Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 36
So stieg Georg denn ein und setzte sich links in den Rücksitz; der Maler kam neben ihn. Montfort, auf dem kleinen Vordersitz zusammengezogen, machte die Augen zu. Die Räder lärmten. Bogner öffnete das Fenster neben sich und beugte sich in die Öffnung. Nun verspürte Georg die sonderbare Engigkeit, in der sie sich zusammengepfercht hatten, den Geruch von Pferd, Leder, Wachstuch und alten Polstern und hatte das Gefühl, als sei etwas atemlos und ohne Ende mit ihm im Gange. Auf einmal glühte sein Gesicht, er fühlte sich an Seele und Gliedern abscheulich behindert, streckte die Füße, fühlte keinen Platz, zog sie wieder an sich und arbeitete mit den Augen an dem großen und dunkelhäutigen, verschlossenen Gesicht mit der fremden Bartfliege ihm gegenüber. Keine Gesetze kennen! dachte er höhnisch, was das schon heißen soll! Armes Kind, was kannst du ihm wohl sein? Wie still und in Bereitschaft sie immer dagesessen hatte. Ihre Augen waren klug, und sie las die Jahresberichte ... Was sage ich ihm nur? -- Da fiel ihm ein, was sie vom schlechten Stande der Fabrik gesagt hatte, da erschien ihm Renate im dunklen Vorgarten, im Laternenlicht, wie sie ihm entgegenkam, und gereizter spürte er die Behinderung, hier fahren zu müssen, anstatt -- was? ja was?
»Warum fahren wir hier?« fragte er jählings. Keiner antwortete; keiner der Andern bewegte sich. Der Wagen rasselte und schwankte über das Pflaster, auf einmal war er auf Asphalt und rollte glatter und leiser dahin, während das einförmige Trotten des Pferdes hörbar wurde. Georg sah Bogners schwarzes Profil im einfallenden Licht, sah das Gleiten der Häuserwände, einen Mann, der wartend an der Ecke stand, um die sie nun schwenkten, eine Laterne, Rolljalousien und Reklameschilder, alles sehr traurig, beschmutzt und als ob es sein eigenes Nichtvorhandensein beklagte. Plötzlich merkte er Montforts Augen, die ihn unbestimmt anblickten, dann abglitten, und er hörte ihn langsam sagen:
»Immer wieder kehrst du, Melancholie, O Sanftmut der einsamen Seele ...«
Es schienen Verse; er sprach langsam weiter:
»Zu Ende geht ein goldener Tag. Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige,
Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn. Siehe, es dämmert schon ...
Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches, Und es leidet ein anderes mit.
Schaudernd unter herbstlichen Sternen Neigt sich jährlich tiefer das Haupt.«
Wieder war alles still bis auf das Trotten der Hufe, aber in dem Augenblick, wo Georg, von den Versen seltsam erschüttert, fragte: »Von wem ist das?« waren sie wieder auf Pflaster geraten, und Montfort schien nichts gehört zu haben.
Wieder kehrt die Nacht! fühlte Georg traurig, und leidet ein Sterbliches. Und es leidet ein anderes mit. Wie du mich dauerst, armes Kind! Und dann schrie er, um verstanden zu werden: »Warum fahren wir hier?«
Montfort wandte ihm mit gelindem Spott seine Augen zu.
»Wir?« sagte er. »Warum sagen Sie wir? Gehören wir zusammen? Fährt nicht jeder ganz allein?«
Georg wollte, aber konnte nicht sagen, daß er ihn ja in dies schandbare Vehikel hineingesperrt habe, denn freilich -- warum hatte er sich sperren lassen?
»Teuerster,« fuhr Montfort fort, »ich weiß, was Sie denken. Sie sind auch so ein Mensch, der auf einmal von Versen ergriffen wird. Alles muß Ihnen mundgerecht gemacht werden, dann geht Ihnen das große Begreifen auf, und Sie bemerken Ihre Seele. Freuen Sie sich übrigens Ihrer Jugend.«
Bogner, während Georg sich, die Lippen zusammenkneifend, in seine Ecke zurücksetzte und den Dostojewskiband neben sich in den Sitz stieß, legte eine Hand auf seinen Arm und sagte, das Gesicht zu ihm wendend:
»Deswegen keine Sorge! Man gerät immer um so weiter auseinander, je enger man beisammenhockt. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen von Judith Österreicher erzählte? Da saßen wir schön geräumig und konnten untereinander kommen und gehen, wie es uns beliebte.«
Anna! dachte Georg erschreckt. Oh, litt sie nicht auch, er aber litt nicht mit ihr! -- Eine Weile später konnte er es nicht lassen, gereizt und unwirsch hervorzustoßen: »Warum fahren wir dann hier?«
Bogner schien zu lächeln und wandte sich ab; Montfort hatte die Augen wieder geschlossen; so fuhren sie schweigend, räderumrasselt, wieder über Asphalt, über Geleise, umschwenkend, plötzlich aus einem Geleis, in dem sie dahinrollten, herausgerissen, gegeneinander geschüttelt, umrasselt unaufhörlich. Georg hatte das Gefühl, als würde diese Nachtfahrt ihm ewig unvergeßlich bleiben. Dann dachte er, es müßte über ihnen ein Stern stehn, der Renates Züge trug, aber nun ließ das Wagenverdeck sich ja wieder nicht aufschlagen! -- Er stöhnte, es war nicht auszuhalten.
Da hielt die Droschke mit einem Ruck. Georg riß die Tür auf und stolperte ins Freie vor ein Portal mit bunten Lampen, aus dem ein großer Türsteher mit Schnüren und hellblauem Mantel, einen langen Tambourstab in der Hand, hergeschritten kam. Im Augenblick gewillt, davon, in die Nacht, in einen Wald hineinzulaufen, fühlte Georg sich leicht am Arm ergriffen und vom lächelnden Josef Montfort in den gläsernen Tunnel hineingeschoben.
Sie legten die Mäntel ab und gelangten über eine Treppe in den Tanzsaal.
Ballhaus/Bar
Es waren Galerien da auf drei Seiten, darunter standen die Tische, in der leeren Parkettmitte drehten sich zwei Mädchen in blauweißgestreiften Matrosenanzügen mit roten Kragen und in Kniehosen, rote Zipfelmützen auf dem Kopf, in träger Vergeßlichkeit hin und her. An wenigen Tischen saßen Männer beim Wein und rauchten, im Winkel beim Tresen war ein ganzer Haufen buntgekleideter Frauen mit sinnlosen Hüten. Bald saßen sie in einer Ecke und hatten Gläser mit golden aussehendem Haute Sauternes vor sich stehn. Bogner rauchte seine Pfeife und sah sich alles mit Gleichmut an, Josef gähnte unaufhörlich, Georg trank hastig drei Gläser Wein aus, ohne es recht zu bemerken. Im Saal schoben sich einige Paare hin und her, Damen tanzten miteinander, die Leiber ineinander verrenkt, abstoßend anzusehen, und Georg fing an, innerlich Wut zu schnauben, daß er hier war. Plötzlich stand ein schwarzgekleidetes, bleiches Wesen neben Josef, das nicht wie die Andern war, sondern hoffärtig und einsam aussah.
»Du warst lange fort,« sagte sie traurig zu Montfort, der sofort aufstand und einen Stuhl holte. Sie glitt auf den seinen, füllte sich ein leeres Glas und trank lange in kleinen Schlucken, wobei sie Josef in die Augen sah.
»Wozu?« sagte sie plötzlich, das Glas hinsetzend, stand auf und war gleich darauf mit einem breiten Herrn zwischen den Tanzenden.
Georg dachte, es fange nun wirklich an, sinnlos zu werden, aber als er nach einer Weile Umherschauens zu Montfort sagen wollte, daß sie gehen wollten, war der verschwunden. Bogner hatte sein Skizzenbuch unter dem Tisch auf den Knien und zeichnete etwas Unsichtbares, ohne auf das Papier zu sehn. Ein Kellner kam, nahm stillschweigend die leere Flasche fort und brachte bald darauf eine neue. Da ein rosenrotes Mädchen sich an Georgs Stuhl vorbeischob, das herausfordernde Augen machte, so tanzte er mit ihm, tanzte mit dieser und jener, zuerst unbehülflich, da er in seine Tanzstundenhaltung zurückfiel, dann sachgemäß, seiner Tänzerin das rechte Bein zwischen die Schenkel drückend, so daß er die ganze Gestalt an sich preßte, und dazwischen trank er, sah auch Montfort tanzen, langsam wurden die Dinge dunstig und zerstückt, sein Gesichtskreis verengte sich, er sah nur noch Allernächstes, er wußte nicht mehr, was er tat. Plötzlich klopfte jemand ihn auf die Schulter, Montfort, der leise sagte: »Nun muß ich in die Unionbar, gehen wir.«
Er folgte willenlos, fand sich gleich darauf an Montforts Arm in der Nachtkälte, merkte, daß er zusammenfiel, raffte sich auf und ging aufrecht seines Weges zwischen Bogner und dem Andern, wobei er unausgesetzt schwatzte, ohne zu wissen was; nur daß er im Gehen doch hin und wieder dem einen oder dem andern seiner Begleiter näher kam, merkte er. Da blieb er stehn und sagte mit großem Ernst zu Josef -- während ihm gleichzeitig einfiel, daß er Dostojewskis >Jüngling< nicht mehr bei sich hatte --: »Fräulein Ring sprach mit mir von Ihnen.«
»Kommen Sie nur, das weiß ich ja alles!« meinte Montfort begütigend, indem er ihn weiterzog. Jetzt nur nicht wütend werden! ermahnte sich Georg, das wäre ein Beweis deiner Betrunkenheit. -- --
Aber von nun ab war ihm nichts mehr bewußt, als daß er nach einer langen Zeit Küsse fühlte, lange Küsse und von einer so alles durchschmelzenden, verzehrenden Süße, daß er dachte, er träume. Die Augen aufreißend, sah er ein weibliches Gesicht nahe vor dem seinen, das ihm wiederum so zauberhaft schön, so über alle Begriffe wunderbar erschien, daß er überzeugt war, er träume, doch spürte er nun deutlich ihren Mund, der sich in den seinen einwühlte, die Zähne, ihren Atem; er schmolz in Zärtlichkeit, er weinte fast und murmelte dumpf: »Liebst du mich denn so?« Er hörte eine verdunkelte, vor Zärtlichkeit erstickende Stimme antworten: »Ja! Ja!« und: »Hast du es nicht gleich gemerkt, wie wir uns ansahn, als du hereinkamst?«
Jetzt wurden die Dinge umher klarer. Das Mädchen saß auf seinem Schoß, hinter ihr war ein winziger Raum, eine Koje, in der eine dunkelrote Schleierlampe hing; darunter war ein Wirrwarr von Sektflaschen, Gläsern, Strohhalmen und plötzlich das Gesicht Maler Bogners wie aus Erz, so völlig unverändert, und nun merkte er den Lärm, merkte, daß hinter seinem Rücken ein ungeheures Geschrei und Getümmel war, Frauenstimmen kreischten, Kerle brüllten, und hinter dieser Wand von Tumult dröhnte ein Klavier. Das Mädchen, das er im Arm hielt, jetzt nicht mehr so schön, aber großäugig, ein schwarzes Samtband um die Stirn, sprang von seinen Knien, ergriff seine rechte Hand, zog ihn in die Höhe und sagte heiß: »Komm, tanzen!« Er gehorchte, drehte sich irgendwo in einem dichten Gedränge heißer Körper und Gesichter, und saß gleich darauf in der wärmsten Enge hinter jenem Tisch auf einem Sofa, Bogner gegenüber, neben dem ein unbekanntes Gesicht war, und neben ihm selber -- ja, das war Montfort. Das Mädchen drängte sich an seiner andern Seite unter seine Achsel, und er hörte es flüstern, daß sie gleich fort müßte, zu andern Gästen, ob er sie morgen treffen wollte, und er sagte zu allem Ja. -- Also am Gänseliesel, sie wohne dort ganz in der Nähe, und um ein Uhr. Ob er auch sicher käme, und sie würde ihm schreiben, wenn sie nicht könne.
»Ja, weißt du denn, wer ich bin?« fragte er, etwas erschreckt.
Sie wußte es nicht, da verschwieg er seinen Namen und sagte, sie solle ihm unter G. T. 17 schreiben, Hauptpostamt, und es nicht vergessen. Er sah, daß sie einen Kellner anhielt, von ihm Papier und Bleistift bekam und sorgfältig aufmalte: G. T. 17 auf zwei Stückchen Papier, von denen er eins in seine Brieftasche steckte.
»Schenk mir was!« bettelte sie plötzlich, »ich hab heut abend noch nichts verdient.«
Er zog Goldstücke hervor, sie ergriff seine Hand, streifte ihren Rock in die Höhe und führte seine Hand mit dem Geld darin zu der Öffnung ihres Strumpfes am Oberschenkel, indem sie ihn zugleich mit dem linken Arm umhalste, brennend anlächelte und küßte. Als er die warme und nackte Haut ihres Beines fühlte, brach er fast zusammen, wurde aber im selben Augenblick zurückgestoßen; sie sprang auf, schüttelte ihren Rock, warf ihm eine Kußhand zu und verschwand im Getümmel.
Nun muß ich mich übergeben, dachte Georg, stand eilig auf, gelangte durch das Tohuwabohu hinaus, tat, was er eben gedacht hatte, war, als er zurückkehrte, wenigstens wieder im Besitz seiner Augen, obwohl sie auch jetzt nur für das Nächstliegende reichten, aber er sah doch beim Hinsetzen, daß die Augen des Fremden sich auf ihn richteten, so daß er sich verbeugte und seinen Namen murmelte, worauf jener -- dunkle, ruhige Augen unter einer zarten Stirn -- ihm leicht erstaunt die Hand reichte, indem er sagte: »Wir kennen uns ja schon.« Georg, verlegen, setzte sich still nieder, da er zudem bemerkt hatte, daß er wohl denken, aber noch nicht sprechen konnte. Nun, da saß also Bogner und zeichnete hinter der Flaschenbarrikade auf das Tischtuch. In seinen rechten Arm hatte sich ein blondes Mädchen gehakt, das neben ihm saß und seiner Beschäftigung so andächtig zuschaute, daß ihr hin und wieder die Augen zusanken und ihr Kopf langsam vornüber fiel. Der Maler sah dann nachsichtig auf sie hinunter, und sie warf den Kopf mit einem Ruck empor, riß die Augen auf, lachte schläfrig, ergriff ein Glas und sagte: »Mönchmeyer!« und dann: »Prosit« und trank.
Georg begann das Gespräch Montforts und des Fremden zu hören, deren Köpfe sich hinter der roten Schleierlampe dicht zueinander gebeugt hatten, denn sie stritten sich heftig, und Georg hörte die Namen Poës, Hoffmanns und Kubins. Eine Weile war das alles noch dumpf und weit entfernt, es kam aber durch Augenblicke näher, endlich und ganz deutlich hörte er Montfort sagen:
»Angenommen also, es sei möglich, die gesamten seelischen und geistigen Eigenschaften zweier Menschen -- meinetwegen in der Form der Auswechselung ihrer Gehirne -- miteinander zu vertauschen, was ist diejenige Folge, die sich für früher oder später mit Notwendigkeit ergeben muß?«
Jucken, dachte Georg, infolge der fremden Körperlichkeit, während der Fremde sagte:
»Zusatz: Jeder von beiden hat, ausgestattet mit den alten Gewohnheiten des Gefühls, der Denkungsart, der Neigungen und ihrer Gegenteile und so weiter und so weiter, diese in einer andern Gestalt, andrer Umgebung -- es ist zu denken an Verwandte, Eltern und Freunde, Gleichstehende nah und fern -- zu verwenden.«
»Die Folge ist -- ich will nicht geradezu sagen: Verbrechen, da die wenigsten Menschen tätlich veranlagt sind, -- aber sie ist: Unheil, sie ist tragisch. Die nächste, die sofortige Folge nämlich, ist: ein Liebesgefühl für die neue Mutter oder Schwester, jedenfalls Fehlen des Verwandtschaftsgefühls, fehlende Zuneigung zu Eltern und Geschwistern.«
Dies heiße die Angelegenheit zu enge begrenzen, meinte der Andre. Er wolle in allgemeinerem Sinne eine günstige Wirkung der Verwandlung beweisen, gesetzt, die Erinnerung an das alte Dasein sei geblieben, nämlich: Befreiung. Befreiung von allem Gewohnten, ein neuer Ausblick in die Umgebung bis zu den Sternen hinauf, daher ein Auftrieb aller Kräfte, eine weisere Benutzung, eine deutlichere Erkenntnis des Seienden, genau so wie jemand, der ein jahrelang von Andern bewohntes Zimmer betrete, die Leute darin auf unzählbare, von ihnen nie bemerkte Dinge aufmerksam machen könne. Hinzu komme ferner das besonders Wichtige: der Einfluß des neuen äußeren Menschen.
»Als Beispiel«, sagte er, »möchte ich folgendes eigene Erlebnis erwähnen: Ich habe in früheren Jahren als Schüler bei Festlichkeiten Theater gespielt, hatte mir, was zu mimen war, ungefähr zurechtgelegt, übrigens auf den Proben keinerlei Befähigung zum Schauspieler gezeigt, und hatte heftiges Lampenfieber. Nun hatte ich einen komischen alten Diener zu geben. Kaum hatte ich nach Herstellung meiner Maske einen Blick in den Spiegel getan und von mir selber, hinter der kahlköpfigen Perücke, den weißen Bartkoteletten, den Runzeln samt der Livree nichts wahrgenommen als die alten Augen, da war jede Spur von Aufregung verschwunden, und ich muß in meine Figur, in meine Rolle dermaßen hineingewachsen sein, daß die ältesten Leute bei meiner Komik, bei der ich mir gar nichts dachte, Tränen gelacht haben sollen, und während --«
»Das beweist gar nichts,« sagte Josef. »Sie wollen mit Ihrem Gleichnis den Verlust der, den Menschen zumeist anhaftenden Scheu und Unsicherheit aufdecken, aber das ist alles Unsinn. Ihre schauspielerischen Erfahrungen stehen in konträrem Gegensatz zu denen aller richtigen Mimen, oder haben Sie schon von einem gehört, dessen Lampenfieber in Lampengenesung umgeschlagen wäre? Und außerdem bestreite ich für mich persönlich jedenfalls energisch das Vorhandensein Ihrer Scheu und Unsicherheit.«
Da es sich nicht um Josef Montfort handle, sagte der Fremde, so fahre er unbeirrt fort: In der neuen Maske oder Gestalt lasse sich alles verstecken, jeder Gedanke, jeder Plan, jede Beklommenheit und jeder Schreck, »deshalb nämlich,« sagte er, »weil ich mir nur einzuprägen brauche, daß der Ausdruck, den meine Umgebung an mir wahrzunehmen glaubt, nicht mir gehört, sondern dem -- Andern, der Maske, und daß niemand den wahren, inneren Vorgang wahrnehmen kann.«
Hiergegen sei eine Menge einzuwenden, erklärte Montfort. »Erstlich Ihr: >Ich brauche mir nur einzuprägen<. -- Gesetzt, Sie könnten das, wozu brauchen Sie denn da die Verwandlung? Dann können Sie es doch auch so wie Sie sind jeden Augenblick fertigbringen. Zweitens --«
Da, sagte der Andre, läge seine ganze Torheit in ihrer beschämenden Nacktheit vor aller Augen. »Sie hätten mir einen Fehler nachweisen können, weil es nämlich Schauspieler giebt, die ohne Maske einen völlig andern Menschen als sie selber darzustellen vermögen --«
»Welch ein unseliger Nonsens!« lamentierte Josef. »Ist denn hier vom Schauspielertalent die Rede?«
»Seit langem,« war die ruhige Antwort, »schon immerzu, Sie haben bloß nicht bemerkt, daß ich Ihnen zeigen wollte, daß eben mit der Maske auch der Schauspieler, auch das >Sicheinprägenkönnen< möglich wird und sich entwickelt. So wie ich bin, verstelle ich mich natürlich auch bis zu einem gewissen Grade, aber --«
»Und nun,« Josef lächelte hinreißend, »nun wollen Sie mir noch nicht zugeben, daß Sie matt sind?«
Der Andre stutzte, überlegte und fragte: »Wieso?«
»Sie sind ein zu guter Mensch, Saint-Georges,« sagte Josef, »ein zu anständiger Mensch. Sie folgern nur auf zunehmende Sicherheit und daraus womöglich auf Kraft, Güte und wer weiß was noch. Sollten Sie nie bedacht haben, daß die Menschheit eine Versammlung von Bestien ist? Natürlich, der einzelne Mensch ist gut, denn Vereinzelung ist Hülflosigkeit und Hülflosigkeit Schwäche und Furcht. Furcht aber ist zu allen Zugeständnissen bereit, zum Verzeihen, zum Zurücknehmen, zum Helfen, zu jeder Art von Güte, die Sie wollen. Hörten Sie nie von der unendlichen Güte sterbender Menschen? Mehrzahl aber macht stark, und Stärke ist geneigt zu Forderungen, zur Unduldsamkeit; weil jeder sich von zehn Andern gedeckt weiß, zur Durchsetzung jeder Neigung wie zum Geschrei. Können Sie leise reden, wenn zehntausend herum sind? Und wie können Sie doch nicht linde genug flüstern, wenn Sie bei Ihrer Geliebten liegen. Sicherheit auf Kosten des moralischen Menschen, da haben wirs. Nicht zum Schauspieler werde ich, sondern zum Heuchler, zum Scharlatan, und ich entwickele die niedrigsten Instinkte, die ich auftreiben kann, denn die guten, ob mit, ob ohne Maske, brauche ich nie zu verheimlichen. Sie sprachen, lassen Sie mich nur weiterreden, Sie sprachen von Freiheit; gewiß, Befreitheit vom Zwang, vom Sichbeobachtet-, Sicherspäht-, Sichertapptfühlen, Befreiung vom Erröten und Erbleichen, von Beschämung und all dem Höflichen, das uns hier den Verkehr miteinander möglich macht. Befreiung aller Triebe, Verlust des Schamgefühls, ha! Warum kann eine Schauspielerin denn eine Dirne mimen, warum gelingt den Schauspielern die Darstellung Jagos, Franz Moors und des andern Mohren so viel besser als die Max Piccolominis? Weil das in der Maske schwindende Schamgefühl -- ja, dazu dient die Maske allerdings -- die, in jedem Menschen wohnenden Gelüste zum Bösen, zum Verneinen, zum Verbrechen begünstigt. Sie, obgleich ein so guter, anständiger Mensch, hat Sie es nie beim Anblick eines Haufens Banknoten durchzuckt: In die Tasche damit und verschwinden! -- nie beim Anblick eines berauschenden Weibes, ha!: Ersticken mit Küssen und -- weg wie der Satan! Hinterdrein dann das kühle Selbstgeständnis: Ich bins nicht gewesen, der diese satanische Eingebung gehabt hat, o weh! Nun aber nehmen Sie die Maske vor, nun ...«
Er atmete auf und legte sich zurück, Georg sah ihn heftig erregt, blitzender Augen und geblähter Nasenflügel, wie er mit der Hand gegen seine Brust pochte, dann eine seiner großen Zigarren aus der Weste zog, die Spitze abbiß und sie entzündete. Saint-Georges machte den Versuch eines letzten Vorstoßes, indem er vorschlug, es doch wirklich, wie Montfort mehrfach betont habe, mit gewissermaßen anständigen Menschen zu tun zu haben. Josef, stracks wieder schwellend von Beredsamkeit, sagte:
»Zum Beispiel Sie und ich, anständige und deshalb, für den Augenblick wenigstens ehrliche Menschen. Bekennen wir demnach: Würden wir -- maskiert -- nicht manches tun und versuchen, zu dem wir es jetzt nicht kommen lassen?«
Hier sah Georg sein Gesicht sich verzerren, als ob er aufschriee wie ein Gekniffener, während er zugleich mit leisestem Geflüster zischte: »Ist es denn nicht das? Wir lassen es ja zu nichts kommen, wir lassen uns ja immer hindern und werden doch nicht besser, sondern nur böser dadurch.«
Georg erschrak in seiner Dumpfheit, das Wort bedenkend, Bogners erschreckendes Wort: Alle sind gut; nur will sich niemand hindern lassen. Also nicht nur jene, die Behinderung abzustreifen wissen, sondern der Behinderte an sich schon wird böse, _weil_ er sich hindern läßt? -- Er hörte wieder Montfort: »Meinen Sie tatsächlich, wir würden besser werden? Wollen Sie wirklich vergessen, welchen Verbrauch von Halb- und Zehntelslügen sogar der Anständigste am Tage hat, vor den Andern, vor sich selbst? Würden wir uns nicht noch leichter über dies und das beruhigen, über jenes hinwegtäuschen, dieses uns vorspiegeln, das ausreden, dort klein beigeben und hier übertreiben? Unser Gutes übertrieben, unser Schlechtes belanglos, das Ferne nah und das Nahe entfernt sehn? Wünsche statt Ausführung, Aussichten für Wege, Träume statt Handlungen und Nichtswürdigkeiten für Taten nehmen? Würden wir uns nicht noch mehr belügen? Nicht, anstatt herauszukommen, noch tiefer in Bequemlichkeit, Lauheit und Gewohnheit versinken, bis wir gänzlich der seelischen Verfettung anheimgefallen sind? Sehen Sie denn nicht, Mensch, im Hintergrunde Ihrer ganzen Spekulation die Unentrinnbarkeit eines teuflischen Quietismus, der sagt: Wozu überhaupt etwas? Ich bins ja doch nicht, der handelt! Und niemals, niemals, Sie Glücklicher, haben Sie sich das selber auch so gesagt, ohne Maske? wie Sie da sitzen, alles einem Gott oder Dämon in die Schuhe geschoben und geklagt: Einer sitzt in mir, der will immer anders!«
Josef Montfort schwieg erschöpft und schaute mit tiefem Trübsinn in sein Whiskyglas. Georg indes hatte sich so weit gesammelt, daß er, wie er glaubte, ziemlich deutlich hervorbrachte:
»Und also würde alles beim alten bleiben, nicht wahr. In Ihrer Maske würde kein Herz Platz haben -- Sie ermahnten mich doch, es mir zu erhalten --, denn wir würden nicht mehr erraten können, nicht wahr, wen von uns unser Freund, unsre Geliebte meint: den, der wir sind, oder den, der wir scheinen. Das aber, nicht wahr,« Georgs Stimme ging unter in Traurigkeit, »wissen wir auch jetzt nicht, und -- nicht wahr -- wir können froh sein, wenn eine gute Geliebte aus unserm Schein und unsrer Wahrheit sich eine Mitte verfertigt, die --«