Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 31

Chapter 313,749 wordsPublic domain

»Bennos Vater. Dabei ist er ein Gelehrter und ziemlich gebildet, nicht wahr? Im ganzen, scheint mir, ist er nur auf lärmigere Weise Tyrann als Ihr vorbildliches Oberhaupt. Und zudem, scheint mir, hatte Ihr Oberhaupt mehr Ehrfurcht vor seiner Frau, vor der Mutter seiner Kinder und dem Vorstand des Hauswesens, wie er andrerseits ihr Eheherr war, wie es hieß, dem sie Gehorsam schuldete, wie zuvor ihrem Vater. Es war jedenfalls ziemlich beschränkt.«

»Ach, Ulle, und so kalt kommt es mir vor!« klagte die Mutter ängstlich und schaudernd. »Diese gräßlichen Mühlsteinkragen! Warum heirateten sie denn überhaupt?«

»Es war nicht kalt, Mutter, nicht kälter als heute, im Gegenteil, denn es herrschte eben die Gemeinsamkeit, von der wir sprachen. Es war eine Gemeinde, es gab Zucht und Gottesfurcht. Heute heiraten die Menschen, weil sie sich einbilden, sie hätten sich lieb, und weil es gerade so paßt, diesmal, denn jeder hat schon früher diesen oder diese liebgehabt, und da paßte es nicht und wurde nichts daraus, und das ist eben das Zufällige. Nachher sitzen sie dann wie eine Lerche und eine Krähe auf derselben Stange.« Errötend, als habe sie in irgendeinem Betracht zu deutlich gesprochen, fuhr sie eilfertig fort: »Vielleicht liegt es an der Religion, die heute auch fehlt, und die damals alles war, Weltanschauung und --«

»Ach, Ulle, die Religion! Und dein Papa war solch ein frommer --«

»Liebste Mama, du gehst alle vierzehn Tage einmal zur Messe, Ostern zum Abendmahl und zur Beichte, und du bist noch katholisch obendrein. Früher war die Religion das goldne Seil, an dem jeder Tag ablief, nichts geschah ohne Gebet vorher, das Kleinste und das Größte war von Gott abhängig, -- ist das kein Unterschied?«

Georg sagte: »Um es ganz einfach darzustellen: Adel -- nicht wahr? -- heiratete Adel und Handwerk Handwerk. Ferner hatte der Mann die Kenntnisse, war der Ernährer und galt deshalb als überlegen. Ferner wußte die Frau, die vom selben Stande war, was dazu nötig war, um seinen Beruf zu verstehn, während eine Kaufmannstochter, die einen Gelehrten heiratet, nur aus großer Liebe ein blindes Verständnis schöpfen kann. Ferner hatte auch sie ihre Überlegenheit, im Hauswesen, in der Erziehung der Kinder. So waren sie in allen gemeinsamen Angelegenheiten -- nicht wahr? -- einander gleich; wenn er überragte, so tat ers für sich allein, außer dem Hause gleichsam.«

Frau Tregiorni bestritt alles, denn alles sei heute genau so! Wenn sie an ihre Ehe denke, du lieber Gott! -- und Georg pries sie glücklich.

»Ja, und warum brüllt er denn so?« erkundigte sie sich zaghaft nach Bennos Vater.

»Das fragen wir uns ja auch, gnädigste Frau. Nun, Ursachen gab es natürlich. Schlechte Schulzeugnisse, Bennos ewige Verträumtheit und Vergeßlichkeit, dann vor allem das Essen, nicht wahr? und die Krankheit seiner Frau, -- ja, nun ist sie ja tot.«

»Ist sie tot? Nein, so was lebt nicht!« beteuerte die alte Dame unschuldig, während Ulrika: »Ach! also doch!« sagte.

»Vor acht Tagen bekam ich die Anzeige,« sagte Georg. »Mich wundert, was der Alte nun sagen wird; bisher war er überzeugt, daß sie nur so tat. Sehen Sie: Bennos Vater stammte aus nicht bessern Verhältnissen als sie, hatte aber studiert, war ein Gelehrter und vermutlich der Stolz der Familie gewesen, der es später dann zu nichts Rechtem brachte. Sie war, soviel ich weiß, seine _filia hospitalis_ gewesen, in die er sich verliebte, nicht wahr? Nun dazu der gute Benno, dies Kuckucksei, mit seinem Komponieren. Keiner konnte ihn begreifen, keiner konnte ja vom andern begreifen, was er war, noch die Gegend schätzen, aus der er kam. So fehlte die Zuneigung.«

Das verstehe sie nicht, erklärte Frau Tregiorni.

»Die pflichtmäßige Zuneigung, gnädige Frau. Ehen wurden früher geschlossen, weil eine Familie zu gründen war. Es mußte alles stimmen, Stand, beiderseitiges Vermögen, nicht wahr? und es heiratete nicht ohne weiteres ein Mann ein Mädchen, sondern Familie in Familie, Anhang in Anhang. Es konnte nicht vorkommen, daß der Mann die Verwandten seiner Frau mißachtete, oder umgekehrt, und es schien jegliche Grundlage des Glücks ausgeschlossen bei einer Ehe, die mit der geringsten Gegensätzlichkeit begann, irgendwelcher Feindschaft womöglich, gar nicht zu reden von väterlichem Fluch.« Mit dem Gedanken an Cora und ihren Mann sprach er weiter: »Es mußte ein Akkord sein, nicht wahr, von vielfältig abgestimmten Noten. Und dann eben, mit dem Augenblick des Eheschlusses, begann das Eingeborene zu wirken, nämlich diese pflichtmäßige Zuneigung der Gatten; des Mannes zur Mutter der kommenden Kinder, der Frau zum Eheherrn, auf den sie sich verließ. Pflichtmäßige Zuneigung, die sich ein Leben lang durchhalten ließ -- vermöge natürlich der des Herzens -- und die sich spontan auf die Kinder übertrug als Ehrfurcht, vor dem väterlichen Vorbilde, dem elterlichen Beispiel -- nicht wahr -- eines Wandels in Einmütigkeit; Zuneigung um des Bundes willen.«

Ulrika warf den Kopf auf, erklärte, er habe gut gesprochen, und es beweise gar nichts. »Benno Prager muß da unter den Seinen in der Verbannung von sich selber leben, und früher wurden die jüngeren Söhne aus dem Hause gejagt, wenn sie nicht freiwillig gingen, und konnten mit dem Schwert ihr Brot verdienen --«

»Beim Adel, gewiß, und es hatte wirtschaftliche Ursachen, und es schadete auch gar nichts, und außerdem wären wir ja froh, wenn Benno fortgejagt wäre, anstatt daß er nun in die Bank gehen muß.«

Sie blickte ihn an, lächelte und meinte, er habe freilich recht, sie möchte es nur nicht leiden, wenn von früher und heute geredet würde, als wäre die jetzige Zeit verdorben. »Du wirst unruhig, Mama, wollen wir gehn?«

Die Mutter, die nach der Uhr gesehn hatte, versicherte, es sei hohe Zeit, nur noch zwanzig Minuten bis zur Ankunft. So verabschiedeten sich die Damen, auch Bogner und Georg suchten ihr Abteil auf, wo sie allein waren.

Abteil

Georg, in der tiefen Dämmerung des von oben matt erhellten, dunkelroten Raumes sich in die Ecke neben der Gangtür niederlassend, betrachtete auf dem gesenkten Gesicht des Malers, der unter der Lampe stand, die Schattenschluchten und Lichtflächen, während er seine Pfeife aus dem Gummibeutel nachdenksam stopfte und in Brand setzte, worauf er eine Fensterecke Georg gegenüber einnahm. Der blasse Egon, sein kleiner Diener, erschien, in Zivil mit seinem schwarzen Haartuff in der Stirn wie ein Sekundaner aussehend, um höflich den Maler zu fragen, ob er am Bahnhof irgend etwas befehle, doch befahl er nichts, saß und rauchte und sog mit einem wunderlichen Ausdruck des Behagens am Kinn. Nach einer Weile blickte er Georg ernsthaft an, und schließlich sagte er etwas, zu Georgs Staunen ganz aus eigenem Antrieb; er sagte:

»Ein schönes Mädchen!«

Und:

»Ein kluges Mädchen.«

»Sie ist verheiratet,« sagte Georg.

»Keine Spur,« sagte Bogner, »das sieht man doch.«

»Mit einem Marineoffizier,« trumpfte Georg auf.

Woher er das wisse.

»Sie hatte vergoldete Ankerknöpfe in den Ärmelaufschlägen.«

Da freute sich der Maler und meinte, er möchte Georgs Augen haben.

»Nun sagen Sie mir eins,« platzte Georg unvermutet heraus, »können Sie mir das sagen: wann fühlen die Menschen eigentlich? Da haben wir unendlich tiefe Dinge geredet. Wir haben gedacht, nicht wahr. Sie hat gedacht, ich habe gedacht, Sie haben nichts gesagt, aber Sie haben auch gedacht, wir denken alle. Fortwährend denken wir. Den ganzen Tag ist der Mensch beschäftigt, im Beruf oder mit Zeitunglesen und so. Wann fühlen die Menschen? Vielleicht im Theater? Da kritisieren sie. Im Konzert? beim Spazierengehn? vor dem Einschlafen? Ich glaube, sie kritisieren auch da noch. Am Ende fühlen sie nur, wenn sie in Büchern von den Gefühlen andrer Menschen lesen. Oder tun sie's, wenn sie unglücklich sind?«

Der Maler zog seinen kleinen Bleistift aus der Westentasche und rührte damit in seiner Pfeife wie in einem Milchtopf; dann ließ er etwas Asche in den Aschenbecher fließen.

»Ich weiß es nicht,« bekannte er schließlich.

»Sie wissen gar nichts!« rief Georg strahlend, »Bogner, Sie sind ein unbewußter Mensch! Ich möchte das auch können!«

Der Maler schob die Hand in die breite Lederschlinge, die neben ihm hing, und lachte freundlich mit. Georg holte Coras Briefe wieder hervor, um dem Maler eine Stelle zu zeigen. Als er sie gefunden hatte und aufsah, begegnete er Bogners Blick, der aus den großen Augenhöhlen -- wie äffisch und vergrämt sie auf einmal aussahen -- unbestimmt auf ihn gerichtet schien, so daß er zögerte, etwas zu sagen. Bogner sah wieder fort und zum Fenster hinaus in das Dunkel. Sein Gesicht wurde immer schwerer und ernster, während Georg das Getöse des Zuges plötzlich wieder wahrnahm, das gleichmäßig wiegende Stoßen und Schnaufen. Auf einmal hörte er den Maler sagen:

»Ich bewundere Sie, Georg! Sie haben eine so unerhörte Munterkeit und Willigkeit der Jugend, eine so wunderbare Teilnahme für jeden Menschen, daß Sie sofort bereit sind, sich in jede Unterhaltung über jeden Gegenstand zu werfen, nur um mit dem Andern ins Gemenge zu geraten. Ich kann da gar nicht mitkommen. Sie denken so rapid. Sie sind eine Stromschnelle.«

Er sah ihn an und lächelte kostbar. Georg sagte: »Da hab ichs!«

»Wie machen Sie das eigentlich?« fuhr der Maler ganz ernst fort. »Ich glaube, Sie lesen in drei oder fünf Büchern von russischen Menschen, und schon haben Sie >den< Russen im Glashafen und lassen ihn steigen und sinken wie ein kartesianisches Männchen. Und --«

»Hab ichs denn falsch gemacht?« unterbrach ihn Georg, nicht durchaus geschmeichelt.

»Und es scheint ganz unwiderleglich, wollte ich sagen. Ich kann da gar nichts bestreiten. Wer kann all das wissen?«

Wieder verstummend, blickte er zum Fenster hinaus, fing aber nach einer Weile abermals an:

»Ja, eins fiel mir noch ein, -- während Sie da über die zufällige Familie redeten. Ich sagte Ihnen ja, daß meiner Meinung nach wir Menschen nicht denken, sondern wünschen oder befürchten. Und nun nehmen Sie einmal an, da ist ein Mensch, der immerfort üble Dinge denkt -- nur denkt, wie Sie es meinen --, also sagen wir: diebisch oder lüstern; irgendwie Boshaftes. Werden diese Gedanken sich niemals und in nichts äußern? Sich nie zu einer Handlung kristallisieren, oder jedenfalls einen Niederschlag finden in seinem Gehaben, seinem Verhalten gegen Andre? Oder stellen Sie sich einen guten Mann vor, einen, der nur Rechtliches denkt und Gütiges. Sollte daraus niemals eine gute Tat, die dann fortwirkt, sollte kein schönes und edles Gebahren daraus hervorgehn?«

»Das scheint mir so zu sein,« sagte Georg, sich vorbeugend, um ihn besser verstehen zu können.

»Ja, und nun der Russe. Vielleicht ist er weniger zivilisiert, läßt sich eher -- unter der Brücke des Gedankens gleichsam -- vom Gefühl zur Handlung hinreißen, -- mag alles sein, aber ...«

Er schwieg.

Georg saß lange Zeit in Gedanken verwickelt, die zu unbestimmt waren, um sich fassen zu lassen. Da hörte er wieder die Stimme Bogners und fand sich ernsthaft angesehn, während der Maler sagte:

»Und Sie, Prinz, Sie denken viel ...«

»Ja, gewiß ...« sagte Georg zögernd. »Ja -- und --?«

»Ja, und gesetzt, Sie dächten wirklich nur, immer so, wie Sie's meinten --«

»Ich meine,« fiel Georg ein, »wenn ich ein Mensch mit lebhafter Phantasie bin und mit beweglichen Gedanken, so muß ich eben hundert Dinge denken, einfach assoziativ, nicht wahr? weil ein Gedankenbild das andre hervorruft, ohne jedoch mich ernstlich zu beschäftigen, mein Wesen zu berühren.«

»Ja, jawohl. Ich meinte eben auch nur das Denken, das viele Denken. Jener Übeldenkende, von dem wir sprachen, unterläßt das Gute vielleicht. Und wer viel denkt, was unterläßt vielleicht der?«

Georg, die Antwort »das Handeln« nur mit den Augen sagend, wollte eifrig widersprechen mit der Behauptung, daß eben die Gedankenarbeit die Vorbereitung und Schule des Handelns sein müsse, allein Bogner ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Und jetzt,« sagte er, »sehen Sie wohl, jetzt denken Sie nicht, was ich gesagt habe, sondern nur, wie Sie mich widerlegen können, und daß Sie mich widerlegen müssen. Denken Sie also ohne Wunsch noch Befürchtung? Denken Sie, sagen wir, ungefärbt? in Reinkontur?« Er lachte leicht vor sich hin. »Aber lassen wirs doch, es ist ja wunderschön. Da kommt so ein schönes Mädchen, und, gleichviel wo's ist, im Eisenbahnwaggon, im Kaufladen, im Salon, im Lift, Sie werfen Ihre ganze Seele in die Wagschale, damit das schöne Mädchen die ihre hervorholt und dagegensetzt. Ich möchte das --«

-- auch können, glaubte Georg zu verstehn, doch kreischten in diesem Augenblick die Bremsen, der Zug, laut brausend, fiel in langsamere Fahrt, immer langsamere, und am Ende blieben sie stehn. Der Maler wischte an der beschlagenen Scheibe, sah in die Dämmrung hinaus und sagte: »Warne.« Es war die letzte kleine Station.

Georg, seine Briefe vom Sitz neben sich aufnehmend, hörte den Maler in die Stille hinein plötzlich mit beinahe dröhnender Stimme sagen: »Der Teufel hole alles mattlila Briefpapier!«

»Ja, warum denn?« fragte Georg erschrocken.

»Ich kanns nicht leiden,« versetzte er. Und über ein kleines wiederholte er: »Ich kanns nicht leiden!«

»Dies Briefpapier,« sagte Georg, »ist von Ihrer Schwägerin Corinna, und da Sie sie nicht kennen, dachte ich, nicht wahr, eine Stelle daraus würde Sie interessieren. Es ist von ihrem Vater die Rede. Nein, sehen Sie mal --« Georgs Blick war auf eine Seite in dem andern Brief gefallen -- »sie hat manchmal eine nicht unwitzige Art, Situationen wiederzugeben. Der Umzug, schreibt sie, war fürchterlich. Jetzt sitze ich zwischen lauter Scherben, mehrere Fensterscheiben, die große Marmorplatte vom Waschtisch, die halbe venezianische Krone, Glaskannen liegen in Trümmern um mich herum. Und ich dazwischen mit dem vernichtenden Blick -- wie in Karthago. Und meine goldene Hutnadel aus Brüssel und der weiße Gürtel mit dem Emailschloß -- weg -- verschwunden! Jetzt wird sich wohl die Braut von meinem Ziehkerl damit schmücken. Ich heule schon beinah.«

Georg reichte nun den Brief, den er Bogner zeigen wollte, ihm hinüber, die Stelle mit dem Finger bezeichnend; er selber las ein wenig im andern.

Ich bin sehr müde, lieber Georg ...

Für jetzt soll Ihnen verziehen sein um Ihres heutigen Briefes willen. >Weil ich Sie brauche.< Dies ist schön.

Ich möchte lieber auf einem weichen Sofa sitzen und mich von jemand streicheln lassen. Lieber Prinz, behalten Sie mich lieb.

Georg war hocherfreut über ihre Geschicklichkeit im Wechsel der Anreden. -- Nun kam die Stelle vom Umzug. Die nun folgende letzte Seite des Briefes war ein Gewirr; von allen vier Rändern nach der Mitte zu und kreuz und quer war der Bogen beschrieben, nebst zwei großen Tintenklecksen. Am obern Rande fing Georg zu seinem Vergnügen noch einmal zu lesen an:

Herrgott, was hab ich da gemacht! Also dies schrieb ich Sonntag vor acht Tagen, als ich mich grad mit Herbert gezankt hatte. Sie sollten es eigentlich nicht haben --

Aha, eigentlich! dachte Georg.

-- ich hatte den Bogen in einem Papierkasten aufgehoben und nun verkehrt herum hervorgeholt. Und auch grad an Sie hab ich darauf schreiben müssen -- also, ich schreibe den ganzen Brief deshalb nicht noch mal ab -- hab auch keine Zeit dazu. Sie kriegen ihn.

Am untern Rande stand:

Ich bin totmüde, heut geht alles verquer. Adieu! Trösten Sie mich bald wieder. Unsre Wohnung ist aber fein. Extra ein Plätzchen, elektrisch beleuchtet, wo Sie vor mir knieen können, wenn Sie einmal kommen. Ihre müde Cora.

Am Rande rechts stand:

Indem fallen mir noch diese Kleckse aufs Papier. Soll es doch nicht sein? _Tant pis_ -- ich tu's doch.

Am Rande links:

Nun finden Sie sich zurecht, wie Sie können.

Georg drehte das Blatt herum und las die von unten nach oben -- Sonntag vor acht Tagen -- geschriebenen Zeilen:

In später, stiller Nacht sitze ich allein und lese Ihre Gedichte noch einmal. Alle. Was ist es, das aus ihnen zu mir spricht? Ist es ein künstliches Hineinsteigern in Gefühle, die in Wirklichkeit nicht da sind? Sind es nur die Sinne? Ist es die wahre Leidenschaft, die echte, große, erträumte? Ich kenne Sie nicht. Kennen Sie mich? Ich bin nicht immer leicht.

Dies schrieb ich in der Sonntagsnacht und weiß nicht, ob ich es Ihnen je vor Augen kommen lassen werde. Eben schlägt es zwölf. Denken Sie an mich? >Sehen wir im Traum -- wieder Stern bei Stern ...< Gute Nacht.

Georg, die Briefe samt dem, vom Maler ihm stillschweigend zurückgereichten, zusammennehmend, war plötzlich gerührt. -- Du armes Kind, dachte er, >die echte, große, erträumte Leidenschaft?< Mußt du noch davon träumen? Warum hast du denn geheiratet? >Denken Sie an mich?< Das klang doch so rührend! Und da war es aus, ich bekam es mit der Angst und schrieb keinen Brief weiter. Ja, das bist nun du, Cora. Du lügst nicht, oh, niemals lügst du, und das Sonntag nacht Geschriebene und der unbedacht hervorgeholte Bogen und die Kleckse, das ist alles so gewesen, obwohl man schwören möchte, daß es nicht so war. --

Auf einmal ward ihm heiß. >Ich bin nicht immer leicht.< Bei dieser Stelle ist mir immer heiß geworden, wenn ich sie wieder las, empfand er. >Ich kenne Sie nicht.< Ja, das ist die problematische Stelle, wo die wirkliche Leidenschaft beginnen möchte -- oder die eingebildete aufhören. Als ich Anna das erste Mal küßte, sagte eine unbezweifelbare Stimme in mir -- aber ich überhörte sie! --: Ich kenne dich ja gar nicht! -- So sind wir nun. Große, geträumte Leidenschaft! Jede träumt davon, und alle heiraten. Sei du in Beuglenburg, ich in Altenrepen! Oh nein, für eine wirkliche Leidenschaft warst du doch viel zu amüsant! Amüsante Frauen liebt man nicht, das würde einen um das ganze Vergnügen bringen. Oh, wie muß doch so manche geborene Kokotte im seichten Gewässer der ehelichen Niederungen verkümmern! Ich bin so spitzfindig auf einmal! Damals aber sollte ich Anna vergessen, sie wollte es ja! Bogner mit seinem lila Briefpapier hat wieder einmal alles gewußt. Wenn ich nun zum Beispiel an den letzten Nachmittag denke ... Mein dumpfer Schädel, -- der Verband hitzte und drückte, und dann hatte ich Annas Scheidebrief wieder hervorgeholt, -- mir war so elend! Wir fahren ja wieder, dachte er, sich unterbrechend, da er das langsame Rollen des Zuges hörte und das Vorbeiziehen von Lichtern in der Dämmerung draußen sah. Die Luft war ganz violett, dahinter ferne der Himmel leuchtend grün.

Briefe, dachte er, sollte man um so eher verbrennen, je begieriger man sie las. Der Duft ist hin, und sie später wieder lesen, das ist wie an der Schale von gegessenen Früchten kauen.

Und übrigens weiß ich jetzt, was an dem Nachmittag in ihr vorging, als ich von Anna sprach. Es gelang ihr, das, was sie an Zuneigung für mich besaß, mit Hülfe des Unterschiedes im Alter in Mitleid und Mütterlichkeit umzusetzen. Einen Augenblick erst schien mirs doch, als sei sie hülflos geworden. Ja, nun sehe ich sie viel enttäuschter; damals beherrschte mein eignes Schicksal mich ja ganz, -- als sie aufgestanden war und am Fenster lehnte, im Laternenlicht, das von draußen hereinstrahlte, ganz weiß im Gesicht unter dem riesigen schwarzen Hut. Vielleicht hatte sie doch viel von mir erhofft. Prinz ist man ... Wie mag wohl ihr Mann sein? Von unerschütterlicher Strebsamkeit nannte ihn Bogner. Solche Frauen haben solche Männer. Und einen Augenblick stand sie da, ihre bescheidene kleine Seele in der Hand, das bißchen echter und verkümmerter Sehnsucht.

Und dann auf einmal sah ich sie ganz verschwommen in der Dunkelheit, und sie stand bei mir, ihr Gesicht war nah über mir, der Hutschatten verdeckte das Fenster ganz. Ich nahm ihre Hände ... Warum wohl? Es kam so ...

Und dann küßte sie schonend meine Stirn, ja, und dann war sie hingeschmolzen in Tröstlichkeit und Mitwehmut, und die erlaubten ihr, auf meinen Knieen zu sitzen, und mir, sie zu halten, und ihr Kopf lag an meiner Schulter, ein Umstand, der zur Folge hatte, daß ich sie küßte, und wie wir so dasaßen, war irgend etwas uns gemeinsam.

Und dann kamen die Briefe, und aus irgendwelchem Gefühlskeim stiegen diese Gedichte auf, groß einher wandelnd wie Seifenblasen, Regenbogenkugeln mit Stickstoff gefüllt und deshalb mit so majestätischer Schwere durch die reineren Lüfte segelnd, -- ich weiß alles, dachte Georg geknickt.

O Anna, ich hätte dich nicht vergessen sollen! Was wird nun werden? Ob sie noch länger in Altenrepen bleiben wird? Aber wahrscheinlich geriet ich auch in das Gefühl für sie nur hinein, weil sie da war, und weil ich fühlen mußte. Suchte ich dich? hätte ich lebenslang nach dir suchen und dich finden müssen? Wie hätte ich dich dann vergessen können, jemals? -- Man schwimmt im Dasein, sieht nichts als den kleinen Wasserkreis um sich her und erfaßt, was hineintreibt. Aber da sitzt mir ja Bogner gegenüber ...

»Noch sieben Minuten,« sagte der Maler.

Bald darauf erschienen in der Dämmerung zwischen dunklem Wirrwarr von Gebäuden die wohlbekannten Häuserflächen mit Plakaten von Cakes und von Tinte und der große Arm, dessen Faust einen Radreifen hochhielt. Dann stand auf einmal: Dunlop! groß im Finstern. Georg sah Fabrikessen, von unten beleuchtet, ihr Qualm glühte, Kirchtürme; gegen die andre Seite des Wagens drängte sich plötzlich der große Biergarten unter Bäumen und vielen kleinen Lichtern. Eine Straße erschien, abgelegen, ein Waldrand, ein erleuchteter Straßenbahnwagen, leer und stillestehend.

»Pferdeturm,« sagte der Maler vor sich hin. Gleich darauf: »Hier ist eine Kaserne gebaut.« Darauf: »Hier ist alles anders geworden.«

Georg, um etwas zu sagen, meinte: »Sie waren doch neulich schon hier ...«

Bogner erwiderte, es sei nachts gegen Morgen gewesen. Plötzlich waren sie mitten in der Stadt, auf hohem Bahndamm zwischen den Häusern hindurchgerissen, es rauschte und donnerte, Fensterreihen, hunderte von kleinen Balkonen, das Innere von Zimmern, mit einer Hängelampe, einer Nähmaschine, flogen vorbei. Aus der Tiefe neben Georg fuhr jenes Gewimmel von Kette und Anordnungen roter, grüner und weißer Lämpchen herauf, lampengeschmückte Musikpavillons, eine Militärkapelle, Tisch und das Getümmel beleuchteter Menschen.

»Tivoli, genau wie damals,« sagte der Maler und erhob sich.

Während sie ihre Mäntel überzogen, rauschten die Bremsen, stöhnten, quietschten, und der Zug stand in der leuchtenden Halle.

Zweites Kapitel

Nachtgang

Der Maler ging in seiner leichtlichen Rüstigkeit voran. Georg, in einem sonderlichen Gefühl von Heimkehr, mit der Ungewißheit der Erwartung, ob noch alles wie damals sei und was sich diesmal dahier mit ihm zutragen werde, folgte treppab, durch Menschengedränge, durch den Tunnel, stand eine Weile geduldig mit am Gepäcklager, wo der Maler seinen Zettel abgab, um sich den Koffer schicken zu lassen, und dann standen sie unter dem Überdach vor den Ausgängen. Georg sah das schwarze Reiterdenkmal wieder über Treppen und Blumenbeeten auf dem nassen, schwarzen Platz, hörte die elektrischen Bahnen in den Kurven kreischen, sah sie um die springenden Brunnen biegen, sah die breiten Straßen in der rötlichen Helle der Bogenlampen, hastig durchwimmelt von beschäftigten Menschen, die großen Hotelbauten im Umkreis und die Fluten verschiedenen Lichts aus den Spiegelscheiben der Auslagen im breiten Strom der Bahnhofstraße, alles so unendlich wohlbekannt, für den Hauch eines Augenblickes entfremdet, nun alles schon wieder wie vor einem Jahr, und er dachte dabei: Da bin ich nun in derselben Stadt wie Anna. Wenn sie mir doch gleich entgegenkommen wollte! Die Überraschung würde mich maskieren. Ob ich nicht vielleicht doch, wenn ich sie wiedersehe, mein verlorenes Gefühl wieder finde? Oh Gott, nein, betrügen kann ich sie nicht, und was sollte auch daraus werden?

»Ich möchte zu Fuß gehn,« hörte er Bogner sagen, »meine Eltern wohnen in Waldhausen.«

Georg, unschlüssig was tun, da er ins Hotel immer noch früh genug kam, fragte, ob er durch die Wiesen gehn wolle, und da der Maler nickte, ob er ihn begleiten dürfte, -- die Abendluft ...