Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 17

Chapter 173,810 wordsPublic domain

Am Abend hatte ich mich noch mal zu meiner Orgel geschlichen und so recht in Phantasien und Wehmut geschwelgt und war, als ich noch ganz fromm und trübe zurückging, in den Gemüsegarten geraten, da sehe ich über den Zaun aus dem Nachbargarten zwei unmenschlich große Kinderaugen auf mich gerichtet. Kinderaugen, dachte ich erst, aber das kleine Wesen ist schon achtzehn Jahr alt, wie ich nun weiß, und ziemlich groß, auch entzückend ausgewachsen; es trägt aber die Haare kurzgeschnitten, wie Deine Herzogin, aber in den reizendsten rotgoldenen Löckchen, und ein Gesichtlein saß darin, nein, so etwas Liebliches, Ängstliches und so etwas von Verweintheit -- kannst Du Ärmste gewiß sehn, wenn Du in den Spiegel schaust, aber das mußt Du nicht. Das tat nun gleich ein zitterndes Mündlein auf und sagte recht innig und freundlich aus seinem grünen Buschwerk heraus: »Ach verzeihen Sie nur, haben Sie eben so wunderschön gespielt?« Ich bekannte mich dazu, und da hat mich die Kleine gebeten, zuweilen so am Zaun stehn zu dürfen und zuzuhören. Gott, diese Unschuld, die sogar um Erlaubnis bittet, nassauern zu dürfen. Eh ich dann noch weiter mit ihr reden konnte, war sie entwischt, und ich sah nur noch, daß sie ein sehr schlecht sitzendes schwarzes Kleid und statt eines Gürtels einen -- Rosenkranz trug, dessen Kreuz ihr nachflog. -- Ein paar Tage später fiel mir mitten im Üben ein, die Kleine möchte wieder am Zaun stehn, ich brach sofort ab, lief hin, und richtig, da stand sie, hatte ihren Rosenkranz in der Hand und sah wie eine kleine Heilige aus. Da half nun kein Widerstreben, ich nahm einen Gartenstuhl, schwang ihn über den Zaun zu ihr hinüber und befahl ihr bei Todesstrafe, zu mir herüberzuklettern, und siehe da, sie machte es viel geschickter und natürlicher, als ich gedacht hätte.

Nun scheint es einmal so, daß ich für alle Menschen die Beichtmutter abgeben muß, in der Pension kamen sie ja auch immer alle zu mir. Die Kleine jedenfalls schmolz zu Tränen in meinem Schoß und flehte mich himmelhoch an, ich sollte ihr helfen, ihr raten, sie könnte das Leben nicht ertragen.

Sie heißt Irene von Herzbruch, aber die Geschichte erzähle ich Dir ein andermal, mein Herzekind, heut nur noch eins. Wie ich jetzt aus Deinem Briefe sehe, war es zu derselben Stunde, wo sich die Kleine bei mir ausweinte und mich auch ein wenig getröstet und hoffnungsvoll verließ, daß Du meiner bedurft hättest und gewiß an mich gedacht hast. Nun siehst Du, sollte es Dich nicht ein wenig freuen können, daß die kleine Irene das bekommen hat, was Dir fehlte? Ich denke wenigstens, so gleicht sich alles ein wenig aus. Ahnen könnte man ja freilich immer, daß es so ist, aber das gilt nicht viel, und hier kannst Dus einmal wissen. Ich habe es Irene schon gesagt, und sie schickt Dir einen schönen Gruß, und sie hätte es an Deiner Statt angenommen, wenn Du es erlaubtest. Erlaubst Du?

Nun genug, mein Liebling, Du mußt ja diesen Brief morgen noch haben. Schreibe bald, wie es Dir geht, versuche bitte! ich weiß, wie schwer es ist, aber versuche, das Heilsame zu denken und nicht das Giftige! Ich spiele die Orgel für Dich, mein Kind, und habe Dich von ganzem Herzen lieber als alle Andern!

Deine Renate

Es kommt ein Nachwort: Vergiß nicht, mir von Deinem Prinzen zu schreiben, er scheint ja gar nicht vorhanden zu sein. Übrigens muß ich Dir ja noch sagen, daß mir Irene erzählt hat, sie habe als kleines Mädchen mit einer Schwester Deines Malers gespielt, die aber schon früh gestorben ist. Er war damals schon davongelaufen.

Magda an Renate

20. August

Ach, Renate, Du hast gewiß recht, wenn Du sagst, daß er auf und davon gegangen ist, und so wird es damals auch gewesen sein, aber es ist doch nicht das rechte Wort. Und wenn er seinen Eltern damit auch Schlimmes angetan hat, so hat er dafür auch jahrelang das Schlimmste erduldet, Hunger und alle Entbehrungen und dann die Verlassenheit und tausend Zweifel, und die Sorge, ob er auch das Rechte tat, und keine Anerkennung, nicht einmal bei sich selber. Und sie hatten doch auch noch andre Kinder. Du mußt nicht denken, daß er sich dessen nun rühmt oder überhaupt davon spricht, aber man sieht ihm an, was er gelitten hat, und woher die Ruhe stammt, die jetzt in ihm wohnt. Nicht an seinem grauen Haar und nicht an den hundert Falten um seine Augen, sondern, so sonderbar das klingen mag, an seinem Lächeln. Hast Du einmal beobachtet, wie Menschen lächeln? Wie Du selbst lächelst, wenn Du liebenswürdig sein willst? Dann hebst Du die Oberlippe, daß man die Zähne sieht, und ziehst die Augen zusammen. Bei ihm aber kommt es ganz von innen, die Mundwinkel bewegen sich kaum, aber in den Augen fängt es förmlich an zu rieseln, es ist ganz unbeschreiblich. Das sieht freilich nicht jeder, Papa zum Beispiel sprach neulich von seinem »malitiösen Lächeln«, das kommt eben, weil er nur die Mundwinkel gesehn hat. Ich habe auch gewagt, ihn zu fragen, wie er nun jetzt über sein Davonlaufen denkt (Du mußt wissen: der Herzog und Georg sind Anfang des Monats abgereist, Georg macht die Aufsichtsreise seines Vaters mit, die er in jedem Jahr um diese Zeit unternimmt, und wird dann nach München gehn, um Nationalökonomie zu studieren; der Maler aber und al Manach sind hier geblieben, der Herzog hat sie gebeten, seine Gäste zu sein, solange es ihnen gefällt, und Bogner will jetzt die Herzogin malen). Also, da lächelte er so, wie ich es eben beschrieb, und sagte: Kein Mensch könne bei irgend etwas, das er tue, ganz abmessen, welche Wirkung es haben würde, und am wenigsten die Wirkung auf sich selbst, und er habe damals, als er sich zum Davonlaufen entschloß, nur mit einer Abwesenheit von ein paar Jahren gerechnet. So schnell, sagte er, dachte ich damals ein fertiger Mensch zu werden, aber nun habe ich freilich nur gelernt einzusehn, daß ich tausend Jahre alt werden kann, um das zu erreichen. -- Ja, Renate, ich glaube, man wird hart bei solchem Leben, hart, wenn man auf sich allein angewiesen ist, und am härtesten gegen sich selbst. Kannst Du begreifen, wie fürchterlich es sein muß, sich ganz allein zu lieben? O Schwester, Schwester, mich graut vor dem Leben!

24. August

Drei Tage lang habe ich den Brief liegen lassen, ich fürchtete mich vor dem Weiterschreiben. Nun wird es immer stiller in mir. Ich lese Deinen Brief immer wieder, er ist so lieb, so ganz Du, so klug und gut, und das Schönste steht zwischen den Zeilen wie in Geschichten von Storm. Ja, es hat mich ein wenig getröstet, von Deiner neuen Freundin zu hören, aber nicht viel, und ich habe recht weinen müssen, es ist damit aber das letztemal gewesen, und sage ihr nur, wie herzlich ich ihre Grüße erwidere. Vergiß auch ja nicht, mir mehr von ihr zu erzählen.

Ach ja, Orgelspiel! Du mußt nun denken, daß ich so heimlich wie die kleine Irene am Baum stehe und zuhöre. Ich habe ja hier das Meer, mit der Orgel kannst Du doch nicht wetteifern.

später

Ich weiß nun, wie ich dazu gekommen bin, mich mit dem Schwan zu vergleichen. Vielleicht sag ichs Dir bald. Er hat sich übrigens selbst zu seinem Weiher zurückgefunden, er scheint sich zu erholen, ich füttere ihn täglich selber, Du solltest nur sehn, er ist ganz sonderbar geworden. Er versucht immer wieder zu schwimmen, aber sein gebrochener Flügel hängt schwer im Wasser und hindert ihn, dann wird er plötzlich ganz wild und hackt mit dem roten Schnabel in den Flügel, so grausam, daß die Federn fliegen, er wird schon ganz kahl. Nein, nein, nein, Renate, ich glaube nicht an _Deinen_ Schwan, ich habe eine Angst, eine Angst! O, mein Gott, ich fürchte mich wahnsinnig! Hilf mir, Schwester, hilf mir! Was soll aus mir werden? Ich dachte, ich sei schon ganz ruhig geworden, ganz ergeben, aber ich habe nur gegrübelt und bin klüger geworden, o, lieber Gott, so klug, daß es mich graut vor meiner Klugheit. Sieh, da ist der Schwan, dem ist es gegangen wie mir. O, nun muß ich Dir endlich das Schreckliche beichten.

nachts

So, nun ist es still; nun endlich ist es still geworden. Heute nachmittag konnte ich -- Gott sei Dank! -- nicht weiterschreiben, die Herzogin bat mich, Harmonium zu spielen, und das war mir recht gut.

Du weißt wohl, daß ich Georg immer liebgehabt habe, wenn wir auch nie davon sprachen, aber ich habe ihn wohl schon geliebt, als ich noch ganz klein war. Nun habe ich an demselben Tage, wo das mit al Manach passierte, gemerkt, daß er anders zu mir war als früher. Das machte mich so glücklich, und dann bin ich ihm entgegengekommen. Weißt Du aber auch, weshalb? Das erste Unglück war schon geschehen, und ich habe gedacht, ich weiß gar nicht mehr, wie ich es fertiggebracht habe, so ungeheuerlich scheint es mir jetzt, -- ja, ich habe einfach gedacht: wenn denn die Prophezeiung in Erfüllung gehen sollte, so wollte ich doch noch ein klein wenig von der Welt vorher haben. Nur wissen wollte ich, ob er mich auch lieb hätte, und da habe ich es so eingerichtet, daß wir noch abends allein auf den Deich gegangen sind. Nun, und da ist es so gekommen, wie ich hoffte, das kann man nicht schreiben, nicht? Du weißt es auch so, und nun, siehst Du, einen Augenblick durfte ich alles vergessen und nur selig sein, aber einen Augenblick später kam das mit der Windmühle, und da wußte ich, ich hatte es nicht tun dürfen, ich hatte schon kein Recht mehr auf mich und erst gar nicht auf ihn. Nein, kein Recht mehr auf mich, ich konnte ihm alles geben -- Gott, was schreibe ich denn? -- Ach, das zu denken, das war eine Last!

Ich habe versucht, es wieder gutzumachen. Ich war ja klug geworden und konnte so viel mehr denken, auch, daß es Georg nicht so schwer werden würde, mich zu vergessen, weil ich ihm doch eigentlich ganz fremd bin, und so habe ich ihm geschrieben.

Ja, damals war ich noch stark und glaubte, alles ertragen zu können, jetzt kommt nun die böse Sehnsucht, jetzt muß ich nur denken, daß ich wie der Schwan auf meinem kleinen, bescheidenen Weiher herumgeschwommen bin, und wie den Schwan hat mich der Schrecken aufgescheucht, daß ich zu fliegen wagte; ja, ich bin geflogen, und es brauste mich fort über das Meer, aus dem der Mond kam, und in das die Sonne versank. Da zerbrach mir der Flügel, und ich habe nicht einmal meinen Teich wiedergefunden, mit meinem lahmen Flügel, den ich nicht abhauen kann, denn mein Herz ist darin, und ohne Herz kann man doch nicht leben, oder kann man?

Es wird mir doch noch das Herz abdrücken. Das Sagen erleichtert mich zwar ein wenig, und die Nacht ist so still -- ich habe früher nie gewußt, wie still die Nacht sein kann. Ich habe immer nur mich selbst gefühlt, und wenn ich zufrieden war, so wars gut. Meine kleine Lampe brennt, ich glaube, ich kann sehn, daß sie es gut mit mir meint, und auch die Wände sind freundlich, sind hell und so nah um mich, daß ich mich fast sicher fühle. Und Du bist ja auch da. Georg ist fort, ich habe ihn vor seiner Abreise nicht mehr gesehn, das wird für uns Beide nur gut gewesen sein.

Das mit dem Maler, daß er sich selbst geliebt habe, wie ich mirs dachte, das ist nun auch falsch gewesen, oder ich weiß nicht ... Man hört etwas von einem Menschen, und dann macht man sich eine Vorstellung, aber für ihn selber ist es doch ganz, ganz anders gewesen. Ich fragte ihn nämlich, wie man es anfangen könnte, sich selbst zu lieben, aber das verstand er gar nicht. Ja, wie man denn das könnte ... Wie ich nun verlegen wurde und ungefähr zusammenbrachte, was ich von ihm gedacht hatte, da meinte er, ich hätte wohl recht, denn er hätte immer nur für sich allein gelebt und gearbeitet, und nun könnte ich es mir ja so vorstellen, daß er der Kunst wie einer Göttin gedient und geopfert habe, und indem er sie genährt und vollendet habe, habe er sich selber gedient. Aber siehst Du, das ist es ja, er selbst hat es doch nicht gewußt, hat es nie bedacht! Er hat es einfach getan, -- ach, Renate, wie himmlisch muß das sein, das Rechte einfach tun zu können! Aber ich bin nun ganz durchhin, und er selber sagte noch beinah hart zu mir: An ihn dürfte ich auf keinen Fall denken, er hätte es leicht gehabt, und überhaupt dürfte man nichts verallgemeinern. Ja, was soll ich nun tun? Ich muß doch lernen, muß doch erkennen, und ja -- einen kurzen Augenblick war mir himmlisch zuversichtlich ums Herz. Weißt Du, wie es war? Wie bei einem Gewitter des Nachts, wenn man aus dem Fenster sieht. Da, bei einem Blitz, leuchtet der Garten draußen und die Bäume und Wege und Büsche hell auf, daß man sie alle erkennt, nur seltsam fremd und verändert sehen sie aus. Das weiß man aber: daß am andern Morgen, wo es hell und sonnig ist, der alte Garten wie neu und frischgebadet und funkelnd unter dem Fenster liegen wird, und man wird hineingehen können, er wird einem gehören, und man wird in ihm zu Hause sein.

Gute Nacht, liebe, liebe Renate! Ich bin so müde! Schreibe mir gleich, von Dir, von Irene, erzähle mir viel, ich denke immer an Dich und bin für Dich immer Deine alte

Magda

Zweites Kapitel: September

Renate an Magda (mit einer Schachtel voll Rosen)

Am 3. September

Liebste Magda,

diese Rosen hat Onkel Augustin mir für Dich gegeben. Er züchtet sie selber; dies sind wohl die letzten vom Jahr, Souvenir de la Malmaison heißen sie, und Onkel meinte, sie sähen aus, wie blasse kleine Mädchen. Hoffentlich kommen sie frisch an.

Mein geliebtes Kind! Ich habe gesucht und gesucht nach einem Wort für Dich, aber immer wieder, wenn ich nur an Deinen Brief denke, wird alles wertlos und kleinlich, selbst das, was ich Dir doch sagen will, ein Wort meines guten Vaters. Du weißt, daß ich erst zehn Jahre alt war, als meine liebe Mama starb, ich konnte aber doch verstehen, was mir genommen war, und ich war sehr zornig auf Gott, denn ihn verstand ich nicht. Da sprach Vater mir zu, mit Worten, die für ein Kind paßten, und ich habe es wohl behalten, und dies war der Sinn:

Zuerst fragte er mich, wie das letzte Gebet des Menschensohns hieße, und ich sagte: Nicht mein Wille geschehe, mein Vater, sondern der deine. Ja, sagte er, das war es, und dies Gebet ist von vielen Menschen, die sich für rechte Christen hielten, arg mißbraucht worden, als ob es hieße, man solle auf eignen Willen verzichten und alles Gott überlassen. Das heiße es aber durchaus nicht, sondern: Mach, Gott, daß ich deinen Willen erkenne! daß ich wollen kann, was du willst, daß dein Wille in mir ist. Das, sagte ich damals einfach, das kann ich nicht.

Ich habe vergessen, wie er mich damals zurechtgewiesen hat, und auch Du wirst sagen, Du kannst nicht, und dies sei das Allerschwerste.

Nein, mein Herz, ich will es Dir nicht leicht machen. Ich will nur, daß Du nicht in diesen schrecklichen Grübeleien versinkst, und ich weiß aus mir selber: es ist besser, an Gott zu rütteln wie an einem Felsen, als in sich selber hinabzustürzen. Er ist freilich überall, Leid aber macht blind, und das ist das Furchtbare daran.

Ach, Briefe sind unselige Zugbrücken! Wenn man sie aus dem Schlosse des Herzens über den Abgrund tastend hinabsinken läßt, weiß man doch nie, ob sie drüben den Rand wirklich erreichen oder nicht, und sich selber sieht man mit ihnen ganz schief überm Bodenlosen schweben und -- genug des Gleichnisses! Du weißt, wie ichs meine ...

Nun lebe für heute wohl! Schreibe nur, wenn Du magst, und nimm einen innigen Kuß von Deiner armseligen

Renate

Ich lege Dir ein, was ich von Irene Herzbruch für Dich geschrieben habe. Es ist eine Art Geschichte geworden; als ich anfing zu schreiben, fiel mir so allerlei ein, ich habe ja auch von jeher einen fabelhaften Ruhm als Märchen- und Geschichtenerzählerin genossen, auch bekanntlich als Dreijähriges schon Verse gemacht von dieser Art:

Die Fledermaus fliegt um die Häuser Und sucht sich ihre Fledermäuser.

Irenes Geschichte nebst einer historischen Einführung

In der Entwicklung des Geschlechts derer von Herzbruch, deren letztes Zweiglein unsre Irene darstellt, läßt sich eine ähnliche Linie verfolgen wie in dem der Montforts. Beide sind von ältestem Adel, beide mußten aus ihrer Heimat auswandern, die Herzbruchs aus Salzburg als Protestanten, die Montforts aus der Ile de Paris als Hugenotten. (N. b. Ich erzählte Dir wohl von unserm Stammsitz Montfort l'Amaury bei Rambouillet, nicht weit von Paris, den ich mit meinem Papa kurz vor seinem Tode besuchte, und daß zwei aus unserm Geschlecht Connetables von Frankreich waren, einer Kreuzfahrer und einer, Simon, Graf von Leicester, Schwager Heinrichs III. und Regent und Protektor von England. Das ist lange Jahre her, aber nun -- -- Vetter Josef hätte weder der Engländerin, noch dem Kreuz, noch der Oriflamme Schande gemacht.) Die Herzbruchs hielten sich längere Zeit auf der sogenannten Höhe des Daseins, als Soldaten, Marschälle, Kämmerer, Kommandanten und dergleichen, verarmten aber mit der Zeit, und der Rest ist nun ein mit dem Majorstitel pensionierter Hauptmann nebst Gattin und Tochter. Diesem Schicksal entging allerdings ein Zweig der Familie, indem ein Ottokar von Herzbruch seine eigene Schuldenlast und die allgemeine Last Deutschlands, nämlich Napoleons Regime, hinter sich ließ und nach den Vereinigten Staaten ging, das heißt als loyaler Mann in englischen Diensten. Er focht dann siegreich gegen die Union in verschiedenen Schlachten, zuletzt aber mußten die Engländer bekanntlich doch Frieden machen, die Union anerkennen, und er ging nach dem Königreich, machte eine reiche Heirat und kehrte Anfang der zwanziger Jahre nach Deutschland zurück, wo es ihm als englischem Untertan leicht wurde, in Hannover den Verlag und die Hofbuchhandlung (des Herzogs von Cambridge), die damals ein Schotte namens Max Grew besaß, zu kaufen. Demnach scheinen seine kriegerischen Gelüste mit der Zeit nachgelassen zu haben. Sein Sohn trat in die jetzige Verlagsbuchhandlung hier in Altenrepen, heiratete die Tochter des damaligen Besitzers, übernahm das Geschäft später, und dessen Enkel namens Otto ist jetzt Inhaber des Verlags. Der Großvater Ottokar hatte seinen Adel eingebüßt, war aber protestantisch geblieben, während der adlig gebliebene Zweig mittlerweile katholisch geworden war, seit ein andrer Herzbruch, der gegen Napoleon mit der deutschen Legion in Spanien gefochten hatte, dort dies Bekenntnis angenommen hatte, nämlich einer wunderschönen Andalusierin zuliebe, die Dolores hieß, wie alle Spanierinnen, die nicht Carmen heißen.

Nun zu den Montforts. Die hatten das Leben anders angreifen müssen, wurden gleich nach der Auswanderung Händler und Kaufleute und haben schon seit über hundert Jahren an ihre adlige Vergangenheit keine andere Erinnerung mehr als ihren Nachnamen nebst einer Vorliebe, ihm zuweilen einen französischen Vornamen zuzugesellen, und deshalb heißt mein Onkel Augustin. In ihm scheint freilich mit diesem Vornamen eine Nachdämmerung des alten Glanzes mit heraufgekommen zu sein. Seine Tätigkeit als Eigentümer der chemischen Werke scheint er nur notgedrungen als einziger Sohn auf sich genommen zu haben; dies erbte er vom Vater; von den Vätern dagegen waren ihm von früh auf zu eigen: eine Neigung zu galanter Lebensführung, zu schönen Frauen (seine zweite Frau war ganz herrlich, leider hat nur sie, eine Jüdin, ihre Schönheit vererbt), zu schöngeistigen Studien, zu Rosenzucht und zur Musik, welche Eigenschaften sämtlich nie übertrieben, sondern immer durch natürliches Pflichtgefühl in schönen Maßen gehalten, gewürzt mit einer feinen Dosis gallischen Witzes, den echten Franzosen darstellen würden, wäre nicht infolge eines sonderbaren Zufalles sein Aussehen, das heißt seine Züge, bei alledem so deutsch wie nur möglich, und deutsch war wohl auch die gewisse Trägheit oder Passivität, die ihn wohl noch mehr als kindliche Pietät verhinderte, einen Bruch herbeizuführen und sich ganz seinen Neigungen zu widmen. Du siehst, daß er auch ein Verschwender sein kann; für sich ist ers freilich nie gewesen. Jetzt ist er längst ein stiller, alternder Mann und lebt allein in seiner Arbeit. --

Aber was rede ich eigentlich von den Montforts? So -- ich kam darauf, weil in meinem Onkel Augustin ebenso wie in Irene von Herzbruch ein Tropfen alten Blutes wieder zum Vorschein kam. Bei ihm die französische Haltung, bei ihr die Flamme der Religiosität, um deretwillen einst das Geschlecht in die Verbannung ging. Sonderbar spielt freilich das Schicksal. Denn wie gesagt sind die Herzbruchs katholisch geworden, und um dieses Glaubens willen hat jetzt die kleine Irene zu leiden, während damals die Härte des Protestantismus das Schicksal des Hauses veränderte.

Bei ihrer Geburt, die sehr schwer war, besann sich ihr Vater, als die Mutter bereits in Todesenden lag, auf seinen mit der Zeit recht lau gewordenen katholischen Glauben und verfiel darauf, den Sohn, der naturgemäß erwartet wurde, der Kirche zu geloben, und das war, so Gott mir helfe, eine ordentliche Tat, denn damit mußte das adlige Haus Herzbruch erlöschen. Nun wurde es eine Tochter, und das erleichterte die Sache, sollte man meinen; mit der Zeit kam es anders. Die Verzweiflung war in Wonne umgeschlagen, die Mutter war genesen, das Kind wuchs auf, wurde reizend, die einstige Verzweiflung verschwand gänzlich hinter den Horizont der Zeit, und von Jahr zu Jahr dachten die Eltern weniger an das Gelübde, schließlich vergaßen sie es ganz. Anders Irene. Sie wuchs mit dem Gelübde auf, das sie früh durch die gut katholische Kinderfrau erfahren hatte, die Eltern wußten gegen ein bißchen Frömmigkeit gewiß nichts einzuwenden, besonders da nichts reizender war als die kleine Irene an ihrem kleinen Betpult, über ihren Katechismus gebeugt, oder den Rosenkranz zwischen den Fingern, oder wenn sie mit zarter Stimme sang, neben der Mutter am Flügel stehend, wie auf einem Bilde von Whistler. Gleichwohl ging sie nun nicht in Frömmigkeit auf, obgleich auch ihre Spiele, solang sie klein war, frommen Geschichten und Legenden entnommen wurden; besonders beliebt war das Fronleichnamsspiel, wobei Mamas Nähtischthron, das Sofa im Salon, Papas Schreibtisch und das Kinderbett die verschiedenen Stationen abgeben mußten. Trotz Singen und Beten aber war sie ein ungebärdiges, weil leicht erregbares Kind, das freilich mit ebenso großer Wonne Buße tat und sich zerknirschte, mit der sie das verbotene Eingemachte vertilgt oder die neuen Frühjahrsbeete zertrampelt hatte. Mit zwölf, dreizehn Jahren stieg die Weltlust am höchsten, die Gebete beschränkten sich auf den Morgen und Abend, und die Spiele waren jetzt folgender Art: sie begab sich mit einer Freundin Arm in Arm auf die Straße, wo das geistvolle Paar versuchte, vor möglichst vornehm aussehenden erwachsenen Personen einherzugehn und etwa diese Unterhaltung anzuspinnen: »Reitest du heut?« »Ach, ich weiß noch nicht recht ... den Fuchs hab ich gestern etwas überanstrengt, der muß heute etwas Ruhe haben, und der Schimmel ...« »Na, der Schimmel ist nun auch nicht mehr sehr schön.« »Ja, wir wollen ihn ja auch verkaufen, vielleicht bekomme ich ein paar Jucker dafür.« »Wahrhaftig? Habe ich dir übrigens schon erzählt, daß mir mein Cousin eine Reitpeitsche mit Silbergriff geschenkt hat? Ich will ihn aber vergolden lassen, es sieht doch entschieden vornehmer aus.« Na, und so weiter ...