Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 23

Chapter 233,744 wordsPublic domain

Haben Sie unrecht? Habe ich unrecht? Sie nötigen mich, alles von vorn zu bedenken. Dies aber scheint mir nicht notwendig. Sie meinen, von dem, was Sie über meine Mutter aussagten, hätte ich nichts gewußt? Wohlan!

Sie erinnern mich an einen Tag, kurz bevor ich ins Kadettenkorps abmarschieren sollte, weil ich Ostern um Ostern meiner Versetzung den heftigsten Widerstand leistete. In seinem Zimmer zwischen den Apparaten und Glasschränken mit ärztlichem Handwerkszeug hatte mein Vater den schönsten Kasten mit Ölfarben, die herrlichsten Pinsel und die größte, braunglänzende Holzpalette ausgebreitet. Meine unwahrscheinlichsten Träume funkelten da. Er sprach liebreich und gütig zu mir. Am Ende bat er mich um mein Ehrenwort, daß ich diese Gegenstände nur an Sonntagen berühren würde.

Früher hatte ich doch kein Gewissen vor ihm gehabt und ihn hundertmal hintergangen und belogen. Warum stand es nun auf und sagte: Er will dich verlocken! und verweigerte das Versprechen? Warum diese Ehrlichkeit, da ich doch entschlossen war, aus dem Korps zu entspringen?

Hatte er unrecht? Er verfuhr wie der liebe Gott, sagte: von diesem Baum darfst du nur Sonntags essen, wollte aus mir einen ruhigen Bürger machen, der sich zu bezähmen weiß.

Da erinnern Sie mich nun an die Stunde, Jahre danach, wo das Bild dieser sich wiederum aufstellte, Arztzimmer, Malgerät und der schwere, grauhaarige Mann mit ausgestreckten Händen, aber nun heißt es nicht: er will dich verlocken, sondern: er hat dir doch eine Freude machen wollen ... So heißt es nun.

Was denken Sie sich dabei: »Er hätte ihn ja gern wieder aufgenommen, wenn er nur gesehen hätte, daß es ihm Ernst war mit der Malerei«? Sie denken, was mein Vater dachte -- nun weiß ich es freilich längst --, daß Ernst nicht von einem Menschen unter zwanzig Jahren zu erwarten ist, denn dies ist bürgerliche Meinung; nicht von einem Siebzehnjährigen, der seit seinem ersten Weihnachtsfarbenkasten, den er mit sieben Jahren bekam, nicht von ihm wegzubringen war, nicht mit Prügeln, nicht mit Hunger, nicht mit Einsperren, nicht mit Taschengeldentziehung, da er vielmehr hinging und die Kasse seiner Mutter bestahl. Armes Kind, vor zehn Jahren hab ich es wirklich nicht besser gewußt.

Am Telephon sagte ich Ihnen Dank für eine schöne Stunde. Bin ich nun erzürnt auf Sie? -- Ich bin verwundert. Herzlich sehr verwundert.

Vielleicht wünschen Sie, fünfzehn Jahre wie eine Kugel zurückzurollen, hin woher sie kam. Mädchen, was für Gedanken! Gut und weich ist Ihr Herz, Sie denken, alles hätte auf andre Weise auch geschehen können.

Ja, Sie haben ein Herz für Andre, sind gut und hülfreich. Wer wollte das nicht sehn? Es ist zu sehn, wie ein angenehmer Wind, wenn er im Fernen durch ein Kornfeld geht. Man empfindet ihn nicht am eignen Leibe. Den trug man fünfzehn Jahre für sich alleine umher. Kein Wind kam.

Aus Ihnen redet das Mütterliche. Sie sorgen schon um eigene Kinder.

Zweiunddreißig Jahre bin ich nun alt geworden, ohne heut zu wissen, ob ich gerecht gehandelt habe. Mit Neunzigen werde ich es nicht sichrer wissen. Denn unser Recht und unser Unrecht liegt nicht in unsrer Meinung, und wenn wir sie dem Teufel abgekämpft hätten. Aber in uns brennt eine riesige Notwendigkeit, die uns das Einzige vorschreibt, und vor der keine Meinungen gelten. In Menschenleben wie in dem meines Vaters gilt der Zufall und Zwang, sich zurechtzufinden, es sich leicht zu machen, den Platz zu finden, wo am wenigsten Kümmernisse zu hausen scheinen. All dies umgekehrt trifft auf mich zu.

Herzlich grüßend der Ihrige

Bogner

Fünftes Kapitel: Dezember

Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

den 8. Dezember 1911

Was tat ich Ihnen, Fremder? Niemals werde ich mich hindern lassen, bei einem Menschen einzudringen, wenn mein wahrhaftiges Herz mich dazu treibt. Beschämt und verwundet, schweige ich auch heute nicht still, sondern wehre mich kräftig. Sollte ich mich so leicht enttäuschen lassen, möchte ich nicht lange mehr leben. Da wir uns fremd sind, wie sollte es ohne Irrwege abgehn? Auch nach dem ersten Telephongespräch war ich es, die es zum zweiten Mal versuchte. Freilich ist es beklagenswert! Unser jeder weiß um die Stelle, wo alles einfach ist und verständlich, aber wir haben uns zugeschworen, sie nicht preiszugeben ohne die sonderbarsten Ehrenhändel. Man muß Mitleid haben mit Ihnen, denn Sie sind der Ungeschicktere, als Mann, und weil Sie immer allein waren.

Ich will Ihnen sagen, was Sie vergaßen.

Dort lebten Sie, Ihre Eltern hier. Als Sie fortgingen, fingen Sie das Labyrinth an, die viel hundert Verwandlungen. Alltäglich ein neues Gesicht, eine neue Haut, ein neuer Blick, eine neue Welt. Immer stand Ihnen das Auge einwärts gerichtet in die Schar der unzählbaren Visionen, Möglichkeiten, Aufgaben. Sie lebten unter Gottes Augen. Sie schlugen sich mit unzählbaren Verwirrungen. Sie schliefen in einem Hammerwerk. Sie wälzten den Block, Sie hatten um sich Luft vom Tartarus, Sie zwängten sich in sich selbst wie einen Keil in einen Baum, Sie vergaßen Ihr eigenes Aussehn hinter zehntausend Vermummungen, Sie waren sich immer rätselhaft, immer unvollkommen, immer widerspänstig, immer wunderbar. Sie lernten Unschätzbares kennen. Den Hunger und die Ohnmacht, die Schlaflosigkeit und das Auge des Gottes im Finstern. Sie erledigten Tausendfaches. Sie hafteten am Einen.

Nein, Sie konnten nicht an Andre denken. Habe ich ein Bild von Ihnen oder habe ich nicht? -- Nun eines von Ihren Eltern.

Sie hafteten am Einen: an Ihrem unhörbaren Schritt. Sie lernten die Schlaflosigkeit mit dem ewigen Nachtgebet: Auch heut ist er nicht gekommen. Sie litten die unaufhörliche Ohnmacht, nicht zurücknehmen zu können. Und sonst? --

Alltäglich ein altes Gesicht, ein altes Tun, eine alte Sorge, eine alte Bitterkeit. Alltäglich ein unveränderliches Ich, ein vollkommenes, fertiges, unverstandenes und doch einfachstes, immer gleiches. Sie wurden alt, sonst nichts. Sie blieben auf ihrer Stelle wie sanfte Tiere und hatten nichts als ihr Älterwerden. Sie hofften jahrlang und hofften dann nicht mehr. Sie vergaßen am Ende. Sie hatten nur das endlose Einschlafen, sie wurden immer schläfriger wach, sie konnten sich an nichts messen, sie waren die Einsamsten. Sie hatten ja noch einen Sohn, sie hatten Arbeit, Sorge, Freuden, das tägliche Leben. Ist es nicht elend, Freund, entsetzlich elend, nichts zu haben als das eigene Leben? -- Sie hatten die Stille, wo nichts laut ist als das eigene Atemholen. Sie hatten auch den Zorn vielleicht, die Bitterkeit, denn: sie waren immer die Unterlegenen. Oh sie hatten das Allerschlimmste: sie konnten nicht verstehn. Sie wußten von sich selber nur wenig, und wenn sie einmal nach oben fragten, so gab es immer nur die eine Frage: warum ist dies so? Warum ist es denn nicht anders? Wäre es anders nicht besser? -- Ihnen war es nicht gegeben, sich selbst zu bezwingen, denn -- oh Ihre Weisheit! -- sie kannten das Auge der Notwendigkeit nicht! Sie hatten nur gelernt, daß alte Menschen erfahrener sind als junge. Daß man sich nach ihnen richten müßte. Sie hatten einfache Dinge gelernt. Nie hatten sie gehört, was Ausnahmen sind, wie sollten sie eine erkennen, wie sollten sie einwilligen? Unter ihren Lehrsätzen war der kostbarste der: Wenn du einmal so alt bist wie wir, dann wirst du uns recht geben.

Mache ich Ihnen Vorwürfe? Klage ich an? Ach, ich wollte, ich könnte es, ich wollte, ich könnte Ihnen vorwerfen, warum Sie nicht _noch_ besser geworden sind, warum Sie niemals das Eine bedacht haben, daß Sie in sich selber alles besitzen, daß Sie mit Leichtigkeit der Unterlegene hätten _scheinen_ und nachgeben können, da es Ihnen nichts verschlug, ob Ihre Eltern glaubten, recht und gesiegt zu haben! Wieviel größer wären Sie, wenn Sie das Unrecht an sich gerissen hätten!

Nun vergeben Sie mir! Heute nur, heute sage ich Ihnen all dies, damit Sie wissen, zu wem Sie kommen, wenn Sie heimgehn, wen Sie zurückließen und wen Sie wiederfinden. Alte Menschen, augenlose, die arme und eingelernte Worte murmeln, die mit zwanzig Jahren alles auswendig wußten, die immer nur die paar alten Bücher in neuen Auflagen, in ihrer armen Blindenschrift jahraus jahrein nachtasten, und da stehn Sie nun in Ihrer Sonne und sind nicht zufrieden.

Weiß ich zuviel? Jedes meiner Worte stand im Gesicht Ihrer Mutter leserlich. Ich habe, auch ich, nur gelesen mit meinen >sehenden Augen<, die -- nach Ihnen -- eine Gabe sind -- und ein Gesetz.

Gott befohlen!

Renate Montfort

Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

Helenenruh, 14. Dezember

Liebes fremdes Fräulein:

Immer ist mir die Gestalt jenes Mädchens rührend gewesen, der Pallas Athene, die um Odysseus am Ufer den Nebel zerteilte und ihm seine Insel zeigte, die er nicht erkannte. Vor vielen Jahren kannte ich eine Frau, die ich mit der Göttin verglich; damals stand ich im Anfang, und es war ein andres Land, in das sie mich hineinführen wollte. Meine richtige Heimat wars. Dem Odysseus war die Göttin immer unsichtbar geblieben, obwohl sie ihm half; erst, als die Mühsal beendet, als er anlangte, gab sie sich zu erkennen. Ich freilich, ich gehe nicht meinetwegen heim, denn ich bin dort nicht zuhause, aber am heutigen Tage und angesichts Ihrer schönen, glühenden Bewegung will es mir wohl scheinen, als ob nur dieses der Grund war, weshalb ich nicht lange schon dorthin ging: es fehlte nur jemand, der es mir sagte, der mich bedenken hieß, der mich verlockte.

So schön ist dies an euch, ihr sonderbaren Geschöpfe, so schön ist eure ewige Bereitwilligkeit. Von euch selber seht ihr gerne ab, aber immer steht ihr vor einem Tor, das ihr jemandem aufschlagen wollt. Immer zu irgend etwas wollt ihr verlocken, immer helfen, immer alles öffnen, immer einladen, immer begütigen. Unbedenklich greift ihr das Schwerste an, als sei eben dieses das Allerleichteste; als sei es das Einzige jedenfalls, was in diesem Augenblick zu geschehen habe, und als ob ihr über göttliche Kräfte verfügtet. Denn immer seid ihr stark für Andre, die ihr für euch selber meist hülflos, unwissend und von vornherein unterlegen seid.

Muß ich noch mehr sagen? Ihre Worte haben mir alle wohlgetan, und ich mache das Zugeständnis, das ich bisher nur mir selber abgelegt habe, mit Freuden auch Ihnen: daß ich bedächtiger hätte sein können. Das nützt ja nichts, aber ich glaube, es macht Ihnen Freude, es zu hören.

Nun muß ich einiges über Magda schreiben.

Die Briefe sind hier mit vielem Dank zurück. Von allem, was die arme Kleine betroffen hat, wußte ich ja Einiges --, die Geschichte der Wahrsagung, ohne freilich die letzten Folgerungen Magdas auf den al Manach. (Der schüttet sich noch immer aus, es ist eine ziemliche Qual, das anzusehn, man hat die Vorstellung, daß er auch die Nächte nicht anders herbringt, und dabei wird er dünn wie ein weißer Faden. Und all das nicht ganz ohne Komik ...) Nein, es ist am besten, ich schweige über alles; wir müssen warten.

Es geht ihr herzlich schlecht, das muß ich gestehn. Die Krankheit ist behoben, sie ist seit ein paar Tagen fieberfrei, aber matt wie ein verregneter Kohlweißling, mag nicht aufstehn und nicht liegen, ist mißlaunig geworden, kann das Licht nicht vertragen und ist immer müde. Als ich hierherkam, war sie das reine Kind, kindlich weise und lerchenhaft, jetzt sieht sie altjüngferlich aus, gelb und hat grausame Falten um den Mund. Die einzige Kraftanstrengung merkte ich ihr an, als sie mir auftrug, Ihnen auf das bestimmteste zu verbieten, daß Sie kämen. Dazu muß ich selber sagen, daß ich Ihrem Kommen zurzeit wenig Einfluß zutraue. Vieles in ihr mag nur körperliche Mattheit der kaum überwältigten Krankheit sein, deshalb dürften Sie zu einer späteren Stunde gelegener kommen, wenn nicht gar eine andre notwendiger sein wird. Sie spricht oft von Ihnen.

Folgendes trug sich gestern zu:

Ich hatte ein Weilchen an ihrem Bett gesessen und Silhouetten von Rosen geschnitten bei halber Dämmerung; dem sieht sie gern zu. Als ich dann am Fenster stand, hörte ich sie plötzlich ganz laut sagen: Georg! -- Ich wartete eine halbe Minute und sagte dann: Nun? mit meiner gewöhnlichen Stimme, worauf ich sie ein wenig später mit einem leisen Seufzer antworten hörte: Weißt du, Georg, es ist doch schwerer, als man so denkt. -- Nun ging ich zu ihr und sagte möglichst freundlich: Georg ist nicht hier, mein Kind, möchtest du ihm etwas sagen? -- Sie sah mich lange und zweifelnd an und fragte: Meinst du nicht, Maler Bogner, daß der Prinz ein guter Mensch ist? -- Gewiß, sagte ich, und nun rief sie mit einem triumphierenden Blick, als ob sie mich jetzt erwischt hätte: Warum ist er denn nicht hier und hilft mir? -- Danach besann sie sich und setzte altklug hinzu: Aber er muß ja fleißig sein und Herzog werden, da kann er natürlich nicht kommen, nicht? Ich bestätigte ihr das, und nun sagte sie nichts mehr.

Dies hat mich aber auf den Gedanken gebracht, ob es vielleicht nützlich sein könnte, daß ich dem Prinzen schreibe und ihm nahelege, Magda ein Zeichen von sich zu geben. Was meinen Sie dazu?

Noch dies, daß ich glaube, die Jahreszeit ist an Vielem schuld. Sie schrieb ja, daß sie sich vor dem Garten fürchtet, deshalb wehrt sie sich auch so gegen das Fenster, hinter dem es stürmt und wirbelt. Es wird das Beste sein, wir lassen Weihnachten noch vorübergehn; danach ist meine Zeit in Helenenruh abgelaufen, und Sie versuchen dann, was zu tun sein wird. Wenn es Ihnen möglich sein wird, mit ihr nach Italien zu gehn, so wird es Ihnen auch besser als mir gelingen, ihren Vater von der Notwendigkeit einer solchen Reise zu überzeugen, da er sie zurzeit dicht am Gesunden glaubt, jeden Tag eine Minute an ihrem Bett steht und meint: Es wird schon werden!

Ihnen herzlich dankbar und wieder »durchaus wohlgesinnt«

Bogner

Renate an Bogner

Am 22. Dezember

Lieber Freund,

Ihre beiden Skizzenblätter von Magda haben mich mehr erschreckt, als Sie sich denken können. Das ist aus ihr geworden? Man möchte ja verzweifeln, wenn einem nichts einfällt, um das wieder gutzumachen. Und was haben Sie für eine Hand! Erinnern Sie sich an das, was Magda schrieb, wie sie erschrocken sei über einen gezeichneten Zug ihres Gesichts: als sei er daraus fortgenommen? Das kann ich nun begreifen, denn diese beiden Gesichter sehen so wirklich aus, als könnten sie nur hier, auf diesem Papier sein, als hätten Sie sie von dem ihren abgenommen, -- ach, wollte Gott, Sie hätten es wirklich getan und sie wäre ihrer ledig für immer!

Zu Ihrer Idee mit dem Prinzen kann ich nicht ja und nicht nein sagen. Da ist dies Gedicht, das er ihr damals schickte ... Nun, ich kann mich ja irren und bin gerne bereit dazu, -- aber liebevoller als dies bereitwillige, sozusagen postwendende Verstehen und Einverständnis, dies aufs Geratewohl prophezein (oder ist soviel Ahnungsvermögen glaublich?) würde mir weniger Verständnis und mehr Schmerz, weniger Entsagungsfreude und mehr Widerstreben erscheinen. Überhaupt dies hurtige Umsetzen von Gefühl in Klang und Beweis, dies Vergleichefinden und so weiter, -- dichterisch mag es ja wohl sein, und glauben Sie auch nicht, daß ich es menschlich unwürdig finde! Es macht mich nur an seinen Gefühlen für Magda zweifeln, für die er durchaus niemandem, auch ihr selber nicht, verantwortlich zu sein hat, da bekanntlich, wo nichts ist, der Jude sein Recht verloren hat, aber --. Aber. Punkt.

Viel Mühe habe ich mir gegeben, aus Ihrer Darstellung von Magdas Zustande herauszulesen, daß sie auch des Grübelns müde geworden ist, doch bin ich nicht ganz überzeugt. Da mußte ich bedenken: Aus unsrer Kindheit in das Reich der Seele zu gelangen, aus Kindern Gotteskinder zu werden, oder wie man es ausdrücken will, das ist doch wohl unsre Aufgabe. Da giebt es nun unter uns Viele, die können derlei Aufgaben nur in schrecklich harten Stufungen erledigen, und deren einer ist unsre Magda, die aus dem unwillkürlichen Jugendland, wo das leicht bewölkte Gemüt über allem blaut und sich bescheinen läßt, nur über diese Messerbrücke des Gedankens, des grübelnden Erleidens gehen konnte, -- wohin? In das eiserne Haus, das Arsenal, wo die Seelen ausgeteilt werden wie Kleider? Unsre Vorstellungskraft reicht ja für seelische Dinge niemals aus, und es klingt wohl absurd, was ich sage. Ich hätte Saint-Georges vorher fragen sollen. (Das ist ein neuer Freund von mir, der sich dadurch auszeichnet, daß er alles weiß.) Sie sind ja auch ein weiser Herr und begreifen vielleicht, was ich sagen wollte.

Morgen ist Heiligabend. Da ist mir einigermaßen bänglich ums Herz, denn kurz vor dem vorjährigen starb mein Vater. Was Weihnachten ist, werden Sie kaum wissen, mir aber vielleicht doch erlauben, Ihrer herzlich zu gedenken und einer alten Frau eine Blume zu bringen.

Wann kommen Sie?

Renate Montfort

Renate an Magda

22. Dezember

Meine liebe, liebe Magda!

Einen Weinachtsbrief bekommst Du, obgleich Du, wie es scheint, geschworen hast, mir nicht zu schreiben. Freilich in Eile, denn es giebt unbeschreiblich viel zu tun. Alle Angestellten werden beschenkt und haben Feiern und haben unzählbare Kindlein, die Geschenke und Feiern haben wollen, und dann sind noch die Armen und die Kinder der Armen, und allesamt wollen mir den Kopf ausreißen. Ich bin froh, daß Du nun wenigstens wieder außer Bett bist. Wenn Du morgen nicht selber ans Telephon kommst, wird es das letzte Mal gewesen sein, daß ich angerufen habe, hörst Du?

Die Heidermappe vom Kunstanwärter (Josefs Bonmot!) wird vielleicht den Groll des Malers erregen, aber da ich sie im Buchladen fand, schien sie mir sehr schön, und Du wirst eine kleine Hirtin darin finden, die genau so aussieht wie Du, als Du in Genf einzogst.

Ach, Liebste, Gott gebe nur, daß Du empfinden kannst, daß Weihnachten ist! Ich habe Dir närrisches Zeug geschrieben, nur um zu verhindern, daß mir die Augen wieder naß werden, wie immer, wenn ich an Dich denke. Ich weiß auch nicht, was das mit mir ist. Ich habe ein seltsames Angstgefühl schon seit vielen Tagen, mitten in allem Getriebe und den Vorbereitungen, um Dich natürlich, warum sonst, und unbeschreibliche Sehnsucht nach Dir und Deinen armen bekümmerten Augen. Bogner soll Dir einen Rahmen für das Hirtinnenbild verschaffen, damit Du es jeden Tag vor Dir hast und lernst, wie Du aussehn mußt, wenn nicht gar zu traurig sein soll Deine Dich tausendmal zärtlich küssende

Renate

Die Handschuh sind sämtlich von Onkel mit einem Kuß >auf die zierlichste Hand<; hoffentlich habe ich die Nummer richtig behalten.

Bogner an Georg

Helenenruh am 22. Dezember

Lieber Prinz:

Ich möchte Ihnen schreiben, daß Magda Chalybäus einige Zeit krank gewesen ist und hiervon, und mehr von mancherlei seelischen Erschütterungen der letzten Zeit, so angegriffen und ermattet scheint, als wolle sie sich weigern, noch weiter am Dasein teilzuhaben. Sie kennen mich ein wenig und können wissen, was es zu bedeuten hat, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß ein Wort, ein Lebenszeichen von Ihnen, vielleicht nicht heilsam, aber doch wohltätig wirken könnte, wobei Sie zu ermessen haben, ob Sie in der Lage zu dergleichen sind.

Sehe ich Sie auf der Trassenburg? Ich denke, in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ein paar Tage dort zu sein, dann in Trassenberg die Aula des neuen Genesungsheims auszumalen.

Herzlich grüßt Sie, Ihnen wohlgewogen

Bogner

Magda an Renate

Freitag

Ja, Renate, von mir bekommst Du diesmal nichts. Meine Arbeit ist nicht fertig geworden, es ist wohl schlecht von mir, aber Du mußt schon entschuldigen, ich bin gar zu müde. Der gute Jason schläfert einen so schön ein, seit gestern haben wir auch Schnee und stillen Wind, ich bin immer dicht vor dem Einschlafen und tu es bloß nicht, weil ich Angst vor dem Aufwachen habe.

Also verzeih, wenn Du kannst, meine Nachlässigkeit.

Aber ich habe Dich doch lieb.

Hast Du den Maler gern? Ihr schreibt Euch ja wohl täglich, oh ich bin nicht eifersüchtig, Ihr seid ja Beide viel klüger als ich und paßt zueinander. Wenn Ihr dann heiraten wollt, kann die Hochzeit ja gleich mit Irenes zusammen sein.

Ich muß aufhören. Papa hat seinen Toddy fertig und ist begierig, die Fortsetzung von >Jettchen Gebert< zu hören. Er hat es fertig gekriegt, daß Jason nur noch Romane aufsagt, und läßt grüßen. Grüße auch Deinen Onkel! In Liebe küßt Dich Deine Freundin

M.

Bogner an Renate

Helenenruh am 24. Dezember

Heiligabend. Heiligabend? Heiligabend. Komisch.

Es wurden Äpfel gegessen. Es wurde Marzipan gegessen. Ein großer Baum brannte voller Lichter. Es wurden Mürbekuchchen gegessen. Es wurden Makronen gegessen. Es lag alles voll von Geschenken. Großäugige Dienstboten in Verlegenheit. Es wurde Spekulatius gegessen. Es wurde Schokolade gegessen. Herr du meines Lebens! Es wurde Heringssalat gegessen. Es wurden abermal Äpfel, Marzipan, Spekulatius, braune Kuchen, Nüsse, Datteln und Pfefferkuchen gegessen, und jemand in einem himmlischen silbergrauen Kimono sang sehr leise: Es -- -- ist -- -- ein Ros -- -- ent -- -- spru -- u -- -- gen -- --

Ich erinnere mich, dies ist ein Fest der Mägen und der Kindheit. Es läßt sich nicht umgehn. Es stimmt die Seele freundlich. Da sitze ich in einem angenehm erleuchteten Zimmer voll vieler kleiner Pferdeporträte, es schlägt elf Uhr, ich mache mein viertes Glas heißen Toddy zurecht, ich sehe den Jason al Manach in der Sofaecke sitzen und daß er glänzende Augen hat und wie ein Schlot raucht. Ich glaube, er hat einen schönen Charakter. Ich esse Pfeffernüsse, nie im Leben aß ich soviel verschiedene Dinge hintereinander. Ich muß ein glücklicher Mensch sein. Ich fragte den Almanach nach einem Zitat mit Kindheit! »O Kindheit! O entgleitende Vergleiche!«

Jemand packte mit schwachen Fingern eine ungeheure Kiste aus; die Papiere nahmen kein Ende. Schließlich fiel doch etwas großes Graues an die Erde. Bald darauf stand jemand unter dem Kronleuchter, drehte sich und suchte an einem riesigen Lichterbaum vorbei sein Abbild im großen Pfeilerspiegel zu erhaschen, wo es ganz fern und seltsam hinter demselben gespiegelten Lichterbaum sichtbar wurde, bekleidet mit einem silbergrauen Kimono, auf dessen Rücken ein lebensgroßer weißer Pfau in Silber und Weiß gestickt war dergestalt, daß sein Kopf zwischen den Schultern des Gewands, der ausgebreitete Schweif mit hundert Federn und schneeweißen Augen über die weiten Ärmel und bis zum Kleidsaum hinunterhingen. Geschenk vom Maler Bogner; aus eigenem Besitz; extra aus Berlin geholt.

Auch Maler Bogner besitzt einen nicht unschönen Charakter. Er traf das Richtige. Auch ein längeres Telegramm vom Prinzen Georg war sein Werk und wirkte bedeutend. Ich bin doch geneigt, die Hauptwirkung dem Kimono zuzuschreiben. Derselbe war unwiderstehlich. Er ließ sich nur glatt streichen. Dies war seine unübertreffliche Eigenschaft. Damit erledigte sich alles. Wir kehrten allesamt freudestrahlend zur Kindheit zurück und sangen völlig falsch, aber liebevoll: Sti -- ille -- Nacht! Hei -- lige Nacht! -- Ach, du liebe Zeit!

Sie hätten es sehen sollen! Wie der Kimono sich langsam in B. Bogners Händen entfaltete. Wie zwei schlecht gelaunte Augen und ein weinerlicher Mund aufmerksam wurden und stillstanden. Wie unter einer Reisedecke eine Hand hervorkam und zaghaft zufaßte. Wie der völlig in Andacht verlorene Mund das eine, beseligte Wort: Seide! hervorbrachte. Wie die Augen um Gnade baten, aber der Mund nicht wollte. Wie der Mund nicht mehr widerstehen konnte, und die Augen widerspänstig waren. Wie der weiße Pfau strahlte. Wie auf Stirn, Mund und Wangen das Wort Kindheit aufbrach wie ein Zimmer voll Kerzen und Geschenke. Wie die Reisedecke fortflog, und viel Gram und Kümmernis hinschwand vor einem weißen Pfauenschweif.