Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 38

Chapter 383,853 wordsPublic domain

Erasmus, der das Telegramm aufgerissen hatte, warf es hin, stützte die Fäuste auf die Tischplatte und knirschte.

»Nichts!« sagte er nach einer Weile. »Also noch ein Tag. Morgen will er mir Bescheid geben. Aha, der Filou! Nein, nein, das ist ja klar, die Erfindung ist längst da, er will nur erst andre Angebote abwarten. Und ich hab doch nicht mehr! ich hab doch nicht mehr!« stöhnte er verzweifelt. Er sah sich um, als ob er in Tränen ausbrechen wollte. Dann schrie er: »Schockschwerebrett, ich werde ihm eine halbe Million hinpfeffern, der Teufel mag wissen, wo ich sie hernehme!« und lief hinaus.

Kapelle

Renate stand auf und ging bis in die offne Verandatür. Was Josef mit Bogner sprach, hörte sie nicht, aber sie nahm doch den leichten Windzug wahr, der sich um ihren Kleidrock bemühte, und als Wolkenschatten und Sonnengeleucht über die grauen Steinfliesen hinglitten, glaubte ihr immer sehendes Auge den kleinen Windgott zu erblicken, der wie ein kleiner Chinese klumpig mitten in der Veranda saß, drei welke Vorjahrsblätter um sich herumlaufen ließ und über seine nackte Achsel unter ihren Rock pustete, daß sie das kühle Blasen an den Knieen verspürte. Gleich schrak sie wieder zusammen und ging weiter, die Stufen hinunter. Auf dem Rasen liefen die schwarzen Amseln hin und her, pickten mit gelben Schnäbeln; sie hörte die Stare in den unbelaubten Wipfeln, die eherne Scheibe auf dem grauen Sockel der Sonnenuhr glänzte auf und erlosch augenblicklich, fern flammte das Tulpenbeet gelb und rot. Da stand sie und las die alte Zeile im Sandstein:

_Vulnerant omnes, ultima necat._

Ach, dachte sie, besinnungslos sich wehrend, ist denn das wahr? -- Die Amseln flogen fort, Krokus und Narzissen schimmerten violett, und weiß, und gelb aus dem noch fahlen Gras, das Sonnenlicht erlosch ganz, kühler Schatten hatte alles überflossen, nahebei krähte der junge Hahn, und auf einmal ging ihr der Odem des Frühlings unwiderstehlich durch Mark und Bein, Freudigkeit der süß erneuten Luft, rasche Hoffnung in atemlosem Aufflug, der Vogelruf und der seligmachende Anblick des Sichbegrünens an Strauch und Baum. Fliedersträuche standen da, übersät mit scharfen, feuchten, blanken Knospen. Hinter ihr sagte Bogner:

»Es ist Zeit, sich wie ein Wacholder in die Haide zu stellen und anzunehmen, man hätte Wurzeln.«

»Wollen Sie denn Ulrika wahrhaftig den >Flügel< ausreißen?« fragte sie trübe, gedankenlos scherzend. -- Bogner sagte, Gott solle ihn bewahren, dann aber ernsthaft:

»Nun wissen Sie ja auch, was damals mich so besonders betroffen hat, als ich Ihren ersten Brief erhielt. Ihr Onkel half mir fort aus dieser Stadt, -- Sie halfen mir wieder hinein. Es stimmt vortrefflich.«

Renate, kaum ganz bei der Sache, lächelte matt, verlor aber einen Augenblick darauf fast die Besinnung, als sie -- wie zum ersten Male jetzt -- seine Stimme hörte, dunkel hinter ihr tönend, eine Stimme aus dem Unsichtbaren. Und -- in Schwäche versinkend -- dachte sie: Der himmlische Bote ... und wieder: Der himmlische Bote ... Als sie sich dann langsam wieder gewann, hörte sie ihn sagen:

»Dieser Erasmus also brüllt noch genau so wie früher. Damals nannten wir ihn den großen Ajax, und meinen Sie nicht auch, daß er etwas von diesen homerischen Helden an sich hat, denen es nicht einfiel, Ungemach mit unsrer, männlich genannten Schweigsamkeit hinzunehmen, sondern die herausbrüllten, was weh tat? Danach taten sie das Nötige.«

Renate, jetzt in der Kapellentür über den Stufen stehend, eine Hand, leicht erhoben, gegen den Rahmen gestützt, ließ ihr trauriges Lächeln über ihn hinabgleiten, wandte das Gesicht und sah die Fenster drinnen mit ihrer bernsteinfarbigen Verglasung ihr immer sanftes und schönes Goldlicht verbreiten. Hinten glänzte matt die feierliche Anordnung der großen Pfeifen. Nun ging Bogner an ihr vorüber, maß mit leicht ausgestreckten Armen die Breite der Zwischenräume zwischen den Fenstern und erklärte dann:

»Ganz wie ich mirs dachte. Hier müssen Engel aufgemalt werden, am besten Fresken, das wünsch ich mir schon lange, mattfarbene, jawohl, wandelnde Serafim in einer spärlichen Landschaft ganz fern, damit die Musik nicht zu hart aufprallt.«

»Alles, was Sie gern wollen, Bogner,« sagte sie und ging eilig an ihm vorüber bis auf das Podium, wo sie eine Hand auf das Orgelmanual legte, denn nun konnte sie plötzlich nichts denken, als daß er ja da sei, und was für eine Stimme er habe, und wie gut er aussehe, als sei er aus einem geheimnisvollen Erz gemacht, und durch dieses zog die Angst um Onkel Augustin und um das ganze Haus wie ein schlecht sich wehrendes schwarzes Gewölk, das an vier und sieben Stellen zerriß, und draußen war der Vorfrühling wie eine junge Gottheit überall.

»Wollen Sie nicht lieber gehn, Bogner?« fragte sie schließlich. »Wir können doch nicht helfen, nicht -- ach, du lieber Gott!« unterbrach sie sich, denn da schwebte Irene in der Tür, noch im Hauskleid, lieblich, gerötet und gelockt wie ein Genius, erregt und strahlenden Auges. Sie flog, ohne sich um Bogner zu kümmern, auf Renate zu, umarmte, küßte und streichelte sie und fragte tändelnd und herumtänzelnd hundertmal:

»Was ist heut für ein Tag? Was ist heut für ein Tag? --«

Renate lachte und sagte: »Donnerstag.«

»Und heut über fünfundzwanzig Jahr,« sang das Kind, herumtanzend, »heut in fünfundzwanzig Jahren ...« Und sie faßte ihr Kleid, schwebte mit Menuettschritten vom Podium herunter auf Bogner zu, verneigte sich sieben Male vor ihm, jedesmal tiefer, und sang: »Heute in fünfundzwanzig Jahren, mein Herr, begehe ich meine silberne Hoch--zeit!«

Renate schalt, und Bogner lachte. Da hörte sie auf mit Tanzen, stand grade vor ihm und bat, ihr diesen Herrn vorzustellen. Renate tats, und sie sagte, ihm die Hand schüttelnd, indem sie nach Mädchenart den Arm weit vorstreckte, den Kopf gegen ihn herunternicken ließ und die Knie leicht knixend vorschob, ihre ganze fröhliche Seele in den Augen: »Kommen Sie auch zu meiner heutigen Hochzeit, geehrter Herr?«

Wenn das eine Einladung sein solle, meinte Bogner.

»Eine richtige,« sagte sie. »Ihr Bruder kommt doch auch mit seiner Frau, und unsre Familien kennen sich doch, seit Ihr Papa geholfen hat, mich ans Licht zu befördern, und wir haben sowieso Herren zuviel, da kommts auf einen mehr oder weniger nicht an. Und nun muß ich wieder weg. Ich wollte dir bloß guten Morgen sagen. Aber du siehst ja so blaß aus! Wie kann ein Mensch heute bloß blaß sein! Eigentlich wollte ich dich holen, damit du meinen Staat bewunderst, das heißt« -- sie flog wieder die Stufen herauf bis an Renates Ohr, in das sie lautschallend hineinflüsterte: »Das heißt, eigentlich wollte ich noch einmal übern Zaun klettern. Nun adieu, adieu allerseits! Adieu Sie, Herr Maler, Sie sind doch der Maler? Also Sie kommen doch? Ganz sicher? Hu, was ist das für ein Teufel!«

Erasmus stand in der Tür, blaurot und mit geballten Fäusten. Er brachte eine Zeitlang keinen Laut hervor, während Irene ein paar Schritte entfernt von ihm, zu einer Art Tanzpose erstarrt, mitten im Raume schwebte; endlich:

»Entschuldigen Sie, Fräulein von Herzbruch, ich habe mit meiner Kusine zu reden.«

»Ich geh ja schon, hu!« sagte sie und näherte sich ihm vorsichtig, -- »oller Bär! oller Wolf! oller Menschenfresser!«

Sie gewann im weiten Bogen um ihn die Tür, flüchtete hindurch und verschwand.

»Um Gottes willen, Erasmus,« stammelte Renate nach angstvollen Sekunden, »was ist denn?« Er stand da, geduckt und eingestemmt, wie ein geblendeter Stier. Er keuchte:

»Da! sieh's dir selber an. Der junge Herr ist übergeschnappt. Jetzt schlägts dreizehn. Jetzt werd ich gleich dreinschlagen.«

Josef wurde hinter ihm sichtbar, ein wenig bleicher als zuvor, ging bis zu Renate, die am Rand des Podiums stand, und wollte ihr etwas zuflüstern, als sein Bruder in ein solches Wutgebrüll ausbrach: »Hier wird nicht geflüstert, du Lümmel!« daß die Orgel, wie aus dem Schlaf geweckt, zu murren begann. Bogner trat jetzt stracks auf Erasmus zu und sagte zu ihm:

»Ich glaube, du brauchst was von mir.«

Da beruhigte er sich im Augenblick und antwortete geradezu: »Jawohl.« Er streifte Renate mit einem unterwürfigen Blick und fuhr fort:

»Vor fünfzehn Jahren hat mein Vater dir was gegeben. In den Zeitungen steht, was du vom Herzog bekommen hast; aber das giebst du mir, nicht meinem Vater. Was du hast, Renate, muß ich auch haben, ich nehme, was ich kriegen kann. Dann hab ich die Anzahlung heraus. Dann muß geschuftet werden, daß die Balken krachen.«

Er reichte Bogner die Hand und sagte: »Besten Dank. Ich habe schon an Neumann telegraphiert.«

Darauf winkte Bogner Renate zu und ging.

Minutenlang standen sie nun alle Drei ohne zu sprechen. Renate auf dem Podium hielt die Arme an den Seiten heftig niedergestreckt mit nach unten gedrückten Handballen, die Finger nach oben angehoben, so daß ihre Brust sich spannte und füllte, während der Kopf sich von selber nach hinten neigte. Erasmus zu tadeln, wagte sie nicht, weil in all seinem Getobe etwas war, das ihr Herz bewegte; auch war es klar, daß seine Entschlossenheit ihrer aller Schicksal angepackt hielt. Wie ein schwerfälliger Dämon stand er unten mit hängenden Armen. Bogners Worte von seiner Malerei und der Musik fielen ihr ein, da sie Josef zwischen zwei Fenstern an der Wand lehnen sah, nicht unteilnehmend, sondern aufmerksam, den Kopf leicht gesenkt, als ob er horche, und fast bekümmert.

»Was ist zwischen euch geschehn?« fragte Renate endlich, unfähig, nur einen von Beiden anzureden.

Josef sagte, da sein Bruder schwieg, was ihn angehe, so sei er hergekommen, um zu verhindern, daß sie mit dieser Sache behelligt werde.

»Ich bin aber kein Engel!« rief sie nun doch zornig und funkelnd. »Was soll das alles! Wenn ich erst ein halbes Jahr dies Haus unter mir habe, so hat deine Taktlosigkeit noch keine Ursache, mich hinauszustellen, im Augenblick, wo es erschüttert wird.«

Wenn sie auch seine Meinung mit ihren Worten verdreht hatte, so wußte sie doch, daß sie ihn traf mit der >Taktlosigkeit<. Sich aufrichtend, sagte er kühl:

»Ich habe meinem Bruder eben mitgeteilt, daß die plötzliche Veränderung in unserm Hause für mich die langerwünschte Gelegenheit bedeute, es zu verlassen.«

Renate wußte in diesem Augenblick nur, daß ihr Onkel an nichts in der Welt hing außer an Josef, und versetzte kalt und hart, er wolle seinen Vater augenscheinlich umbringen.

»Augenscheinlich paßt es ihm nicht,« erklärte Erasmus mit gewaltsamer Ruhe, »eine Stellung unter seinem Bruder einzunehmen, nachdem sein Vater die Sache in meine Hände gelegt hat.«

Josef antwortete, das sei nicht der Fall; er habe doch nie etwas gegen seinen Bruder gehabt, im Gegenteil, ihn stets geachtet und geehrt, wie er auch nie ein Wort dagegen geäußert habe, daß er, Josef, ins Geschäft gesteckt worden sei, während der Erstgeborene studierte.

Mit keinem Wort brauste Erasmus auf, doch bloß, weil er zu träge gewesen sei, um sich zu widersetzen, was er später mit seinem ganzen verlodderten Dasein --

»Ich bitte dich, Erasmus,« klagte Renate, »sei doch einen Augenblick ruhig, was soll denn daraus werden?«

»Ich will nicht ruhig sein, verdammt noch einmal!« schrie er, »und was daraus werden soll? Mores lehren werd ich den Burschen, und wenns nicht anders geht, mit der Hundepeitsche! Im Geschäft hast du jahrelang dagesessen und jeden Tag drei Stunden Zigaretten geraucht, das war deine Arbeit. Nun willst du dich drücken, weil Vater dir alles hingehn ließ, und weil du weißt, daß ich den Teufel tun werde und dir noch einen Pfennig für deine Scharteken und deine Huren bezahlen!«

»Darf ich dich hinausführen, Renate?« fragte Josef.

»Laß nur, Josef, dein Bruder spricht wohl etwas grob, aber er hat doch nun auch die ganze Last.«

»Ich versteh ihn sogar. Ich habe Geld verbraucht, ich habe andre Neigungen als er, und bisher war das Geld dazu da. Was hat es für einen Sinn, jetzt zu lamentieren, weil es in Zukunft nicht mehr da sein wird, und ich habe soeben erklärt, daß ich es nicht mehr haben will. Ich hätte ja auch längst verheiratet sein können und --«

»Ja, mit deiner Tänzerin oder Kokotte,« dröhnte Erasmus. »Zum Tempel hätt ich sie hinausbefördert!«

Unter der Wölbung sammelte sich der Lärm zu einem lang nachhallenden Summen. Josef fuhr fort:

»Die wirklichen Dinge sind von all dem, was mein Bruder sagt, so weit entfernt, daß ich nicht bis zu ihm hinüber sprechen kann. Ich habe ihm meine Absicht ausgesprochen, meiner Wege zu gehn, und zwar mit einer geringfügigen Summe, von der ich nicht leben kann, und auch die ziehe ich mit Vergnügen zurück; mein Fortkommen finde ich überall. Warum will er mich halten?«

Renate zitterte innerlich über diese Leichtigkeit der Taktik Josefs, der seinen Bruder mit einer einzigen kleinen Wendung zu Boden schlug, indem er nicht mehr ihn, sondern sie anredete. Erasmus stand und schnaufte.

»Weil -- weil --«

Er brachte nichts heraus, rollte die Augen und fing auf einmal an wie ein ganz Verlorener die Hände zu ringen, bis es ihm scheinbar gelang, etwas für ihn Fürchterliches hinunterzuschlucken, und er schrie: »Weil er gebraucht wird!«

O wie war es kläglich, daß er nichts konnte, als nun seinerseits >er< zu sagen.

»Hab ichs ihm nicht zwanzig Mal gesagt? Soll ich vielleicht alles allein machen? Soll ich mir für neuntausend Mark einen Prokuristen halten?«

»Mir wolltest du nicht so viel zahlen?«

»Hohngelächter der Hölle! Dreitausend Mark, und keinen Heller giebts mehr! Dein Liebchen wird schon einen andern Liebling finden.«

Josef zuckte die Achseln voll unsäglichen Bedauerns, und Renate verlegte sich aufs Flehen. »Josef, lieber Josef!« bat sie, »denk doch an deinen Vater! Hast du denn gar kein Gefühl?«

»Kein deplaziertes,« sagte Josef.

»Bursche!« schrie sein Bruder, »Bursche! soll ich dich Gefühle lehren! Achtung vor deinem Vater oder --« Er drang mit erhobenen Fäusten auf ihn ein; Renate, vom Podium herunter, warf sich vor Josef, der einen Augenblick wie zerschmettert auf den Erasmus starrte, sich dann aber sanft von Renate losmachte, auf ihn zuging, ihm die Rechte auf die Schulter legte und leise zusprach:

»Lieber Bruder, noch ists nicht so weit. Laß mich jetzt meiner Wege gehn. Ich entgehe dir nicht. Laß mir noch drei Jahre Zeit, dann werde ich wiederkommen, und du kannst mit mir tun, was du mußt.«

Er stand noch einen Augenblick bei ihm, nickte ihm brüderlich in das fassungslose Gesicht, ging langsam durch den Raum, die Stufen hinunter, und verschwand. -- --

Erasmus blieb in seiner Haltung wie vor den Kopf geschlagen. Nach einer Weile drehte er sein ungeschicktes Haupt hin und her, als versuche er, ob er losgemacht sei, schüttelte sich, ging auf das Orgelpodium, fiel auf den Stuhl und legte das Gesicht in die Hände. Renate -- sie wußte nicht mehr ein noch aus -- folgte ihm lautlos und begann seinen Kopf zu streicheln, fast ohne daß ihre Hände ihn berührten. Sie bebte an allen Gliedern; etwas in ihr war Josef nachgegangen. Erasmus aber richtete sich auf und begann zu sprechen.

»Du weißt ja viel zu wenig,« sagte er. »Da sitze ich vor deiner Orgel, -- welch eine Zusammenstellung! Ich wars, der hier den unanständigen Radau gemacht hat, wo sonst die Engelstimmen umhersegeln. Und dabei -- für wen das alles? Mein Vater hat dies Haus nicht für dich gebaut, und dennoch -- --! Wir sind Söhne; die bauen selber. Also soll er gehn mit seiner gepriesenen Ehrfurcht vor dir. Warum war ich auch so wütend? Er hat ja recht, er gehört nicht ins Kontor, ich gehöre hinein. Nein, die Worte waren es nicht, mit denen er mich eben entwaffnet hat; das war die Erinnerung. Ich bin ja als Junge schon mit dem Messer auf ihn losgegangen. Und er sagte nur, so sanft und nachsichtig wie eben: Bruder Erasmus! und ich hätte mich mit Wonne selbst erdolcht. Ist er vielleicht ein Mensch wie ich? Es ist, als wär er gesalbt, und ich hab ihn je und je geliebt. Er war der schönste, gefährlichste Knabe, er bezauberte mit dem Spiel seines Mundes, und ich weiß nicht: ist er wirklich so gefühllos, wie ich ihn gemacht habe, damit ich ihn hassen lernte? Dafür weiß ich, daß, wenn ers verlangte, ich für ihn arbeiten wollte, bis ich tot umfiele, -- gesetzt, ich bringe ihn nicht zuvor um. Aber das scheine ich ja nicht zu können. _Satis superque_. Tu mir einen Gefallen, Kind, geh zu ihm hinauf, sag ihm, er soll seine Sachen packen und morgen nicht mehr vorhanden sein. Ich könnte mich sonst --«

»Ach, nun ärgerst du mich, Erasmus,« sagte sie liebevoll. »Still! Sag mir nur: kann ich nichts tun? Kann ich nichts nützen?«

Er sah sie mit einem langen Blick von oben bis unten an, so daß sie errötete, ohne daß sie dieses Mal aufbegehren konnte wie zuvor gegen Josef.

»Du?« sagte er dann, als dachte er ganz andre Dinge. Dann schnob er ärgerlich:

»Wer von uns Beiden ist denn nun der größte Schuft? Wenn er noch von meiner Mutter wäre, -- da ist aber diese Jüdin ... Oh ist das nun nicht zum Totlachen? Ich bin der Letzte vom alten Adel und kann nun den Krämer machen und die Reklametrommel schlagen. Was denn zum Henker geht mich diese verfahrene Fabrik an! Er geht seinem Blut nach, und ich --«

Er stockte und sagte verlegen, in eine Ecke sehend: »Du bist doch als guter holder Geist in dies frauenlose Haus gekommen, wie sollt ich mich denn weigern, es zu erhalten!«

»Ja, ja!« sagte sie hastig, »aber nun laß uns in andrer Richtung gehn!« Da erschrak sie vor seinen traurigen Augen und hörte ihn gequält sagen:

»Warum soll ich dirs nicht gestehn? Nicht wegen der lumpigen paar tausend Mark hab ich ihn halten wollen, sondern um seines Vaters willen, der ihn braucht, ihn, und nicht mich, und wenn ich mir das Blut unter den Nägeln hervorarbeite, so dankt er mirs doch nicht mit dem Herzen, sondern das läuft seinem ägyptischen Josef nach: >Ein wildes Tier hat ihn zerrissen!< -- Und das bin ich.«

Renate schauderte, wie er sich in sich hineinwühlte. Sie sah eine abgründige Wunde, -- mit Sanftmut, mit Langmut zu schließen -- wie schaurig!

»Ach!« entfuhrs ihr, »warum bist du ihm nicht ähnlicher!«

Da machte Erasmus gemeine Augen und fragte sie, warum sie ihm nicht nachlaufe; danach duckte er sich.

Sie sagte nichts. Sie stützte eine Hand auf das Manual und blickte zu den Orgelpfeifen hinauf. Droben erschien Bogners verschlossenes Gesicht; aus den Augen kam Orgelmusik.

»Oh verzeih, Erasmus,« sagte sie leise, »ich vergaß, was du zu leiden hast.«

»Oho!« schrie der Erasmus, »das ist ganz was Neues! Ich hätte was zu leiden!« Er lief großspurig auf der Empore hin und her. »Ich steh nun schon noch meinen Mann. Das sind gefälligst bloß Sachen, Sachen! Wo ich meine Pflicht tun kann, da hab ich mein Haus, basta, verstanden! Ich werde mit allem fertig. Und dies Haus kommt mir wieder in die Höhe, gefälligst! Was du zu tun hast, will ich dir sagen. Die Nächte kannst du meinswegen um Onkel und Vetter weinen und so, tags aber schön sein, verstehst du mich, und Orgel spielen, und Blumen ordnen, schöne Kleider tragen und meinem Vater in die Augen lächeln. Also wie wird das werden?« Er rechnete mit den Fingern. »Morgen wer' ich in der Stadt herumlaufen und Gelder zusammentrommeln. Mir geben sie's schon. Seidel und Mager, -- na, das ist egal! Herrgott, wenn sich die Aktiengesellschaft vermeiden ließe!«

Renate traten die Tränen in die Augen. »Was wird nur dein Vater sagen?«

Darauf käme es gar nicht an, schnob Erasmus, er habe nun einmal die Schuld, schuldlos, wie in der Tragödie, und er könne froh sein, wenn sich die Sache überhaupt einrenkte. »Und das sind wir dir schuldig.«

»Ich, und immer nur ich!« klagte Renate, nun ernstlich erbittert.

Ob sie meine, daß man ihr Wohltaten erweisen wolle; seine und des Vaters Schuldigkeit wäre das, sonst nichts. »Armer alter Mann!« murmelte er dann doch, »ein dreifacher Schlag, Josef eingerechnet, wenn sie ihn als Direktor anstellen. Du kannst dir ja denn jedes Jahr ein Kleid weniger machen lassen und die Butter dünner aufstreichen. Na, denn also an die Arbeet! Meine Studenten werden sich wundern über die Leere meines Katheders im nächsten Semester; schön, brauch ich mich nicht mehr über die Leere meines Hörsaals zu wundern. Mein Mund ist ganz fusselig geworden von aller Rederei. Aber wir werden glücklich sein, wenn wir dich im Garten sehn und deinen Gang --«

Da er nicht mehr besinnungslos sprach wie zuvor, verwirrte er sich nun, schüttelte den Kopf und ging eilends zur Tür, wandte sich jedoch, kam gefaßt zurück und bat, unter ihr stehend, aufschauend zu ihr mit guten, ängstlichen Augen:

»Geh noch einmal zu Josef! Vielleicht hab ichs nur falsch angefangen. Versuch du's noch einmal! Du hast ja Gewalt über Menschen.« Er ging fort.

Sie blieb auf der Empore stehn. Durch die bernsteinfarbigen Fenster füllte das wechselnde Licht den Raum mit breiten Wänden von Goldrauch. Sie selber stand in solch einer schimmernden Wand von Millionen vergoldeter Atome, sie mußte sich selbst sehn im kleinen Spiegel über dem Manual, sah sich leuchten und daß sie wie eine Göttin in der Wolke stand, -- und war nicht vor Minuten erst Irene hereingetänzelt, schillernd wie eine Götterbotin, um ihre Hochzeit anzusagen? Oh Magda, dachte sie, warum hast du nur das geschrieben damals! Nun kann ich ihn nicht anstrahlen mit allem, was ich habe, und vielleicht geschiehts nur darum, daß er mich nicht sieht, -- sieht er mich denn? Wie ich ihn doch gleich erkannt habe, gestern im Dunkel ... Sie schreckte auf. »Josef wird mir doch sehr fehlen,« sagte sie leise und ertappte sich darüber, daß sie ihn sich schon ferne dachte.

Ein Schatten wanderte ruhig durch den Raum, nahm die goldenen Wände wie große Garben auf und fort; aber hinter ihm richteten sie sich jubelnder auf. Draußen war ein Gezwitscher wie von hundert Vögeln; hoch oben frohlockte die schwarze Amsel. Renate verlor sich. Ihr war zum Sterben schwer zu Sinn, und so ging sie mit ihrem langsamen Gang und mattem Herzen, um mit Josef zu reden.

Erker

Renate trat ein. Ferne, am Ende des lang vor ihr liegenden Raumes stand Josef, ein wenig links in der gotischen Fläche von lichtem grünem Glase, die über ihm zur Spitze zusammenlief. Hastig und wie zur Sammlung blickte sie noch einmal umher, bemaß die schulterhoch an den beiden langen Wänden sich hinziehenden Borde voller Buchrücken mit den tannengrünen Vorhängen, fing aus den farbigen Holzschnitten darüber den Umriß eines blauen Berges, ein fremdartiges Gesicht auf, und während sie an Sesseln und Tisch vorüber bis zum Erker vorschritt, hörte sie nur, wie er langsam gesagt hatte: »Renate ...« Es hallte in ihr nach, es bewog sie schon. Dann sah sie sein Gesicht, das gepanzert schien mit allen Zaubern seiner Männlichkeit, und sie warf einen Blick durch eines der kleinen Quadrate im Fenster, das dicht neben seinem Gesicht geöffnet war: nur blauer Himmel und leichtes Gewölk war darin. -- Er rückte einen alten Stuhl mit hoher und steifer Rückenlehne voll Silberstickerei auf grauem Grunde etwas anders, und sie setzte sich. Da sprach er auch schon.

»Nun wollen wir von der Liebe reden,« sagte er mit leichter Bestimmtheit. »Gäbe es hierzu einen Tag, wenn nicht den heutigen? Jeder redet heute von Liebe, dieweil es Frühling ist, jeder von der seinen, und alle herrlichen Reden münden in die eine und sind die eine. Ach, es ist wohl Frühling! Du siehst ihn überall, du hast ihn, du trägst ihn. Da, schau durch dies kleine Quadrat hier unten --« er öffnete eines in ihrer Kniehöhe und schaute mit ihr hindurch -- »was erblickst du? Kleine Pferdchen, die auf einer Wiese herumlaufen. Das ist der Frühling. Warum sollten kleine Pferdchen auf einer Wiese nicht der Frühling sein? Mein Rock, der flaschengrüne, ist Frühling durchaus, und du, hast du nicht Brust und Schultern in goldene Seide eingeschlagen? Holdes Wesen, sage mir an: Glaubst du, daß einer schweigen könnte vor deinem Mund an solch aufbrechenden Tagen?«