Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 14
Georg merkte, daß Arme um seinen Nacken geschlungen waren, und tauchte aus der Versunkenheit nach oben und in die Umarmung eines weiblichen Wesens. Also dies war die Ewigkeit ... Er fühlte ihre Glieder, die an ihm hingen, ihre Brust, ihre Knie, welche an die seinen rührten. Er konnte seine Augen wieder aufbringen, er küßte ihr ganzes Gesicht trunken hundertmal, aber keines war wie das erste. Plötzlich fühlte er sein Gesicht von festen Händen umgriffen, ihre Augen gruben sich in die seinen, überschütteten ihn mit einem Strom von Liebe, sie stammelte, die Lider sanken ihr, sie murmelte etwas von »fliegen« und ruhte aus. Die Augen waren wieder zu im stillen Gesicht, Georg blickte darauf nieder, als ginge drinnen etwas vor, das er sehen könnte, und nun bewegte sich etwas unter den Lidern hervor, drängte die Wimpern empor, glitzerte und rann, ein Tropfen, und ebenso jetzt aus dem andern Auge, und schneller kamen immer mehr unaufhaltsam geflossen. Sie weinte ja ... Als aber Georg sich wunderte, warum das so glänzte und blitzte, und das Gesicht nach der See hinaus wandte, erschrak er vor einem ungeheuer großen, dunkelgelben Monde, dessen runde, vollkommene Scheibe aus dem schwarzblauen, unsichtbaren Grunde in die mattblaue Luft rollte, aber still hielt, als er hinsah. -- Wieder wandte er sich zu Annas Gesicht und sah in einem runden Tropfen, der an der Wimper hing, deutlich des Mondes winziges Spiegelbild.
Sie ließen sich los.
»Gieb mir dein Taschentuch,« sagte sie leise, »ich hab keins.«
Sie lächelte, als ers ihr reichte. Ja, da hatten sie auf einmal die Gebrauchsgegenstände gemeinsam. Waren sie so eines geworden, oder war es nur wie früher? ... Sie trocknete ihre Tränen, schneuzte sich und gab es zurück.
»Sieh, da ist ja der Mond«, sagte sie. --
»Und die Fledermäuse«, meinte er, da er einen Schatten durch den Mond huschen sah. Sie schaute ihn mit einem langen Blick an, warf sich ungestüm an seine Brust und brach in ein unendliches, schüttelndes Schluchzen aus.
Das ist so ... das ist so ... dachte Georg gerührt, ohne es ganz zu begreifen, streichelte leise ihr Haar und wunderte sich über den fleißigen Lornsen, der so spät noch die Mühle gehn ließ, die unfern im Norden stand, groß und schwarz in ihren riesig ausholenden Armen; gleichmäßig und eisern hieben sie im Kreis herum nach dem Monde, der sanft und ahnungslos oder jedenfalls unbekümmert dicht unter ihr heraufrückte und langsam golden und glänzend ward.
Annas Weinen ward ebenso langsam ruhiger und hörte endlich ganz auf.
»Frag nicht, warum ich weine,« bat sie nachschluchzend, »ich weiß es selber nicht. Komm, wir müssen gehn.«
Er war nicht dieser Ansicht, widersprach aber nicht, trocknete ihr Gesicht selber mit dem Tuch, küßte sie, und dann gingen sie umschlungen als ein Liebespaar, das sie nun waren, in der Richtung der Mühle, rutschten zusammen den Deich landeinwärts hinunter, küßten sich, gingen weiter, krochen durch eine Hecke und küßten sich lange. Auch wenn einer von ihnen etwas gesagt hatte, küßten sie sich, aber als sie wieder durch eine Hecke gekrochen waren und sich, im Aufrichten stecken bleibend, geküßt hatten, fanden sie sich drei Schritte hinter Maler Bogner, der dort in der Dunkelheit ganz still saß, glücklicherweise mit dem Rücken nach ihnen, auf einem Stuhlstock, der Betrachtung von zwei Kühen hingegeben, von denen die schwarze mit dem breiten Rücken nach ihm hin im Grase lag, während über ihren Beinen die andre stand, mit großen, geisterbleichen Placken, die Kinnbacken in mahlender Bewegung, den großen, töricht hochfahrenden Blick des dunklen Auges auf den Maler richtend, ohne zu merken, daß der Mond es sich auf ihrem Rücken breit machte. Welch seltsame Erscheinung im Dunkel der Wiesen! Rechts dahinter schwang die große Mühle auf ihrer Anhöhe in mächtiger Lautlosigkeit die Arme herum.
Georg, einen Augenblick betroffen anhaltend, wollte Anna stillschweigend davonziehn, aber da lachte sie leise, der Maler sah sich um, -- oder er wollte es tun, doch sah Georg, daß sein Gesicht nach rechts gewandt stehenblieb, wo die Pappelreihe nach der Mühle hin führte, und dorthin blickend gewahrte Georg vor den Bäumen in den Wiesen eine Gestalt, die sich bewegte, schwarzweiß, oben mit einem Hemd, unten mit schwarzen Hosen bekleidet. Sie warf die Arme, als ob sie der Windmühle nachahmte, lief und --
»Wer ist denn das?« sagte Georg halb belustigt, »ist der verrückt?«
Der Maler stand auf und sagte: »Das ist doch al Manach.«
Indem stieß die Gestalt einen brüllenden Schrei aus, während gleichzeitig Georg sich am Arm ergriffen fühlte. Mit rudernden Armen, an denen die breitoffenen Manschettärmel flatterten, stürzte der Mensch auf die Mühle zu, laut schreiend und wahnsinnig. Der Maler setzte sich in Bewegung und lief, um ihm den Weg abzuschneiden, war aber ersichtlich zu weit entfernt, um zu verhindern -- -- ja, was denn, was denn? Wollte er in die Mühlflügel ...? Georg, noch immer verständnislos, starrte hin, der Maler lief wie ein Wiesel die Anhöhe empor, aber der Andre sprang in langen flatternden Sätzen gegen die Flügel hin, Georg erschrak, sie sausten wie schwarze Keulen herunter. Indem zerrte eine Hand an seinem Gewehrriemen, Annas Hand, die schon den Flintenkolben an die Schulter setzte, zielte und abdrückte. Klein und scharf peitschte der Knall und zerstiebte, oben warf die Gestalt im Rennen die Arme in die Höhe und brach zusammen, vornüber schlagend, während der eben heruntersausende Flügel mit sichtbarer Erleichterung an der andern Seite wieder hochschwang. Georg starrte das Mädchen an. Sie stand todblaß, schauderte, schwankte, schloß die Augen und fiel um. Er fing sie auf, ließ sie ins Gras gleiten, zog seinen Rock aus und bettete sie darauf. Sie lag still; wie eine abgebrochene Blume sah sie aus.
Georg blickte beklommen auf sie herunter. Er dachte, man müsse ihr Kleid öffnen, kniete neben ihr ins Gras, hielt aber inne, als seine Hand ihre warme Brust am Kleiderausschnitt berührte, -- fast hätte er hineingegriffen. -- Nun fing er langsam an zu verstehn. Sich umwendend, sah er oben undeutlich eine gebückte Gestalt, wohl den Maler. Was hatte sie denn getan? Geschossen, -- aber wohl -- -- in die Beine geschossen ... Es war Schrot. Hatte sie das bedacht? Im einen Augenblick alles bedacht und ... Jählings entsetzt, sprang er auf und drehte sich schwindelnd. Etwas entfernt standen die beiden Rinder weit voneinander, drehten die Schwänze her und sahen sich um. Dann hob eine das Maul, ein dumpfer, klagender Laut kam hervor mit einem Stoß weißen Dampfs. Georg sah die Mühlenflügel groß und abgestorben herunterkommen und aufsteigen; sie begannen, vor seinen Augen sich zu vervielfältigen und zu flimmern, die Mondscheibe zog sich zu einer Reihe von ineinandergeschobenen, silberblanken Monden auseinander, und sein Blick fiel wieder auf die Liegende, die in ihrem blaßgrünen Kleid auf der dunklen Fläche lag, als sei sie vom Himmel gestürzt und er habe, zufällig des Weges kommend, sie hier gefunden.
Es ist ja wahr, schrie er innerlich, es ist wahr, sie hat es tun müssen, es ist ein Wahnsinn, was soll das heißen, wie kommt man auf so etwas, auf einen Menschen schießen, um ihn zu retten, und ich immer dabei, -- aber sie mußte, sie mußte, es gab nichts andres, warum bin nicht ich darauf gekommen? Eben weil nicht ich verlangt wurde, sondern -- verlangt? Ihm wurde unheimlich zumut, das Grauen schüttelte ihn jetzt, er warf bei erstickter Kehle den Kopf gegen den Himmel oben zurück und sah in der milchigen Blässe oben die Sterne, ein paar verlorene, weißlich flimmernde Tropfen. Er stammelte: »Anna! Um Gottes willen, Anna!«
Da schlug sie langsam die Augen auf, sah ihn seltsam erwacht und lange an, bewegte die Hand und hauchte: »Ist er tot?«
Georg warf sich neben ihr auf die Knie und schrie: »Nein! nein!« Legte den Kopf in ihr Kleid und glaubte, weinen zu müssen. Dann kam er zur Besinnung, sprang auf und sagte, so fest er konnte:
»Sei ganz ruhig, mein Herz, ich trage dich nach Haus.«
Sie lächelte schwach, er richtete ihren Oberkörper ein wenig auf, nahm seinen Rock vom Boden, zog ihn an, bückte sich und nahm sie auf die Arme. Einen Augenblick verwundert, daß solch ein Mädchenleib so schwer war, merkte er doch gleich, daß er ganz leicht zu tragen war, und eine Sekunde empfand er seine Körperkraft tröstlich. Also trug er sie über die Wiese davon auf den Sandweg zu, den die Pappeln bis auf den Hof des Verwalterhauses geleiteten, kaum drei Minuten zu gehn. Unterwegs rührte sie sich einmal, legte die Arme um seinen Nacken und das Gesicht gegen seine Brust. Einmal mußte er sich mit dem Rücken an einen Stamm lehnen und eine halbe Minute ruhn. So erreichte er das Haus.
Auf der Bank neben der Tür saß die alte Domina, glatthaarig, stand wortkarg wie immer in derartigen Fällen auf und ging ins Haus und die Treppe voran in Magdas Zimmer, wo Georg sie auf das schon zur Nacht aufgedeckte Bett legte. Sie ergriff seine Hand und küßte sie schnell und leise, plötzlich flammte die kleine Stehlampe mit grünem Schirm neben Georg auf dem Nachttischchen auf, sie schloß geblendet die Augen, während Georgs Blick auf das große alte Bild an der Wand fiel, einen grauen Stahlstich, -- er hatte ihn lange nicht gesehn, diesen Engel, der ein totes Kind zum Himmel trug. Die Erinnerung an Magdas Mutter, die ein halbes Jahr nach der Geburt eines Knaben fast mit ihm zusammen gestorben war, zog durch ihn hin, während er sie flüstern hörte, er möchte zur Mühle gehn und ihr Bescheid bringen. Seltsam, dies kleine Zimmer in der Dämmerung ... das große, weißlackierte Metallbett mit dem langen Nachthemd schräg darüber, auf das er das Mädchen gelegt hatte.
Draußen vor der Tür im Dunkel stand er noch eine Minute, angeatmet vom Reinen, Duftlosen dieses Raumes hinter ihm, der anders war, sonderbar anders als jedes Zimmer, das er je betreten hatte.
Rheinweinbowle
Auf dem offenen, nur von Gebüschen und ein paar Bäumen umringten Hofplatz blieb Georg stehn, trocknete sich die Stirn und bemühte sich, etwas zu denken. Der Mond, von hier aus gesehn, stand hinter der Mühle, die gewaltig schwarz, mit zwei stillstehenden Flügeln wie ein riesenmäßiger Hase in weißlichem Glanze saß, der hinter ihr vom Monde ausstrahlte; schwarz stieg die lange Pappelreihe, sehr ernste Gestalten, von der Anhöhe den Weg herab.
Also es trifft ein, eins nach dem andern trifft ein, sogar an einem Tage, -- ja, wird es nun noch eine Feuersbrunst geben? dachte er beklommen. Und sogar zum zweitenmal dieser al Manach! -- Da setzte das Denken wieder aus, es war totenstill umher, in den Bäumen oben raschelte es, als bewegten sich dort Vögel. Georg ging durch die helle Mondesdämmerung auf die Mühle zu und die eiserne, schwarze Linie des Horizonts, über der weißer Flimmer in gelbliche und rötliche Hauche verging, und bei der Wegbiegung sah er wieder den Mond dicht neben dem Mühlkörper, klein und reinsilbern. Am Fuße der Anhöhe wurden auf einmal zwei schattenhafte Gestalten sichtbar, eine kleinere, dunkle, jetzt mit weißer Brust, daneben eine lange, graue, die langsam weißlich wurde, der Müllerknecht, der den al Manach auf den Armen trug wie eben er die Anna; Bogner daneben im Frack. Als sie sich begegneten, blieben sie stehn, der Christian grinste verlegen und sagte: »Da bringen wir ihn gebracht!« die Bürde wie ein Kind in den Armen höher rückend. Al Manachs Gesicht war wieder geschlossen und klein geworden. -- Sie gingen nach Helenenruh zurück, schweigsam, nachdem der Maler erklärt hatte, der Schuß hätte sich über beide Unterschenkel ausgestreut, aber es sei wohl ganz ungefährlich und habe kaum geblutet.
Während die beiden Andern zum Gastflügel abbogen, ging Georg wieder zum Verwalterhaus, traf die Domina im Flur und trug ihr, da sie sagte, Magda schlafe, auf -- falls sie erwachen sollte --, daß alles gut sei.
Auf die Terrasse zugehend, sah er ihre rechte Hälfte erleuchtet. Schatten mit beleuchteten Gesichtern saßen um den runden Tisch, in dessen Mitte eine Lampe mit buntgeblümtem Schirm brannte; ringsum war tiefe Nacht. Die Steinstufen hinansteigend, machte er seinen Schritt leise, um erst nachzusehn, ob seine Mutter noch da sei, doch entdeckte er nur das Gesicht seines Vaters hinter dem Tisch, der seitwärts saß, wie er pflegte, rechts von ihm den Leutnant in Grün und Rot, dann -- nach einem leeren Stuhl -- Annas Vater, der rauchend und verträumt in die Lampe blickte, die Oberlippe über den Zähnen wie stets etwas angezogen, so daß sie im Lampenlicht farbig blitzten; dann den Baschkirtseff, der weit im Stuhl zurücklag und mit gedämpfter Stimme etwas zu deklamieren schien. Georg, über das Geländer der Treppe emporgereckt, blieb eine Weile stehn, willenlos versinkend in diese friedliche Gesellschaft. Auch den Rücken von Onkel Salomon entdeckte er nun dicht hinter der Brüstung; er saß, Georgs Vater zugewandt, gebückt, schräge zum Tisch. Dunkelgrüne Römer standen vor jedem, jeder leise an einer Stelle der Wölbung und der Riffelung des Fußes blitzend, noch im Schatten; der bunte Schirm ließ nur einen kleinen Kreis in der Mitte des Tafeltuches hell. Gläserne Aschenschalen glänzten farbig hier und da; seltsam rötlich waren alle Gesichter. Sekundenlang festgebannt, schien es Georg unmöglich, nur eine Bewegung zu machen oder das Gesicht abzuwenden. Erst als er den Mimen mit steigender Stimme sagen hörte: »Unchristlich oder christlich!« und weiter:
»Ist doch die Welt, die schöne Welt So gänzlich unverwüstlich!«
ergriff ihn der Ärger, daß sie hier saßen und Verse deklamierten, dieweil ... Also scharrte er mit den Füßen, um sich hörbar zu machen, und stieg die letzten vier Stufen hinan.
Alle wandten die Gesichter ihm zu, der Leutnant stand auf.
»Na endlich!« sagte sein Vater und, ein wenig ironisch: »Es ist wohl nicht besonders ersprießlich, im Düstern zu jagen!«
Der Schuß war also gehört worden ... Einen Augenblick unfähig, etwas zu sagen, fühlte Georg das eben Vorgefallene auf einmal verschwinden, ihm entgleiten, als habe er es geträumt, und er mußte sich wahrhaftig besinnen, ob es gültig sei, um davon zu reden. Wieder von dem Gleichmut und der Ahnungslosigkeit der Dasitzenden geärgert, fing er an: »Es ist etwas sehr Seltsames geschehn ...« merkte jedoch, daß eben diese Worte nun gänzlich alles Erschütternde und Fremde und Unheimliche fortnahmen. Wenn es sich schon erzählen ließ, was war es denn? Allein -- ließ es sich denn erzählen? -- Nun fuhr er geärgerter fort:
»Dieser al Manach -- -- er wollte in die Windmühle laufen, oben, Lornsens Mühle, und weil wir zu weit weg waren, hat Anna, Magda, ihn in die Beine geschossen, mit meiner Flinte.«
Er schloß, die Zähne zusammenbeißend, weil er fühlte, daß er lachen wollte, unweigerlich lachen, o, war es nicht zum Tollwerden! Und da saßen sie alle und lächelten.
»Bitte, Chalybäus,« sagte er kalt, »ich habe sie in ihr Zimmer gebracht, sie wurde ohnmächtig hinterher, stören Sie sie aber nicht, sie schläft jetzt.« Ja, da konnten sie ernst werden! »Wollen Sie so gut sein und Doktor Reiß telephonieren, damit er nach Herrn al Manach sieht.«
Nun fing Chalybäus an zu lamentieren, war drauf und dran, dem Herzog Vorwürfe zu machen, daß er Verrückte beherberge, besann sich und jammerte über seine Tochter, die auch verrückt geworden wäre. Einen erwachsenen Menschen in die Beine zu schießen! Und was zum Teufel sie sich um fremde Selbstmörder zu kümmern hätte, worauf ihn ihre Ohnmacht bis zu Tränen rührte, und er bedauerte das mutterlose Kind, dem er die Hüterin nicht ersetzen könne ... Dann wollte er sich von keiner Macht auf Erden abhalten lassen, an ihrem Bett zu sitzen und ihre Hand zu halten. -- Onkel Salomon war unterweil schon im Haus verschwunden, Georg sah im Schreibzimmer das Licht aufflammen, dann ihn selber zum Schreibtisch gehn und den Telephonhörer abheben. Der große Chalybäus trank sein Glas aus und ging mit großen Schritten davon. Georg rief ihm nach, Doktor Birnbaum telephoniere bereits, und dann wurde es still. Der Leutnant füllte leise ein Glas aus dem, neben der Tür auf einem Tischchen stehenden Bowlenkübel und setzte es vor Georg auf den Tisch, der selber gedankenverloren auf den Stuhl davor glitt. Indem er trank, hörte er die hellen, rasselnden Schläge der Uhr im Turm, zählte zehn und dachte erschreckt: Erst zehn Uhr? Eine Stunde seit dem Essen? Was war denn alles seitdem? Ach, ich habe sie geküßt, sie liebt mich, wir lieben uns, das ist nun alles vorbei ... Sein Vater fragte einiges, er antwortete und trank in kleinen Schlucken das süße und eiskalte Weingetränk, allein plötzlich ertrug er das Dasitzen nicht, stammelte eine Entschuldigung, sprang auf, lief die Treppe hinunter und in den Park in der Richtung des Weihers.
Neuntes Kapitel
Dunkel
Die Nacht war warm, und nun, erhitzt nach dem langen Frieren zuvor, bewegte Georg sich in einem heißen Branden von Gedanken, die zergingen, ehe er sie faßte. Als er aber neben dem Ende des Nordflügels vorüber wollte, raschelte es rechts im Wäldchen, rauschte, ein schwarzer, fallender Klumpen schleppte sich, ungetüm und schauerlich anzusehn, in das halbe Licht und auf den Weg, Artaxerxes. Verflucht, da ist der schwarze Bote schon wieder! schnob Georg ergrimmt, besänftigte sich aber, indem er gerührt denken mußte: So weit ist er inzwischen gekommen, geradeswegs auf seinen Weiher zu! Der Hals züngelte hervor, unbekümmert um Georg zog er seine Straße beschwerlich, arbeitete sich den Weg hinunter und verschwand im Dunkel der Wiese vor dem Weiher. -- Und wenn er uns da oben nicht begegnet wäre, dachte Georg, hätte ich die Flinte vielleicht hängen lassen! »Verdammtes Vieh,« schrie er ihm nach, »mußt du einem denn überall in die Quere kommen!« -- Ach, auch er tat, wozu es ihn trieb, da lag sein Weiher, -- in einer graden Linie, wie ein Pferd, das nach Hause geht, war er darauf zugegangen, -- was für eine Dämonszähigkeit! Und Georg ging weiter, lachte wütend und dachte: Der Schwan ist bei Gott der bewegende Teufel in alledem! Sie scheuchte ihn auf, als sie in den Teich ritt, und dann brach sie ihm den Flügel in der Luft, und dafür erschien er uns und zwang mich, die Satansflinte mitzunehmen. Sie ist also selber dran schuld, warum wollte sie fliegen! --
Plötzlich stand er am Teich, durch einen meterbreiten Grasstreifen nur vom Wasser getrennt, das er roch, schlug sich mit der Faust vor die Stirn, verfluchte sich und knirschte sich an, ob er denn zu nichts fähig sei als zu diesen Jämmerlichkeiten! Zu keinem guten, graden Gefühl! Immer Mißmut statt Demut, Ärger statt Traurigkeit, Wut statt Schmerz. Da lag sie nun oben! Wachte sie? Was ging in ihr vor? War ihr angst? Ach, wie sollte ers wissen, war sie nicht ein fremdes, unbegreifliches Wesen? Und er hatte sie geküßt!
Da war, im Dunkel absonderlich geisterhaft, die kleine Brücke zur Insel, deren schwarze, gewaltige Baumkronen in den großen und finstren, gestirnten Himmel ragten. Einen Augenblick dachte Georg, hinüberzugehn, jedoch -- was sollte er dort? Anna -- womöglich wurde sie krank, und sie konnten nicht zusammen in dem halbverfallenen Liebespavillon der Insel sitzen ... Da rannte er um den Teich in das kleine, niedre Fichtengehölz, zwängte sich mühsam durch Nadeläste und Spinneweben, innerlich sich beschimpfend, verteidigend, stolperte in einen trocknen Graben und ins Freie, ins helle Mondlicht auf die Chaussee, nach Böhne.
Hier war Totenstille; in weiter Ferne rollte ein Wagen. Auf der andern Seite der Landstraße standen die Garben im vollen Silberglanz auf den Stoppelfeldern, weithin grenzenlos dahinter lag schlafendes Land, weitfern, im silbrigen Dunst, waren graue Schatten von Bäumen, kleinen Gehölzen. Unfern zur Linken stand die scharf silberne Mondscheibe kaum haushoch über der Fläche und dem Dorf, dessen weiße Häuserwände, schwarze Dächer und weißer Kirchturm mit schwarzer Haube allmählich deutlicher zum Vorschein kamen. Kein Licht war mehr dort. Wogen der Stille, Wogen der Nachtwärme, der Nachtkühle kamen und verhauchten. Das Wagenrollen ward ein wenig lauter, -- gewiß war es schon der Doktor aus Böhne. Georg wußte eine Bank in der Nähe am Waldrand und suchte sie auf. Und dort saß er, erschlafft und gedankenmatt, bis das Wagenrollen nahe kam, die Laternenlichter erschienen und der Sandschneider vorüberrollte mit dem kleinen, krummen Doktor auf dem Rücksitz hinter dem kerzengraden Kutscher. Georg hörte ihn eine Minute später von der Landstraße auf den Kies vor der Helenenruher Rampe einbiegen und auf dem Fahrweg um das Haus verhallen.
O wie still es war! Wie sanft, wie arglos diese schlafende Welt! -- -- --
Ob sie schlief? Ob er -- --
Erinnerungsbilder des Tages begannen einen zuckenden, zerrissenen Vorübertanz. Auf einmal war der grüne Teich da mit Anna darin zu Pferd, die silberne Wasserbahn, die der schwarze Vogel aufriß, Gewitterregen strömte, der Schwan schrie, am Fenster war Bogners Gesicht, Bogner saß im Dunkel vor zwei Kühen, da lag Anna, in ihrem Zimmer, der graue Engel schwebte mit Blumen und dem Kind, da stand seine Mutter fürstlich in der Tür, Judith stand in braunem Samt vor einem Gebüsch, Jason al Manach saß, liebreizend anzusehn, und sprach über Gedichte, Onkel Salomon, der Baschkirtseff, Georgs Vater -- im Zickzack hin und wider durchfuhr er den Tag, stand auf einmal unwollend auf, ging in der Richtung des Schlosses, unter der Rampe her, dachte, er müßte doch einmal nach ihr sehn, vielleicht hatte sie Licht, womöglich konnte er leise rufen und fragen, bei welchem Gedanken er einen ganz andern Wunsch als unziemlich zerdrückte, es trieb ihn vorwärts, er sehnte sich, verlangte nach ihrem Mund, ihren Gliedern, sein Kopf brannte ... wie fremd, fest, wie kühl ihr Mund zuerst gewesen war!
Nun stand er unterhalb des langen Gastflügels im Heckengang und blickte empor. Drei Fenster waren erleuchtet im Oberstock, -- vielleicht sollte er auch nach al Manach sehn und vom Arzt hören ... Aber da tönte die Angel der Haustür, Schritte knirschten über Stufen, er hörte die überschnappende wohlbekannte Stimme des Doktors nach dem Kutscher rufen, stand und rührte sich nicht. Es dauerte endlos, bis er die Wagenräder im Sande knirschen hörte, er erschrak, der Wagen würde ja den Heckengang herunterkommen! und so diebisch und unwürdig er sich vorkam, mußte er durch das altbekannte Loch in der Hecke kriechen, und da er einmal im Bücken war, schlich er so weiter, während innerhalb der Wagen ihm entgegen und vorüber rollte, das Licht der Laterne ihn streifte.
Einen Augenblick später öffnete er die kleine Lattentür an der Ecke des Verwalterhauses, ging zwischen den hohen Stockrosen und Sonnenblumen den Gang hinunter, unhörbar im Gras, und stand an der Hinterseite des Hauses im Grasboden des Obstgartens eine Minute still, ohne zu atmen. Endlich entfernte er sich noch ein paar Schritte vom Hause unter die kleinen Bäume und sah, daß in allen Stockwerken alle Fenster mit Läden oder weißen Rouleaus verschlossen waren, bis auf das Annas, dessen gläserne Flügel nach außen offen standen; dazwischen bewegte sich das heruntergelassene weiße Rouleau leise im Luftzug.
Rausch