Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 2

Chapter 23,748 wordsPublic domain

Der Herzog fand und forderte den Maler zur Beistimmung auf, die Phantasie sei ein unseliger Greis geworden, den man zur Lust reizen müsse wie den König von Münster weiland.

Dies wollte der Chalybäus dahingestellt sein lassen, die Hauptsache bleibe: Alles muß echt sein. »Wirklich muß es sein, freie Natur, echter, windiger Wald, natürliche Zimmer und Pferde, vor allem Pferde. Ach, wer möchte nicht einmal drei Millionen Schimmel sehn! Die ganze Welt, sehn Sie her, ist zur Bühne geworden, Entfernungen? Wie? Der Raum schrumpft, der D-Zug bringt den Schauspieler an jeden verlangten Ort, Hotelvestibüle wechseln mit Ozeandampferpromenadendecks, Hafeneinfahrten, Freiheitsstatue und Spreewaldlandschaften. Das Büro eines Rechtsanwalts verwandelt sich, schneller als ich die Hand umdrehe, in diese Terrasse, diese Treppen hinunter treten wir in ein Warenhaus, Segelschiffe ziehn übers Meer, durch den Tubus eines Leuchtturmwächters gesehn, der Spielsaal von Monte-Carlo, Zypressen, Vesuv, das Zimmer einer Kokotte, Karlshorst vor den Tribünen, die Kulissen eines Va-- -- also die Steepler fliegen vorüber, alles, alles fliegt, saust, verwandelt sich, reißt ab, setzt meilenfern an und ist in atemlosem Endspurt vorbeigerast, abgewickelt, siebenhundert Meter Film in zehn Minuten -- es muß eine Lust sein, darin zu leben!«

»Und das Ganze ist denn wie an die Wand gepißt,« sagte der Herzog mit Nachdruck, fügte jedoch begütigend hinzu, daß er Chalybäus ja gern entbinde; er wolle ihn nicht hindern zu leben. --

Georg schien sein Vater, wie stets, wallensteinischer auszusehn bei einer derartigen Bewegung oder musketiermäßiger, mit dem beweglichen, starken schwarzen Bartzapfen am scharf rasierten Kinn, und er betrachtete gegen das des Malers dies bärtige Gesicht, die kupfrige Haut, die über den schrecklich gesträubten Schnurrbart hängende schiefe Nase, jenes Wahrzeichen der Trassenberge, das er selber entbehren mußte, die kleinen, seltsam glühenden und durchdringenden Augen und das breit und schräge Dach der Stirn; kugelrund der ganze Schädel und voll von Haar, schwarzem, glanzlosem. Beim Maler -- freilich -- schien alles Innere vor langer Zeit stille geworden, um sich nur zu rühren, wenn er es wünschte; beim Vater schien alles gebändigt, dabei sich wehrend, immerfort bereit, sich frei zu machen. Das war der Unterschied.

Der große Chalybäus fuhr derweil fort:

»Sehnsucht, Durchlaucht, ist besser als Erfüllung. Ich bin zu alt geworden. Bedenken Durchlaucht die Anforderungen an den Körper bei solcher Bühne. Zwar bin ich Offizier gewesen, Beuglenburger Dragoner, Herr Bogner, aber das interessiert Sie nicht, und ich habe unter den Augen von -- -- nun, was ich sagen wollte, da erzählt mir mein Freund, wie er in einem Drama »Der Mann mit der eisernen Maske« (_l'homme au masque de fer!_) -- mehrere Kilometer weit durch die Trassenheide hat reiten müssen, und zwar reiten: in einer schweren eisernen Plattenrüstung, mit geschlossenem Visier, rückwärts und mit auf den Rücken gefesselten Händen aufs Pferd gebun--«

»Verdammt kompliziert!« meinte der Herzog und sah zu Georg auf, der sich erhob.

»Ich möchte zu Mama gehn,« sagte er halb fragend, »sie ist doch schon aufgestanden?«

»Geh nur -- ihr wollt reiten?« fragte sein Vater, allwissend wie immer. »Ich möchte dich eine halbe Stunde vor dem Essen auf meinem Zimmer sprechen, richtet euch bitte danach ein.«

Er nickte ihm zu; Georg grüßte den Maler und ging ins Haus.

Saal

Georg durchschritt den Vogelsaal, stieg die breit und frei sich wendende Treppe empor und betrat den Klaviersaal, dessen vier Fenster nach dem Park weit offen standen, und es war wie im Freien. Nach rechts sich wendend, sah er gleich überm hellbraunen Harmonium das große, farbig leuchtende Gemälde, trat davor und las wieder den, auf eine Messingplatte im untern Rahmen gravierten Zweizeiler:

Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf, das Geliebte. Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter vollbrachtens durch ihn.

Die Tiefe des breiten Bildes, fast die ganze linke Hälfte, war mit Landschaft erfüllt, entfernter, tief liegender Landschaft: sanft fallenden Wiesen, einem Hain, dem Stück eines blauen Flusses am Grunde, in der Ferne bläulichen Hügeln, von violetten Bergrücken überhöht, all dies gelbgrünlich im hellsten Sonnendunst verschwimmend und gläsern. Schräg über das Bild, diese Landschaft abschneidend, zog sich der obere Teil einer Balustrade von gelbem Marmor, neben der, auf einer lehnenlosen Bank von gleichem Stein, nahezu lebensgroß scheinend, ein Mädchen saß, in der rechten Bildhälfte, den einen Arm auf der breiten Platte der Brüstung. Ihr Antlitz lag, scheinbar aus dem Hinabschaun über die Schulter in die Gegend, flach nach oben gewandt, das Haupt tief im Nacken, die Züge fast unkenntlich durch die Verkürzung. Das, wonach sie zu sehn schien, war selber nicht sichtbar, aber sein Schatten, der eines Schmetterlings, lag bläulich und deutlich umrissen dicht vor ihrer Hand auf dem Stein. Ihr Gewand nahm das leichte Violettblau der Berge mit tieferem, röterem Ton wieder auf, durchsichtig, indem alle Stellen, die am Körper fest anlagen, rötlich schimmerten, und das alles, ohne Schwarz gemalt, glühte durchscheinend in blendender Hellfarbigkeit, wie von innen erleuchtet.

Keinen Zusammenhang zwischen Bild und Vers bekam Georg heraus. Leise angeweht von der allgemeinen Stille des Gemalten und dem unendlich in sich gekehrten Zauber des Augenblicks -- so flüchtig und doch, als könne sie durch Jahrhunderte so sitzen -- sah er irgendwo das fremde und bedeutende Gesicht des Malers, über welcher Erscheinung er sich nun genötigt sah, nach einer Jahreszahl zu spähn. In der rechten Bildecke entdeckte er sie neben einem kleinen roten Rad in roten Ziffern, doch war die letzte leider unleserlich, es schien 1897, und nun mußte er lächeln, wie klein er noch gewesen war, als das Bild gemalt wurde, worauf er sich losriß und augenblicks mit dem üblichen Herzklopfen zur nächsten, offen stehenden Türe ging, dann weiterhin durch die geöffneten Zimmer bis ins letzte, das dämmrig lag bei geschlossenen Vorhängen. Dahinter wars, das schwarze Zimmer, der Turm ... Er schauderte, zauderte leicht, nahm sich zusammen, trat zur verschlossenen Tür, klopfte an, öffnete, trat, sich schmal machend, durch den Spalt und schloß hinter sich.

Die Finsternis, in der er stand, traf ihn fast eisig nach der heißen Luft vorher, er blickte hastig nach oben, um ein Raumgefühl zu erlangen, sah den dünnen Lichtfaden weißlich aus der Laterne des Turms herabrinnen, hörte den großen Ventilator summen und gleich darauf die leise gleitenden Schritte seiner Mutter. Nun glaubte er auch ihren Schatten, schwarz in der Schwärze des Raumes, zu sehn, der wie eine Berghöhle tief und unterirdisch war. Der Schatten glitt näher, dort mußte die Wand sein, der Schein eines weißen Gesichts dämmerte, schwand plötzlich, und der Schatten glitt fort. Er hörte den Hauch eines Seufzers, der Schatten kam wieder und hielt nach einer Weile in seiner Nähe an. Georg drückte seine Stimme herunter:

»Wie geht es, Mutter?«

»Danke, schon besser«, antwortete sie kaum hörbar; dann fragte sie:

»Was giebt es Neues, mein Junge?«

»Es ist Besuch gekommen. Der Maler des Bildes im Klaviersaal, Bogner. Vater läßt es dir sagen, und ob du ihn heut abend sehn könntest.«

»Ich hoffe. Ist es ein angenehmer Mensch?«

»Sehr, Mama. Er spricht nicht viel, aber sein Schweigen scheint so klug und bedeutend. -- Es ist sehr warm heut. Magda und ich wollen etwas reiten.«

»Heiße den Maler auch von mir willkommen. Ja, ich denke, ich werde heut abend mit euch essen können. Wie geht es Papa?«

»Gut, Mama, wie immer. Vielleicht giebt es auch ein Gewitter, das wäre doch schön für dich.«

»So, ein Gewitter? Ja, das wäre mir sehr gut. Nun, grüß Vater, mein Junge! Und Magda. Geh, mein Junge.«

Der Schatten war dicht an ihn herangekommen, auf einmal sehr groß und ganz weißlich; er ergriff eine eiskalte Hand, die aus der Dämmerung kam, küßte sie schaudernd, als wäre es eine Pflanze, und tastete sich nach der Tür. Er wartete wegen des einfallenden Lichts, bis der bleiche Schatten ganz fern von ihm war, öffnete die Tür, schlüpfte durch die Spalte und schloß sofort hinter sich wie vorhin. Draußen starrte er geblendet gegen das Lichtviereck der gegenüberliegenden Tür, in dem er nach einiger Zeit einen vergoldeten Sessel, dann unten den roten Zipfel eines Teppichs und oben ein Stück eines unkenntlichen Bildnisses erkannte, und nun ging er weiter bis vor die Saaltür, ohne Gefühl und Gedanken, wie betäubt, wie entronnen.

Langsam tröstete ihn der friedliche Anblick der drei, vor der drüben liegenden Schmalseite des Saales stehenden braunen Tafelklaviere, die sich still verhielten wie gute Tiere, und nun erst, da er dachte, daß eines von ihnen ein Geschenk des »flötespielenden Königs« war, wie seine Mutter ihn einmal genannt hatte, tauchte aus allem Unbestimmten und Verworrenen des Gefühls sie selber und wirklich wieder auf, er fühlte sie an seiner Hand, fühlte den Druck ihres ewigen, wütenden Kopfschmerzes auf der Stirn und trat hastig von der Tür zurück ans offne Fenster. Wie warm es nur war! Er beugte sich hinaus.

Weit links saß sein Vater unter dem Sonnenschirm, seinen Stoß Zeitungen auf dem Stuhl neben sich, selber verborgen hinter der papiernen Wand vom »Manchester Guardian«, und nicht weit von ihm saß jetzt allein, den Rücken zur Hauswand, Doktor Birnbaum, Onkel Salomon, und frühstückte. Georg konnte die rechte, im Kauen auf- und niedergehende Hälfte des hängenden braunen Schnurrbarts sehn, darüber die nicht minder hängende, stark gebogene Nase, die rote, feste Wange und die eine der kräftigen, hochgezogenen Brauen. Er hatte sein Glas Milch vor sich stehn, schnitt auf dem Teller eine schinkenbelegte Brotscheibe in Streifen und Würfel und steckte sie in den Mund.

Ach, dachte Georg, nun tief bekümmert, meine Eltern, meine armen Eltern! Da sitzt nun Papa wie ein Riese, braun wie ein Seefahrer, und nach einer Weile wird Egloffstein mit den Stöcken kommen, und auf vier stelzendürren Beinen wird er weghumpeln, aber -- aber selbst dann ist er wie ein Meermann auf dem Lande, der seinen Fischschwanz hinter sich herschleppen muß, ja, so ist es, als gäbe es ein andres Element, in dem er sich frei und herrscherlich ... und es giebt das ja auch, er hat seinen Geist, aber da in ihrem Turm hinter vermauerten Fenstern läuft meine Mutter in ihrer Finsternis auf und ab, von brennendem Feuer im Kopf gejagt, tagaus tagein, und jahraus jahrein, sie kann nicht einmal denken, vielleicht abends eine Stunde. Vater ist so gelehrt und klug, er erfindet sich Flügel für die zerschmetterten Füße, aber meine Mutter, sie hatte doch auch einmal eine schön fliegende Seele, oder ist sie noch da, ist sie wirklich noch da? -- Schamvoll den Gedanken zerdrückend, meinte er: Vielleicht fliegt sie um mich, wo ich bin, und trägt, wenn ich schlafe, meine Träume zu den vollkommenen Sternen.

Unten wurde gesprochen. Georg setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken rechts gegen den Rahmen lehnend, doch konnte er von drunten nichts verstehn, da Onkel Sal von ihm abgewandt sprach. Langsam drang die Wärme wieder ganz in ihn ein, er dachte, hier zu warten, bis Anna und die Pferde kämen, und nun hörte er plötzlich, während der obere Zipfel der Zeitung langsam sank und dahinter das bärtige Gesicht seines Vaters, ruhig mit ein wenig ironischem Blick auf den Sekretär gerichtet, zum Vorschein kam, ihn sagen:

»Wenn es sich wirklich um politische Dinge dabei handelte. Sie sehen ja nur die Anlässe, Bester. Die Gründe aber sind schon beinahe metaphysisch.«

Wovon redet er denn? dachte Georg. Onkel Sals Antwort blieb unverständlich, seines Vaters Gesicht verschwand wieder hinter der Zeitung, und da er so weiterredete, war wieder nichts zu verstehn. Übrigens genügte die Sonne, und Georg ließ langsam die Lider sinken. Fern, aber deutlich hörte er die Stimme seines Vaters wieder:

»Es handelt sich um das Recht der Jugend, das ist das Ganze. Frankreich ließ sich von Camille Desmoulins und den andern leider enthaupten ...«

»Napoleon --«, hörte Georg von der andern Stimme.

»Napoleon war kein Franzose,« tönte deutlicher die Stimme des Herzogs, »war ein italienischer Abkomme von Condottieres und überdies eine jener Gestalten --« Georg entging das Nächste, er versank tiefer in Wohlsein, Magdas Gestalt erschien ihm.

»Aber das Recht, wo ist denn das Recht?« schrie Onkel Sal. »No -- nun sagen Sie mir ...«

»Was für ein Recht meinen Sie? Das, zu sein -- aus dem sich als nächstes ergiebt: vor und über den andern zu sein. Jenes Recht, das -- ich weiß nicht, ob es moralisch ist, aber das jedenfalls den Römern bei Cannä, den Griechen bei Marathon, den Ungarn vor Wien und den Preußen bei Gravelotte half.«

Sie sprechen vom Kriege, dachte Georg im Halbschlaf, neunzehnhundertund... es ist zu komisch! Halt, was sagte Onkel Salomon? No, sagte er, er sagte immer no.

»No -- und das bestreite ich eben!« Die Stimme kreischte etwas wie schlecht geölt. »Sind wir denn keine christliche Nation?«

»Das sind sie alle,« versetzte der Herzog auflachend, »was wollen Sie daraus beweisen?« Außerdem ist er Jude, der gute Onkel, dachte Georg schläfrig, aber was hat er für eine christliche Seele!

Eine Weile schien alles still, lange Zeit sprach jemand mit unterdrückter Stimme. Georg wars, als ginge eine Tür, er fuhr plötzlich auf, da seines Vaters Stimme unten ganz laut ertönte:

»Für jeden Alternden kommt einmal der Augenblick der großen Schlacht. Der Augenblick, wo er angreifen muß, wenn der wirkliche Angreifer, der Junge, auch zögert. Auch England ist in merkwürdiger Geschwindigkeit gealtert und liegt jetzt -- ich habe immer diese etwas groteske Vorstellung, mit einer Fußspitze auf England, mit der andern auf Ägypten, mit einer Hand auf Indien, mit der andern auf Australien, und so ist es, nur damit beschäftigt, sich in dieser scheußlichen Lage zu halten, fett geworden, aber dies beiläufig, denn wenn es aufsteht, wird es immer noch einen fürchterlichen Kerl abgeben, wenn wir einmal dran glauben müssen, und das werden wir. Aus welchen Ursachen und wer dann angreift, ist so gleichgültig wie -- na wie unser Gerede darüber. Die andern sind die Alten, Jugend ist Angriff _eo ipso_, drehen Sies --.« Ein dumpfer Hundelaut blaffte, Georg riß die Augen auf, es flimmerte alles, er rieb heftig die Lider und sah endlich Magda im schwarzen Reitrock und weißer Bluse über den Treppenstufen stehn und, eine Semmel in der Hand bröckelnd, Krumen über die Stufen streuen, auf denen zwei schillernde Tauben und ein paar Spatzen auf und ab hüpften. Unten lief der weiße Pfau hin und her, suchte, was für ihn herunterkam, und vergaß keinen Augenblick Anmut und die zierliche Würde von Kopf und Schleppe, dieweil neben Doktor Birnbaum Benedikt stand, der hellrote Hühnerhund, mit schiefer, erwartungsvoller Kopfhaltung, ganz still, nur das Ende der gebogenen Rute ging leise hin und her, und Georg wußte, daß Onkel Sal von Qualen zerrissen war, weil er doch selber auch was essen mußte. Überdem zog die Erinnerung an seine Mutter schattenhaft schwermütig durch Georgs Herz, er dachte wieder: Helenenruh, ach Helenenruh! -- und die Zeit stand ihm still.

Plötzlich drehte Anna sich um, ließ die Blicke suchend über die Hauswand gleiten und nickte herauf, sonderbarerweise aber nicht nach ihm, sondern nach einem Fenster weiter links. Georg stand auf, trat in den Saal hinein, und da sah er hinter dem Vorhang des letzten Fensters ein Stück von einem Menschen, Bein und Knie, und da wars Maler Bogner, der friedfertig auf der Fensterbank saß und eine kleine Pfeife rauchte, als wäre er zu Hause. Nun sah er Georg still, ein wenig fremd, an und begann langsam und auf unbeschreibliche Weise mit den Augen zu lächeln. Georg trat zu ihm und sagte verlegen ein paar entzückte Worte über das Bild, die der Maler nicht zu hören schien. -- Ob es hier Kühe gäbe, fragte er, und ob es erlaubt sei, sie sich anzusehn. Georg versicherte, es wimmle von Kühen überall und der Maler müßte sich hier wie zu Hause fühlen. Schon im Forteilen, denn er hörte die Pferde, wurde ihm das Unpassende seiner Zusammenstellung klar, er wurde rot, suchte eine Entschuldigung, fand keine, glaubte, noch etwas sagen zu müssen, und fragte:

»Wo sind Sie daheim, wenn ich fragen darf?«

»Das ist auch verkehrt,« versetzte der Maler freundlich, »ich bin nirgend daheim.«

Georg, dunkler errötend, fühlte sich wider Willen in eine neue Frage verstrickt:

»Aber Ihre Eltern, wenn ich fragen darf, leben doch noch?«

Bogner versetzte, daß er es hoffe. Dies gab Georg den Rest, er glühte, fand kaum die Tür und rannte die Treppe hinunter.

Als er die Terrasse wieder betrat, saß die Anna schon auf ihrem kleinen, hellbraunen Pferde. Ihr Vater ging um den großen, schwarzbraunen Hunter des Prinzen, zog am Sattelriemen und beschimpfte den Stallburschen, der statt Vorderzeug Matingal aufgelegt hatte, ob er, Chalybäus, vielleicht nebenher laufen solle, um den Sattel festzuhalten, ob er, Stallbursch, immer noch nicht wisse, daß das Aas von Unkas den Sattel auf die Hinterhand schöbe. Der Bursche sah wie eine Geraniumblüte aus, starrte betäubt Magda an, wagte es aber, als Georg aufstieg und er sich an den rechten Bügel hängen mußte, zu flüstern daß am Vorderzeug eine Schnalle durchgerostet sei.

Georg nickte ihm zu. Am Frühstückstisch war niemand mehr. Sie trabten nach Westen in den Park hinein. Der Sattel fing an zu rutschen.

Zweites Kapitel

Deich

Georg, innerlich mit ihm selber kaum bewußten Dingen verworren beschäftigt, schwieg lange Zeit, lachte endlich leicht auf und sagte:

»Weißt du, was mir einfällt? Einmal war Onkel Salomon auf einer Dienstreise in Altenrepen, besuchte mich und brachte mich ein Stück Weges zur Schule. Da kaufte er in einem Zigarrenladen eine besondere Sorte, so ganz große, du kennst sie ja, sein einziger Luxus, und wie er aus der Tür kam, hatte ich inzwischen irgendwen von den Jungens getroffen, drei oder vier, ich weiß nicht mehr, der lange Fischbeck war dabei, und schon gab er jedem dreie von seinen Kostbaren, eine einzige behielt er in der Westentasche. Und erinnerst du dich, wie Papa mal erzählte, wieviel Existenzen er schon mit seinem bißchen Gelde gegründet hat, Leute, die jetzt Warenhäuser besitzen, und er bleibt der unbekannte, kleine Sekretär, freilich, er wird mit keinem Großsiegelbewahrer tauschen wollen -- Großsiegelbewahrer ist doch ein enormes Wort, nicht? Aber -- was ich sagen wollte -- da redeten sie eben vom nächsten Krieg zusammen, und Papa behauptete unchristlich, es gäbe morgen wieder einen, er aber war fürchterlich dagegen, sagte: No! und sprach von christlichen Nationen. Ich glaube, wenns einen richtigen Christen giebt, dann ist ers. Aber wo sind wir denn eigentlich?«

Die Pferde standen still auf dem schmalen Fußweg am Weiher, der leuchtend grün von Wasserpflanzen in der Sonne lag.

»Wohin wolltest du denn?« fragte Anna gleichmütig.

»In den Schatten«, sagte Georg, drehte sein Pferd um, und antrabend ritten sie zurück, bogen nach links und traten alsbald in die schattige Eichenallee neben dem Wäldchen ein, zur Linken die Wiesenflächen, zur Rechten das undurchdringliche Dickicht von Unterholz, Farnen und Brombeergestrüpp, aus dem hier und da der lichtgrüne fedrige Wipfel einer Eberesche und die seltenen, riesigen und grauen Säulen der Eichen aufragten. Lautlos gingen die Pferde, so langsam sie konnten, auf dem weichen Erdboden. Georg, jetzt sehr wach, blinzelte insgeheim nach links, allein Annas zartes Profil schien sehr für sich allein. Sie sah vor sich hin. Angenehm beklommen war ihm um die Brust.

»Übrigens«, sagte er, »ein merkwürdiger Mensch dieser Maler.«

»Wieso?«

»Oben im Saal sprach ich mit ihm. Ob seine Eltern noch leben, weiß er nicht. Wo er zu Haus ist, weiß er nicht. Ob er wohl weiß, was die Verse unter seinem Bilde bedeuten? Warum kommt er auf einmal her und wills abmalen?«

»Davon hat dein Papa etwas erzählt. Als er vor drei oder vier -- nein, es war in dem Winter, wo ich Lungenentzündung hatte, also neunzehn-- na egal! -- Drei Jahre müssens her sein, da wurde in Berlin der Nachlaß von einem Bankier Oster -- Österheld oder so versteigert, und dein Papa fand dies Bild darunter. Als er dann wieder auf Trassenberg war, bekam er einen Brief von Bogner; er wäre zur Zeit der Auktion nicht in Berlin gewesen, sonst würde er selber das Bild zurückerworben haben, woran ihm aus gewissen Gründen besonders viel --«

»Na, deine gewissen Gründe!« höhnte Georg. »Weißt du nichts Genaueres? Natürlich gewisse Gründe!«

»Dein Vater weiß auch nicht mehr.«

»Na, und denn?«

»In dem Brief erinnerte er deinen Vater an seine alte Einladung --«

»Also doch, der Schurke!«

»-- und bat um Erlaubnis, das Bild kopieren zu dürfen. Dein Vater schrieb ihm dann, das Bild wäre hier, und er möge nur kommen, er ist aber nicht gekommen und hat heute morgen erst aus Böhne plötzlich telegraphiert, er habe auf der Durchreise mit einem kranken Freunde Aufenthalt in Böhne nehmen müssen, und ob er wohl kommen dürfe. Und da hat der Herzog zurücktelegraphiert, er schickte einen Wagen, und den Freund solle er mitbringen. Domina hat ihn übrigens gesehn und sich vor ihm gegrugt, ich weiß nicht warum.«

Wieder standen die Pferde, fünf Schritt vor ihnen lag das Gatter. Georg faltete die Hände vor sich auf dem Sattel und sah über die Weideflächen hin, die, von ihren Knicks durchzogen, nach links und rechts flach sich ausdehnend, gegen Norden -- den Deich, das Meer -- langsam anstiegen, und dort, mit der schnurgeraden Linie des Deichs, schien die Welt ein für allemal zu Ende. Überall waren die weißen und schwarzen Flecken der Rinder; Wolkenschatten wimmelten in sachter Schwebe darüber hin; links, fern im Süden, wo der Deich tief ins Land hineingebogen schien, stand der Schattenriß eines Fohlens einen Augenblick auf der Horizontlinie und sprang wieder hinunter; ziegelrot leuchtete das Dach des Fohlenhofs, auf den Himmelsrand gesetzt, in der Sonne. Georg atmete auf. O wie fern das war! O wie weit! Norddeutsche Tiefebene, dachte er mit einem sondren Gefühl von Sehnsucht, obwohl er mitten darin war. Er sah, nach Osten blickend, die Windmühle als unbewegliches, schwarzes Kreuz auf Lüdersens Deich; dann merkte er, wie aus dem unsichtbaren Meer die Wolken stiegen; weiß und schattig, immer fetter schwellend, zogen sie schweigsam, ungedrängt sich verschiebend, wie weidende Herden über die himmlischen Auen; auf den untern Weiden ihre leichten Schatten; davon leuchteten streckenweis die Wiesen sonnengelb; es wehte über den Norddeich, unablässig, schwellend, singend; sonst wars still, der letzte Vogelruf des Jahrs schon verstummt.

Georg zuckte zusammen. Anna mit ihrem Pferde schwebte im Sprung über das Gatter hoch in der Luft, landete, und nach zwei, drei Sätzen hielt sie drüben still und blickte ernsthaft herüber. Unkas stampfte, schien als geübter Springer den Abstand zum Ansprung weit genug zu befinden und sprang. Noch wurde der Sattel vom Matingal gehalten. Als sie dann Schritt vor Schritt schweigsam über die Wiesen und den Deich hinanritten, die Pferde die hangenden Köpfe schaukelten, zuweilen, das Kinn vorstreckend, an den Zügeln ruckten, nur die Gebisse leise klirrten, wurde die Beklemmung um Georgs Brust enger und süßer.

Da lag die See, herzbewegend immer wieder durch ihre plötzliche Erscheinung, glatt, graublau mit silbrigen Streifen. Unten leckten winzige Wellen gegen den gemauerten Fuß des Deichs, die letzten, halbtoten Seesterne behutsam fortnehmend. Der Horizont war nah. Vor Georgs Augen nahm die Bewegung der mächtig hochquellenden Wolken an Heftigkeit und Gewalt zu; fast bescheiden in seiner Friedfertigkeit verhielt sich der Meeresspiegel darunter. Unerschöpflich wogte es aus der Tiefe, schwankte, entformte, wandelte, löste und verteilte sich langsam und unaufhörlich, ein Segel erschien plötzlich, ein riesiger Arm. Fern hinten und leise nur sangen die unermüdlichen Grillen.