Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 25
»Ja, jetzt erinnere ich mich. Ein Blick in ein Flußtal, beim ersten Hinsehn ganz konventionell anscheinend, aber in Wirklichkeit war alles auf eine sehr besondre Weise vereinfacht, und die Farben hatten ihr Geheimnis. Es erinnerte mich an gewisse Zeichnungen von Kokoschka; es giebt da einen weiblichen Kopf -- erinnerst du? -- in den dicken Konturen nahezu akademisch anmutend --«
»Die aber in Wirklichkeit Schnüre aus hundert zitternd lebendigen Strichen waren, -- oh natürlich, Kokoschka!« fiel Georg ein. Und nun mußte er auf Riesa zutreten und in bittendem Tone sagen:
»Nun hör einmal, Lieber, findest du es nicht auch schöner, von Kokoschka und dergleichen zu sprechen, anstatt ...« Er versuchte, dem vor ihm Stehenden eine Hand auf die Schulter zu legen und sie zu streicheln, der aber tat, als ob Georg nach ihm schlagen wollte, duckte sich lächelnd und abwehrend und rief, während Georg nun tätlicher auf ihn eindrang: »Jedes zu seiner Zeit! Schaff dir eine Kreuzotter an, Georg!«
»Es giebt ja keinen Zoologischen hier!« lachte Georg, Riesa gegen die Tür pressend, allein jetzt kam ihm über der Vorstellung einer Kobra Cora wieder ins Gedächtnis, und er sagte, von dem Andern ablassend:
»Die Sache ist nämlich die: ich kenne diesen Bogner, von früher her, ja, und nun habe ich vor ein paar Wochen eine Schwägerin von ihm kennen gelernt, durch Zufall. Sie ist hier zu Besuch, und sie schreibt mir eben, es wäre nicht unmöglich, daß sie heut nachmittag ...«
Riesa lächelte mit schiefem Mund. »Im Augenblick bin ich verschwunden.« Er griff nach der Türklinke. »Auf Wiedersehn, Durchlaucht! Vergiß nicht, weshalb ich kam!« Schon auf dem Flur und beim Mantelanziehn sprach er weiter von Pflichtbewußtsein, und was Irrtümer betreffe, die Georg angedeutet habe, so sei das seine Sache. Mißlaunen an seiner Umgebung auszulassen, sei entschieden inferior ...
Dann fiel die Flurtür hinter ihm ins Schloß, Georg ging, frierend vom Kältehauch des Treppenhauses, in sein Zimmer zurück, raffte Coras Brief wieder an sich, allein das Licht schmerzte empfindlich, er glaubte, nun wirklich zu fiebern, löschte die Lampe und streckte sich auf den Diwan.
Bald erschien ihm Coras Gesicht, das flattrige, braune, rötliche Haar, die mattblauen Augen unter dem sonderbaren Gürtel brauner Sommersprossen, der blasse Mund mit zu dicken Lippen ... Wie mag ihr Mann wohl sein? Eigentlich war es doch peinlich -- gerade Bogner gegenüber. Peinlich? Es war doch nichts geschehn! Aber sie war wohl kaum ganz echt. Freilich: für ihren Mann war sies doch. Sie kam! -- Sein Herz pochte wieder mit Nachdruck. Er wartete. Er wußte die Zeit nicht, wollte sie auch nicht wissen, um das Warten nicht durch Berechnungen peinlicher zu machen. Und dann taumelte ein Mänadenschwarm von Vorstellungen durch sein Gehirn. Er hörte ihr Klopfen an seiner Zimmertür, sie war da, er öffnete, er sah deutlich ihren Schattenriß, den großen, schwarzen Hut ... allein auf diesem Punkt erlosch alle Vision: er konnte keine Vorstellung für ihre Haltung finden in diesem Augenblick, für ihr Wesen, ihr schillerndes Wesen. Auf der Suche nach einer leibhaften Erscheinung von ihr, kam alsbald der Saal in der Schackgalerie hervor, das große Tizianbild in der Lenbachschen Kopie, davor -- ihm selber den Rücken zuwendend -- jene, noch ganz fremde, sehr schmale Gestalt, im übergroßen, flachen Hut, eine Pelzjacke überm Arm, in grauem Kleidrock und violetter Seidenbluse mit leicht angerissener Rückenschnalle. Und die hellweiche, unsichre Stimme fragte ein unscheinbares Weibwesen neben ihr mit etwas klagendem Tonfall und prätenziös: »Tizian? Aber das ist doch ganz Lenbachs Technik!« wobei sie plötzlich das Gesicht zu Georg herumwandte, ihn voll anblickend aus blassen Augen. Und er -- mit ihm selber unbegreiflicher Gefaßtheit -- fing gleich an zu erklären: Eine Kopie ... es seien lauter Kopien ...
Die Stuckornamente an der Decke über Georg, vom Laternenschein hell beleuchtet und schattenwerfend, verschwammen langsam. Er vernahm die tiefe Regungslosigkeit der sonntäglichen Stille im Haus. Die Glocken waren verstummt. Sie kam noch immer nicht ...
Das andre
Georg fuhr mit einem Schreck in die Höhe, am Erwachen merkend, daß er geschlafen hatte. Er lauschte wild. Sein Herz sprang und jagte. Alles war still. Nach wie vor teilte das einfallende Laternenlicht den Raum in zwei schiefe Hälften von Glanz und Düsternis. Hatte es geklopft? geklingelt? Wie lange hatte er geschlafen? -- Totenstille. -- Nein, die Glocken! Kaum hörbar fern bewegte sich wieder das wogende Durcheinander von Tönen, jetzt vergehend unter dem wütenden Sausen seines beim Hochfahren in den Kopf geschossenen Blutes, dessen folterndes Brodeln ihm nun eine fast unerträgliche Gier erregte, die heiße Bindenlast abzureißen, und schon spürte er im Loszerren und -wickeln, wie es leichter wurde, kühler, ganz kühl ... dann wieder die Glut, denn er saß unbeweglich, die Hände an den Schläfen, die Brust übervoll von namenlosen Befürchtungen. War sie nicht gekommen? Und kam sie noch -- was konnte es für Wert haben, bei diesem, seinem Zustand? Er war zum Unglück geboren. Er tat Falsches; dann kam das Rechte zur falschen Zeit.
Endlich zog er die Uhr aus der Weste und mußte, das Zifferblatt ins Licht haltend, erkennen, daß es bereits halb sieben war. Sie war ausgeblieben.
Elend im Herzen stand Georg auf und schlich zum Fenster. Vor der Laterne unten, jenseits des Fahrdamms, der glänzend schwarz war, wehte ein feiner, glitzernder Schleier von nassem Schnee herunter. Über ihre grünliche Helle hinweg sah er die bläuliche Schneedecke am Boden des Parks unter dem schwarzen Netz von Astgewirr, eine weiße Wiesenfläche in der Ferne, darüber die Wand des Himmels, ganz violett. Lange, gedankenlos, starrte er hin, und sein ganzes Innres füllte sich, sog sich voll derweil mit einer Trostlosigkeit ungeheuer.
Ihm schien alles unentrinnbar geworden. Die tiefe Öde seines Korpslebens hielt ihn gepackt wie ein Polyp mit hundert weichen, geisterhaften Armen; er wußte nicht, wie entkommen, wußte nicht, wie es ertragen nur bis ans Ende des Semesters. Und dabei, dachte er hochfahrend, wenn sie wüßten, wen sie vor sich haben! Ah, wenn ich Herzog bin, werde ich dafür sorgen, daß dieser Stumpfsinn ein Ende nimmt! Wenn sies nur schon wüßten! Dann würden sie brav ihren Kotau machen und -- aber was hilft mir das! -- Er fühlte sich wieder umzingelt, und die Zeit stand still. Cora -- das war doch eine Oase gewesen; so anfänglich, wie es war, so reich an Möglichkeiten, an Phantasie, an Gefahren! Morgen reiste sie ab. Morgen, dachte Georg, kann ich schlafen, solange ich will, da ich nicht zum Fechtboden zu gehn brauche, -- das ist ein Trost!
Da gedachte er Annas. Er gewahrte mit einer kleinen Drehung des Kopfes zur Rechten ihre Photographie im Dunkel auf dem Schreibtisch; die Fläche glänzte gläsern, die Züge blieben unsichtbar. Ja, unsichtbar, denn dies war aus. Sie wollte es ja! Traurig immerhin, daß er sie so schnell vergessen hatte. Nein, nein, es war klar: das war in Wahrheit keine Liebe gewesen, und so hatte sie mit ihrer Forderung an ihn unbewußt das Rechte getroffen. Wenn nur das Telegramm zu Weihnachten nicht wieder Hoffnungen in ihr erregt hatte ... Aber was war zu machen?
Plötzlich wehte es ihn von dem Bilde her an, Rührung, Zärtlichkeit, ein mattes Verlangen, und die Vereinsamung. Er ging hin, beugte sich über den Tisch, suchte nach ihren Zügen, und als er die lieblichen dämmern sah, schienen freundliche Erinnerungen leise zu erwachen. Er seufzte, griff in die Tasche nach seinem Schlüsselbund, schloß die Mittellade des Schreibtisches auf, zog sie vor, und da lag gleich Annas Brief, der Scheidebrief, auf den er, übergebeugt mit aufgestützten Händen, hinabstarrte, minutenlang ohne Gedanken.
Das Schrillen der Flurglocke sauste so gefährlich durch ihn hin, daß er nahezu schlotterte. Da! da! das war sie! Er warf die Lade zu, sie wollte nicht schließen, seine Hand zitterte, er warf das hinderliche Schlüsselbund links herum und rechts, riß endlich den Schlüssel heraus und stand und horchte derweil wie ein Einbrecher nach draußen, wo es jedoch so still blieb wie zuvor. War er allein in der Wohnung? Mußte er selber ...? Ah ja, und wenn er hinging und öffnete, so stand da ein Dienstmädchen oder dergleichen, so wie bei Pragers an totenhaften Sonntagnachmittagen, und fragte schüchtern nach Fräulein Lina.
Nein, nun mußte er doch gehn. Und angehaltenen Atems, im Wirrwarr von Zuversicht und Erwartung des Enttäuschtwerdens, schritt er zur Tür, über den Flur zum Glastor und öffnete. Da stand sie.
»Also doch noch!« sagte er, unendlich befreit.
Sie stand, zurückgewichen bis ans Treppengeländer, die Unterarme in einer großen, grauen Feemuff, die, wie ihre Jacke aus gleichem Pelz, verklebte nasse Haare hatte, das blasse Gesicht, halb im Schatten der breit geschweiften Hutkrempen, aufgehoben mit unbestimmtem Ausdruck, und auch an Nase und Kinn glitzerte es leise von Tropfen.
»Prinz, wie sehen Sie aus!« sagte sie endlich schwach.
»Ich! seh ich aus?« Er faßte sich an den Kopf. »Ach, das macht nichts! Bitte, kommen Sie doch herein!«
Aber sie beharrte in ihrer Haltung. »Sie sind ja ein furchtbarer Mensch! Also wirklich so ein gräßliches Duell! Wie kann man nur! -- Soll ich wirklich hereinkommen?« fragte sie dann, seine ausgestreckte Hand erfassend, und ließ sich hineinziehn, wobei sie so dicht aneinander gerieten, daß er seine Hand in ihren Arm schob. Sie sagte halblaut: »Ich fürchte mich aber!« So führte er sie den Gang hinunter.
Als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, rief sie laut: »Oh Gott, wie riecht es hier! Sind Sie das, Prinz? Jodoform oder so. Ach, entschuldigen Sie nur, das durft ich wohl nicht sagen? Hab ich nun Ihre Ehre gekränkt? Dann müssen wir uns auch duellieren.«
Georg befand sich in einem Wortschwall. »Nein,« sagte sie, als er nach ihrem Muff griff, »ich will nicht ablegen, auf keinen Fall, Durchlaucht! Den Muff, o ja, den können Sie haben. Gott, wie entzückend Sie wohnen! Da haben Sie ja den ganzen Park vor dem Fenster! Lieben Sie den Englischen Garten auch so? Überhaupt München! Oh, ich liebe München! Eine himmlische Stadt! Kennen Sie Magdeburg? Magdeburg ist der Tod. Nein, daß ich nun wirklich hier bin! Prinz, das dürfen Sie mir nie vergessen! Werden Sie? Schwören Sie es! Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß ich kommen würde! Auf der Treppe bin ich dreimal umgekehrt. Glauben Sies nicht? Nein, wie entzückend Sie eingerichtet sind! -- Kein Licht!« antwortete sie auf Georgs Frage, »dann muß ich mich zu sehr schämen.« Sie lachte. Vor ihn tretend, fragte sie dann sehr besorgt, wie es ihm eigentlich gehe. »Ach, Sie haben sicher Schmerzen, und ich rede in einem fort. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Nun bin ich gleich still, Sie legen sich schön auf den Diwan, und ich setze mich zu Ihnen. Aber nicht dicht!« Sie lachte wieder, Georg ließ sich zum Diwan drängen, setzte sich auch, stand aber gleich auf, da sie an ihrer Jacke knöpfte, half ihr sie öffnen und ausziehn und hängte sie über einen Stuhl. Unterweil redete sie fort:
»Sie wissen doch, daß ich morgen reise? Sonst wäre ich ja auch nicht gekommen. Bestimmt reise ich, Georg.« Sie drehte den Armstuhl vorm Schreibtisch herum, nicht ohne einen Blick auf Annas Bild, und setzte sich, während Georg sich halbliegend über den Diwan streckte. »Meine Tante war entsetzlich eben. Kanarienvogel, Sofaschoner, sittliche Entrüstung, es war alles da. Georg, Sie sagen ja gar nichts! Nun sagen Sie bloß, warum fechten Sie eigentlich? Es ist doch so unzeitgemäß! Sport ist viel gesünder. Im Sommer besuchen Sie mich einmal, und wir rudern zusammen. Ich rudre leidenschaftlich. Sie?«
Georg versicherte, gleichfalls mit Leidenschaft zu rudern, worauf sie erklärte, sie käme um vor Durst. -- Ob sie einen Likör trinken möge?
»Likör? Aber Durchlaucht! Was haben Sie denn für welchen? Ich trinke nur süßen. Oh ich liebe Likör! Finden Sie das gräßlich? Ja, ich bin ein lasterhaftes Weib ...«
Ihre Stimme flatterte im Raum umher so unsicher wie eine Fledermaus, eine blaßgelbe Fledermaus, dachte Georg, indem er eine Flasche Sherry Brandy und zwei Gläser aus dem Schrank holte, die er füllte. Sie stießen mit dem kleinen Finger an, Georg konnte nichts trinken und stellte sein Glas wieder hin, während sie das ihre in kleinen Schlucken leertrank.
Dann, nachdem er einiges gesagt hatte, von seiner Freude über ihr Kommen, seiner Einsamkeit und einem unangenehmen Besuch, den er gehabt habe, saß sie still da, nachdenklich, wie es schien, und Georg geriet wieder in die Erinnerung an Riesas steifes Geschwätz und seine eigene unterbrochene Anklagerede. Ohne sein Zutun ballte die sich wieder in ihm zusammen; jetzt konnte er sie zu Ende bringen und sich erleichtern.
»Sie wundern sich über mein Fechten,« fing er an, »aber das ist noch das Netteste vom Ganzen. Ach, darüber sprachen wir ja schon! Heut kommt einer, ganz steif, im Auftrage des Korps: Ja! -- und: kurz und gut: mein Benehmen ist ihnen aufgefallen, und er warnte mich. Er war steif wie von Pappe, bloß mit einer Vorderansicht bemalt. Hier ist einer immer steifer als der Andre. Das ist die studentische Jugend! Achtzehnhundertdreizehn, da hätte man leben sollen! Da war Jugend noch Feuergeist. Ja, wenn man noch unbändig wäre, Bande sprengte, die des Ich und somit die bürgerlichen; über die Stränge schlüge und etwas übte, das -- das Wirkung hätte, das -- wenn auch nur Erstaunen und Entsetzen meinetwegen von irgendwem hervorriefe! Daß doch wenigstens der Bürger das stumpfe Bewußtsein hätte von einer andern, einer leichtern, freiern, kühnern, jüngern Welt!« Wie schön sie dasaß und lauschte! Georg fühlte sich fast schmerzlos im Weiterreden. Ihm kamen bunte Einfälle. »Wenn man -- also meinetwegen auf lauter Schimmeln in roten Badehosen hellmittäglich durch die Stadt ritte und am Stachus Gaudeamus sänge. Wenn man Serenaden brächte, eine vergötterte Sängerin unter Bergen von Sträußen begrübe ... Was meinen Sie? Wenn man zum Beispiel alle Hebammen der Stadt mitternachts zum Zentralfriedhof bestellte, um die Toten des Todes zu entbinden.« Georg mußte auflachen über eine neue Vorstellung, die er vor Lachen kaum über die Lippen brachte: seine sämtlichen Korpsbrüder, die mit umflorten Zylindern und Kerzen in den Händen einem Sarge folgten, in dem ein toter Hund lag, und den sie unter Musik feierlich begrüben, bloß um aufs Grab schreiben zu können, daß hier >der< Hund begraben läge.
»Entzückend, Georg,« sagte sie nun, »aber warum tun Sies nicht? Machen Sie den Anführer!«
Georg warf sich herum und stand auf, nicht ohne Verwirrung. »Ja,« sagte er, »da stehe ich und denke mir was, aber ich führe es ja auch nicht aus. Ja, und glauben Sie vielleicht, ich würde Gefolgschaft haben? Erstens bin ich ein krummer Fux, der den Mund zu halten hat, und zweitens ... Ich sagte es ja schon: vor hundert Jahren gab es dergleichen vielleicht. Aus Übermaß der Gefühle, aus Jugend, nur aus Jugend, könnte dergleichen ja doch nur losbrechen, aber wo giebts die heutzutage? Sie müssen sich ja voll Bier schütten bis zum Hals, um nur munter zu werden, und was herauskommt, ist bloß Radau oder -- wieder Bier.«
Cora hob die Achseln. »Gott, Georg,« sagte sie spitz und verzichtend, »Sie brauchen sich doch eigentlich nicht zu beklagen. Sie sind doch frei! Sie sind ein Mann. Aber sehen Sie mich an! Ich bin gebunden. Ach, und die bürgerliche Atmosphäre, in der ich sitze -- -- Georg, glauben Sie mir, ich kann nächtelang liegen und weinen vor lauter Verzweiflung. Die Ehe ist -- ich will Ihnen sagen, was sie ist! Ein Verbrechen gegen das keimende Leben. Man ermordet sich gegenseitig, auch wenn mans noch so gut machen will. Mein Mann ist _sehr_ gut, Georg! Aber was hilft das? Die beständige Reibung. Und ich bin so ganz unbürgerlich. Ich bin zu amüsant. Mein jüdisches Blut, wissen Sie! Mein Großvater war Jude, ein Prachtmensch, oh ich liebe ihn, unbeschreiblich! Daher das Kritische an mir. Immer Widerspruch, -- das ist doch das einzig Gute am Judentum: der Sauerteig der Nationen. Ich hätte Schauspielerin werden sollen. Als Kind wollte ich immer. Auch später noch. Ich habe sogar Unterricht gehabt, aber dann verliebte sich mein Lehrer in mich, und es nahm ein Ende mit Schrecken.« Sie lachte, seufzte dann schmerzlich.
»Aber Sie konnten doch einen andern Lehrer nehmen?« meinte Georg widersprechen zu müssen, brennend erregt von ihren Aufschlüssen.
»Gott, Sie wissen doch, Georg,« erwiderte sie matt, »ich heiratete eben.«
»Ja, aber weshalb denn?«
»Weshalb? Einmal muß man doch. Und Herbert wollte es ja durchaus. Er war so rührend! Sie machen sich keine Vorstellung, wie rührend er war! Da giebt man denn schließlich nach. Übrigens müßten Sie mich einmal deklamieren hören und Ihr Urteil sagen, ganz ehrlich! Kennen Sie Werfel? Oh wie ich den liebe! Er ist so ausschweifend. Kennen Sie das:
Wenn abends Heimkehr endlos durch die Gassen geht, Erhebt ihr euch von eurem täglichen Gerät ...
>Lesbierinnen< heißt es.«
»Wollen Sie es nicht sagen?«
Sie stand auf. »Aber wie spät ist es denn? Georg, ich muß spätestens um acht in der Schellingstraße sein. Meinen Sie, daß noch Zeit ist? Also hören Sie zu!«
Sie hatte sich drüben im Schatten vor dem Bücherschrank aufgestellt, so daß Georg von ihrem Gesicht nur den Schein sehn konnte. Dann begann ihre unsichere Stimme, die sie möglichst geheimnisvoll zu machen suchte, halblaut und mit pathetischer Eindringlichkeit:
»Wenn abends Heimkehr endlos durch die Gassen geht, Erhebt ihr euch von eurem täglichen Gerät. Zwei süße Näherinnen, noch vom Radgesang umspült, Jetzt wandelt ihr, von Wind und Müdigkeit gekühlt.
Entfacht daheim, ihr Kinder, euren Samowar Und löst das leichte, luftverspielte Haar ...«
Georg, der das Gedicht kannte, benutzte die Gelegenheit, sich zu sammeln und sich für Minuten ganz der Folter seines Kopfes zu überlassen. Fiebernd, schweißbedeckt am ganzen Leib, hörte er ihre Stimme ferner und ferner verhallen, endlich wieder lauter mit den Schlußzeilen:
»Doch ist auf jeder Lippe Tod und Rache da, (Ha, der verruchten Küsse angeklagte Kette!) Schlaft ein, Schlaft ein in eurem Bette! Dem tausendfachen Geist der Liebe seid ihr nah.«
Als sie dann schwieg, hielt er Schweigen für den zartesten Ausdruck der Bewunderung und bemerkte erst nach einer Weile achtungsvoll, das Gedicht fände er eigentlich weniger schön als ...
»Pervers, nicht wahr?« sagte sie flott, »aber schön!« und kam langsam durch das Zimmer zu ihm, Bangnis seltsam aushauchend mit einmal. Trotzdem wagte er es, ihre Hände zu fassen. Hatte er daran gezogen? Sie war plötzlich auf seine Knie nieder geglitten und wäre gefallen, wenn er nicht den Arm um ihren Rücken gelegt hätte.
»Georg, was tun wir?« sagte sie heftig atmend. »Nein, ich bin Ihnen ja viel zu schwer!« lachte sie dann. -- Sie war wirklich schwer.
Plötzlich -- -- was war denn nun das gewesen? Eine heiße, feuchte Berührung an seinem Ohr, und sie war aufgesprungen. Hatte sie wirklich die Zunge in sein Ohr ...? Er wollte auf und ihr nach, doch durchschnitt in diesem Augenblick der grelle Schein der aufflammenden Schreibtischlampe seine Augen, und geblendet sah er ihren Schattenriß, über die Lampe gebeugt, neben die sie Annas Bild hielt. Dann hörte er ihre Stimme:
»Prinz, wer ist das? Welch ein entzückendes Gesicht! Wie zart ist es! Lieben Sie sie? Ich weiß, daß Sie sie lieben! Erzählen Sie mir von ihr!«
Sie stellte das Bild wieder hin und ging an das Fenster. Was mochte sich nun in ihr bewegen? fragte sich Georg, noch schweigend und nach Worten suchend. War sie eifersüchtig? -- Mit leiser Stimme brachte er vor, er habe dies Mädchen wohl geliebt, aber es sei längst aus, sie habe es nicht gewollt, -- und mehr dergleichen, was ihm selber plump und trivial vorkam. Sich schämend, senkte er den Kopf und schloß die Augen, mußte aber nun denken, daß, wenn sie ihn so sitzen sah, er ihr von Erinnerung übermannt scheinen mußte, und daß dies ihm nicht eben zuwider war. Gleich darauf hörte er das Rauschen ihres Kleides, sah auf und sah sie verschwommen in der Dunkelheit über sich, und der Hutschatten verdeckte das ganze Fenster mit der Laternenhelle. Wieder nahm er ihre Hände. Sie beugte sich herab und küßte schonend seine Stirn oder vielmehr den Verband darüber, und dann saß sie, weich hingeschmolzen, auf seinem Schenkel, er küßte ihre Wange einmal und noch einmal, suchte ihren Mund, erreichte ihn, aber kaum daß er ihre Lippen gefühlt hatte, ganz kalt und fleischig, war sie aufgesprungen und von ihm fort. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ihre Jacke und zog sie an, ging durch den Raum zu dem Sessel, auf dem ihre Muffe lag, nahm sie an sich, kam wieder bis zu ihm, der aufgestanden war, hielt ihm die Hand hin und sagte: »Adieu!«
Er fand nichts als ein kümmerliches: »Wollen Sie wirklich gehn?«
»Wie spät ists denn?« fragte sie in gleichgültigem Ton. Er sah auf die Uhr, fand, daß es drei Minuten vor acht war, log aber, es sei dreiviertel.
»Um Gottes willen, dann ists aber allerhöchste Zeit!« Sie lief fort von ihm zur Tür. Als er sie eingeholt hatte, öffnete sie, schritt dann mit gemachter Gelassenheit den Gang hinunter und wandte sich vor der Glastür mit der Bemerkung: »Schöne Bilder!« indem sie sich nach den Wänden umsah. Ihm wieder die Hand hinstreckend, die andre auf der Türklinke, lächelte sie, in den zusammengezogenen Augen einen Hauch von -- wars Ironie, Verachtung? -- Es reizte jedenfalls Georg dermaßen, daß er sie umschlang, sie an sich drückte und heftig auf den Mund küßte. Lange Sekunden hielt sie hingegeben still, riß sich dann los, riß die Tür auf, war hindurch und hatte sie hinter sich ins Schloß geworfen.
Dastehend, die Glastür vor Augen, merkte Georg nach einer Weile, daß er schmunzelte, worauf er augenblicks ernst wurde, zumal ihm einfiel, daß sie am nächsten Morgen abgereist sein würde. Alsbald fror er in der Kühle des Flurs und ging in sein Zimmer zurück.
Das ist das Leben! dachte er zähneklappernd im Auf- und Niedergehn. Morgen ist sie fort, und ich habe es gerade bis zum Anfang gebracht. Wenn sie nicht wirklich nach Hause gemußt hätte, fragte er sich frivol, ob es dann bei der Jacke geblieben wäre? Da fühlte er wieder die Berührung ihrer Lippen, die so fremd gewesen war. Fremde Menschen, dachte er, was soll das alles? An Riesa fiel mir auch die Fremdheit auf. Oh Gott, mein Kopf, das ist ja, um in die Luft zu gehn! -- Fremde Menschen, murmelte er betäubt, fremde Menschen ... Sie freilich hatte er geküßt, aber dadurch war sie ihm nicht bekannter geworden. -- Nein, erklärte er sich fest, dies ist das Leben nicht, das du zu führen gedachtest. -- Es war ja alles falsch und sinnlos. Das Korps war verkehrt, auch Riesa verkehrt, und Cora? Cora ...
Wenn ich einmal Herzog bin ... ging es durch das Zacken in seinem Gehirn; und dann: ob Papa -- in seiner Jugend -- auch solche Dinge ...
Frierend, fiebernd, ganz erschöpft, stand er vornüber und kam sich unecht vor an Leib und an Seele.
Siebentes Kapitel: Februar
Georg an Cora Bogner
München, am 1. Februar
Herrin:
Entschwunden? Gänzlich verschwunden? Allerdings, ich erinnere mich: wir hatten beschlossen, die flüchtige Zartheit unsrer Berührung so falterhaft sein zu lassen, wie sie war; ihr nicht die Bleigewichte von Briefen anzuhängen und so weiter, Sie wissen schon. Aber -- was alles beschließt nicht der Mensch! Es ist groß zu verzichten für den Reichen, aber nun bin ich verarmt und so einsam wie der letzte Wolf in Polen. Groß ist auch Einsamkeit, wo sie ganz ist und echt; ich aber bin niemals allein, -- Sie kennen mein hiesiges Dasein, das nicht den Namen Leben verdient. Leben Sie? In dem Rohrdommelnest Beuglenburg zwischen den ewigen Mooren? Dann gewähren Sie mir ein gnädiges Zeichen!
Ihrer Huld mich empfehlend, gebeugt, ehrfürchtig
der Ihre Georg Trassenberg
Cora Bogner an Georg
Beuglenburg, am Amtsgericht 2
Lieber Prinz!