Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 30
Georg horchte. Um eine lange Tafel unter umqualmten Lampen saßen Gestalten, Mützen, blaue, auf den Köpfen und blau-weiß-schwarze Bänder um die Brust unterm Rock; am obern Ende stand einer, in schwarzer Pekesche, blauweißschwarzer Schärpe und Cerevis, der mit einem farbigen Schläger auf den Tisch hieb; aber Georg hörte den Knall nicht und hörte das Lied nicht -- obgleich die Melodie --, das aber zweifellos rauh und mit Klavierbegleitung gesungen wurde. Eher vernehmbar schon war die kontormäßige Stille des riesigen Billardsaals, mit dem leis knackenden Aneinanderprallen der Bälle, den grünen, sanften und leuchtenden Rechteckflächen unter tief hängenden, dicht umschatteten Lampen. Daraus entfaltete sich alsbald, wie eine Handvoll Spielkarten gefächert, eine Bilderwand der Schackgalerie, Hafis am Brunnen ... und jene Römerin Feuerbachs mit der unbeschreiblichen Hand, und die kleinen, dämmerigen, klösterlichen Gewölbe mit Schwinds liebevollen, bezaubernden Bildchen. Nun, das war doch eine angenehme, eine fühlbare und eine wertvolle Erinnerung, -- möglicherweise aber war es doch die einzige ihrer Art, das fiel ihm aufs Herz! Nein, siehe da, wie zart, wie unirdisch, diese rosenleichte und sanfte Alpenkette! Er selber freilich war unversehens auf jene brüllende Terrasse voller Menschen im Isartal geraten und ins Gedränge von langen Biertischen mit grauen Maßkrügen und gehäuften Brotkörben, von Münchener Spießern, Studenten und Kellnerinnen, alt und stämmig, -- Pullach hieß es, und war eine Exkneipe in Zivil am Sonntag. Die Alpenkette schwebte unsäglich ferne darüber und lächelte abgewandt. Da kam sie ein wenig näher, da war der Starnberger See, der Herbstpark, an dieser Stelle brachten sie den toten König ans Land, und dort drüben war die Bretterwand vom Wellenbade. Weiter, -- was noch? Nachtstunden, oh schauerliche Nachtstunden! Prostgeschrei, Lieder, Anödereien, Bierjungen und tiefe Betrunkenheit. Endlich die mitternächtigen Heimwege in künstlicher Haltung, wenn durch die halbe Bewußtlosigkeit plötzlich der Riesenschatten der Frauenkirche dunkelte, -- und Schlaf, Schlaf und stumpfes, besinnungsloses Erwachen, halbes Ankleiden, schweißige Stunde auf dem Paukboden ... »Die Faust nach links! Höher! Noch höher! Links heraus! so! links heraus!« Und es prasselte, klirrte und klappte dumpf von zwanzig Stellen des Schuppens, und irgendwo sprang gellend eine Klinge ... Jetzt der erste, eisig kalte Schluck beim Frühschoppen, die Promenade, Musik und auffliegende Taubenschwärme ums mistbesudelte Gesims der Theatinerkirche, und ach nun jene ödesten Stunden der niemals endenden Samstage auf dem Mensurboden -- -- entronnen, oh gottlob endlich entronnen.
Georg schlug zum Abschluß Dostojewskis >Jüngling< auf und las mit den Augen, innerlich unaufhaltsam weiterdenkend: Da bin ich doch auch in Nymphenburg gewesen, das war schön, der letzte Farbentag im November, die langen, schlichten Fronten, die großen, gemauerten Becken und der kleine wilde Teich im Park mit der einsamen bunten Ente. Dann war Cora, dies Wesen ... und Fliddridd, dies -- ja, dies Wesen ...
Und Annas Briefe, ach mein Gott, hätte ich ihr doch nie geantwortet ...
Und der Karneval, eine lichterdurchblitzte Wolke von Staub und Konfettigestöber und Patschuligeruch, durchtobt von rosigen Beinen, nackten Schultern und Rücken, Fräcken, Hemdbrüsten, Riesenhüten und diesen entsetzlichen Pailettenkleidern, ein tanzendes Geheul, immer rundum, rundum um ein großes Himmelbett, in das sich ein ununterbrochener Regen von Gold- und Silberstücken senkt, während im Hintergrunde durchdringend ein uneheliches Kindergeschrei ertönt, -- von wem stammte dies Wort? -- Georg sah auf.
Ah, die Sonne! Der Zug fuhr mitten hinein. Georg sah ein Stück scharfen Goldes der gewaltigen Scheibe, der offene, gläserne Wagen glühte rot übergossen, der Maler gegenüber war farblos, doch sein Hinterhaar schön vergoldet. Wie alles blitzte! und der Zug schien freudiger und ruhmvoller dahinzurauschen.
Einen Augenblick versuchte Georg, im Gedanken an die Vergeudung eines halben Lebensjahres sich großartig vorzukommen. Einen Augenblick überlegte er, ob herzhafte Reue nicht angemessener sei. Aber das ist es nicht wert, dachte er wiederum und ertappte sich über dem Widerspruch, daß er die selbe Sache, auf deren Vergeudung er hatte stolz sein wollen, der Reue nicht für wert hielt. Flugs erschien ihm die Anna; sie stand vor einem Rosenstrauch und hielt ihm den Finger hin, an dem ein Blutstropfen hing, worauf er mit dem Verwischen des Tropfens die ganze Erscheinung auslöschte und bekümmert zu sich sagte: Das wird es sein, ja, daß all dieses, dies Biertrinken, Nichtstun, Tanzen, Fechten und die Herzensschlamperein -- daß ich all das nicht mit Willen unternommen habe, nicht aus Lust, sondern nur, weil ich so hineingeriet, und ebensogut hätte ich es lassen können. Gelegenheit machte es, nicht ich, und darum kann ichs nicht bereun, noch überhaupt richtig empfinden, weil Tat so wertlos ist wie Traum, wenn Willen und Meinung fehlten. Ja, ist es nicht so: wenn ich nachtwandelnd vom Dachesrand stürze -- wäre das Selbstmord? Wenn ich im Traum meinen Schlafgenossen erwürge, -- wäre das Mord? Der Gedanke macht die Tat, -- wie eigen, da doch ebenso gewiß der Gedanke die Tat nicht _ist_! Ja, und nun? Nun kann ich all das nur als geschehen betrachten, und das glaube ich, das ist an allem, was je war, das Häßlichste, wenn man hinterdrein sagen muß: Es kam so ...
Nun also eine andre Stadt, ein andres Leben. Jenes laß ich fallen, und was ich jetzt anfange -- -- ach, du lieber Gott, warum muß man sich denn nur über alles so entsetzlich klar sein! Zumal, setzte er beschwichtigend hinzu, da diese Klarheit immer bloß nachträglich ist, nichts bessert, gar nichts ändert, noch auslöscht, sondern höchstens den schwachen Bodensatz der Erinnerung ... Er verlor das Ende des Gedankens, indem er sich gezwungen fühlte, Maler Bogner zu fragen, ob er Dostojewski kenne.
»Übrigens, wie spät mags sein?« setzte er hinzu.
Während der Maler seine Haltung löste, die Uhr zog und langsam sagte: »Bald acht, -- noch eine Stunde ...«, sah Georg ihn mit einem Male im Billardzimmer in Trassenberg und mußte sich Gewalt antun, das an allen Gesichtsmuskeln zerrende Lachen zurückzuhalten, indem er sich erinnerte, wie dieser Bogner sich mitunter stundenlang mit dem Billard unterhielt. Er hatte keine Ahnung vom Spiel, wußte aber ungefähr, worauf es ankam, und so machte er hier und da einen nachdenklichen Stoß und verbrachte lange Minuten in tiefer Betrachtung darüber, wie das nun wohl zugegangen sei, daß die Bälle sich nicht so gelegt hatten, wie er sich das gedacht hatte. Dies sei fabelhaft fesselnd, hatte er gemeint. -- Georg gelang es endlich, sich von diesem Bilde ab und zu den richtigen des Malers zu wenden, die er in Trassenberg gemalt hatte. Ja, welch ein Glanz im Schweigen, welch eine Riesenanspannung legendenhafter Kräfte, jedoch am Ende geäußert in so schlichter Form, wie wenn am letzten Kraftende eines Katarakts fünf dünne Sägen, langsam und sorgfältig, eine Fichte in Bretter zerlegen. -- Das gelbe, traurige Bild seiner Mutter erschien, so überströmend von ihrem ganzen Lebensleid, eingeschlossen in ungeheure Stille, -- o diese nun ewige, betrübte Vision gelber, verschwiegener Landschaft, in die der Frauenkopf sich hineinhob; verlangend und ergebungsvoll ... Ja, und -- ach ja, Annas Bild, Annas, die er einen Sommertag lang geliebt hatte und ...
Der Maler sagte, ordentlich antwortend wie stets, er habe die Karamasoffs, Raskolnikoff und das Totenhaus gelesen.
Georg blickte insgeheim in diese hellen Augen, die vor kristallisiertem Licht die Farbe entbehren zu können schienen. Und darin wars gewesen, diese tiefe, grüne Wiese, die das ganze Bild zudeckte von oben bis unten wie ein vom Himmel hängender Teppich, und davor das schwebende maihimmelblaue Kleid mit tanzenden, geschweiften Rocksäumen, und die schneeweißen, ausgestreckten Arme, und das flüchtige, vergehende, nach oben fort verlangende Antlitz unter der Last von gelben Rosen, die das Haar unsichtbar machten, -- und im Gesicht die Stille der großen Augen, und elysische Vergessenheit im Blick ... Ich aber -- habe ich diese Anna je gekannt? Geliebt habe ich sie nie, dachte Georg tief seufzend und folgte mit Augen dem Kellner, der die Rulos eines nach dem andern emporschnellen ließ, -- bis auf eines, das durchaus nicht wollte, worauf der Kellner ab von ihm ließ, als wäre es ungezogen. Plötzlich befanden sie sich, der verschwindenden Sonne groß ausgesetzt, in dem offenen Glaskasten mitten in der Landschaft, durch die sie flogen.
Georg warf sich mit Heftigkeit ins Gespräch.
»Er schreibt den geschwindesten Stil in der Welt, nicht wahr?« sagte er.
Der Maler nickte.
»Es ist wie Stromschnellen,« fuhr Georg fort, »beiläufig, haben Sie je eine Stromschnelle gesehn? -- Man wirbelt dahin, und diese Lebendigkeit, dies tausendfach atemlose, leidenschaftliche Leben, mit dem sie samt und sonders durcheinander taumeln, diese Figuren! Im Augenblick -- nicht wahr -- ist man mitten darunter.«
Der Maler lächelte beipflichtend.
»Dabei,« sagte Georg, »fehlt eigentlich alle Glut, etwa jene Balzacs, sondern alles ist auf eine Weise nüchtern und -- unabänderlich und notwendig, die es gleichsam abkühlt. Dann sind es ja auch Russen ...«
»Mir,« sagte Bogner aus dem Fenster blickend bedächtig, »mir kam es, als ich den Raskolnikoff las, vor, als säße ich festgebunden auf einem Stuhl in einem dieser grausamen Zimmer ... Eine Kerze am Rand eines dünnen Tisches, und kein Fenster. Der Kalk fällt von den Wänden, und irgendwo raschelt Ungeziefer. Da kommen sie denn einer nach dem andern herein und sagen ihr Leben auf.«
»So ists! Und sie haben gar nichts Gemeinsames! Jeder ist wie mit Wänden abgeschlossen von den Andern, und sie stoßen nur aufeinander, nicht wahr, umschlingen sich, taumeln anderswohin, und es will ein jeder nur das Seine. Sie reißen sich ineinander herein, jetzt aus Haß, und jetzt in Anbetung, -- und sie stoßen sich von sich, -- es sind Tataren!«
»Ja den Städten!« sagte Bogner und setzte langsam hinzu: »In den Dörfern hausen lauter Dienende und haben tiefe Gebärden. Seltsame Kinder Gottes ...« Georg zuckte leicht zusammen, da der Maler ihn plötzlich ins Auge faßte, und hörte ihn sagen: »Übrigens ... sagte nicht Oscar Wilde, daß Hekuba einen so unübertrefflichen Gegenstand der Kunst abgebe, weil ihre Leiden niemanden etwas angingen? Mir sind diese Russen immer fremd geblieben -- Dostojewskis --, und daher war das Lesen so angenehm. Auch moralisch steht man völlig abseit, man erstaunt wohl im Miterleben, aber da die moralische Beteiligung fehlt, so wird man auch nicht zum Urteilen, zum Bejahen oder Verneinen, zum Loben oder Tadeln gezwungen.«
Georg, während er Balzac erwähnte, der hingegen stets moralisch sei und noch mehr den Leser nötige, es zu sein, hörte den Maler seinen eigenen Worten hinzufügen, es sei im Grunde nur ein Irrtum ...
»Was?«
»Diese Fremdheit des russischen Charakters. Ursächlich sind wir nicht anders. Die Menschen hierzuland, aus Büchern geschaut -- und wir kennen sie ja nur aus Büchern, im Leben haben wir doch nur Freunde oder solche, die wir verachten --, scheinen uns bloß entweder gut, oder aber -- nicht böse meinetwegen, tätig schlecht, Böses ersinnend, und betreibend, sondern -- nichtswürdig, unedel, niedrig denkend. So scheinen sie uns; der Russe dagegen scheint ein Gemisch von beidem, Engel und Teufel in eins, im Augenblick tiefedel, im Augenblick von lustmörderischer Niedertracht, weil er nämlich jedem Reiz zu diesem und jenem nachgibt. Wir aber --«
»Wir haben Hemmungen!« fuhr Georg hinein. Bogner lächelte.
»Das ist das neue Wort. Schlagworte passen für den Augenblick.«
»Nun, und etwas noch vor allem,« fuhr Georg eilfertig fort, um den Anschein der Oberflächlichkeit auszutilgen, »ein Wort, das der Held dieses Buches hier sagt: >Ich liebe es, mich vor mir selber schuldig zu fühlen.< Ist es nicht grauenhaft? Und das ist das Russische. Aus diesem Grunde begehen sie ihre Schändlichkeiten. Sie sind Lüstlinge der Reue, nicht wahr? -- aber was wollten Sie sagen?«
»Ich wollte sagen ...« Während dieser Worte sah Georg neben dem Hinterkopf des Zahlkellners in dem Spiegel der Tür die Gesichter von zwei Damen dicht übereinander, ein ältliches, schiefes und kränkliches unter einem schwarzen Hut, und ein sehr zartes, junges unter einem grünen Jagdhut, und irgend etwas war rot daran. Auch Bogner blickte dorthin, an Georg vorüber, der selber stracks unfrei geworden war, sich genötigt fühlte, im Stuhl aufzusitzen, unauffällig die Weste abzuklopfen und sie straff zu ziehn. Er hörte weibliche Stimmen hinter sich, der Spiegel war jetzt leer, -- warum kommen sie nicht vorüber? Sie schienen in der Hälfte des Wagens hinter ihm sich niedergelassen zu haben. Georg sah den Blick des Malers von ihnen ab und zum Fenster hinaus gleiten, während er sagte:
»Ich wollte sagen, daß all das auch in uns sei als Keim, als Trieb, als Gedanke; wir können ja nichts denken, wir können immer nur wünschen oder befürchten, und so sind jene Art Russen Zerrbilder von uns, die das Unsrige übertrieben darstellen, -- doch eigentlich nicht unwahrhaftig,« schloß er.
Nein, wollte Georg sagen und widersprechen in der Erinnerung an seine eigene Überlegung vorhin über den Unterschied von Tat und Gedanke, aber da hörte er den Maler halblaut und wie zu sich selber sagen:
»Die Menschen sind alle gut. Es will sich nur niemand hindern lassen.«
Das Wort fuhr durch Georg hin mit großem Erschrecken, wie wenn ein Tier im Weg aufspringt und die Augen hineinreißt in seine vielgliedrige Flucht. Indem brauste der Zug, lärmte, die Bremsen schrien überlaut, und sie hielten gleich darauf in einem kleinen, offenen Bahnhof.
»Ungütig sind sie, Bogner,« sagte Georg entschlossen. »Sie tun, diese Russen, das Edle nicht aus Güte -- denn dann würden sie das Gemeine verachten und lassen -- sondern weil es sie gerade dazu treibt, es zu tun, oder auch, um übles Tun wettzumachen. Güte aber,« setzte er triumphierend hinzu, »Güte ist der Orgelpunkt der Kultur.«
Hiernach gab die Leistung seiner Rede ihm die Berechtigung, sich umzuwenden, und er traf mit seinen Augen voll gegen das jüngere Gesicht -- sie saß in der gleichen Richtung wie er, nur einen Tisch zurück, an der andern Wagenseite -- in dessen ungemein schönen und klaren Augen er las, daß sie ihn erkannte, -- vermutlich nach einer seiner Photographien. Zudem hatte er nun die, aus Grün und dunklem Rot gemischte Aureole von Haar und grünen Falten des über die Stirne hochgeschobenen Schleiers gesehn, die ihm zuvor rätselhaft erschienen war. -- Jetzt sich erinnernd, daß er ja einen Spiegel im Wagenfenster neben sich hatte, vollführte er einige Manöver, um darzutun, daß er unbequem säße, drehte seinen Stuhl gegen das Fenster und hatte zuerst den ärgerlichen Anblick seiner eigenen Person im Glase, dieweil er noch immer die verwünschte schwarze Wickelmütze über der Wundenkompresse auf dem Kopfe trug. Alsbald aber erschien in der blassen, von Abendhimmel und dämmriger Landschaft verworrenen Spiegelung der Hauch eines Widerscheins von Wangen, Hut und grünseidener Bluse, Bruchstücke, die sich hin und wieder lieblich veränderten, schwebten, hinter dunklem Wald, hinter einem Hause verschwanden, wieder näher kamen und greifbar wurden.
Schöne Frauen, dachte Georg, ziehen mich doch eigentümlich an, -- aber Cora -- trug sie nicht auch einen grünen Schleier -- grüne Schleier sind selten --, als ich sie das erste Mal sah? Gute Cora!
Es dämmerte tiefer draußen, die Felder lagen schon schwarz; der schnurgerade, schwarze Himmelsrand war dunkel gerötet, schwarze Dächer, ein spitzer Turm und Baumkuppeln ragten in sanftes Gelb, und darin schwammen drei kleine, rosige Wolken mit Silberrändern und holden Schatten still und emsig hintereinander her. Gerade wollte Georg es dem Maler zeigen -- wie Legendenengel auf der Reise fand ers --, als im Wagen die Lampen aufflammten, und statt der Dämmerung wurde nun draußen das ganze, hellerleuchtete Wageninnere sichtbar, die Fenster, Tische, der wartende Kellner unter der Gasflamme und die beiden Damen, die einander gegenüber saßen und Kaffeetassen und Kännchen vor sich stehen hatten. Allmählich jedoch wurden über dem stark leuchtenden Grün der Bluse hinter dem durchsichtig gewordenen Antlitz die drei Abendwölkchen wieder sichtbar, die sich langsam von ihm entfernten.
Georg blickte auf und sah in diesem Augenblick die junge Dame herantreten. Sie errötete leicht, nickte und sagte zu Bogner, er möchte verzeihen, aber sie hätten von drüben den Namen Bogner gehört, und da hätten ihre Mutter und sie sich gestritten, ob er der Sohn von Charlotte Bogner und dem Sanitätsrat wäre. »Nun will ich wissen, ob ich recht habe,« sagte sie ruhig, während im Hintergrund ihre Mutter sich in Qualen der Beschämung und Entrüstung zu winden schien.
Der Maler sagte, er wäre es, glaubte sogar, die Mutter des gnädigen Fräuleins als eine Freundin seiner Mutter erkannt zu haben.
»Und mich?« sagte sie fest und mit Laune, »wollen Sie mich nie haben Klavier spielen hören?«
Nun lachte der Maler und versicherte wie ein Weltmann, er erinnere sich an alles und würde untröstlich sein, wenn er nicht der Mutter des gnädigen Fräuleins vorgestellt würde.
»Frau, nicht Fräulein,« sagte sie freundlich, nickte Georg zu und ging mit Bogner hinüber.
Frau, nicht Fräulein? dachte Georg, sich wieder hinsetzend, verwundert. Das werde ich nie im Leben glauben. Hierauf nahm er, sich verpflichtet fühlend, irgend etwas zu tun, Coras zwei letzte Briefe hervor, blätterte die, mit etwas kindlicher Lateinschrift auf mattlila Papier geschriebenen unlustig auf und zu, nachdenklich, weshalb er den letzten unbeantwortet gelassen hatte. Das Häuflein lila Papier zusammenraffend und wieder wegsteckend, dachte er dann: Solche Briefe -- oder solch ein Menschengewächs -- sind sie nun eigentlich abscheulich oder nicht? Ich glaube, unsereiner, ja die meisten Menschen überhaupt, werden durch Erziehung, schon von Vorfahren her, auf einen Grund von Menschentum gestellt, wo man vieles gar nicht empfindet; einen Grund, oder besser, in eine Luft, wo Gemeines nicht gemein, Gutes nicht gut ist, sondern nur eine gewisse Lässigkeit herrscht, die sich alles erlaubt und nichts für bedeutend hält. Eigentlich -- ja nun! Wer hat das Wort eigentlich erfunden? Ein Teufelsmensch, denn dies ist das Wort des Nicht-tuns und doch nicht Lassens, das Wort, in dem eigentlich alles steckt. Eigentlich, sagt man, sollte ich das ja nicht sagen, -- und dann sagt mans. Ja, also: eigentlich müßte ich dies alles greulich finden, aber ich -- ja, ich tue es auch eigentlich, bloß ... es ist zu dumm! Wie entsetzlich schamlos doch eine Frau geworden ist, sobald sie nur vier Jahr verheiratet war. Die Ehe ist so eine Art Sinekure für seelische Schamlosigkeit ... dachte er noch und wandte sich leicht um, hörte sich von Bogner angerufen, ging hin, wurde vorgestellt und konnte sich nun vergewissern lassen, daß die Tochter ihn wirklich nach einer Photographie erkannt hatte. Die Mutter hörte er Frau Tregiorni nennen, den Namen der Tochter schien der Maler selbst nicht zu wissen.
Fahrtgespräche
Sie hatte die zarte Schönheit der Frauen mit rotem Haar, einen unberührten Mund von der schönsten Form mit weicher Unter-, voll gewölbter Oberlippe und herabgesenkten Winkeln. Das Paar der dunkelbraunen Brauen schwebte wie ein flügelhebender Sperber über Augen von undeutlicher Färbung und großer Klarheit. Georg war entzückt, und obendrein stellte sich nun heraus, daß sie schon von ihm gehört hatte, daß sie Magda Chalybäus kenne und eine Freundin von Renate Montfort sei. Die Anna nannte sie eine entzückende Libelle, -- warum, wußte sie nicht zu sagen, aber Georg erklärte es ihr gleich. Deshalb nämlich, weil Annas innere Lebendigkeit, obgleich sie selber sich stille verhielt, ein glänzendes Zittern um sie wöbe gleich dem unsichtbaren Schwirren der vielen Flügel, wenn der Libellenleib unbeweglich in der Sommerluft schwebt, -- ein beflügeltes Wesen sei sie, o ja. -- Dies fand sie so hübsch, daß sie es flugs ihrer Mutter mitteilen mußte, die es auch hübsch fand und nunmehr begann, Georg alles zu erzählen. Nämlich, daß sie aus Graz kamen, wo sie Verwandte ihres verstorbenen Mannes besucht hätten, der in Altenrepen Kapellmeister gewesen sei, und sie selber war am Theater Sängerin gewesen, übrigens gebürtige Altenreperin und aus sehr guter Familie, während ihr Mann italienischer Österreicher aus dem Görzischen gewesen war. -- Ihr Gesicht war ganz gelb und wirklich so schief wie der abnehmende Mond; sie fing nicht einen einzigen Satz an, ohne einen hülflosen, um Erlaubnis oder Beistimmung flehenden Blick auf ihre Tochter zu werfen. Diese aber schnitt ihr nun sachte aber bestimmt den Faden ab und sagte:
»Ich selber spiele Klavier, wie Sie gehört haben, und war beinahe ein Wunderkind; es ging aber vorüber. Wir waren also keine zufällige Familie.«
Georg stutzte, zauderte, riet in ihren Augen und fragte endlich: »Sind Sie Sherlock Holmes?« Und da sie lachend verneinte: »Aber Sie zitieren doch ein Wort Dostojewskis aus seiner Vorrede zum >Jüngling<, den ich da drüben liegen habe?«
Das hätte sie erstens nicht gesehn, und zweitens hätte sie den Ausdruck >zufällige Familie< ganz selbständig gemacht, -- sie möchte aber nun wissen, was er bedeute.
Georg holte den Dostojewski, las nach und meinte: »Er spricht von russischen Familien, und ich verstehe kein Wort davon.«
Sie sah mit in das Buch, las ein wenig und sagte, sie verstünde es auch nicht. Georg, der es nun selber erklären sollte, fand keine Worte, fing aber schließlich an: »Ich kenne eigentlich gar keine Familien, nur in Altenrepen eine, die mir allerdings sehr zufällig vorkommt. Ich war dort in Pension, der Vater ist Oberlehrer, die Mutter stammt aus ganz kleinen Verhältnissen, ein Sohn ist Komponist ...«
»Ach, Benno Prager,« meinte sie, »warum haben Sie das nicht gleich gesagt! Das ist eine zufällige Familie?«
»Jedenfalls zankten sie sich immer. Also Sie kennen den guten Benno? Ach, dann sind Sie wohl die dritte von den drei edlen Frauen, die zur Tür hereinkamen, nachdem er zwei Stunden im Dunkeln gewartet ...«
»Das scheine ich zu sein.«
»Nun kommen wir der Sache näher,« meinte Georg. »Also eine Familie ohne Bindungen, nicht wahr, ohne Zusammenhang, -- aber ich glaube, die giebt es erst seit kurzem und gabs in früheren Zeiten nicht, wie, Bogner?«
Bogner sagte, er seinerseits kenne nur holländische Familien, die auf alten Bildern dargestellt wären. Darauf seien eine Menge durchweg blasser oder durchweg rötlicher Gesichter zu sehn, die den Beschauer sämtlich anblicken. Links sitze der Vater, rechts die Mutter, und um einen Tisch zwischen ihnen seien viele Söhne und Töchter verteilt, alle mit dem gleichen Mühlsteinkragen über den schwarzbekleideten Schultern und alle mit dem gleichen Ausdruck in den dunklen Beerenaugen. Nein, das seien schlechterdings keine zufälligen Familien, schloß er.
»Ich glaube,« sagte die Tochter -- Georg, der sie hatte Ulle nennen hören, erwog, ob sie wohl Ulrike heiße, was ihm paßlicher schien --, »ich glaube, es war schöner, als es so aussieht, wie Sie es malen. Der Vater war das Oberhaupt, und die Familie bildete eine wohlgeordnete Gruppe der Ehrfurcht umher. So sollte es immer sein.«
»Wenn das Oberhaupt nur danach wäre,« ließ Georg einfließen, während sie unbeirrt weitersprach:
»Er hatte sie ja gegründet, widmete ihr sein Leben, sorgte für sie und war stets ein Vorbild in Sitte und auch in Gesinnung.«
»Wenn er aber nun brüllt, tobt, ohrfeigt und die Türen knallt?«
»Wer tut denn so etwas?« fragte sie spitz.