.«

Sie hörte ihn leise lachen hinter ihrem Rücken und gleich darauf seine Stimme, völlig verdunkelt und ernst: »Ich habe dich eben etwas gefragt.«

Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Sie dachte inbrünstig an Bogner und glaubte jetzt zu wissen, daß er niemals kommen würde. Sie verzweifelte, es brauste um sie, es schien ihr unmöglich, nur eine Woche auf ihn warten zu können, weil er niemals kommen würde; sie fühlte, daß Josef vor ihr stand, und hörte ihn sagen, auch sie werde ja nicht anders sein wollen als die Andern: einen Mann, ein Haus, ein Kind, ein sogenanntes Glück, -- »habe ich dir weh getan?« schloß er, und obgleich sie fast staunte, daß er eine dermaßen plumpe Falle stellen konnte, war sie ihm nicht gram, sondern ließ nur die Hände vom Gesicht fallen und sagte erlöschend:

»Weh? Nein, du hast nur meine Antwort nicht abgewartet.«

Nun wars still. Sie stand auf und blickte in die dunstige Mittagslandschaft hinunter, sah die kleinen Pferde zwischen Wasseradern herumtraben, sah einen Zug, wie er winzig klein über die schnurgerade Linie des Bahndamms hingezogen wurde, und die Qualmstreifen der fernen Fabrikessen langsam und friedlich nach Osten ziehn.

»Du fragst zu spät, Josef,« sagte sie müde.

Eine kleine Zeit darauf hörte sie ihn aus dem Hintergrund des Zimmers in beinah kaufmännischem Tone sagen:

»Also weißt du nun die Gründe, weshalb ich gehe, alle drei. Mein Dasein verengte sich hier bis in den Gang, wo dein Name geschrieben steht. Heut geh ich, weil es mir nobel erscheint, arm zu gehn. Wozu denn überhaupt die großen, alles hochschnellenden Worte! Gehe ich für ewig? Scheide ich unversöhnlich? Und hältst du meinen Vater schließlich, ganz abgesehn von seiner Liebe zu mir, für einen Menschen, der kein Verständnis dafür hätte, daß ich hier wie eine Quecksilberkugel auf eine schiefe Ebene gelegt bin?«

Freilich, dachte Renate, die sich langsam wieder gewann, er geht nicht für ewig, und dies alles ist wohl nur durch Erasmus so aufgetürmt.

»Jeder Schritt, jeder kleinste, zu etwas hin,« hörte sie ihn hinter sich sagen, »entfernt dich von etwas andrem, und somit ist es nicht möglich, in dieser Gemeinschaft nur das geringste tun zu wollen, ohne eine Schuld auf sich zu laden. Da es nun ohne Schuld nicht abgeht, so will ich, daß es diese sein soll.«

Renate aber hatte wohl die Worte, aber nicht ihren Sinn vernommen, wandte sich jetzt, plötzlich überleuchtet vom eigenen Triumph, sah ihn mit dem Rücken an die Bücherwand gelehnt, seltsam einsam und verloren aussehend, und sagte, nahe vor ihn tretend, mit Nachdruck:

»Ich werde dich niemals lieben, Josef.«

Er lächelte kärglich, in seinem Gesicht bewegte sich etwas Sonderbares, das sie ergriff, so daß sie die linke Hand auf seinen Kopf legte und ihn langsam hinunterpreßte, bis sein Mund ihre rechte Hand berührte. Währenddem sagte sie, nun zärtlich vor Mitleid:

»Du hast als Knabe niemals zu weinen gebraucht, mein guter Junge, und deshalb hast du es nie gelernt, und deshalb weißt du auch in diesem Augenblick nur dunkel, was Weinen ist. Vielmehr ist dir sonderbar wohl, indem du bedenkst, daß du heute das erste Mal unterlegen bist, -- fast könnte dich das trösten.«

Sie ließ zu, daß er ihre Hand mehrere Male mit den Lippen berührte. Er lächelte, als er aufsah, als sei er nun befriedigt, und sagte leise:

»Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist ... dieses Zitat schwebte dir vor. Warte, ich will dir noch einen Vers von mir sagen, den ich in diesem Augenblick gemacht habe: Du fremdes Kind! -- In deinen Augen spiegeln sich die Sterne -- Auch tags, wenn sie dem Aug nicht sichtbar sind.«

»Danke!« sagte sie.

»Oh bitte!« sagte er, und sie lachten Beide, leise, herzlich und wie Versöhnte, -- während vor Renates verschleierten Augen die sanfte und grüne, gotische Glaswand, leuchtend golden von der Sonne, sonderbar zu beben und zu schwellen schien vom Strom aller Worte, der an ihr hinaufgerauscht war, -- worauf er die Uhr zog und sagte: »Halb eins. Wir müssen uns anziehn.«

Sie nickte ihm zu und ging leicht und leise hinaus.

Im Treppenhaus oben blickte sie, auf das Geländer gestützt, in den Schacht hinunter. Ihr Herz schlug auf einmal mächtig in der Brust an, sie hörte Josefs >wir<, das belanglose, das er zuletzt gesagt, und mit dem er sie beide doch nach dem Kampfe zusammengefaßt hatte, als hätten sie die ganze Zeit nur benützt, um Freunde zu werden. Aber in diesem Augenblick legte sich die Erinnerung an den Onkel und Magda wie ein dumpfer Ring um ihre Brust, und als sie ihn abriß, weinte sie laut. Angst, Josef könne sie hören, jagte sie die Treppen hinunter in ihr Schlafzimmer, wo sie, gerüttelt durch und durch, kein Ende finden konnte mit Tränen, bis die Zofe mahnte, daß es höchste Zeit sei zum Anziehn.

Sechstes Kapitel

Wald

Georg saß auf einer Bank im Walde.

Von einem häßlichen und kaum anständigen Gefühl im Magen abgesehn, befand er sich überaus wohl, lieblich durchwärmt von der höher steigenden Sonne, vor den halbgeschlossenen Augen das zarte Flimmergespinst des Lichts, vor den hin und wieder geöffneten die geräumige Windhelle der Lichtung, von der ein sandiger Fußweg ihn trennte, und darin die weit auseinanderstehenden braunen Stämme und schwarzgrünen Schirmkronen der Kiefern, unten Wildnis von Farnkräutern und Brombeergestrüpp, mit den schönen rostroten Dornranken wie von Eisen --, hinter dem allem schließlich die schöne Bewegtheit des unwiderstehlichen Frühjahrshimmels, wo es wogte von unhörbarem Jauchzen, von Anmut und Leichtigkeit in Silberflocken und fliegender Bläue. Wenn die Sonne dann lichter hervorquoll, in alle grünen Winkel alles erfreuend hineinglänzte, so schwoll mit allem sein Herz, als dehnte Lichthauch und Lufthauch es von innen, und traumhaft ganz hingegeben, konnte er hübsche Entdeckungen gedanklicher Natur in sich machen wie etwa die Erkenntnis, daß jenes Gefühl von Zuversicht an holden Apriltagen jedenfalls daher rühre, daß bemerkbar wird: auch diese große, unbändige Natur ist bekannten Gesetzen unterworfen, -- es muß doch Frühling werden! Wieviel Genugtuung für Kaiser und Bürgersmann! -- Erlosch aber die Sonne, senkte sich mit den Schatten die Wölbung seines Gefühls, und es ward enger in ihm, -- war alle Tapferkeit mit eins aus den Wipfeln, Mutlosigkeit um die grünen Spitzen gefallen, die ergraut standen, zitternd, ängstlich, -- so fiel er, unfreiwillig, der allgemeinen Beklommenheit mit anheim und empfand unglücklich die tiefe Ratlosigkeit der Fragen um ihn her: Mein Gott, wo ist das Licht geblieben? Warum ist es fortgegangen? Und dann erschien ihm auch, als wäre sie es, die mit breitem Schatten den Glanz verdeckte, Magdas traurig abgewandte Gestalt, erloschen rund um sich her wie der sonnenlose Augenblick, -- da ging sie wieder neben ihm, von innen gehalten, gefesselt in ihrem Gang, und in ihrem Herzen -- -- ihrem Herzen ...

Ach, sie wußte es nun doch! die Wahrheit hatte sie nun, war es nicht besser als ... Ah! Mit dem wieder hochquellenden Golde im glücklichen Grün wich die lastende Schattenhand auch von seiner Brust, er atmete auf. Sie wußte es, -- welche Erleichterung! Erleichterung -- für ihn, ja, ob aber für sie?

So saß er denn im Wechsel der Natur und im eignen, gedämpfter Traurigkeit überliefert, im warmen Labyrinth seines Gehörs, seines ganzen Innerns, das unablässige Vogelgezwitscher der Nähe und der Ferne, den metallenen Finkenschlag, den Gesang des Baumläufers, fernher den eintönigen Zweiklang des Zilpzalp, und wie aus einer blaugrauen Wolke heraus das schläfernde Gurren der wilden Taube. Ein wenig drückte im Rücken das Holz der Banklehne, aber er saß doch weich in sich selber, ganz versunken in offene Lässigkeit, im Pendelschwingen des Lichts beklommen und froh, ja wie in einer wesenlosen Schaukel fühlte er sich, beim Vor- und Aufschwung munter und kühnlich, im Zurückfallen vom Schwindel süßlich geängstet, immer in Wärme und köstlicher Wehmut.

Oh daß ich dieses doch habe, dachte er, diesen selbstverständlichen Rückzug in mein eigenes Innere; dorthin, wo es Natur ist, Hingebung an Licht und die Luft, an Vogelruf und dies kühle, dies schaurige Sausen in den Kronen. Was schließlich verschlägt da eine Nacht wie die letzte! Man sollte es nicht tun, freilich, Sinn hats auch schon gar keinen, man sollte es nicht, gerade wenn man, wie eben ich, nur so hineingerät, so lustlos und versehentlich, und es wird auch nicht wieder vorkommen. Das war bloß München, das mir noch nachhing. Oh Renate!

Unter einem zitternden Schlage im Gehirn setzte Georg sich auf, geblendet, legte die Ellbogen auf die Knie, seinen Gehstock in der Mitte packend, und sah eine Weile lang nichts als den Staub in den Falten seiner Lackschuh, das braune Gold der Strümpfe und zwei, am Ende zusammengeheftete Fichtennadeln, die im Aufschlag seiner dunkelgrünen Hose steckten. Die kleinen Steine, der Sand und die Spuren von Füßen und Striche von Stöcken darin sahen ihn fremd an in lebloser Wesentlichkeit. Er seufzte auf. Du lebst, Renate, ach, daß du lebst, was will man denn mehr? -- Und Georg bewog sie, zu erscheinen, sie und sich belistend, daß sie immer schöner würde und vollkommener, und so kamen erst nur ihre Augen zum Vorschein, im Dunkel, unterm Vorhang der Zweige, ihr Arm, nun -- nun der Augenaufschlag gegen ihn, -- er erbebte, er wollte ihn fassen, er war fort. Alles was Blau war in der Welt, mußte in diesem nächtigen Schwarz enthalten sein, Sommerhimmel und das dunkelste Buchtenwasser, Bergseen und grünes Eiswasser, -- und nun -- ihr Gesicht, ihr Mund, und ihr Haar, -- Gott im Himmel, welch Haar! Da stand sie auf dem Rasen, das Licht fiel von oben über ihre abgewandte Gestalt, über das hangende weiße Dreieck des Schals, über ihr Haar von stumpfem, hellem Braun -- dürres Buchenlaub, wars nicht so? -- von einer goldenen Spinne überwebt. Und von ihren eigenen Bewegungen war sie ganz umrieselt wie von unsichtbaren Wasserfalten, in denen es blühte. Gott verzeih mir, Anna, aber nun ist das so gekommen, und wie kann ich denn anders! Mußte es nicht einmal kommen? Habe ich nicht durch Monate gelitten, damals, wie sehr gelitten, nachdem du von mir warst? Wie lassen sich solche Selbstbezwingungen dann rückgängig machen? Wie sollte ich dich wieder hineinholen in mich, nachdem -- -- freilich, daß ich dich austreiben _konnte_! Und wie kann ich denn gegen mein Herz?

Ein Kohlweißling taumelte aus dem Brombeerdickicht hoch, zog über den Weg daher, schaukelte höher, taumelte vor einer unsichtbaren Gewalt abwärts, beschrieb um einen der braunen Stämme einen haltlos flattrigen Kreis und fiel ins grünende Buschwerk. Es zwitscherte -- oh wie es zwitscherte! Überdem kam Josef Montfort ihm in Erinnerung.

Das war ein Mensch! jawohl! Betäubend, berauschend, wahrhaftig! Ich muß ihn näher kennen lernen. Richtig -- wollte er nicht fort, aus dem Lande? Wer -- ach, Cornelia Ring, -- sie gab mir ihre Adresse. -- Ihre runden Dryadenaugen erschienen ihm, er erinnerte sich, wie sie ihm ihr Herz ausgeschüttet hatte, -- der sonderbare Nachtweg, -- und er versprach, an seinen Vater zu schreiben. Nein, das Sonderbarste war doch diese Fahrt in der Droschke ... Aber Montfort, der hatte Gewalt über Menschen! Wer konnte wohl so ausgesehen haben wie er? Fernando Cortez vielleicht, ja, irgendeiner, der eine verlorene Sache verteidigt, ein Prätendent; in Gefahr müßte man ihn sehn, auf dem Rückzug durch Urwälder, von Schwärmen vergifteter Pfeile verfolgt, und mit jedem Leben, das hinsinkt, wächst ihm ein neues an sich selbst, und er schwingt sich in eigenen Händen wie einen Feuerbrand zu einem Dutzend gefährdeter Stellen, ermutigend, tröstend, versprechend, drohend, versiebenfachtes Leben, aus sich selber wimmelnd, bei Gott, so war er! Und er und Cornelia, Renate und Magda zogen einen abenteuerlichen Reigen, Magda trat vor und sah ihn herzbewegend an, da fühlte er, wie sein wehmütiges Empfinden in Takten zu schaukeln begann, die sich allmählich mit deutlichen Vorstellungen besetzten ... Ach, wie traurig sind die Tage ... auf einmal hatte er den Anfang ... Seit ich in dem Schatten lebe ... und Georg nahm hastig ein Blatt, eine Rechnung, wie es schien, aus seiner Brieftasche, legte es darauf und schrieb schwermütig, hin und wieder streichend und ändernd:

Ach wie traurig sind die Tage, Seit ich in dem Schatten lebe, Nicht mein Antlitz zu ihm hebe, Nicht sein Mund mich heilt. Friedlos, ach, von bittrer Plage, Frage ich die stummen Haine, Frage Pfade, Ufer, Steine, Wo mein Herr verweilt.

Von der Schwelle ausgetrieben, Die mir unterm Abendglänzen, Oder unter Sternenkränzen Wundersam erschien, Kann ich noch mein Antlitz lieben, Das nur fremde Blicke preisen, Und den Mund, dem nur die leisen Seufzer noch entfliehn?

An der Flamme auf dem Herde Rötet sich mir Stirn und Wange, Daß ich wie in Purpur prange, Den Erhabnen gleich. Spät, mit trauriger Gebärde, Blickt ins Fenster, durch die Zweige, Mond, dem ich mein Antlitz zeige, Und dann bin ich bleich.

Georg merkte, daß während des Schreibens die Sonne entwichen war, und ihn fröstelte. Als er das Blatt in die Brieftasche zurücklegen wollte, fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem stand von fremder Hand geschrieben: G. T. 17. Was mochte das bedeuten?

Heftiger fröstelnd -- und wie öde war auf einmal der Wald! -- überlas er noch einmal das Geschriebene, strich in der zweiten Strophe das >Wundersam<, um dafür >Freudenreich<, und in der letzten >Erhabnen<, um dafür >Geliebten< zu setzen, legte das Blatt fort, stand auf und ging in der Richtung der Stadt davon. Nach einigem Kopfzerbrechen fiel ihm ein, daß er Cora Bogner seinen Besuch versprochen hatte, sodann, daß 17 die Hausnummer der Cornelia Ring war, und ihm wurde heiß im Gedanken, daß er mit Josef Montfort nichts besprochen hatte, aber vor allem kam es ja auf seinen Vater an, und Montfort würde wohl nicht über Nacht davongegangen sein. Die Fabrik stand schlecht, wer hatte ihm das nur erzählt? Josef selbst? Richtig, Cornelia Ring war es gewesen. Da durchglühte ihn wieder Renates Leiblichkeit, unendliche Sehnsucht befiel ihn, er umschlang sie mit den Armen, er fand ihren Mund, -- aber siehe, was war das für eine Süße, die ihm jählings durch Mark und Bein loderte? Das mußte er geträumt haben, nur in Träumen steigen Gefühle in solches Übermaß, o mit welch ungeheuerlicher Schmerzenswollust hatte er einmal im Traum geweint! Und nun fiel ihm Lenusch, fiel ihm alles ein, die Bar, das endlose Gespräch zwischen Montfort und dem Saint-Georges, der Lärm, das Mädchen, ihr Stirnband, ihr Bein, ihr Strumpf, in den er das Geld --, und zuletzt -- nein, bloß das nicht! aber er sah es wieder deutlich vor sich, ihn schauderte maßlos, er wehrte sich mit allen Kräften, stellte sich hundert andre Dinge vor, und es gelang ihm endlich, sie wieder vor sich zu sehn, wie sie die gekrallten Hände gegen die Schultern erhob. Sie hätte die größte Tischplatte über seinen Kopf heruntergeschmettert, so sah sie aus. Warum haßte sie ihn nur so? Vielleicht hatte Montfort ihm bloß Lügen erzählt, obgleich er ein Mensch schien, der keine Lügen nötig hatte, der Unwahrscheinlicheres erlebt, keine selbstgeschnitzten Stützen brauchte. Ach, es war doch schrecklich! Da war der Augenblick gekommen, wo sie ihr ganzes, verfahrenes Dasein in eine einzige Flamme von Haß zusammenriß, um es -- ja um es wie eine schwere Tischplatte ihrem Feinde über das Haupt zu schlagen, und da mußte sie so zusammenbrechen.