Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 22

Chapter 223,586 wordsPublic domain

Der Eintritt ins Korps war -- seis gestanden! -- soweit sich das heute schon übersehen läßt, nicht viel mehr als eine Eselei. Zwar bin ich zu Ausschweifungen äußerlicher Art höchstens nur in sehr sporadischer Form geneigt, und so hat es in diesem Betracht keine Gefahr, zumal, trotz Trinkzwang, wer sich in Ausschweifungen stürzt, dies auf eignen Trieb hin tut, -- allein Zeitvergeudung ist auch ein Fehler, und hier haben wir ihn. Mich bestrickte der Anschein eines gewählten Kreises von gutgewachsenen, freundlichen und gesitteten jungen Leuten, die meine Lebensneigungen -- in freilich so überraschender Weise zu teilen schienen, daß es mich hätte stutzig machen sollen. Nicht daß sie logen, natürlich! Vielmehr verfügen diejenigen, die den meinen entsprechende, also vorwiegend literarische Neigungen betonten, wirklich über etwas derart. (Es giebt ja heutzutage so viel gute Bücher, daß schon etwas dazugehört, niemals einem begegnet zu sein und diese Bekanntschaft am passenden Ort zu erwähnen!) Und da sie mich keilen wollten, holten sie alles hervor, was sie hatten, dieweil sie selber und zur Zeit besonders ganz andre Bahnen wandeln. Immerhin -- Menschen fehlen -- siehe Ernesto Riesa -- nicht völlig, und Wert oder Unwert steckt, wie ja in keiner Sache selber, so auch nicht in dieser, sondern wird sich an mir zeigen, wenn ausgelöffelt ist, das heißt -- nächste Ostern.

Der Schädel aber macht sich nun doch mit ein wenig Hitze bemerkbar. _Nota bene_ meine zweite Mensur, da ich ja schon in A. gut fechten gelernt habe, was mir nun zugute kommen wird, dieweil ich so eher C. B. werde. Die erste endigte mit Abfuhr auf Gegenseite nach dreieinviertel Minute; dafür bekam ich diesmal einen härteren Gegner, alle Hiebe glücklicherweise auf den Kopf.

Nun innige Grüße an die arme Helene! In Ehrfurcht, Begeisterung und Liebe wie stets Dein Sohn

Georg

Einige Feststellungen über den Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen

Der Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen liegt im Besitz.

Besitz verleiht Macht, Macht verleiht Freiheit, Freiheit Sicherheit, Sicherheit Haltung und Haltung Adel. Besitz von Ämtern, Würden, Ahnen (von Vergangenheit), von besonderen, vereinzelten oder seltenen Eigenschaften, etwa ritterlichen Tugenden, von Menschen und von Erde.

Besitz von Erde: der schlichteste, weil natürliche; der tiefste, weil voll Geheimnis; der schönste, weil unendlich reich an Pflichten. Knoops Seebald Soeker: >Am adeligsten aber ist Bauernadel.< Denn das Leben des Bauern ist Beschäftigung mit dem >lebendigen Kleide der Gottheit<. Durch seine Hände fließt alljährlich das goldene, mit dem Worte Gottes tausendmal eng bestickte Band des ausgesäeten Kornes.

Gleichwohl fand Bauernadel nur selten einen Ausdruck in Vornehmheit, in adliger Erscheinung und Gehaben, und zwar dies aus unterschiedlichen Ursachen, darunter vorzüglich: Abwesenheit einer hervorragend aristokratischen Eigenschaft, des Vertrauens. Der Adlige, sicher seiner selbst, verlangt, daß man sich auf ihn, auf sein Wort, seine Ehre verläßt. Sein Wort ward Eid. Er weiß, daß der Herr, dem er dient, dies tut, bringt daher das gleiche Vertrauen auch denen entgegen, die ihm dienen, bis zur Torheit, bis zur Tollheit. Auch hier Überlieferung, Wert des Gealterten, Vererbten: wie schon seine Ahnen dem Fürsten dienten, so dienten die Väter seiner Knechte seinen Ahnen, so wäre Mißtrauen entehrend. Beschützertum und Dienstpflicht sind beide undenkbar ohne Vertrauen. (Hartmann von Siebeneichen; Volksballade vom Knecht, der den Herrn erschlug.)

Aber der Bauer -- solang er leibeigen war, übrigens ohne Besitz -- ist zu doppeltem Mißtrauen genötigt. Mißtrauen gegen die Natur, durch die er lebt, deren Gunst oder Ungunst er niemals sicher ist, die ihn tausendmal enttäuschte, zu hintergehen schien; und Mißtrauen gegen den Menschen, Knecht und Magd, die nicht besitzenden Unfreien, die widerwillig schaffen, weil für den Herrn, nicht für sich selber, die deshalb unablässige Überwachung, unablässiges Mißtrauen erfordern. Mißtrauen ist ein Charakterzug aller Köpfe alter Bauern.

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Der einzige Besitz, der nie und nirgend Adel verlieh, ist Geld.

Noch hat der Mensch nicht vergessen, daß zum Begriff des Besitzes Dauer und daher Eigentum, das Persönliche, unerläßlich sind, um ihn vollkommen zu machen. Folglich ist Besitz nur möglich im Geistigen und im Gegenständlichen, Irdischen. Geld gehört jedermann und wechselt unter jedermann beständig. Patrizieradel hat in andern Besitztümern seine Ursprünge, auch er zuerst in dem von Geschlechtsalter.

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Zum Wesen des Nichtbesitzenden, des Demokraten, gehört das Streben, das Verlangen nach Besitz, also die Ansicht von unrechter oder ungerechter Verteilung -- um der eigenen Rechtfertigung willen --, also Mißtrauen. Immer haftet ein Schatten demokratischen Wesens den Allzugeistigen an, jenen, die zwar erwerben, aber nichts besitzen, weil sie nichts schaffen.

Wurzel jeglichen Denkens allerdings ist der Zweifel. Was ich glaube, brauche ich nicht zu prüfen, zu untersuchen, zu durchforschen. Jegliche geistige Durchforschung aber ist gelenkt vom Streben nach irgendeiner Handgreiflichkeit, einem Bodensatz, einem Ende, einer Verwirklichung, einer endlichen Undurchlässigkeit für den rastlos bohrenden Gedanken. Der Allzugeistige nun findet immer Möglichkeiten, immer andre Sehwinkel und Aussichten, nirgendwo ein Aufhören, einen Halt, verwickelt in ein Gewebe unendlichen Mißtrauens.

Aristokratisches Wesen ist undenkbar ohne einen festen Zug von Beschränkung (Beschränktheit). Beschränkung = das Freiwillige; ich _will_ nicht weiter. Beschränktheit = das Unfreiwillige; ich _kann_ nicht weiter.

Wo aber andrerseits ein Geist nach geistigen Besitztümern unablässig strebt, tief bewußt des eigentlichen Eigentumes, nämlich des Strebens, da entstehen innerhalb so demokratischen Verfließens Ruhe, Freiheit, Vertrauen, Haltung, Sicherheit, Einsamkeit und Stolz, die alle vornehme Dinge sind. Wer nun der Meinung ist: im Anfang war der Geist, -- der kann hierin den adeligsten Adel erblicken.

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Zum Wesen des Aristokraten gehört Stolz, das ist das Empfinden der eigenen Seltenheit, der Vereinzelung, der Einsamkeit oder aber der Notwendigkeit für Andre. Die Welt muß aristokratischer gewesen sein vor der Zeit der Städte, als der Menschen noch weniger waren. Die Unsicherheit, die vielfache Not des Daseins schuf gleichzeitig Mißtrauen und Vertrauen. Mißtrauen so lange, bis eine Treue sich erprobt, eine Macht sich als verläßlich erwies. Dann vertraute der Bauer seinem adeligen Schirmherrn, dieser seinem fürstlichen Oberhaupt, ein für allemal, sein Vertrauen beweisend, indem er es auch auf Nachkommen und Erben fraglos übertrug, bis etwa deren Schwächung, deren verminderte Persönlichkeit ebenso wie zunehmende Macht des freiwillig Unterworfenen zum Mißtrauen zurückführten. Freiwillig -- dies war und bleibt notwendig, denn Zwang in jedem Betracht ist die Wurzel des Zweifels.

Mißtrauen ist die Ursache der politischen Demokratie, des Verlangens nach Republik und Präsidentschaft. (Abgesehen von der Entartung, vom Verfall des Adels in Frankreich, hat deshalb auch nur dessen Fehlen -- wie in Amerika -- zur Gründung von Republiken führen können.) Vielzahl mißtraut der Kraft des Einzelnen oder der Wenigen, der Fähigkeit des Einzelnen, das allgemeine Gute und Nützliche zu erkennen und zu wollen. Vielzahl fühlt sich als Majorität, als überlegen.

Die französische Republik endete an demselben Tage, wo Der erschien, der stärker war als die Massen, weil er ihnen die Empfindung einzuflößen verstand, es sei für sie das Beste und Nützlichste, ihm zu gehorchen, wobei es in seinem Wesen lag, daß er ihre Neigungen nach Freiheit und Gleichheit -- Emporkommen des Tüchtigen -- aufnahm. Das französische Kaiserreich bestünde noch heute, wenn die Nachkommen Napoleons lauter Bonapartes gewesen wären. Denn das Volk ist nur dumpf; ihm ist die Form gleich, es will den Gehalt; gleichviel wie -- es will gut regiert werden.

Der Deutsche, von Natur für Treue und Vertrauen gleichermaßen veranlagt (es sei erinnert an den übermäßigen Hang romanischer Völker zur Eifersucht), Treue auch in der Neigung zum Beharren, zum Konservativismus, zur Erhaltung des Überlieferten, das er lieber fünfzig Male verändert, ehe er es vernichtet, -- der Deutsche haftet noch immer ganz und gar am dynastischen Gedanken.

Zudem glaubt er wohl, an geistiger Freiheit ein zu strahlendes und alle andern überwiegendes Besitztum zu haben, um nicht auf den Schein der politischen zu verzichten zugunsten des eingeborenen Vertrauens auf den angestammten, einst von Gott eingesetzten Herrscher.

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Humor finden wir eher als Eigenschaft des Aristokraten als des Demokraten.

Schopenhauer legte als Ursache des Lachens (nicht des Humors) einleuchtend die Inkongruenz fest; Inkongruenz einer Tatsache oder Erscheinung mit dem Begriff, den wir, ob unbegründet oder begründet, von ihr haben. (Eulenspiegels Streiche.)

Humor ist die schwierige Kunst des vom Schicksal, von Not, von irgendeinem Unglück Heimgesuchten, zu lachen über die Inkongruenz seiner wirklichen Lage mit der, die er eigentlich für seiner angemessen, oder für ihn bestimmt, oder erhofft, oder erwartet hielt. So liegt Verzicht im Humor. Gelächter beendet, immerhin fürs erste.

Abenteurer, Vagabunden, leichte Vögel, die auf alles verzichteten mit Ausnahme des Rechtes über alles zu lachen, vornehmlich über sich selber, gewinnen in dieser letzten (Vogel-) Freiheit der auf nichts gestellten Sache, der Sicherheit des Nichts-zu-verlieren-Habens, stets einen Schein von Vornehmheit, von erlauchter Lebensführung, jedenfalls von, noch so lumpigen, aristokratischen Allüren. Aus der Erkenntnis des »Alles ist eitel«, der »_vanitas vanitatum_«, der Wertlosigkeit irdischer Güter sowie aller Bemühungen um sie, entsprang im Volke jene, mit Verachtung und Grauen ebenso wie mit geheimer Ehrfurcht gemischte Vorliebe für dergleichen Typen.

Je mehr einer wahrhaft zu besitzen glaubt, auf desto mehr darf er verzichten und den Verlust, sollte er ihn dennoch schmerzen, verlachen. So spotten ihrer selber humorige Adlige, die im Laufe der Zeit alles Reale ihres Standes verloren -- bis auf das Bewußtsein ihres Alters, ihrer Würde. Aber der immer beschäftigte, an alles gebundene, unfreie, begehrliche, immer strebende Geistesdemokrat gelangte nicht zum Humor, weil nie zum Verzicht.

Der Demokrat Freiligrath begriff nicht die Inkongruenz seines bärtig deutschen Wesens mit seiner Löwenrittsphantasie, die uns heute so lächerlich vorkommt. Andrerseits sah der Revolutionär Friedrich Reuter sich genötigt, die Tragik seines Lebens in humoristischen Fabeln und Figuren zu gestalten -- mit Hülfe der Bauernsprache.

Wenn gar nichts andres, so macht der Humor zum Herrn der Lage.

Ein Lord in einer adligen Tischgesellschaft bekam einen zu heißen Bissen in den Mund und sagte, genötigt, ihn auf den Teller zurück zu speien, zu den entsetzten Umsitzenden mit vollkommener Seelenruhe: »_A fool, who would swallowed it._« Herr der Lage.

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Um näher auf das Wesen des Humors eingehen zu können, wäre zuvörderst eine Entwickelung des Wesens von Tragik vonnöten, die nicht gegeben werden kann. Soviel sei gesagt:

Humoristen in diesem, im tragischen Sinne gab es: Jean Paul, Dickens, Wilhelm Raabe, Thackeray, Gottfried Keller, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Sterne.

Humor ist eine germanische Angelegenheit.

Auch Tragik ist -- seit den Griechen -- eine germanische Angelegenheit.

Die Welt ist nunmehr eine germanische Angelegenheit.

_Schluß!_

Privates Nachwort für meinen Papa:

Solange ich dergleichen Dinge denken kann, ist mir nie etwas natürlicher erschienen als der Umstand, daß, da Du schon ein Herzog bist, demokratischen Neigungen huldigst.

Folgerichtige Erweiterung aus diesem:

Der Natur-Aristokrat habe demokratische Neigungen; der Natur-Demokrat, der Geistmensch, der Dichter habe aristokratischen Kern.

Renate an Magda

Am 24. Nov.

Mein Krankes:

Dein Vater sagte mir heut am Telephon, daß Deine Augen angegriffen seien. So darf ich Dir wohl nur ein paar Zeilen und alle liebenden Wünsche schicken. Onkel Augustin fügt die seinen und seine letzten Rosen hinzu. Alles Gute, mein Herz! Ich rufe jeden Tag an und frage, wie Dirs geht. Mir ist schon wieder ganz wohl, aber ich muß noch mehrere Tage das Haus hüten. Soll ich dann kommen? -- Immer zärtlich bei Dir Deine

Renate

P. S. Weißt Du, daß ich Deinen Maler kenne? Nach einem abscheulichen, mißverständlichen Telephongespräch hatten wir neulich ein andres am Abend, und das war schön. Ich mußte daran denken, wie Du neulich Dein Zimmer mit einer Schiffskajüte verglichen hattest; auch ich in meinem kleinen, leuchtenden Raum kam mir so viel tiefer in der Nacht vor als sonst; als säße ich auf einem Leuchtturm und hätte Verbindung mit solch einem dauerhaften, alten Segler, der nach der Einfahrt zum Hafen fragte. Was hat er doch für eine ruhige, gedämpfte Stimme! Heute abend ist Verlobung bei Herzbruchs, da werde ich seine Mutter kennenlernen. Nun adieu!

R.

Noch eine Nachschrift? -- --

Sage mir -- --

Ich weiß nicht, soll ich weiter schreiben oder nicht?

Also sage mir, ob Bogner vielleicht die Gewohnheit hat, lautlos zu lachen, indem er das Kinn anhebt und den Mund leicht öffnet ...

Hör zu! Das, wovon ich Dir früher einmal erzählte, ohne es Dir beweisen zu können, -- es hat sich wieder gezeigt: mein phantastisches Gesicht. Ganz schwach schon einmal -- so daß ich darüber hinglitt -- in den ersten Tagen meines Hierseins, wo ich an einem Abend, anstatt daß ich, wie ich glaubte, mein Zimmer betrat, aus einer Waldöffnung über ein düstres, abenddämmriges Tal von ungeheurer Größe hinaustrat, in dessen Ferne grauschwarze Berge sich zusammenschoben, zwischen denen ein erschreckendes Rot, ein trübes, qualmiges, wahres Weltuntergangsrot brannte; am Grunde des Tals tanzten undeutliche Gestalten -- sonderbar blitzten die Goldschellen in den Rändern ihrer Tamburine, während im blaugrauen Himmel ein völlig grüner Stern aufleuchtete, mit Josefs Augen lächelte und entschwand samt der Landschaft.

Nun heute wieder, es macht mich doch nachdenklich ...

Denn wenn ich denke, daß ich diese Gesichte immer nur daheim, im Haus oder Garten hatte, nie auf einer Reise, in keiner noch so geringen Ferne -- darum auch in der ganzen Zeit unseres Zusammenseins nicht -- und nun hier im Hause von meines Vaters Bruder wieder, -- welche Vernietung des Blutes! -- Da fällt mir auch ein, daß ich nach Papas Begräbnis sieben Tage, ohne Lebenszeichen, wie ein Steinbild auf meinem Bett gelegen habe, während meine Seele -- -- nun, erwachend wußte ich freilich nicht mehr, wo sie gewesen war, doch waren es wohl die Toten.

Gute Na-- nein, da sehe ich ja, daß ich die heutige Erscheinung zu beschreiben vergaß!

Ich kam am Nachmittag in mein Zimmer und fand einen schönen, mächtig großen Adler darin, der ganz goldenbraun war. Er saß auf der Lehne eines Sessels, seine kleinen Augen waren blau mit goldenen Linien wie Lapislazuli. Ich trete sehr erfreut auf ihn zu und schiebe gleich meine rechte Hand zwischen seinen Leib und die linke Flügelschulter tief ins warme Gefieder, indem ich denke, das wird er gern haben ... Ah wie das lebte, warm war und so -- mehlig! Wie die weich übereinandergeschichteten Federn sich zusammendrücken ließen! Indem aber fühle ich schon, den Kopf langsam senkend, daß wir fliegen. Ich hebe wieder den Kopf und sehe ihn über mir fliegen, -- ah wie das wundervoll war, einen großen Vogel einmal so nahe fliegen zu sehen, wie die gewaltigen Fittiche nach vorn ausgreifen und sich spannen, Feder um Feder, wie sie krachend und knatternd, in immer demselben langen, steten Schwunge ausholend, nach hinten schlagen, die biegsamen Schwingenenden peitschend ganz an seinen Leib sich anpressen, daß er wie flügellos vorwärts schießt! Und ich dicht unter ihm, sitze in starken Seilen, die seine Krallen halten, in den Tiefen unter mir rollen goldene Länder, von Wolkenschatten, von den Hieben der Goldspeichen am Sonnenrade riesig durchfegt, und wie ich jetzt, ganz lusterfüllt, zu dem Adler aufsehe, öffnet er den Schnabel und lacht lautlos. Ich senke das Gesicht, denke an Bogner, und darüber vergeht alles.

Renate

Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

Waldhausen bei Altenrepen, Güntherstr. 5, 24. Nov.

Lieber Herr Bogner,

Hier sind Magdas Briefe. Sie dürfen annehmen, daß mein Vertrauen zu Ihnen nicht geringer ist als das Magdas, wie Sie es in diesen Briefen erkennen werden.

Ein gar nicht unfeiner Mensch, nämlich mein Vetter Josef, sagte einmal zu mir, meine Erscheinung sei von solcher Art, daß alles andre vor ihr seine Gültigkeit verlöre. Das mag Sinn haben oder Unsinn: es gesagt zu hören reizt, und das Gleichgewicht wird gestört. Daher, seit ich wußte, daß ich einmal so mit Ihnen zu reden haben würde, wie ich es tat, bin ich seelenfroh, diesen Telephonausweg gefunden zu haben und Ihnen in Unsichtbarkeit gegenübertreten zu können. Ich fand, wir waren Beide unangreifbar in jener Stunde, außer dort, wo wir selber es zuließen.

Aber Sie erinnern mich an den einzigen Mann, der mich einmal angerührt hat. Es war in Tirol, und der Mann war ein Kardinal, ein schöner, weißer Schädel mit funkelnden, braunen Augen. Er legte mir zwei Finger unter das Kinn und sagte etwas von einer holden Alpenrose. Damals mußte ich mich so zusammenreißen wie vor Ihnen am Telephon. Soll ich Ihnen sagen, wie ich damals triumphierte? O königlich! Indem ich einen Ring vom Finger zog, ihn fest und mit tiefster Verneigung in seine Hand drückte und auf seinen höchlich erstaunten Blick in meiner bescheidensten Haltung antwortete: »Umsonst, Eminenz, pflegen Diener Ihrer Kirche doch nie ihre segnende Hand aufzulegen!«

Gestern abend sprach ich mit Ihrer Mutter, sah auch Ihren Vater, ohne daß er mich hätte sehen können freilich, denn nach einem jahrelangen Augenleiden ist er nun am Erblinden. In einiger Zeit soll noch eine Operation versucht werden, auf die aber -- es ist grüner Star -- niemand Hoffnung setzt.

Ihre Mutter soll sich seit vielen Jahren kaum verändert haben, so brauche ich sie nicht zu beschreiben. Ihr Haar ist fast weiß geworden freilich, dafür hat sie aber die lebhaftesten braunen Augen und scheint sich eine unaufhörliche Bereitschaft zur Heiterkeit zugeschworen zu haben. Ich konnte sie allein sprechen und Ihre Grüße ausrichten. Sie erschrak ein wenig, schwieg aber und ließ mich erklären, auf welche Weise ich Sie kennenlernte. Als ich sagte, Sie dächten daran, im Frühjahr zu kommen, sagte sie nur: »So? Ja, es ist ja nun spät geworden.« -- Ich blickte nach Ihrem Vater hin und fragte, es sei wohl höchste Zeit. -- »Ach,« meinte sie ruhig, »vor zehn Jahren wäre es Zeit gewesen. Nun hat man sich ja daran gewöhnt.« -- Ich habe natürlich nicht all ihre Worte behalten, erinnere mich aber, daß sie auf mein Befragen anfing zu erzählen und bald sagte, daß es für sie nur in den ersten Jahren hart gewesen sei. »Er war doch noch ein Junge, der nichts von der Welt wußte, und sicher hat er gehungert,« sagte sie, »und das war wohl das Schrecklichste für mich, neben seinem Vater wach liegen zu müssen und zu hören, wie er selber wach lag und oft stöhnte, und nicht weinen zu dürfen. Dann gewöhnte man sich schon daran, und dann starb unsere kleine Erika -- die Nachricht erhielten Sie wohl? -- und da fing alles wieder von vorn an, und als dann auch Herbert sein Examen gemacht hatte und fortging, waren wir ganz allein.« Aber dann, sagte sie, hätte sie ja wohl merken müssen, daß zwischen Ihnen und Ihrem Bruder gar kein Unterschied sei, denn der sei die ersten Jahre wohl noch in den Ferien gekommen, dann aber immer seltner und zuletzt nur noch Weihnachten, und so sei es wohl mit den Söhnen. Freilich hätte sie für Herbert ja immer noch sorgen können, seine Wäsche besorgen und ihm das und jenes schicken, auch hätte er ja immer fleißig geschrieben. Nein, sie dürfe sich gar nicht beklagen, nur ihr Mann wäre zu bemitleiden, weil er von hartem Charakter wäre, alles in sich verschlossen hätte und nur immer stiller geworden sei. »Wer hätte auch gedacht, daß er ganz fortbleiben würde, Vater hätte ihn ja gerne wieder aufgenommen, wenn er ihm nur gezeigt hätte, daß es ihm Ernst war mit dem Malen.« Nein, sie selber habe gewiß am wenigsten gelitten, und schließlich sagte sie, »wenn man weiß, er ist am Leben und kommt vorwärts und ist zufrieden mit seinem Dasein, -- was kann man denn mehr wünschen?« Übrigens habe sie auch Nachforschungen nach Ihnen angestellt, gestand sie; sie lachte herzlich, als sie erzählte, wie sie sich das Geld dafür von ihrem Haushaltsgeld habe absparen müssen.

Ach, Bogner, glauben Sie, ich wollte Sie rühren mit alledem? Sie haben aber wohl recht mit Ihren >romantischen Vorstellungen<, denn wenn man eine alte Frau sagen hört: »Das Leben hat es wohl immer anders mit uns vor, als man so träumt, und wenn man sie herumlaufen sieht, wenn sie klein sind und nach allem fragen müssen und schreien, wenn sie sich gestoßen haben, dann meint man ja, es bliebe ewig so und man müßte immer hinterher sein, aber das wollen sie freilich gar nicht.« Wenn man sie dann lachen hört, so ist allerdings alles nur einfach und gut und etwas kümmerlich, und so natürlich sieht es aus, daß man es fast nicht begreifen kann, wenn dieselbe Stimme nach einem Schweigen sagt: »Manchmal muß ich allerdings jetzt noch mitten in der Nacht aufwachen und denken, er steht vielleicht am Zaun draußen, oder man glaubt, seinen Schritt zu hören, aber es ist nur sein Vater, der noch ein Glas Bier getrunken hat, und nun muß man aufpassen und darf doch nicht aufstehen, weil er kaum noch sieht und doch nicht will, daß ihm jemand hilft.«

Ihre Mutter läßt Sie wieder grüßen, und Sie sollten kommen, wann Sie es für richtig hielten; Ihr Bett stünde auf dem Boden und könnte jeden Augenblick heruntergeholt werden.

Ich hab Ihnen dieses aufgeschrieben, weil ich viel zu gut weiß, wie sehr Sie schuldlos sind. Wenn hier Fehler sind, so liegen sie in der menschlichen Natur, die will, daß alles Leidende sich in sich selbst verhärtet. Da Sie einen einsamen Weg gingen, so schadete Ihre Selbstverhärtung niemandem sonst, und Ihnen selber war sie ja notwendig. Wenn aber Ihr Vater hier die Schuld tragen sollte, so trug er auch die ganze Last, da er zu einfach war, um nicht nur nach innen zu wachsen, und Ihre Mutter hatte es zu leiden. Dies sollten Sie wissen. Gott befohlen!

Renate Montfort

Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

Helenenruh, 29. November

Liebes gnädiges Fräulein!

Freiwillig und gerne gestehe ich Ihnen ein, daß ich Ihnen nicht durchaus wohlgesinnt bin. Nicht durchaus. Können Sie folgenden Unterschied machen: Sie hören, daß ein fremder Mensch dies und jenes über Sie geäußert hat. Nichts, das vielleicht ungünstig wäre. Aber Sie hören, daß ein andrer sich eine Meinung über Sie gebildet hat. Auf Grund seiner vollständigen Unkenntnis. Sie würden ihm nicht wohlgesinnt sein.

Dagegen ich, ich kenne Ihre Züge, hörte Ihre sanfte Stimme und vernahm Wohlmeinendes. Ihr kluger Vetter übrigens scheint mir so sehr recht zu haben, daß auch die telephonische Unsichtbarkeit die Richtigkeit seines Satzes nur erhärten konnte. Übrigens vergaßen Sie, daß ich Ihr Bild kenne, wie unsre Kleine Ihnen schrieb. Es steht fest, daß Ihnen kaum zu widerstehn ist, und so verlasse ich meine Zehnjahrsschweigsamkeit und rüste mich, zu reden.

Sie kamen mit einer fertigen Meinung. Ein solcher Mensch mußte einmal kommen, einer, gewissermaßen, der mich zur letzten Nachprüfung meiner selbst zu bewegen wußte. Jedem Fragenden hätte ich Auskunft gegeben. Meine Natur ist friedlich. Sie kamen mit Müttern und unzählbaren Erinnerungen.