Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 3

Chapter 33,574 wordsPublic domain

Die Pferde waren bis an den Rand des Deichs herangetreten, senkten die Häupter und machten lange Hälse, um Gras zu rupfen. Georg stieg ab, half Anna aus dem Sattel, drängte die Pferde zurück und warf sich, die Zügelriemen in der linken Hand, am Deichrande nieder; als er zu dem Mädchen aufblickte, setzte sie sich -- erschreckend folgsam, mußte er denken, und da er sie nun still, mit vergrößerten Augen über die See gegen das Gewölk blicken sah, stieg ihm ein sonderbares Angstgefühl in die Kehle, -- fast daß er fror. Dann störte ihn das Klappen der Gebisse zwischen den Zähnen der fressenden Pferde, er sprang unwirsch auf, riß ihnen die Kopfzeuge herunter und merkte zu spät, daß er dem Unkas wegen des am Sattelgurt hängenden Matingals nun auch den Sattel abnehmen mußte. Als er fertig war, hatte seine Angst zugenommen, und das Mädchen lag der Länge nach auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, die Augen geschlossen. Er setzte sich neben sie und fing eilfertig an zu reden.

»Hast du gehört, Anna, daß sie vom Krieg sprachen? Es giebt natürlich keinen, aber mir ist etwas Merkwürdiges eingefallen. Höre, kannst du dir etwas unter -- deutschem Geist vorstellen?«

Eine Weile verging; plötzlich lagen da ihre Augen ganz groß offen im zarten Gesicht, den Blick weit von ihm fort gegen den Himmel gerichtet, so daß sein Auge unwillkürlich dort hinging, doch war da nichts. Er hörte sie leise: »ja« sagen, sammelte seine Gedanken und fuhr fort:

»So -- sieh mal --, so gab es einst einen hellenischen Geist, der -- aber erst weiter --, und einen römischen, jenen, der unsrer Welt die bürgerlichen Staatsbegriffe und Gesetze gab, und einen Geist des Humanismus, der schon eine Art Europa war, einen französischen Geist und einen englischen, den Kaufmannsgeist und der äußeren Gesittung, und nun -- ja, was wollte ich sagen?« Auf den rechten Arm gestützt, auf der Seite neben ihr, fast über ihr liegend, fuhr er eifriger fort: »Ja, also an dem hellenischen Geist war das Sonderbare, daß er allein von den andern, abgesehen vom Humanismus, am stärksten dann glühte, als keine äußere Macht mit ihm verbunden war, nämlich unter der Herrschaft Roms.« Eine ganze Gedankenkette hastig überspringend, schloß er: »Ob mit ihm der deutsche Geist das gemein haben soll, daß er die Welt von innen beherrschen wird? Vater sagte so etwas wie, daß Deutschland an der Reihe wäre, und deshalb dachte er an den Krieg, aber -- ob es wirklich nicht ohne das ginge? Im Prometheus, in unserm Leseverein, weißt du, hatten wir mal eine schöne Streiterei darüber, nach einem Vortrag von mir über ein neues europäisches Reich deutschen Geistes, so wie »Römisches Reich Deutscher Nation« weißt du, und ich erinnre mich noch --« Er verstummte. Sie lag geschlossenen Auges nach wie vor. Hörte sie zu? »Ich rede von Europa«, sagte er nach einem langen Schweigen kühl und innerst gekränkt.

Langsam ging ihr linker Fuß in die Höhe und senkte sich wieder; sie bewegte den Kopf und sagte endlich sanft und abgeneigt:

»Ach, Georg, was geht mich Europa an!«

Das Verlangen, sich über sie zu legen und sie zu küssen, überfiel ihn so, daß sein aufgestützter Arm heftig zitterte, allein gleichzeitig mit diesem machte ein andrer, schon seit langem erfundener Drang sich bemerkbar, und diesem, schien es, mußte durchaus und unabweislich nachgegeben werden, allein -- es war peinlich. Georg legte sich hintenüber ins Gras, jedoch da war nichts zu wollen, er stand auf, und nach einer Weile schlenderte er davon, am Deichrand hin.

Wieder kehrte die Brustbeklemmung, doch erschien ihm nun plötzlich das Klassenzimmer an jenem beklommensten aller Wintermorgen, am Examenstag, grau, kalt, düster, passend für Leichenbegängnisse. Diese blassen, krampfhaften Gesichter, diese Unruhe, dies innerliche Zerspringenwollen, und warum wird geflüstert? Und keiner hält es nur eine Minute am selben Platz aus, sie wandern alle umher, sitzen, stehn, sehn aus dem Fenster, und zwischen alldem sitzt auf dem Katheder Barkhausen über hundert Notizenzetteln aus allen Fächern, den Kopf zwischen den Fäusten und lernt und murmelt und sieht auf, die Lippen bewegend, verglast und verloren wie ein Delinquent ...

Georg wandte sich zurück. Von Anna war nichts zu sehn als ein kleiner, weißer Fleck, sie mußte noch immer liegen -- aber er hielt es doch für besser, die schräge Mauerwand ein Stück hinabzuklettern; um Halt zu haben, mußte er die linke Hand aufgestützt lassen und die Fußspitzen in die Ritzen der Quadern stellen, als in welcher verfluchten Stellung er denn tat, was zu tun war, dieweil er immerfort unsinnig dachte: _Nil humanum, nil humanum_ ... Unterweil erblickte er unten am Mauerfuß einen angeklebten großen Seestern, der noch einen Zacken bewegte, zögerte und stieg großherzig und behutsam zu ihm in die Tiefe, machte ihn, der sich noch anklammerte, los und schleuderte ihn kräftig in die Flut. Dann sprang er auch das letzte Stück auf den Streifen wasserfreien Sandes hinunter und schlenderte langsam zurück. Bruchstücke von Erinnerungsbildern, andre Wintermorgen schwammen zuckend durch sein Gedächtnis, er sah das Gaslicht im Klassenzimmer, das in die Augen brannte, die Bankreihen, die verschlafenen, gedankenlosen, verheimlicht grinsenden, roten Gesichter, er hörte die Stille und die entsetzliche Eintönigkeit der Stimme, die an der Übersetzung herumnagt, und an den Wänden die alten Bilder! Das graugrüne Amphitheater von Verona bei Mondschein mit dem schattenwerfenden Einsamen in der Mitte, die olympischen Gipsbüsten, ganz schwarz von Staub -- aber nun war er auf einmal auf dem Tennisplatz, nicht dem in Athen unter Ölbäumen und mit Prinzessinnen und Hofdamen, sondern dem am Waldrand, unter dem großen Plankenzaun, hinter dem die Motorräder der tränierenden Steher in Pausen herumknatterten, und sie saßen zu vieren auf einer Bank, Löbell und die Mädchen, und die Altenreperinnen, die auf den Plätzen vor ihnen umhersprangen, hatten alle so große Füße, bloß Iris Runge nicht, die ihn heimlich liebte, aber wer hätte sich das träumen lassen, und da kam schon das Examen. Ach, und die Nachtstunden mit stillem Lampenlicht und schauerlichen Aufsatzdispositionen -- -- wie ist das Verhalten Egmonts gegen Albanien im zweiten Aufzuge -- oder wars der vierte? -- und die unendlichen Thukydidesperioden, die Cosinuszeichen und völlig unbegreiflichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen -- ach, aber auch Stunden gab es immerhin über herrlichen Blättern, auf die man schreiben konnte, was das Herz wollte, skandierte Dinge, die unermeßliche Geschehnisse zum Ausdruck brachten ...

Wie mittelländisch es heute aussieht, dachte Georg, gegen das Meer gewandt stehenbleibend. In Sizilien, das war wunderbar, die vier Frauen, wie sie mit antiken Krügen auf den Köpfen an der Felswand den Weg schräge emporstiegen, wie Mädchen aus Olympia, aus Lokris, aus Äolien. Und die Bark mit dem schiefen rostbraunen Segel, bis zum Sinken überlastet mit Bergen goldgelber Limonen, und die Männer darin, wie von Feuerbach gemalt, braun und in Hosen halbnackt, trugen die rote, phrygische Mütze.

Georg kletterte vorsichtig den Deich wieder hinauf und sah sich um. Richtig, da lag sie, etwas zu weit war er gegangen, sie lag wie zuvor. Er stand auf, sie wandte den Kopf zu ihm hin und lächelte schmelzend.

»Da liegst du,« sagte er, »und ich vollbringe Lebensrettungen.«

»Wen hast du denn --?« fragte sie leicht erschreckt.

»Einen Seestern«, sagte er und legte sich hin.

Als er eine Minute später vorsichtig nach ihr hinspähte, lag sie, die Augen wieder zu, auf der Seite. Wie das doch seltsam war, ein schlafendes Mädchen! Schlief sie tatsächlich? Wie rührend schutzlos sie aussah! Die dünne Bluse spannte sich über der sanften Brust; darunter senkte und hob sichs und straffte den Batist in langsamen Pausen, peinigend geheimnisvoll. Warum, fragte er sich, warum nur so süß, so schaurig auf einmal, nachdem ich sie seit meinen ersten Lebenstagen kenne? Es ist doch nur ein Mädchen. Oder würde es anders sein als jetzt, wo er es nur sah, doch es war zum Fühlen, er wußte es, woher? Er kannte es nicht. Alle Mädchen kannte er nur so. War das >kennen<? Das Blitzen ihrer Augen, aus gänzlich unverständlichen Ursachen, diese immer verhaltnen Bewegungen, als würden sie zuviel verraten, dies ganze Anderssein, Weiblichsein, konnte das je -- er suchte --, nein, konnte man je darin sein, nicht sich, sondern nur das andre fühlen, mehr als das: sein, wirklich sein? Wie still sie vor ihm lag! Wenn aber eine einmal seine Frau sein würde, Anna Magdalena -- ja -- o, war das möglich? Dann würde sie noch anders liegen und -- um Gottes willen überhaupt --: wenn jetzt Dieckmann oder Graf Löbell oder der schöne Spiegelberg, dieser Frauenheld, oder -- um von diesen verdammten Pennälern loszukommen -- der schöne dänische Urne, der Botschafter -- wenn einer von denen jetzt er wäre, würde er etwas tun? Was würde er tun?

Da schnürte ihm Angst das Herz zu vor dem, was er tun sollte und um alles in der Welt nicht gekonnt hätte; er warf sich ins Gras zurück, machte die Augen zu, und ein seliges Mitleid mit diesem Mädchen brach in seiner Brust auf und überspülte ihn mit Zittern und unbeschreiblicher Bangigkeit. Waldwege! O Waldwege! Da ging er, da ging sie neben ihm, wie eng war der Gang, sie blieb stehn, sie berührten sich, er legte seinen Arm um ihre Schultern, er fühlte etwas, ja, da fühlte er es nun ... Nichts. Und er stieß ihren Namen hervor, rauh und dumm klang es, und er richtete sich auf und sah nach ihr.

Sekunden danach öffnete sie die Lider -- ach du mein Herrgott, da war einer in Genf, ein Student, ein Pennäler, ein Infantrist, an den hatte sie all die Zeit gedacht! Aber sein Herz stand völlig still, als er erkannte, daß die verdunkelten Pupillen mit unweigerlicher Süße auf ihn gerichtet waren, ja -- es sah aus, als wären sie schon hinter den Lidern lange so eingestellt und so süß zu ihm gewesen. Sie lächelte wie eine Nymphe und hielt seine Augen mit diesem Lächeln fest, sein ganzes Herz mit diesem Netz aus Honig und Nachtigallen, eine Minute, eine Ewigkeit, -- da wars fort, Herrgott, fort! War es gewesen, war dies, dieses, dies nun gewesen?

Sie ward langsam rot, richtete sich auf, strich ihr Kleid über die Füße und sagte: »Wie heiß es ist!«

»Findest du?« fragte er unbeholfen und schwindelnd. »Na, nun erzähl mir mal was, kleines Mädchen«, sagte er dann brüderlich und packte ihren linken Fuß.

»Was denn?«

»Irgendwas aus Genf, aus eurer Pension. In Pensionen macht man doch immer Streiche, -- aber hör mal, du hast ja gar keine Reitstiefel an!«

Sie saß, die Hände zu beiden Seiten neben sich aufgestützt, den Kopf im Nacken und bemerkte nichts als: »Kaputt!«

Warum nahm sie bloß den Fuß nicht fort? Das war ja beängstigend, wie sie sich alles gefallen ließ. Er drehte den Fuß hin und her. Dieser kleine Fuß in schwarzem Lack, und der Schuh, wie er über den Zehen etwas eingedrückt war, wie das rührend aussah, und diese runde, kindliche Spitze!

»Pfui Deubel, Anna, du hast ja grüne Strümpfe an!« sagte er und hatte ihre Ferse im Schuhabsatz gelockert, schob nun den Schuh im Takt auf und ab und summte dazu alles vergessend: »Stiebelrin, stiebelraus, stiebelrin, stiebelraus!« Überdem kam ihm ein Einfall, derart kühn, daß er augenblicks an die Ausführung ging, um nicht andern Sinnes zu werden. Er ließ den Fuß mit einer Hand los, faßte in die Brusttasche, nahm ein Päckchen Papiere heraus, legte sie ins Gras, suchte aus den Gedichten eines heraus, faltete es klein zusammen, zog leise ihren Hacken aus dem Schuh, schob das Papier hinein und den Schuh wieder fest. Gottlob, das war getan, nun konnten die Folgen eintreten!

Mit einem Ruck hatte sie den Fuß unter sich gezogen und mit der rechten Hand danach gefaßt. Er erwischte sie jedoch und hielt sie fest.

»Georg, was hast du da gemacht?« herrschte sie ihn an.

»Gar nichts!«

»Laß gleich meine Hand los!«

»Gott bewahre!«

»Ich will wissen, was du da gemacht hast!«

»Keine Idee!«

»Wirst du jetzt loslassen?«

»Ich hab Zeit!«

»Sag mirs doch, Georg!«

»Nächste Woche um elf!«

»Georg, du bist gräßlich!«

»Weiß ich längst!«

»Bitte, bitte, Georg, laß los!«

»Warum?«

»Georg!!!«

»Ja, was ist denn, Kleines?«

»Loslassen! Du sollst loslassen!«

Plötzlich hatte sie nach heftigem Ringen ihre Hand freibekommen, versteckte sie im Kleid, zog sie aber gleich hervor und zeigte sie ihm, hoch atmend und empört.

»Da sieh nun mal, was du gemacht hast! Wie kann man so roh sein!«

Bestürzt sah er die roten Striemen. Mein Gott, roh war er gewesen, wer hätte das gedacht? Mit erstickter Stimme bot er ihr flugs an, sagen zu wollen, was er in den Schuh gesteckt habe, aber das war ihr nun egal. Er versuchte, sie durch die Mitteilung zu verlocken, daß es ein Gedicht sei, aber sie meinte wegwerfend: »Meinetwegen sieben Gedichte!« Dann stand sie auf, hob ihren verbeulten Panamahut aus dem Gras, drückte ihn auf den Kopf und ging zu ihrem Pferde; dabei hob sie mit einem plötzlichen Knicks das Kopfzeug aus dem Grase und schleifte es hinter sich her. Er verfolgte sie mit gesenkten Lidern. Jetzt, jetzt würde sie es herausnehmen und wegwerfen. Wenn sie das tat ... wenn sie das tat ...! Kalt vor Aufregung drehte er sich nach der See hin und sah die Wolkenmassen in ungestümer Schnelle heraufstürmen. Als er es endlich wagte, sich umzudrehn, stand sie neben ihrem Pferde, das, ganz gerade stehend, zuzuhören schien, und las. Er wartete; sie las und las, zwanzigmal mußte sie es schon gelesen haben, und um genau zu wissen, daß sie gelesen haben mußte, sagte er selber sich vor:

Wärs dennoch möglich: Wenn ich einsam bin, Nachdenklich in Verlassenheit, so gleitet Ein liebes Wort aus einem lieben Sinn Zu mir herüber, sicher hergeleitet.

Und wie es naht, entfaltet sich aus ihm Die ganze Seele, schöne, flügellose Gestalt von einem blassen Seraphim, In Händen haltend, sonder Dorn, die Rose.

So bin ich nicht vereinsamt, wie es scheint, Weil deine Seele lieblich vor mir steht. Fast könnt ich hören, wie ihr Atem geht, Fast könnt ich fühlen, wie sies gütig meint ...

Georg zuckte jählings zusammen. Herr des Himmels, das war ja -- --! Ganz unverfänglich mit »einem lieben Sinn« fing es an, und da, am Ende, da hieß es: »deine Seele!« Deine Seele, o Herrgott, daran hatte er ja gar nicht gedacht, ach, was nun? Und er hatte es doch nicht einmal für sie geschrieben, sondern vor einem halben Jahr und eigentlich für niemand, nur so aus Sehnsucht und im Gedanken an Adriane Ziehrer, die zuweilen auf der Straße ... Ja, nun war das Unglück geschehn, was kam nun?

Ganz still faltete sie den Zettel zusammen, bückte sich, schob ihn in den Schuh, stampfte mit dem Fuß auf, und während Georg in einem wilden Seligkeitstaumel zu ihr hinlief, war sie schon auf dem Pferderücken und jagte, ohne erst das Knie übers Horn zu legen, mit der linken Hand sich anklammernd, über die Fenne deichabwärts gegen das Wäldchen zurück.

Weiher

Georg geriet in schaurige Wut. Das konnte ja Nacht werden, ehe er den Unkas gesattelt und gezäumt hatte! Und als er alles mit fliegenden Fingern in Ordnung gebracht hatte, sah er Anna grade am Gatter absteigen und zwar -- wie ihm schien, bemerkenswerterweise -- an dem südlich gelegenen, vor der äußeren Allee. Sie war jedoch verschwunden, als er aufgesessen war, und schon nach den ersten Sprüngen merkte er, daß dies elende Vieh von Unkas sich natürlich beim Satteln aufgeblasen hatte wie ein Schwein und der Sattel nur so schlotterte. Also zog er die Füße aus den Bügeln und stürmte weiter, aber im selben Augenblick, wo der Wallach mit ungeheurem Satz das Gatter nahm, erstarrte sein Herz: sie schrie aus dem Wäldchen, oder schon dahinter, die Allee war leer, sie schrie gellend, schrie seinen Namen, einmal, zweimal, dann: Hülfe! Hülfe! -- Großer Gott, was war das? Im Aufsprung rutschte der Sattel glücklicherweise ganz über den Widerrist, aber im Weiterjagen merkte er, daß er sich nicht halten konnte, er sank rechts herunter, Unkas sprang und bockte, der Matingal wickelte sich ihm um den Hals, Georg lag unten, sprang auf und lief weiter.

Im Ausgang der Allee sah er den Weg hinunter den Weiher vor sich liegen, scheinbar still, auch die Insel mit ihren großen Bäumen, dem Pavillon und kleiner Brücke, aber über das sichtbare Stück grüner Wasserfläche stürmte von rechts her auf die Brücke zu der Artaxerxes, der schwarze Schwan, gekrümmten Halses, rauschender, wütender Flügel, in einer glitzernden Wasserbahn. Georg rannte um die Ecke der Gebüsche, und da war Anna, die ihr kleines Pferd bis an den Hals in den Teich hineingetrieben hatte, aber Gott Lob und Dank, sie saß oben, es handelte sich nicht um sie, denn das Pferd stand artig still, und sie hielt, tief heruntergebückt etwas Schweres und Schwarzes über Wasser, ängstlich umherblickend. Georg lief in die Flut, die voll war von Pflanzen und Sumpfgras, erreichte sie schwierig genug, und zusammen brachten sie einen leblos scheinenden Körper ans Ufer. Magda sprang vom Pferd; soweit sie im Wasser gewesen waren, Magda bis zum Gürtel, Georg bis unter die Arme, waren sie mit Streifen von stinkendem, grünem Tang und den erbsengroßen Blättchen des Entenflotts bedeckt. Am Boden sahen sie das schneebleiche, kleine, ihnen fremde Gesicht eines Menschen in schwarzer, wie die ihre besudelte Kleidung; schlaff und triefend lag er da. Anna bückte sich sofort und riß ihm Weste und Kragen auf; ein Perlmutterknopf sprang ab und rollte ins Gras der flachen Uferböschung.

Georg dachte, daß sie alle drei bis nach Helenenruh stänken, und wollte Anna nach Hause schicken, da rauschte es über ihnen laut und heftig, und als sie zusammenfahrend aufsahen, zog der schwarze Schwan -- ja, waren ihm denn die Flügel nicht beschnitten? -- prachtvoll und stürmisch über ihren Häuptern, über die Bäume hin und war gleich darauf mit mächtig ausgreifenden Fittichen südwärts verschwunden. -- Nach Süden! -- dachte Georg, der ihm nachstarrte, und: Australien! das ihm in Gestalt einer dreieckigen Briefmarke mit dem Bilde eines schwarzen Schwanes erschien. Sie blickten sich stumm an; aus Annas großen, schwarz gewordenen Augen sah er Tränen laufen, während ihr Mund geisterhaft lächelte.

»Nun laß nur, Kind,« sagte er, »ich weiß, wie man Scheintote behandeln muß, reite zum Schloß, schick Leute, und zieh dich um oder leg dich ins Bett!«

Sie erhob sich, ließ sich ohne Widerstreben aufs Pferd helfen und ritt davon. Georg kniete sich über den Leblosen und machte die vorgeschriebenen Bewegungen mit seinen Armen so lange, daß darüber Annas Vater zu Pferde, ein paar Feldarbeiter und zuletzt der Maler Bogner anlangten, als welcher sogleich seinen Freund in dem Fremden erkannte. Nach einstündigem Bemühen gelang es, ihn zum Atmen zu bringen; er nieste, schlug die Augen auf, erkannte das Alte und murmelte unwillig und matt: »Nicht mal sterben lassen sie einen!«

Der Maler lächelte, die beiden Arbeiter grinsten, der große Chalybäus machte ein mißbilligendes Gesicht, Georg, über und über zitternd von der Anstrengung, mußte stoßend lachen, alle fünf richteten sich auf und sahen sich erleichtert an. Dabei entdeckte Georg ganz in der Nähe das große, braune, mit den schwarzen Mähnenzotteln wüst aussehende Haupt des vortrefflichen Unkas, der sacht herangekommen war und nun wartete. Den Sattel unterm Bauch und das Kopfzeug schief über Stirn und Ohren, sah er verwegen aus wie ein betrunkener Student.

Während die andern den Kranken auf eine, mit rotkarierten Bettstücken in der Eile beladene Kornkarre legten und damit abschoben, nahm Georg Rock und Weste vom Boden auf. Er bebte und hatte starke Rückenschmerzen, bemerkte, daß er einen Manschettenknopf verloren hatte, und bemühte sich eine Weile schwerfällig, mit der klaffenden Manschette ins Ärmelloch zu gelangen, bis einer der Arbeiter aufmerksam wurde und zusprang. Der große Chalybäus, seinen Trompeterschimmel an der Trense, ging neben der Karre einher und ermahnte zur Vorsicht. Georg brachte Unkas' Kopf- und Sattelzeug notdürftig in Ordnung und folgte den Andern mit dem Maler, den Gaul hinter sich, der ungeführt nachtappte, wie ers gewohnt war. Die Stunde war glühend und schwül, sonnenlos und farblos; die Fläche des Weihers hatte sich längst beruhigt, lag blaugrün mit den matten Spiegelungen der Inselbäume und rührte sich nicht.

Der Teich, dachte Georg, muß vom Teufel besessen gewesen sein, und der ist, wütend über den Selbstmord, in den schwarzen Artaxerxes und in die Lüfte gefahren. -- -- Vor ihm fiel jetzt ein brennendes Zündholz ins Wasser, daß die Flamme erlosch und es kleine Kreise gab, und Georg sah, daß der Maler sich für die Arbeit mit einer Pfeife belohnt hatte.

»Sie stinken unprinzlich,« sagte er, »sind Sie wenigstens trocken?«

Georg bejahte; die Wärme und die Anstrengung hatten ihn schon getrocknet. Er erklärte Bogner nun, während sie am See weitergingen, den Zusammenhang, innerlich an einer verfluchten Kette von eisernen Schlüssen zerrend. »Sie muß instinktiv hineingeritten sein,« sagte er, »instinktiv!« als ob das Wort alles verdeutlichte.

»Immerhin«, meinte Bogner, »können Sie sich ja freuen, daß Fräulein Chalybäus diese Sache auf sich genommen hat.«

»Wieso meinen Sie?« fragte Georg erschrocken, denn er hatte am Gegenteil herumgearbeitet.

»Wenn einer«, sagte der Maler, mit einem neuen Streichholz an seiner Pfeife bemüht, »mit seinem Dasein fertig zu sein glaubt und wirft es weg« -- zur Verdeutlichung scheinbar flog, während dem Pfeifenkopf Qualmwolken, süß duftend, entstiegen, das halbverbrannte Streichholz ins Wasser wie das erste -- »und es kommt ein Andrer,« fuhr der Maler fort, »hebts auf und giebt es ihm wieder, und er sagt: Nicht mal sterben ... wird er dann dem nicht die Verantwortung dafür zuschieben?«

Bogner lächelte mit den Augen; ein herrliches Lächeln, dachte Georg, sich dumpf um das Gehörte bemühend. Was war das für eine Seite, von der dieser Maler eine Errettung vom Tode ansah? Der Mensch war ein Selbstmörder, -- das Wort »unzurechnungsfähig« flog aus einer Zeitungsspalte vor Georg auf. Freilich, freilich, ihm schien -- der Maler sah die Angelegenheit eigentlich. Einer wollte sterben und sollte nicht. Ja, wie konnte man ihm nun beweisen, daß dies Streichholz von Leben keineswegs abgebrannt, sondern ... Georg wurde es siedendheiß, und um diesen blödsinnigen Gedankengang loszuwerden, packte er den, mit dem er sich vorher herumgeschlagen hatte, blieb stehn und fragte den Maler grimmig, auf den Matingal seines Pferdes deutend, ob er wisse, was das sei. Der Maler verneinte.