Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 24

Chapter 243,711 wordsPublic domain

Es ist lieblich, Feste zu feiern, wenn die Gelegenheit es mit sich bringt. Weihnachten ist mir erinnerlich, wo ich bei einem Talglicht über Kupferplatten gesessen habe tränenden Auges, ohne etwas von den Möglichkeiten des Abends zu wissen; Weihnachten, wo ich mit angezogenem Paletot im Bett lag und beim Licht einer Straßenlaterne Käfer auf der hellen Wand über mir herumlaufen sah; Weihnachten in einer Waschküche, gehüllt in weiße Dünste, einen Kaffeetopf in der Hand; Weihnachten in einem angenehmen Frauengemach neben einer Stehlampe und einem dunkelhaarigen Mädchenkopf, der sich über Holzschnitte von Schongauer und Dürer, über Schwarzweißblätter von Beardsley beugt, -- sie liegt nun zwölf Jahre schon still und beruhigt in Weißensee unter einem prächtigen Monument, aber ich vergesse sie deshalb nicht. Auch Weihnachten im blauweiß karierten Aschinger vor einem Paar Bierwürste mit Salat, und Weihnachten mit einem Handköfferchen in der Hand in einem schönen Geschäftszimmer vor einem zornigen alten weißbärtigen Herrn neben einem offenen Geldschrank. Ja, da stehe ich im siebenzehnten Jahre meines Lebens, bei mir mein Kamerad, der Sohn des zornigen Kaufmanns, der mir eine ungeheure, donnernde Rede gehalten hat, ob ich mir einbildete, daß er meine verrückten Streiche hinter dem Rücken meiner Eltern unterstützte, worauf er den Geldschrank aufschloß, seinem Sohn bedeutete, daß er auf denselben achtgeben solle, bis er wiederkäme, und verschwand. Da bestahl nun der Sohn den eigenen Vater, und B. Bogner fuhr in dieser Nacht in die Welt, um ein Maler zu werden.

Ich sehe, man kann Weihnachten auf so vielerlei Arten begehn, wie es Dinge an diesem Tage zu essen giebt.

Dies glaubte ich Ihnen sagen zu müssen. Nehmen Sie es freundlich auf! In den nächsten Tagen fahre ich zum Herzog. Je nachdem wie die Arbeit vonstatten geht, komme ich im April oder Mai nach Altenrepen.

Gute Nacht, freundliches Wesen!

Bogner

Georg an Magda (Telegramm)

24. Dezember

Hier ist Georg, Anna, steht draußen vor der Tür und weiß nicht, ob jemand drinnen ist. Erlaubst Du ihm, ganz leise anzuklopfen, weil Weihnachten ist? Ich bin in Trassenberg, diese Hälfte des Semesters war schrecklich. Mama und Papa wünschen Dir und Deinem Vater ein schönes Fest, ebenfalls Dein einsamer alter Georg.

Magda an Renate

Am ersten Feiertag

Renate, es liegt Schnee! Über Nacht ist er leise heruntergefallen, während ich fest und warm schlief, und am Morgen schien er durch einen Spalt im Vorhang so hell herein, daß ich gleich hinlief, und da war draußen alles weiß und still, weithin, und kein Unterschied mehr zwischen unserm Obstgarten und dem Park; überall standen die schwarzen Bäume mit dicken weißen Pelzen, und ich hatte die größte Lust, gleich in die Weihnachtsstube hinunterzulaufen, -- hast Du das auch getan? damals als man noch klein war? um nachzusehn, ob auch alles noch da war? -- um nach meinem himmlischen Feepelz zu sehn und vor allem nach dem Kimono. Aber davon mußt Du Dir von Bogner erzählen lassen. Nämlich, ich bin heut zum ersten Mal draußen gewesen, nur ins Schlößchen hinüber, um ihn zu besuchen, und da war er grade dabei, einen Brief für Dich in den Umschlag zu tun. Den nahm ich ihm weg, und schließlich erlaubte er mir, ihn zu lesen. Geheimnisse standen ja wahrhaftig nicht drin. Nein, was er für ulkige Briefe schreiben kann!

Weißt Du, Renate, wir wollen ihn ja ruhig dabei lassen, daß ich seiner Kimonoidee alles verdanke, und wirklich, -- ein wenig schäme ich mich sogar, daß er mich so überlistet hat. Ich wußte ja selber nicht, wie gern und wie lange schon ich wieder _ganz_ gesund werden wollte, aber schon die letzten Tage war mir so sonderbar! Auf einmal war es so schön, müde zu sein, und dann konnte ich mich auf nichts mehr besinnen. Alles war hingeschwunden oder so fremd geworden, daß es mit mir gar nichts mehr zu tun zu haben schien; es war alles wie zugedeckt, ja, wie das Land von der Schneedecke, und ach, ich möchte ja so innig, so innig möcht ich hoffen, daß es im Frühjahr, wenn die Decke schwindet, alles neu und anders geworden ist!

Ich kann gar keine Gedanken mehr fassen. Es kommt mir vor, als ob ich die ganze Welt durchgedacht hätte, und Jahre um Jahre hätte es gedauert, aber nun stehe ich am andern Ausgang und weiß kaum, wie ich dahin gekommen bin. Hilf mir nun, Du Gute, hilf mir, daß ich nicht wieder anfangen muß, immer nur das Düstere und Beklemmende zu denken! Hilf mir, daß ich so einfach und gläubig sein kann wie Du, ich bin ja schwach und einsam, und es geht sich so schwer unter solcher Last von Gedanken, -- möchtest Du nicht, daß ich für ein paar Wochen zu Euch käme? Am liebsten käm ich ja morgen schon, aber vor Neujahr leidets Vater nicht; später wird er mich wohl ganz gern entbehren. Wüßt ich nur, was aus dem armen Jason werden soll! Vielleicht läßt er sich mitnehmen, ich muß ihn einmal fragen, wo er eigentlich zu Hause ist. Bogner ist über Nacht eingefallen, wie er mich malen muß; er hats freilich wieder vergessen, aber das sei keine Frage, sagt er, daß er es wieder fände. Dazu braucht er aber mich nicht mehr, und nun will er in den nächsten Tagen nach Trassenberg zum Herzog. Denk Dir nur, wie rührend er ist! Er hat mir einen herrlichen Lampenschirm gemacht aus lichtgrünem Papier mit einer Menge Kreise und darin schwarze Silhouetten von lauter lustigen Personen: Harlekine und Pantalons und Kolombinen, phantastische Vögel und Affen, und das hat er alles selbst geschnitten und aufgeklebt. Sonst hab ich natürlich eine Unmenge Sachen bekommen, die wirst Du alle zu sehn kriegen.

Ja, -- ein Telegramm ist auch gekommen, ein langes von Georg. Der liebe, er hat mich also doch nicht ganz vergessen. Es scheint ihm nicht gut gegangen zu sein, ich hörte von Papa, daß er in einem Korps aktiv geworden ist, und das ist wohl nichts für ihn. -- Ach, das ist nun auch alles so weit entfernt, und ich weiß nicht einmal, ob ich wünschen darf, daß ich einmal wieder hin finde.

Deinem lieben Onkel laß ich viel, vielmals danken für die wunderbaren Handschuh! Sie passen genau.

Und nimm zum neuen Jahr tausend Wünsche für alles Gute und Liebe und Schöne, alle Erfüllung und viel, viel Freude! Von Deiner

bald wieder ganz gesunden Magda

Renate an Magda

28. Dezember

Mein Liebstes,

ja, ja, natürlich kommst Du, sobald Du kannst oder willst! Es läßt sich ja gar nicht beschreiben, wie unendlich glücklich Dein Brief mich macht, und ich kann die Zeit nicht abwarten bis zum Wiedersehn! Vergiß weder Tanz- noch Schlittschuh, ich laufe den ganzen Tag auf einem schönen Teich, anzusehn wie ein Komet mit einem _so_ langen Schweif Männer hinterdrein.

Ein Wörtlein, mein Kleines! Dein vorletzter Brief hat eine kleine Stelle, in deren Licht ich etwas, von dem ich bisher nichts wußte, und das doch da und wunderbar schön war, plötzlich erkannt habe, und nun ist es aus damit. Ich schreibe Dir das, nicht weil ich Dir böse bin, sondern damit Du es weißt und niemals -- hörst Du? -- niemals wieder daran rührst!

Auf Wiedersehn, Herzlein! Komm hoffnungsvoll und dankbar ins neue Jahr! Innige Küsse und Gedanken Deiner alten

Renate

Nein! nein, er ist zu schön! gar zu schön! Immer wenn ich schreibe, steht er nun vor mir und sieht über mich hin mit seinem ewigen Blick! Ech-en-Aton heißt er, ein ägyptischer König vor 2500 Jahren, der zur Sonne betete, und es ist der Gipsabguß einer kleinen Büste von ihm -- nur Kopf, Hals und die Ansätze der Achseln -- den ich von Georges bekam, meinem Freund Saint-Georges. Stelle Dir nur vor: ein Gesicht nicht größer als meine Hand, so zart wie der frische Schnee, mit -- seltsam zu sehen für mich! -- mit Georges eigenen, flachsitzenden, länglich geschnittenen Augen, auch seiner Nase -- die hier so klein ist und zart wie die eines jungen Tiers, und auch der Mund ist wie Georges', vorgewölbt, und bei meinem König so wie der eines Seraphs, auf dem immer der Name der Dreieinigkeit ruht wie ein Kuß. Ernst ist er sehr, und nur in den äußersten Winkeln der Augen glänzt manchmal die Allwissenheit wie der Hauch eines Lächelns. Und schön ist er, schön -- ach atemberaubend schön! Bald 3000 Jahr alt soll dies sein, diese Blüte von Frische, diese Narzisse des Himmels! es ist nicht zu glauben! So komme nur, komm und sieh, und Du wirst heil sein im Augenblick!

R.

Renate an Bogner

am 31. Dezember

Ein gesegnetes neues Jahr wünscht Renate von Montfort So hat sich doch alles zum Besten gewendet.

Sechstes Kapitel: Januar

Zwiegespräche: Das eine.

Georg lag, im verbundenen, wunden Kopf einen ganzen Pechkessel voller Lohe, auf seinem, schräg ins Zimmer gestellten Diwan. Aus dem brodelnden Pech spritzten und fielen des öfteren brennende Tropfen in sein Gewissen, wo sie dann abscheuliche Verheerungen anrichteten, -- ohne sein Verschulden, wie er schwermütig festhielt, denn so schlapp meinte er eigentlich nicht zu sein, daß er sich von Verzweiflung über seine verkehrte Lebensart einschlucken ließ in einer Stunde leiblicher Peinigung, und so mühte er sich ab, irgendwo in seinem Innern eine Stelle leer zu halten, allwo er selber lag und sich nichts anfechten ließ.

Aber wäre nur nicht das schändliche Glockenläuten gewesen! Dieses immerwährende, weit ferne musikalische Rumoren in der Stille des Sonntagnachmittags -- wo nur einmal eine unbekannte Türe ging, ein Schleifen von Schritten unter den Fenstern vorüber --, es bohrte -- wie ein Zahnschmerz -- nun grade in dieser letzten, leer gehaltenen Stelle herum, und aber und abermal mußte er die Augen öffnen, um durch schmerzliche Lider einen durchbohrenden Blick oben ins kalte Grau der Fensterhelle zu heften, als müßte er sie dort hängen sehn können und ihnen zudrohen, diesen Glocken im öden Winterhimmel. Derweil verdunkelte es sich allgemach im Zimmer, die Möbel wurden mit den Wänden zu schweren, finstren Massen, dumpf und weich erschütterten Schritte über ihm die Zimmerdecke, -- es war trostlos zum Sterben.

Hamburg, du schöne Stadt, _Eh tu mon dieu, mon dieu_! Hätt ich dich --

O vermaledeit, nun auch diese plärrende Melodie noch! Weg damit! Weg da --

-- nimmer doch gesehn, Dann wär mein -- -- Beutel noch nicht leer! _Sacre di bleu!_

So, nun wars aus! Nein, es begann vielmehr im Augenblick von vorne: Hamburg, du -- schöne Stadt ...

Georg war im Begriff, den Kopf durch die nächste Fensterscheibe zu rennen, als die Flurglocke schrillte. Cora! zuckte es augenblicks darauf durch ihn hin. Unsinn! fuhr er sich hinwieder an, aber er saß aufgerichtet, eine Hand am Verbande vor der Stirn, in der es nun mit verdoppelter Wut zuckte und kochte, und springenden Herzens. Stimmen ... Schritte ... Nein, eine männliche! -- Stille ... Wieder Schritte ... zu seiner Tür. Es klopfte, enttäuscht fühlte Georg sein Herz mit Schlagen aussetzen, während er hereinrief und sich erhob.

Im Türspalt erschien das eirunde, in der kalkigen Helle graubleich scheinende Gesicht des Inaktiven Riesa und seine rundliche, sehr gepflegte Gestalt, in einen zugeknöpften braunen Anzug fest eingepackt. Mit seinen zierlichen Schritten, etwas vorgebeugt, um den Sofatisch kommend, streckte er nach seiner Art die lange Rechte, bei knapp an den Leib geschlossenen Ellenbogen, nach vorne aus, Georg entgegen, der, sie ergreifend, sie eisigkalt und knochig fühlte in seiner heißen.

»Nun, nicht mit nach dem Geiselgasteig?« fragte er gedehnt und erfreut. »Aber wie schön, daß du kommst!«

Riesa, hinter den ungefaßten, sehr dicken Kneifergläsern und mit schiefgezogenem Mundwinkel lächelnd, daß die kahle Oberlippe Falten bekam, drückte ihn mit behutsamen kleinen Handbewegungen auf den Diwan nieder, was Georg sich gern gefallen ließ, denn nach dem Schreck und hastigen Sichaufrichten wars, als ob sich eiserne Kugeln in seinem Schädel stießen. Dann sah er blinzelnd dem Andern zu, der sein Augenglas, den Bügel in der Mitte fassend, vom Nasenrücken löste, es zwinkernd mit weißblonden Wimpern gegen das Licht emporhielt, dann mit der andern Hand aus der äußern Brusttasche sein Tuch hervorzog und sorgsam zu putzen begann. Langsam, so daß Georg zu frösteln begann, verbreitete sich die Winterkälte von seiner Gestalt aus. Dann verschwamm für eine Weile alles vor Georgs Augen, er hörte sich fernher gefragt: »Wieviel Nadeln?« erwiderte matt: »Dreiundvierzig«, und: »Alle auf dem Kopf«, und gewahrte nun wieder das unbestimmte Lächeln des schiefgezogenen Mundwinkels, auch die große und dunkle Zahnlücke darin, die das Schiefziehn eigentlich verbergen sollte. -- Georg dachte, ohne es zu merken, wie jedesmal: Er sollte sich doch einen Stiftzahn einsetzen lassen ... Riesa trat langsam bis zum Fenster, das der über Eck stehende Schreibtisch halb verstellte, und sah auf die Straße, als wollte er versuchen, ob er auch sehen könnte durch den wieder aufgesetzten Kneifer.

Wie fremd ist einem doch so ein ganz naher Mensch! meinte Georg dumpf im stillen. In seiner andern Körperlichkeit so seltsam fremd! Als ob man gar nichts miteinander zu schaffen hätte. Was wird er nun sagen?

Allein der Andre sah vielleicht etwas auf der Straße drunten oder im Park drüben; er sagte jedenfalls beharrlich nichts.

»Wenn du rauchen willst,« begann also Georg, »Zigaretten stehn da irgendwo ...«

»Danke schön! Du weißt, ich rauche nur meine Zigarren.« Und nach eines Augenblicks Pause, während Georg sich noch abmühte, wieder zu finden, was er noch eben gedacht hatte und weiter hatte denken wollen, setzte er hinzu, sich halb herwendend und mit seinen kleinen Betonungen bestimmter Worte: »Übrigens wäre es nicht _zu_ liebenswürdig gewesen, -- wenn du schon _wolltest_, daß ich rauche, -- wenn du sie mir eigenhändig angeboten hättest.«

Das klang ganz liebenswürdig, er lächelte auch, und Georg lachte, aber unaufrichtig. Was war das für eine sonderbare Mahnung zur Höflichkeit?

Sie schwiegen. Riesa begann, die Hände mit fest angedrückten Ellbogen in den Jackentaschen, hin und her zu gehn, und Georg folgte mit dumpfen Augen den grauen Gamaschen hin ins Dunkel der andern Zimmerhälfte. Hörbar ward wieder das unwandelbar eintönige, ferne Geläut. Dann plötzlich Riesas Stimme:

»Übrigens ... grade heraus, mein Lieber: ich wäre zwar aus eigenem Antrieb zu dir gekommen, leider kann ich dir aber _nicht_ verhehlen, daß auch noch ein andrer vorliegt.«

Da er verstummte, mußte Georg »Nun?« fragen, beklommen, nach einer Weile.

»Nämlich aus dem des _Korps_«, sagte Riesa kurz, lüpfte den Zipfel seines Tuches aus der Tasche, so weit, daß er ihn an den Mund drücken konnte, hüstelte hinein, stopfte ihn wieder zurück.

Georg richtete sich aus der halb liegenden Stellung auf. »Habe ich mir irgend etwas ...«

»Zuschulden kommen lassen?« Riesa blickte mit schief gehaltenem Kopf, die Achseln schmal anhebend, die Ellbogen abspreizend, gegen den Teppich. »Realiter nicht, lieber Georg, a--ber ... man ist _des_ ungeachtet und _trotz_ der so befriedigend verlaufenen ersten Mensur nicht völlig zufrieden mit dir.«

Also haben sies doch gemerkt, dachte Georg, indem er fragte: »Wieso?«

»Du nimmst den Korpsbetrieb nicht ernst.« -- Nein, hole ihn der Teufel, meinte Georg innerlich, er nahm ihn nicht ernst, den Firlefanz. »Habe ich recht, Georg?« Er machte ein ganz ernstes Gesicht, tadelnd: »Du scheinst dich zu langweilen. Du langweilst dich bei den Mensuren. Du langweilst dich noch mehr im Fuxunterricht. Du singst manchmal nicht mit am Spielabend ...«

Die Zotenlieder! hohnlachte Georg im Herzen.

»Du langweilst dich im Café, bei der Kneipe und beim Exbummel. Du langweilst dich immer und überall, -- und nur --« Riesa sprach immer heftiger und scheltender -- »wenn es der Durchlaucht gefällt, einmal guter Laune zu sein, ist sie bei der Sache und wird dann leicht ausfallend in einer sehr unbeliebten, ironischen Art. Ja, entschuldige schon,« schnitt er Georg das Wort ab, »daß grade ich es bin, der dir das sagt, aber da dein Leibbursch leider zur p. p. Suite abwesend ist ... Und vielleicht ists dir doch lieber, _ich_ bin es, als ein _Andrer_. Unsre Gesellschaft,« schloß der kleine, friedliche Mensch aufatmend, aber mit Entschlossenheit, »scheint dir nicht zu genügen.«

Georg war überaus verwundert. Was für eine Seite kehrte ihm denn auf einmal dieser sonst so geistreiche Mensch zu? -- Er kam freilich im Auftrag ... Aber nahm ihn doch ernst! Irgendwo hat jeder seine Beschränktheit, dachte Georg enttäuscht und entschloß sich endlich zu einer matten Entgegnung, indem er bemerkte, »unsre« sei doch mindestens übertrieben.

»Darauf,« war die nur gereiztere Antwort, »darauf, Georg, laß ich mich nun _nicht_ ein. Ich stehe hier nicht allein, sondern für das Korps. Bitte aber, wenn du dich verteidigen willst ...«

Georg saß, die Ellbogen auf den Knien, die Hände gefaltet, mit schmerzenden Augen in die letzte Helle oben starrend. Da Riesa darauf bestand, das Korps zu verkörpern, was war zu antworten? -- Endlich wagte er es:

»Ich glaube allerdings, daß ich ... nicht hierher --, wie soll ich sagen? -- Ich meine, nicht wahr, es war wohl ein Irrtum, daß ich aktiv wurde«, schloß er, das Gesicht zu Riesa herumdrehend.

»Irrtümer, Georg?« fragte der bestimmt. »_Die_ bist du wohl so gut, mit dir allein abzumachen!« Er kehrte sich zum Fenster herum.

Georg fühlte den Schweiß aus seinen Händen brechen und die Brust eingezwängt von Widerstand und Angst. Sie schwiegen wieder. -- Wovor fürcht ich mich denn? fragte Georg sich, immer verdumpfter. Es war jetzt ganz finster im Raum. Georg fragte müde, ob er Licht machen solle, aber der Andre wehrte, wieder ganz liebenswürdig, ab: wenn es seinen Augen unangenehm wäre, dann nicht. -- Wieder wars still. Dann begann im Hausflur unten gedämpft das kläffende Bellen eines Hundes, das Haustor wurde polternd aufgeschlagen, das Kläffen jubelte hell auf, Georg glaubte einen kleinen weißen Hund zu sehn, der mit dem rasch in die Ferne verhallenden Gebelfer der Freiheit die Straße hinabschoß. Öde dehnte sich in seiner Brust. Er schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, war es plötzlich hell geworden: durch die Fenster fiel von unten der Schein einer Straßenlaterne quer durch den Raum bis an die Decke.

Georg stand auf und begann, die ganz feuchten Hände auf dem Rücken, auf und nieder zu gehn. Sein Denken setzte aus. Was er hätte sagen können, ließ dem Vertreter des Korps gegenüber sich nicht fassen. Gern hätte er sich entladen, geklagt und getobt. War nicht alles ein einziger großer Brei von Stumpfsinn unter Alkohol? Jeder Einzelne ein irgendwie netter, ja reizender Mensch, wenn man ihn allein hatte, aber zusammen ... da wars, als ob die gegenseitige Berührung sie zu Kreide verwandelte.

»Darf ich eine Frage zur Faktischen tun?« fragte er schließlich.

»Bitte sehr!«

»Wie bist du eigentlich hier herein -- geraten! Wie hast du es hier ausgehalten?«

Riesa schien des trocknen Tones nun satt, schien zu lächeln und meinte, inwiefern das wohl zur Faktischen gefragt sein sollte. »Übrigens ... wie ich hereingeriet? Mein Vater war alter Herr hier, ich stand allein, suchte Menschen, Verbindungen. Wie ich es ausgehalten habe? Ja, Georg, wie haltens die Andern denn aus?«

»Du giebst also zu, daß es schwer ist?«

»Daß es mitunter nicht leicht ist, wer wollte _das_ verhehlen? Ich glaube, es giebt Wenige -- und es dürften kaum die Besten sein --, die nicht einmal einen Besuch empfingen wie du zurzeit. Das Korps ist doch kein Kinderspiel.«

Georg hörte kaum die letzten Worte. Pompös, allerdings nur in seinem Innern, erwiderte er: Ich will dir was sagen, Riesa! Obgleich du mir vorhin schon Standesallüren vorgehalten hast, erkläre ich dir rund und schlicht: Das Ganze ist ein Stumpfsinn zum Kotzen! --

Warum sage ich das nicht laut? dachte er erhitzt. Ah, wenn ich einmal Herzog bin! Er fühlte seine Hände naß, aber eiskalt jetzt, plötzlich schlugen seine Zähne aufeinander, ein Frostschauer überflutete ihn, in der Kopfhaut liefen siedende Schlangen. Ich habe Fieber, dachte er und streckte sich, ein Ächzen unterdrückend, auf den Diwan. Ach, wie war das alles widerlich und belanglos!

»Und übrigens,« hörte er Riesas Stimme in weiter Ferne fortfahren, »ich habe ja meine kleine Medizin. Du hast wohl nicht mehr davon gehört, da sie allgemein bekannt ist. Ich bin als Junge, mit vierzehn Jahren, mal von einer Kreuzotter gebissen und mußte eine halbe Flasche Rum austrinken. Seitdem bin ich immun gegen Alkohol. Höchstens giebt es einen kleinen Nebel, a--ber ... als es alle wußten, verloren sie die Lust, mich viel trinken zu lassen. Es hätte ja doch keinen Zweck ...«

»Ja doch keinen Zweck!« Nun brauste Georg hochspringend doch auf. »Das, ja das ist der ganze Zweck: besoffen zu werden! Menschenkinder, wo habt ihr eigentlich eure Jugend sitzen? Jugend, ja Jugend, das ists, was ich vermisse. Wir sitzen beieinander wie die Greise, steigen herum wie die Greise, fechten steif wie die Greise, und --«

Er stockte, da Riesa sich mit einer aufhorchenden Bewegung zur Tür umwandte. »Hat es geklopft?«

Gleich darauf pochte es wieder. Georg rief: »Herein!« In der Tür erschien das Hausmädchen mit einem Brief. Ein Bote habe ihn gebracht. Sie verschwand wieder. Georg, eine fremde Frauenhand auf dem mattvioletten Umschlag erkennend, trat mit fragendem »Du erlaubst?« zum Schreibtisch und ließ unbedacht die elektrische Lampe aufflammen, die zwei blendende Schwerter in seine Augen stieß. Es dauerte eine Weile, bis er auf dem Briefbogen die dünnen und runden Schriftzüge dämmern sah, endlich die Unterschrift: Ihre Cora. Aber er konnte sich nicht einmal recht freuen in seinem gereizten Zustand. Er entzifferte:

Aber was ist das, Georg? Sie kommen nicht? Ein Brief auf köstlichem Papier? Ein Unfall? Georg, an Unfälle glaube ich prinzipiell nicht! Der Mann meiner Freundin sagt, es würde wohl ein Duell gewesen sein. War es, Georg? (Sie erlauben doch, daß ich Georg schreibe, Durchlaucht finde ich gräßlich!) Etwa meinetwegen?!? Sich einer Frau wegen duellieren, fände ich schön, obschon es an sich abscheulich ist. Ich bin furchtbar in Sorge, Georg! Ich glaube, ich werde heut nachmittag, wenn mich mein Weg in die Nähe Ihrer Wohnung führen sollte, auf eine Minute bei Ihnen hineinsehn. Nur um mich zu überzeugen. Oder schickt es sich nicht? Ich habe keine Ahnung! Erwarten Sie mich jedenfalls _nicht_! Wenn ich es nur aushalte vor Unruhe! Georg, wissen Sie, daß ich _sehr_ erschrocken bin? Hieraus bitte ich aber keine falschen Folgerungen zu ziehn! Also ich komme bestimmt nicht!!!

Es sei denn, die Tante, die ich besuchen muß, ist gar zu langweilig.

Ach Gott, da fällt mir ein, daß ich ja morgen abreise. Sehe ich Sie denn noch? 8 Uhr 30 geht der Zug. Für alle Fälle also gute Besserung und auf Wiedersehn in einer schöneren Welt! Sind Sie traurig?

Ihre Cora

Georg hatte, als er gelesen, neben der Erregtheit der augenblicklichen Erwartung ein unbestimmtes Gefühl von Schmetterlingen oder Motten oder Raupen; vielleicht geflügelten Raupen. Immerhin -- solch ein Wirrwarr es war, schien es doch entzückend in seiner Art. Eigentlich war nichts zu unterscheiden, jeder Satz meinte etwas Andres, als er sagte. Sicher kommt sie, dachte er triumphierend, erinnerte sich nun Riesas und wandte sich zu ihm, unschlüssig, was er sagen sollte. Zum Glück fiel ihm Bogner ein, von dem sich leicht eine Überleitung finden ließ, und er fragte, das Briefblatt in den Händen drehend:

»Sag mal ... was ich schon lange fragen wollte ... erinnerst du dich, einmal Bilder von einem Maler Bogner gesehen zu haben, Benvenuto?«

»Bogner? Ja, ich denke. In Berlin bei Cassirer, nicht wahr? Eine Landschaft?«

»Möglich. Er ist nämlich --«