Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 34

Chapter 343,588 wordsPublic domain

»Erinnern Sie sich noch, Bogner, an die Nacht, wo wir zusammen die Bowle austranken? Da wir eben vom Kinematographen sprachen, so fällt mir ein, daß ich gegen Morgen die sonderbarsten Dinge träumte. Nun hab ich das meiste vergessen, aber das Letzte weiß ich noch. Ich stand in einem Theaterparkett -- nicht wahr -- in der Finsternis unter vielen Menschen, und über mir in dem grellen Lichtstreifen aus dem Projektionsapparat fuhren meine gespreizten Hände hin und her, ungeheuer groß und als wären es hundert. Und vorher, das weiß ich noch, erklärte Papas Sekretär -- ja, nun hab ichs doch vergessen, -- aber dann sagte ich: Ich komme nicht hinein! Ich wußte, glaub ich, im Traum, daß hinter der durchsichtigen Leinwand ein richtiger Festzug war, und daß ich dazu gehörte ...«

Montfort bog sich über den Tisch, sah ihn durchdringend an und sagte, den Traum wollte er ihm auslegen. Ja, er wäre so ein komischer Mensch, hätte Ahnungen und so, -- mit einem Wort: Kassandra! --

»Also bitte!«

Er schloß die Augen, bog sich zurück wie ein Scharlatan, stemmte die Hände gegen die Tischplatte, formte das Gesicht zu einer Art tragischen Maske, öffnete pythisch den Mund, plötzlich auch die Augen und verkündete: Jawohl, Georg käme nicht hinein.

»Sie scheinen nicht zufrieden?« sagte er dann, da Georg unverstehend lächelte. »Dann also weiter. Bitte, erzählen Sie Ihren Traum.«

Er nahm Frithjof, der mit den Gläsern dastand, eines aus der Hand, half die andern über den Tisch verteilen, hieß Frithjof das Kaffeegeschirr seiner Freundin wegräumen, die nichts vor sich behielt als ihre Tulpen, schaffte in jeder Beziehung Ordnung und Raum, -- dieweil Georg gestand, wie schon gesagt, sei dies alles, was er wisse: ein Festzug, und Doktor Birnbaum, nein vielmehr Chalybäus, der ihn am Arme festgehalten habe ... Anna im Glassarge glaubte er unterschlagen zu müssen.

»Schadet nichts,« meinte Josef, »wir müssen uns besinnen. Bitte, hören Sie zu, meine Verehrtesten --« Er sah, den Maler neben sich am Arm fassend, die Cornelia oder Käthe an, oder wie sie nun hieß -- »es wird hochinteressant. Also bitte! Jeder Traum, das ist ein Grundsatz der Deutung, ist mit einem kleinen Haken im vorhergehenden Tage befestigt, -- also besinnen Sie sich bitte einmal! Halt, sehen Sie nicht umher, das lenkt ab, sehen Sie mich an, in meine Augen.«

Georg heftete mit innerlicher Verlegenheit die Augen auf das große, bräunlich bleiche und schwarze Gesicht, dann in die glühenden, kleinen, sonderbar weit voneinander sitzenden Augen, die sich zusammenzogen und wieder ausdehnten, als wollten sie seinen Blick wie mit einer Zange fassen, -- allein nun kam er nicht los von dem gläsernen Sarge, zumal ja diese Erscheinung sichtlich im Abend vorher ihre Wurzelung hatte.

»Es geschah allerlei an dem Tage,« sagte er zögernd.

»Keine Umstände,« befahl Josef, »keine Begrifflichkeiten. Fassen Sie ein Bild und lassen Sie sich getrost weiter und weiter führen, bis ...«

Also half es nichts, er mußte mit dem Sarge herausrücken, nicht ohne peinlich zu argwöhnen, Bogner gegenüber errate sofort, was dies Bild bedeute, und so versuchte er das Gesagte eilig mit etwas andrem zu vertuschen, das ihm einfiel, daß nämlich die Menschen mit Fingern auf ihn deuteten und sagten: Er hats schuld!

»Halt!« gebot Montfort, »da haben wir schon eine Menge. Und vorher also war der Maskenzug?«

»Ja, und nun fällt mir auch ein, daß ich ihn für den Maskenzug im Grünen Heinrich hielt, wenn das von Wichtigkeit --«

»Im Grünen Heinrich?« Josef blickte nachdenklich seine Freundin an. »Da kommt freilich kein gläserner Sarg vor, aber -- Sie erinnern sich wohl --«

Georg unterbrach ihn, um zu sagen, daß er sich erinnere, in jenen Tagen wieder im Grünen Heinrich geblättert zu haben; zudem wurde es ihm klar, daß Bogner ja nach der Windmühle gerannt war, also die Anna gar nicht liegen gesehn hatte.

»Kein gläserner,« fuhr Josef fort, »aber einer mit einer kleinen Glasplatte über dem Gesicht der Toten. Es ist der, in dem die tote Anna ...«

»Anna?« rief Georg erschrocken.

»Ja, was ist?«

»Nun,« versetzte Georg, »Sie kennen Fräulein Chalybäus nur unter dem Namen Magda, aber ich nenne sie Anna, seit unserer Kindheit schon. Und --« fügte er hastig hinzu, jetzt überzeugt, es sagen zu dürfen, »am Abend vor dem Traum hatte ich sie an der Erde liegen sehn. Sie erinnern sich, Bogner, nachdem sie auf den al Manach geschossen hatte, wurde sie ohnmächtig.« Eilfertig, weiterzukommen, in eigenartiger Beklommenheit, gab er Montfort noch ein paar Erklärungen über al Manach und das andre.

»Nun einmal zu Ihrem: Er hats schuld!« fuhr Josef fort. »Worte im Traum, bestimmte, deren man sich erinnert, gehen -- das ist ein andrer Grundsatz der Deutung -- immer auf bestimmte Worte aus dem Leben des Träumenden zurück. Können Sie sich -- --?«

Georg versuchte, sich zu erinnern, doch gelang es ihm nicht; statt dessen sah er, Bogner gegenüber gewahrend, ihn in seinem Helenenruher Zimmer am Tisch sitzen. Es war ein Gewitter -- richtig, er stritt sich mit Bogner, er sah ihn auf einmal seinen Bleistift in der Blechhülse hin und her schieben, und --

»Halloh!« rief Georg aufgeregt, »jetzt habe ich den Anfang! Herr Bogner suchte seinen Bleistift, es war in einer finstern Straße, er fluchte, und ich half ihm, und dann --«

»Nicht so eilig!« unterbrach ihn Josef mit halblauter Stimme aufmerksam. »Wir müssen untersuchen. Erstens die Straße. Was für eine Straße?«

Georg hatte sie nie gesehn.

»Also eine Straße aus Ihrer Kindheit,« sagte Josef.

Georg erschrak seltsam.

»Und es war dunkel?« fuhr Josef fort, »also Nacht?«

»Gewiß, ja, das heißt -- eigentlich, -- so wie es immer in meinen Träumen ist, -- natürlich mit Ausnahmen.«

»Es ist immer dunkel in Ihren Träumen?«

»Ja, wie gesagt -- dämmrig, kein rechtes Licht, -- nicht wahr ... Übrigens auch keine Höhe eigentlich. Über meinem Kopfe ist es aus.«

»Und unten?«

»Unten? Ja -- unten ist es ähnlich. Manchmal ist Boden da, meist aber -- glaub ich -- ist in der Kniegegend so -- alles wie -- verwischt ...«

»Durchlaucht ist ein sonderbarer Mensch,« sagte Montfort zu Bogner gewandt. »Er kehrt des Nachts immer in seinen Mutterleib zurück.«

Georg fuhr heftig zusammen. War das gewiß? Oh es überzeugte ihn, geradeswegs, durch das Gefühl! Es war sehr wundersam und schaurig. -- Mit unsicheren Augen sah er das Mädchen Cornelia etwas von ihm entfernt im Sofa sitzen, tief zurück, und ihr ganzes Gesicht war entstellt von heftigem Nachdenken; sie hielt es gesenkt, die Augen starrten in den Schoß, die Oberlippe, in tiefer Vergeßlichkeit, stand empor wie bei einem Kind, und die runde, kindliche Stirn war in der Mitte gewaltsam zusammengerunzelt. Dann löste aus ihrer Angespanntheit sich langsam der tastende Strahl eines dunklen Blicks, der aber zurückgezogen wurde, bevor er ganz Josef erreichte.

Georg, in undeutbare Empfindungen aufgelöst, hörte nach einer Weile Montfort sagen: »Hören Sie mal zu, ich will Ihnen ein wenig erklären.

»Denken Sie mal an ein schlafendes Tier. Haben Sie je einen Hund schlafen sehn? Gut. Also Sie sitzen im Zimmer, Leute herum am Tisch, im Winkel liegt Ihre dicke Wally und schläft. Auf einmal sagt einer: Pst! seht ihrs? Wally schläft. -- Was tut da Wally?«

»Sie wacht auf,« sagte Georg.

»Richtig! ausgezeichnet! Sehn Sie: so leicht schläft ein Tier. So leicht schlafen die Tiere, weshalb? Weil sie immer auf der Hut, weil sie immer in Angst sind. Der Hase bekanntlich hat sich vor lauter Furchtsamkeit die Lider abgewöhnt. Was beweist das? Mehreres. Erstens: Alles Lebendige, mit Füßen -- zur Flucht -- begabte, lebt in einer unablässigen Unruhe. Uralte Angst ist das, Urwaldsangst. Jeder Mensch ist mit ihr durchtränkt, aus Erinnerung an seine sämtlichen Vorväter und Millionen von gejagten Urwaldsleben, die er hinter sich hat. Eine metaphysische Angst, wenn Sie so wollen, die in Ihrem, in jedem Leben Ausdruck findet in den tausend persönlichen Ängsten des Alltags -- Krankheit, Liebe, Ehrgeiz, Einkommen, Steuer, Examen, Karriere und so weiter. Könnten Sie Ihre Denkfähigkeit unterdrücken, Sie würden finden, daß Sie aus nichts als Angst gemacht -- -- Wie, Herr Bogner?«

»Ich sagte es ihm schon in der Bahn,« sagte der Maler lächelnd. Georg fühlte sich umstrickt.

»Um so besser,« fuhr Josef fort, jetzt mit unterdrückter Stimme, die allmählich zum Flüstern wurde: »Infolgedessen also haben Sie auch Angstträume, das wissen Sie ja selber, und infolge Ihres menschlichen Daseins überhaupt haben Sie noch etwas andres, nämlich Wünsche. Wünsche, teils positiver Art -- zum Beispiel, daß Sie Schillers Werke zu Weihnachten kriegen; teils und meistenteils negativer -- nämlich, daß Sie Schillers Werke nicht kriegen. Fast jeder Wunsch stellt sich, vermutlich kraft jener Grundangst, hundertmal häufiger als in positiver in der Form der Befürchtung dar, und der Traum, den Sie infolgedessen träumen, ist ein Beschwichtigungstraum. Ist Ihnen das klar?«

Georg, sonderbar und sonderbarer mitgerissen, bejahte fröstelnd. Montfort fuhr fort:

»Nun etwas andres. Sie legen sich zum Schlafen, strecken sich aus, möchten schlafen, was ist Ihr letzter Wunsch, ehe der Schlaf kommt? Der Wunsch, einzuschlafen. Wozu also dienen die Träume? Den Schläfer am Erwachen zu hindern. Sie hören etwa den Wecker rasseln, aber der Schlaf erzählt, es ist eine kostbare und sonderliche Fontäne, die auf diese Weise plätschert, und Sie ergötzen sich dran und schlafen weiter. Noch etwas. Ich will es durch ein Erfahrungsbeispiel erklären. Zu mir kommt ein Freund und liest mir ein herrliches Preisgedicht auf den Wein vor. Da er keinen guten Titel weiß, bittet er mich, einen zu erfinden, und ich sage, ohne mich groß zu bedenken, er soll es: der große Weingesang nennen. -- Wie komme ich darauf? Weil die Finkenfänger verschiedene Arten des Finkenschlags mit Namen unterscheiden, und der schönste heißt: der scharfe Weingesang. Ja, nun fragen Sie sich aber, welche Erinnerungskette in mir nötig war, um diesen Zusammenhang zu Tage zu fördern. Halten Sie sich nicht mit Beantwortung dieser Frage auf, sondern übertragen Sie gleich das Beispiel in Ihr Traumleben -- das ja in keiner Weise ein andres ist als das des Tages, ausgenommen seine stumpfe Art Logik -- das heißt: in einen Traumaugenblick sind, wie am Tage hundert von den Dingen, die Sie >Gedanken< nennen, Bilder, nämlich die gesehenen Gedanken zusammengepreßt, vermengt, verdichtet. Zum Beispiel --«

Er schöpfte leicht Atem, zog eine goldene Zigarettendose aus der Weste, legte sie vor Georg hin, nahm eine, Georg willenlos gleichfalls, entzündete beide und sprach leise weiter.

»Zum Beispiel: Ich sage: Busen. Nun natürlich unterdrücken Sie in Damengesellschaft sofort die Vorstellung, die Sie haben -- genau so auch im Traum -- und denken an einen Berg, an einen Meerbusen, an den Golf von Tarent, da liegt er schon vor Ihnen, blau und mit Segeln, und siehe, da kommt auch schon die bewußte Dame mit dem bestimmten Busen, sonderbarerweise nicht in entsprechender Bekleidung, sondern vielmehr in Gesellschaft von Herren und Damen, nämlich ganz wie an jenem Tage, wo Sie den Golf wirklich sahn, -- die sich allesamt am Strande ergehn, bloß Sie selber, Sie haben statt einer Badehose Ihre blauseidene Unterhose an und schämen sich gräßlich, bis Sie entdecken, die andern machen sich gar nichts aus Ihrem Anblick, und die holde Dame ist überdies Ihre Frau Mama. Und nun zum letzten.«

Georg erholte sich, die Cornelia anlächelnd, aus seiner Verwirrtheit. Auch das Mädchen lächelte, so gut sie konnte, aus ihrer Denkangespanntheit heraus. Sie sah nun ganz elend aus. Montfort dagegen blühte durchaus, trank einen schönen Schluck, wischte sich den schwarzen Bart mit einem unbeschreiblich duftenden Tuche und sprach weiter.

»Durchlaucht also sehen im Theater einen Menschen, einen schiffbrüchigen Matrosen, vor einem zusammengerotteten Zuhörerkreis von Schiffern und Frauen seine Abenteuer erzählen. Auf den Gesichtern der Zuhörer spiegelt sich alles, sie machen die lebhaftes-- -- aber was ist das, Prinz?« unterbrach er sich erstaunt, »ich erzähle Ihnen hier die spannendsten Dinge, und Sie stochern mit Ihrem Zigarettenstumpf im Aschbecher und sehen mich nicht einmal an.«

Ehe Georg sich von seiner Verblüfftheit über die unverständliche Rede erholt hatte, brach Montfort in ein leichtes Lachen aus und sagte:

»Sehen Sie, teurer Freund, Sie machen es eben nicht wie die Leute auf der Bühne, die mit Gebärdenspiel den Erzähler begleiten, sondern im Gegenteil, Sie verhalten Ihre Erregung, Ihre Teilnahme, Sie tun dieses und jenes, und vor allem: Sie unterdrücken Ihre Mitgefühle, Sie zweifeln und stecken sich am Höhepunkt des Ganzen eine Zigarette an. Verstanden? Dasselbe tun Sie im Traum, indem Sie sich erinnern, daß Sie, von den Angstträumen abgesehn, die verwunderlichsten und gräßlichsten Vorgänge stets mit dem gleichen, ein wenig töricht steigenden Traumstaunen verfolgen, -- und dasselbe tut Ihr Traum selber mit Ihnen. Befürchtung und Beschwichtigung, Wunsch und Verzicht, Angst und Freude, sämtliche Leidenschaften mit einem Wort, bilden ein einziges Kreuzfeuer, losgelassen aus dem Kerker Ihrer Tageslogik. Es herrscht ein wirres Durcheinander von alten und jungen, peinlichen und süßen Erinnerungen, alle Empfindungen schießen durcheinander, keine hängt an ihrem Ursprung, und keiner folgt ihre Wirkung, sondern der Ursprung der einen scheint mit einer andern verhakt und ebenso die Wirkung. Scheint! hören Sie wohl: scheint! Denn in Wahrheit, oh Freund, in Wahrheit herrscht der allergenaueste und der allertiefste Zusammenhang, in dem ein Ding sich im andern und durch das andre darstellt, und wenn Sie nur lesen könnten die ungeheure, flammende Schrift, die vor Ihren, in die blöde Tagesdämmerung abgewandten Augen durcheinanderwogt, so könnten Sie das Letzte Ihres Lebens und die Leben Ihrer Väter, allen Ursprung, alles Wachstum, Gott und Götter und alle Dämonen, die könnten Sie bei Namen rufen und sich von ihnen dienen lassen wie Alaëddin, -- falls Sie ihren Anblick ertrügen!« Sein nahe zu Georg herangebogenes Gesicht plötzlich erloschen zurückziehend, schloß er leise und verzichtend: »Einstweilen freilich ist alles, was Ihnen und jedem aus hundert- und tausendfältiger Vermischung, Verdrehung, Verschiebung, Zertrennung, Annäherung, Zerspaltung um Zerspaltung, Verdichtung wiederum entsteht, nur -- ein Traum.«

Georg, mit allen Sinnen grenzenlos ausgeliefert, hörte nichts als die flüsternde Stimme nahe unter seinem Gesicht, indem Josef fast den ganzen Körper unter der Tischplatte verschwinden ließ, nur den großen, schwarzen Kopf, wie Mimirs Haupt aus dem Brunnen, gegen Georg emporhebend, -- und so fuhr er fort:

»Ein Mädchen will Nonne werden und darf nicht, sie träumt -- was träumt sie? Die heilige Jungfrau zeigt ihr ein Bett und darin einen Mann, einen Kranken, wie sie sagt, den sie pflegen soll. Wunderliche Verdichtung, nicht wahr, von Liebesverlangen und klösterlicher Keuschheitsbeschwichtigung. -- Nun -- zwei Dinge aber sind es, durch die der Traum Ihrer Nächte sich von Ihrem bewußten und unterbewußten Hirn- und Herzensleben am Tage unterscheidet. Er erinnert sich tiefer. Denken Sie an Ihre Kindheit. Sie wissen nichts, und doch -- eine kleine Nachfrage offenbart es Ihnen -- mit welch ungeheurer Leidenschaft müssen Sie damals gelebt haben, damals, wo alles neu war. Wo alles riesenhaft war, blendend oder beschattend, immer neu, erschreckend erst, dann aus Entsetzen sich in unverhoffte Freude um so himmlischer auflösend, nächtliche Erscheinungen Ihrer Eltern an Ihrem Bett, die kamen, um nach Ihrem Schlaf zu sehn, und die Myriaden großer und kleiner Erlebnisse, durch die Sie die unbekannte Welt durchforschten und eroberten. Wollen Sie ernstlich glauben, das konnte jemals verloren gehn? Ein Dienstmädchen wird irrsinnig und fängt an, Seiten und Seiten Hebräisch und Griechisch aus Bibel und Kirchenfürsten aufzusagen, weil sie früher am Schlüsselloch ihres Dienstherrn, des Pfarrers, gehorcht hat. Bilden Sie sich ein, deren Gedächtnis allein habe eine derartige Saugkraft besessen? Nein, mein Freund, Sie geben mir ja recht, Sie kehren allnächtlich aus aller Daseinsangst in den dunklen, warmen, herrlichen Mutterleib zurück, wo Sie in Sicherheit waren, himmlisch in Sicherheit, vor der Welt, die keine Mutter verletzt, und vor sich selbst, vor Ihren eigenen, wüsten, kranken, tollen, giftigen, verruchten, begierigen, süßen, erhabenen, demütigenden, hoffenden Gedanken und Gefühlen.«

Vergebens versuchte Georg, die Lippen zu öffnen und von der Vision zu reden, die ihm schon lange brennend vor Augen stand, seine eigene Kindheitserinnerung, der Paradiesvogel und alles übrige, was er seinerzeit Benno geschrieben hatte, und über das er noch bedeutendere Aufschlüsse zu erhalten brannte, allein es war unmöglich, in diesen Geröllsturz von Worten einen Keil hineinzuschlagen.

»Und das andre Ding,« sagte Josef, »von dem Ihr Traum alles weiß und auch -- wie Sie vielleicht gleich sehen werden -- alles verrät, ist -- Ihr Leib, Ihr Blut, Ihr Geschlecht.«

Bei Gott, dachte Georg, bei Gott!

»Alle Träume, die nicht Angst sind, sind Beschwichtigung. Alle Träume sind irgendwie geschlechtlich, wenn Sie das recht verstehen wollen, daß ich sage, der Geschlechtstrieb sei der einzig einige Trieb allen und allen Daseins auf Erden, -- ungenau ausgedrückt, doch das würde uns zu weit führen. Demnach -- wenn Sie sich etwa vor Enthüllungen fürchten, so wollen wir es mit dieser Probe meiner Traumdeutung bewenden --«

Georg fuhr hastig verneinend auf. Dieser Magier, dachte er, dieser Magier! Montfort hatte sich unterweil, wie Georg nun sah, ein neues Glas Pilsener kommen lassen, prostete Georg freundlich zu und trank mit Behagen die goldene Flüssigkeit unter der dreifingerbreiten weißen Schaumschicht fort, wischte sich danach sorgfältig mit seinem duftenden Tuche den Bart und fuhr, die gelbe Seide in den Händen zusammenbauschend, fort.

»Also dieser Maler hier suchte seinen Bleistift. Ja, nun sagen Sie mal ... waren Sie denn so wütend auf ihn?«

»Wütend? Im Gegenteil!« Georg, in Verlegenheit, da er den Maler lächeln sah, wehrte sich heftig. »Im Gegenteil, ich hatte ihn an dem Tage kennen gelernt, er machte einen außerordentlichen Eindruck auf mich, ich empfand die größte Vereh--«

Er stockte, da der Maler, die Unterarme auf den Tisch legend, sich zu ihm hinüberbeugte und leise sagte:

»Ach wo! Ich erinnere mich, daß Sie höchst aufgebracht gegen mich waren, weil ich Ihnen nicht meine Gedanken verraten wollte, als --«

»Genug, genug!« unterbrach Montfort leutselig, während Georg errötend alles zugeben mußte, »ich weiß nun alles. Sie hatten sich über den Maler geärgert, also mußte er sich im Traum ärgern, indem er suchte und fluchte und --«

»Aber ich selber hab ihm doch geholfen!« schrie Georg.

»Natürlich, das wars ja, was ich Ihnen auseinandersetzte. Sie empfanden gleichzeitig Ehrfurcht -- als ob das nicht auch Furcht wäre, und ist Furcht keine Feindschaft? --, also beschwichtigten Sie Ihre unanständigen Gefühle, indem Sie ihm halfen. Wie gings denn weiter? Vermutlich verschwand der Maler alsbald, und Sie suchten allein.«

»Bei Gott!« versetzte Georg mißtrauisch, »genau so wars.«

»Mit andern Worten,« erklärte Josef ruhig und wieder gradesitzend, »Sie setzten sich selber an die Stelle Herrn Bogners, Sie hatten ihn ja unter Tage exemplarisch gefunden, ehrfurchtgebietend, nachahmenswert.«

Georg war sprachlos, denn er entsann sich augenblicks deutlich, daß er einmal an jenem Tage gewünscht habe, wortkarg zu werden wie Bogner. -- Da er nun Montfort wie von fern nach dem Weitergange des Traums fragen hörte, so erschien ihm jetzt sein Vater, wie er in einem Theaterparkett ohne Sitze herumging und Händedrücke austeilte. Als er Josef das sagte, verwunderte der sich: sein Vater könne doch nicht gehn, -- unterbrach sich jedoch selber flugs, schlug mit der flachen Hand gegen die Stirn und rief:

»Aber natürlich! Sagen Sie doch: haben Sie nie gewünscht, daß Ihr Vater gehend sein möchte?«

Georg, in einem kalten Schrecken, bejahte stammelnd und sagte, er wünsche ja nichts als das, wenn er seinen Vater nur sehe, ja, er glaube, auch schon mehr als einmal ihn in seinen Träumen gehend gemacht zu haben ...

Ihm war, als sei seine Seele mit hundert feinen Haaren besetzt, an denen unaufhörlich gerissen würde. Montfort, ganz gleichmütig, fragte nach dem Fortgang des Traums. Georg besann sich und meinte, dann sei wohl der Festzug erschienen, erst als Film, fiel ihm ein, »und das war natürlich,« sagte er, »denn wir hatten irgendwann am Tage -- Sie erinnern sich, Bogner -- verschiedentlich vom Kinematographen gesprochen. Und dann erschien Onkel Salomon, -- ich meine,« verbesserte er sich, »Papas Sekretär, Anna Chalybäus und ich nennen ihn Onkel --«

»Also wieder eine Kindheitsfigur,« bemerkte Josef.

»Ja, und nun fällt mir ein, daß er mich ins Theater hineinwinkte mit Bogners Bleistift, und dann, als ich zum Festzug wollte, hielt er mich am Arm fest und --«

»Der getreue Eckhart,« murmelte Josef.

»-- ich schrie dann, er solle mich loslassen, und: Ich komme nicht hinein, schrie ich und riß mich los, und dann -- war da ein Menschengewühl, ich war angstvoll auf einmal, und nun sah ich Anna in ihrem Glassarge --«

»Und die Leute sagten: er hats schuld ...«, schloß Josef.

»Ja, aber -- das bezog sich, glaub ich, nicht auf sie«, sagte Georg widerstrebend, da er wirklich in jenem Traumaugenblick keine Angst oder ein Schuldgefühl zu finden glaubte.

»Ja,« meinte Josef zögernd, »dann hilft es nichts, dann müssen Sie sich zu erinnern versuchen, wann im Leben Sie einmal diese Worte gehört haben.«

»Ich weiß es schon,« versetzte Georg, ganz kalt, nur ungeduldig, vorwärts zu kommen, »es war im Abiturientenexamen. Ich fiel durch in Mathematik, und als der Professor von mir abließ, murmelte ich ganz dumm und geärgert: Er hats schuld! Ich meinte: weil er so dumm gefragt hätte ...«

»Haben Sie denn vielleicht«, fragte Josef, »an jenem Tage vor Ihrem Traum mit jemandem über Ihr Examen gesprochen?«

»Freilich. Anna erzählte ich ausführlich davon, aber auch mein Vater erwähnte den Durchfall.«

Montfort, der ihn schon bei der Erwähnung Annas hatte unterbrechen wollen, sagte jetzt wißbegierig:

»So. Ihr Vater. Bitte, wie stehen Sie wohl mit ihm?«

»Er ist mein bester Freund,« versetzte Georg stolz.

»So. Aber an jenem Tage, oder -- sagen wir nur -- bei jener Unterredung --«

Georg erklärte auf Montforts fragenden Blick, es habe eine lange Unterredung über seine Zukunft und vieles andre stattgefunden, worauf Josef gelassen fortfuhr:

»Ja, dann waren Sie also von ähnlichen Empfindungen wie gegen Bogner auch gegen Ihren Papa erfüllt: nämlich Freundschaft, Ehrfurcht, aber auch Gefühl der freundschaftlichen Überlegenheit, Verwirrung vielleicht -- -- ja, ich rate ...«

Georg nickte nur, schwer atmend.

»Und mit: er hats schuld!« ergänzte Josef, »waren im Traum also nicht Sie gemeint, sondern Ihr Vater.«

Georg sah vor seinen Augen den Raum voller Tabaksqualm, Lampen und sitzender, schreiender Menschen verschwimmen. Das Mädchen Cornelia hing mit einem sonderlichen Ausdruck von Grauen und Zärtlichkeit an Josefs Antlitz, der vor sich niedersah, und jetzt schlugen in Georgs Verwirrung, aus seinem eigenen Innern tönend, die Traumworte: ich komme nicht hinein ... mehrere Male. Während er noch bedachte, daß er sie während des väterlichen Gespräches empfunden haben müsse, widerstrebenden Gefühls gegen die unbekannten Lebensgewalten, denen er durch seinen Vater plötzlich ausgesetzt wurde, hörte er jetzt Josef, immer gesenkten Auges, diese selben Worte sagen und weiter, sich aufraffend zum Zuhören:

»Diese Worte wären also das einzige, was noch bleibt.«