Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 20
Das folgende ist nun schwierig zu erklären. Du weißt, daß bei Duellen Sekundanten gebraucht werden, deren Obliegenheiten mir dunkel sind, aber Josef hat mir erklärt, daß es bei studentischen Duellen möglich ist, daß die Sekundanten sich gegenseitig erzürnen und beleidigen, und daß es ein neues Duell zwischen ihnen giebt, das schnurstracks ausgefochten werden muß. Ach, weißt Du, Kindlein, das Ganze erinnert mich so herzlich an meinen guten Neger, hab ich Dir das mal erzählt? Wie ich in Genua auf der Kaimauer saß und aquarellierte und eine ungeheure Volksmenge sich um mich versammelte, vermutlich weil ich so weiß in Schleiern und blond war? Und wie sie zudringlich wurden, und plötzlich ein ungeheurer Mohr seine Jacke auszieht und auf die Erde wirft, sich die blauen Hemdärmel aufstreift und im schauderhaftesten Italienisch erklärt, daß es eine Schande wäre, eine Lady derartig zu behandeln, und dann anfängt zu boxen, daß es gräßlich anzusehn war? Ja, daran erinnerte mich der Erasmus, denn er war der Sekundant seines Freundes Klemens, und er und der Andre, sagt Josef, wären aufeinander losgegangen wie die Teufel. O Männer, o Männer!
Nun lebe wohl, Herz, ich hab mich ganz lahm geschrieben, hoffentlich bringt all der Unsinn Dich ein klein wenig zum Lachen. Lebe tausendmal wohl! In inniger Liebe Deine
Renate
P. S. Der Brief blieb versehentlich liegen; nun muß ich ihn doch noch einmal öffnen, um meiner Begeisterung für Ulrika Tregiorni die Zügel schießen zu lassen, die eben wieder gegangen ist. Sie hat mir eine Klavierbearbeitung der Violinchiaconna von Busoni mitgebracht (viel schöner als die von Brahms!) und vorgespielt, daß es mich einfach hinweggefegt hat. Dann kam meine Orgel, und Gott sei Dank, ein klein wenig ist sie auch weg gewesen, und so wetteiferten wir denn. Zwischendurch hatten wir die herrlichsten Gespräche, von Bruckner, den ich nicht kenne, von Bach und Beethoven, den sie immer nur den Nabob nennt. Das paßt auch vortrefflich, und Du hättest sie hören müssen, wie sie das erklärte, wie Beethoven eine solche Üppigkeit sei, gewaltige Weinberge, beladen mit ungeheuren und süßen Dingen wie mit riesigen Trauben, allein -- denke Dir, sie gab im Herzensgrunde Bach den Vorzug, allerdings wohl nur aus Egoismus, weil Beethoven kein Klavierkomponist war. Du wirst sie bald kennenlernen müssen. Dann wirst Du eher wissen, als ich, warum sie ein Mädchen ist und keine Frau.
Und nun adieu!
Magda an Renate
24. Oktober
Es war nichts, Herz! Ja, ich bin lustig gewesen, ich habe sogar viel mehr über Deinen lieben Brief gelacht, als mir selber begreiflich war, das rächt sich nun, und mir ist wieder elend. Bogner gehts auch schlecht, er sitzt stundenlang vor seinem Bild und raucht und sagt, es wäre die größte Schande seines Lebens, und er verstünde nicht, wie er das jemals wieder gutmachen sollte. Und wie glücklich könnte er sein, er, der doch immerfort sein Leben in Werke umsetzt, der wie kein Mensch sonst sieht, daß er etwas gemacht, daß sein Tag nicht umsonst war, nicht umsonst die Schlaflosigkeit der Nächte, und Essen und Trinken und Sichanziehn, alles nicht umsonst, weil etwas da ist, das er gemacht hat. Wir gleiten so dahin, verbrauchen das Heute, um uns Kleider für morgen zu machen, und die Stunden fallen uns nur so aus der Uhr, -- kling -- klang, wieder eine abgelaufen.
Dann hat mir auch der arme Jason wieder einen Schrecken eingejagt. Er schien ja wieder ganz wohlauf zu sein, nur sprach er kein Wort und ging gebückt umher, die Hände in den Taschen, und schien eigentlich nichts zu sehn. Dann merkte ich, daß er immer vor sich hinmurmelt, und heut abend -- jetzt ist es Nacht --, wie Vater und Bogner und ich bei der Lampe sitzen und lesen, fängt auf einmal seine Stimme im Schatten an, und er sagt ein wundervolles Gedicht, das ich leider vergessen habe. Nach einer kleinen Pause fängt er ein andres an, und dann hört er nicht wieder auf, und es war wohl eigentlich wunderbar, er sprach nur leise, aber mit solchem Ausdruck, daß die Worte leuchteten wie Früchte und Blumen, und dann wars der sanfteste Regen, und dann warens auf einmal nur noch Worte, und es ging immer geschwinder, atemlos, unaufhörlich, ganz monoton, wie ein Uhrwerk, bis Bogner endlich aufstand, zu ihm trat, ihm die Hand auf die Schulter legte und ganz ruhig sagte: Nun ists genug. -- Da wagte ich erst, zu ihm hinzusehn, und er saß da, in sich versunken, aber sein bleiches Gesicht war mit einer solchen Verzweiflung, solcher Sterbensmüdigkeit und auch mit solch kindlicher Ratlosigkeit zu Bogner emporgedreht, als ob der alles wüßte und gleich helfen könnte, -- o, es war schaurig! Da sagte Bogner, er sollte ihm nun einmal ruhig erzählen, was ihm eigentlich fehlte, und er blickte ihn auch ganz gehorsam an und sagte: Das Gedächtnis, nur das Gedächtnis. -- Was denn damit sei? -- Ja, sagte er, es hat alles gefressen. -- Ach, Renate, es ist zum Weinen, wie kindisch er das alles vorbrachte!
später
Er sagte, er sei als kleiner Knabe einmal auf den Kopf gefallen, und daher sei es wohl gekommen, daß er alles, was er lese, behalten müßte, und was er zweimal gelesen hätte, das würde er nie mehr los. O, sagte er wieder etwas muntrer, ihr müßt nicht denken, daß dieses nicht auch seine Vorzüge hatte, nichts auf der Welt ist ohne Vorzüge, und ich zum Beispiel, ich spreche alle Sprachen der Welt. Ich habe sie alle auswendig gelernt. Und er erklärte uns das, und sagte auch, er habe ja den eigentlichen Schaden erst nach Jahren bemerkt, wie das immer so gehe, wie auch mit Kindern, die alle erst herrlich gefunden würden, und später taugten sie gar nichts. Aber erst, wie er schon fast erwachsen gewesen sei -- ja, denke Dir, er ist schon über dreißig und sieht kaum wie zwanzig aus -- habe es sich zu einer richtigen Krankheit entwickelt, einem Katarrh, einer Cholera, und erst in Zwischenräumen von Monaten, dann immer häufiger habe er Anfälle, die manchmal wochenlang dauerten, da gefalle es dieser Charybdis von Gedächtnis, alles Eingesogene wieder auszuströmen, und damit verfahre es ja nun ganz methodisch, indem es sich immer in gewissen Grenzen halte, mit kleinen, niedlichen Variationen, und wenns einmal Gedichte wären, so wärens ein andermal Dramen, auch halte es sich streng an die Sprachen und verwechsele Englisch niemals mit Finnisch, obgleich eins so greulich wäre wie das andre. O, stöhnte er dann laut, wenn doch endlich, endlich einer käme, der mir mit einem einzigen Beilhieb diesen Schädel entzweispaltet wie eine Nuß, daß ich das Ganze herausnehmen und zerquetschen kann, -- aber -- und da fiel er wieder zusammen -- ihr habts ja nicht gewollt.
Ja, da bin ich freilich auch zusammengefallen und konnte nur noch in mein Zimmer hinaufgehn und mich aufs Bett legen.
Ich, Renate, ich, ich bin es doch gewesen, die ihn zweimal verhindert hat, sich zu erlösen, ich, in meinem Unverstand, ich habs nicht zugelassen, daß er sich ausruhn dürfte, und nun sage mir, ja, sage mir, wenn Dus weißt, wie ich das jemals wieder gutmachen soll!
Magda
Renate an Magda
Am 24. Oktober
Auf einmal, wie ich vor der Orgel sitze, sehe ich im kleinen Spiegel über mir, daß Irene mitten in der Kapelle steht. Ich breche ab, frage: Irene? Ist er wieder gesund? -- Sie steht da, hat die Augen niedergeschlagen und lacht. Dann wird sie nachdenklich und sagt: Die Wege des Himmels sind außerordentlich ... Und lacht wieder. Ich ahne sonderbare Dinge und herrsche sie an: Steh Rede, Irene! -- Was meinst du, fragt sie da mit tödlichem Ernst, ob ich ihn wohl heiraten soll? -- Wie kann ich das wissen, Irene, du mußt doch wissen, ob du es willst! -- Ja, ich will wohl, sagt sie, wenn das genügt, er will auch. -- --
Ja, ja, Magdachen, die Wege des Himmels sind außerordentlich ...
Wobei mir einfällt, daß ich ganz vergessen habe, Dir von einem Freunde zu schreiben, ja, Freunde, kann ich wohl sagen, obwohl wir uns erst drei Tage kennen. Du siehst, er ist mir schon so gewohnt, daß ich vergaß, Dir von ihm zu erzählen. Wie er aussieht? -- Er wird dreißig Jahre alt sein, ist ziemlich groß, aber mager, Kopf und Gesicht sind klein, aber zart, zart auch das blonde Haar und die Nase, die im Profil mit Stirne und Kinn eine schräge Linie bildet, und die hellblauen Augen sitzen ein wenig flach und sind länglich geschnitten. All das, mit der hohen Kopfform, ist ein wenig fremdartig, wie von einem mir unbekannten Volke. Der Ausdruck ist sehr ernst, sein Gehaben still, seltsam innig sein Lächeln. Ja, so sieht er wohl aus. Im Konzert blickte er mich vom weiten an, ganz ruhig, anders als die andern Menschen, und hinterher kam er, verbeugte sich und sagte irgend etwas wie: Er hätte das Gefühl, als ob er mir dienen könne, oder so. Womit aber? fragte ich, doch einigermaßen verwundert, worauf er mir freundlich meine Garderobemarke aus der Hand nahm und sagte: Augenblicklich wohl dadurch, daß ich Ihren Mantel hole. -- So hatten wir uns kennengelernt. Auf dem Wege zu meinem Wagen waren wir schon so in ein musikalisches Gespräch vertieft, daß ich den Wagen wegschickte und den ganzen Weg nach Hause -- gut dreiviertel Stunden -- mit ihm zu Fuß durch die Nacht ging und nachher noch eine halbe Stunde vor dem Hause auf und ab, und dann hat er noch bei mir Tee getrunken. Möglicherweise ist es mein verstorbener kleiner Bruder Albrecht. Er spielt Geige, aber sein Beruf ist das nicht. Übrigens weiß ich nicht einmal, ob er einen Beruf hat; er bemerkte nur einmal gelegentlich, er beschäftige sich mit Geschichte. -- -- Ja -- so: er heißt Saint-Georges. Den Vornamen weiß ich nicht, und es machte sich schon so, daß ich ihn Georges nannte.
Am 26.
Dies schrieb ich vorgestern, nun ist Dein Brief da, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn ich denken müßte, wenn ich fürchten müßte, daß die Dunkelheit jener Stunde, in der Du mir schriebst, anhalten sollte, so hielt ichs nicht aus vor Angst. Ich bitte Dich, schreibe mir gleich ein paar Zeilen, ob es so ist, dann komme ich sofort, es muß gehn, was nützt Schreiben! Ich muß bei Dir sein, und wenn ich Dir selbst nicht helfen könnte, so wüßte ich doch, daß Du nicht allein bist. Ich bitte Dich, schreib! In Liebe und Sorge
Renate
Viertes Kapitel: November
Magda an Renate
4. November
Was soll ich schreiben? Deine Briefe lese ich oft, das ist so gut, als wärest Du bei mir. Du bist glücklich und heiter unter lieben Menschen, was solltest Du hier? Man muß doch mit allem allein fertig werden.
Mit mir will es nicht so recht vorwärts. Der Herbst fröstelt mich so. Des Nachts wache ich oft auf und gehe ans Fenster. Es ist windig und ganz schwarz draußen, ich weiß, daß draußen alles voll Trümmer liegt. Dahinter steht das schwere Tosen der See, manchmal glimmen Sterne und erlöschen schrecklich jäh. Dann rauscht der Regen, endlos. Ich mache Licht, liege, denke. Manchmal, halb im Traum, scheint mein kleines, erleuchtetes Zimmer mir die Kajüte von einem großen Meerschiff, das unendlich fern von euch durch die schwere, nächtliche See stürzt. Manchmal sehe ich schreckliche Dinge und kann doch die Augen nicht abwenden. Ich sehe einen Menschen, der langsam in einen Sumpf versinkt. Alles ist meilenweit mit Nebel bedeckt, tödliche Öde, und er sinkt und sinkt, und ich sehe zuletzt nur noch einen Arm, der um Hülfe flehend gräßlich herausragt. Ach, so versinkt mir jeder Tag, und es giebt keine Hülfe. Und dann diese Nächte, dies verzweifelte, dumpfe Stöhnen der Natur, die ohn Unterlaß den entsetzlichen Kampf kämpft bis gegen Morgen, die ganze, schwere, verworrene Nacht. Dann weiß ich: der Tag wars, der sich daraus hervorgerungen hat. Da liegt er nun halb entseelt, sterbensmüde und hat zerbrochene Augen.
Wunderst Du Dich, daß ich dies so verstehe? Mich wunderts selbst, denn früher kannte ich die Natur ja nicht. Sie war etwas Liebes, Schönes, zum Drinherumgehn und sich Freuen. Nun ist mir alles so furchtbar verwandt geworden, und was ihr geschieht, fühl ich am eigenen Leibe.
Jason schleicht hinter Bogner her den ganzen Tag und erzählt ihm auf Schritt und Tritt. Einmal mußte ich so lachen, es kam mir so vor -- der überlaufende Jason hinter Bogner -- wie der aufgeschnittene Hirsebeutel in Andersens Märchen, den die Prinzessin um den Hals hat, als der große Hund sie zum Soldaten trägt. Haben wir nicht einmal Märchen gelesen? Das muß viele, viele Jahre her sein.
Abends sitzen wir alle zusammen und hören Jason zu. Vater und Bogner trinken ihren Grogk; ich sticke ein wenig. Ich glaube, ich werde den Winter lang durch die ganze Literatur kommen, Hebbels Dramen haben wir schon alle gehabt, jetzt hören wir Storm. Es geht seit einiger Zeit merkwürdig im Zickzack. Als er Frau Marie Grubbe kaum angefangen hatte, geriet er auf einmal ins Dänische, da mußte Bogner ihn abstellen, und auf einmal merkte ich, daß er in _Aquis submersis_ war. Ich freu mich schon auf Keller, von dem ich nur das Sinngedicht kenne.
Alles nimmt mich so hin! Neulich war noch ein schöner Tag, so leicht und bläulich, daß ich mich gar nicht fürchtete vor aller Kahlheit. Da ging ich gegen Abend den Sandweg auf Lüdersens Deich gegen die Windmühle hinauf. Ach, wie mußte ich plötzlich stehenbleiben und nach den Birken sehn, an denen noch ganz wenig zitterndes Gold hing und tropfte; zwischen ihnen war der Himmel, aus reinem Purpur und ganz nah, und davor trieben leise, leise die goldenen Flocken herunter. Alle Schwere schien mir da fortgenommen, ich dachte, so müssen die Hände von Sterbenden sein, die schon erleichtert sind innerlich von der ganzen Leichtigkeit eines neuen Daseins. Ja, das war die letzte Zärtlichkeit des Jahres. Und wie ich da plötzlich den Weg vor mir steigen sah, grade in den leeren Abendhimmel hinein, als ob er jenseit des Hügels, anstatt hinabzusinken, schweben würde, -- ach, wunschlos sein! riefs da in mir, so wunschlos dem Ende hingegeben! Ich breitete die Arme aus, als sollte es mich nun erfüllen mit Stille und Frieden und Dankbarkeit, -- zu jedem Dienst wäre ich ja bereit gewesen!
Es kam natürlich nichts. Nur die Nacht.
Alles, alles, alles ist verändert. Was ewig stille zu stehn schien, das entgleitet mir nun leicht wie ein Kahn, -- nein! Ich selber treibe mitten im Fließenden, tief drin, als sei ich schon unendlich weit hergekommen. Reifen würd ich, schriebst Du vor Ewigkeit; warum? wozu? Und wenn ichs täte -- mir wäre es herzlich unwillkommen; hart scheint mirs und sehr, sehr verfrüht.
Dienstag
Heute morgen bin ich doch vor mir selber erschrocken. Mein Haar war mir so schwer geworden, ich wollte mich anders frisieren, da sehe ich plötzlich meinen Mund im Spiegel. Der war so heiß und so dunkel, ich mußte an eine Wunde denken, habe freilich noch keine gesehn. O wer hat mir die zugefügt? Kein Mensch, o nein! Solche Wunden sind ja nicht menschlich, es muß wohl das Leben selbst gewesen sein, weil es mich haßt; es hat mich ja längst aus seinem Gebiet gestoßen, und doch lebe ich noch immer. O, und ich schäme mich, unter die Andern zu gehn mit meinem Munde, mit dem Zeichen der Verstoßenen. Er sah so gierig aus. Mich graute.
Sonnabend
Wieder ein paar Tage hingebracht. Nein, Du sollst nicht kommen, auch Du wärst viel zu laut und schön; wo Du bist, ist Musik, wer möchte hier wohl tanzen? Sie müßten sich alle wundern. Jason ist mit Storm fertig, alles höre ich ja leider nicht, weil er auch tagsüber spricht, wenn ich zu tun habe, nun hören wir die Seldwyler, einen nach dem andern, es ist sehr lustig.
Auch Bogner geht es schlecht. Mein Bild kränkt ihn, an dem er nun malt, o ich weiß wohl, woher das kommt! Er will mich lebendig auf seiner Leinwand haben, und das soll ihm nicht gelingen. Ich sitze ihm fast jeden Tag ein paar Stunden, aber er malt fast gar nichts, nur der ganze Saal füllt sich allmählich mit Studien, ich weiß nicht, wann er die macht, fast denk ich, nachts im Dunkeln, er ist ja ein Zauberer. Er nimmt alles aus mir heraus, Stück für Stück. Möchte wissen, wie lange es noch dauert, bis ich leer bin. Ich fürchte, Jason mit seinen Geschichten füllt mich immer wieder ganz heimlich. Denn der sitzt immer dabei, redet und redet, manchmal lauter, manchmal leiser. Auch ist er nun oft verstört und gleitet von einem ins andre -- schließlich giebt es ja kein Wort, das nicht auch wo anders stünde -- und wir lassen ihn nun in Frieden.
Oft ist es in solchen Stunden doch ganz still. All das Leben, von dem Jason erzählt, braust in der Ferne wie Meeresbrandung, aber ich fühle wohl, daß ich irgendwie hinein verflochten bin, daß es auch mein Blut ist, das in diesen Menschen litt, und wenn ich recht darüber nachdenke, so erleichtert michs auch, Zusammenhang zu fühlen. Haben die Menschen früher nicht leidenschaftlicher gelebt? Und die Dichter, können sie dies alles erlebt haben? Ich glaube, ihnen erging es so wie mir, tiefer als Andre fühlen sie den Zusammenhang ihres Blutes mit allem andern; im eigenen Blut hören sie alle Stimmen, alles Schreien, alles Weinen, sehn das goldenste Lächeln und so schöne Landschaft, wie wir nie zu sehn bekommen, weil wir immer über uns hinwegsehn, nicht in unser Blut, wo alles erst wirklich wird. O, dann ist es süß, auf das Leben zu lauschen, wenn man draußen ist, es ist wie Weihnachten, wenn man durch die Ritze späht und sieht, wie drinnen die Lichter an zu brennen fangen.
Bald ist Weihnachten. Spitze Dich nicht auf ein Geschenk, gute Renate, ich hab eins angefangen, aber ich komme nicht vorwärts, und die Herzogin muß doch ihre Kleinigkeit haben wie jedes Jahr, und das geht wohl vor. Unsre Freunde können ja für uns darben.
Nun will ich diesen Brief doch abschicken, obwohl ich ihn eigentlich für mich allein geschrieben habe.
Und ich darbe. Schwesterlein, ich darbe, ich darbe sehr!
Deine Magda
Renate an Magda
12. November
Um Gottes willen, Kind, Kind, was ist das mit Dir! Ich habe wie eine Verzweifelte auf einen Brief gewartet, dann wurde ich ruhiger, nun dieser heute! Gott, weißt Du denn überhaupt, _was_ Du schreibst? Und nun ist das Schrecklichste, daß ich selber mit Influenza daliege, schon seit vier Tagen, und acht kann es noch dauern. Könntest Du denn nicht kommen? Ich _bitte_ Dich, komm zu mir, ich habe eine Angst um Dich, daß ich den ganzen Tag weine. Bitte, bitte, komm, Bogner kann Dich ja herbringen. Gieb um Gottes willen _gleich Nachricht_ Deiner verzweifelten
Renate
Magda an Renate
15. November
Nein, Liebste, Du mußt nicht so in Sorge sein meinetwegen! Ich bin freilich krank geworden und hab mich ins Bett legen müssen, es spukte mir wohl schon in den Gliedern. Es ist aber nur ein Bronchialkatarrh und gar nicht gefährlich, und Du mußt nicht erschrecken, wenn ich Dich trotzdem bitte, diesen Zettel zu verbrennen, da es immerhin _möglich_ ist, daß es Diphtheritis werden kann. Von Herzen Deine
Magda
Ferngespräch
_Stimme hüben_: Hier ist Fräulein von Montfort. Könnte ich wohl Fräulein Chalybäus sprechen?
_Stimme drüben_: Ja, unser Fräulein ist leider krank --
_Hüben_: Krank? Um Gottes willen, was fehlt ihr denn?
_Drüben_: Wie bitte?
_Hüben_: Was ist? Ich verstehe kein Wort! Was fehlt ihr?
_Drüben_: Ich weiß nicht, ich will --
_Hüben_: Rufen Sie doch bitte Herrn Chalybäus oder, -- warten Sie! Sind Sie noch dort?
_Drüben_: Jawohl!
_Hüben_: Ist Herr Bogner vielleicht da?
_Drüben_: Ich will mal nachsehn.
(_Lange Stille_)
_Drüben_: Ja, hier ist Bogner.
_Hüben_: Hier ist Renate Montfort. Guten Tag, Herr Bogner!
_Bogner_: Guten Tag, gnädiges Fräulein. Ja, die kleine Magda hat sich leider hinlegen müssen. Sie schrieb Ihnen gestern einen Zettel. Es ist aber nicht bedenklich. Es ist nicht Diphthe--
_Das Amt_: Sprechen Sie noch?
_Renate_: Jawohl, ich spreche noch! Bitte, Herr Bogner, ich verstehe kein Wort! Was ist mit Magda?
_Bogner_: Nur Bronchitis! Es ist nicht bedenklich.
_Renate_: Ach Gott, es ist schon Unheil genug, daß sie überhaupt krank geworden ist, zu allem andern! Bitte, sagen Sie ihr doch tausend liebe Grüße von mir!
_Bogner_: Ich verstehe nicht ...
_Renate_: Grüßen! Vielmals grüßen! Sie wissen doch, wer ich bin?
_Das Amt_: Sprechen Sie noch?
_Renate_: Jawohl! Bitte, Fräulein, seien Sie so gut und unterbrechen Sie nicht fortwährend! Sind Sie noch dort?
_Bogner_: Jawohl! Und ich weiß genau, wer Sie sind!
_Renate_ (nach einem Schweigen): Ich möchte noch -- -- Herr Bogner, ich werde, wenn meine Gesundheit es erlaubt, in einigen Tagen Ihre Mutter kennenlernen; in einer Gesellschaft.
_Bogner_: Wen? Ich kann nichts verstehn.
_Renate_: Ihre Mutter!
_Bogner_: So. Ja, bitte, grüßen Sie von mir!
_Renate_: Sonst darf ich ihr nichts ausrichten?
_Bogner_ (nach einer kleinen Stille): Ja, bitte -- wie meinen ...
_Renate_: Ich verstehe kein Wort.
_Bogner_: Ich verstehe Sie auch nicht, gnädiges Fräulein.
_Renate_: Ach, das ist abscheulich mit diesem Telephon! Also viele Grüße an Magda. Adieu!
_Bogner_: Wie bitte? -- -- -- Sind Sie noch dort?
_Das Amt_: Sprechen Sie noch?
_Stille_
Ferngespräch II
_Renate_: Ist dort jemand?
_Bogner_: Hier ist Bogner. Guten Abend, gnä--
_Renate_: Herr Bogner? Das ist ja rätselhaft! Hier ist Renate Montfort.
_Bogner_: Rätselhaft? Ich finde gar nicht. Wenn ich nicht grade im Arbeitszimmer Chalybäus' etwas im Konversationslexikon gesucht hätte, würde niemand das Telephon gehört haben.
_Renate_: Aber es war doch so sonderbar! Ich wollte Sie sprechen, und kaum daß ich das Amt um die Verbindung gebeten habe, kommt auch schon Ihre Stimme. Sie müssen wissen: Unser Gespräch am Montag hat mich schrecklich gewurmt. Es war eine unselige Art, unsre Bekanntschaft zu machen. Durch das Geschrei und die Zwischenfragen fortwährend kam ich mir ganz verzerrt vor; als müßten Sie mich in einem Hohlspiegel gesehn haben. Den ganzen Tag hat mich mein linkes Ohr geschmerzt, und immerzu hörte ich Sie: Ja, bitte -- sagen. Kein Wort war zu verstehn. Warum geht es denn nun so herrlich?
_Bogner_: Sie riefen doch grade um die Börsenzeit an, wo alle Leitungen überladen sind. Jetzt, mitten in der Nacht, ist es natürlich still.
_Renate_: Mitten in der Nacht? Es ist kaum neun --
_Das Amt_: Drei Minuten! Ich breche --
_Renate_: Aber ich bitte Sie, Fräulein, Sie sollen durchaus nicht abbrechen, bis ich das Zeichen gebe! -- -- Sind Sie noch dort?
_Bogner_: Jawohl.
_Renate_: Wie schön beruhigend das heute klingt. Wir wollen unser Gespräch von neulich wieder gutmachen. Ich hätte Lust zu einem kleinen Nachtgespräch.
_Bogner_: Ich auch, wahrhaftig! Setzen wir uns!
_Renate_: Danke, ich sitze bereits. Sie stehen hoffentlich nicht an einer Wand?
_Bogner_: Nein, das war neulich, wo ich an den Nebenanschluß für die Dienstboten im Keller geriet. Jetzt sitze ich an einem vornehmen Schreibtisch. Und Sie?
_Renate_: Ich sitze auch am Schreibtisch. In meinem eignen Zimmer.
_Bogner_: Wie mag das wohl aussehn? Ich habe immer gern eine Vorstellung ...
_Renate_: Es hat ganz lichte Wände, und vor mir steht eine kleine Lampe mit gelber Stoffkuppel.
_Bogner_: Welch freundliche Erscheinung in der Nacht! Aber bitte, was ist >licht<?
_Renate_: Also schilfgrün. Und kleine weiße Bilder, die Tänze von Hofmann, und auch Zeichnungen Ihres Namensvetters.
_Bogner_: Cellini? Der Schurke, da hat er Zeichnungen für Sie gemacht, und niemand weiß davon ...
_Renate_: Ach, Unsinn! Ich meine natürlich Genelli, Bonaventura! Ich verwechsele das immer. Aber nun berichten Sie mir erst von Magda! Am Telephon wird mir jeden Tag gesagt, es sei nicht schlimm ...
_Bogner_: Es ist auch so. Die Temperatur ist noch nie über achtunddreißig sieben oder acht gestiegen. Allerdings liegt sie ganz teilnahmslos.
_Renate_: Ach, es ist so schrecklich mit ihr! Wäre nur meine Influenza erst ganz vorbei! Sie wissen ja nicht, was in ihr vorgeht.
_Bogner_: Ich weiß, daß sie heftig erschüttert worden ist.
_Renate_: Sie mußtens wohl merken ... Ich wollte, Sie könnten ihre Briefe lesen. Sie selber hat an Ihren Studien erkannt, wie sehr Sie um ihr inneres Gesicht wissen. Auch das ist leider nicht gut für sie gewesen.