Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 13

Chapter 133,868 wordsPublic domain

Da hatte sie sich wieder dem weißen Rosenstock zugewandt, der etwas niedriger war als die andern; das Gras um ihn her war wie bei den andern mit abgefallenen Blättern bedeckt, und von den Blüten am Strauch waren nur wenige noch vollkommen, auch diese, weit offen, zeigten ihre gelben Staubgefäße. Er sah das alles, neben ihr stehend, während sie nur leise, ohne zu antworten, den Kopf hin und her bewegte, dann, vom Wege sich etwas überbeugend, den Stamm erfaßte und leicht schüttelte, so daß noch Regentropfen und eine Menge Blätter abflatterten; gleichzeitig, als ob sie allein wäre, sah sie nach oben, wo Stimmengewirr und Gelächter tönte und ganz rechts der Kopf von Georgs Vater im Profil sichtbar war, links von ihm Kopf und grüner Rücken des Leutnants. -- Sie wollte nun eine noch halb geschlossene Rose ablösen, aber der Stiel war zäh, Georg sah versunken zu, wie sie heftiger zerrte, -- Blätter über Blätter entflatterten beständig, er dachte, sie macht Schmetterlinge ... endlich hatte sie die weiße Blüte in der Hand, nahm sie in die andre, bemerkte einen roten Tropfen am Mittelfinger der rechten, drehte sich langsam zu Georg und streckte ihm lächelnd den Finger entgegen, sanft damit über seine Lippen streichend, so daß der Tropfen sich vermischte. Ihr Kopf sank allgemach auf die Brust ...

»Anna! -- Ist dir etwas? -- Anna!« brachte er heiser hervor.

Sie sah verwirrt auf, schien plötzlich zu begreifen, wo sie war, lachte hell auf.

»Nachher! Nachher!« rief sie ihm zu, während sie den Weg hinab, um die Ecke und die Treppe hinauflief. Georg begriff nichts und sprang hinterdrein; die letzten Stufen ersteigend, sah er, wie sie die Rose, um den Tisch laufend, vor Bogner auf den Teller warf. Georgs Mutter neben ihm sah auf, lächelte und nickte erst Magda, dann ihm selber zu, und er setzte sich auf den freien Stuhl ihr gegenüber zwischen den Leutnant und Magdas Vater. Noch sah er, wie sie, links von seiner Mutter sich setzend, sich vorneigte, um dem Maler zuzunicken, dann glitt ihr Blick zu ihm herüber, und als er ihn traf, versüßte ihr ganzes Gesicht mit einem innern Erschrecken sich dergestalt, daß ihm das Herz stillstand. Sie schlug die Augen nieder. Nun wußte er alles, alles! Einen Augenblick war alle Angst verflogen, das Süße, das er bekommen hatte, durchsickerte ihn, langsam kehrte die Angst, und heftiger nur, zurück, aber nun lauerten Ahnungen, überwältigend schon von fern, in der Tiefe, Triumphe, von denen er den Blick wegwenden mußte, um alles aufzusparen, und so saß er denn in sich selbst wie in einem schütteren Gehäus von Gluten und Frost, aß derweil, nahm von Schüsseln und Platten, die links von ihm erschienen, und aß Salat, oder Mayonnaise, kalten Braten, oder was es nun war, saß und brauste, und war umbraust von vor- und rückwärts bewegten Gesichtern, Augen, die ihn streiften, lachenden Mündern, Gabeln, die auf und nieder gingen, Gläsern, sah dazwischen plötzlich das Gesicht von Franz, der, eine Schüssel reichend, mit unerschüttertem Ernst und teilnahmslos darauf niederblickte, und schon war alles vergangen, eine Wasserfläche schien vor ihm zu sein, in die beständig kleine Steine geworfen wurden, so daß es Ringe gab, die sich ausdehnten, einander kreuzten, aufhörten und wieder begannen, bis das Wasser schaukelte und Wellen schlug. Tief unten darin war vielleicht Annas Gesicht oder ein Rosenstrauch und ein durchdringendes Auge in ihm.

Einmal hörte er lauter Gelächter aus dem Wirrwarr, jedes einzeln, Annas leichtes, reines, Baschkirtseffs prächtiges, schön abgedämpftes Bühnengelächter und das helle, ehrliche des Leutnants. Einmal war da Bogners Gesicht, einsam, irgendwie dunkler als die andern und wie aus Erz. Einmal dachte er, sie schössen unablässig mit kleinen Pfeilen aufeinander über den Tisch, und eine Weile später merkte er, dies Pfeileschießen war die Unterhaltung. Richtig, wie Federbälle, ungefährlicher als Pfeile, flogen die Reden hin und her, wurden aufgefangen und zurückgeschlagen, wobei der Auffangende sich mitunter weit hintenüberlegen mußte, und übrigens schienen mehr Bälle im Spiel zu sein, als verwandt werden konnten, denn nicht selten kam es vor, daß einer ganz unbeachtet blieb und irgendwo auf die Tischkante fiel und hinunter, wobei nur der, welcher ihn geschlagen hatte, ihm nichtssagend nachlachte. Ja, was war das nun eigentlich?

Da sah er sie alle um den Tisch sitzen, aus der ganzen Windrose schienen sie zusammengeweht: Leutnant und Mime, junges Mädchen und Maler, Papa, Mama, Onkel Salomon und der große Chalybäus, und doch war dies ein schönes und glattes Hin und Her, und war ein Wetteifer dabei, so wars der, möglichst sicher zu werfen, nicht zu gewinnen, sondern im Gegenteil es dem Mitspieler leicht zu machen, aber wie brachten sie das fertig bei ihrer Verschiedenartigkeit, und wie hatten sie sich mittags gestritten, wo es doch noch weniger waren?

»Warum so still, mein Junge?« hörte er indem seine Mutter sagen und sah sie auf einmal zu ihm herübernicken.

Freilich, natürlich! Sie war das Ganze. Mittags waren es ja lauter Männer gewesen -- unter denen Anna kaum gelten konnte. Dies aber war ein Gewebe, und seine Mutter war die Meisterin davon. Sie hatte den Aufzug unsichtbar bereitet, sie hielt alle Fäden des Einschlags in der Hand und ließ sie hineingleiten, ohne daß jemand es merkte, als hätte sie sich in alle verteilt und lenkte sie von innen, in jedem erratend, was paßte, und mochte sie sich einmal geirrt haben, so war sie es wieder, die es mit unmerklichem Griff veränderte, so daß es paßte und im Gewebe verschwand. Sogar der Baschkirtseff hatte alle Selbständigkeit aufgegeben; zwar glaubte Georg sich zu erinnern, daß er eine Schnurre von Kainz und ihm selber erzählt hatte, aber sie war ganz klein, und ein Anekdotenerzähler mit Maßen durfte in einer richtigen Gesellschaft ja so wenig fehlen wie der Narr im mittelalterlichen Hofstaat. -- Und bei alledem hatte sie es noch fertiggebracht, seine Schweigsamkeit zu bemerken ...

»Mein Sohn Georg«, sagte sie jetzt, »war gewiß sehr traurig, daß er nicht mit Ihnen fliegen konnte, Herr Leutnant! Meine kleine Magda war ja außer sich vor Entzücken. War denn das aber nicht zu gefährlich, auf die See hinaus ...«

»Ach,« sagte der Leutnant, »das Meer war immer vorne, weil ich aber doch mit geistigem Auge immer hinter mir war, hab ichs gar nicht gesehn.«

»So, sie saß hinter Ihnen«, bemerkte die Herzogin leicht, wie zur Erklärung für sich selber, während der Leutnant Magda anlachte, die dunkelrot wurde, aber tapfer erwiderte, davon hätte sie nichts gemerkt, er hätte ihr bloß die Aussicht weggenommen mit seinem Lederrücken und außerdem ihren Schwan überfahren.

»O, war das Ihrer, Gnädigste? Ich lasse sofort einen neuen kommen. Wo bekommt man die?«

Die Herzogin wies ihn an Doktor Birnbaum, der wisse alles, und er sagte gleich: »No -- in Alfeld, oder jedenfalls bei Hagenbeck.«

»Hagenbeck?« sagte der Baschkirtseff, von der Herzogin angesehn, »der hat ja bloß Apen und Boren, und auf einem Pappfelsen hat er einen Kondor angebunden, ich hab mal 'n Plakat --«

»Wer war bei Hagenbeck?« fragte die Herzogin. »Ich muß wissen, ob er Pinguine hat. Die sollen ja die klügsten Tiere sein, und seit mein Mann das Buch von Anatol France gelesen hat, wünscht er sich immer Pinguine zu Weihnachten.«

Sie blickte auf Chalybäus, und richtig, der hatte sie gesehn. Sie gingen hin und her, sagte er, und wackelten mit dem Kopf. Sie sähen wie Dekane aus und könnten nicht mal fliegen.

»Man wird es ihnen beibringen«, erklärte der Leutnant Georg großmütig, während seine Mutter sagte:

»Ich fürchte, Woldemar, Herr Leutnant Kaspar wird beim Fortfliegen noch die Wetterfahne von Helenenruh mitnehmen oder ...«

»Die Wetterfahne, Helene? Ein Leutnant und Wetterfahnen? So was mußt du nicht sagen. Wenn noch --« Georg hörte den Baschkirtseff einen Vers aufsagen, in dem sich Mensch auf wetterwendsch und »äußerst wenig vaterländsch« reimte, während der Herzog zu Ende sprach: »-- der alte Stechlin lebte, der sammelte ja welche, da könnte er sie hinbringen.«

»Also, Chalybäus, da müssen Sie aufpassen!« mahnte die Herzogin.

»Ums Himmels willen, Durchlaucht! Ich habe eine erwachsene Tochter, man wird sie mir über Nacht entführen, samt Wetterfahne und allem!«

»Was für Zeiten!« klagte sie. »Früher kamen Götter in Schwanengestalt, heute werden Schwäne überfahren, wobei mir die Leda von Klinger einfällt. Hat er nicht jetzt ein Wandbild in Leipzig gemalt? Kennen Sie es, Herr Bogner?«

Bogner war seines Wissens nie in Leipzig gewesen.

Dann mußte Georg es wissen, und, von seiner Mutter lächelnd angeblickt, merkte er sich schon den Mund öffnen und erklären, es wäre eigentlich kein Bild, sondern mehr eine große Illustration.

»Was für einen klugen Sohn ich doch habe«, sagte seine Mutter und hob die Tafel auf. -- --

Zu Georg sagte sie dann, als er zum Handkuß zu ihr kam, er dürfe jetzt einmal eine Weile verschwinden, sie habe mit seinem Papa ein paar Worte zu reden, und er merkte an ihrem Lächeln tief gerührt, daß es sich um seinen Geburtstag handle, -- auch daran dachte sie. Anna, die plötzlich neben ihm stand, meinte leichthin, sie könnten vielleicht noch ein Stückchen gegen den Deich gehn, zu Lornsens Mühle, und sehn, wie der Mond aufginge.

»Schieß Mäuse! Georg!« rief sein Vater, »bleibt aber nicht zu lange, sonst trinken wir die Bowle allein!«

Georg nickte und lachte, sich erinnernd, daß von einer »Pelikanbowle« die Rede gewesen war, und hörte im Enteilen noch seine Mutter ihm nachrufen, er solle Stiefel anziehn, da es gewiß noch naß in den Wiesen sei.

Über Treppen und Flure gestürmt, schöpfte Georg Atem auf einem Stuhl im Ankleidezimmer. Jetzt kam es, jetzt, jetzt! Alles stand in ihm still, Leere war, furchtbare Beklommenheit, die selig machte. Aufspringend, wühlte er sich in den Kleiderschrank und fand einen pfefferundsalzfarbenen Rock mit Taschen, Klappen, Riegeln und Hornknöpfen, den er anzog, während er mit dem Fuß die Türen zum Stiefelschrank öffnete. Eine Minute später stand er völlig besinnungslos auf dem Flur und suchte in allen Abgründen seines Gedächtnisses, was er vergessen hatte. Endlich fiel ihm das Teschin ein, er lief die Treppe hinab und durchs Billardzimmer in die Gewehrkammer, wo er sich dreimal im Kreise drehte, ahnungslos, was er hier wollte, das kleine Jagdgewehr in der Ecke stehn sah, einen Schrank aufriß, eine Handvoll Schrotpatronen heraus, und sie in die Tasche stopfte. Den Flur ging er langsam hinunter, jetzt in großer Furcht. Er merkte, daß er, das Gewehr in der Linken, eine Patrone in der Rechten, beständig beide miteinander verglich, ohne ihren Zusammenhang zu erraten, doch ging er ihm nun auf, er schob die Patrone in den Lauf, sicherte und hörte sich halblaut und zitternd murmeln, was er innerlich schon die ganze Zeit gemurmelt hatte: »Warum gabst du uns die tiefen Blicke ...«

Achtes Kapitel

Sonnenuntergang

In der Haustür am Ende des Flügels blieb Georg stehn; er mußte Atem schöpfen. Sieh, es dämmerte schon ... Still zog von rechts, vom Rasen her, der Sandweg vorüber, nach links zu den leeren Wiesen mit wenigen Baumgruppen hin. Gegenüber lag das Wäldchen stille und dämmrig; im Innern dunkelte es und wurde schon farblos. Hoch oben grünten noch die Wipfel, umrieselt, selbst verrieselnd, vom Licht. Georg ging nun vorsichtig um die Büsche und den Rasenstreif am Haus nach rechts, sah Annas lichtes Kleid drüben in der Dämmerung der Gebüsche, und von der Terrasse her den Maler über den Rasen kommen. Also tat Georg, als habe er es überaus eilig und fragte den Maler, vor ihm vorüberlaufend, zu seinem eignen Entsetzen, ob er auch mitwolle; er hörte ihn etwas von Kühen und »im Dunkeln ansehn« murmeln, rief ihm albernerweise zu, er möchte die Kühe von ihm grüßen, und lief weiter, doch hatte ihn durch diesen seinen Zuruf eine bodenlose Lustigkeit und ein teufelsmäßiger Mut überfallen, die ganze Welt zu umarmen, -- was verschlug darin ein kleines Mädchen wie Anna! -- Die sagte, als er herankam: »Da kommt der Mäusemörder!« und war scheinbar ebenso fidel wie er.

Während sie nun Seite an Seite die Allee hinabschlenderten, zerbrach Georg sich den Kopf, wie er es anstellen könne, sie -- so ganz unauffällig, aus irgendeinem triftigen Grunde -- beim Arm oder unterzufassen. Er mußte so tun, als ob irgendein Einfall ihn dergestalt erregte, daß er ihn herausschleudern und sie dabei zu fassen kriegen mußte, wie man so tut im Eifer des Gefechts, aber aus dem Nachdenken geriet er nur an die Frage, wie wunderlich das sei, daß er heute und jetzt einen Grund brauche, sie anzurühren, während früher ... Da riß er sich zusammen, wollte eben hervorstoßen -- und ihren linken Ellbogen, der schon fast seine Brust berührte, so dicht ging er hinter ihr, erfassen --: Weißt du eigentlich, Anna, daß ich Herzog werden kann? Allein, im letzten Augenblick noch besann er sich und dachte, er behalte es besser für sich, bis sie ihm ganz gehöre, -- und außerdem -- dies alles schien ihm im Augenblick so unglaubhaft, so entlegen und auch so nebensächlich, daß er schwieg.

»Warum hast du denn eigentlich diesem Maler eine Rose geschenkt, he?« fragte er plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen. Welch verfängliche Frage!

Sie blieb stehn und sah ihn an. Den Ausdruck ihres Gesichts verstand er nicht. Er schien so, als sei er nicht fertig geworden, Ansatz nur zu allem möglichen, liebevoller Vorwurf vielleicht, oder auch Spott ... Sie schwieg aber, warf die Schultern ein wenig und ging weiter, ja -- und nun war der Frost und die Angst, -- alles war wieder da.

»Hast du ihn denn nicht auch gern?« hörte er sie jetzt fragen und erschrak süß über die Verschleiertheit ihrer Stimme, über die Abbitte darin und die Demut, -- was alles ihn anduftete aus ihrem unsichtbaren Gesicht, das sie abgewandt hatte von ihm, ohne es dabei aus seiner graden Richtung nach vorn zu bewegen ...

»Gern?« fragte er mit rauher Stimme. »Ach Anna --«

Jetzt, da wars! Er packte ihren Ellenbogen, den sie augenblicks krümmte, um die Hand an den Halsausschnitt zu legen, so daß sie im selben Nu untergefaßt gingen, während er eifrig und erregt redete:

»Weißt du, Anna, was ich an Bogner gelernt habe? Sag, hast du ihn wohl lächeln gesehn? Ja, aber hast du auch gesehn, daß er zwei Lächeln hat?« Sie schüttelte sacht den Kopf. »Eins mit dem Munde und eins mit den Augen, und das eine ist für die Leute, das andre für -- also für seine eigene Seele, wenn sie lächeln muß, aber wie schön das ist, das hast du doch gesehn?« Sie nickte.

Da waren sie am Gatter und blieben stehn. Vor ihnen lagen die ansteigenden Wiesen dunkel, ergraut, im Zwielicht, hinter dem der durchsichtige goldene Westhimmel stand, höher in brennendes Weiß und Gelb und langsam über Weiß und himmlisches Grün in lichtes Blau überschmelzend, und Georg sahs und trank den Geruch der feuchten Wiesen und Blumen, während er weiterhastete mit Worten, Leib und Seele durchströmt vom Gefühl ihres Beieinanderstehns in der Einsamkeit und Enge des Wiesenlandes, in dessen breites Fenster diese sanfte Unsterblichkeit verglühender Farben hingelagert war.

»Nun höre«, sagte er. »Ja Jensens -- Johannes Vau, nicht Wilhelm! -- also in Jensens Gletscher kommt das vor, wie der Mensch, der Urmensch zum ersten Mal lächelt. Er jagt eine Frau -- sie sind noch ganz wild, weißt du, und fressen sich -- und wie er sie niederwirft und schon den Mund aufreißt, sie zu beißen, da läßt er den Mund offen stehn, weil er auf einmal sieht, daß sie ein Weib ist und so schön, -- und das, sagt Jensen, war das erste Lächeln, das dann beibehalten wurde: er zeigt die Zähne, zum Zeichen, daß er nicht beißt, nicht beißt, verstehst du, ungefähr so, wie man sagt: Hunde, die bellen, beißen nicht ...«

Da ging ihm der Atem aus. Hätte er nicht den Mund geschlossen, würden die Zähne aufeinander geschlagen sein, und auch von dem, was er noch sagen wollte, war keine Spur mehr zugegen, nur eine eisige Leere im Gehirn, während er merkte, daß sie sich von ihm losmachte, an das Gatter trat und die Arme darauf legte. Er wußte nichts, als ebenso zu tun, und konnte nach einer Weile fortfahren.

»Und siehst du nun, dies erste Lächeln, dies mit den Zähnen, das ist -- sagen wir Zivilisation, der erste Anfang des Menschen. Das Lächeln in den Augen aber, das ja nicht er allein hat, sondern wir alle, -- wir sind ja nur gewohnt, auch gleichzeitig mit dem Munde zu lächeln, ja --« er trat näher zu ihr, -- wie duftete auf einmal ihr Haar! -- »ja, denke einmal nach, versuche einmal, wirklich zu lächeln, etwas Schönes zu denken und zu lächeln, dann tust du nicht wie auf der Straße, wenn jemand grüßt, der dich nichts angeht, daß du die Zähne zeigst, sondern es fängt in den Augen an, und sie ziehn sich zusammen, tus mal, tus doch mal ...«

Sie wandte langsam den Kopf herum, sah ihn an und lächelte. Ihre Lider zitterten, nun hoben sich bebend die Mundwinkel, schon wollte er sich darüber herstürzen, als sie plötzlich in helles Lachen ausbrach.

»Ja, du kannst bloß lachen!« sagte er trotzig, warf die Flinte am Riemen von der Schulter und hängte sie mit Nachdruck über den Pfosten, indem er sich von Anna abwandte. Und so blieb er stehn.

»Bist du böse?« hörte er sie nach einer Weile leise bitten. Erbarmungswürdiges Mitleid schnürte ihm die Kehle zu, aber er schwieg. Das Herz klopfte ihm im Halse. Was sie jetzt sagte, darauf kams an! -- noch konnte er nicht, noch konnte er ...

»Soll sie da hängenbleiben?« hörte er sie nach einer endlosen Minute mit gewöhnlicher Stimme fragen.

»Ja!« sagte er.

»Ist sie geladen?«

»Ja!«

»Wenn sie nun wer findet, und sie geht los? Nein, nimm sie mal gefälligst mit!« befahl sie und schrie im selben Augenblick leicht auf: »Hu, da kommt schon was!«

Georg fuhr herum. Aus dem Buschwerk, links vom Wege kroch raschelnd ein schwarzes Untier hervor, eine schwarze Kröte, groß wie ein Hund, und schleppte sich mühselig, von einem Fuß sich auf den andern werfend, dahin, -- Artaxerxes, der schwarze Schwan; der eine Flügel schleifte am Boden nach.

»Ach Gott, ach Gott, das arme Tier!« jammerte Anna und näherte sich ihm, aber er reckte sich sofort auf, blähte sich, schlug mit dem gesunden Flügel, sperrte den blutroten Schnabel auf und fauchte.

»Früher fraß er mir aus der Hand,« klagte sie, »wenn die Leute krank werden, werden sie bösartig, Tante Irmintrut war auch so. Meinst du, daß er am Leben bleiben kann? Er wird sich doch erholen, und Futter bekommt er ja von uns. Versprich mir, Georg, daß er leben bleibt!«

Georg tat es gern, dem unseligen Tier nachblickend, das inzwischen weitergewatschelt war, hin und wieder zornig nach dem herunterhängenden Flügel hackend, wobei er dann vornüberfiel, bis er die Allee überquert hatte und ins Dickicht eintauchte und rauschend verschwand.

»Komm, laß uns gehn«, flüsterte Magda. Er nahm schweigsam seine Flinte wieder, öffnete das Gatter, und sie gingen wortlos durch das hohe Gras bis ans nächste Knicktor, einem aufrechten Brett über drei Stufen. Georg half ihr die schmale Treppe empor; oben blieb sie stehn, noch auf seine Hand gestützt, und rief: »O, ich kann die Sonne noch sehn! Gleich verschwindet sie im Dunst! Ach, welch herrliche Farben!«

Georg, emporblickend, sah ihren Kopf, der allein in das Licht ragte, hell gerötet Antlitz und Haar unter einer feinen Aureole goldener Härchen.

»Ach, Georg!« seufzte sie nach einer Weile aus tiefstem Herzen, »es ist himmlisch!«

»Was denn, mein Kind?« fragte er väterlich aus seiner Schattentiefe nach oben.

»Ach -- alles!« sagte sie überzeugt, ließ seine Hand los und legte die freigewordene ihre auf seine Schulter, um drüben hinabzuspringen. Er folgte, ergriff einfach ihre Hand, und so schlenderten sie weiter, die Hände ab und zu im Gehen schwingend, wortlos; nur als sie die letzte Deichschrägung hinaufkletterten, meinte Georg, es würde Flecke geben.

Nun waren sie oben. Violetter Rauch lagerte über der See, die sie anatmete mit ihrer ganzen, riesigen Weite, darüber rötliches Gewölk, dann lange, feuergoldene und scharlachne Streifen, dazwischen ganz ferne, grüne, wie ewige Wiesen. Spiegelblank war die See, eine durchsichtige Glasplatte über einem milchigen, bläulichen Etwas, -- doch nein, es war nicht die See, die war weit draußen, der rosige Streifen, das war die kleine Brandung, die rauschte, -- und dies war nur der nasse Ebbeschlamm, der graue Schlick, der glitzerte, an vielen Stellen mit Lachen Wassers bedeckt.

Die unendliche Farbigkeit und die Stille verstärkten Georgs Beklommenheit. Leise sagte er: »Anna!« hörte ein schwaches: »Ja ...« und sah, daß sie das Gesicht ein wenig zu ihm wandte, ohne ihn anzusehn.

»Du hast so schöne Gedanken,« sagte sie auf einmal vor sich hin. -- Sie meinte wohl das, was er von Bogner ...

Sie machte ihre Hand aus der seinen los. Die Sonne war verschwunden, überm Horizont ergrauten die Farben, aber seliger noch und tiefer und stiller schwelgten die andern ihre purpurne und lichtgelbe und silbergrüne Seele aus in die himmlische Leere. Es wehte stärker aus Nordwesten.

Und nun standen sie am Rande der Welt. Nur Farben, die sich wandelten, sich auslebten in Stille. Sie waren die einzigen Menschen, und dies war für sie eine ewige Aussicht in die andere Welt, die sich dort erging in Wesen der Farbe, die lächelnd ewige Spiele übten, nur leise lächelnd, weil sie wußten, es sahen zwei ihnen zu.

Georg empfand noch dies. Dann fragte er, süß fühlend, wie das Reuegefühl sein Herz umkrampfte:

»Bist du mir noch böse?«

»Böse?« fragte sie sinnlos und hob die Achseln. Auch ihre Stimme war halb erstickt. Und, o Gott, diese Bewegung der Schultern! Es übermannte ihn, -- und wie sie atmete, so tief, so schwer, so unregelmäßig! Ach, noch nicht, noch nicht, noch diese Ewigkeit des Herankommens, des Zögerns, des Ahnens! Ihr Haar zu sehn, ihren Mund, in dem es zuckte, ihre Augen so von der Seite, den Blick darin, ihre Nase, ihre Wangen, in denen das Licht erlosch! -- Da erfaßte er leise wieder ihre Hand, sie ließ sie ihm, sie drückte sogar seine Finger, und er hätte die Besinnung verloren, wenn er nicht hätte bemerken müssen, daß er dachte: Jetzt! -- wie Bogner beim Eisenbahnunglück, aber die Sekunden verrannen, verrannen, und nichts geschah, bis endlich sein Kopf vornübersank und die Lippen auf ihrer Schulter ein Ende fanden.

Warm, -- wie warm war das! Nun? -- nichts! Ach, nur so liegen, so müde, so zum Einschlafen müde ... Bewegte sichs? Das Warme, Feste unter seinen Lippen bewegte sich leise -- für einen Nu durchzuckte ihn die Seligkeit, daß er sie küßte, und daß sie es geschehen ließ, daß sie sich küssen ließ von ihm! -- die geschlossenen Lider zitterten ihm, er fühlte ihre Schulter steigen, fühlte jetzt auch an seiner rechten Schläfe eine Berührung, ein leises Kitzeln, einen Hauch, ihr Haar ... und nun drückte es sich zusammen, nun fühlte er ihre Schläfe, sie ruhte auf der seinen, ach, ach! Sie hatte den Kopf auf seinen herabsinken lassen! Da nahm er ihre linke Hand, die er mit der rechten hielt, in die Linke, suchte ihre rechte Hand hinter ihrem Rücken, fand sie, legte sie langsam auf ihre Hüfte, vorsichtig und voll rasender Angst, hob endlich ihren Kopf mit dem seinen behutsam empor und ließ ihn an seiner Wange vorüber auf seine Schulter sinken ...

Ach! -- -- da war es nun! Ihr Gesicht, da lag es an seiner Schulter, ganz nah dem seinen, ihm zugewandt, mit geschlossenen Augen und nichts, nichts auf der Welt, das solchen Duft ausströmte, solch einen Odem von Süße aus seiner Kühle, die sich betrachten ließ, -- die süßesten aller Wimpern, die herabgesenkten Lider, alles, so nah, so nah!

Und furchtbar zusammenzuckend preßte er sie mit aller Kraft an sich und fühlte ihren Mund mit den Lippen, fest und ganz kalt, einen fremden Mund, den er küßte, so daß sein lange schon steigendes Geschlecht sich bäumte, während die fremden Lippen warm wurden und weich und schmelzend und sich lösten und wieder kamen und in die seinen vergingen und er darin versank und nichts mehr dachte.

Mondaufgang