Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 11

Chapter 113,912 wordsPublic domain

Bogner erwiderte nichts, und so gingen sie stillschweigend über Flure und Billardzimmer hinüber.

Siebentes Kapitel

Erzählung

Magda wandte, als sie den Saal betraten, den Kopf nach ihnen, lächelte und spielte weiter. Bogner setzte sich auf den Klaviersessel vor dem mittleren der drei Flügel drüben. Alle Türen zur Herzogin standen offen wie stets; in den verhangenen Gemächern herrschte goldener Schatten mit etwas einfallendem Sonnenlicht am Boden hier und da und güldenen Streifen Sonnenstaubes. Georg nahm einen Stuhl und setzte sich neben das geöffnete Fenster, wo es hell war, während die jenseitige Hälfte des Saals mit den Klavieren in der Dämmerung der goldgelben Vorhänge blieb.

Magda spielte eine kleine halbe Stunde mit geringen Pausen zwischen den einzelnen, sehr einfachen alten Stücken. Endlich nahm sie die Hände von den Tasten, und eine Weile herrschte Stille. Fern wurde eine Tür geschlossen.

Georg, Annas Augen folgend, die zu dem Bilde über ihr emporblickten, fragte, in unbestimmte Gedanken verloren, zum Maler hinüber:

»Warum sind Sie eigentlich nicht musikalisch?«

Eine törichte Frage! -- Allein der Maler öffnete nach einer Weile den Mund und gab, ebenfalls zu seinem Bilde schauend, eine ganz richtige Antwort.

»Sie«, sagte er, »hat mich einmal genau so gefragt. Ich wußte es natürlich nicht, aber sie hat es mir dann selbst erklärt. Ich wäre zentripetal, sagte sie, und das wären alle Dichter. Die Musik und die Tondichter dagegen wären zentrifugal (Zentrifugalisch, verbesserte Georg im stillen.) Nämlich die andern Künste drängten den Menschen auf seinen Kern zusammen, die Musik dagegen löste auf. Sie fand es ja nun schön, daß ich unmusikalisch bin. Es wäre so reinlich, sagte sie. Dann klagte sie über sich selbst, daß sie von allen Künsten was verstehe, aber von keiner was Rechtes, und keine ausüben könne, abgesehn von ihrem bißchen Klavierspiel. Ihre Fertigkeit war ja nun glänzend, aber ihr Spiel ließ kalt. Die Leute sagten, es wäre sehr geistreich, aber sie hätte kein Gefühl. Sie hatte schon Gefühl, aber sie konnte es nicht anbringen, das wars.«

Bogner legte langsam ein Bein über das andre, faltete die Hände und stützte einen Ellbogen auf den Klavierdeckel, doch erwies sich der als zu hoch, da das alte Klavier bis vorn geschlossen war; er öffnete es, legte den Deckel leise zurück und nun den Ellbogen auf den vorderen Rand vor die vergilbten Tasten.

»Sah sie so aus wie auf diesem Bilde?« fragte Magda, die sich mit dem Drehsessel umgewandt hatte.

Nein, die Ähnlichkeit wäre sehr gering, entgegnete der Maler zerstreut.

Eine Minute verging mit Schweigen. Im Augenblick dann, wo Georg dachte, nun würde er wohl anfangen, etwas zu erzählen, begann Bogner.

»Judith Österreicher hieß sie und war das einzige Kind eines verwitweten Bankiers in Berlin. Sie war schmal und mager, ihre Hand empfindsam und beweglich, nicht schön, zu dünn. Ihr Kinn stand vor. Es und die Stirn und die flach aufliegende Nase bildeten eine schräge Fläche. Im Profil sah sie besonders jüdisch aus. Die Augen lagen tief und waren grau, die Haut gelblich, die Brauen schwarz und hart, das Haar orientalisch schön, schwarz, fest und reich. So sah sie aus. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, als ich sie kennen lernte. Ich war etwas über zwanzig.

»Ihren Charakter kennen Sie ein wenig aus dem Brief. Sie hatte alles mögliche studiert, Kunstgeschichte, Bibliothekswissenschaft, Literatur, auch Sozialistisches, und Musik. Immer hörte sie Vorträge und Vorlesungen. Ins Theater ging sie nicht, außer zur großen Oper. Sie haßte das Theater. Sie haßte stark, zu lieben hatte sie nie viel. Dann wurde sie weicher, später. Ihr Verstand war unmäßig scharf, sie sagte nie etwas Unlogisches, im Gespräch blieb sie bei der Stange wie ein Mann, ihr Geist wurde durch nichts Weibliches beeinträchtigt. Oder gemildert. Sie war unweiblich. Zum Beispiel las sie nie Aufsätze und dergleichen, was über etwas handelt. Sie haßte Briefsammlungen und Biographien. Das läsen die Menschen nur aus einem idealischen Klatschbedürfnis. Ein Künstler war für sie kein Mensch. Der Mann ist tot, sagte sie, ihm ist nicht mehr zu helfen. Sein Leben war natürlich schwer, alle sind schwer, und großes Wachstum will harte Arbeit. Aber die innern Kämpfe waren schwerer als die äußern, sagte sie, und die lerne ich aus den Werken besser kennen, wo Schönheit und Klarheit daraus geworden ist. So etwas klang aber sanfter, wenn sie es sagte. Sie hatte eine schöne, melodische und tiefe Stimme. Am liebsten waren ihr Radierungen, Stiche, Schwarzweißsachen und Holzschnitte, in die sie sich mit der Lupe stundenlang, unermüdlich vertiefte. Dann die Japaner, die festen, gesparten Linien und die genährten, unumstößlichen Farben. Über einen schwarzen Flecken, ein schwarzes Kleid mitten in einer Teehausszene von Hieroshige oder Utamaro geriet sie außer sich vor Wonnen. Dann war sie wohl wie ein Kind, ganz ausgelassen. Sie beherrschte alle Fachausdrücke, sah einer Radierung von Vogeler an, der wievielte Abzug es sei, und einem Buch, wer die Type gezeichnet hatte. Ihre Kleider machte eine Schneiderin, und sie saßen, das war alles. Mit sich selbst wußte sie nichts anzufangen. Ihr Gehaben war so weiblich, wie der Verstand männisch. Sie war launisch, oft mißgelaunt, überschwänglich bald und bald kalt. Vor allem aber wußte sie selber immer und jeden Augenblick, wie sie war und was sie war, also, was sie nicht war. Immer sah sie sich im Spiegel und gefiel sich durchaus nicht. Von sich selber beobachtet Tag und Nacht, alles verstehend, alles zersetzend, auflösend, immer unzufrieden mit sich selbst, weil alles in Fetzen ging, zu weiblich, um es sammeln zu können, immer das Fehlende, das Negative sehend, sich selbst verachtend und doch sich selber liebend -- das Leben ist ihr eine böse Qual gewesen.«

Bogner schwieg. Georg, ins Hören emsig verloren, die Augen auf den Wandstreifen zwischen den beiden Klavieren rechts geheftet, sah dort undeutlich die Gestalt der Fremden erscheinen; wie ihm schien, war es ein Samtkleid, was sie anhatte und das ihm sonderlicherweise deutlicher war als ihr Gesicht, denn da störten ihn die hellen Farben und die Undeutlichkeit der Züge auf dem Bilde. Die langsamen Worte des Malers, der eine Pause ließ hinter jedem seiner kurzen Sätze, banden ihn seltsam. Nun, da er schwieg, seinen Bleistift wieder aus der Westentasche holte und darauf niedersah, wie er ihn vorm Schoß in seiner Hülse hin und her schob, merkte Georg, daß er sprach, wie wenn er malte oder zeichnete: eine Linie zog -- und einen Bogen daran setzte, eine andre Linie an ganz andrer Stelle des Blattes, und ganz von unten herauf eine dritte, langsam hin und her gebogene, und plötzlich alle drei noch zusammenhanglosen und unkenntlichen zusammengriff mit einer vierten, und absonderlich war aus drei und vier Unverständlichkeiten eine Klarheit, ein Bild und ein Sinn geworden; ja, ein Gesicht -- auf einen Augenblitz erschien es Georg in seiner dunklen Abgeschlossenheit -- ein Leben, Blick und Gebärde, und Erinnerung schon, Gewordensein und Vergangenheit. Georg sah deutlich das Blatt, auf dem der Maler zeichnete; es lag auf seinem rechten Knie, er sah darauf nieder und sprach und zeichnete gleichzeitig, und das war nun merkwürdig, daß seine Worte und seine Zeichnung aneinander hinliefen, unverbunden ... Georg, da der Maler noch immer schwieg, hätte gern den Mund geöffnet und gesagt, wenn er es hätte sagen können, wie ihm soeben klar geworden sei, daß alles Gedachte, aller Sinn gar nicht in den Worten bestehe, in denen er gefaßt wurde, sondern ganz fern dahinter sich selbst gestalte -- denn diese Wahrnehmung schien ihm bedeutsam zu dem zu passen, was er vor Stunden mit dem Maler gesprochen hatte, weil das Bild, das der Maler im Innern hatte, und das, welches Georg sich selber herstellte aus des Malers Worten, gewiß einander ungemein fremd waren, lose zusammenhangend, o so lose nur in der Schilderung ...

In diesem Augenblick hob Bogner das Gesicht, sein Blick traf auf Georgs Gesicht von ferne, glitt wie von einer leeren Fläche davon ab und zu dem Gemälde überm Harmonium, wo er einen Augenblick anhielt, und der Maler sprach weiter.

»Nun muß ich sagen, wie ich sie kennenlernte. Irgendwie war ich von Paris nach Berlin verschlagen -- so -- mein Vater war Sanitätsrat und ist es wohl noch; ich mußte mit siebzehn Jahren das Haus verlassen. Ein Freund unterstützte mich eine Weile, nun -- das tut nichts zur Sache, jedenfalls -- -- es kam jener Winter in Berlin, wo ich Schnee geschippt habe. Ein gefallenes Pferd, dem wir aufhalfen, warf mich gegen einen Laternenpfahl. Mit Frühlingsanfang kam ich aus der Klinik und hatte nun nichts mehr. Nun ... Nun war ich sehr schwach, irgendwie vergingen noch ein paar Tage, an die ich mich nicht erinnern kann. Eines Tages bekam ich auf einer Bank im Tiergarten einen Schwächeanfall, und als ich erwachte, hatte ich zwei Taler in der Tasche. Der eine reichte eine Zeitlang für Essen, für den andern gab ich eine Anzeige auf, ganz dumm, eine Heiratsannonce. Junger Künstler, dicht am Verhungern. Wie man so ist. Ich bekam drei Briefe. Einer war Ulk, in einem war ein Hundertmarkschein, den dritten bringe ich wohl noch zusammen ... Ihre Annonce im Anzeiger ist so eigenartig, daß ich nicht weiß, ob ich mehr über sie staune oder über mich, die sie beantwortet. Sollte sie die Wahrheit enthalten, so scheint mir Eile das Notwendigste zu sein, das heißt, Ihnen muß geholfen werden. Ich bitte Sie deshalb, mir zu schreiben ... hier kam ein Postamt und eine Chiffre ... wo ich Sie kennenlernen kann. Drunten standen die Initialen Jot O und eine Nachschrift: Vielleicht eilt es wirklich, ich werde deshalb morgen vormittag um elf Uhr in der Nähe des Luisendenkmals im Tiergarten sein. Ich zweifle nicht, daß wir uns erkennen werden.

»Sie erkennen Judith Österreicher. Ich war ja nun ein Stockfisch, ich wollte mir nicht helfen lassen, ich wollte heiraten und das Vermögen der Frau mit Ruhm bezahlen, und nun hatte ich doch hundert Mark. Aber ich ging hin. Sie hatte ein braunes Samtkleid an, und ich erkannte sie gleich. Sie stand, auf ihren Sonnenschirm gestützt, vor einem Rhododendrongebüsch mit dicken Knospen. Welches Mädchen stellt sich wohl auf, wenn es bei einem Stelldichein wartet! Nun ging ich auf sie zu, nahm den Hut ab und sagte steif, ich wäre es, es wäre aber ein Irrtum, und ich wollte nun nicht mehr heiraten, wobei sie mich entgeistert anstarrte. Sie können sich ja vielleicht vorstellen, wie ich ausgesehn haben mag. Dann wurde sie aber wütend und sagte, ich sollte sofort still sein, sonst liefen die Leute zusammen, packte mich beim Schlafittchen, zog mich in eine Allee und fing an, dergestalt auf mich einzureden, daß ich weinte. Da tröstete sie mich.

»Ihr Vater war reich und sehr kunstliebend, ein kleiner, dicker, jüdischer Mann mit einer schönen hohen Stirn und schwermütigen Augen. Er besaß eine kleine Galerie mit damals unbeachteten Sachen von Leibl, Schuch und Hagemeister. Nun wurde mir ein Atelier eingerichtet, und sie erzog mich. Immer hatte ich übers Handwerk gegrübelt, über die neuen Wege, wie man tut, wenn man ganz jung ist. Nun bekam ich Bücher zu lesen, mußte meine Meinung von ihnen ausformen, womöglich schriftlich, wurde im allgemeinen wie ein Genesender und im besondern wie ein gutes Kind behandelt, das durch Krankheit geistig zurückgeblieben ist.

»Sie war nur gütig zu mir, hartnäckig im Verfolgen ihres Planes, aber milde und freundlich. Sie lehrte mich Erfahrungen erkennen und schrieb jeden Tag das große Warum auf die Tafel. Schwerfällig war ich sehr, ich konnte begreifen, aber nur langsam. Was ich dann hatte, hielt ich fest. Zum Beispiel Manieren, daraus machte ich mir gar nichts, aber sie bewies mir, daß jede einen kleinen feinen Sinn hatte, und das gefiel mir. Gemalt hab ich lange Zeit gar nicht. Also ich wurde gereinigt, gelüftet, leer geblasen und ordentlich >renoviert<. Judith durchschaute mich vollständig, und alles, was sie tat, war richtig. So bin ich wohl einigermaßen ein Mensch geworden.

»Nun ... Nun, das übrige ist gleichgültig.

»Nun der Schluß.

»Ich weiß nicht, wer von uns dem Andern damals mehr gewesen ist. Da ich weniger war, werde ich ihr wohl mehr gewesen sein. Dies ist so. Früher war sie ein Mädchen gewesen, ihr Vater war ihr alles, hatte sie unterrichtet, erzogen und gebildet, sie hatte nie einen andern Freund gehabt als ihn. Ihm zuliebe wahrte sie die alten Gebräuche und liebte sie. An den Freitag Abenden brannten die Kerzen, lag das weiße Brot unter der roten Samtdecke, das Glas Wein ging herum, und ich habe keinen Freitag erlebt, an dem sie nicht zu Hause gewesen wäre.

»Nun bekam sie mich, wie einen Sohn, gewiß. Sie war ein weiblicher Hieronymus. Das dacht ich oft, wenn ich in ihr Zimmer kam, abends, wenn sie bei der Stehlampe saß, umschlossen von den beschatteten Wänden hoher Bücherregale. Ihr Leben war ohne Schmerz und ohne Sorge verlaufen, nie hatte es fremde Willkür gelenkt, sondern väterliche Zartheit und die eigne klare Absicht. Sie liebte es wie ein hübsches Kunstwerk, und sie haßte es, weil es unfruchtbar sei. Eine Zeitlang täuschte ich sie darüber hinweg, ich meine, es tröstete sie, mir geben zu können. Dann wurde sie mißtrauisch und fing davon zu reden an, daß ich über kurz oder lang meiner Wege gehn werde. Das war richtig, daran war nichts zu ändern. Der Tag mußte kommen, wo sie mir alles gegeben hatte. Sie hatte ja nur Wissen für mich. Freilich auch Güte, wie Mütter, aber immer wollen die Söhne allein gehn und suchen sich ihre Wege.

»Nun, vorläufig lebten wir miteinander wie Pallas Athene und Odysseus, und wenn sie einmal schlechte Reden führte, versprach ich ihr, sie zu malen als jenes Mädchen, das der Dulder im Phäakenlande am Brunnen traf und das ihm den Weg zeigte. Es war ein schöner Abend in den Wiesen, und sie trug den vollen Krug auf der Achsel, gab ihm zu trinken und wies ihm den Weg in die Stadt und zu den Männern, die ihn heimbrachten. -- Ja, so wäre es, sagte sie, sie könnte mir den Weg nach Hause zeigen, aber sie käme nicht hinein.

»Ach, Kinder, sie war gut, sie war gut. Sie war bescheiden, sie lehrte mich und ließ es mich nicht merken, sie wußte es immer so darzustellen, als ob sie beschenkt würde, als ob sie alles erst durch mich recht von Grunde kennenlernte. Ich erinnere mich an schöne Abende bei der Lampe. Schon als Junge hatte ich Silhouettenschneiden geliebt, und sie stellte mir Aufgaben. Sie trennte beliebige Stücke, große und kleine, aus dem schwarzen Bogen, dachte sich etwas aus, und dann mußte ich es herausschneiden, damit ich lernte den Raum ausnutzen wie ein Japaner.

»Nun das Malen ...«

Bogner war still. Er schien nachzudenken; auf einmal holte er, vor sich hinblickend, seine Pfeife aus der Tasche, dazu einen Beutel aus rotem Gummi, stopfte sie langsam, tat den Beutel fort, nahm Streichhölzer und rauchte. Schließlich fing er an:

»Also ich wollte sie malen ...«

Georg kam es vor, als ob er etwas ganz andres, das er sich unterweil im stillen vorgesagt und das von ihm selber und der Malkunst handelte, verschwiege.

»Als wir eines Tages«, sagte er, »am geöffneten Fenster saßen -- sie hatte einen Arm auf der Fensterbank und sprach zu mir ins Zimmer hinein und dann wieder zum Fenster hinaus --, hielt sie auf einmal inne und sagte: Da! indem sie den Kopf wandte, nach oben, so wie dort. Ich sah aber nur den Schatten des Schmetterlings auf der Fensterbank, ihn selber erst später, wie er im Garten herumschaukelte, ein weißes Stückchen. Ich weiß nun nicht, wie sehr ihr Wesen in dem gewesen sein muß, was sie grade sagte, so daß es dann plötzlich ganz in diese Bewegung hineinschlug, mit der sie sich unterbrach. Jedenfalls -- dies blieb aber hängen, nur wurde lange Zeit gar nichts daraus. Es kam der Sommer, der zweite, seit wir uns kannten. Judith verreiste, sie mußte eine erkrankte Schwester ihres Vaters nach der Riviera bringen. Ich war einige Wochen auf Sylt, aber lange vor ihr wieder in Berlin.«

Der Maler hatte ein paar neue Briefbogen hervorgenommen. »In jener Zeit«, sagte er, »bekam ich den Brief, den ich Ihnen vorlas, und unter andern auch den folgenden:

»Heute möchte ich einen Rat von Ihnen, lieber Freund. Das heißt, es wird wohl darauf hinauskommen, daß ich mir Rat schreibe, statt ihn zu bekommen. Ich habe einen Brief erhalten von einem Mann in Transvaal, der mich zur Frau haben will. Schon vor einem Jahr, als er fortging, fragte er an, ich habe aber um Bedenkzeit gebeten bis jetzt. Er schreibt nun, seine Aufgabe -- er ist Ingenieur -- sei beendet, er habe es in der Hand, nach Europa zurückzukehren oder einen Bau in einem andern Weltteil zu leiten, was er von mir abhängig macht. Was schreibe ich ihm?

»Nein, Sie können mir natürlich nicht helfen. O wie traurig das macht, nicht zu wissen, was gut für uns sein wird! Wissen Sie, was mein Leben bisher gewesen ist? Gut war es, reich, liebevoll und angefüllt mit tausend schönen Dingen. Klingt es nicht lächerlich, zu sagen, daß ich oft sehr unglücklich bin und darbe? Mein Leben ist wie ein blaues Wässerlein hingeflossen, wohin rinnt es? Muß es nicht irgendwo hinlaufen, all seine kleinen Schätze zusammenraffen und sagen: Da!? -- Niemals wird es das können. Ich habe ja nichts, ich habe alles ja nur für mich, es bleibt in mir und bringt weiter nichts hervor. Das bißchen Gutsein mit Uto (das bin ich) meinen Sie, das gilt? Nichts kann ich ordentlich. Ein bißchen zeichnen, ein bißchen malen, ein bißchen schreiben und ein bißchen Klavier spielen. Dafür weiß ich freilich entsetzlich viel, was hilft mir das? Ich bin doch eine Frau, und die will, was sie auch habe, immer nur drei Dinge, das Allereinfachste: einen Menschen liebhaben, für ihn sorgen -- da hab ich ja nun Uto -- und so viel Kinder haben, wie sie kriegen kann. Ich werde niemals Kinder haben können, weil ich als Mädchen einmal krank gewesen bin und operiert werden mußte. So hab ich denn mein Leben nur für mich allein. Mit keinem andern Leben kann ich es verbinden und weitergeben, ich kann hier nicht bleiben, wenn meine Zeit um ist, ich gehe ganz fort, wie ich allein gewesen bin. Nur die Erinnerung bleibt vielleicht eine Weile.

»Hier,« sagte der Maler, »legte ich damals den Brief fort. Ich hatte inzwischen das Bild dort angefangen und saß davor, als ich den Brief las, und an dieser Stelle fing ich wieder an zu malen, als ob irgend etwas mich antriebe, fertigzumachen. Ich arbeitete auch einige Tage, mußte aber wieder aufhören, weil ...«

Er unterbrach sich: »Ich will eben zu Ende lesen.«

»Nun, schreibt sie, bin ich also bei diesem Briefe aus Afrika angelangt. Mein Vater ist ja so reich, daß schon früher, so unglaublich es scheint, Leute gekommen sind, die mich mit in Kauf nehmen wollten. Als Juden waren sie aber patriarchalisch gesinnt, wollten also Erben haben, und wenn mein Vater ihnen in meinem Auftrage sagte, daß sie darauf bei mir nicht zu hoffen hätten, gingen sie wieder. Ich glaube auch, daß kein ordentlicher Mann, der eben nicht eine Frau über alles liebt, sie heiraten wird bei der Gewißheit, daß die Ehe kinderlos bleiben wird. Nur dieser Christ hier ist standhaft geblieben. Er ist ein guter, ernster, tüchtiger Mensch, er teilt auch meine Neigungen in seiner Art, wir würden uns gewiß vertragen.

»Denken Sie, mein guter Junge, das ist nun das erstemal, daß man mich vor einen Entschluß gestellt hat. Ja, und hier, wo es einmal aufs Leben ankommt, habe ich also nichts gelernt. Was werde ich ihm schreiben? Noch nie habe ich einem Menschen etwas geschrieben, das ihn traurig machen konnte. Es muß aber wohl sein ... Nun und so weiter.«

Der Maler faltete den Brief, steckte ihn ein und schwieg.

Überdem ward Georg inne, daß seine Gedanken, wie seine Augen, schon seit geraumer Zeit an Anna hafteten. Ob sie wohl ganz verstand, was der Maler gelesen hatte, ob sie es empfunden hatte? -- Er sah ihren am Boden stehenden linken Fuß im weißen Schuh und das sichtbare Stück des sanft gerundeten weißen Beins, wie es im hellen Schatten des Rockes verschwand, und er fröstelte leicht, auf einmal, da seine Augen höher gingen, im Unsichtbaren, denn er konnte sich keine rechte Vorstellung machen von dem Bein und seiner Bekleidung, nur daß dort alles süß und süßer und atembeklemmend wurde, empfand er. Abgleitend, verwirrt, sah er mit kälterem Schauder ihr liebliches Gesicht, gesenkt, Schatten der Lider unter den unsichtbaren Augen, den blassen, zarten Mund und das seltsam lebendige Haar, in dem ein Hauch, ein Gold und ein Wesen war, das Sehnsucht erregte, das es so anders machte als jedes andre Haar, als sein eignes vor allem, dergestalt daß es sinnlos schien, es mit ein und demselben Namen zu nennen. War nicht -- ja, war nicht seines nur gewachsen, um den Kopf zu bedecken, -- aber das ihre war Verlockung über und über. Seine Haut im Nacken krauste sich, es durchloderte ihn, sie an sich zu drücken, ganz und gar, ihren Leib zusammenzudrücken, alles zu wissen, alles ... Und sie? dachte er, dies abschüttelnd. Ach, was dachte sie, was dachte sie nun? Flog sie vielleicht -- nur scheinbar, nur mit ihrer Haltung lauschend -- über Meer und Inseln, Wolken zu, von Wolken beschattet, unbegreiflich hoch über der festen Erde? Dachte sie an ihn? fühlte sie ihn? --

Magda hob langsam die Lider, langsam das Gesicht, und plötzlich waren da ihre Augen, dunkel und fremd, auf ihn gerichtet -- und dann lächelte sie -- und wurde wieder ernst -- und jetzt -- jetzt errötete sie ganz langsam, aber immer tiefer ...

Georg hörte die Stimme des Malers, zwang sich fortzusehn und zu hören, erinnerte sich der Judith, sah einen fernen, unbestimmten Frauenkopf in einer Dämmrung, -- was hatte sie geschrieben? »... mich in Kauf nehmen wollten, so unglaublich es scheint ...« O, das war hart wie eine Stahlfeder! -- Der Maler sagte:

»Nun also das Ende. Ende September ... So, ich muß erst noch sagen, daß ich inzwischen ein Atelier in der Nähe von Judiths Wohnung bezogen hatte. Ende September also schrieb sie mir den Tag ihrer Ankunft aus München. Am Tage vor dem für ihr Kommen angesetzten wurde ich durch einen Boten zu ihr gerufen. Sie war schon da, war zwei Tage eher gekommen. Nun war ein Unglück geschehn, sie war überfahren worden, sie lag im Sterben.

»Wie das zugegangen war, klärte sich eigentümlich auf. Ein Augenzeuge des Unfalls war ein Bekannter des Hauses. Er hatte, besonders von weitem, eine gewisse Ähnlichkeit mit mir in Gang und Haltung. Judith war kurzsichtig. Nun hatte dieser Herr Judith an einer Straßenkreuzung auf dem jenseitigen Gehsteig herankommen sehn -- zwischen ihrer und meiner Wohnung. Er hatte gesehn, daß sie ihn bemerkte und ihm lebhaft zuwinkte, was ihn verwunderte -- es galt aber mir --, und sie war dann, ohne achtzugeben, über den Damm gelaufen und von einer Straßenbahn zu Boden geschleudert.

»Sie konnte noch ein paar Tage leben. Am Morgen des folgenden Tages kam sie zu Bewußtsein, sprach mit ihrem Vater, schickte ihn hinaus und blieb mit mir allein. Sie wußte, wie es mit ihr stand, und sprach ruhig davon. Ich habe Papa beauftragt, dafür zu sorgen, daß du nie wieder Mangel leidest, sagte sie. Es fiel uns nicht auf, daß sie mich du nannte. Dann kam ein Augenblick der Schwäche, wo sie die Hand über die Augen legte, etwas weinte und gestand, das Sterben sei so bitter. Nun sterbe ich aber doch durch eine gute Torheit, sagte sie, ich, die ich so viel nichtsnutzige Klugheiten konnte. Um deinetwillen bin ich auf einen fremden Menschen zugelaufen, aber wir laufen immer auf fremde Menschen zu, und dann liegen wir unter den Rädern. Sonderbar geht es zu im Leben ... Und sie fand es sehr gut, daß ich noch viel törichter gewesen sei und nicht gemerkt hatte, daß eine Frau einen Mann über alles lieben muß, für den sie das tut, was sie für mich getan hatte. Sie wußte alles, und alles --« Bogner lächelte fremdartig vor sich hin -- »alles konnte sie ausdrücken wie der al Manach. -- --

»Was sie sonst sagte, war nur für mich.