Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 12

Chapter 123,796 wordsPublic domain

»Nun fragte sie nach ihrem Bilde. Als ich sagte, es sei unterlegt, verlangte sie, daß ich es fertig machte. Sie wollte vor ihrem Tode noch wissen, sagte sie, daß doch ein Hauch von ihr hier oben bliebe, wo es hell und warm sei. -- Ihr Schlafzimmer war groß und licht, das Bild wurde hereingeschafft, ich fing auch gleich an ...

»Aber vorwärts kam ich nicht. Das Fenster war offen, ich hörte die Bienen und Käfer unter den Kronen der Bäume summen und konnte nichts sehn, bis ich fühlte, wie die Zeit fortrann. Vom Bett her hörte ich sie mehrmals etwas sagen, -- ich sollte doch rauchen, sonst würde es wohl nie etwas werden. So ward es denn alltäglicher.

»Sie starb, aber daran durfte nicht gedacht werden. Nicht gedacht, das ist es. Aber das Sterben war im Zimmer, es war in meinen Augen und meiner Hand, und es ist auf die Leinwand gekommen, und -- und so sieht es nun aus. -- --

»Die Nacht wurde schlimm, nun -- alles das braucht nicht gesagt zu werden. Ich begann zu malen am andern Morgen, als sie noch schlief, malte bis zum Nachmittag, und dann wurde ich lahm. Nur ihr Gesicht fehlte. Ich konnte es nicht mehr finden. Das war schlimm.

»Sie selbst war schon sehr verändert, ihr Gesicht sah kindlicher aus und ganz klein, die Augen wollten sich nicht mehr öffnen. Nebenan hörte ich ihren Vater über den Teppichen auf und ab laufen. Wenn ich ihr Gesicht in der Dämmrung hinter den Bambusrohren und fliegenden Reihern ihres japanischen Wandschirms betrachtete, konnte ich sehn, wie das Leben gleich dünnen Schalen davon weggenommen wurde. Als sollte überhaupt nichts übrigbleiben. Einmal faßte ich mir ein Herz und redete sie an, in der Hoffnung, sie möchte noch einmal die Augen öffnen, aber sie konnte nicht. Die Zeit verging, und dann half es ja nichts, ich ging zur Staffelei und öffnete ihre Augen.

»Das wurde es, was Sie da sehn. Sie ist es nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist das, was ich gemacht habe.

»Gegen Abend wars fertig. Ich trug es in die Nähe ihres Bettes, sie erwachte, sagte, es sei so bunt, -- und schlief noch einmal für eine Stunde ein.

»Später sprach sie noch mit uns, aber -- -- nun, das reichte für viele Jahre. Sie schwieg, wir warteten noch auf ein letztes Wort, aber es kam nur das langsame Kaltwerden.«

Der Maler war still. Es war dunkler geworden, und Georg sah, daß die Sonne hinter einem riesigen Gemäuer von weiß und grauem Gewölke stand, gerade in der Öffnung der Allee durch das Wäldchen. Magda hatte sich mit ihrem Stuhl wieder herumgedreht und sah zu dem Bilde auf. Bogner erhob sich, kam langsam durch den Saal bis zu Georgs Fenster und klopfte seine Pfeife aus auf dem äußeren Sims. Eine Weile später sagte er, hinausschauend:

»Sie war so dunkel und traurig innen. Aber das Bild, das von ihr gemalt wurde, ist Sonne, Wärme und kein Schatten als der eines Falters, der vorüberfliegt. Ich habe es nicht gemalt; durch mich wurde es gemalt. Sie war der Gottheit lieb. Ihr Sterbliches liegt auf irgendeinem Friedhof bei irgendeiner wilden Stadt. Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit in der Welt, -- sie hat keinen Namen. Sie war in ihr und in dem, der dies gemacht hat. Das genügt.«

Georg hatte vor verdunkelten Augen undeutlich die Schrift auf dem Bilderrahmen, und es zog ihm, seltsam einschnürend, durch die Brust: Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf ... Vorgebeugt sah er von weitem einen Schein des Gemalten. Es leuchtete selbsteigen und zeigte geheimnisvoll sein unsterbliches Eigentum, den Schmelz von Dauer und Vergängnis auf einem Gesicht, das die goldene Luft berührt.

Augenblicke später merkte er, daß ein überstarker Seufzer seine Brust anfüllte, er mußte sich zurücklehnen und ihn langsam und vorsichtig entlassen, damit er nicht hörbar würde.

Im gleichen Augenblick gewahrte er, daß der Maler neben ihm sich zusammenraffte, einen Schritt zurücktrat und sich tief verbeugte. Georg wandte sich. Seine Mutter stand in der Tür.

Die Herzogin

Für Georg ging von der Erscheinung seiner Mutter ein Licht aus -- Schreck und Staunen --, das er im ersten Augenblick kaum begriff. Sie stand da, voll in einem tiefen Sonnenglanz, gekleidet in ein gelbliches Gewölk, das an ihr rieselte, schlank, unverhofft groß, jedoch zierlich, und über dem sehr schlanken, freien Halse schwebte das schmale und zarte, hagre Gesicht mit gebogener Nase, zu deren Seiten, unter starken, schmerzlichen Brauen, die unbeschreiblich klugen und dunklen, braunen Augen leuchteten, -- und aus dem dunkelbraunen Haupt kurzgeschnittener Locken fiel hinter der linken Ohrmuschel hervor die eine, kostbar lang und schwer gewundene bis hinunter am Hals in den Ausschnitt des Kleides. Ja, so stand sie, schwebend; Georg erinnerte sich nicht, sie je so gesehen zu haben, -- freilich -- wie oft hatte er sie gesehn in den letzten Jahren? keine sechsmal, und das letzte war Monate her. -- Überdem streckte sie nun lächelnd den rechten Arm nach Bogner hin aus, und während der sich zum Kuß auf diese plötzlich erschienene kleine Anmutslinie, diese Welle von Fingern, Fingergliedern und Knöcheln, Handrücken, Handgelenk und Arm beugte, eilte Magda von der Seite heran, um an ihrer linken Hand zusammenzusinken, die vom leicht und schräg emporgestützten Unterarm so leicht herabwehte wie ein Blatt, worauf sie das Mädchen an sich zog, mütterlich mit dem Arm umschloß und küßte.

»Wie schön, Herr Bogner, daß ich Sie gleich zuerst treffe!« sagte sie, »nicht wahr, Sie sind der Maler?« Und, wieder zu Magda gewandt: »Nun, mein Kleines, was giebt es denn Gutes?«

»Ach, Tante Helene, etwas Herrliches! Ich bin geflogen, denke dir, mit einem Flugapparat, den Onkel Woldemar erfunden hat, er ist hier, ja, du kannst ihn sehn, wenn du magst, er steht gleich hinterm Wäldchen auf der Wiese!«

»Aber natürlich, den muß ich sehn. Stiefeln wir los!« sagte sie munter, »ist noch Zeit vor dem Abendessen?«

Georg blickte auf die Uhr, fand, daß es halb acht war, und sagte, es sei noch eine halbe Stunde. Seine Mutter nahm Magdas Arm und wandte sich zum Gehn, indem sie, den Maler mit einem zweiten, womöglich noch köstlicheren Lächeln beschenkend, zu ihm sagte, sie liebe sein Bild sehr, weil auf ihm das Allervergänglichste zu so viel Stille und Ruhe geworden sei; immer sei es wie der tröstliche Wink eines holden Geistes, sooft sie daran vorübergehe.

»Und nun,« sagte sie, über die Schulter den Kopf zu dem Bilde hinwendend und wieder zurück, »nun müssen Sie mir gleich etwas erklären. Wie ist das mit der Kontur? Darüber wird doch heut so viel gestritten, und die einen sagen, es gebe gar keine ...«

So ist sie nun ... dachte Georg. Einmal alle hundert Jahr kommt sie zum Vorschein und weiß alles --, aber was sagte denn dieser Maler da, dieser unglaubliche Mensch?

»Hoheit,« sagte der Maler, »wenn ich bei meiner Malerei je einen Grundsatz befolgt habe, so weiß ich von diesem Augenblick an, daß er recht war ...«

»Ach,« meinte sie lächelnd, »von diesem Augenblick? das ist reizend! Und nun den Grundsatz!«

»Alles, was lebt, Hoheit, leuchtet -- wie es beleuchtet von außen wird -- von innen, und wo das äußere Licht mit dem inneren sich mischt, da ist die Kontur. Sie ist sehr flüchtig, sie ist der Augenblick, in dem Gegenwart aus Vergangenheit und Zukunft besteht, die Ruhe auf der Flucht. Bin ich zu verstehn, Hoheit? Die Linie, wo das äußere Licht Seele wird und die innere Seele zu Licht, das ist die Kontur.«

Sie sah ihn ernsthaft an. »-- wo das äußere Licht Seele wird?« antwortete sie. »Aber wie wird es Seele?«

»Ja,« sagte er nicht minder ernst, »und wie wird die innere Seele zu Licht?«

»Das war eine schöne Antwort«, nickte sie, im langsamen Vorwärtsgehn mittlerweil an der Saaltüre angelangt, die der Maler öffnete. Georg wollte folgen, als ihn plötzlich ein Zufallsblick auf Bogners Gemälde zurückhielt. Er ging rasch darauf zu, trat darunter und spähte angestrengt zu ihm empor.

Nein, sagte er bei sich selber, sie sieht doch nicht wie Mama aus, wie kam ich nur darauf?

Ihm war auf einmal sonderbar ängstlich zumut. Er suchte, weshalb das so war; vor seinen wieder gesenkten Augen flimmerten die auf dem Tapet liegenden Noten, er setzte sich auf den Drehstuhl, drückte gefühlsverloren eine Taste nieder, und minutenlang verging ihm alles in Leere.

Ja, nun weiß ich schon, sagte er aufschreckend und aufatmend. Hoheit, sagte er, und sie war nur ein Freifräulein aus Schleswig, und wie hatte er doch recht! Einen Tropfen königlichen Abenzerragenbluts soll sie freilich haben, ja einen Hauch womöglich von Boabdil el Chico her, aber --, den Zusammenhang einen Augenblick über phantastischen Vorstellungen versunkener, alhambrischer Herrlichkeiten verlierend, glühte er wieder auf. So sieht sie aus, so tritt sie hervor aus ihrem Dunkel, und dies Dunkel ist ihr Leben, da muß sie begraben sein, und es ist kaum einer, der es weiß und danach fragt. Ein Tier kann sich klaglos verkriechen und untergehn, aber mit ihr -- -- es ist doch --, ja, sollte man nicht meinen, daß mit dem Augenblick ihres Untergangs ein ganzer Hofstaat mit Damen und Rittern und Trabanten und Sklaven versinken sollte? Aber wie komm ich darauf? Ach! Boabdil el Chico, er zog ja wohl mit dem Untergang seines Reiches in den Berg ein, wo sie alle mit ihm schlafen, um in Mondnächten einmal zu geisterhaftem Leben zu erwachen ...

Wieder emporsehend aus seiner Beklemmung, gewahrte er noch immer und unwandelbar die leuchtende Fremde über sich sitzen.

Ja und du, sprach er vor sich hin, dich hatten wir gleich wieder vergessen, und ich weiß nicht einmal: ist das, was er von dir erzählte, wirklich gewesen oder nur erfunden, als könnte ich es in einem Buch gelesen haben? Nein, nein, es ist nur so mit dir: sprechen kann man nicht mehr von dir, kein noch so gutes Wort macht dich lebendig, alles, was von dir übrigblieb und lebt, das bist du dort oben. Wäre das dein Leben gewesen, was er erzählte? Begriffe warens doch, Auszüge, erklärende Exzerpte aus dem Lebensbuch, nicht das Leben selbst. Nicht Feuer des Auges und Luft beim Gang und Eintreten ins Zimmer, nicht die schlaflosen Nächte selbst und das Ankleiden am Morgen, wenn alles fremd scheint, und man weiß nicht, wozu. Die Stimme nicht, nur ein paar Gedanken, eine Flaumfeder des Daseins, -- es war ja nur Bogners Stimme, war nur sein Ohr, sein Auge und Herz, die von alledem einen Abdruck genommen hatten und uns nun fühlen ließen mit schlecht empfindendem Finger. Was fehlte nicht alles an Wirklichkeit! All das unwichtig Scheinende grade, das doch das Allerwichtigste ist! -- daß -- ja was? Man vergißt es ja, so leicht ist es, aber daß, wenn sie sagte: Wir wollen zum Garten gehn, -- sie eben davon nichts sagte, oder etwas sagte, das gar nichts galt, denn da war die Gebärde, in der schon der Garten war, an der man schon erriet, was sie wollte, eine Wendung des Halses, zu der sie vielleicht sagte: Wie wärs ... Oder: es ist ganz klar geworden, wir können am Ende ... Ach, und so war ihr Hauch fern an ihm vorübergezogen, lebend und sterbend, aber ihr Leben und ihr Sterben, die hatten ihn nicht getroffen, die waren ja lange abgetan, sondern daß der Maler sagte: Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit ... Nein, nicht einmal das, sondern: Das genügt ... Oder -- auch dies nicht, sondern wie er es sagte, wie er die Pfeife ausklopfte und dann dastand und aus dem Fenster sah, und wie zu fühlen war, daß wieder in ihm lebte, was er einst getan und litt, und wie er das nun am Ende alles, alles zusammengriff und knotete in diese zwei Worte: Das genügt ... Und dann? Ja dann stand Mama in der Tür ... Lieber Gott, wie furchtbar, wie seltsam ist nur das Leben ...

Plötzlich fiel Georg ein, daß er sich ja zum Essen anzukleiden hatte, er schrak zusammen und lief hinaus.

Wie er aber den Flur hinunter am Treppenhaus vorübereilte, gewahrte er plötzlich unterhalb, in der ersten Biegung des Geländers Maler Bogner, der sein Skizzenbuch darauf gelegt hatte und darin zeichnete. Georg trat einen Schritt näher und blieb stehn, gleich darauf hob der Maler unten den Kopf, sagte: »Sie sinds«, machte wieder einen Strich und rief auf einmal, erwacht und emporsehend: »Achtunddreißig Jahre, nicht wahr, Durchlaucht?«

»Wie?« fragte Georg unverstehend.

Der Maler richtete sich auf, schlug sich mit der Hand auf die Stirn und sagte: »Welch abscheuliche Taktlosigkeit! Ich fragte nach dem Alter der Herzogin.«

Georg lachte. »Ja, das kann stimmen, sie ist drei oder vier Jahre jünger als Papa, und der ist im Februar --«

»Ich wußte es ja«, sagte Bogner, der ganz heiß und rot aussah, wie Georg jetzt entdeckte. »Eine Frau von achtunddreißig Jahren, wenn sie schön ist, ist der Inbegriff.«

»Ist Mama denn schön?« fragte Georg, nicht weil er es nicht glaubte, sondern um es zu hören. Der Maler zog die Brauen hoch und lächelte.

»Dummheiten«, sagte er. »Schönheit ist das einzige, was es nie gegeben hat!«

»Nanu?« -- Ihre Stimmen hallten im Treppenhaus. »Was ist denn Schönheit, bitte?«

»Sie giebts ja nicht, sag ich doch. Oder -- -- ich will Ihnen sagen -- -- es steht im Faust. Wissen Sie die Stelle? Wie fängt es gleich an?

Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt ...

»Hören Sie wohl, junger Mensch? Eins in dem andern wirkt und lebt!

Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen! Mit segenduftenden Schwingen Harmonisch all das All durchklingen!

»Harmonisch, haben Sie es gehört? Vollendung in sich selbst, Ordnung, Harmonie, etwas andres hat es nie gegeben. Warum giebt es uns denn, Maler, Dichter und so weiter? Damit wir sie herstellen. Wir sehen sie, und wir stellen sie her, indem wir das eine weglassen und das andre betonen, jene Teile betonen, welche die Harmonie ergeben. Wir breiten das Kleid der Muttergottes und ordnen die Engel herum, wir ziehen aus einem Bündel Suppenkraut, einem Tontopf und einer gewürgten Ente drei Tupfen von erlauchtem Grün, und da fühlen Sie sich wohlgetan an Ihrer plötzlich sehenden Seele! Was aber schön ist, leuchtet aus ihm selbst! Haben Sie das nie gelesen? Unglaublich! Achtunddreißig Jahre alt und die Mutter dieses Knaben!«

Er lachte, aber merkwürdig verwirrt. Georg lachte mit, an seiner ganzen Seele geschmeichelt und getröstet, daß die Mama einen solchen Feuerbrand in diesen Maler geworfen, vielmehr Wasser aus dem Felsen geschlagen hatte, denn wie strahlte er auf einmal von Beredsamkeit. Jetzt, da er sich schon zum Tiefersteigen gewendet hatte, kam der Maler hingegen die zehn Stufen heraufgelaufen, blieb unter Georg stehn und sagte:

»Haben Sie das eigentlich gesehn? Die rechte Hand, mit dem Arm, wie ich sie bekam, und wie das floß! Und die linke erst, wie der Oberarm nach unten ging, und der Unterarm wieder nach oben, und dann die Hand und die Finger herabflatterten wie ein Weinblatt, und wie all das floß aus der Gestalt und wieder zurück, und dann die Locke, haben Sie vielleicht die Locke überhaupt gesehn? Ach, sieh an, waren Sie das nicht, der mich heut fragte, was eine Seele wäre? Haben Sie sie nun gesehn, diese Seele eines Armes und einer Hand? Herzogtümer!« rief er, »und ich werde es malen!«

»Wenn sie nicht so leidend wäre ...« sagte Georg traurig und leise.

»Ach,« meinte Bogner, der sich um das Leiden nicht zu kümmern schien, »es brauchten ja keine endlosen Sitzungen sein! Eine gute Photographie täte es auch, und wenn ich die Herzogin nur noch dreimal, nur noch einmal sehn könnte ...«

Georg nickte lebhaft. »Bitten jedenfalls müssen Sie darum! Es wird sie ja so freuen! Wir müssen uns hinter Papa stecken, wissen Sie! Er muß sich das Bild als Geschenk ausbitten, aber es wird höchste Zeit, wir sind beide noch nicht im Frack, entschuldigen Sie, und auf Wiedersehn!«

Aufgeregt und entzückt und beklommen entlief er.

Nach dem Waschen, nötiger Befriedigung sonstiger Bedürfnisse und dem Ankleiden, womit er, vom Diener unterstützt, in Minuten fertig wurde, fand Georg, daß seine Erregtheit einen hohen Grad von Kälte und seltsamer Starrheit angenommen hatte. Er mußte die Brust dehnen und tief atmen, allein es half nichts, die Pressung, die Atemnot blieb, die Hände, obwohl blank und trocken, schienen ihm feucht, seine Gedanken irrten, er dachte fortwährend, in solchen Bruchstücken jedoch, daß ihm selber nichts mehr bewußt wurde, doch dachte er an Anna. Die Uhr einsteckend, bemerkte er, daß noch ein paar Minuten an acht fehlten, und trat, um sich zu sammeln, noch einmal in sein Zimmer und am Schreibtisch vorüber vor das rechte Fenster, das er öffnete. Die Hände flogen ihm plötzlich dabei, sein ganzer Oberkörper zitterte nach, in heftigster Angst neigte er sich vor, um nach ihr zu sehn ...

Aus den vielen Schatten umher war unterweil alles Schatten und Abend geworden. Ringsum standen die Wipfel in schöner Glut, die sie von Westen durchbrach; das Geräusch des Meers war in der Ferne hörbar, die Luft war kaum bewegt und schon kühl. Auf der Terrasse war der Abendtisch gedeckt. An der Brüstung lehnte Onkel Salomon mit einer Zeitung und las. Egloffstein, alt, rasiert und gebückt, ging lautlos um die Tafel, rückte an den Stühlen und drückte eine gefaltete Serviette zusammen; plötzlich glänzte der Atlas seiner Kniehosen ganz rot auf der einen Seite. -- Sonst war niemand zu sehn.

Wie einsam bin ich auf einmal! dachte Georg. Ja -- bin ich es nicht immer, wir alle? Aber der Abend! Es ist so fremd und verworren alles, aber der Abend dringt so einfach und so sanft in das Blut. -- Wieder von innerem Frost geschüttelt, grub er sich heftiger ins Gedachte. -- Das Wirkliche, ja -- wie ist es immer so fern und wie verschollen, unbegreiflich wie die Toten und ihre Erinnerung, wie diese Judith, die gewiß allen glücklich schien, -- so wie Mama, wenn sie einmal erscheint, -- und die lebte, damit ihre scheidende Seele in die Farbe eines glückseligen Bildes schmelze, ach, eines Bildes, das tröstet und belebt, wie Mama doch sagte. So über alle Maßen stark ist das einfach Sichtbare und das Leuchtende, das Schöne! --

Georg sah die rote Sonnenscheibe plötzlich durch die alten Baumwipfel glühn. Gereinigt lag alles da, atmete sanften Eifers und ward dunkel.

Ach, da gehen die Beiden! -- Hinausgebeugt sah Georg weit zur Linken ein paar ganz goldene Stämme am Rande des Hains, ein Busch daneben stand in feurig roter Lohe, unbegreiflich stille brennend und unverzehrt. Wohl von der äußeren Allee her, die Georg nicht mehr sehen konnte, kamen die beiden Frauengestalten langsam Arm in Arm, auf den Busch zu und vorüber, die weißlichgelbe und die lichtgrüne, und jetzt, da sie vor die Lichtung der Mittelallee gekommen waren und stehenblieben, flammten sie, glutübergossen, rötlich und golden auf; dann bewegten sie sich wieder, erloschen und wanderten im Bogen um den riesigen grünen Platz unter dem Nordflügel einher, so daß Georg nun auch die Gesichter sehen konnte. Hoch darüber, in seliger Lautlosigkeit brannte ein feuerdurchronnener Wipfel. Der Himmel war nun weit aufgetan und nur Licht. Georg hörte die Tauben auf dem Dache unsichtbar, dort, wo es noch ganz hell war; unten der Schatten ... Geliebte und Mutter, beide wie fremd, wie schön, wie verzaubert! Da schien ihm der Garten unten ein magischer Garten, eine Gegend, wo Abgeschiedene sich ergehn, die mehr still als glücklich sind, obgleich von vieler Schwere befreit. Er, oben darüber, konnte nicht hinein, -- und wollte er vielleicht?

Ach, das war der Schein, das war der Abend! Nun war sie für eine Stunde von den gröbsten Qualen befreit, für eine Stunde ... Du lieber Gott, es gab ja viel Ärmere, immer noch Ärmere! solche, die unter Brückenbogen schliefen, und Zuchthäusler und Sibirien und entsetzliches Menschendasein, zu Dutzenden in einem Zimmer, mit allem Schmutz und allen Verrichtungen zusammengepfercht, und dies war der Grund der Welt, abgründig in immer tieferes Leiden hinunter, und er hier oben, nach Thronen und Kronen lüstern, wie rechtlos!

Da erinnerte er sich. Ja, habe ich das denn ganz vergessen? fragte er sich fast entsetzt. Warum vergaß ich denn das so? -- Überdem aber erschien ihm das Gesicht seines Vaters während der letzten Minute ihres Beisammenseins, erschien ihm Zug um Zug, wie eingebrannt in die Luft, und plötzlich mußte er denken: Aber wie sonderbar, daß er immer nur von mir sprach! Das bedachte ich ja gar nicht! Von meiner Großjährigkeit sprach er, und daß dann die Jahrhundertfrist abgelaufen sein würde, -- und übrigens, warum lächelte er fortwährend so geheimnisvoll? Und warum will er selber, er ist doch kein alter Mann, warum also will er selber nicht zur Regierung? Er hielt ja freilich vom Ganzen nicht viel, aber mich wollte er doch, scheints, dazu haben! Seine Lahmheit? Oder ist es der Kummer um Mama, die an nichts mehr teilnehmen kann? Ja, würde es anders sein, wenn er, wenn sie Beide gesund wären -- --?

Indem erschienen der große Chalybäus und Baschkirtseff vom Verwalterhause her und trafen mit den Frauen, die sich umgewandt hatten, zusammen. Der Mime verneigte sich vielmals. Er wird sie belustigen, dachte Georg, und sie wird ihn am Halfter haben wie ein Maultier. Jetzt wurde in der weit offenen Tür zum Vogelsaal der Herzog sichtbar, wankte, mit den Stöcken vorausfußend, eilig zum Tisch und setzte sich; Egloffstein trug die Stöcke ins Haus.

Georg, Anna mit einem Blick streifend, mußte plötzlich die Augen schließen. Es brandete rot, grüne Kreise erschienen, und während sie sich vor und zurück dehnten, zwang er Anna, zu erscheinen, sie kam, nein, sie lag an ihm, er spürte ihren ganzen Leib, Brust und Knie, ihr Kopf lag an seiner Schulter, von übermäßigem Durst erfüllt, beugte er sich darauf, es zerging ...

Der Leutnant, grün und rot in Jägeruniform, kam mit Bogner um die Ecke des Nordflügels, Magda ging ihnen entgegen, Georgs Mutter stieg eben die Terrasse hinauf; an Doktor Birnbaum, ihm zunickend, vorüber ging sie um den Tisch zu ihrem Mann und küßte seine Stirn, während er sich halb erhob. Nun haben sie Beide Mitleid miteinander, dachte Georg und konnte sich, verschwimmenden Auges, nicht losreißen vom Hinsehn. Ist das Leid, fragte er sich, vielleicht noch trauriger, wenn es so schön ist? -- Ach, du, du, du, herrschte er sich an, du siehst ja immer nur zu, und was zum Teufel liegt daran, wie etwas aussieht, oder was es bedeutet, da doch ganz blind ist, wer leidet, und nichts sieht als die Qual, tage- und jahrelang!

So entschloß er sich, aufzustehen, und ging hinaus.

Abendtisch

Also darum? Merkwürdig! dachte Georg, als er, anstatt durch das Haus zu gehn und vom Vogelsaal her die Terrasse zu betreten, um die Ecke des Flügels kommend, Magda allein zur Seite der Treppe bei den Rosenstöcken stehn sah, in der Absicht scheinbar, eine zu pflücken, derweil oben über der Brüstung eben die Andern sich um den Tisch niederließen, so daß von ihnen alles verschwand, während Georg näher ging, bis auf Köpfe und Schultern. Eiskalt, von Schaudern Zitterns innerlich mehr als äußerlich fortwährend überlaufen, klopfte ihm stärker das Herz bei dem Gedanken, daß sie und er jetzt von keinem gesehen wurden. Als er den Weg von der Seite her auf sie zuging, blickte sie um, errötete sonderbar und lächelte. Georg, nach einem Einfalle jagend für eine Verabredung nach dem Essen, fand nichts und sagte schließlich stockend, auch von einer plötzlichen und süßen Reue ergriffen: »Du mußt mir noch von deinem Fluge erzählen, ja?«