Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 35

Chapter 353,591 wordsPublic domain

Indem er jetzt langsam seinen Blick von der Tischplatte erhob, ihn über seine Freundin gegenüber streifen und in Georgs Augen, seltsam prüfend, sinken ließ, sah Georg sich mit einem Mal in Annas Zimmer, sah sich auf ihr liegen, -- er sträubte sich, aber es zwang ihn, -- er sah sich, im Dunkel, kalt fiebernd, wie er den Eingang suchte, und er hörte sich zu sich selber murmeln: Ich komme nicht ... Da schüttelte er das gewaltsam ab, sein Blick irrte, schwankte gegen Josefs Augen zurück, er richtete sich im Stuhl auf, rückte an dem Bierglas vor ihm, sah ein unmerklich feines Lächeln Josefs Mundwinkel heben und hörte ihn sagen, während er die linke Hand auf Georgs Arm legte:

»Lassen Sie's gut sein, Prinz. Sie wissen nun alles, nicht wahr? Ich weiß es auch, denn -- viele Deutungen gibt es da ja nicht mehr. Sie sehen also,« fuhr er ernst und ruhig fort, »die Verankerung Ihres Traumes ist so ziemlich aufgedeckt. Ängste und Beschwichtigungen, Entstellungen und Verdeckungen, Sie machen sich zu Bogner, Sie grollen Bogner und Ihrem Vater, Bogner muß suchen, Ihr Vater darf gehen, aber: er hats schuld! -- Nun, damit können wir uns ja wohl zufrieden geben.«

»Ja,« fragte Georg entsetzt, »wollen Sie denn noch mehr herauswürgen?«

»Sie sind ein sonderbarer Genosse, Durchlaucht,« sagte Montfort nach einer Weile kopfschüttelnd. »Da hat man Ihnen an zwei und drei Stellen, wo Sie bislang nichts sahen, ein paar Kleinigkeiten gezeigt. Man hat Ihnen eine Schneeflocke in zehnfacher Vergrößerung gezeigt, Sie haben den Kristall gesehn, und nun -- meinen Sie denn wahrhaftig nun, Sie wüßten, was Schnee ist? Ein gelehrter Mann hat jahrelang unsägliche Mühsal aufgewandt, um hinter das Wesen der Träume zu kommen -- er überließ mir seine Erfahrungen für diesen Abend --, und hat etwas zutage gefördert, fabelhafte Dinge in der Tat, wie Sie bemerkten. Wieviel, meinen Sie, mögen denn das nun sein aus der wirklichen Zahl aller Möglichkeiten? Schon sind Sie überwältigt, Sie ehrlicher Ignorant, und sind gar entsetzt. Was wissen Sie denn nun? Sie wissen, daß Sie Ihre Kindheit nicht vergessen haben. Was beweist das? Daß Sie nichts, überhaupt schlechterdings keine Silbe vergessen haben, -- wenn Sie sich bloß besinnen könnten wie jenes Dienstmädchen. Und was ist denn das: Sie? Hören Sie denn mit Ihrer Kindheit auf? Haben Sie keine Vergangenheit, keine Eltern, Ahnen, Adam und Eva? Haben Sie nicht eben gelernt, daß Sie beinah so leicht und behutsam schlafen wie Ihr alter Hund Wally? Wollen Sie vielleicht noch nicht begreifen --« er bohrte, sich weit überneigend, beide glühende Augen in Georgs Pupillen hinein -- »noch nicht begreifen, daß Sie nichts, schlechterdings nichts aus allen Erdteilen, Völkerschaften, Tieren und Äonen vergessen haben? Daß alles noch in Ihnen ist, was je war? Wollen Sie mir vielleicht auch nicht glauben, daß Sie nicht nur in den paar Augenblicken träumen, an die Sie sich erinnern, sondern daß Sie immer träumen, unaufhörlich, die ganze Nacht, von Abend bis Morgen, immerzu? Und daß Sie Ihr ganzes Leben im Traum noch einmal leben, immer wieder, jede Nacht? Daß Sie Nacht für Nacht, wie der Fliegende Holländer rückwärts mit allen Segeln, Ihr ganzes Leben aufreißen und durcharbeiten, umwogt, wie von der Meerflut, von Milliarden und Milliarden aus ihrem Zusammenhang gesprühter Tropfen, Vermischung zehntausendfach, Entstellung, Verdrehung, Verbildung, Trennung und Einung aus Molchen und Affen, Urwäldern und Städten, Kindern und Greisen, die allesamt aus Unermeßlichkeit in Sie hineingebraust sind wie Karawanen und hunnische Heere, Vandalen und --«

Er brach ab, spöttisch auflachend, dieweil Georg, schon lange die Hände aufstützend, um sich zu erheben, aufstand, um hinauszugehn, sich behängt fühlend, als schwankten die Kleider und selber seine Haut in Fetzen um ihn herum. Betäubt und müde stand er sekundenlang unschlüssig, ohne zu wissen, nach welcher Seite er sich zu wenden habe. Kellner eilten vorbei, drängten an ihm vorüber, Geschirre klirrten, das Gelächter und laute Schwatzen toste sinnverwirrend herum, und Augenblicke lang wars ihm, als habe er das alles noch im Leben nicht gesehn und wisse nicht, was es bedeute.

Da erblickte er im Nebenraum, durch die Glaswand, die Rückenansicht einer stehenden Dame, die dort zu warten schien, und obgleich ihre Haltung -- die Hände tief in einer riesigen Muffe, die Oberarme an den Leib gedrückt -- nicht eigentlich bemerkenswert war, erinnerte sie ihn doch an Cora. Sie bewegte sich jetzt, verschwand, ehe ihr Profil sichtbar wurde, hinter dem Pfeiler und einem Kleiderständer voll gehenkter Mäntel, dann kam ihr Hut zum Vorschein, groß, flach, schwarz, mit grüngefärbten Straußenfedern um den Kopf, und es war Corinna Bogner, die aus der Türöffnung den schwächlich schmachtenden Blick gegen Georg aufhob.

Wiedersehn

Mehr erschreckt als erfreut, ging Georg auf Cora zu und fragte, die Hand ausstreckend: »Wie kommen Sie hierher?«

Sie blickte ihn ohne Erstaunen an, befreite ihre Hand aus der großen grauen Muffe, reichte sie ihm und entgegnete:

»Sie waren ja mächtig in Anspruch genommen, mein Prinz. Wir sind schon seit einer halben Stunde hier, ich und mein Mann, wir saßen dort hinten. Er ist noch einen Augenblick an einen andern Tisch gegangen. Diese Juristen haben immer etwas zu verhandeln.«

»Aber wie kommen Sie ...«

»Was machen Sie denn für böse Augen? Grade als ob ich Ihnen nicht als Corinna erschiene, sondern als Erynna oder wie's heißt. Soll ich Sie meinem Mann vorstellen?«

»Ich bitte sogar darum.«

»Sogar? Das ist gar nicht nötig. Wir sind seit dem Ersten hier. Herbert ist zur Staatsanwaltschaft versetzt. Warum schrieben Sie auch gar nicht mehr? Armer, ahnungsloser Engel! Sie werden morgen bei mir Tee trinken. Da kommt Herbert. Herbert, ich habe eben das Glück gehabt, des Prinzen Durchlaucht zu treffen, -- ich erzählte dir ja ... Prinz Georg Trassenberg -- mein Mann.«

Georg verbeugte sich gegen einen Herrn im Zylinder und Frack unter offenem Mantel, dessen Ähnlichkeit mit dem Maler besonders an den großen Augenhöhlen zu erkennen war, während er einen kleinen, bürstenhaft geschnittenen rötlichen Schnurrbart trug und einen etwas verfinsterten und abwesenden Ausdruck in den Augen hatte, wohl infolge einer kleinen Falte zwischen den Brauenbuckeln. Einen goldenen Kneifer nahm er hastig ab. Georg, dem jetzt der Maler einfiel, sagte:

»Aber ich habe ja eine mächtige Überraschung für Sie, -- das heißt, wenn Sie noch nicht ... aber wohl kaum ... Kennen Sie den Herrn dort?« Er drehte sich zu dem Tisch hinter ihm um, zu Montforts Rücken und der still in sich versunkenen Cornelia drüben im Sofa, dieweil Bogner sich erhob und herantrat und sein Bruder, murmelnd, er sei kurzsichtig, den Kneifer wieder andrückte.

»Herbert! Erkennst du mich?« fragte Bogner ruhig und sonderbar gütig.

Das Gesicht des Bruders verschönte sich errötend in herzlicher Freude. Er sagte: »Benvenuto!« mit so viel Ergriffenheit, daß Georg rot wurde, während Cora zu weinen anfing. Ihr Mann legte seinem Bruder die Hände auf die Schultern und schüttelte ihn. »Also doch!« sagte er. »Nun, ich hatte ja schon von Mama gehört. Und hier im Café, da treffen sich die Menschen wieder. Ja, der arme Papa! Verzeih, Cora, dies ist nun mein großer Bruder. Ja, nun müssen wir noch eine Viertelstunde bleiben. Wir waren in so einer Abfütterung ...«

Georg hörte Cora noch zu Bogner sagen, wie es sie freue, daß er genau aussehe wie sein Bruder, ging, brennenden Auges und rauschender Ohren, durch die Nebenzimmer und durch den engen, gewundenen Treppenschacht zur Toilette hinunter, wo er indessen nicht zur Sammlung kam, denn am Treppenfuß, friedfertig neben der Telephonzelle hockend, begrüßte ihn freudestrahlend Sylvester, der Toilettenmensch, mit seinem ungeheuren, blonden Schnurrbart und seiner kleinen Tabakspfeife. Beim Wasserhahnaufdrehen und Handtuchreichen erzählte er Georg, wie in Primanerzeiten, kleine Stückchen von seinen Kindern, leise sprechend und wie ein Eichhorn immer hin und her, und Georg war wie jedesmal leise verwundert, daß auch diese unterirdischen Menschen Weib und Kinder hätten, sich erinnernd, wie er das erste Mal peinlich hatte denken müssen, ob wohl so ein Kind, in der Schule nach dem Beruf seines Vaters befragt, antworten müsse: Mein Vater ist Toilettenmensch. -- Beschämt wie damals bei diesem Gedanken, suchte er vergebens nach einem netteren Terminus dieses Standes, und kam so, an Gefühlen wenig entwirrt, wieder nach oben.

Da aber konnte er plötzlich nicht vorüber an der Glastür des hintern Ausgangs, und nach einem zaudernden Umblicken im Raum, der vom beizenden Tabaksqualm der um alle Tische sitzenden Kartenspieler erfüllt war, trat er ins Freie unter das Überdach und stand im Garten.

Feucht und sehr kühl atmete die Nachtluft. Durch das nackte Gewipfel hoher Bäume fiel von rechts her der Lichtschein der Bogenlampen; in den Nischen von Buschwerk schimmerte weißlich Gestein, und hier und dort erglänzte die Platte eines der vielen Tische. Georg ging blindlings vor bis an das trockene Wasserbecken, sah das blecherne Mundstück der Fontäne sprachlos aus dem Hügel von Tuffstein hervorgestreckt und hielt sich dran, geistig, zu seiner Sammlung. Von Coras seltsam dürftiger Erscheinung schweifte er ab, eilfertig und im Bogen wie ein Jagdhund bösen Gewissens. Eine Beängstigung fiel auf sein Herz; er sah Renate im Garten stehn, sah das weiße Dreieck ihres Tuches, und langsam, aus der Beklommenheit, dehnte sich angstvolle Freude. Schön muß es werden, dachte er, schön wird es werden! inbrünstig hoffend, und die Vorstellungen: Montfort als Freund, Bogner als Führer, Renate als -- als Geliebte! zogen, undeutlich in den Umrissen, aber verheißungsvoll, segenspendend und mit immer stärkerer Magie durch seinen Geist, so daß er schwoll, erzitterte zugleich und sich üppiger reckte. -- Schon sah er einen Atelierraum, Bogners, Nacht und Lichter, die Rauchschwaden, Josef Montforts gewaltige Silhouette, und er vernahm die ruhige Stimme des unsichtbaren Malers ... Cora, wie war sie verblaßt im Augenblick!

Und nun erschien ihm sein Weg, und er ging ihn, umringt von königlich geleitenden Gestalten -- Montfort, Bogner, Renate --, und vor seinen taumelnden Augen stellten die nächtlichen Umrisse des schwarzen Theaterbaus drüben sich dar als das Ziel, als das Schloß, Behausung seiner Würde, seines -- ah nun, ja nun begann erst das Leben! Arbeit und Feste, Arbeit und Feste ...

Erquickt von der Kühle und dem Dunkel, gesammelt, entschlossen, aufgerichtet, kehrte er zu den Andern zurück.

Viertes Kapitel

Nachtstraßen

Am Tische sprach der Staatsanwalt, einen Ellbogen auf der Schulter seines Bruders, eindringlich in ihn hinein. Cora schien Josef Montfort völlig mit Beschlag belegt zu haben. Dessen Freundin saß einsam auf dem Sofa, aufrecht, und machte muntre Augen, um ihre Teilnahme zu bezeigen.

»Georg, ich bin ganz hin!« erklärte Cora, als er sich niederließ. Zum Umfallen müde wäre sie, sagte sie. Georg sah Josef mit seiner Freundin einen Blick des Einverständnisses tauschen, die Brüder lösten sich voneinander, und alle brachen auf. Cora, die schon fertig angezogen war, ging allein voraus, aber Georg half erst der Cornelia in den Mantel und beeilte sich weiter nicht mit seinem eigenen Mantel und Handschuhn; auch als sie später draußen zusammen standen, hielt er sich abseits. Die Nachtluft war kalt und feucht; Platz und Straßen waren noch immer oder schon wieder schwarz vor Nässe. Georg sah nach den Sternen, aber der Himmel war unsichtbar über den leise schwankenden Bogenlampen. Nach der Bahnfahrt, der Wandrung mit Bogner, nach Josef Montforts ungeheurer Beredsamkeit fühlte er sich nun schwer müde und gähnte heftig.

Mit einem leisen Widerwillen sah Georg jetzt Cora neben Josef Montfort, fegend mit ihren Röcken, über den Platz gehn. Josef, im kurzen, hellen Mäntelchen, hatte den steifen Hut so nach vorn gerückt, daß der Hinterkopf hervortrat; dazu stieß er hinter sich den Stock mit hoch gegen die Hüfte gezogenem Ellenbogen auf, -- eine absichtliche, schofle Lebemannshaltung, wie es schien. -- Das große, hell erleuchtete Zifferblatt der Normaluhr zeigte halb ein Uhr. Abseits von den Brüdern stand die Cornelia Ring, in ihren Scharlachmantel geschlagen, den großen Kragen schön hinterm Kopf, Josef nachblickend. Bei ihrem Anblick erschien Georg Renate; es stach in seiner Brust; dann merkte er, daß der Satz: Auch der Toilettenmensch hat Weib und Kinder ... ihm unablässig wie ein Vers von Morgenstern durch den Kopf zog.

Montfort kam plötzlich eilfertig zurück, rief: »Die gnädige Frau will zu Fuß gehn! Frau Ring, wir bringen Sie alle nach Hause!« drehte wieder um und gesellte sich zu Cora.

Die Brüder folgten, leise sprechend, und Georg schloß sich mit Cornelia hinter ihnen zusammen. Sie gingen eine Weile schweigsam; Georg mußte heftig und heftiger gähnen, während das Mädchen leichten Ganges neben ihm schritt, den Kopf grade und frei auf dem festen Halse. Er lugte von der Seite schläfrig nach ihrem Profil, sah die runde Stirn, das straff zurückgestrichene Haar, die vorgewölbte Oberlippe, den dunklen Blick des Auges und erinnerte sich, auf der Suche nach einem Gesprächsstoff, daß sie die wenigen Worte, die er sie sprechen gehört, mit undeutschem Akzent -- zumal den R-Laut -- betont hatte. Zum Sprechen ansetzend, mußte er wieder gähnen, sie sahs und lächelte, und er sagte, mitlächelnd, hastig:

»Entschuldigen Sie nur, -- ich habe die Bahnfahrt noch in den Gliedern, und dann -- dieser Montfort betäubt einen ja wie -- ich weiß nicht was, -- aber bitte, -- wenn ich fragen darf ... Sie sind keine Deutsche oder --?«

Sie schüttelte den Kopf und lächelte wieder.

»Nur so halb und halb,« meinte sie.

»Polin vielleicht?« schlug Georg vor.

Sie lächelte. »Nein, das ist nun grade falsch, obgleich ich sonst alles Erdenkliche bin. Mein Vater war Deutscher, aber aus Ungarn, und seine Mutter war Ungarin. Meine Mutter aber ist Spanierin; sie lebt noch da, und ich bin dort aufgewachsen. Da lernte ich Deutsch und Spanisch zugleich, aber -- meine Großmutter war wieder Holländerin ...«

»Ei, dann sind Sie ja ganz international!«

»Ja, leider ...«

»Leider?«

»Ja, man fühlt sich doch so heimatlos. Spanien kenne ich kaum, mit vier Jahren kam ich von dort weg. Nun, am meisten gehöre ich wohl doch zu Deutschland ...«

Um ihr gefällig zu sein, murmelte Georg, Herr von Montfort komme einem ja auch so international vor.

»Wieso?« fragte sie halblaut, das Gesicht zu ihm drehend.

»Nun -- ich meine, nicht wahr? -- finden Sie nicht auch: wenn man ihm zuerst in Italien begegnete oder sonstwo -- würde man ihn nicht für einen Italiener halten -- oder Spanier oder -- --?«

Sie sah wieder gradeaus, wo zehn Schritte vor ihnen Bogner und sein Bruder gingen. Er habe wohl recht, meinte sie leise. Nach einer Weile setzte sie verloren hinzu: »Er will ja nun auch fort ...«

Da schien Georg, indem sie eben unter einer Laterne einhergingen, im hellen Licht ihr Auge merkwürdig heiß und glitzernd. Sie zog die Oberlippe in den Mund. -- Was hat sie nur? dachte Georg, während ihr Anblick von vorhin, wie sie auf dem Sofa saß und weinte, ihm wieder gegenwärtig wurde, -- will er ohne sie gehn? -- Die Straße mit fernen Laternen lag wieder dunkel vor ihnen, dahinter der Thielplatz, rötlich leuchtend von Bogenlampen; an der gegenüberliegenden Straßenseite klappten eilige Schritte. Nun ging auch das Mädchen neben ihm schneller, auf einmal in hastiger Rede.

»Oh denken Sie nicht, daß ich das nicht verstehe,« sagte sie, »ich kenne ihn ja! Wer kennt ihn denn sonst? Was soll er auch hier? Sie wissen vielleicht: die Fabrik geht nicht gut ... ach, das durft ich wohl nicht sagen, aber es weiß ja schließlich jeder.«

Also das war da nicht in Ordnung im Garten, dachte Georg, Bogner hat doch recht gesehn. Das Mädchen fuhr fort:

»Nein, können Sie sich vorstellen, wie er im Kontor sitzt und Zahlen schreibt?« Sie neigte lachend den Kopf. »Oh er ist ein glänzender Kaufmann, wenn er will, er kann ja jeden um den Finger wickeln. Er hat auch viel mehr Kenntnisse, als Sie vielleicht denken, er spricht eine Unzahl Sprachen, wir waren einmal in Ägypten, und er sprach mit den Suahelis oder wie sie heißen ... ja, was wollt ich sagen? so -- und alle Instrumente spielt er, und Theater, ja, was wäre der für ein Schauspieler! Er malt auch sehr schön, er hats nun freilich lange schon gelassen, er hälts ja nirgends aus ...«

Da sie schwieg, fragte Georg nach einer Weile behutsam, wohin er denn nun wolle ...

»Ach, wohin?« murmelte sie tonlos. »Nach Sibirien oder Mexiko, was weiß ich?«

Also wollte er sie scheinbar nicht mitnehmen. Ach, dachte Georg erschreckt und mitleidig, da haben wir nun alle gesessen und geredet, und sie hat das Herz voll Gram bis zum Rand. Und ich gehe neben ihr und gähne. Die Menschen sind alle Bestien! --

Cornelia verlangsamte ihre Schritte wieder, da sie den Männern vor ihnen nahe gekommen waren. Ein Automobil kreuzte ihren Weg, innen vollgepfropft mit schreienden Kerlen, und verrauschte brüllend. Sie gingen über den Platz und auf den dunklen Tunnel der Eisenbahnüberführung zu, wo schon Josefs und Coras Schritte schallten.

Sie sprach, als spräche sie mit sich selber:

»Halten kann man ihn ja nicht, er ist das freiwilligste Wesen, -- ich weiß bloß nicht ...« Sie verstummte.

»Was wissen Sie nicht?« fragte Georg behutsam.

Sie weinte. Sie schlug den Mantel auseinander, nahm ihre Handtasche vor, holte ein kleines Taschentuch heraus und trocknete sich hastig die Augen. Danach brachte sie alles wieder in Ordnung, richtete den Kopf auf und schritt aus.

»Ich wollte sagen,« begann sie wieder, »ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Wenn man sein Leben so ganz auf einen Menschen eingerichtet hat ... Oh es geht mir gut, ich hatte immer, was ich mir wünschte, ich kann ja auch überall hin ... Nur ist man heimatlos,« schloß sie leise.

Georg zermarterte sich den Kopf umsonst nach einem Wort. Ein Mensch wie Montfort paßte freilich schlecht in diese windstille Stadt. Lenau fiel ihm ein, der nach Amerika ging, Kürnbergers Amerikamüder, -- aber paßte er nach Amerika?

»Will er nach Amerika vielleicht?« fragte er schließlich.

»Auch -- vielleicht,« sagte sie. »Er haßt Amerika. Was er am meisten haßt, ist Geld.« Sie blieb wieder stehn, wandte sich zu Georg und sah ihn mit offenbarem Flehen an.

»Ach, mir ist etwas eingefallen!« sagte sie, »ich weiß nur nicht ... Es ist vielleicht ganz töricht und -- und unbescheiden, ich dachte nur ... ich weiß von Ihrem Vater, dem Herzog, Josef gab mir immer seine Jahresberichte, die er doch selbst schreibt, nicht wahr, und nun dachte ich --« Innehaltend, blickte sie jämmerlich zu Georg auf.

»Aber gewiß, gewiß, natürlich!« versicherte er froh und überrascht, »das ist ja ein glänzender Gedanke! Mein Vater --«

»Wir müssen weitergehn,« mahnte sie, selber wieder munter ausschreitend, »da kommt schon die Eichstraße, dort wohne ich.«

Georg fuhr fort zu erklären, daß sein Vater immer auf der Suche sei nach tüchtigen und -- gewissermaßen originellen Leuten, die andernorts schwer zu brauchen seien. »Mama sagte einmal, er sei magisch oder magnetisch für solche Menschen, -- nun sehen Sie wohl, sein Magnetismus hat sich sogar durch uns erstreckt! Ich schreibe gleich morgen an ihn, nicht wahr? Er weiß sicher etwas.«

»Ach, ich wäre Ihnen ja so dankbar!« versetzte sie aufatmend. »Wenn er nur hier irgendwo im Lande bleiben kann ... Sie sehen ja, wie er ist, für solche wie ihn giebt es keine Gesetze, nein, sie geben welche, und es ist ja so schön, daß es Menschen giebt wie ihn, wie wäre es sonst langweilig!«

Nun lachte sie wieder, sagte: »Jetzt aber still!« und: »Ich danke Ihnen ein andermal! Da ist mein Haus!«

Georg sah nicht weit von ihnen die Vier beisammenstehn. Im nächsten Augenblick waren sie bei ihnen, Cornelia holte ihr Handtäschchen und den Schlüssel daraus hervor, den Montfort ihr fortnahm, um aufzuschließen. Unterdes gaben Bogner und der Anwalt ihr die Hand, Cora nickte fürstlich; sie sagte, Georg fest die Hand drückend, laut und ruhig:

»Wenn Sie mir schreiben, Durchlaucht: Eichstraße 17 und Fräulein Cornelia Ring. Gute Nacht.«

Josef gab ihr den Schlüssel zurück, sie nickte ihm zu und verschwand, nickte dann noch einmal bittend und lächelnd zu Georg durch die dunkle Scheibe der Haustür, während sie drinnen zuschloß.

»Wir wohnen drei Häuser weiter,« hörte Georg den Anwalt sagen und war sehr damit zufrieden. Auf dem Wege dahin sprach niemand mehr; angelangt, bat der Staatsanwalt seinen Bruder zum Essen für den andern Tag, aber Cora fiel mit müder Stimme ein:

»Gott, Herbert! Morgen ist doch die Herzbruchsche Hochzeit! Dann kommen Sie also -- ja, wir sagen wohl du zueinander, nun, das machen wir alles morgen -- also dann kommst du morgen vormittag zu mir, -- ja, Durchlaucht, dann müssen Sie auch vormittags kommen, Herbert, du kannst dich vielleicht früher freimachen. Nein, kommen Sie nur!« wiederholte sie hartnäckig, da Georg abwehren wollte. »Du entschuldigst, Ben -- was für ein herrlicher Name! --, daß ich den Prinzen schon vor dir eingeladen habe, aber ich kannte ihn ja schon länger als dich --« sie lachte. »Merkwürdig, nicht, wo du doch mein Schwager bist! Aber ich schwärme für Männer und kann nie genug haben, -- das heißt, wenn ich Herbert nicht haben kann, und der hat ja nie Zeit, -- du Armer! Also kommt ihr Beide,« schloß sie achtlos, scheinbar aus Schläfrigkeit die summarische Anrede gebrauchend.

Georg bekam eine lange, schlaffe Hand und keinen Blick. Das Ehepaar entschwand.

Fahrt

Schweigsam schlenderten sie die Straße zurück. Es begann zu regnen. Georg, am Gossenrande, die Hände tief in den Manteltaschen, fühlte die Schläfrigkeit aus seinem Hirn in die Füße und Schultern gewichen, die leise brannten, auch waren ihm am einen Arm der hängende Schirm, unterm andern das dicke Buch lästig, das ständig aus der Achselhöhle nach unten rutschte. -- Das arme Mädchen! dachte er trübe und vergnügt, ihr helfen zu können. Was mochte sie nun eigentlich für ein Wesen sein, daß Montfort mit ihr zusammen lebte, er hier, der, die Hände mit dem Stock auf dem Rücken, sehr groß und aufrecht, den Hut im Genick, neben ihm schritt. Bogner, an der Wand der häßlichen, roten und gelben Häuser hinstreifend, hielt seinen Mantel in den Armen an den Leib gepreßt, blieb aber nun stehn und zog ihn an, während Josef sich umdrehte. Eine Droschke rasselte hinter ihnen heran, und Josef sagte: »Ein Vehikel. Nun wollen wir ins Mulläng rusch fahren.«

Der Maler antwortete nichts hierauf; Georg war unschlüssig. Am Ende konnte er gleich noch ein Wort mit Montfort reden, auch schien seine Gesellschaft ihm gar zu anziehend. Schlafen konnte er ja morgen, so lange er wollte.

Die Droschke kam herangerasselt, der Kutscher zog auf Montforts Wink die Zügel hoch, das Pferd stand schlitternd still. »Mulläng rusch!« sagte Josef, und der Kutscher, den Hut lüftend: »Jawoll, Herr Baron!« Der schien ihn zu kennen.