Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 21
_Bogner_ (nach einem Schweigen): Sie sollten das recht verstehn. Die Arbeit hat sonderbare Satzungen. Nun war das Gesicht der Kleinen jeden Tag ein andres. Das hat meinen Pinsel dermaßen erbittert, daß ich erst in diesen Tagen der Untätigkeit recht eingesehn habe, wie gewaltsam ihre Züge von innen heraus verändert worden sind.
_Renate_: Sie sind ein furchtbarer Mensch! Kennen Sie denn nun bloß körperliche, aber keine seelische Anatomie?
_Bogner_: Bisher malte ich nur Selbstporträte. Vor der seelischen Anatomie habe ich mich gehütet, seit ich einmal einen Menschen malen mußte, der im Sterben lag. Tatsächlich verhält es sich so, daß der innere seelische Aufbau sich in so klaren äußern Linien und Flächen absetzt, daß er nicht im entferntesten die Aufmerksamkeit beansprucht wie der körperliche. Die Seele geht immer unverhüllt. Wenige wissen es.
_Renate_: Könnte ich dann nur begreifen, woher Sie ein solches Wissen um die Menschen haben!
_Bogner_: Sollten Sie sich nicht täuschen? Sehende Augen sind eine Gabe, zusammenhanglos, und sind ein Gesetz, das man befolgt, widerspruchslos. Meine Augen kümmern sich nicht um meine Seele, gesetzt, ich besitze eine.
_Renate_: Ich hoffe doch ... (Nach einer Stille.) Es ist seltsam, wie wir unbekannte Menschen nun über die Meilen hin miteinander sprechen. Zwischen uns ist der Berg der Nacht; hier ist Schweigen, selten einmal rauscht der Nachtwind, und bei Ihnen ist das Meer.
_Bogner_: Wir würden, fürcht ich, weniger leichtherzig gegeneinander reden, wenn wir Auge in Auge stünden. Da wir unsichtbar sind wie zwei Götter, so halten wir uns auch für großmütig.
_Renate_: Sollte soviel Göttliches schon im Unsichtbaren liegen?
_Bogner_: Ja; im Unheimlichen. -- Ich möchte Sie aber wirklich bitten, Magdas wegen keine Sorge zu haben. Im Gegenteil, meinetwegen kann diese Krankheit gar nicht schwer genug sein. Sie muß maßlos gegrübelt haben. Nun macht ihr Körper sie matt; es giebt eine Pause.
_Renate_: Maßlos gegrübelt, freilich! Und sich selbst beobachtet wie in einem Spiegel. Ich erinnere mich, daß sie einmal schrieb, sie habe über irgend etwas mehr gelacht, als sie selber habe begreifen können. Wer bemerkt so etwas -- in ihrem Alter? Ich möchte Ihnen wirklich ihre Briefe schicken. Ich bin selber ganz ratlos, und zu Ihnen hat sie ein so rührendes Vertrauen ... Ich bin sicher, daß sie sich an Sie gewandt hätte, wenn nicht zufällig ich dagewesen wäre.
_Bogner_: Ich bin sehr ungewandt im Umgang mit Menschen. -- -- -- Sprachen Sie meine Mutter?
_Renate_: Noch nicht -- morgen.
_Bogner_: Mir schwant, Sie haben romantische Vorstellungen.
_Renate_: Vielleicht habe ich Vorstellungen, die Ihnen romantisch vorkommen mögen. Was wissen wir voneinander?
_Bogner_: Oho! Da muß ich sehr bitten! Ich kenne Ihre ganze Lebensbeschreibung.
_Renate_: Und ich die Ihre. Da kennen wir was Rechtes!
_Bogner_: Aber Sie haben Vorstellungen. Väterliche Verfluchung; fünfzehn Jahre; endliche Heimkehr ... Glauben Sie, daß ich verkleinern will?
_Renate_: Ich verstehe wohl: Sie wollen nur die Meinung -- oder das Empfinden, einer Fremden abwehren, weil es -- willkürlich ist.
_Bogner_: Ich habe nicht das Gefühl, als ob Sie sich aufdrängten ...
_Renate_: Ihre Mutter tut mir leid! Magda erzählte mir viel von Ihnen, da konnte Teilnahme nicht ausbleiben. Daß sie sich nun äußert, das bringt freilich ein völlig neues Moment hinein.
_Bogner_: Sind wir Feinde? Ich bin jedem guten Menschen gern zu Willen.
_Renate_ (nach einem Schweigen): Was soll ich Ihrer Mutter sagen?
_Bogner_: Auch meine Mutter und ich sind keine Feinde.
_Renate_: Und Ihr Vater?
_Bogner_: Es kommt mir vor, als wäre ich nachts beim Schlafen an die Kette eines tiefen Brunneneimers angeschlossen, und nun muß ich ihn ganz heraufziehn. Er ist voll von eitel Gutherzigkeit.
_Renate_: Redensarten, Freund! Ich habe den Eindruck, an einen Starkstrom angeschlossen zu sein. Aber Sie schalten beständig Widerstände ein.
_Bogner_ (nach einem Schweigen): Niemand war mehr im Recht als mein Vater vor fünfzehn Jahren. Er hatte einen struppigen, unmanierlichen, faulen und verlogenen Burschen vor sich und folgte seiner Pflicht, einen Bürger aus ihm zu machen. Dies nötigte mich, zu beweisen, daß er im Unrecht war gleichwohl. Nun hätte ich nach drei, nach fünf, nach zwölf Jahren zurückkommen können, und es wäre alles unverändert gewesen wie im ersten Jahr. Menschen sind nicht von Eisen, mein Vater hätte mir meinen Willen gelassen, aber ich hätte ihm nichts bewiesen. Wir haben verschiedene Wertmesser. Der meine ist das eingesetzte Leben und die Leistung vor -- sagen wir vor Gott. Den seinen nennt er Bürgerwert und täglich Brot. Die Notwendigkeit, daß er leben muß, braucht er sich nicht zu beweisen, denn er hat Frau und Kinder; die Notwendigkeit meines Lebens kann ich ihm nicht beweisen, aber ich kann ihm zeigen, daß ich zu essen habe. Wenn ich heute heimginge, würde mirs geschehen wie dem Leonhardt Hagebucher ...
_Renate_: In Abu Telfan?
_Bogner_: Als er eintrat, herrschte große Freude. Dann hieß es: Was bringst du mit? Wenn ich nichts bringe, werde ich vor dem alten Mann stehn, als wäre ich siebenzehn. Ich hätte nicht gelebt inzwischen. Keinen Aufstand gäbe es deshalb, ebensowenig wie es heute noch Groll in ihm und Trotz in mir giebt. Niemand ist von Eisen. Aber er würde recht behalten haben.
_Renate_: Sind Sie nicht schon ganz schön berühmt?
_Bogner_: Freilich! Ein kleiner Federhut von Zeitungspapier.
_Renate_: Sie Unwahrscheinlicher! Haben Sie nie an Ihre Mutter gedacht? Haben Sie denn nie Heimweh gehabt?
_Bogner_: Heimweh? Nein. Mit Müttern ist das wohl seltsam und nicht zu beantworten. Sie sind so selbstverständlich. Es fühlt sich an, als könnte man, seis wo es sei, jeden Augenblick in ihr Zimmer treten. Mit einer Mutter läßt sich nicht rechten. Begreifen Sie nicht, Kind, daß ich die ersten fünf -- acht Jahre wie ohne Besinnung gewesen bin? Soll ich Ihnen von der barbarischen Wut eines Zwanzigjährigen erzählen, der Jahre und Jahre hingehn sieht, und der alte Mann ist noch immer im Recht? Doppelt im Recht, denn weder vor den Leuten gilt man was, noch vor sich selber. -- -- Die Nacht ist schweigsam und groß -- soll ich zu Ihnen hinüberrufen, wie das ist, wenn man mit dem Engel ringt und er einem auf die Hüfte schlägt? Giebt es nicht bösere Dinge als Heimweh? Als die Wut verraucht, als es klarer, stiller geworden war, hatte ich das Heimweh verloren. Seitdem sitzt es in meinen Fingern und mischt sich in alle Farben. Sagen Sie meiner Mutter, ich käme im Frühjahr.
_Renate_ (nach einer Stille leise): Warum im Frühjahr?
_Bogner_: Gute Bedrängerin, dann werden die drei Freskobilder fertig sein, die der Herzog wünscht. Sein Gegengeschenk bietet mir für den Rest meines Lebens --
_Renate_: Würde es nicht -- -- würde es nicht genügen, wenn ich Sie bäte, meine Orgelkapelle auszumalen? Und Onkel hat so viele Beziehungen, er würde Ihnen sicher eine Ausstellung ermöglichen ...
_Bogner_: Danke tausendmal! Ich fühle, daß Sie sehr gütig sind! Aber ich möchte nichts ausstellen. Auch früher gab ich nur hier und da einmal ein Bild her, damit meine Eltern vielleicht eine Kritik läsen. Bisher habe ich nur für mich allein gemalt. Die Fresken sind nun die Probe. Ich male sie auf die Wand, da läßt sich nichts abkratzen. Wenn ich sie gelten lassen kann, ist es gut. Eher hab ich keine Sicherheit in mir selbst und kein Recht, nach Hause zu gehn. Tun Ihnen die Ohren noch nicht weh?
_Renate_: Ja, das linke schmerzt mich schon ein wenig.
_Bogner_: Das linke? Sie hören mit dem linken? Wie nett! Da sind Sie wohl auch taub auf dem rechten?
_Renate_: Nein, Gott bewahre! Aber Sie? Dann haben Sie wohl doch ab und an mit dem rechten Ohr hergehört? -- Also ich sage Ihrer Mutter --?
_Bogner_: Im Frühjahr.
_Renate_: Und viel Liebes für Magda! Ich schicke Ihnen ihre Briefe.
_Bogner_: Haben Sie auch Dank! Es war eine schöne Stunde. Gute Nacht!
_Renate_: Gute Nacht.
_Stille._
Herzog Woldemar an Georg
Trassenberg am 15. November
Mein lieber Sohn!
Wenn ich heute mit meiner alten Gewohnheit -- die beiläufig aufs Haar so alt ist wie Du -- keine Briefe zu schreiben, breche, so geschieht das aus keinem bestimmten, sondern vielmehr aus jenem, von verschiedenen Grundlosigkeiten gebildeten Grunde, der in seiner Unbestimmtheit um so schwerer zu wiegen pflegt, bei kleinen Taten wie bei großen. Mehr Ärgernisse am Tage als üblich, die gewöhnliche Schlafunbedürftigkeit hinterdrein, der alte Mangel, nicht auf und ab laufen zu können, das Umherflattern ungefestigt bleibender Gedanken, überdies eine kleine Sonderursache, auf die ich gleich kommen werde, schließlich doch auch die unablässigen Gedanken und Besorgnisse um Dein Ergehen, die sich einmal verdichten und sich sagen lassen wollen, -- Gründe genug, sich verführen zu lassen, und der letzte soll gelten!
Nicht, als ob Deinetwegen Befürchtungen gegenständlich geworden wären. Daß Du die verabredeten, wöchentlichen Kartenberichte an Mama so pünktlich innehieltest, ist ja keine Tatsache von Belang, sei aber immerhin lobend erwähnt. Mama läßt Dir fürs erste halbe Dutzend liebevoll danken, freut sich im übrigen auf Weihnachten und begeht wieder einmal >Advent!<sonntage. -- Mein Empfinden gegenüber der Nachricht auf einer Deiner Karten, daß Du im Schwabenkorps aktiv geworden bist, entsprach genau der von Dir gebrauchten Wendung: »Gegen Papas zwar nicht ausdrücklichen Wunsch -- Du weißt, ich habe nach wie vor keine -- aber doch inneres Widerstreben.« Da Du so freundlich warst, mich zu erwähnen, so erlaube mir heute ein Wort zur Sache.
Der Betrieb im Korps ist mir ja aus zwei Studiensemestern bekannt, wo ich Konkneipant der Preußen in Bonn war, und er wird sich, da seit Jahrhunderten ziemlich ungewandelt, auch in den seither vergangenen zwanzig Jahren kaum verändert haben. Ich habe ferner im Leben unter ehemaligen Angehörigen des S.-C. ebensoviel Unleidliche und Brauchbare gefunden, wie sie im ganzen Daseinskreise verteilt zu sein pflegen. Im übrigen schien mir das Korps da zu sein: einerseits für die ganz Windigen, deren völlige Zerblasenheit zu verhindern mir das Korps immerhin imstande zu sein schien; andrerseits als Manierenanstalt für die aus irgendeinem Grunde unerzogen gebliebenen Söhne der Oberklassen. Bleiben noch die Vereinzelten, darunter jene, die sich gedrängt fühlen, leitende Stellen einzunehmen, anzuordnen, zu herrschen, und jene, denen das Korps heute noch bedeutet, was es ursprünglich war, nämlich Gelegenheit, kameradschaftlichen Anschluß zu finden. Im ganzen also eine Zuchtanstalt, in der wie in jeder andern der Begabte -- mit Lebenskraft begabte -- gut besteht, der Mittelmäßige sich durchdrückt, der Verlorene sich verliert.
So ist die Frage, aus welchem Grunde Du sie aufgesucht haben magst, wohl unausbleiblich. Vielleicht beantwortest Du sie mir gelegentlich mündlich; neugierig bin ich nicht. Setze deshalb noch hinzu, daß ich mich zu erinnern glaube, Dir stets, wie auch in einem eindringlicheren Gespräch am Vortage Deines letzten Geburtstages, den Vorschlag gemacht zu haben, Du mögest Dich dorthin begeben, wo sich Menschen -- oder sagte ich, reiche Menschen? -- nun jedenfalls Menschen aufhielten, nicht Leute. Den Einzelnen riet ich Dir und beanstande freilich in keiner Weise die Möglichkeiten, daß auch im studentischen Korps deren zu finden sind.
Und nun zu der oben erwähnten Ursache!
Da habe ich Dir zunächst herzlich Dank zu sagen, daß Du fortfährst, wie früher durch Büchersendungen mir den Erwerb von Kenntnissen in schöner Literatur zu erleichtern und zu fördern. Nun fand ich im letzten Paket ein Buch, das vermutlich auch Du gelesen haben wirst, für dessen Bekanntschaft ich Dir ganz besonders verbunden bin, das mich während der letzten Wochen begleitete und ein reicher Quell von Freuden und Erkenntnissen für mich wurde, ich meine -- vielleicht hast Du es schon erraten -- die Pilgerfahrt Sebald Soekers von Knoop. Freilich ein Buch, dessen humane Werte -- obgleich ich mir _in litteris_ ja kein Urteil anmaße -- die künstlerischen mir zu überwiegen scheinen, oder findest Du die Menschen darin nicht auch ein wenig bläßlich, schattenhaft, mit wenigen Ausnahmen wie dieser famose kleine Freiherr Skarpl? Auch denke ich besonders an den zweiten Teil, die Erinnerungen Sebald Soekers, deren Stil und Charakter, deren ganzes Leben und Regen mir in wundervoller Weise die Gestalt eines wahrhaft aristokratischen Menschen vor Augen stellten. Und was die erwähnte Bläßlichkeit anbelangt, so scheint dieser Schatten mir immerhin wieder auf einen Vorzug vor den meisten Büchern unserer Tage zurückzugehen, nämlich auf eine Abneigung gegen das >Psychologische<, wo sich denn bei allen derartigen Erzeugnissen das Wort Psychologie mit »Seelenforschung ohne Menschenliebe« wohl übersetzen ließe. Und mit dem Überhandnehmen des Psychologischen scheint mir auch der demokratische Zug in die Literatur eingedrungen zu sein und der, freilich lange blaß und vielfach abgeschmackt gewordene aristokratische daraus sich entfernt zu haben.
Du erinnerst Dich vielleicht eines Reisegespräches aus unsern Augustfahrten über aristokratisches und demokratisches Wesen; und erinnerst Dich auch, daß wir im Kern des Aristokraten ein Beruhen, in dem des Demokraten die Bewegung fanden. Wir einigten uns auf die demokratische Tendenz alles Geistigen und kamen zu dem Schluß, daß, wenn es den Vorzug des Aristokraten bilde, vertrauensvoll auf eine Tradition, auf das gesicherte Gewordene zurückzublicken, der des Demokraten eine unbegrenzte Gläubigkeit an das Kommende sein müsse. So könne also, meinten wir, wenn ein Charakter von annähernder Vollkommenheit sich bilden solle, eines das andre niemals ausschließen, sintemal verharrender Blick auf das Vergangene sinnlos und albern wäre ohne den Blick darüber hinweg in eine, das Aufgespeicherte nützende und fortbildende Zukunft, ebenso wie für das Zukunftsvertrauen unerläßlich sei der Glaube an einen, von Vergangenheit wohlvorbereiteten und gesicherten Boden. Aristokratischer im Kerne vielleicht -- nur vorsichtiger Demokrat -- glaubten wir, solle der Mensch sein unter Menschen, der Tätige; demokratischer der Geist, beweglicher, leichtherziger gegen den Boden als gegen seine Flügel und Flüge.
Ich würde mich freuen, wenn wir mit neuem Anlaß und in neuen Richtungen das alte Gespräch zu Weihnachten wieder aufleben lassen könnten. Nun, jedenfalls, die Bestätigung für alles eben Gesagte fand ich im Knoop und in ihm den wahren, inneren Aristokraten in vorzüglicher Reinheit. Da fällt mir das ausgezeichnete Wort ein: »Die eigentlichen, inneren Aristokraten werden von den Weltbegebenheiten selten zur Macht geführt; sie wünschen es auch gar nicht, halten sich zart und hochgemut beiseite.« Wohin, mein Sohn, schreiben wir uns dieses? Hinter die Ohren schreiben wir es uns. Und dann das andre Wort -- wahrhaftig, wenn ich an jenem Tage, wo ich, nach alter Väterweise, versuchte, etliche eigene Erfahrungen in nicht allzu lehrhaften Lehren für Dich zu kristallisieren, dies Buch gekannt hätte, so würde ich nicht unterlassen haben, Dir das vollkommene Wort vorn in den Cellini hineinzuschreiben, jene wahrhaft erstaunliche Erklärung des Begriffes Freiheit, als welche sei: Gebunden sein an sich selber und an die höheren Mächte; nur nicht an seinesgleichen! -- Nun immerhin -- was jene Stunde anlangt, so halfen da ja keine Worte, und ihre Bestandteile waren, wenn nicht der Zustand, in den sie als Ganzes Dich versetzte, Dir eine untilgbare Narbe einbrannte, sicherlich nichtswürdig.
Womit es genug sei für diese Nacht. Allein noch eins. Doktor Birnbaum stellte fest, daß Knoop in München lebt. Suche ihn auf; ich hoffe, er wird Dich nicht abweisen. Man weiß ja nicht, in welchen Verhältnissen er lebt. Vielleicht ließen sich aus der Bekanntschaft mit ihm Vorteile von hohem geistigen, oder sei es auch von tatsächlichem Werte ziehn; vielleicht gehts ihm schlecht, und ihm muß geholfen werden. Kennst Du niemand, der Dich einführte? Ich denke, auch nur ein Besuch bei ihm müßte für Dich höchst gewinnbringend sein.
Dieser Brief erheischt naturgemäß, freiwillig, wie er sich einstellt, keinerlei Erwiderung. Du wirst genug mit Dir zu tun haben. Bleibe gesund, mein Junge, vor allem gesund, in diesem Wunsche gipfeln all meine Besorgnisse auch um Deine seelische Erhaltung. Eben kommt Mama herein und will ihren Namen darunter kritzeln -- der Blinde zum Lahmen! Jagt mich ins Bett und ist selber nicht drin! Gute Nacht, Junge!
Dein Vater
Papa und Birnbaum >wetteifern seit einiger Zeit einmal wieder in Nokturnos<, wie Dein Freund Morgenstern sagt. Gute Nacht, mein Freund! Deine
Helene
Georg an seinen Vater
München am 19. November
Mein guter Papa:
Die Mama setzt einen doch immer wieder in Erstaunen! Ein einziges Mal im Leben habe ich ihr nun eine halbe Stunde lang Morgenstern vorgelesen -- zu ihrem höchsten Vergnügen, kannst Du Dir denken! -- und wie es scheint, hat sie ihn auswendig behalten und tritt glänzend damit hervor. Lieber Gott, was seid Ihr doch für zwei Menschen! Ich weiß, Papa, ich weiß, daß derlei Ausrufe die natürlichen, den Gefühlen gesetzten Schranken durchaus überschreiten, aber mögen sie einmal!
Erlaube im übrigen, daß ich mit einer leichten Verlegenheit die Feder ergreife. Auch sie ist, wie der Grund Deines vereinsamten und um so freudiger begrüßten Schreibens, aus mannigfachen Anlässen zusammengestückt, von denen ich ein paar herzählen zu dürfen bitte: Verbundener Kopf mit 37 Nadeln und einem Knochensplitter von drei Zentimetern (innerlich gleichwohl schon wieder klar; es war am Samstag!); ferner nicht unerheblich Deine Auslassungen über Korps usw. Alsdann ein Gewisses, eben schon Erwähntes, wovon gemeinhin unter uns nicht die Rede zu sein pflegt, -- ich meine -- Gefühle, und zwar sowohl solche Deines Briefes selbst -- in und zwischen den Zeilen -- als auch solche, mit denen ich ihn las. Und von diesen gestatte noch ein Wort, das anstands- und vorsichtshalber in der Bildersprache geredet sei. Nämlich:
Zwei Erinnerungsbilder erschienen mir während des Lesens mit besonderer Deutlichkeit nacheinander. Das eine aus dem ersten Jahr meines Altenrepener Lebens und aus dem Pragerschen Hause, -- kurz: Benno bekam eine Ohrfeige von seinem Vater; Obertertianer waren wir; den Grund vergaß ich. Es war die erste dergleichen, die ich sah, und ich weiß noch genau, in welche Freundschaftsängste mich die zuversichtliche Einbildung versetzte, Benno scheide mit diesem Augenblick entweder für immerdar aus dem väterlichen Hause, oder aber jedes Gefühlsband zwischen ihm und dem Alten sei unheilbar zerrissen. Freilich -- keines von beiden; es war nur meine erste -- nicht Bennos erste Ohrfeige. Die letzte allerdings; ich glaube, mein Gesicht, als ich sie bekam, hat der Alte nicht vergessen.
Das andere Bild stellt Caligula dar, nicht den Kaiser, sondern Oberlehrer Karlchen Müller, den wir so nannten, weil Caligula Stiefelchen bedeutet, und so sah er aus. Im übrigen ehrten wir ihn äußerst, aus weiter keinem Grunde, als weil er, wenn er einmal etwas nicht wußte, die Gewohnheit hatte, zu sagen: Tscha, das weiß ich nu mal gleich nich; das muß ich erscht nachschlo'n. -- Dies Zugeständnis der Unwissenheit machte immer von neuem tiefsten Eindruck auf uns.
Guter und großherziger Papa, muß ich noch Beziehungen aufdecken? Verwandtschaften und Gegensätze? Denn nicht umsonst bist Du ja der kluge Vater eines so begabten Sohnes und weißt, daß nichts den Glanz des Wissens derart zu vertiefen imstande ist wie die gelegentlichen und spärlichen Eingeständnisse des Nichtwissens; und weißt, daß kein Kaiser seinen Nachkommen tiefer in Beschämung zusammenrütteln kann, als wenn er ihn -- als Kaiser, den kommenden, behandelt; als seinesgleichen.
Nun erst zum Besten, ja zu einer der kostbarsten Stunden meines Lebens, als die ich sie immer zu bewahren hoffe. Ich war bei Knoop. Es traf sich, daß ich bereits von Dr. Bödeker, dem Redakteur des Altenrepener Kurier, eine Empfehlung an ihn bekommen hatte. Ich zögerte noch, ihn zu behelligen, da kam Dein Brief, und ich ging.
Nein, leider, ihn uns zu verbinden, wird auf keine Weise gelingen. Ich fand -- in einer schönen Bürgerwohnung -- einen kranken Mann mittleren Alters, klein, gebrechlich aussehend, mit einem hängenden, schwarzgerandeten Kneifer, schlichtem, dunklem Haar, -- und irgend etwas an ihm mutete mich japanisch an, was, kann ich nicht sagen. In seinem Gesicht aber fand ich -- wenn es in seinen Augen zu rieseln begann und die Lippen sich über den sehr schlechten Zähnen verzogen -- etwas Herrliches wieder: das Lächeln Maler Bogners. Hast Dus gesehen, Papa? Du mußt es gesehen haben! Ach, es war vielleicht noch kostbarer bei Knoop, denn -- es war schmerzlich, und es war, als ob der tief aus innen quellende Glanz der vollkommenen Leidensgüte mich ganz überrieselte, wenn dieser kleine, kranke Mensch hinter seiner Stuhllehne stand -- er bat gleich, seines Leidens wegen stehen zu dürfen -- und hin und wieder zu seinen Worten lächelte. -- Ja, der kann nun wieder nicht sitzen, -- und ich hockte da in meiner Gesundheit und pries mich glücklich und dachte an Mama und an Dich, und daß irgendein furchtbarer Riß von Verkehrtheit in der Welt sein muß -- -- ja.
Er führte mich bald ins Nebenzimmer, wo ein großer, häuslicher Tisch war mit einem Samowar und großen russischen Teegläsern in schweren Silbereinsätzen, und am Tisch seine Frau, ein junges Mädchen, deren Zugehörigkeit mir dunkel blieb, und ein Gast, wie es schien ein Kaufmann aus Rußland. Auch seine Frau war verehrungswürdig, mit fabelhaft lebensvollen, klugen und guten braunen Augen in einem blassen, nicht eben schönen Gesicht, das aber ganz leuchtend war von prachtvoller Frauenhaftigkeit und tiefem Leben, -- wohl hoch in den Dreißigern alt. An irgend etwas, über das wir sprachen, kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an sein Lächeln. Und so gewiß es ist, daß es Lebensstunden des Übermaßes giebt, des Glückes, der Freude, die unvergeßlich bleiben müssen, so gewiß glaube ich zu fühlen, daß keine sich tiefer einbrennen kann, ja vor allem keine in späteren Jahren eine so leuchtende und herztröstliche Wiederkehr feiern kann wie diese stille, in nichts faßliche, die ich neben dem armen kranken Manne Gerhard Ouckama Knoop verleben durfte.
Deine Erinnerungen an unser, mir freilich höchst gewärtiges Reisegespräch haben ein zweites zutage gefördert, das ich aus Anlaß Deiner Briefäußerungen mit einem reizenden Menschen hatte: Ernesto von Riesa, bei uns i. a. C. B. -- leider bereits! -- studiert Literaturgeschichte vorwiegend, vollendet eben eine dickleibige Doktorarbeit über ein Thema aus der Theatergeschichte und hat vor, Intendant zu werden. Geruhe vielleicht, Dir den Namen zu merken. Einige aphoristische, oder besser fragmentarische Auslassungen, die unser Gespräch abwarf, und die ich zu Papier brachte -- ohne mehr genau sagen zu können, auf wessen Kosten von uns Beiden dieses oder jenes darin kommt -- füge ich bei.