Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 28

Chapter 283,637 wordsPublic domain

Gleichwie graue Hand Goldgewebe trennt, So entschwand, entschwand Unser Firmament.

Stern um Stern bei Nacht Fiel, -- noch einer mehr, Und ich seh erwacht Unsern Himmel leer.

Ach, ich seh es kaum! Schlummernd fremd und fern, Sehe ich im Traum Immer Stern bei Stern.

Mondstunde

Blaugrau der Himmel; gelb und rund und groß Erschien der Mond, der so dem Rätselschoß Des Irdischen entstieg als eine Leuchte. Und es wird langsam dunkler in der Welt. An deinem Haupt, o Fremdling, leise fällt Die Tür ins Schloß, die längst geschlossen deuchte.

Noch hallen Stimmen fern im offenen Feld, Wie Pfähle schwarz sind Menschen aufgestellt Am Ufer, schauend droben in das Schweigen. Sie schwinden seltsam hinnen mit der Zeit, Und alles wird, als wär es Ewigkeit, Und keine Uhr wird dir die Stunde zeigen.

Wenn eine Seele jetzt den Strom befährt, Den du nicht siehst, vom hohen Licht verklärt, So schaut sie auf wie du und ist nicht bange. Sie gleitet weiter in die dunkle Welt, Sie stützt die Hand, die still das Ruder hält, Und an des Ruders Holz die warme Wange.

So lehnt am Kreuz des Fensters dein Gesicht, So glänzt dein Antlitz in dem vollen Licht, So füllt dein dunkles Aug das große Glänzen. Die tiefe Einsamkeit der Nacht beginnt. Zu dir ans Fenster tritt ein kühler Wind, Und du vergehst in seinen kühlen Kränzen.

O kehre wieder, süße Angst, Du süßes Gift, vergifte mehr! Laß all mich sein, was du verlangst, Dein Spielgebild, dein Spielbegehr!

Daß eines Scheitels Linie weiß Im braunen Haar und krausen Bausch Von fern mich zieht und quält mich heiß -- O banges Glück! O Duft und Rausch!

Ja, daß ich hingehangen such Entäußrung schwach aus blinder Kraft -- Und wie ein schweres Fahnentuch In Wind sich legt und sehnt vom Schaft ...

Auf ein Bild in meiner Stube

Schönes Antlitz eines toten Traumes, Wie du dennoch zu verklären weißt! Wie auf allen Dingen meines Raumes Dein betrügerisches Lächeln gleißt!

Still! ich weiß es ja! du mußt betrügen, Weil erloschen du zu leben scheinst In der zärtlichsten der süßen Lügen, In der Wehmut eines schönen Einst.

Das Vergangene, ob unlebendig, Deutlich füllt es die verarmte Brust, Und du spürst im Dunkel hunderthändig Geistergriff, den du erdulden mußt.

Ach, das Leben selbst mit Dolch und Feuer So gewaltig nicht das Herz umspannt Wie das Augenpaar, das einst dir teuer, Wie, die liebreich war, die liebe Hand.

Georg an Benno

München, den 15. März

Mein lieber Benno:

Nein, nicht zum Freundesbusen, wie so trefflich die Alten sagten, ein tränenreiches Herz darein zu ergießen, komme ich, obwohl es mir beim Hunde elendiglicher geht als je. Davon sei nicht die Rede, das Elend meiner Seele bad ich schon noch alleine aus. Aber dies, dies eine kann ich nicht ertragen, daß ich in Wochen und Wochen nicht ein Mal ein vernünftiges Männerwort über des Nachdenkens werte Dinge über die Lippen bringen soll. Die Gedanken haben sie mir denn doch nicht unter Alkohol und Stumpfsinn setzen können, schwimmen wie die Korken obenauf vielmehr und sind -- munter? nein, das nun eigentlich nicht, aber wir werden ja sehn. Zwar verdiene ich es nicht, daß ich wieder zu Dir komme (still, Benno, ich weiß schon! bei meiner Seele, mache mich heute nicht unwirsch!), aber nun liegt die Sache einmal so, daß es sich um Dinge handelt, über die ich mit dem ältesten und lange Zeit einzigen Freunde meines Lebens, meinem Vater nämlich, nicht reden kann; also tu mir die Liebe, Freund, und höre ein wenig zu!

Nun eben, wie ich zu schreiben beginnen will, fällt mir aus dem übrigen Zusammenhang eine neue Frage heraus, nämlich: Was hältst Du von geschlechtlicher Aufklärung? Sieh mich nicht so mißtrauisch an, ich frage im Ernst! Ist es nicht die große Frage jetzt? -- Gut, versuchen wir, sie zu beantworten.

Nach meinen persönlichen Erfahrungen wird dabei ständig eben derjenige Haken, an dem die ganze Sache eigentlich hängt, außer acht gelassen und so die ganze Sache verdreht. Eltern, heißt es, können und sollen ihre Kinder, um trübe und gefahrenvolle Irrgänge, Abstürze womöglich ihrer Seelen zu verhüten, aufklären -- worüber? Über die Geheimnisse von Geburt, Fortpflanzung, Zeugung. Wirklich, handelt es sich darum? Keineswegs, sondern dieses ist nur der Punkt, an dem die kindliche Unwissenheit einzusetzen pflegt, indem sie -- die von Zeugung nicht die geringste Ahnung hat -- sich fragen muß, wo die Kinder herkommen. Um was es sich aber, was die Gefahren usw. anlangt, _in realibus_ ganz allein handelt, das ist etwas völlig andres, nämlich der Zeugungsvorgang allein, der Liebesakt. _Woher_ die Kinder kommen, wer sie gebiert, das kann -- und soll auch -- jedem Kinde frühzeitig klargemacht werden, aber in Unkenntnis auf diesem Gebiet -- was läge da für ein Unheil verborgen? _Wie_ aber und von wem die Kinder _gemacht_ werden, das ist das eigentliche Geheimnis, und dies -- meines Willens! -- kann und soll ihnen von keinem Vater und keiner Mutter gelüftet werden, denn Enthüllungen, Selbstentblößungen würde das bedeuten, die kein Vater vor seinem Sohne vorzunehmen imstande ist; und es würde -- allgemein menschlich -- eine Schamlosigkeit bedeuten, die allen uralten Erfahrungen widerspricht und auf das heftigste meinem Privatgefühl. Dies sage ich, mit dem sein Vater von früh auf alles verhandelte, alles -- bis auf dies eine. Keine Gefahr aber kann so arg, so vernichtend sein, die ich nicht einer solchen Entartung der natürlichsten Anstandsgefühle vorzöge.

Also wäre in dieser Angelegenheit überhaupt nichts zu tun? Nicht eigentlich. Besteht hier eine Gefahr, so ist sie geheiligt durch Alter und so wenig zu beseitigen wie der Schmerz des Gebärens. Eins freilich kann geschehn: Vorbereitung; und an dieser Stelle treffen wir wieder in den Kern der Sache.

Denn -- diese Frage erhebt sich nun: woher stammt sie denn, ursächlich, diese Gefahr? Fragen wir zunächst, wie sie sich zeigt. Darin, daß, wie gemeinhin gesagt wird, dem Knaben oder Jüngling von Altersgenossen die Sache auf schmutzige und gemeine Art klargemacht wird, daß ihn vor dem Schmutz und der Gemeinheit der Sache ein Entsetzen packt. Hier also sitzt es. Sind denn etwa diese Dinge gemein und schmutzig? Ja, sagt der Eine; der Andre: Nein! sie sind vielmehr die reinsten und erlesensten. Und dabei wollen wir bleiben. Wir halten uns nun nicht erst bei der Herkunft dieses Gedankens von der Gemeinheit auf -- ich beargwöhne das Christentum --, sondern schließen kurz ab: Hier ist der Haken, der Übelstand und die Lasterhaftigkeit. Hier muß und kann Änderung geschaffen werden, allerdings nur durch Generationen der Selbsterziehung von Erwachsenen einerseits, andrerseits durch das, was ich erwähnte: Vorbereitung, die wiederum bei den Vorgängen der Geburt und ihrer Erklärung einzusetzen hat. Wenn nämlich diese schon und die Mittlerin vor allem, die Mutter, dem Kinde als etwas Reines, Heiliges, als das schmerzvolle Wunder, das es ist, hingestellt würden -- sollte da nicht von ihnen auch ein Glanz auf das Andere fallen, wieder rein werden, was rein war? Und wo bliebe dann Erschrecken und Gefahr?

Und nun endlich diese beiden Dinge selbst. Sind sie so ausgemacht, so unbedingt? Ja, da kenne ich nur meine eigenen Erfahrungen, und wenn ich da sagen muß, daß ich zwar Nöte, Ängste und Gefahren in diesem Zusammenhange genug durchgemacht habe, aber keine in eben diesem, unserm Betracht, so war ich vielleicht allerdings absonderlich veranlagt. Ich war -- sprachen wir nie davon? -- ein schlechthin stumpfsinniges Kind, bis tief in die Jünglingsanfänge hinein, und ich weiß heute noch nicht zu sagen, wann mein Gehirn aus jener Denkträgheit, die nie nach etwas fragte, alles hinnahm und sich einverleibte, ohne es nur anzusehn, Weihnachtsmann wie Klapperstorch, und alles so lange benutzte und für gut hielt, bis irgendwie und irgendwoher etwas andres kam, -- in meine jetzige Denkrastlosigkeit umgeschlagen ist, die nicht den winzigsten Vorgang unbeobachtet lassen kann und ohne womöglich eine Meilenkette von verknüpften Folgerungen daran zu hängen.

Eine halbe Stunde später

Als ich eben Ausruhens halber die Feder hinlegte und das Geschriebene überlas, sah ich, daß ich an Dinge geraten bin, die nicht im entferntesten in meiner Absicht lagen, aber das schadet ja nichts, im Gegenteil, denn wie ich nun weiter an diese seltsamen und ungeheuren Dinge denke, mich zu erinnern versuche und in meine Kindheit wieder einzudringen, an die ich -- infolge jener Stumpfheit vermutlich -- keine einzige, deutliche Einzelerinnerung habe -- es sei denn an Örtliches --, sondern nur die süßdumpfe, unbestimmte einer unendlichen Zeit der vollkommenen und durch nichts unterbrochenen Seligkeit --, da, gerade noch, wie ich dies denke, leuchtet eine farbige Insel auf. Ich greife zu und -- halte diese merkwürdigen Blüten und Strünke, die sich dann mit einigen Verstandesfäden der Auslegung und des Hinzudenkens zu einem seltsamen kleinen Strauß zusammenbinden ließen, und hier ist er.

Der Anfang ist ein wenig grob, doch läßt er sich nicht ersparen. -- Da ists gegen Abend, schon ganz dunkel, ich bin -- ein kleiner Knabe, übrigens in Helenenruh vermut ich -- irgendwo herumgestrichen, und wie ich eben um irgendeine finstre Ecke von Haus oder Gebüschen will, höre ich die breite Stimme eines Knechtes -- ich höre sie jetzt noch! -- mit unterdrücktem Flehen der Inbrunst zu jemand sagen: Lat meck doch man oinmal vögeln! bloß oinmal! -- (Ein Satz, der mir nie aus dem Gedächtnis kam, obwohl ich ihn erst Jahre später begriff.) -- Ich erschrak, so wenig ich damals die Worte verstand.

Diese mir völlig unverständlichen Worte blieben in mir hängen, das heißt: bloß so, denn, wie schon gesagt, zerbrach ich mir über nichts den Kopf und fragte auch deshalb nicht. In jener Zeit aber muß es gewesen sein, daß mein Vater, aus eignem Antrieb, mich darüber aufklärte, wo die Kinder herkommen. Ich erfuhr, daß sie in der Mutter wachsen sollen, und erklärt wurden mir auch an Blumen, Bienen und Faltern die Vorgänge der Befruchtung. Sicherlich -- das heißt, dies errate ich nur aus dem ganzen Zusammenhang -- fragte ich mich damals, wenn auch nur unbewußt: Wer bringt den Samen zur Mutter, die doch so groß ist?

In jener Zeit ferner wohl zum ersten Mal träumte ich einen später wiederkehrenden Traum von einer großen Zahl bekannter und unbekannter Menschen in einem Garten, auf denen eine Menge bunter Vögel sitzen und herumfliegen. -- Wie kam ich darauf? Daß ich unbewußt also doch nachgedacht habe, das ist klar, wie aber kam ich auf dieses? Folgendes fällt mir ein:

Oft hörte ich und liebte sehr, besonders abends im Schlafzimmer vor dem Einschlafen, den Gesang der schwarzen Amsel, der noch jetzt mein liebster Vogelgesang ist. Ich konnte den Vogel, der ja immer sehr hoch sitzt, niemals zu sehen bekommen, und da ich damals nun ein Märchen zu hören bekam, vom Paradiesvogel, den man wohl singen hören könnte, aber niemals sehn, so --

-- ja, so haben wir nun den ganzen wunderlichen Zusammenhang von Knecht und Traum und der Einbildung, auf die ich mich wohl besinne, daß dieser Vogel es sei, der unsichtbare Paradiesvogel, der den Samen zur Mutter bringt. Und ich rate am Ende wohl nicht falsch, wenn ich glaube, daß mir damals auch gesagt wurde, daß nur Menschen, die sich lieb haben, Kinder bekommen können.

So also verhielt sich meine Vernunft, meine Phantasie. Wie es bei der wirklichen Aufklärung späterhin sich abspielte, das ist mir unbekannt; zu jener Zeit war die kindliche Phantasie allerdings schon verloren gegangen, und so wird wohl mein Verstand die Geschichte mit der gewohnten Bereitwilligkeit als natürlich hingenommen haben.

Schluß, Benno! aber es war eine Wohltat, ach, einfach eine Wollust war es, einmal wieder den Geist zu gebrauchen! Mit mir stehts elend. Mein einziger Freund, ein Literarhistoriker, hat längst den Doktor gemacht und ist fort. Die letzte Mensur kostete mich die bisher heil gebliebene Hälfte meines Schädels, die überdies so zugerichtet wurde mit Lappenschmissen und Knochensplittern, daß ich mich schon langsam darauf gefaßt mache, mit der Kompresse in die Ferien einzuziehn. Und was das schlimmste ist, die Schurken haben meine Abgeneigtheit gegen den Betrieb und mein Korpsverhältnis gemerkt, es gab schon Rügen, Drohung mit Aufhebung der Duldungen wie: meines Nichtmitsingens bei den Kneipabenden --, ach, Benno, Benno, weißt Du, daß ich in Lagen geraten bin!? In Lagen, die ich schlechterdings nicht geträumt hätte? Daß ich meines Standes als Fürstensohn wegen Rücksichten auf mich nehmen lasse? wer hätte das geahnt! Aber mir scheint, ich zerbrach einen Satz. Ja, also das schlimmste ist, daß man mich zur Strafe für meine Flucht nach Wien auf neuerdings vier Wochen hinausgehängt hat, jedoch -- für die Ferien. Also bleibe ich über das Semester hinaus im Korps; die ersten Schwierigkeiten für meinen beschlossenen Austritt, -- aber genug, zehntausendmal genug! Ostern komme ich! Auf Wiedersehn, Benno, auf Wiedersehn!

Georg

Nun, da haben wir es! Ich schließe, und nicht ein Wort von Deinem Brief! Ist schon solch ein Lump aus mir geworden? Glaubs nicht, Benno, er vergißt sich mitunter, aber meints doch ganz gut, und Du darfst schon glauben, wie seelenfroh, ja, wie glücklich Dein Brief ihn gemacht hat! Ja, diese Renate! Zwar ist mir Deine holde Übertreiblichkeit, zumal bei Weiblichkeit, ja bekannt, aber es stehen doch einige Dinge in Deiner Beschreibung, die absonderlich real anmuten, wie z. B. das Kleid und die Haartracht und vor allem die sinnende Haltung -- die mich merkwürdig an eine Feuerbachsche Iphigenienstudie erinnerte -- --. Nun, ich hoffe, Du hast inzwischen noch so viel des Wunderbaren dort im Hause erlebt, daß Dein nächster Brief Grimms Kinder- und Hausmärchen in mindestens zwei Bänden werden! In diesem Sinne -- lebe wohl!

G.

Cora an Georg

Lieber Prinz!

Sie waren in jenem Brief nach Nietzscheschem Rezept mit Peitsche und Zuckerbrot zu mir gekommen; ich gehöre nicht zu den Frauen, die darauf reagieren. Ich reagiere überhaupt nur auf Anbetung, daß Sie's wissen. Also im Ernst, Sie haben mich geschlagen, getreten, mit Hohn und Spott überschüttet, und um Ihnen das zu sagen, schreib ich heut, ohne einen neuen Brief von Ihnen abzuwarten, und nicht etwa deshalb, weil ich nicht warten könnte, mein lieber Junge! Und warum haben Sie mich so mißhandelt? Mein Brief war wohl nicht sehr gemütvoll, aber doch lieb und kokett und tändelnd, ein Andrer hätte mir Hände und Füße dafür geküßt. Bessern Sie sich bald, und um etwas nachzuhelfen, will ich diesen Brief fortsetzen, obwohl Sie es nicht verdient haben!

Also lassen Sie sich erzählen, was in der vergangenen Woche alles war. Montag: Die blaue Maus (Stadttheater) durch Erregung befreienden Gelächters höchst wohltätig. Dienstag: Taufe des armen Rudolf, eines Neffen, arm, weil er getauft wurde, eines köstlichen Bengels übrigens von zehn Monaten, empfing stehend die heilige Taufe und versuchte, den Pastor energisch am Ärmel zurückzuhalten, was aber nicht gelang. Ja, konnte er nun nicht Jude bleiben? Ach so, pardon, Germane, Arier. Diese Ansicht sprach auch mein Schwiegervater aus -- der war trotz eines Augenleidens von Altenrepen herübergekommen, um Pate zu stehn, ist das nicht nett von einem alten Herrn? Ach, die Alten sind viel besser und eifriger als ihr Jungen! Ich liebe meinen Schwiegerpapa unbeschreiblich. -- Also in seiner Rede, in der er sich ungemein über die Pfaffen aufregte, schlug er an Stelle der Taufe eine feierliche Aufnahme in den Bund der Familie vor. Aber ich glaube, die Familie ist jetzt aus der Mode gekommen, seit man auch nicht mehr Kanapee sagt. Jetzt haben wir Chaiselonguen und Individuen und sind Staatsangehörige, und die polizeiliche Abstempelung genügt für alles.

Wir hatten dann noch eine angeregte Unterhaltung über Gott und die Welt, männliche und weibliche Schönheit, ihre Unterschiede, und welcher wohl der Preis zuzuerkennen sei (meine Kusine Mausi erteilte ihn der männlichen, von ihrem Standpunkt aus hat sie sicher recht. Ach, Sie kennen die Dame ja nicht! Seien Sie froh!). Insofern und indirekt wurde häufig von Ihnen gesprochen, als ich aus alter Gewohnheit beständig alle Herren mit Georg anredete. Sie sehen, wie intensiv Sie mir gewärtig sind. Im übrigen wurde die Unterhaltung sowohl durch Pfirsichbowle wie durch meine stets anderen Ansichten vorteilhaft beeinflußt.

Adieu!

Ihre Cora

Bekomme ich die unsichtbaren, kriegen Sie einen schönen Tantenkuß ohne Liebe geschickt.

(An den Rändern geschrieben:)

Was macht meine liebe Locke? Hat sie ein Bändchen bekommen?

Eventuell auch einen mit Liebe, den keiner wissen soll.

Benno an Georg

Altenrepen, am 23. März

Mein lieber Georg!

Ach, welch ein Magier ist sie doch, ja welch ein unerhörter Magier muß sie sein, die kindliche Seele! Geht sie nicht mit ihren kleinen Schritten so unerschütterlich ihres Weges, ihn vor sich her mit Blumen bedeckend, als käme ein ganzer Hochzeitszug hinterdrein? Was Du mir schriebst, jenes Erlebnis mit dem unsichtbaren Paradiesvogel und dem herrlichen Traum -- ich kann nicht sagen, wie mich das ergriff! Zum ersten Male wieder seit langer, langer Zeit wurde das verstaubte Saitenspiel in meiner Brust wieder angerührt und murrte süß und leise. Nun, es wird ja doch alles erstickt. Aber ich habe es jetzt ja unverhofft gut bekommen! Schon zweimal durfte ich wieder in der Güntherstraße sein, einen herrlichen Flügel spielen, das Fräulein bewundern, -- ach, spotte Du nur, Du wirst noch Deinen Tag erleben! [Griechisch: Essetai hêmar]! ... Und an einem köstlichen Vormittage -- von jenen einer, die schon tief im Frühling sind, wo gelöste Lüfte wie trunken irrende Vögel in trägen und hingebenden Wellenflügen umherschweifen und ein tausendäugiger Himmel der Verheißung über die wolkigen Schneegebirge schaut -- an solch einem hatte ich einen herrlichen Waldgang mit Deiner Freundin. Wie immer sprachen wir fast nur von Dir! Lieber Freund, was hast Du für ein Kleinod an ihr! So kindlich oft und dabei so klug, -- und nun, wo sie ihre Klugheit auf einen lieben Menschen anwenden kann, ergeht ihrs wie allen edlen Frauen, und die Klugheit entfaltet sich, ihr selber unvermerkt, zum feinsten und zartesten Verstehn. Sie ist wohl sehr in Sorge Deinetwegen, wir sind es Beide, aber nun -- es wäre ja noch schöner, zu jammern und den Kopf zu verlieren, zumal Du ja schon sagst, daß diese gräßlichen Dinge um Ostern ein Ende haben werden.

Gerne schriebe ich mehr, lieber Georg, aber Du mußt wissen -- ich bin in einer großen Unruhe wegen meiner Mutter. Die jahrelang gleichgebliebene Krankheit hat unversehens eine Wendung zum Schlimmeren genommen, und je mehr wir uns in Sicherheit gewiegt haben, um so erschrockener stehen wir nun, obgleich ja noch nicht das Böseste befürchtet zu werden braucht. Aber ach, wie wandelt sich doch alles, sobald des Todes Name nur von weitem erklingt! wie wird alles unsicher gleich, alles dünn und durchlässig und fremd, jede Hantierung, jeder gewohnte Gegenstand, die allesamt Unruhe ausströmen, sich nicht mehr halten lassen wollen, man legt sie aus der Hand, als würden sie glühend darin, denn nun drängt auf einmal die Zeit, alte Versäumnisse stehen drohend auf, immer wieder fühlt man sich dorthin gezogen, wo das liebe Leidenshaupt die Kissen drückt, eine Handreichung nur zu tun, eine Frage nur, einen Blick, -- um am Ende dann doch wieder am Fenster zu stehn in der wachsenden Angst, dies arme Antlitz noch ja zu sehen, recht zu sehen, ehe es sich verwandelt und sich jählings entzieht.

So lebe wohl, Georg! Ich freue mich unaussprechlich auf Dein Kommen und zähle die Tage! Von Herzen Dein

Benno

Magda an Renate

Berlin, am 28. März

Ach, Renate! Renate, ich wollte, wir wären nur erst wieder zu Hause! Papa ist ja zu sonderbar geworden! Weißt Du -- ich mag es kaum schreiben --, aber weißt Du, daß er trinkt! Er trinkt den ganzen Tag, offen, und, was noch schlimmer ist, heimlich, Liköre und die schwersten Weine. Und diese ganze plötzliche Reise überhaupt! mitten aus der Frühjahrsbestellung, und wozu? Zu Besprechungen mit Leuten, die ich nicht zu sehen bekomme ... Zu mir ist er ja so gut und lieb wie immer, ja wenn das möglich ist, eher noch mehr, aber -- ach, ich will lieber stille sein! Jeden Abend gehts ins Theater -- da werde ich zu erzählen haben! -- es ist wundervoll, und in dieser Beziehung ist er ja wieder rührend in seiner Geduld, bei den längsten und ernstesten Stücken meinetwegen auszuhalten. Wenn Du sehr lieb sein willst, schreibe doch noch hierher, wir bleiben noch einige Tage, Papa meint, ich müßte alles sehn, was Berlin zu bieten hätte. Es ist ja eine reißende Stadt, wie lauter Stromschnellen -- ach, ich kann nicht schreiben, vergieb, hoffentlich sind all meine Ängste nur dummes Zeug! In Liebe tausend innige Grüße von Deiner

Magda

Renate an Magda

Am 30. März

Mein liebes Herz!

Aber das war ein böser Schrecken, den ich da bekommen hab! Nach Deiner Abreise war es wunderlich still im Hause geworden, ich wartete gespannt auf den heitersten, lebensvollsten Brief, freute mich endlich des Anblicks Deiner Handschrift -- -- und nun dieser Inhalt! Kaum hat man sich ein bißchen in Sicherheit gewähnt nach den wochenlangen Ängsten um mein armes Kind, -- da fängt alles wieder an zu zittern. So kann ich nur innig hoffen, daß es in Wirklichkeit die alten Besorgnisse sind, die in dieser neuen noch einmal mitschwingen und sie ungebührlich verstärken! Ich weiß ja nicht einmal, was ich aus dem, was Du schreibst, machen soll, -- es klingt so unbestimmt -- und grad darum wohl so gespenstisch. An dem einen Abend bei uns war Deinem Vater ja eigentlich nichts anzumerken; sein Gesicht schien mir etwas geschwollen, doch weiß ich ja nicht, wie es früher ausgesehen hat, da Du in Genf nur dies fabelhaft prächtige Jugendbildnis von ihm hattest.

Von mir ist nichts zu berichten, was Wert hätte, so sehr ich wünschte, es gäbe etwas, das Dich ein wenig auf andre Gedanken brächte.

Doch -- -- nimm dies ... Es kam gestern nachmittag.

Ich sitze vor meiner Orgel und spiele und merke während des Spielens, daß hinter meinem Rücken eine Veränderung eingetreten ist, kann mich aber nicht umwenden, sondern muß den Satz zu Ende spielen. Langsam drehe ich mich nun mit dem Sessel, und da sehe ich, daß ich mich oben auf der Orgelempore eines romanischen Domes befinde, dessen gewaltig breites und langes Schiff unter mir liegt, in mittlerer Höhe von einer schönen Galerie kurzstämmiger Säulen und Rundbogen umzogen. Das Licht fällt von rechts durch wundersam farbige Fenster in schrägen und breiten Streifen, die von blutendem Rot, von tiefem Blau und von Goldlicht leuchten. Fern drüben, sehr fern ist der Altar, kahl bis auf ein lebensgroßes Kreuz mit dem Heiland daran, doch muß ich plötzlich erkennen, daß es Erasmus ist, der dort an den Nägeln hängt. Er hebt langsam den Kopf, ich sehe in die hervorquellenden Augen und daß die Lippen sich bewegen und Worte formen. Indem sie aber laut werden wollen, schwindet alles. Ich sitze mit dem Rücken zur Orgel.

Die Worte, glaub ich, hießen: Mich dürstet ...