Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 27

Chapter 273,816 wordsPublic domain

Ecco, wie Knallfred Err sagen würde, ich habe es bis hierher gelöffelt und werde es auf die Neige löffeln. Nur ein einziges Mal schlug der Betrieb mir überm Kopfe zusammen, nämlich als ein Korpsbruder die Benediktinerflasche über einige, eben von mir erworbene Luxusdrucke ausleerte unter der Begründung, er fühle sich dadurch angeödet, worauf ich ihm eine hineinknallte, die meinem lieben Herzen wohltat. Es waren unersetzliche Sachen darunter, jedoch nicht deswegen! Es war mir bei Gott ein Schwert durch die Seele gefahren, -- kurz, es war mein Leben, was das Schwein besudelte. Nun, die Geschichte ließ sich beilegen, ich befinde mich -- oh schöne Folgeerscheinung! -- für vierzehn Tage >im Schwarzwald< und entfloh nach Wien, -- freilich höchst verbotener Weise, doch kann das die Dimission höchstens um zwei Wochen verlängern.

Ich will doch zur Schlußmusik vom Egmont gehen, Benno, und hören, wie er sagt: >Kind, Kind, die Sonnenpferde der Zeit ...< Meine Seele grinst mich nun von diesen Blättern an, leider nicht wie ein abgelegter Schlangenbalg, sondern nur wie eine Maskenfratze, die ich wieder vornehmen muß. Aber für eine Weile spürte ich doch die Erleichterung vom schmerzlichen Druck der Gummibänder hinter den Ohren. Habe Dank, lieber Geduldiger, daß Du die Maske so lange hieltest! Weine nicht und gieb sie wieder her! Grüße die Anna und freue Dich mit mir auf Ostern und das nächste Semester Altenrepen. Ich habe wahrhaftig Heimweh nach den alten Straßen. Lege mich zu Füßen der Frau Mama sowie des Fräuleins Schwester und verbleibe mein Freund!

Georg

Georg an Cora

Am 24. Februar in Wien

Schaumgeborene!

Aus Wien, wohin ich gefahren bin, melde ich mich bei Ihnen mit der Versicherung meiner vollkommenen Untröstlichkeit über die Verrenkung Ihres Fußes!

Und nun sagen Sie bitte: Können Sie noch schnöder? Freilich ist zu merken, daß Ihr letztes Anschreiben unter Verteilung von Klapsen verfaßt wurde. Danke bestens! Mit Geduld und Spucke lassen vielleicht Mucken sich fangen, niemals aber Schmetterlinge mit Klapsen. Teuerste Bürgerin im Kanapee, Ihr Behagen möge so unendlich sein wie zwischen uns die vorhandene Ferne! Sollten Sie Wert darauf legen, es zu wissen, so will ich festzustellen versuchen, ob der Vorhang, den Ihr zufriedener Genius zwischen uns zog, aus Fries besteht, aus Kattun oder vielleicht einer Wäscheleine voll Barchentröcke.

Untertänig der Ihre Georg T.

Wenn Sie sich entschlössen, ein Datum über Ihre Briefe zu malen, wie wäre das?

Cora an Georg

Lieber Georg!

Aber was ist das für eine Art, über mich, die ich wehrlos im Bett liege, mit einem derartigen Feuerbrand von Brief herzufallen! Sind Sie immer so wild? Liebe Durchlauchtigkeit, bedenken Sie, daß ich meinen Bleistiftbrief unter beständiger Bewachung Molles verfaßt habe, die, wie Sie selber wissen, schwerer zu hüten ist als ein Sack Flöhe. Sonst hätten Sie noch länger auf einen Brief warten müssen, und wenn ich Ihnen nicht mein Morgenstündchen opfere, wo ich so liebe, im Wachen zu träumen, ist mein Tag für eingehende Briefe zu unruhig. Heut aber bin ich vor Schrecken gleich aus dem geliebten Bett gesprungen. Aber muß man denn immer so gründlich sein? Sie haben vielleicht kein Verständnis für die gallische -- ich sollte sagen: semitische -- Leichtigkeit, die ich im Blute habe, dennoch könnte Ihnen eine Spur davon nicht schaden. Müssen Sie immer so teutonisch _furieux_, so >voll und ganz< und >unentwegt< sein? Nehmen Sie mich doch, wie ich bin, leicht, leicht, leicht, immer tanzen, das ist viel schöner, und nach Ihrem Karneval trage ich das heftigste Verlangen! Ihre freundlichen Belehrungen über die Gründe häufigen Verliebtseins und die Erhebung des Gegenstandes derselben zum gelinden Berauschungsmittel -- also besserem Fusel -- waren mir lehrreich. Ähnliches habe ich als selbstverständliches _sousentendu_ innig in meiner Seele gehegt. Um so weniger dürfen Sie Bedenken hegen, die geheimnisvollen unsichtbaren Schmetterlinge vertrauensvoll auf meine hingehaltene Nadel zu spießen. Ich werde die poetische Freiheit zu würdigen wissen und nie vergessen, daß ich nur das Mittel zum Zweck bin. _Faute de mieux on couche avec sa femme_ heißt ein schönes altes Wort.

Und da haben Sie -- zum Köder? -- ein Bild von mir. Wie gefällt es Ihnen? Sie wollten zu träumen versuchen. Haben Sie? Was? Ich konnte noch nicht träumen, Herbert ließ mich nicht. Warum Sie traurig sind, möchte ich wirklich wissen, frage mich im Gegenteil, warum Sie nicht himmelhochjauchzend sind. Dies wäre wenigstens schmeichelhaft für Ihre

Cora

Seien Sie lieb und geben Sie mir die Unsichtbaren! Bitte, bitte! Ich weiß keinen Grund, warum Sie sie mir vorenthalten. Ich muß sie haben. Es giebt keinen Grund. Erbarmen Sie sich!

Datum setz ich nur über formelle Briefe, prinzipiell.

Achtes Kapitel: März

Magda an Georg

1. März

Mein lieber Georg!

Wunderbar ist das, was Du von den Bildern schreibst, ganz einzig! und dank des Riesenpakets von Abbildungen, das Du Lieber mir geschickt hast, kann ich mir schon eine Vorstellung von diesen Herrlichkeiten machen, wenn auch die Farben fehlen. Trotzdem -- darf ich das sagen? -- hat Dein Brief mich doch mehr erschreckt als erfreut. Es ist ja vielleicht nur, daß ich nur diesen bekommen habe, und daß mir deshalb Deine Begeisterung so -- ja, ich finde nur das Wort >verzweifelt< erscheint. Ich sehe immer nur den Hintergrund von Leiden, den Du andeutest, und Du weißt ja wohl, daß Geahntes viel mehr ängstigt als Gewißheit, und deshalb möcht ich Dich so sehr bitten, daß Du mir schreibst, was das eigentlich ist, worunter Du zu leiden hast. Das Buch, von dem Du schriebst, hat ein Freund von Renate mir geliehen. Sie selber kannte es -- was kennt die nicht? --, und sie und er sagten Beide, das Buch habe unendlich Tüchtiges gewirkt, wenn es auch für Leute mit künstlerischem Geschmack unlesbar sei. Mich hat es traurig gemacht, o so traurig! Renate und ich und auch ihr Freund -- er heißt Saint-Georges, ein feiner, stiller Mensch -- haben viel darüber gesprochen. Darf ich mich denn gar nicht sorgen um Dich? Und es erleichtert Dich doch vielleicht, wenn Du davon sprechen kannst.

Denke Dir, mit Deinem Freunde Benno P. hat es mit einem so komischen Malör angefangen! Als er uns besuchte, waren wir nicht zuhause, wie das so geht, dann schrieb ich ihm gleich und bat ihn auf gestern nachmittag. Um vier kam eine Freundin von Renate, die ihn auch gern kennen lernen wollte -- sie ist Pianistin und spielt himmlisch! -- da gingen wir in die Orgelkapelle, und Renate trug dem Diener auf, Herrn Prager dorthin zu führen, wenn er käme. Wir fingen dann an, Musik zu machen, und er kam nicht, und wie es gewöhnlich geht, vergaßen wir in der Musik alles andre, und auf einmal war es nach sechs Uhr, und Renates Freundin wollte fort. Wir gehn ins Haus, durch die dunkle Halle, Renate macht Licht, -- da steht da ein Mensch, lang und mager mit ganz geblendeten Augen ... Denke Dir, da hat der Diener statt Kapelle Halle verstanden, und der arme Mensch hat zwei Stunden im Finstern verbracht und glaub ich nicht mal gewagt, sich hinzusetzen. Lieber Gott, war er verstört, und nun auf einmal Renate vor ihm, und noch zwei Mädchen, und Renate, die an und für sich schon das Schönste auf der Welt ist, in einem erdbeerfarbenen, weiten Atlasrock und enger, schwarzer Samttaille mit halben Ärmeln! Er hat die Augen kaum aufgeschlagen. Schließlich ists uns aber doch gelungen, ihn in die Kapelle zu ziehn, -- ja, und wie er dann vor der Orgel saß und Mut schöpfte in einer Fuge, und dann ganz leise anfing zu phantasieren -- ganz leise, aber, wie Frau Tregiorni sagte: sichtbarlich erdbeerfarben -- ja, da konnten nun wir still werden und die Augen niederschlagen, und er saß mit verklärtem Gesicht wie ein Heiliger vor den großen Pfeifen.

Leb wohl, Georg! Ich würde so gern Dein Herz leise streicheln oder Dein Haar, wenn ichs dürfte.

Deine Anna

Benno an Georg

Altenrepen, am 1. März

Mein lieber Georg!

Ein Brief! Ein wirklicher Brief von Dir! Und wie Du Edelmütiger mich wieder darin beschämst! Nicht nur mit Worten, indem Du Dein langes, meiner Selbstsucht freilich schmerzliches Schweigen entschuldigst, sondern vor allem wieder mit Taten, da Du doch trotz Deiner traurigen Lage Zeit fandest, an mich zu denken und für mich zu sorgen! Ich bin nun sehr traurig, Georg, daß Du so fremde Dinge durchzumachen hast, -- auch in Liebesdingen scheinst Du ja merkwürdige Abenteuer erlebt zu haben --, ich denke aber, Dir selber wird es das liebste sein, wenn ich auf all das schweige. Womöglich könntest Du Dich bemitleidet fühlen, was, wie ich Dich kenne, das Allerschlimmste für Dich wäre. Dafür erzähle ich Dir lieber von dem Wundervollen, das ich Dir verdanke, dem Märchen, in das ich mich durch Dich nun versetzt glaube, denn noch immer scheint es mir, als wäre alles ein Traum, das Erste und alles Folgende, daß ich nun in dies kostbare Haus zu Deiner Freundin und der ihren zugelassen bin, diese edlen Frauen selber, deren Umgang ich genießen darf, -- aber nein, höre nur den Anfang, er sagt alles!

Ja, acht Tage hat es freilich doch gedauert, bis ich die angeborene Furchtsamkeit, an der ich nun einmal leide, und die Menschenscheu und Vereinsamung, die sie seit langer, ach, so langer Zeit nun schon vermehren, abzuschütteln vermochte und mich nach der Güntherstraße auf den Weg machte. Als ich dann das prächtige Patrizierhaus in seiner ehrfurchtgebietenden Zurückhaltung hinter den verschneiten Zweigen seines Vorgartens liegen sah, entsank mir doch wieder der Mut; die Hand auf der Klinke des hohen Eisenportals stand ich lange, bis ich erschreckt meiner eigenen Körperlänge inne wurde, deren Schmalheit andrerseits doch nicht genügte, mich hinter den eisernen Lilien des Tores zu verbergen, und so ging ich den Gartenweg bis zur Haustür, um dort -- zu meiner rechten Erleichterung -- von einem lieben, alten Diener zu hören, die Damen seien nicht anwesend. Er bat mich aber um meine Adresse, und siehe da, schon am andern Morgen brachte meine Schwester triumphierend ein Brieflein, von zierlicher Mädchenhand mit meinem Namen beschrieben. >Lieber Herr Prager< schrieb Deine Freundin, und ich war wieder einmal erstaunt und entzückt von dieser Schlichtheit der Vornehmen, die sich nicht mit >sehr geehrten Herren< usw. das Leben steif und sauer machen. Und wieviel zuversichtlicher ich drei Nachmittage später, wohin ich >zu einer Tasse Tee< bestellt wurde, die Klingel zog, kannst Du Dir denken. Diesmal wars ein weibliches Wesen, das mir öffnete, ich ließ ihr meinen Mantel und wurde von ihr in eine weiße Tür hineingelassen.

Und da begann nun das Wundersame! Es dämmerte bereits, als ich kam, und nun befand ich mich in einer mächtigen Halle, verdunkelt durch eine breite Veranda, die durch eine Glastür und die Fenster zu sehen war, und draußen lag ein großer und schöner Garten in weißer Winterstille. Ein helles Feuer brannte aber von gewaltigen Buchenscheiten im breiten Kamin, an der Wand den Fenstern gegenüber, und davor saß eine große, gelbe Katze, ganz unbeweglich, hatte ihren buschigen Schweif hinter sich stehn, streifte mich nur mit einem glimmenden Blick und fuhr fort, ganz steif die glühenden Augen in das Feuer zu richten. Ihr Schatten, ganz groß, bewegte sich so merkwürdig hinter ihr, -- ich dachte wahrhaftig, es sei eigentlich ein Mensch! Es war wie bei E. T. A. Hoffmann. Schöne, tiefe Sessel standen überall umher, an den Wänden hingen altertümliche Gemälde mit Jagden und Nymphen, soviel ich im Dunkel dort oben erkennen konnte, es blieb ganz still, und überall waren Türen zu dunklen und warmen Gemächern offen.

Wie ich aber noch stehe und nicht weiß, ob ich mich vor dem großen Tier nicht doch lieber verneigen soll, so beginnt auf einmal die wunderbarste Musik. Ein Harmonium schiens, gedämpft und von fern, aber die Töne waren so voll und brausend, die Stimmen so zahlreich, daß ich doch an eine Orgel zu glauben anfing. (Es war auch eine!) Da trete ich unabsichtlich der Glastür näher, und was sehe ich? Etwas links im Garten sind drei geheimnisvolle, hohe und schmale Bogenfenster erleuchtet; eine gotische kleine Kapelle ists! Wie mir da war! Ich glaubte ja verzaubert zu sein! Ich stand und lauschte nur, ich kam gar nicht auf die Frage, weshalb man mich hier allein ließ, der schöne Name Montfort, den ich überm Hauseingang las, flügelte so durch mich hin, auf einmal stand das magische Tier auf, kam zu mir und strich leise murrend an meinem Schienbein her, wobei es den Kopf zu mir hochhob und sein Rücken so hoch und krumm wurde wie ein Bogen. Kein Ende nahm die rauschende Orgelflut, und gab es einmal eine Pause, so knisterte das Feuer und die Stille, und die drei edlen Fenster leuchteten durch das Dunkel und den Schnee -- ganz so wie es bei einem lieben, alten Lampenschirm war, den ich als Junge einmal für meine Mutter zu Weihnachten klebte ...

Wie lange es gedauert hat, wußte ich nicht. Nun, mir ward die Zeit nicht lang ... Auf einmal aber, wie die Musik wieder schweigt, erlöschen mit einem Zauberschlage alle drei Fenster, der Garten liegt still und dunkel im Schneelicht, dann höre ich weibliche Stimmen und Lachen draußen, Gestalten erscheinen im Dunkel, es bewegt sich die Glastür, und es kommen drei herrliche Frauen herein! Ach, Georg, mir stand ja das Herz still, als ich die eine sah! Denke Dir, sie trug ein ganz großes, weites Kleid von erdbeerfarbener, glänzender Seide, die Taille war schwarzer Samt, die halben Arme bloß, -- aber nun erst ihre Züge! -- Es war eine erschreckende Schönheit darin, ja, nur so läßt es sich nennen, eine erschreckende Schönheit. Sie ist sehr groß -- oder schien es wenigstens zuerst -- nein, ich kann sie nicht beschreiben. Ihre Haut war von solcher süßen Zartheit und wie golden innerlich, das Haar -- von einer seltsamen, hellbraunen Farbe mit rötlichen und goldenen Hauchen -- trug sie über der Stirne gescheitelt, so daß diese frei blieb in ihrem ganzen Adel, dann nicht einfach zu den Ohren gelegt, sondern rund um die Stirne und, an den wundervollsten, langen, gebogenen Brauen vorüber, ganz tief nach unten und nun erst zurück, wie auf alten Bildern aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Und erst der Mund! Und wie sie nun stehn blieb und ihre tiefschwarzen, strahlenden Augen auf mich richtet und gleichzeitig erstaunt die eine Hand an das Kinn legt und den Ellbogen in die andre und so sinnend steht und mich lächelnd betrachtet -- kannst Du Dir denken, wie mir da war?

Es war Fräulein Renate von Montfort, die Freundin der Deinen. Ja, die ist nun sehr lieb und auch schön und so anmutig, vor allem aber gewiß herzensgut. Sie kam gleich auf mich zu und lachte und fragte mich alles Mögliche, was ich gar nicht verstand, dann mußte der Diener kommen und das Mädchen, es schwirrte alles um mich herum, irgendein Mißverständnis war geschehn, die Damen entschuldigten sich, daß ich hatte warten müssen, -- du lieber Gott, ich war ja froh darüber, wie es gekommen war. Die dritte war eine Freundin des Fräuleins, ihr Name wurde mir nicht gesagt, doch nannte das Fräulein sie Ulrika, und sie hatte wunderschönes, dunkelrotes Haar und ein klares, ernstes Gesicht mit ganz prachtvollen Brauen. Sie ist Klavierkünstlerin. Ja, nun gingen sie alle wieder mit mir in die Kapelle, und es war wirklich eine Orgel darin, ich habe auch ein wenig gespielt, und das Fräulein spielte, und wie sie da wieder vor den großen grauen Pfeifen saß in ihrem ausgebreiteten Kleid und mit leicht zurückgelegtem Antlitz -- -- ganz im Rausch fand ich mich wieder in der Straße und mußte noch lange im dunklen Wald umherlaufen, bis ich zu Eltern und Geschwistern zurückfinden konnte. Oh dieses Antlitz! Oh diese Gebärden voll Anmut und Würde! Ungemein stolz ist ihr Wesen in der Ruhe; sobald freilich die Züge sich bewegen in der Rede und zum Lächeln, -- so strahlt Dir ein Sternenhimmel von Seele, Tiefen tuen sich auf, in denen singende Seraphim mit klingenden Saitenspielen auf und nieder schweben, da greift Dir das Lächeln einer Göttin in die Brust mit unsterblicher Hand, und Du fragst Dich, warum Dir je gebangt ...

Lebe wohl, Georg, Du Guter, nimm diese Zeilen als Dank für das Kleinod, das ich aus Deiner Freundeshand nahm. Ich kann nun nichts andres mehr schreiben, was wäre auch von mir zu sagen! Und ich darf ja nun wieder dorthin kommen, sooft ich will, haben sie gesagt, -- ob ich es wage? Ich _werde_ es wagen!

Mit allen guten Wünschen und Hoffnungen bin ich in Dankbarkeit immer Dein treuer

Benno

Georg an Magda

München, den 9. März

Meine gute Anna:

Hier, ich begehe eine teuflische Indiskretion und überreiche Dir einen an mich gerichteten Brief jenes Benno P. Es ist mir schlechterdings unmöglich, ihn Dir vorzuenthalten.

Hast Du gelesen?

Ja, da siehst Du, was Ihr angerichtet habt! Lege mich dem Fabelwesen Renate gütigst ganz gehorsam und untertänig zu Füßen, und sie habe mich ihr auf das tiefste verpflichtet durch die wunderbarliche Verwirrung, die sie im Herzen meines lieben Freundes angerichtet habe!

So aber ist er nun, und immer sieht man doch wieder, daß man sich täuscht in diesen guten Bennoleuten. Im siebenten Jahr kenne ich ihn nun, kenne ihn wie gewiß niemand sonst, und wie keine steht mir seine lange und magre Gestalt, dies magre Gesicht mit den schwermütigen Augen, der langen, schwermutvoll herabgekrümmten Nase über dem früh gewachsenen, hängenden rötlichbraunen Schnurrbart vor Augen in ihrer ganzen Unbedarftheit, Hülflosigkeit und Seelenfülle, und so vergaß ich darüber denn völlig den Glanz seiner hohen, fliegenden Stirn unter dem zurückgestrichenen, langfallenden Haar und diesen, doch so oft gesehenen Schillerischen Zug von Kühnheit, Schwung und Adel, wenn er den Kopf zurückwarf und das Haar, um von Kostbarkeiten des Lebens zu schwärmen. Vergaß es und dachte, als ich Deinen Brief, der vor dem seinen kam, las: es muß sie doch immer frieren an ihrer Seele, diese armen Bennoleute. Sie zittern bei jedem Lufthauch wie die geschorenen Lämmerlein, sie sind so unendlich kostbar in unserer windigen Welt, und man sollte sie hüten wie die allerzerbrechlichsten Ziergläser, weil sie so selten sind. Und nun, wenn man sie selber hört, so verhält sich alles ganz anders. Wo unsereiner sie in der allerpeinlichsten Verlegenheit und in Todesnöten glaubt, da stehen sie mitten im Wunder! Ach, man sollte sie in Kirchen hüten wie Reliquien und sie verehren, -- aber nun ist es so, daß sie einem immer zuvorkommen. Du möchtest ihrer einem etwas recht Dankbares und Liebes sagen, so hörst Du sie im selben Augenblick sprechen: Wie edel bist du doch! -- Hat er nicht von mir gesagt: Georg, -- das ist solch ein edler Mensch! -- Hat er nicht? Ich sehe ihn ja, wie er seine schwermütigen Dichteraugen aufschlägt und sich krümmt in seiner Magerkeit und seinem schlechten Rock und seiner übergroßen Inbrunst! -- Und dennoch sieh: obgleich sie immer zittern und immer ängstlich sind, so sind sie doch die Behüteten. Es sind immer nur Möglichkeiten, vor denen sie schaudern, Wirkliches aber, wirklich Gemeines und Böses kann gar nicht an sie heran, weil sie es einfach nicht sehen; es fehlt ihnen das Organ dafür, -- versteh mich wohl, ein Mensch wie Benno ist ja nicht dumm und weiß vom Hörensagen immerhin, wie es in der Welt aussieht, und Du wirst ihn schon bald einmal über die Boshaftigkeit der Welt in eine furchtbare Standrede ausbrechen sehn, aber gieb acht, wie er hinterdrein alles zurücknimmt und für alles einen Entschuldigungsgrund findet; und diese Verzeihung hat er schon _zuvor_ bei der Hand, wenn etwas Gemeines sich gegen ihn richtet, denn diese Menschen sind magnetisch für Gutes und Edles, und durch eine chinesische Mauer von Schmutz und Niedrigkeit lassen sie sich von einem eingebildeten Sandkorn der Güte anziehn, das ihnen alle Verzeihung birgt, denn dies ist die Pflicht, die ihnen auferlegt ist. Weißt Du, was sie sind, kleine Anna? Christen sind sie. Wirklich, es giebt etliche in Europa.

Genug! Von mir nichts! Kehre zum Eingang dieses Briefes zurück und erfreue Dich an der daraus sprechenden schönen Wallung meiner betrübten Seele. Sei gut zu Benno, ich lege ihn Dir ans Herz -- Deiner Renate mich bitte zu Füßen! -- Vergiß mich nicht, sei ohne Sorge, schreib aber lieber nicht mehr, es würde mir nur das Herz schwerer machen, denn jetzt kommen >die alertesten Tage< vom Semesterende, die müssen durchgehalten werden.

Leb wohl!

Dein Georg

Georg an Cora

14. März

Teuerste:

Das Semester geht zu Ende, Ende des Monats fahre ich heim, und im nächsten Semester sieht München mich nicht wieder, -- sondern? Altenrepen nahe Beuglenburg! Nein, sehen Sie: das, worunter ich hier leide, sind nicht eigentlich Leiden der Seele und des Herzens, sondern des Geistes, nicht Schmerz ists, sondern Empörung, Wut und Ohnmacht über die schändliche Vergeudung, die unsre Jugend mit ihren besten Kräften treibt, da sie sich zwar zur Erziehung zwingt, aber nur zu der allerrohesten und gemeinsten einer -- beiläufig vollständig sinnlosen und illusorischen -- Abhärtung durch Saufen und Stumpfsinn, so daß man wirklich in Verzweiflung geraten möchte, wenn man dies ihr Ideal eines glattgehobelten Pfahles betrachtet und dagegen die blühende Möglichkeit geistigen Wachstums, Adels und der Reinheit, zu der sie erzogen werden könnten! Ist es nicht haarsträubend, wenn man es sich sagt: zum Stumpfsinn, zum Toben, zum tiefsten Elend der Betrunkenheit darf ich mich erziehen lassen, nicht aber zur Arbeit, zum Lesen guter Bücher, zum Begreifen aller Schönheit in Kunst und Natur! Daß _ein_ Begriff wie völlig nicht vorhanden in der Welt scheint, nämlich der Begriff eines >noch mehr<, das ist das Elend. Adel haben sie ja --, arbeiten müssen sie das ganze Leben, also giebt es in den sogenannten >freien< Jahren keine seligere Freiheit, als auf den Tisch zu hauen und den triumphierenden Vers zu brüllen:

Über den erzieherischen Wert des Korps sprach der A. H. Stürzbesoffen waren sie allda.

Na, da hab ich nun glücklich doch davon geschrieben. Also Sie haben nun eine Vorstellung meines seelischen Zustandes. Übrigens habe ich einige schöne, fast möcht ich sagen, glückliche Wochen hinter mir und mich in einem wahren Sturzbad von Natur, Theater, Konzerten und abermal Natur etwas gereinigt. Das dummste ist, daß ich versehentlich an ein Säbelduell geraten bin, -- ein törichter Abschluß des Semesters. Bisher ist mein Gesicht ja Gott sei Dank verschont geblieben. Wenn ich mich aber mit dem schweren Säbel nicht sehr gut vorbereite, kann das niedlich werden. Es scheint zwar, als ob sie auch für mich die sonst nur für königliches Geblüt geltende Instruktion durchgeführt hätten: mich nur auf den Kopf zu schlagen, aber mit dem Säbel wird sich das schwer durchführen lassen, und da bin ich auch so, daß, sobald ich dergleichen merke, losgehe wie der Satan.

Ach Kind, ach Kind, was ist das alles! Und geht es Sie etwas an? Doch Ihr Brief tat mir wohl; obgleich ich so lange Zeit verstreichen ließ, ehe ich ihn beantworte, werden Sie es mir glauben. Aber verstehen Sie dies Gefühl der seelischen Unsauberkeit, das nun seit geraumer Zeit schon keinen Augenblick von mir weicht und mich fast unfähig macht, das zu berühren, was man eine Seele nennt? Wie würde es Ihnen gefallen, wenn ich Ihren Salon beträte, nachdem ich soeben einen großen Morast durchwatete? Sollten unsre Seelen weniger auf Anstand halten? Aber ich brauche Sie und -- -- aber lassen Sie die Gedichte für mich reden! In ihnen bin ich reinlich. Sehen Sie sie für Kerzen an, ich bitte, stellen Sie sie rund um Ihren Spiegel auf, setzen sich schön davor und erkennen sich glitzernd beschienen wie eine Madonna von Botticelli. Mögen Sie?

Ihnen im Herzen ergeben

Georg

An die Entfernte

Zwischen dir und mir Liegt so vieler Schlaf. Drin vergaßen wir Beide, was uns traf.