Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 37
»Froh?« Josef lächelte dekorativ. »Lieber Freund, das glaube ich Ihnen nicht. Froh sind Sie, in der Sie Liebenden ein Wunderbildnis von Ihnen erzeugen zu können, das Sie auf Knieen verehrt, froh, obgleich Sie sich dem hundertmal widersetzen zu müssen glauben, bis Sie einsehn, Sie können es nicht verhindern, weil die süße Frau es nicht will, und Sie selber wollen es nicht und tun ihr das gleiche an. Ist Liebe etwa Lernen und Erkennen? Um Gottes willen! Liebe ist der wunderbare Irrtum des menschlichen Daseins, weshalb er meinetwegen im Leben der Vernünftigen keinen zu großen und nur einen sporadischen Raum einnehmen möge, wogegen ich selbst aber mich wieder und wieder in diesen Irrtum, diese grandioseste aller Stromschnellen hineinstürzen --« Er hatte schon während der letzten Worte, aus seiner Ekstase nachdenklich werdend, zu jemand emporgesehn, der an den Tisch getreten sein mußte, und während Georg, sich nach ihm umwendend, jenes Mädchen gewahrte, das er vorhin geküßt hatte, hörte er Montfort langsam und durchdringend zu ihr sagen: »Sie sind doch -- Lenusch.«
Das Mädchen, erhitzt, das Haar zerzaust, das blasse Gesicht über und über mit roten Flecken bedeckt, schwankte vor Trunkenheit vor und zurück, kniff die Augen zusammen, um Montfort zu erkennen, und da erkannte sie ihn. Im Augenblick -- während sie die Hände gleich Krallen gegen die Schultern hochhob, -- ballte das ganze, vorher so schöne Antlitz sich zu einer Maske von ungeheurem Haß zusammen, zu einer todbleichen Fläche, besät mit diesen roten Flecken, mit breit und flach gewordener Nase, mit rasend zurückgezogenen Mundwinkeln, und Gift spritzte aus ihren Augen, und die Vorderzähne unten schoben sich vor die Oberzähne. Es kamen aber keine Worte, sondern etwas Bräunliches, Breiiges trat zwischen ihren Lippen hervor. Sie erbrach sich. Es floß einfach aus ihrem Munde, während im zusammenfallenden Gesicht die Augen, wie brechende Augen, nach oben gerichtet, stillstanden.
Georg glaubte bei diesem Anblick zu sehn, wie seine Seele sich schaudernd aus ihm entfernte, ein Schatten, der abgewandt entfloh, und er war von nun an nur noch Äußeres: Gesicht, Gehör, Geruch; sah das Mädchen davongeführt werden, zwei Herren, die an der Bar saßen, sich neugierig umwenden, sah, daß es leer im Raume war, der voll von Dunst und Gerüchen stand, aber dann verließen ihn auch die Sinne, und er fand sich auf einmal in einer unbegreiflichen Tageshelle.
Eine Straße war da, die lag im Schatten, sehr säuberlich, friedlich und abgeschieden; Morgenhelle wars, in der er schaudernd und fröstelnd stand. Unter seinem linken Arm steckte ein andrer Arm, von dem er fortgeführt wurde, und eine nahe Stimme redete Worte in sein Ohr, eine Stimme, die ihm die Jason al Manachs zu sein schien, doch begriff er bald, es war Josef Montfort, und er sprach augenscheinlich gute und begütigende Dinge. Bald hörte er auch die Worte richtig, blieb aber sonst, obwohl er ging, sah und hörte, wie gelähmt. Montfort aber sagte:
»Nur ruhig, nur ruhig! Ich habe eine Ermordete sterben sehn, aber dies war grausamer, hören Sie, Sie müssen an andre Dinge denken, Sie sind zu jung für so etwas, hören Sie einmal zu, ich will Ihnen von Lenusch erzählen. Ich hatte zwei Freunde, die studierten vor ein paar Jahren beide in Königsberg, ohne sich gegenseitig zu kennen, und Beide schrieben mir, -- ich kanns Ihnen ja sagen, sie studierten auf meine, beziehungsweise meines Vaters Kosten. Da schrieb nun der Eine, er habe ein himmlisches Wesen kennen gelernt, ja, eine Wirtstochter, aber ein Engel sei sie und liebe ihn, wie er sie, und sie werde trotz ihrer Engelhaftigkeit von ihren Eltern geplagt und mißbraucht, -- so schrieb er. Und dann schrieb auch der Andere ganz etwas Ähnliches, ja, mit andern Ausdrücken genau dasselbe, und auch dies Mädchen wurde von ihren Eltern geplagt, nun, was ist da weiter, -- ich kam dahinter, daß es dasselbe Mädchen war, sogar Momentaufnahmen bekam ich von beiden Freunden, und es war so, daß sie zum Einen sagte, nun müßte sie wieder ans Waschfaß -- dann saß der Andre im Hinterstübchen; und zu dem sagte sie, nun müßte sie wieder Kartoffel schälen, dann traf sie den Andern auf dem Wall. Nun, was sollte ich tun? Ich schrieb das Ganze dem einen Freund, aber der verfluchte mich, und es sei alles gelogen. Da ich nun Gelegenheit hatte, nach Königsberg zu reisen, besuchte ich ihn, ließ sie auf sein Zimmer kommen und zeigte ihr in seinem Beisein die Photographien, die der Andre gemacht hatte, und sagte ihr die ganze Wahrheit, worauf ich das Zimmer verließ. Drinnen blieb eine Weile alles still, dann hörte ich reden, dann schluchzen, dann heftiger reden, ihn und sie, und nun -- nach einer Weile rief er mich wieder herein, sagte, sie sei fort, und es sei alles in Ordnung. Sie habe ihm alles eingestanden, aber ihn, habe sie gesagt, liebe sie doch allein, und bei dem Andern habe sie nur nicht widerstehen können, und: Spielerei, und so weiter. O sie hatte unerhörte Begabungen. Ja, das war Lenusch in ihrer Glanzzeit. Später war ich noch einmal in Königsberg, und da erkaltete denn doch ihre Liebe zu meinem Freund -- er war Theologe, der gute, und dann verlobte sie sich mit einem Referendar, aber das Verhängnis fuhr ihr dazwischen, und sie bekam ein Kind. Ich weiß nicht, von wem, möglicherweise von jenem Korpschargierten, der eines Tages eine Wette abgeschlossen hatte, daß er, wenn er nur wolle, Lenusch bekommen könne. Nun denken Sie, Prinz, diese Wette hat er gewonnen und doch verloren! Begreifen Sie? Er hat sie wirklich bekommen, diese Lenusch, unter der Bedingung freilich, daß er die Wette verlöre, -- o sie war unerhört! Möglicherweise ist es auch von mir gewesen, dies Kind, und trägt meine Züge. Dennoch kann ich eigentlich nicht ganz begreifen, warum sie diesen außerordentlichen und erschreckenden Haß auf mich gefaßt hat. Freilich hatte sie unerhörte Möglichkeiten, und ich habe sie ihr verkümmert, aber verdammt noch mal, hier krepiert ein jeder an verkümmerten Möglichkeiten! und hier ist Ihr Hotel.«
Georg sah ihn vor sich stehn, sein Mäntelchen überm Arm, nur wenig abgefallen im Gesicht, breitschultrig und groß, die Züge merkwürdig entstellt durch die abscheuliche Art, den steifen Hut in die Stirn zu rücken, und Georg mußte heftig in Gelächter ausbrechen. Indem kamen Bogner und Saint-Georges im Gespräch heran, Montfort trat zu diesem, ergriff ihn am Arm und sagte, mit seinem Stock auf die kaum ergrünten Sträucher der Anlagen hinter dem Theater deutend, die sich in der schönen Morgenluft atmend still verhielten, dann auf die kleinen, leichten Wolkenballen, die über dem grünen hochliegenden Kupferdach des Bühnenhauses in der leichten Bläue dahinreisten:
»Frühling, Saint-Georges, unser alter Geliebter, da ist er ja wieder! Sprachen wir nicht von berauschenden Irrtümern, sprachen wir nicht von der Liebe? Frühling ist der schöne Irrtum des Sommers. Schließen wir ab. Der alte Adam in unsrer Hypothese wird sich einfach die neue Figur, in der er steckt, für seinen Gebrauch zurechtmachen, es wird nicht anders sein, als ein neues Bett.«
Saint-Georges nickte und bekräftigte nachdenklich:
»So ists, wir kommen nie und auf keine Weise aus unsrer Haut.«
Josef, sich zurückbiegend, betrachtete ihn prüfend, dann auch Bogner, sagte dann, leise und eindringlich:
»Lieben Freunde, ist das auch sicher? Wir müßten, vom Anfang bis an das Ende, bleiben, wo, wie und was wir sind?«
Maler Bogner hatte die Hände in den Manteltaschen, sah droben übers Dach hin, sog mit den Nüstern und meinte schließlich:
»Müssen, sagen Sie, müssen? Freilich ist alles festgelegt. Was aber, wenn Sie auch müssen, was hindert Sie, zu versuchen, was Sie nur wollen? Sie wissen ja nichts zuvor.«
»Sie wollen sagen,« fragte Saint-Georges, »daß Sie ein Maler geworden wären, auch wenn Sie sich damals geduckt und nicht losgerissen hätten?«
»Im Gegenteil, gar nichts wäre ich geworden. Sondern es lag fest, daß ich es auf diese Weise werden sollte, und also wollte ich es.«
Georg fühlte sich zum Umsinken müde und reichte allen Herren die Hand, womit sein Wahrnehmungsvermögen für diese Nacht ein Ende nahm.
Fünftes Kapitel
Stadt
Renate, am frühen Vormittag aus einem Handschuhladen hinter dem Theater tretend, sah höchlich erstaunt von weitem ihre Freundin Ulrika mit Maler Bogner daherkommen. Sie kamen hinter den Pavillons des Cafés zum Vorschein, schritten schräg über den Damm, und Renate verwunderte sich höchlicher, indem es nämlich nicht Ulrika war, die redete, sondern er, der förmlich auf sie einsprach und mit den Armen dazu >etwas weniges agierte< -- wie Hoffmann gesagt haben würde, dachte Renate --, während Ulrika, in einem gelbgrünen jägerartigen Jackenkleid mit Taschen, Gürtel und Riegeln, einen Stock am Arm, in festen gelben Schuhen und einem Jägerhut, mit gesenktem Kopf daneben ging, emsig zuhörend mit jenem Gesicht, das Renate sonst nur an ihr gesehn hatte, wenn sie am Flügel saß; die dunklen Brauen beherrschten es ganz, -- aber unten ging sie im Gleichschritt mit dem Maler, schlank und kräftig ausschreitend und immer so windleicht wie Artemis. Renate blieb am Gossenrand stehn, aber erst als die Beiden dicht vor ihr waren, wurde sie von ihnen gesehn und munter begrüßt.
»Was ist das, Ulrika!« drohte Renate, »ich sehe dich mit völlig fremden Männern umherlaufen!«
»Nicht? Wie unschicklich, Renate!« lachte sie, »aber höre bloß, nachdem ich gestern diesen Herrn Maler nichtsahnend in der Bahn kennen gelernt --«
»In der Bahn, Ulrika?«
»Ja, durch Mama! also da kommt er heute morgen um acht, schreibe: um acht! ins Haus, läutet wie ein Teufel, und ich sitze natürlich grade im Bade --«
»Bogner, was sind Sie für ein unschicklicher Mensch!«
»Na warte nur, es kommt noch viel unschicklicher, und da schickt er mir ein Blatt aus seinem Skizzenbuch herein, darauf bin ich gezeichnet, wie ich im Bett liege --«
»Wie _gräßlich_ unschicklich, Ulrika!«
»-- im Bett liege, und zwar von unendlicher Länge, und auf meiner einen Fußspitze, die unten heraussieht, sitzt eine gerupfte Lerche ganz klein und schmettert mit sperrangelweit offnem Schnabel: Auf--stehn! und über meinem schlummernden Haupt schwebt ein süßer kleiner Heiligenschein von winzigen Noten, und darunter steht: So lang schläft man! und: Wir wollen in die Haide.«
Nun wollten sie sich alle totlachen, auch Bogner, dann bat Renate die Beiden, ein Stück mit ihr zu gehn, sie wolle Magda bei der Uhr treffen, aber indem sah sie auf einmal Magda neben sich stehn, still wie ein Geist und mit ausgelöschtem Gesicht.
»Da bist du!« sagte sie erschreckt. Magda reichte mit schwierigem Lächeln jedem der Andern die Hand, hing sich dann plötzlich an Bogners Arm und bat: »Erzähle, Benvenuto! Wo warst du so lange? was hast du gemacht? -- Wir gehn zur Elektrischen hinüber!« rief sie zurück, und die beiden Andern folgten, Renate stumm, sie im Auge behaltend, ohne zu hören, was Ulrika verhandelte. Die Bahn, die sie brauchten, kam in Sicht, als sie kaum an der Haltestelle drüben angelangt waren. Renate wollte sich von Bogner verabschieden, aber der erklärte, mitzukommen, um sich ihre Kapelle anzusehn. Warum, sagte er nicht. -- Jetzt? dachte Renate stillschweigend, es geht doch etwas vor in dem Hause! aber wer weiß denn, was? So mußte denn Ulrika allein trübselig ihres Weges ziehn, nicht jedoch ohne dem Maler noch zuzurufen: »Also morgen um dieselbe Zeit!«
Im überfüllten Wagen fand nur Renate einen Platz. Was war das nur mit Magda? Da stand sie an der vorderen Wagentür, schmal in ihrem blauen Jackenkleid, in sich zusammengezogen, und sah mit steifem und verlorenem Ausdruck durch die Scheiben hinaus. Heut morgen, dachte Renate, da war sie doch noch wie Bogners Lerche auf Ulrikas Zehenspitze, was kann ihr denn nur unterwegs begegnet sein? Georg? fuhr es ihr durch den Sinn. Sollten sie sich schon ... Sie begriff es nicht und riet herum, immer ängstlicher in dem allgemeinen Schweigen, in dem sie nun zu dritt das Stück Weges bis zu ihrem Hause zurücklegten, denn Bogners Redseligkeit war mit Ulrika davongegangen. -- Es darf ihr doch nichts mehr zustoßen, es darf doch nicht! dachte sie gepeinigt. So ging sie ins Haus und, ohne ihre Überkleider abzulegen, in das Verandazimmer, nahm ein kleines Paket aus ihrer Muffe, wickelte es auf, ließ die langen weißen Handschuh ein-, zweimal durch die linke Hand gleiten, und nun merkte sie erst, daß sie in ihrer Sorge um Magda diese selber vergessen hatte.
Bogner stand am Fenster. »Wo ist denn Magda?« fragte sie. -- Sie sei gleich die Treppe hinaufgegangen. --
Dem Dienstmädchen, das, auf ihren Hut und Jacke wartend, neben ihr stand, gab sie diese endlich und trat noch unschlüssig -- denn sie konnte den Maler doch wohl allein lassen für eine Minute? -- vor den Pfeilerspiegel, um mit dem kleinen Kamm aus ihrer Handtasche über ihr Haar zu fahren.
Überdem ward die Tür von draußen aufgerissen, und Renate sah die riesige Gestalt des Erasmus geduckt, unrasiert, erhitzt, mit überquellenden Augen und einer Stirn darüber, die platzen zu wollen schien. Den Maler bemerkend, machte er einen Ruck von Verbeugung, faßte ihn ins Auge, ging auf ihn zu und sagte mit seiner tiefen und tönenden Stimme: »Bist du das, Bogner?«
Der streckte beide Hände nach ihm aus und sagte: »Alter Erasmus.«
Sie faßten sich.
»Was ist denn das? Ihr kennt euch?« fragte Renate.
»Aber selbstverständlich,« erklärte der Erasmus, »wir sind doch alte Schulkameraden!« Bogner setzte hinzu: »Das ist der, der einmal seinen Vater bestahl.«
Renate hörte es kaum noch, schon auf dem Wege zur Tür.
Fenster
Magda saß, als Renate ihr Zimmer im Oberstock betrat, am offenen Fenster noch in der Jacke, den Hut im Schoß, hinausblickend, aber seltsam leblos, denn im leisen, von draußen hereinstreifenden Windzug wehte das lichte Haar über ihrer Stirn hin und her, -- wie Gras über einem Stein sah es aus. Noch wagte Renate nicht, näher zu ihr zu gehn, blieb an der Tür, fragte endlich scheu: »Ist etwas, Kind?«
Kein Wort kam und keine Bewegung. Nun ging Renate zu ihr, lehnte ihren Kopf an ihre Brust und begann wortlos ihre Wangen, ihr Haar zu streicheln, bis sie merkte, daß die Starrheit sich ein wenig löste. Dabei blickte sie verschwommenen Auges in den Garten hinunter, wo noch alles kahl war, dünnes Grün zwischen dem schwarzen Baumgezweig, und unaufhörlich wechselten Wolkenschatten und Helligkeit durch die bewegte Natur. Es war still; der neue, erregende Odem der Lüfte, nicht kalt und nicht warm, floß erfrischend ab und zu, dann hörte Renate erst leise, aus dem Unsichtbaren, die Amsel schlagen. Ach, diese kleine, süß einfältig zwitschernde Stimme in Pausen immer wieder, so einsam, so friedlich, immer der gleiche, kleine güldene Wirbel, der sich, immer ein wenig verändert, um sich selbst zu drehen schien! Ach, diese wunderliche, selbstvergessene Stimme im Unsichtbaren!
Renate legte ihre Wange auf den Kopf an ihrer Brust; einen Augenblick später fühlte sie ihre rechte Hand von Magdas Hand ergriffen und gleich wieder losgelassen. Dann hörte sie ihre Stimme, das Lied der Amsel übertönend:
»Er ...«
Sie räusperte sich, schwieg wieder und sagte dann:
»Ich begegnete ihm in der Stadt. Ich sah ihn -- von weitem und -- und er mich auch. Auf einmal war er fort, aber -- es waren Leute dazwischen -- dann sah ich ihn den Weg zurückgehn. Dann war er fort ...«
Sie schwieg wieder still; hatte sie schon alles gesagt? Die Amselstimme aber fuhr fort, mit sich selber zu reden, Pause um Pause, allein sich fragend, allein sich antwortend in ihrer Einfalt.
Magda sagte:
»Und dann sah ich ihn in einem Blumenladen, -- als ich vorbeiging, und da wartete ich vor dem nächsten Schaufenster, bis er kam. Und dann -- -- dann fragte ich ihn: Warum --« sie schluckte -- »bist du mir eben ausgewichen? Er erschrak -- etwas und -- kämpfte wohl, ob er lügen sollte, aber dann sagte er: Ja ... und -- -- es wäre nicht mehr wie früher.«
Sie verstummte. Renate hatte sich wieder aufgerichtet. Aus der Tiefe des Gartens leuchtete ein Tulpenbeet flammend rot in ihre verschleierten Augen, zog sich auseinander, erlosch dann plötzlich. Ein feuchter Tropfen wehte gegen ihre Oberlippe, und die Augen hebend, sah sie im tiefblauen Himmel oben eine festgeballte, schneeweiße Wolke mit blitzenden Rändern, hinter der breite, goldene Fächerstäbe von Sonnenstrahlen hervorbrachen. Dann hörte sie wieder die Amsel.
Magdas Hände lösten die ihren von ihrem Gesicht; sie sagte ruhig vor sich hin:
»Er war ja auch gestern abend schon nicht so, wie ich -- wie ich gedacht hatte. Und seine Briefe ... Wir hatten uns wohl Beide geirrt.«
Renate trat schweigend von ihr fort und ans Fenster. Auf der Dachrenne des Verandadaches zur Rechten unter ihr saßen zwei Tauben, die sich drehten und putzten. Unten sah sie plötzlich aus der Sonnenuhr ihren Schatten über das Gras hinwachsen, der Rasen glühte goldig auf umher, der Schatten schrumpfte wieder zusammen und schwand. Ein unruhiger Tag, dachte Renate beklommen und schwer, und als die gleichförmige Stimme der Amsel von neuem unverändert an ihr Ohr schlug, fühlte sie sich gereizt und ungeduldig. Ein kleines Geräusch hinter ihr ließ sie sich umwenden. Magda saß und blickte auf den Fußboden, wo ein kleines Paket lag, Seidenpapier, im Fall geöffnet, goldene Bänder darin und blauseidene Strümpfe. Magdas Gesicht war klein, schlaff und farblos, wie sie darauf niedersah.
»Ja, nun ist Hochzeit,« sagte sie, »Irene ist doch zu dumm!« und lachte hart, aber das Lachen verwandelte sich augenblicks in Weinen, die Hände vor dem Gesicht bog sie sich, krampfhaft geschüttelt, und als Renate sie umfangen wollte, sprang sie auf, drängte sie zur Tür und ließ nicht ab, sie zu pressen und zu zwingen, bis Renate draußen war.
Eine Zeitlang stand sie noch, die Hand auf der Klinke, die von drinnen festgehalten wurde, und das Schluchzen hinter der Türe hörend, glaubte sie mit Angst und Schmerzen zu sehn, wie das Mädchen drinnen am Türdrücker hing, sich windend und geschüttelt von ihrer Qual.
Dann schlich sie hülflos und leise die Treppe hinunter.
Im Flur unten wurde sie sonderbar erschreckt durch den Anblick ihres Onkels, der in der Kleiderablage stand und sich den Mantel anzog. Bevor sie etwas sagen konnte, hatte er seinen Hut von der Truhe genommen und war, ohne sie zu sehn, obgleich seine Augen durch die ihren streiften, zur Tür und hinausgegangen.
Renate seufzte tief und stand lange, zur Ausgangstür gewandt, gelähmt und unfähig eines Gedankens.
Halle
In der Halle standen Bogner und Erasmus mit dem Rücken zu ihr hin; Bogner in der Tür zur Veranda, Erasmus am Fenster, und Beide in der gleichen Haltung, die sie nun lösten, um sich zu ihr zu wenden. Als wüßte sie nicht, was sie sagen sollte, setzte Renate sich auf einen Stuhl am Tisch und sah die blauen und weißen Hyazinthen an, die dort standen. Erasmus, die Hände auf dem Rücken unterm Rock, fing an im Zimmer auf und ab zu laufen, blieb dann in ihrer Nähe stehn und sagte zu Bogner hinüber:
»So ändert sich die Zeit. Vor dir brauch ich ja nichts zu verheimlichen, obgleich vielleicht morgen schon ... Mit einem Wort, Renate: Wir haben die Pleite. Oder -- nein, das heißt, das wollen wir doch erst mal sehn! Aber wenn du, Bogner, heute kämst wie dazumal, dann hielte ich die Finger aufs Portemonnaie, wenn auch Papa ... Na, also die Fabrik jedenfalls steht still, wenn ich sie nicht heut nacht in Brand stecke. All das Lumpenzeug!«
Wie das gekommen, wie das möglich sei, fragte Bogner; Renate war stumm vor Entsetzen und Angst um den Onkel.
»Möglich? Alles ist möglich,« sagte Erasmus. »Der Alte ist der beste Mensch von der Welt, strahlende Bonhommie, aber keine Spur von Zeitgefühl. Er kann höchstens zusammenhalten, was da ist. Der ganze Betrieb war ein Blödsinn, das wußt ich lang. Lauter Artikel und Artikelchen statt eine große Sache! Eben hab ich nach Berlin telegraphiert an Neumann, -- du erinnerst dich an Neumann! Vorsagen tat er bloß, wenn es gefahrlos war, aber sonst war er ein guter Kerl. Der knobelt, wie ich weiß, schon seit Ewigkeit an einer Vervollkommnung vom Lumièreschen Verfahren -- du weißt, Farbphotographie, -- die Belichtung dauert zu lange, und dann -- na egal! -- Vor ein paar Wochen hört ich von ihm, er wäre nun gleich fertig. Wenn der also nicht die Erfindung gemacht hat und sie mir aus purer Bruderliebe für ein Butterbrot hergiebt, hab ich nichts in der Hand, um wenigstens eine Aktien-- Und der junge Herr, der Baron da oben!« schrie er jählings in Wut. »Gestern den ganzen Tag und drei Viertel der Nacht hab ich mit dem alten Herrn über den Büchern gesessen. Mein lieber Bruder -- weißt du, was der allein für sich gebraucht hat, wo er hier Wohnung und alles frei hat? Na, dein Papa hat mit seiner guten Praxis im Jahr nicht so viel zusammengekratzt. Aber das hört ja nun alles auf. Das Ding da draußen, die Orgel, hat auch eine Portion gekostet.«
Renate sah ihn jetzt das erste Mal zu ihr sich wenden, ohne daß er die Augen vom Teppich hob.
»Aber dir ists wenigstens zu gönnen,« grollte er. »Jetzt laur' ich schon den ganzen Morgen auf Josef, daß er sich herabläßt ...«
Ob denn Konkurs angemeldet werden müßte, fragte Bogner.
»Wie gesagt, wenn nicht -- dann ist die einzige Hoffnung, daß sich eine m. b. H. zusammenfindet. Papa ist vollständig -- vollständig --« Er starrte vor sich hin.
Wie es denn mit den Gläubigern sei, fragte Bogner.
»Ach, darum handelt sichs ja gar nicht. Wir haben keine Abnehmer, haben überproduziert, seit Monaten keinen Absatz mehr gehabt, meiner Mutter Geld, alles ist futsch, und der ganze Krempel liegt uns da. Und ich sitze die ganze Zeit in Marburg und habe von nichts eine Ahnung. Damit ists natürlich aus. Papa, wie gesagt, ist vollständig -- Tausend Teufel!« schrie er, lief zur Tür und schmetterte ins Treppenhaus: »Emma! Emma! Sagen Sie meinem Bruder, wenn er nicht stantepeh erschiene, würd ich ihn holen! Das ist ja zum Haarausraufen!« sagte er, die Tür zuschlagend. »Geht in den Garten oder tut, was ihr wollt. Großer Gott, und dann die Hochzeit heute!«
Renate hörte sich fragen, ob es denn notwendig sei, daß sie alle hingingen.
»Ja, bist du vielleicht von Sinnen?« schrie er aufgebracht. »Ja, wenn sie noch morgen wäre! Das ist ja die verfluchte Schweinerei, daß man keine Ahnung hat, wohin der Hase läuft. Wenn bloß erst die Depesche da wäre! Himmel und Hölle, jetzt wird mirs aber zu bunt!« Er verschwand; die Tür krachte ins Schloß.
Renate saß völlig gedankenlos, von unsteten Gefühlen durchtost, seufzte schließlich leise und sagte:
»Ja, ja, Bogner, da spielt man seine Orgel und träumt seinen kleinen Leiden nach, und unterdessen ... Mein Gott, der arme Onkel! Was muß das für ein Schlag für ihn sein! Und die Selbstvorwürfe! Um Himmels willen, was ist denn nun los?«
Sie lief zur Tür, öffnete einen Spalt, und oben wurde das Brüllen des Erasmus hörbar. Dann wurde dort eine Tür zugeschlagen, und es ward still.
»Bleiben Sie noch, Bogner!« bat sie hülflos. »Gestern ahnt ich es ja schon, deshalb war ich so wortarm. Gott, es ist so viel! Nun auch Magda. Sie dürfens ja wissen, Bogner, sie hatte doch wieder einen Briefwechsel mit dem Prinzen, und nun hat sichs heute irgendwie herausgestellt, daß die Gefühle, die er da vorgegeben, oder auch wirklich gehabt hat --« Sie stockte. »Es klingelt eben, ob das die Depesche ist?«
Sie ging wieder zur Tür, öffnete, wartete; dann kam das Mädchen mit der Depesche. Renate trug ihr auf, nach oben zu gehn und Erasmus Bescheid zu sagen.
Die Depesche lag auf dem Tisch. Renate sah sie feindlich an.
»Ein gefaltetes Stück Papier,« sagte sie, »sehen Sie, Bogner, so sieht das Schicksal aus.«
Seine Antwort verstand sie nicht, da nun Schritte im Treppenhaus laut wurden. Erasmus trat ein, wütende Blicke umherschießend, und stürzte sich auf die Depesche. Josef erschien, schön angezogen, mit etwas müden Augen, nach unbeschreiblichen Essenzen duftend, unbeeinflußt wie stets, drückte ihr die Hand, winkte aber Bogner nur zu, als gäbe es nun wichtigere Dinge, -- oh, immer war er tadellos und paßte sich ein! --